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       Kritik der bürgerlichen Wissenschaft
       Juli 1977, Nr. 1
       

DIE LINKEN KRITIKER

J. Huffschmid Mit Marx für einen besseren Kapitalismus H. Reichelt Marxaustreibung mit Niveau J. Bischoff Die Verwandlung des Marxismus in eine Methode. Ein Beitrag zur Rechtfertigung des Revisionismus Rote Zellen / Marxistische Gruppen Herausgeber, Verlag und Vertrieb: Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher Literatur, GmbH 8000 München 40 - Amalienstr.67, Redaktion: Resultate Kollektiv, verantwortlich Anselm Kreuzhage Druck: Decker/Noe, 852 Erlangen Die Reihe Kritik der bürgerlichen Wissenschaft analysiert die Fehler, durch die sich die professionellen Denker auf dem Ge biet der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nützlich machen. Damit steht sie im Gegensatz zur "kritischen Wissenschaft", die sich als alternative Form der Parteinahme für den Kapitalismus und seine soziale Staatsgewalt ihren Platz neben den konservati- ven Oden auf die ungemütliche Welt von Freiheit, und Gleichheit gesichert hat. Denn im Angriff auf F e h l e r mißachten wir das Dogma der neuzeitlichen Wissenschaftler, daß die Unterschei- dung von "richtig" und "falsch" ein Dogma und von übel sei. Und mit der Erklärung des I n t e r e s s e s, dem sich die theore- tischen Albernheiten verdanken, mißachten wir die diesem Dogma entsprechende Überzeugung, daß der Fortschritt der Wissenschaft dadurch zustandekommt, daß möglichst viele Leute aus ihren gegen- sätzlichen praktischen Interessen eine "Methode", einen "Ansatz" machen und eine muntere Diskussion über die Aspekte anzetteln, die sie an der Welt beachtet wissen möchten. Wir halten nichts von den Tugenden pluralistischer Verkehrsformen, durch die jeder jeden relativiert, wenn er ihn anerkennt, um seinem eigenen Mist Beachtung zu verschaffen, haben also ein ziemlich altmodisches "Verständnis" von Kritik. Da wir also mit unseren Argumenten auf Übereinkunft dringen und polemisch gegen entgegengesetzte Argumente und die ihnen zugrun- deliegenden Interessen auftreten, können wir auf Kritik und Zu- stimmung nur bei denen rechnen, die das Interesse an der Wahrheit theoretischer Äußerungen noch nicht verloren haben die es also leid sind, als "kritische" Politologen, Soziologen, Pädagogen, Psychologen, Linguisten, Literaturwissenschaftler und Marxisten an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuwirken. Inhaltsverzeichnis Mit Marx für einen besseren Kapitalismus - J. Huffschmid Marxaustreibung mit Niveau - H. Reichelt Die Soziologisierung des Marxismus - J. Bischoff J. HUFFSCHMID ------------- Mit Marx für einen besseren Kapitalismus ---------------------------------------- "Die ganze Theorie dieser Schule besteht in endlosen Unterschei- dungen zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Prinzipien und den Resultaten, zwischen der Idee und der Anwendung, zwischen dem Inhalt und der Form, zwischen dem Wesen und der Wirklichkeit, zwischen dem Recht und der Tatsache, zwischen der guten und der schlechten Seite." Karl Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4 S. 142 Mit Marx für einen besseren Kapitalismus ---------------------------------------- Die Leistung des Bremer Ökonomen J. Huffschmid ---------------------------------------------- Der marxistische Ökonom ----------------------- Der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb ist seit einiger Zeit um eine neue contradictio in adiecto bereichert: um den marxisti- schen Ökonomen. Ein bedeutender Vertreter dieser Spezies ist Jörg HUFFSCHMID. Als marxistischer Ökonom besteht seine Tätigkeit darin, sich von der Zunft der Ökonomen abzusetzen zu denen er ge- hört: ihm mißfällt die Art und Weise, in der die ökonomische Wis- senschaft ihren Gegenstand bisher behandelt hat. HUFFSCHMID kri- tisiert an der herrschenden Wirtschaftswissenschaft sie sei "gesellschaftlich interessengebunden", und belegt dies mit den praktischen Vorschlägen, die die Ökonomen der Bundesregierung in der Krise machen: weil sie "die private Investitionsneigung als Motor aller wirtschaftlichen Entwicklung akzeptieren" (1) haben ihre Vorschläge eine Wirkung, die HUFFSCHMID nicht paßt: sie benachteiligen die Arbeiter in der Krise. HUFFSCHMID gedenkt sich also nicht mit den theoretischen Aussagen der bürgerlichen Ökonomen auseinanderzusetzen oder gar ihre Feh- ler nachzuweisen. Ihm genügt es, die Einstellung seiner Gegner zu denunzieren: sie akzeptieren etwas, das ihm gar nicht gefällt; die Investitions n e i g u n g hat es ihnen angetan, während HUFFSCHMID von einem solchen Motor der wirtschaftlichen Entwick- lung nichts hält. Ob Neigungen tatsächlich die wirtschaftliche Entwicklung bestimmen, ist für diesen Kritischen Wissenschaftler nicht das Problem; die falsche Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise, in die sich das Interesse bürgerlicher Wissen- schaftler an dieser Stelle kleidet, lohnt für HUFFSCHMID nicht der Argumentation, wenn sich doch das Interesse auch ohne ge- naueres Hinsehen als das der Gegenseite ausmachen läßt. HUFF- SCHMID ist erhaben über alle Besserwisserei, er bescheidet sich mit der Einsicht, daß die Argumente seiner Gegner für s e i n e Zwecke unbrauchbar sind. Die "Investitionsgebundenheit" ihrer Traktate ist für ihn lediglich Anlaß, sein Interesse in die Form einer a l t e r n a t i v e n Volkswirtschaftslehre zu verwan- deln. Er setzt der Theorie, die dem Kapital nützt, eine andere gegenüber, die den Arbeitern nützen soll, und erhofft sich von dieser entsprechende praktische Wirkungen. Den Kapitalismus so darzustellen, daß er sich um der Lösung s e i n e r Probleme willen auf einen anderen Umgang vor allem mit den Arbeitern be- sinnen m u ß, erweist sich dabei als gar nicht so leichte Sa- che. Seine Bescheidenheit gebietet HUFFSCHMID auch, darauf hinzuwei- sen, daß er nicht der erste ist, der sich einerseits mit Ökonomie befaßt, andererseits Parteigänger der Arbeiterklasse sein will: sein doppeltes Anliegen entdeckt er an MARX und seiner Theorie, allerdings mit einigem Vorbehalt. Mit HUFFSCHMID's Berufung auf die Marxsche Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise geht eine Distanzierung von seiner Theorie einher, die - vorgetragen als Ergänzungsbedürftigkeit, als Hinweis auf Versäumnisse bei MARX - einige Zweifel daran aufkommen läßt, ob es HUFFSCHMID um dasselbe zu tun ist wie dem alten MARX. Dieser ist nämlich für den marxistischen Ökonomen nicht umstandslos brauchbar - gerade die für ihn vordringliche Aufgabe einer Theorie des Monopols hat MARX nicht gelöst, ja, es ist sogar zweifelhaft, ob seine Erklä- rung des Kapitalismus eine solche Theorie zuläßt: "Bei Marx findet sich keine ausformulierte Theorie der Monopole als wesentliche Faktoren und Produkte der kapitalistischen Ent- wicklung, was die Frage aufwirft, ob Monopole überhaupt auf der Basis der Marxschen Theorie erklärbar sind." (2) HUFFSCHMID sagt, was seiner Meinung nach Monopole s i n d, kon- statiert, daß MARX sie so n i c h t erklärt hat und bezweifelt deshalb gleich, daß sie überhaupt mit seiner Theorie erklärt wer- den können. Diese Bezweiflung ist das Mittel, mit dem HUFFSCHMID sich MARX für seine Zwecke zurechtmacht. Die Mängel seiner Theo- rie sind HUFFSCHMID nicht etwa Anlaß, sie dann als Grundlage der eigenen Tätigkeit fallenzulassen, er erhält sich MARX als Beru- fungsinstanz indem er ihn uminterpretiert. HUFFSCHMID untersucht die Marxsche Theorie kritisch daraufhin, ob sich m i t ihr nicht doch das erklären läßt was sie seinem Urteil nach nicht er- klärt: "In den folgenden Überlegungen werde ich zu zeigen versuchen, daß und wie der Begriff des Monopols in der Marxschen Analyse des Ka- pitalismus a n g e l e g t ist und sich aus ihr entwickeln läßt." (3) - es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich aus einer Theo- rie nicht etwas anderes mache ließe, als sie ist. Zu diesem Zwecke verwandelt HUFFSCHMID die im "Kapital" gelei- stete Erklärung des Kapitalismus in dessen Nichterklärung: "...es ist notwendig, über die Bestimmungen des allgemeinen We- sens des Kapitalismus hinaus - die von Marx im 'Kapital' weitge- hend (!) geleistet worden sind - eine konkrete historische Etap- penbestimmung wissenschaftlich zu erarbeiten auf der konkrete strategische und taktische Bestimmungen aufbauen können." (4) HUFFSCHMID's Berufung auf MARX erweist sich als handfeste Be- schimpfung: seine ganzes Leben lang hat dieser Typ im British Mu- seum gehockt und über den Kapitalismus nachgedacht und hat nicht mehr zuwege gebracht als eine auch noch unvollständige Ansammlung abstrakter Begriffe, mit denen sich für die Erklärung der Reali- tät nichts anfangen läßt. Und das allgemeine Wesen des Kapitalis- mus, das er da entdeckt hat, ist auch offensichtlich gar nicht das Wesen des K a p i t a l i s m u s, da es die Zwecke HUFF- SCHMID's nicht befriedigt: HUFFSCHMID will eine k o n k r e t e historische E t a p p e n bestimmung, die sich n i c h t aus der Erklärung des Kapitalismus ergibt. Um sich also MARX als Kronzeugen erhalten zu können, obwohl er die Theorie nicht lie- fert, die HUFFSCHMID braucht, verwandelt er die Marxsche Theorie in ein außerhalb der Realität erfundenes Gedankengebäude und ver- kündet die Absicht, dieses Gedankenkonstrukt weiterzuentwickeln. Und weil die Weiterentwicklung von Gedankenkonstrukten eben selbst wieder Gedankenkonstrukte produziert, betont HUFFSCHMID, daß s e i n e Weiterentwicklung der Marxschen Theorie auch keine Erklärung des Kapitalismus erbringen wird: "Dabei wird es sich in der Hauptsache um allgemeine Überlegungen handeln, die zum Zwecke (!) der wissenschaftlichen Erfassung kon- kreter historischer Realität noch nicht in ausreichendem Maße theoretisch ausgeleuchtet und differenziert sind. Sie sollen vielmehr die zentralen begrifflichen Schritte bestimmen, die von der Analyse des allgemeinen Wesens des Kapitals zur Untersuchung realer historischer Prozesse f ü h r e n." (5) HUFFSCHMID's Überlegungen s i n d also nicht die wissenschaft- liche Erfassung von Realität, sondern außerhalb ihrer angestellte Überlegungen darüber, wie man an diese so heranzugehen hätte, daß das herauskommt, was seinem vorgängig formulierten Interesse ent- spricht - und seine begrifflichen Schritte, die nicht die ge- dankliche Erfassung von Realität sind, "führen" deshalb auch nicht zu deren "Untersuchung", sondern stellen eine geeignetes Instrument dar, sich die Realität nach eigenem Geschmack zu- rechtzumachen. Das Interesse HUFFSCHMID's an der Marxschen Theo- rie erweist sich als Desinteresse an der Erklärung des Kapitalis- mus - ihm geht es allein darum, sein Interesse in dieser Theorie unterzubringen. Zugleich ist es HUFFSCHMID hervorragend gelungen zu demonstrieren, was ein moderner Marxist ist: es ist jemand, der sich ständig mit MARX beschäftigt, um aus seiner Theorie et- was anderes zu machen als sie ist, und der sich deshalb ständig weigert, den Inhalt der Marxschen Theorie zur Kenntnis zu nehmen, weil er viel zu sehr damit beschäftigt ist, sie zur Legitimation des eigenen Standpunktes weiterzuentwickeln, abzuwandeln und zu bereichern. HUFFSCHMID's Bereicherung des Marxismus um den eigenen Standpunkt soll den spezifischen Nutzen bringen den er an der bürgerlichen Ökonomie vermißt: sie soll Grundlage einer Strategie der Arbei- terklasse sein. (6) HUFFSCHMID's Urteil über MARX steht also fest: ohne seine Bereicherung ist die Theorie keine Grundlage ei- ner solchen Strategie, weshalb man seine Theorie so kaputtzuma- chen hat, daß sie zu der Grundlage wird, als die man sich auf sie bezieht. Wenn das der Zweck des ganzen Unternehmens ist, ist auch das Verfahren klar, mit dem es durchgeführt wird es besteht in der Kunst, den Inhalt der Marxschen Theorie so abzuschreiben, daß aus jeder Aussage das wird, was man selbst gern hätte, daß sie es sei. HUFFSCHMID's allgemeine Begriffe, die er vor seinen geneig- ten Lesern ausbreitet, sind für seinen Nutzen geschickt zurecht- gemachte Wiedergaben dessen, was bereits im "Kapital" steht - und damit das Gegenteil vom "Kapital". Lob der Arbeit -------------- Wie jedermann weiß, hat MARX seine Darstellung der kapitalisti- schen Produktionsweise mit der Analyse der Ware angefangen. Ob- wohl angenommen werden kann, daß dies etwas mit dem G e g e n s t a n d zu tun hat, den er dort untersucht, halten heutige Marxisten dies Vorgehen offensichtlich für den Nachweis marxistischen Wissenschaftlertums, weshalb sie es sich nicht ent- gehen lassen, bei jedem Gegenstand, sei es der Staat, die Krise oder die Frauenfrage, bei der Ware anzufangen. So auch HUFF- SCHMID, - um die Krise zu untersuchen, fingt er erstmal mit der Ware an, wobei es ihm gleich gelingt, die Marxsche Analyse so zu- zurichten, wie er sie braucht. Nach HUFFSCHMID zeichnen sich "kapitalistische Verkehrsverhält- nisse" dadurch aus, daß in ihnen "gesellschaftliche Reproduktion dadurch geschieht, daß Warenbe- sitzer auf dem Markt miteinander in Kontakt treten und ihre mate- rielle Versorgung durch Tausch regeln." (7) Es ist ebenfalls weit verbreitete Weisheit, daß die Marxsche Un- tersuchung der kapitalistischen Produktionsweise und damit auch der Ware eine Kritik dieser Produktionsweise ist. Man kann HUFF- SCHMID deshalb die Bewunderung nicht versagen für seine Leistung, aus der Marxschen Kritik der Warenproduktion ihr L o b zu ma- chen. Auch HUFFSCHMID dürfte schon aufgefallen sein, daß die Pro- duzenten nicht tauschen, weil ihnen dies soviel Spaß macht, son- dern weil sie sich anders nicht reproduzieren können, und daß die Warenbesitzer im Tausch nicht ihre materielle Reproduktion "regeln", sie sich im Gegenteil den Gesetzen des Marktes unter- werfen müssen, wenn sie ihre Reproduktion sichern wollen. Dies hindert HUFFSCHMID nicht, an dieser Form der "Regelung" gut zu finden, d a ß sie eine Regelung ist und mit ihr d i e ma- terielle Versorgung stattfindet. So verwandelt er die Gesell- schaftsform, in der jedem Gesellschaftsmitglied die Befriedigung der Bedürfnisse der anderen nur Mittel für das eigene Bedürfnis ist, in die friedliche Versorgung aller mit dem, was sie brau- chen, und vergißt auch nicht hinzuzufügen, wie dieses System nur funktionieren kann: "Austausch muß aber (!) prinzipiell Austausch von Gleichwertigem sein, wenn er ... regulierendes Prinzip der gesellschaftlichen Reproduktion sein soll." (8) Besteht die Marxsche K r i t i k an der Warenproduktion gerade darin, daß in ihr nur das als gesellschaftlicher Reichtum gilt, was sich als Wert realisieren kann, die Produzenten also über Gleich w e r t i g e s verfügen müssen, um es gegen das eintau- schen zu können, was i h r e Bedürfnisse befriedigt, so verwan- delt HUFFSCHMID diese Tatsache abermals in ein Lob: die Gleich- wertigkeit sichert, daß der A u s t a u s c h klappt. Ob dabei die L e u t e zu dem kommen, was sie brauchen, ist ohnehin egal: Hauptsache, die g e s e l l s c h a f t l i c h e Repro- duktion funktioniert. Für die Tatsache, daß diese Gleichwertigkeit auch gewährleistet ist, weiß HUFFSCHMID auch einen Grund: "Der Austausch verweist insofern auf eine allen Waren zugrunde- liegende, sie vergleichbar und damit auch in ihrer Gleichwertig- keit meßbar machende Substanz den Wert ... Die gemeinsame Sub- stanz aller Waren ist die menschliche Arbeit, der Maßstab des Wertes ist die ... durchschnittlich für die Herstellung einer Ware benötigte gesellschaftliche Arbeitszeit." (9) Nun ist es keine Besonderheit der kapitalistischen Produktions- weise, daß alles, was der Mensch so braucht, durch Arbeit herge- stellt werden muß. Eben deshalb ist diese Feststellung ja auch keine Erklärung dafür, w a r u m die Produzenten ihre Produkte als Waren tauschen. HUFFSCHMID macht deutlich, daß er eine Erklä- rung dieser Tatsachen auch nicht zu geben gedenkt; da ihn das Funktionieren des Austauschs interessiert, freut er sich darüber, daß die Arbeit zu diesem Funktionieren beiträgt, weil sie die nützliche Eigenschaft aufweist, in Zeit meßbar zu sein und so die Produkte als Werte vergleichbar zu machen. Damit hat HUFFSCHMID wieder die Marxsche Kritik am Kapitalismus in dessen Lob verwandelt: angesichts einer Gesellschaft, die die menschliche Arbeit nicht wegen ihrer Eigenschaft interessiert, Produkte herzustellen, die die Bedürfnisse der Leute befriedigen, sondern ausschließlich wegen ihrer Eigenschaft, Wert zu produzie- ren, und die deshalb ihre eigene produktive Tätigkeit denen, die produzieren, als Abstraktion von ihren Bedürfnissen aufzwingt, fällt HUFFSCHMID ein, die Arbeit gerade dafür zu feiern, d a ß sie Wert produziert, weil sie dadurch die gesellschaftliche Re- produktion sicherstellt (wie sie dies tut, davon legen die, die sie verrichten müssen, ja beredtes Zeugnis ab). Soviel ließ sich den bisherigen Ausführungen HUFFSCHMID's schon entnehmen: offensichtlich findet er "gesellschaftliche Reproduk- tion" gut und deshalb auch die Arbeit, weil sie die Grundlage da- für ist. Allerdings ist das merkwürdige Phänomen festzustellen, daß HUFFSCHMID in seiner bisherigen Darstellung des Kapitalismus bisher über ihn nur Positives zu berichten wußte, obwohl doch sein erklärtes Ziel ist, ihn zu kritisieren. Für dieses Phänomen gibt es zwei mögliche Erklärungen entweder waren die bisher ent- wickelten Bestimmungen des Kapitalismus noch gar keine des K a p i t a l i s m u s - oder zu der beschriebenen p o s i t i v e n Seite des Kapitalismus kommt noch eine n e g a t i v e hinzu; womit dann allerdings nicht der Kapita- lismus kritikabel wäre, sondern eben nur eine Seite an ihm. Die Leistung von HUFFSCHMID's Theorie ist es, beide Erklärungen auf sich zu vereinen. Was er am K a p i t a l i s m u s gut findet, ist die Tatsache, daß in ihm gesellschaftliche Reproduktion mit- tels Arbeit stattfindet - also gerade das, was den Kapitalismus von anderen Gesellschaften n i c h t unterscheidet. Die Art und Weise seiner Kritik am Kapitalismus besteht folgerichtig darin, daß er von der Marxschen Kritik der F o r m, in der sich die Leute mittels Arbeit reproduzieren, abstrahiert, um der Tatsache dieser Reproduktion die Wirkungen, die diese F o r m der Repro- duktion auf die R e p r o d u k t i o n hat, als ihre negative Seite entgegenzuhalten. Zu der positiven Seite des Kapitalismus, daß er eine G e s e l l s c h a f t ist, kommt das Kapitalisti- sche an dieser Gesellschaft als negative Seite hinzu. So voll- bringt HUFFSCHMID die Leistung, den Kapitalismus deshalb gut zu finden, weil er eine Gesellschaft ist und sich g l e i c h- z e i t i g daran zu stören, daß er als Gesellschaft kapitali- stisch ist. Wie HUFFSCHMID dies bewerkstelligt, ist einer anderen seiner Schriften zum gleichen Thema zu entnehmen. Hier wiederholt er zunächst sein Lob der Tatsache, daß die Arbeit Substanz des Wer- tes ist und damit sichergestellt ist, daß "die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit nach den gesell- schaftlichen Bedürfnissen geregelt und die Aufrechterhaltung und Entwicklung d e r materiellen Produktion gewährleistet" (10) ist (man denke, ohne den Wert würde die gesellschaftliche Repro- duktion zusammenbrechen!), stellt diesem Lob aber zugleich den Mangel solcher Regulierung gegenüber: "gerade... die Regulierung der gesellschaftlichen Reproduktion durch das Wertgesetz bewirkt (!), daß gesellschaftliche Reproduk- tion von ihren Agenten nicht als gesellschaftlich geplant, s o n d e r n als Privatproduktion betrieben wird." (11) HUFFSCHMID hat es geschafft, die Marxsche Erklärung der Warenpro- duktion umzudrehen: die Einsicht, daß P r i v a t produktion die g e s e l l s c h a f t l i c h e Form der Produktion ist, in der die Produkte menschlicher Arbeit Warenform annehmen, Wert sind, verwandelt er in die Tautologie, daß das Wertgesetz die Form der gesellschaftlichen Produktion b e w i r k t, die seine eigene Grundlage ist. Damit hat HUFFSCHMID die von ihm bisher vernachlässigte Form der Produktion so in seine Analyse einge- führt, daß sie im Gegensatz zu ihrem eigenen Inhalt steht: galt ihm bisher das Wertgesetz als eine Art und Weise, d i e Produktion zu regeln, so mißfällt ihm nun, daß diese Regelung in der Form der Privatproduktion, also in seiner eigenen, stattfin- det. Dieser Gegensatz von "Form" und "Inhalt" kapitalistischer Produktion leistet HUFFSCHMID fürderhin bei der Unterscheidung von guten und schlechten Seiten des Kapitalismus gute Dienste und beweist nebenher, daß unser Motto, zurecht gewählt wurde: mit der Abstraktion der gesellschaftlichen Reproduktion, die durch Arbeit zustandegebracht wird und den eigentlichen Inhalt des Kapitalis- mus ausmacht, i n ihm aber "in verkehrter Form" stattfindet, gelingt es HUFFSCHMID, den Kapitalismus als das ständige Nicht- funktionieren dessen zu kritisieren, was er selbst eigentlich ist. Das Lob der A r b e i t, weil sie die G e s e l l- s c h a f t erhält ist das Mittel mit dem sich HUFFSCHMID in seiner Theorie auf den Standpunkt derjenigen stellt, die, weil sie arbeiten, die positive Seite des Kapitalismus verkörpern - und die Kritik HUFFSCHMID's am Kapitalismus besteht in dem Nachweis, daß er deshalb so schlecht funktioniert, weil er denjenigen schadet, die arbeiten. So gestaltet sich seine weitere Untersuchung des Kapitalismus recht einfach: sie besteht in der ständigen Wiederholung des Arguments, daß der Kapitalismus des- halb ständig schlechter funktioniert, weil er immer mehr Leuten schadet; in dem Postulat, daß er ihnen doch nützen solle und dem Nachweis, daß dies auch möglich ist. Der Profit und seine Folgen --------------------------- Dafür, daß die Privatproduktion ihre negativen Auswirkungen auf die gesellschaftliche Reproduktion ausüben kann, fehlen in der bisherigen Analyse HUFFSCHMID's die Voraussetzungen. Diese kommen mit dem Geld in die Welt. An dessen Existenz ist allerdings zunächst nichts Kritikables: "Die Existenz des Geldes ist n o t w e n d i g, wenn der Aus- tausch als universelles Reproduktionsmedium fungieren soll" (12) - und da, wie wir bereits wissen, HUFFSCHMID gegen diese Form der Reproduktion nichts einzuwenden hat, stört es ihn auch nicht, daß sich die Reproduktion der Leute an der Quantität Geld bemißt, das sie haben - wenn der Austausch nur universell funktioniert. HUFF- SCHMID reproduziert mit der Erklärung des Geldes aus dem, wozu es da ist, allerdings nicht bloß den Fehler der bürgerlichen Ökono- mie, das Geld dadurch zu erklären, daß man dessen Brauchbarkeit feiert. Er erweist sich als würdiger Gegner solcher ökonomischen Wissenschaft, indem er ihre Fehler für einen anderen Zweck macht: für ihn ist der Verweis auf den Nutzen des Geldes das Mittel, zu seiner Kritik am Kapitalismus zu gelangen. Deshalb hält HUFF- SCHMID der positiven Tatsache, d a ß das Geld die Reproduktion "regelt", gleich die negative Art und Weise gegenüber, w i e es das tut: Das Geld "zerlegt den Akt des unmittelbaren Tauschs ... in die beiden Akte des Gelderwerbs und der Geldverausgabung, die nicht mehr unmit- telbar miteinander in Zusammenhang stehen." (13) Ungeachtet der Tatsache, daß Warenproduktion die Form der Produk- tion ist, in der n i c h t unmittelbar getauscht wird, das Geld also auch nichts "zerlegt", macht HUFFSCHMID aus der Marxschen Analyse von Ware und Geld eine (falsche) Darstellung des Unter- schiedes von Produktenaustausch und Warenproduktion. So verwan- delt er die Warenproduktion mittels Geld und die Erklärung des Geldes aus der Ware in die Benennung seiner Nützlichkeit für den Austausch. Er eröffnet sich so die Entdeckung, daß Geld auch zu etwas anderem verwendet wird als zu dem Zweck, den ihm HUFFSCHMID unterschoben hat: "Maximale Bedürfnisbefriedigung ist also durch ein Maximum an Geld ... zu erreichen das Streben (!) der Individuen richtet sich also primär (!) auf Maximierung des Gelderwerbs." (14) HUFFSCHMID spricht aus, daß, was die Leute mit dem Geld tun, mit den Eigenschaften des Geldes nichts zu tun hat. So gelingt es ihm, an der Nützlichkeit des Geldes festzuhalten und den Schaden in den Umgang der Leute mit ihm zu legen (wobei ihm anläßlich der Auflösung des ökonomischen Handelns in Psychologie - "Streben" - gleich noch einfällt, daß die Leute ja eigentlich andere Sachen wollen als Geld ...). Besteht der Nutzen des Geldes darin, daß es für einen funktionie- renden Austausch notwendig ist, so bestehen seine negativen Wir- kungen darin, daß es den Leuten, die mit dem Geld umgehen, nicht um den Austausch geht, sondern um sich. HUFFSCHMID macht aus der Marxschen Darstellung des Zusammenhangs von Ware und Geld einen V e r g l e i c h zwischen den nützlichen Funktionen des Geldes für den Austausch und seinen schädlichen Wirkungen, die Resultat des Umgangs der Leute mit ihm sind: der schöne Markt kommt da- durch in Unordnung, daß die Leute mit dem Geld etwas anderes ma- chen als sie sollten. Ihr Egoismus führt dazu, daß sie sich ein- fach darüber hinwegsetzen, daß der Austausch doch die Reproduk- tion der Gesellschaft gewährleisten soll - jeder denkt nur noch an den eigenen Vorteil: "Die Handlungen der agierenden Charaktermasken beruhen auf Vor- stellungen (!), die sich nicht an der optimalen Bedürfnisbefrie- digung orientieren, sondern an der optimalen Behauptung und Ex- pansion der eigenen Position." (15) Am Geld entdeckt HUFFSCHMID also plötzlich das Prinzip, nach dem die Leute im Kapitalismus miteinander verkehren, die Konkurrenz. Wie wir bereits bei seiner Untersuchung des Austauschs feststel- len konnten, hat er allerdings nichts dagegen, daß die Leute ge- geneinander vorgehen, um sich zu reproduzieren, daß also der Nut- zen des einen den des anderen ausschließt. HUFFSCHMID mißfällt das Resultat dieses Prinzips, daß er mit dem Geld gegeben sieht: daß nämlich manche Konkurrenten sich gegenüber anderen im Aus- tausch Vorteile verschaffen können. Er konstruiert deshalb einen Gegensatz zwischen optimaler Bedürfnisbefriedigung und optimaler Expansion der eigenen Position - leugnet also schlankweg, daß es den Leuten in der Konkurrenz um ihre Bedürfnisse geht, und be- hauptet, ihnen ginge es bloß noch darum, gegenüber anderen Vor- teile zu erringen. Daß jeder in der Konkurrenz an seinen Vorteil denkt, hat folgerichtig auch nicht seinen Grund darin, daß er da- mit seine Bedürfnisse befriedigen will, sondern ist Resultat falscher Vorstellungen: HUFFSCHMID macht aus der Tatsache, daß die optimale Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen im Kapitalismus im Widerspruch zur optimalen Bedürfnisbefriedigung aller steht, ein Produkt falschen Denkens der Leute, dem dann die idealisti- sche Forderung entgegengehalten werden kann, doch lieber - bei Beibehaltung der Warenproduktion! - daran zu denken, daß sich doch alle reproduzieren müssen: wo es um Gerechtigkeit geht, geht es um Moral. HUFFSCHMID's Lob der Gerechtigkeit, die darin besteht, daß alle in gleicher Weise soviel gelten, wie sie über Wert verfügen, ent- spricht der Kritik der Ungerechtigkeit, die darin besteht, daß manche dieser gleichen Subjekte über mehr verfügen als andere. Und diese Ungerechtigkeit hat für die gesellschaftliche Reproduk- tion unangenehme Folgen - die Produzenten wollen nur noch produ- zieren, wenn für sie aus der Produktion mehr herausspringt, als sie vorher hatten: "Ein Warenproduzent, der für seine Waren auf dem Markt einen be- stimmten Geldbetrag erzielt, wird daher dieses Geld ... nur dann wieder zu erneuter Produktion verausgaben, wenn er aus dieser Produktion mehr erlösen kann, als er an Geld und Arbeitskraft hineingesteckt hat, wenn er einen P r o f i t auf das veraus- lagte Geld erhält." (16) Der Egoismus, der mit dem Geld in die Welt kommt, stört also die durch den Austausch so gerecht geregelte gesellschaftliche Repro- duktion. HUFFSCHMID's Kritik am Profit besteht darin, daß er sein Ideal einer Konkurrenz ohne Benachteiligte verletzt, deshalb kon- struiert er einen Widerspruch von Äquivalentenprinzip und Profit- prinzip: "Kapitalismus als Marktwirtschaft muß einerseits dem Prinzip des Äquivalentenaustauschs, andererseits dem Profitprinzip gehor- chen." (17) HUFFSCHMID ist rührend um das Dilemma des Kapitalismus, das er ihm unterstellt, besorgt: wie kann bloß die gesellschaftliche Reproduktion in dieser Ge- sellschaft funktionieren, ist seine Frage, wenn es doch aufgrund des Profitprinzips auf dem Markt nicht mehr gerecht zugeht. HUFF- SCHMID erklärt den Profit aus der V e r l e t z u n g des Aus- tauschs und macht so aus der Tatsache, daß die Gleichheit der Leute als W e r t besitzer gerade ihre Verschiedenheit, ihren Gegensatz einschließt, einen Widerspruch zwischen ihrer Gleich- heit als Wertbesitzer und deren Folgen: der Profit steht dem Aus- tausch entgegen, anstatt in ihm seine Grundlage zu haben. So vollbringt HUFFSCHMID die Leistung, den Übergang vom Geld zum Kapital in einen gekonnten Trick zu verwandeln, mit dem das Kapi- tal sein Dilemma löst und beiden Erfordernissen - dem gerechten Austausch und der Profitproduktion - Genüge getan ist. Da es die Arbeit ist, die Wert produziert, löst sich das Dilemma dadurch, daß der, der mehr haben will als der andere, diesen eben für sich arbeiten läßt: "Die Arbeitskraft als Träger (!) der lebendigen Arbeit wird vom Kapitalisten zu ihrem Wert gekauft - das Prinzip der Gleichwer- tigkeit aller getauschten Güter ist also gewahrt (!); sie schafft dann durch ihre Verausgabung im Dienste des Kapitalisten einen Neuwert, der größer ist als der ... zur Erhaltung des Arbeiters notwendige (!) Wert...; dieser Neuwert wird - wiederum unter Ein- haltung des Prinzips der Gleichwertigkeit - verkauft und erbringt einen Geldbetrag, der größer ist als der vorgeschossene." (18) Die Kunstfertigkeit, mit der es HUFFSCHMID abermals gelingt, MARX in sein Gegenteil zu verwandeln, sollte nicht mehr überraschen. Die Ausbeutung des Arbeiters ist laut HUFFSCHMID nicht die Grund- lage entwickelter Warenproduktion (19), sondern Resultat eines mit dieser entstehenden Dilemmas der Gesellschaft; und so gilt ihm der Markt nicht als V o r a u s s e t z u n g der Ausbeu- tung, sondern der vom Markt geforderte Äquivalententausch stellt eine Schwierigkeit dar, die vom am Profit interessierten erst überwunden werden muß, damit er sein Ziel erreichen kann. Der Kauf der Arbeitskraft durch den Kapitalisten löst die Probleme, die das Äquivalenzprinzip für den Profit mit sich bringt, da- durch, daß der Arbeiter mehr Wert produziert, als n o t w e n- d i g ist, um ihn selbst als Arbeiter zu erhalten: "Der Profitaneignung als Marktprozeß liegt also die Produktion von Mehrwert zugrunde, deren Quelle wie die Quelle allen Wertes überhaupt die menschliche Arbeit ist." (20) HUFFSCHMID stellt fest, daß die Bezahlung der Arbeitskraft zu ih- rem Wert die Grundlage der vom Kapital angeeigneten M e h r arbeit ist. Da es ihm aber um die Gerechtigkeit des Äqui- valententauschs zu tun ist, findet er an der "furchtbaren Reali- tät" (21) der W a r e Arbeit nichts zu kritisieren: also an der Tatsache, daß der Arbeiter als blosser Träger von Arbeitskraft interessiert, weil der Zweck, dem seine Arbeit zugeführt wird, Profitproduktion ist; und deshalb auch das von HUFFSCHMID so hoch geschätzte Prinzip der Gleichwertigkeit seine Reproduktion auf das beschränkt, was gerade notwendig ist, um diese Arbeitskraft (sofern sie gebraucht wird) zu reproduzieren. Diese Identität von Armut des Arbeiters und Verwertung des Kapitals ist HUFFSCHMID's Sorge nicht: er stört sich an der Aneignung des vom Arbeiter pro- duzierten z u s ä t z l i c h e n Werts: "Das Prinzip der Geldvermehrung (!) in der Marktwirtschaft beruht also auf dem Klasseneigentum von Produktionsmitteln, der Produk- tion von immer neuen Zusatzwerten (!) durch die Arbeiter und der Aneignung dieser Zusatzwerte durch die Produktionsmittelbesit- zer." und darin besteht nach HUFFSCHMID "die Ausbeutung der Arbeiter durch das Kapital." (22) An der Tatsache, daß das Kapital den Arbeiter als sein Mittel an- wendet, ist ihm allein kritikabel, daß sich die einen immer das von den Arbeitern z u s ä t z l i c h produzierte a n e i g- n e n können. Das Resultat dieser Produktion ist das Kritikable am Kapitalismus: Hatte MARX erklärt, daß die Arbeiter deshalb nur das Notwendigste zum Leben haben, w e i l sie den Profit produ- zieren, so macht HUFFSCHMID daraus, daß sie, o b w o h l sie doch alles produzieren, nur einen Teil abkriegen. Dies "obwohl" ist die Art und Weise, in der HUFFSCHMID dem Guten am Kapitalis- mus das Schlechte entgegenhält und so abermals seine Geistesver- wandtschaft mit dem Herrn erweist, den MARX im "Elend der Philo- sophie" kritisiert. (23) HUFFSCHMID hat sein Ziel erreicht, den Inhalt der gesellschaftli- chen Reproduktion zu loben und ihre Form zu kritisieren: seine Kritik am Kapital ist das L o b d e r A r b e i t, die das Kapital produziert, und die Verurteilung der privaten Aneignung der Ergebnisse dieser Produktion durch die Eigentümer der Produk- tionsmittel. Dies einerseits - andererseits setzt HUFFSCHMID bei der Betrach- tung der kapitalistischen Produktion konsequent fort. An den Me- thoden, die das Kapital zur Produktion von Mehrwert entwickelt, findet HUFFSCHMID begrüßenswert, daß sie "zum mächtigsten Hebel der Entwicklung der menschlichen Produk- tivkräfte überhaupt geworden" (24) sind. Ist die Arbeit etwas Gutes, so ist auch ihre Produktiv- kraftsteigerung Grund zur Freude; HUFFSCHMID bemängelt an dieser Tatsache dann auch nur, daß von ihr "in erster Linie (!) die herrschende Klasse profitiert." (25) Der Leser mag sich wundern, wie denn die Arbeiter - in zweiter Linie - von der Tatsache ihrer eigenen Ausbeutung profitieren sollen. Das Geheimnis ist schnell gelüftet: HUFFSCHMID ist einge- fallen, daß die Arbeiter zu ihrer Reproduktion inzwischen Autos und Kühlschränke brauchen, und da er an der Tatsache, daß sie sich als Mittel für das Kapital reproduzieren, ohnehin nichts auszusetzen hat, gilt ihm solch verbesserter Konsum als i h r N u t z e n. Für HUFFSCHMID ist der geringe Nutzen, den die Arbeiter aus ihrer Arbeit ziehen, also nicht notwendige Konsequenz des Kaufs der Ware Arbeitskraft, sondern Resultat der ungerechten Verteilung des von ihnen produzierten Werts. Aber daß die Kapitalisten immer einen Vorteil gegenüber den Arbeitern haben, weswegen es auch (man merke die Tautologie) den Arbeitern immer so schlecht geht, ist ihm gerade wegen seines Gerechtigkeitsideals ein Dorn im Auge. Und so bleibt HUFFSCHMID bei der bloßen Konstatierung der Ungerechtigkeit nicht stehen: er weist nach, daß der auf Kosten der Arbeiter erzielte Vorteil des Kapitals auch für das Kapital selbst einen Haken hat. Denn weil der Nutzen der Arbeit so un- gleich verteilt ist, kommt auch die gesellschaftliche Reproduk- tion in Unordnung, die bisher durch das Wertgesetz so vorteilhaft geregelt schien: "In der kapitalistischen Gesellschaft wird die Regulierung des Reproduktionsprozesses durch das Wertgesetz dadurch verkompli- ziert (!), daß die Waren nicht als Produkte menschlicher Arbeit, sondern als Produkte von Kapitalen... ausgetauscht werden." (26) HUFFSCHMID konstruiert einen Gegensatz zwischen dem Wertgesetz und der Art und Weise, wie es d i e gesellschaftliche Reproduk- tion in der Gesellschaft, dessen ökonomisches Gesetz es ist, re- guliert und setzt so sein Verfahren fort, das Funktionieren des Kapitalismus als Nichtfunktionieren der gesellschaftlichen Repro- duktion zu kritisieren. Und damit wird auch deutlich, worin seine Parteinahme für den Nutzen der Arbeiter besteht: ihr Nutzen ist deshalb zu gewährleisten, weil dann das Funktionieren der gesell- schaftlichen Reproduktion gesichert ist. Solange die Arbeit als Maßstab des Warenwerts diente und so beim Austausch für Gerech- tigkeit gesorgt war, war dies Funktionieren gewährleistet; aber das Profitprinzip, das die Benachteiligung der Arbeiter bewirkt, bringt Unordnung in diesen Zusammenhang. Nicht auf gerechten und funktionierenden Austausch kommt es den Kapitalen an, s o n d e r n auf ihre Verwertung: mit solcher Kritik am Kapital verkommt der Nutzen der Arbeiter diesem Arbeiterfreund zum Mit- tel, die gesellschaftliche Reproduktion am Laufen zu halten. (27) HUFFSCHMID's Kritik am Kapital ist also moralisch: rücksichtslos drängt es nach Profit und denkt nicht daran, daß es doch die Ge- sellschaft ist, die hier produziert: "Die grundsätzliche Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Ak- kumulation besteht im Kapitalcharakter (!) der gesellschaftlichen Reproduktion, d.h. darin, daß Produktion und Reproduktion, die gesellschaftlich b e t r i e b e n werden, dem Verwertungszwang des einzelnen Kapitals unterworfen, daß ihr Ergebnis privat ange- eignet wird." (28) Mit der Tautologie, daß der Widerspruch der kapitalistischen Pro- duktion darin besteht, daß sie kapitalistisch betrieben wird, re- produziert HUFFSCHMID seine Trennung von Form und Inhalt der ka- pitalistischen Produktionsweise und macht aus dieser Trennung den Widerspruch des Kapitalismus: das Kapitalistische an der gesell- schaftlichen Reproduktion besteht darin, wie die Ergebnisse der Produktion angeeignet werden. Indem HUFFSCHMID die Produktion g e s e l l s c h a f t l i c h nennt und ihr die Aneignung ent- gegenhält, abstrahiert er davon, daß es das K a p i t a l ist, das hier produziert, und kommt so zu einem Widerspruch zwischen der Art und Weise, wie das Kapital produziert und wie es über seine eigenen Produkte verfügt (29). Seine Kritik am Kapital ist, daß es, obwohl es doch zusammenhängt, seinen Zusammenhang nicht bewußt herstellt, sondern eben als Kapital: "Die vielen verschiedenen (!) Einzelkapitale werden nicht in planvoll arbeitsteiliger Koordination eingesetzt (!), sondern produzieren isoliert und unabhängig voneinander und konkurrieren auf dem Markt um den Absatz der produzierten Waren." (30) Das Ideal, an dem HUFFSCHMID den bestehenden Kapitalismus mißt, ist aus dieser seltsamen Kritik unschwer erkennbar: offensicht- lich wünscht er sich einen Kapitalismus ohne Konkurrenz, in dem die Einzelkapitale sich nicht als Kapital verhalten, sondern sich zum Wohle des Ganzen "koordinieren" lassen - wir werden später sehen, von wem. Das Gegeneinander der Wirtschaftssubjekte, das ihm bei der Betrachtung des Warentauschs noch als Form der Rege- lung der Reproduktion Anerkennung abverlangte, gefällt ihm beim Kapital wegen seiner schädlichen Folgen nicht. Denn weil jedes Kapital nur an sich denkt, bringt es Störungen in die gesell- schaftliche Reproduktion - Störungen, die zu vermeiden wären, wenn die Kapitale auf ihren Vorteil verzichten und sich dem In- teresse aller an einer störungsfreien Gesellschaft unterordnen würden. Es ist nämlich ihre eigene Rücksichtslosigkeit, die sie ins Verderben führt: weil jedes Kapital ständig seine Produktion ausdehnen will, stößt es an die Schranke der verfügbaren Arbeits- kraft: "Die Verwertung ständig wachsender und akkumulierter Werte... verlangt eine ständige Ausdehnung des neu zu produzienden Mehr- werts dessen Ausdehnbarheit auf der anderen Seite durch die be- grenzte Verfügbarkeit (!) von mehrwertschaffenden Arbeitskräf- ten... sowie durch die begrenzte... Ausbeutbarkeit verfügbarer Arbeitskräfte beschränkt ist." (31) Auch hier wieder produziert HUFFSCHMID durch täuschend ähnliche Paraphrasierung von MARX das Gegenteil seiner Erklärung. Aus der Tatsache, daß der Lohn für die Arbeit, mittels derer sich das Ka- pital verwertet, für das Kapital Kosten darstellt, es daher ver- sucht, aus möglichst wenig Arbeitern möglichst viel Arbeit rauszuholen, macht HUFFSCHMID das Problem der Verfügbarkeit von A r b e i t s k r ä f t e n. Daß es zu wenig Arbeiter gibt, ist allerdings nie die Sorge des Kapitals, sondern daß deren Arbeit im Verhältnis zum Gewinn dem Kapital zu teuer wird - und ihre be- grenzte Ausbeutbarkeit besteht für das Kapital infolgedessen auch nur darin, daß mit der gesteigerten Ausbeutung der Arbeitskraft auch die Kosten steigen, die das Kapital aufbringen muß, um sich die Arbeiter zu erhalten. Und es ist kein Geheimnis, daß das Ka- pital diesen Widerspruch auf dem Rücken der Arbeiter austrägt: Mit der Einsparung von Arbeitskräften produziert es sich selbst die überschüssige Arbeiterbevölkerung, mit der die gestiegenen Löhne wieder auf das für das Kapital brauchbare Maß gedrückt wer- den. HUFFSCHMID aber will nachweisen, daß die Art und Weise, in der das Kapital die Arbeit als sein Mittel benutzt, dem Kapital selbst schadet - und so vergißt er vor lauter Sorge um das Funk- tionieren der gesellschaftlichen Reproduktion den Nutzen der Ar- beiter ganz. Seine Kritik gilt nicht der Tatsache, daß die Aus- beutung der Arbeiter dem Kapital nur deshalb zur Schranke wird, weil sie ihm Kosten verursacht, sondern den Folgen dieser Tatsa- che für das Funktionieren der gesellschaftlichen Reproduktion. Die Maßlosigkeit der Ausbeutung der Arbeiter produziert die Krise - und um diesen Widerspruch des Kapitals ist es HUFFSCHMID nicht etwa deshalb zu tun, weil das Kapital ihn auf Kosten der Arbeiter löst, sondern weil dadurch die gesellschaftliche Reproduktion durcheinandergebracht wird. Die Profitproduktion fuhrt zur Krise und liefert HUFFSCHMID den Beweis für seinen Widerspruch des Ka- pitalismus: die Rücksichtslosigkeit des Kapitals führt zum Nicht- funktionieren der gesellschaftlichen Reproduktion, und die Lösung d i e s e s Widerspruchs ist nicht das Austragen des Klassenge- gensatzes durch die Arbeiter, sondern der Verzicht des Kapitals, sich gegen sie durchzusetzen. Von der Krise zum Monopol ------------------------- Daß die Krise ihren Grund in der P r o f i t produktion hat, ist HUFFSCHMID noch lange nicht Anlaß, sie auch aus der Profitproduk- tion zu erklären. Ist seine Kritik an der Produktion von Profit die Verteilung des Produktionsergebnisses, so ist es nur konse- quent, wenn er diese falsche Verteilung auch als Grund der Krise bestimmt. HUFFSCHMID löst die Krise auf in zwei Krisen: einer- seits "zeigt sich die Überakkumulation als Krise in der Produktion von Mehrwert, wenn aufgrund der starken Nachfrage nach Arbeitskräften die Löhne so stark... steigen, daß der als Profit... verfügbare Teil des Neuwerts zu klein wird..." andererseits "zeigt sie sich als Krise der Realisierung von Mehrwert, wenn aufgrund der n i e d r i g e n Löhne der Teil des Neuwerts, der als Lohn gezahlt wird, zwar so niedrig ist, daß der Mehrwertan- teil... ausreichend hoch ist, wegen der geringen Kaufkraft der Bevölkerung die Waren aber nicht abgesetzt werden können." (32) Eine Krise gibt es also einerseits dann, wenn die Löhne zu hoch, andererseits, wenn sie zu niedrig sind - woraus HUFFSCHMID mit- nichten den Schluß zieht, daß es dieselben Löhne sind, die dem Kapital als Kosten zu hoch, ihm aber als Kaufkraft zu niedrig sind. Die Tatsache, daß steigende Löhne für das Kapital sinkende Verwertung bedeuten und sie dies gerade als Nichtabsetzbarkeit ihrer teurer gewordenen Waren erfahren, löst HUFFSCHMID auf in zwei entgegengesetzte Gründe der Krise und gewinnt so wieder sei- nen Standpunkt: sind zu hohe Löhne Grund der Krise, so beweist dies die Unvernunft eines Systems, in dem die einen ihr Einkommen nicht durch den Anstieg der Einkommen der anderen beschränken lassen wollen, auf ihrem hohen Profit beharren und so sich selbst schaden - als wäre es nicht das Interesse des Kapitals, für das Mittel, mit dem sie ihren Profit machen, möglichst wenig zu be- zahlen! Sind hingegen zu niedrige Löhne Grund der Krise, so ist es sogar im wohlverstandenen Interesse des Kapitals, sie steigen zu lassen - kann es sich doch so selbst den Weg zur Absetzbarkeit seiner Waren bahnen. Die Auflösung des Gegensatzes von Kapital und Arbeit in die Auseinandersetzung um die zweckmäßige Vertei- lung des Neuwerts führt zu der perfiden Behauptung, es würde dem Kapital schaden, wenn es die Arbeiter ausbeutet - woraus nur der Schluß gezogen werden kann, daß das Kapital sein Interesse am Profit verfolgt, ohne zu wissen, wie dieser am besten zu machen ist. Folgerichtig schließt sich HUFFSCHMID mit seinem Urteil über die Krise dem Chor aller marxistischen Ökonomen an: "Kapitalistische Krise ist die Unfähigkeit (!!) des Kapitals, sich zu verwerten." (33) Ist HUFFSCHMID's Kritik an der Profitproduktion die, daß sie zu einer Verteilung des Produktionsergebnisses führt, die die ge- sellschaftliche Reproduktion in Unordnung bringt, so gilt ihm die Krise als Beweis dafür, daß das Kapital in der Krise nicht funk- tioniert. Der Fehlschluß, dem sich dieses Urteil über die Krise verdankt, nimmt seinen Ausgang bei der Feststellung, daß in der Krise Entwertung von Kapital stattfindet - und da das Funktionie- ren des Kapitals in seiner Verwertung bestehe, könne doch die Entwertung nur Nichtfunktionieren bedeuten. Allerdings stellt HUFFSCHMID selbst fest, daß das Kapital gerade durch die schran- kenlose Ausbeutung der Arbeiter in die Krise kommt; das Sinken des "dem Kapital zur Aneignung verfügbaren Profits führt zu... Ein- schränkungen oder Einstellungen der Produktion..., zu Unterneh- menszusaunmenbrüchen..., Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der Lage der Werktätigen", und dies Sinken des Profits ist "F o l g e der durch Akkumulation produzierten Überakkumula- tion." (34) HUFFSCHMID spricht auch selbst aus, daß das Fungieren des Kapi- tals in der Krise in nichts anderem besteht als in dem, was es auch in der Prosperität tut: wie in der Prosperität ist das Mit- tel für den Profit die Ausbeutung der Arbeiter, und die "Verschlechterung der Lage der Werktätigen" ist gerade das Mit- tel, den Aufschwung wieder in Gang zu bringen - eine auch HUFF- SCHMID nicht unbekannte Tatsache (was ihn allerdings nicht hin- dert, dem Kapital den Einsatz anderer Mittel vorzuschlagen): "Dieser Prozeß dauert so lange, bis die Mehrwertmasse durch die Disziplinierung der Arbeiterklasse so weit gesteigert und der Wert des Gesamtkapitals... so weit verringert sind, daß die Ver- wertungsbedingungen für das noch (!) fungierende Kapital sich verbessern... und der Aufschwung einsetzt." (35) Daß dies das Funktionieren des Kapitals in der Krise ist, hält HUFFSCHMID nicht davon ab, zu behaupten, daß es nicht funktio- niert, wozu ihm der gleiche Fehler dient, der ihm schon zu seiner Kritik des Profits verholfen hat: war dort nicht die P r o d u k t i o n des Profits, sondern die aus ihr resultie- rende V e r t e i l u n g das Kritikable, so ist hier auch nicht das H a n d e l n des Kapitals, sondern dessen unter- schiedliche W i r k u n g e n in Prosperität und Krise Anlaß zum Verteilen von Lob und Tadel. Solange die gesellschaftliche Reproduktion mittels des Kapitals funktioniert, hat HUFFSCHMID gegen diese Produktionsweise nichts einzuwenden; ihn stört, daß in der Krise die Produktion in Unordnung gerät und die Arbeiter noch weniger Nutzen aus ihrer Ausbeutung ziehen als sonst. Des- halb gelten ihm die unterschiedlichen Wirkungen des gleichen Han- delns des Kapitals als Beweis dafür, daß das Kapital mal funktio- niert und mal nicht - und damit als Beleg für die Behauptung, daß das Kapital unfähig sei, seine eigenen Prinzipien durchzusetzen. Mit der Störung der gesellschaftlichen Reproduktion sind für HUFFSCHMID die negativen Wirkungen der Krise nicht erschöpft. Da- durch daß, wie schon entwickelt jedes Kapital nur an sich denkt, werden diese negativen Wirkungen noch potenziert. Jedes Kapital versucht in der Krise, die eigene Haut zu retten und vergrößert so das Chaos: "Der Verlust für die Gesamtklasse ist unvermeidbar und vom über- geordneten Standpunkt des Gesamtkapitals auch zu begrüßen (!). Diesen übergeordneten Standpunkt gibt es aber in der Realität nicht, und so führen die insgesamt herrschenden Verwertungs- schwierigkeiten zur Verschärfung der Konkurrenz." (36) HUFFSCHMID bemängelt, daß es niemanden gibt, der, wenn es schon Verluste geben muß, nicht dafür sorgt, daß diese in geordneten Bahnen gemacht werden, also nicht gewährleistet, daß das Kapital sich für d i e Gesellschaft einsetzen läßt. (Weil er sich selbst auf den Standpunkt eines arbeiterfreundlichen Staates stellt, leugnet er glatt, daß der existierende Klassenstaat sei- nen "übergeordneten Standpunkt" sehr wohl praktiziert!) Die Folge davon ist nämlich, daß sich in der Konkurrenz manche Kapitale besser durchsetzen können als andere: "Entwertung und Vernichtung sind keine die verschiedenen Einzel- kapitale gleichmäßig betreffenden Vorgänge" (37) stellt HUFFSCHMID fest und kritisiert damit an der Krise, daß ihr Ergebnis eine abermalige Einschränkung der schon durch das Pro- fitprinzip bedrohten Gerechtigkeit ist. Die Tatsache, daß alle Kapitale das gleiche Mittel benutzen, um aus der Krise zu kommen, die Ausbeutung der Arbeiter, nimmt HUFFSCHMID zum Anlaß, die Ge- rechtigkeit des Kapitalismus daran zu messen, ob alle auch in der Anwendung dieses Mittels den gleichen Erfolg haben, und belegt das Nichtfunktionieren des Kapitalismus eindrucksvoll mit dem Nachweis, daß einige Kapitale sich in der Konkurrenz besser durchsetzen können als andere und den schwächeren dadurch Nach- teile entstehen. War mit der gleichmäßigen Verteilung des Profits auf alle Kapitale (38) das Funktionieren des Kapitalismus wenig- stens noch halbwegs gewährleistet, so führen nun die Krisen dazu, daß die Vorteile der einen Kapitale gegenüber den anderen ständig wachsen, so daß sich schließlich die großen Kapitale herausbil- den, die HUFFSCHMID zum Gegenstand seiner Selbstdarstellung als marxistischer Ökonom erkoren hat: die M o n o p o l e. (39) Das Kapital - je größer desto schlimmer --------------------------------------- Die Kritik HUFFSCHMID's am Kapitalismus besteht, wie wir gesehen haben, in dem Nachweis, daß er desto schlechter funktioniert, je ungerechter es in ihm zugeht. Infolgedessen bleibt er nicht bei der Kritik der Folgen stehen, die die Verteilung des Produktions- ergebnisses zwischen Kapitalisten und Arbeitern hat; auch die un- gleiche Verteilung des Profits auf die Kapitale dient ihm als Be- leg dafür, daß der Kapitalismus immer schlechter funktioniert, weil die Produktion immer gesellschaftlicher, die Aneignung immer privater wird und deshalb die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums immer ungerechter. Die Tatsache, daß die Kapitale immer größer werden, dient HUFFSCHMID zum Beweis, daß sie immer mehr Leuten schaden und der Kapitalismus deshalb immer weniger in der Lage ist, d i e gesellschaftliche Reproduktion zu gewährleisten - und die ganze Monopoltheorie besteht in nichts anderem als dem langatmigen Hin- und Herwenden der schlechten Wirkungen, die die großen Kapitale auf die Gesellschaft haben. Sie ist damit zugleich Beleg für die Verkommenheit eines Marxismus, dem es um nichts anderes zu tun ist als sich darüber den Kopf zu zerbre- chen, ob nicht manche Kapitale mehr von der Ausbeutung der Arbei- ter haben als andere. (40) Wie die Kritik HUFFSCHMID's an den Monopolen durchgeführt wird, ist damit klar. Da ihn die Wirkung der Monopole auf die gesell- schaftliche Reproduktion interessiert, stellt er die positive Seite des Monopols, daß mit ihm gesellschaftliche Reproduktion stattfindet, dar, um daran nachzuweisen, daß die Reproduktion des M o n o p o l s im Widerspruch steht zu der der G e s e l l- s c h a f t. Der Vorteil, den das Monopol aufzuweisen hat, ist der, daß es die schon von gewöhnlichen Kapitalen geleistete Produktivkraftent- wicklung noch verstärkt, sie "in einem historisch einzigartigen Maße vorantreibt." (41) Der Mangel dieser Produktivkraftentwicklung des Kapitals ist, daß sie in kapitalistischer Form stattfindet: "Die Gesellschaftlichkeit (!) der Produktion ... erscheint in diesem Prozeß allerdings nicht als Resultat kooperativer gesell- schaftlicher Planung, sondern vermittelt, indirekt und in ver- kehrter Form, als Wachstum individueller Kapitale in der Konkur- renz." (42) Mit der Kennzeichnung des Wachstums der Kapitale als verkehrte Erscheinungsform der (!) Gesellschaftlichkeit hat HUFFSCHMID sei- nen Widerspruch von Form und Inhalt kapitalistischer Produktion noch einen Schritt weiter entwickelt: Form und Inhalt stehen nicht bloß im Widerspruch, sondern eigentlich ist die Form gar nicht die Form des Inhalts, der schon in ihr drinsteckt: die Re- alität ist eine bloß falsche Weise, etwas Richtiges zu tun. Weil HUFFSCHMID Gesellschaft überhaupt gut findet - schließlich repro- duziert sie sich durch Arbeit - gilt ihm die Realität dieser Ge- sellschaft nur als verkehrte Erscheinungsform dessen, was sie selbst eigentlich schon ist. Mit dieser gedanklichen Anstrengung, mit der HUFFSCHMID von der Differenz von Wesen und Erscheinung zum Gegensatz von Realität und Fiktion gelangt, gelingt es ihm, das, was die Monopole tun, vom Standpunkt dessen, wofür dies eine Bedingung ist, zu begrüßen: "Insofern (!) aber (!) weitere Entwicklung der Produktivkräfte... von der Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion... abhängen, bildet die Größe individueller Kapitale... tatsächlich (!) eine gesellschaftliche Bedingung für die Weiterentwicklung der Produk- tivkräfte - die damit (!) in der Form der monopolistischen Expan- sion stattfindet." (43) Weil HUFFSCHMID die Entwicklung der Produktivkräfte in Gegensatz zur Entwicklung des Monopols setzt, das erste feiert, das zweite bemängelt, tauchen in der Analyse des Monopols die Arbeiter gleich zweimal auf. Dort, wo es um die Steigerung ihrer Produk- tivkraft geht, ist HUFFSCHMID voll Bewunderung für die "e r s t e Verbindung von kapitalistischer Produktivkraftent- wicklung und Monopolisierung", die in der "Möglichkeit der Mobilisierung von konstantem und variablem Kapi- tal" und zur "Effektivierung der (!) menschlichen Arbeit" (44) besteht. Lobt HUFFSCHMID so das Monopol dafür, daß es die Arbeit möglichst gewinnbringend für sich einsetzt, so ist ihm anderer- seits die Art und Weise, wie es dies tut, Grund zur Kritik: ihm mißfällt die "z w e i t e Verbindung", die in der "Möglichkeit der besonders weitgehenden und intensiven Abpressung von Mehrwert durch monopo- listische Arbeitsorganisation" (45) besteht. So kann es nicht ausbleiben, daß ihm nach der von ihm selbst vollzogenen Trennung von Produktivkraftentwicklung und Mehrwert- produktion einfällt, daß sie doch ein und dasselbe sind. Wie ihm das allerdings einfällt, zeigt, daß er nicht gedenkt, diese Tren- nung fallenzulassen. Er betont, daß "Der Fortschritt der Entwicklung der Produktivkräfte nach wie vor (!) auf der Basis (!) der Kapitalverwertung, d.h. der privaten Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, stattfindet" (46), und bestätigt damit nur nochmal, daß ihn die Art und Weise, wie das Kapital die Arbeit als sein Mittel einsetzt, nicht interes- siert: bedauerlich ist für ihn nur, daß die Kapitalisten die ein- zigen sind, die von der Ausbeutung der Arbeiter Vorteile haben. Bestehen die positiven Züge des Monopols darin, daß sie das ver- stärkt tun, was schon das gewöhnliche Kapital tat, so ergeben sich auch dessen Nachteile aus der Verschärfung der Mängel, die die Profitproduktion hervorruft. Der von HUFFSCHMID konstatierte Widerspruch zwischen Reproduktion des Kapitals und Reproduktion der Gesellschaft verschärft sich im Monopolkapitalismus zum Wi- derspruch von Form und lnhalt kapitalistischer P l a n u n g: "Einerseits nimmt der technische Arbeitsprozeß die Form eines... durchorganisierten Arbeitszusammenhanges in gesellschaftlichen Dimensionen an; seine Verflechtung (!) mit der Gesellschaft (!) erfordert... genaueste Berechnung, Planung und Organisation und erzwingt die Etablierung von... Planungsapparaten, die der Form nach als Muster (!) gesellschaftlicher Organisation der Gesamtre- produktion angesehen werden können - wenn sie auch ihres konkre- ten kapitalistischen Inhalts wegen nicht funktionieren können." (47) Eigentlich ist also die Planung, die das Kapital durchführt, um seine Zwecke zu erreichen, gar nicht die Planung des Kapitals, sondern Planung der Gesellschaft - und HUFFSCHMID findet die Art und Weise, in der das Kapital seine Fabriken organisiert, offen- sichtlich so schön, daß er gleich diese Planung auf die gesamte Gesellschaft übertragen sehen möchte. Er findet Planung an sich gut; deshalb abstrahiert er von dem Zweck, zu dem sie stattfin- det, kritisiert dann, daß das Resultat dieser Planung nicht das ist, was es wäre, wenn sie zu einem anderen Zweck stattfinden wurde, und behauptet deshalb, die Ergebnisse dieser Planung be- ruhten darauf, daß sie nicht funktioniere. Der Grund dafür, daß das Monopolkapital es nicht schafft, die ge- sellschaftliche Reproduktion funktionsgerecht zu planen, ist - wie könnte es anders sein -, daß es den von HUFFSCHMID kon- struierten Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und pri- vater Aneignung verschärft. Die ungleiche Verteilung des Profits, aufgrund derer die einen Kapitale auf Kosten der anderen immer großer werden, führt zur Beherrschung der kleinen Kapitale durch die großen; das Monopol "vereinigt immer größere Teile der gesellschaftlichen Produktion in bestimmten Bereichen auf sich, besitzt immer größere Anteile an den gesamten Produktionsmitteln in einem Bereich und be- herrscht daher in zunehmenden Maße auch die Produktions- und Ver- wertungsbedingungen in diesem Bereich und gegenüber anderen Kapi- talen." (48) Das besonders Kritikable an solch großen Kapitalen ist es also, daß sie "nicht nur (!) die Arbeiterklasse ausbeuten, sondern auch die an- deren Kapitale in zunehmendem Maße enteignen und vernichten." (49) - womit HUFFSCHMID seine Kritik am Kapitalismus endgültig aufge- löst hat in den Vergleich des kleineren oder größeren Nutzens, den verschiedene Bevölkerungsgruppen aus ihrer Daseinsweise im Kapitalismus ziehen. Seine Kritik an den Monopolen ist es, daß sie sich mehr aneignen als die anderen Kapitale; und dies nicht nur durch Eigentum an Produktionsmitteln, sondern auch auf dem Markt. Die Unordnung, die sie in die gesellschaftliche Reproduk- tion bringen, verschärft sich dadurch, daß sie ihre Marktposition schamlos ausnutzen und so die Arbeiter doppelt über's Ohr hauen: ihre Absatzstrategien erlauben ihnen "einen ganz anderen und umfassenderen Zugriff auf die Kaufkraft der Verbraucher als anderen Kapitalen." (50) Um diese schädliche Wirkung der Monopole zu belegen, revidiert HUFFSCHMID seine Aussage, daß der "Kapitalismus als Marktwirt- schaft" dem Prinzip des Äquivalententauschs unterworfen ist. Da ja auch die Monopole mit ihren Produkten nichts anderes machen können als sie auf dem Markt zu verkaufen, besteht der endgültige Nachweis ihrer Dysfunktionalität darin, daß sie auch hier die Prinzipien des Kapitalismus außer Kraft setzen. HUFFSCHMID stellt fest: "Die Herrschaft des Monopols über bestimmte Reproduktionszusam- menhänge mag noch so offen und direkt ausgeübt werden, sie führt im Ergebnis allemal zu einer Verbesserung der monopolistischen Positionen auf den verschiedenen Märkten, auf denen formal (!) Äquivalente getauscht werden." (51) Mit dem Wörtchen "formal" gelingt HUFFSCHMID die Behauptung, daß nun auch der Austausch eigentlich nicht mehr das ist, was er frü- her war. Das selbstgeschaffene Problem, wieso die Monopole bei all ihrer Beherrschung der Reproduktionszusammenhänge es noch nicht geschafft haben, die Art und Weise abzuschaffen, in der sich das Kapital reproduziert, löst er, indem er feststellt, daß die Formen der Reproduktion des Kapitals nicht solche des Mono- pols sind, sondern es nurmehr zu sein s c h e i n e n: "Solange (!) das Milieu des Äquivalententauschs als Schleier (!) kapitalistischer und monopolkapitalistischer Klassenberrschaft weiterexistiert, sind Preise und Profite die entscheidenden (!) Vehikel zur Verteilung und Aneignung des gesellschaftlichen Mehr- produkts." (52) Welche anderen Vehikel HUFFSCHMID hier noch eingefallen sein mö- gen, bleibt sein Geheimnis - damit, daß er "entscheidende Vehi- kel" sagt, bekräftigt er nur, daß diese Vehikel nur scheinbar das sind, was sie sind. HUFFSCHMID verwandelt Realität in Fiktion, indem er aus dem Markt, auf dem die Kapitale ihren Profit r e a l i s i e r e n und dessen Gesetzen sie unterworfen sind, - und daß dies die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit ist, konnte jeder, der es wissen wollte, an der letzten Krise fest- stellen - einen bloßen Schleier für die eigentliche Herrschaft des Kapitals webt. So hat HUFFSCHMID bewiesen, daß die Herrschaft der Monopole so weit geht, daß sie die Reproduktion der Gesell- schaft nicht nur in Unordnung bringt; sogar die von ihm als nütz- lich erachteten Marktmechanismen werden völlig außer Kraft ge- setzt. Nicht, d a ß die Ausbeutung der Arbeiter und deshalb auch ihre Reproduktion Mittel für das Kapital s i n d, ist HUFFSCHMID also ein Dorn im Auge, sondern daß manche Kapitale ihre Mittel in besonders perfider Weise nutzen, um den Arbeitern auch das noch abzunehmen, was ihnen gerechterweise (Äquivalententausch!) zu- steht. Er kritisiert, daß die Monopol e "die Befriedigung der sich in Kaufkraft ausdrückenden gesell- schaftlichen Bedürfnisse künstlich (!) niedrig halten" (53) - also offensichtlich gerade dadurch so hohe Profite machen, daß sie möglichst wenig verkaufen -, und erklärt so die beschränkte Konsumtionskraft der Massen, die ihm bei der Bestimmung des Werts der Ware Arbeitskraft Anlaß zur Freude über das Äquivalenzprinzip war, aus der Preispolitik der Monopole. Mit dieser Kritik am Monopol, die die Ausbeutung der Arbeiter mit der Übervorteilung der kleinen durch die großen Kapitale auf eine Stufe stellt und das niedrige Einkommen der Arbeiter aus den ho- hen Preisen der Konzerne erklärt, hat HUFFSCHMID sich einen Wi- derspruch eingehandelt: wenn das Monopol nämlich die Funktionsme- chanismen des Kapitalismus außer Kraft setzt, dann stellt sich die Frage, warum denn der Kapitalismus überhaupt noch so funktio- niert, wie er funktioniert. HUFFSCHMID nimmt dieses Problem zum Anlaß, über die Frage nachzusinnen, ob der Kapitalismus, da es ihn doch noch gibt, überhaupt noch mit sich identisch sei, und kommt zu einer für den Leser nicht mehr überraschenden Antwort: einerseits j - "der Prozeß der materiellen gesellschaftlichen Reproduktion bricht unter dem Einfluß der Monopolherrschaft und dem damit ver- bundenen Nichtausgleich der Profitrate nicht zusammen" (54) andererseits nein: "die systematische Produktion der Hindernisse gegenüber der Re- alisierung der Tendenz des Kapitals zur freien Konkurrenz stellt die Kapitaleigenschaft des Kapitals (!!) zunehmend in Frage. Dies bedeutet aber die Infragestellung der Eingeschlossenheit der ge- sellschaftlichen Produktion und Reproduktion in den Rahmen der Kapitalverwertung überhaupt" (55) Der Leser wird sich fragen, ob die gesellschaftliche Reproduktion denn dann nun außerhalb dieses Rahmens stattfindet - HUFFSCHMID jedenfalls verdient Bewunderung für die Konsequenz, mit der er seinen Widerspruch zwischen Form und Inhalt kapitalistischer Pro- duktion bis zum bitteren Ende durchhält. Wenn die Form, i n d e r sich das Kapital reproduziert, im Gegensatz dazu steht, daß sich in ihr das K a p i t a l reproduziert, dann ist die Frage nur logisch, ob es denn überhaupt noch das Kapital ist, was sich hier reproduziert. Und auch die Antwort HUFFSCHMID's auf sein selbstgeschaffenes Problem entbehrt nicht der Konsequenz: fast ist es schon kein Kapital mehr, sagt er und legt damit be- redtes Zeugnis dafür ab, wohin jemand kommt, der die Welt ständig identisch erklärt mit seinen Vorstellungen darüber, wie sie zu sein hätte, und ständig feststellen muß, daß sie es nicht ist: eher als daß er an seinen Vorstellungen zweifelt, zweifelt er schon lieber an der Existenz der Realität. Zugleich gelingt es HUFFSCHMID vorzüglich, den Wert seiner Theorie für eine Strategie der Arbeiterklasse zu klären: ihr ist sicherlich am besten damit gedient, daß man bezweifelt, ob das Kapital, das täglich von ihr produziert wird, überhaupt noch Kapital ist. Der Schaden, den die Monopole damit anrichten, daß sie durch Be- herrschung der Produktion die Funktionsmechanismen des Kapitalis- mus außer Kraft setzen, besteht für HUFFSCHMID darin, daß sie auch der Krise die Funktion nehmen, die sie für das Funktionieren des Kapitalismus hat. Der geneigte Leser, der einige Seiten vor- her zur Kenntnis genommen hat, daß die Krise gerade eine S t ö r u n g der gesellschaftlichen Reproduktion sei, die den Arbeitern - also denen, um deren Nutzen es HUFFSCHMID zu tun ist - Nachteile bringe, wird sich sicher fragen, wie es HUFFSCHMID gelingt, ihr nun auch noch eine positive Seite abzugewinnen. Dies fällt HUFFSCHMID nicht schwer, muß er doch nur seinem Prinzip treu bleiben, eine Sache, die er von einem Standpunkt als schlecht beurteilt hat, vom Standpunkt einer noch schlechteren relativ gut zu finden. Der ständige Vergleich der guten und schlechten Seiten des Kapitalismus vom Standpunkt des Funktionie- rens der Gesellschaft, aus dem seine Wissenschaft besteht, führt ihn zur Relativierung aller Urteile, sobald ein Phänomen auf- taucht, das den vorher beurteilten Gegenstand als immer noch funktionaler als den neuen erscheinen läßt. So relativierte sich HUFFSCHMID's Kritik des Profitprinzips, daß es die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zwischen Kapital und Arbeit bewirke, angesichts der Tatsache, daß der Profit selbst nicht gerecht unter den Kapitalen verteilt wird; und ebenso rela- tiviert sich seine Kritik der Krise in Anbetracht der Wirkungen, die das Monopol auf sie hat. HUFFSCHMID's erste Kritik an der Wirkung der Monopole auf die Krise besteht darin, daß diese selbst aus der Krise noch ihren Vorteil ziehen können: "Auch (!) im monopolistischen Kapitalismus findet in der Krise Kapitalentwertung statt; ...aber unter den Bedingungen der Domi- nanz großer Konzerne findet sie einseitig (!) auf seiten der nichtmonopolistischen Kapitale statt, während die Konzerne sich... relativ ungestört weiterverwerten und ihre Expansion ver- stärkt vorantreiben." (56) Logisch denkende Menschen könnten nun schließen, daß dieser von HUFFSCHMID beschriebene Zustand dann eben keine Krise ist, wenn gerade die großen Kapitale ungestört weiterproduzieren, ihr Zeug auch offensichtlich loswerden und mit den Löhnen der Arbeiter auch kein Problem haben - und daß HUFFSCHMID sich doch dann freuen könnte, daß die Monopole s e i n Problem, die Störung der gesellschaftlichen Reproduktion durch die Krise, gelöst ha- ben. Aber weit gefehlt: die Krise m u ß sein, dient sie doch dem Funktionieren des Gesamtsystems: "Sollte es dem Monopolkapital... weiterhin gelingen, sich... in- dividuell (!) der Entwertung zu entziehen, so folgt aus der Ab- nahme des für die Entwertung überhaupt zur Verfügung (!) stehen- den Kapitals, daß der Umfang der Entwertung selbst immer geringer wird und folglich auch in immer geringerem Maße die gesamtwirt- schaftliche (!) Funktion ausübt, die zur Wiederankurbelung der Akkumulation notwendig ist." (57) Die Monopole begehen also die gesamtwirtschaftliche Verantwor- tungslosigkeit, ihr Kapital der Entwertung einfach nicht zur Ver- fügung zu stellen, wo doch jeder weiß, daß dieses im Interesse aller ist, damit es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht. HUFFSCHMID's Interesse an der gesamtwirtschaftlichen Funktion der Krise läßt ihn davon abstrahieren, daß massenhafte Kapitalentwer- tung in der Krise für die Arbeiter Arbeitslosigkeit bedeutet - ihre Nichtbeschäftigung ist nämlich das Mittel des Kapitals, sie auszunutzen. HUFFSCHMID's bisherige Kritik an der Krise, daß sie das Funktionieren der Reproduktion stört und den Arbeitern scha- det, weil sie ihnen die Reproduktion entzieht, fällt ihm ange- sichts der Wirkung, die die Monopole auf die Krise haben, nur noch als deren unangenehme Begleiterscheinung ein, zwar ist die Krise "von Arbeitslosigkeit und Elend für die arbeitende Bevölkerung begleitet" (58), die Außerkraftsetzung der Krise durch die Monopole hat aber viel schlimmere Wirkungen: sie bringt. die ganze Gesellschaft in Ge- fahr. Es entstehen Inflationen und Strukturkrisen, aus denen die Monopole auch noch ihren Vorteil ziehen, sind solche Störungen doch "für die in diesen Bereichen arbeitende Bevölkerung... mit beson- ders starker Arbeitslosigkeit, für die... kleinen und mittleren Kapitale mit dem Ruin verbunden (!), während sich die Monopole... mit einem Minimum, aus Verlusten aus der Affäre ziehen können." (59) An der Arbeitslosigkeit stört HUFFSCHMID also, daß sie nur in be- stimmten Bereichen stattfindet, nicht gleichermaßen die Arbeiter trifft und mit ihr auch noch die kleinen Kapitale kaputtgehen. Und wie sehr ihm das Funktionieren des Ganzen am Herzen liegt, macht HUFFSCHMID deutlich, wenn er sein Schreckensbild des Kapi- talismus entwirft: er beschwört "geringere Entwertung überhaupt bedeutet geringeren Wiederauf- schwung, Abflachung der Zyklen..., Übergang zur Stagnation" (60) und kritisiert an solchen Entwicklungen, daß sie "zur weiteren Polarisierung der Gesellschaft" führen: der Kampf der Arbeiter gegen das Kapital ist schließlich der beste Beweis dafür, daß die Reproduktion der Gesellschaft nicht so klappt, wie sie klappen sollte. HUFFSCHMID's Kritik der Monopole ist komplett. Sie sind der ein- deutige Beleg dafür, daß es in Kapitalismus ungerecht und daher irrational zugeht. Sie sind es, die nicht nur die Arbeiter über- vorteilen, sondern auch aus dem Schaden anderer Kapitale ihren Nutzen ziehen - noch mehr: ihre Existenz bedroht die Gesellschaft überhaupt. Denn sogar das offensichtliche Nichtfunktionieren des Kapitals gereicht ihnen noch zum Vorteil; sie zetteln selbst Kri- sen an, um anderen Kapitalen zu schaden. Und zuguterletzt machen sie auch noch die Mechanismen kaputt, aufgrund derer der Kapita- lismus bisher funktionierte und auch der Arbeiter zu seinem ge- rechten Lohn kam: sogar der Äquivalententausch fällt ihnen zum Opfer. Es ist also im Interesse d i e s e r Gesellschaft, gegen die Monopole zu sein, weil nur so ihr Funktionieren gewährleistet ist; - diesen überzeugenden Beweis hat HUFFSCHMID jetzt gelie- fert. Diesem Kapitalismusgegner sind nicht einmal seine erfun- denen Anzeichen dafür, daß es im Kapitalismus kriselt, Grund zur Freude - wenn es kracht, sorgt er sich um die Gesundheit des Ka- pitalismus allerdings nicht aus dem Grund, aus dem dies noch je- der bürgerliche Ökonom tut, weil ihm das Wohl des Kapitals am Herzen liegt, sondern weil die Gesellschaft insgesamt den Schaden davon hat, wenn es dem Kapital schlecht geht. Und die Gesell- schaft - das sind für HUFFSCHMID die, die produzieren und ständig übervorteilt werden, die Arbeiter; und - weil die Monopole ihnen schaden - die kleinen Kapitalisten. HUFFSCHMID kritisiert den Ka- pitalismus vom Standpunkt seines Funktionierens: sein Interesse das Funktionieren des Kapitalismus als Nichtfunktionieren der Ge- sellschaft zu beweisen, speist sich gerade aus der Parteinahme für diejenigen, die im funktionierenden Kapitalismus immer das Nachsehen haben. Angesichts einer Gesellschaft, von der die Ar- beiter keinen Nutzen haben, macht sich HUFFSCHMID für den Nutzen der Arbeiter i n dieser Gesellschaft stark; und weil er nicht wahrhaben will, daß die Gerechtigkeit des Kapitalismus eben darin besteht, daß die Arbeiter sich als Arbeiter reproduzieren, be- hauptet er deren miese Lage als Beleg dafür, daß der Kapitalismus das nicht leistet, was er leisten s o l l t e: die störungs- freie, gerechte Reproduktion der Gesellschaft. So ist der Schluß, den HUFFSCHMID aus diesem Nachweis zieht, auch nur konsequent. Geht es ihm darum, daß der Kapitalismus endlich richtig funktioniert, dann hat dafür die Institution zu sorgen, die tatsächlich für das Funktionieren des Kapitals sorgt: der Staat. HUFFSCHMID's Kritik am Kapitalismus ist die Aufforderung an den Hüter des Gemeinwohls, doch endlich der Funktion nach- zukommen, die er hat: nämlich die Gesellschaft am Laufen zu hal- ten. Daß der Staat dies gerade tut, indem er den Arbeiter als Ar- beiter und das Kapital als Kapital erhält, stört HUFFSCHMID we- nig: da ihm das Funktionieren des Kapitalismus als Nichtfunktio- nieren der Gesellschaft gilt, besteht seine Kritik am Staat, der diese Gesellschaft aufrechterhält, darin, daß er dies nicht so tut, wie HUFFSCHMID es sich vorstellt, - und sie mündet im Ap- pell, daß der Staat doch endlich das gerechte Funktionieren der Gesellschaft gewährleisten solle. Gegen den Staat der Monopole - für den Staat der Arbeiter --------------------------------------------------------- In seiner bisherigen Untersuchung des Kapitalismus hat HUFFSCHMID nachgewiesen, daß das Kapital das Funktionieren der Gesellschaft erheblich beeinträchtigt. Wenn der Kapitalismus nun immer noch existiert, so verdankt er dies dem Wirken einer Institution, die die Funktionsstörungen in erträglichen Grenzen hält - dem Staat. HUFFSCHMID beginnt seine Ausführungen zum Staat mit der erkennt- nisreichen Feststellung, daß der Kapitalismus ihn immer gebraucht hat, und fügt auch gleich hinzu, weshalb: "Es hat keine staats- und politikfreie Phase der kapitalistischen Entwicklung gegeben, die kapitalistische Produktionsweise hat vielmehr (!) immer eines starken Staates b e d u r f t, der die Ausgangsbedingungen und die relative (!) Friktionslosigkeit des Akkumulationsprozesses zu gewährleisten hatte und hat." (61) Die Tautologie, daß die Funktion des Staates für das Kapital darin besteht, es am Funktionieren zu halten, indem er dessen Störungen steuert, ist der Auftakt zu einer Erklärung des Staa- tes, die eine nicht geringe Begeisterung für diese ungemütliche Einrichtung verrät. Ungeachtet der Tatsache, daß Krisen und Klas- senauseinandersetzungen, wie ein Blick in die Tagespresse leicht erkennen läßt, im Kapitalismus ständig stattfinden, behauptet HUFFSCHMID, der Staat sorge für "relative Friktionslosigkeit" - wobei ihm das Funktionieren des Ganzen offensichtlich so am Her- zen liegt, daß ihm die Gewalttätigkeit, mit der gewisse Leute mit anderen im Kapitalismus umgehen, zu "Friktionen" verkommt. Obwohl es also keines besonderen analytischen Scharfsinns bedarf, um festzustellen, daß der Staat im Kapitalismus nicht für Friktions- losigkeit sorgt, sondern im Gegenteil dafür, daß die Geschädigten die Friktionen auch schön aushalten, dichtet HUFFSCHMID dem Staat die Funktion an, von der er gerne hätte, daß er sie ausübt. Und da HUFFSCHMID, wie wir seinen bisherigen Aussagen entnehmen konn- ten, sich ein anderes Funktionieren des Kapitalismus wünscht und deshalb sein tatsächliches Funktionieren als sein Nichtfunktio- nieren behauptet, ist nicht schwer zu schließen, was seine Kritik am Staat ist: die besteht darin, ihm vorzuwerfen, daß er die Auf- gaben für die Gesellschaft nicht wahrnimmt, die er doch eigent- lich wahrzunehmen hätte, und deshalb seine Maßnahmen den Arbei- tern schaden, statt ihnen zu nützen. Mit seiner Feststellung, daß der Staat die Friktionen der Ökono- mie beseitigt, hat sich HUFFSCHMID ein Problem eingehandelt. Das Ergebnis seiner bisherigen Untersuchung der Ökonomie war nämlich, daß diese immer schlechter funktioniert - was nur den Schluß zu- läßt, daß der Staat ständig die Aufgabe nicht erfüllt, für die er da ist. HUFFSCHMID hat diesem Einwand durch das Wörtchen "relativ" vorgebeugt - und da "relativ" "im Vergleich zu" heißt, läßt sich dieser Aussage entnehmen, daß HUFFSCHMID sich den Kapi- talismus ohne Staat vorgestellt hat und bei dieser Vorstellung zu dem Ergebnis gekommen ist, daß eine Gesellschaft, in der es einen Staat gibt, ohne diesen Staat noch mangelhafter wäre, als sie oh- nehin schon ist. Ist so klargestellt, daß der Staat für das Funktionieren der Öko- nomie sorgt, dabei aber Schwierigkeiten hat, so ist der nächste Argumentationsschritt nur konsequent: "In dieser Blickweise" (in der Tat!) "ist es folgerichtig, daß staatliche Maßnahmen in dem Maße umfassender und komplizierter (!) werden müssen, wie der ökonomische Verwertungsprozeß selbst insgesamt schwieriger, brüchiger und komplizierter wird." (62) Die Zunahme der Staatstätigkeit erklärt sich also nach HUFFSCHMID daraus, daß die Ökonomie immer schlechter funktioniert: der Staat soll dafür sorgen, daß die Ökonomie klappt, und daß ihm dies nicht gelingt, liegt daran, daß die Ökonomie n i c h t klappt. Damit hat HUFFSCHMID die Erklärung des Zusammenhangs von Staat und Ökonomie in den bei Ökonomen so beliebten Zirkel der Wechsel- wirkung aufgelöst und seinen Ausgangspunkt bestätigt: das Kapital braucht den Staat, und zwar je länger, umso mehr. Zugleich ist auch der Zweck dieses ganzen tautologischen Unterfangens klarge- worden: wenn die Aufgabe des Staates darin besteht, dafür zu sor- gen, daß das Kapital friktionslos akkumulieren kann und dies im- mer schlechter geht, dann muß der Grund dafür darin liegen, daß der Staat daran gehindert wird, seine eigentliche Funktion wahr- zunehmen. Wie unschwer zu erraten ist, sind es die Monopole, die das schöne Wechselspiel von Staat und Ökonomie in Unordnung brin- gen. Zwar begründet sich die vermehrte Staatstätigkeit gerade aus der Wahrnehmung der Funktion, die HUFFSCHMID dem Staat zugedacht hat: die "Zunahme der Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals insgesamt zwingt ... zu häufigeren und detaillierteren Interventionen des Staates in den Reproduktionsprozeß." (63) Diese im Interesse des gesamten Reproduktionsprozesses ausgeübte Tätigkeit nutzen aber die Monopole für sich; die "Möglichkeit des mehr oder minder unmittelbaren Zugriffs der großen Monopole auf den Staatsapparat und seine Politik" (64) führt dazu, daß sich "für das Monopolkapital... die strategischen Parameter zur Maxi- mierung seines Profits unter allgemein sich verschlechternden Verwertungsbedingungen erweitern." (65) Der Gedankengang, mit dem HUFFSCHMID zu diesem Ergebnis kommt, ist dem mit der HUFFSCHMID'schen Logik vertrauten Leser kein Rät- sel mehr: HUFFSCHMID wendet seine Unterscheidung zwischen der Re- produktion des Kapitalismus und der Reproduktion der Monopole auf die Untersuchung des Staates produktiv an und gelangt damit zur Differenz zwischen der eigentlichen Funktion des Staates, die darin besteht, die Gesellschaft am Laufen zu halten, und seinem Dienst für die Monopole. So sehr ist HUFFSCHMID darum bemüht nachzuweisen, daß der Staat nicht etwa bloß den Kapitalismus aufrechterhält, sondern vor al- lem für die Monopole da ist, daß ihm Maßnahmen, von denen er selbst sagt, daß sie der "Systemerhaltung" dienen, mit denen also der Staat die Bedingungen sichert, unter denen das Kapital Kapi- tal ist und die Arbeiter Arbeiter bleiben - "Kampf gegen die eigene Arbeiterklasse..., die Notwendigkeit, die Produktivkräfte zu entwickeln und bestimmte soziale Befriedungs- maßnahmen einzuführen" (66) - zum Ausfluß "gemeinsamer Interessen des Monopolkapitals" verkommen, "auf die sich teilweise (!) auch noch (!) das nichtmonopolisti- sche Kapital und die Arbeiteraristokratie stellen." (67) HUFFSCHMID ist eingefallen, daß der Staat, wenn er für das K a p i t a l da ist, gegen die A r b e i t e r ist - zugleich aber will er nachweisen, daß es nicht das Kapital, sondern die Monopole sind, die in dieser Gesellschaft die Herrschaft ausüben und den Rest der Gesellschaft unterdrücken. Deshalb erfindet er die Lüge, daß das nichtmonopolistische Kapital nur teilweise (!) an der Ausbeutung der Arbeiter interessiert sei, und läßt sich gleichzeitig die Gelegenheit nicht entgehen, auch gegen die Ar- beiter eine Beschimpfung loszulassen: die Tatsache, daß manche Arbeiter besser verdienen als andere, es geschafft haben, sich etwas günstigere Lebensbedingungen zu erkämpfen, lügt HUFFSCHMID zum Grund dafür zurecht, daß sie nicht gegen das Kapital kämpfen. Er wendet also sein Gerechtigkeitsideal auf die Arbeiter an, de- nunziert die Bessergestellten dafür, daß es ihnen nicht so schlecht geht wie anderen und erklärt so die Tatsache, daß die Arbeiter arbeiten m ü s s e n, und auf diese Weise ihr Einver- ständnis mit dem Kapital praktizieren, zum Produkt ihrer Bestech- lichkeit. Mit seiner Aufzählung der Maßnahmen, mittels derer der Staat das System im Interesse der Monopole sichert, bereitet HUFFSCHMID die Unterscheidung zwischen nützlichen und schädlichen Maßnahmen des Staates vor, auf die es ihm ankommt - will er doch nachweisen, daß der Staat einerseits Instrument der Monopole ist, anderer- seits auch einen Nutzen für die Arbeiter erbringen k ö n n t e. So ist, wie wir wissen, die Entwicklung der Produktivkräfte per se eine gute Sache, auch wenn sie von den Monopolen zu einer "einseitigen Weiterentwicklung des Kapitalverhältnisses" (68) genutzt wird. Und auch soziale Befriedungsmaßnahmen scheint HUFF- SCHMID für etwas anderes zu halten als das Vorgehen des Staates gegen die Arbeiter, mit dem er sie zwingt, die Friktionen des Ak- kumulationsprozesses geduldig zu ertragen. Der Schaden, den die Monopole in die Erfüllung dieser Staatsauf- gaben bringen, besteht konsequenterweise auch darin, daß sie die von den Arbeitern ausnutzbare Ambivalenz der Staatstätigkeit ein- seitig zu ihren Gunsten verschieben. Die Monopole bringen in die Staatstätigkeit eine Unordnung, die sie so kompliziert macht, daß sie unerklärbar wird: an die Stelle einer "relativ einheitlichen und systematischen staatlichen Politik" (69) tritt eine "notwendige Unsystematik. Zusammenhanglosigkeit (!) und Beschrän- kung staatlicher Politik und Planung." (70) Das Nichtfunktionieren des Staates als Produkt des Zugriffs der Monopole ist damit überzeugend erklärt: weil die Monopole Ver- schiedenes vom Staat wollen und den Staat dazu bringen, machen zu können, was sie wollen, ist die Funktionalität des Staates für die Ökonomie nicht mehr gegeben. Der Staat macht nicht mehr das, was er tun sollte - sein Handeln ist so komplex geworden, daß sich seine Bestimmungsgründe jeder Analyse entziehen außer der Behauptung, daß sie eben dem Zugriff der Monopole geschuldet ist. Mit diesem umwerfenden Ergebnis hat sich HUFFSCHMID den Boden be- reitet für den Nachweis des Nutzens, den das richtige Funktionie- ren des Staates den Arbeitern bringt. Gegenüber der Unordnung, die das Einwirken der Monopole auf den Staat in die Ausübung sei- ner Funktionen bringt, ist seine Qualität, eine gegen die Arbei- terklasse gerichtete Gewaltmaschinerie zu sein, eine ebenso rela- tive Bestimmung wie die Dysfunktionalität der Krise oder die Un- gerechtigkeit des Profits. Im Folgenden geht HUFFSCHMID deshalb dazu über, aufzuzeigen, daß der staatliche Gewaltapparat seine guten und schlechten Seiten hat und die guten den Arbeitern nützen können. Er beginnt diesen Nachweis mit der Unterscheidung zwischen einem früheren Kapitalismus, in dem "die ökonomischen Grundlagen das In-den-Hintergrund-Treten der unmittelbaren offenen Gewalt zugunsten des stummen Zwangs der Verhältnisse ermöglicht (!) haben (!)" (71) und dem heutigen, in dem diese Möglichkeit "durch die Zunahme der Schwierigkeiten der Kapitalverwertung un- tergraben und auf der anderen Seite durch die Entstehung der Monopole die Möglichkeiten der Verwertung... durch Rückgriff (!) auf offene Gewalt geschaffen wurden." (72) Uns ist es leider nicht gelungen, durch noch so eifriges Nach- blättern in Geschichtsbüchern eine Phase im Kapitalismus zu fin- den, in der die Arbeiter die Gewalt des Staates nicht zu spüren bekommen hätten. Die erfindungsreiche Verdrehung des MARX-Spruchs vom Zwang der Konkurrenz, dem sich die Arbeiter, i n d e m sie Lohnarbeit verrichten, unterwerfen, zur Behauptung, sie würden ihre Ausbeutung nicht m e r k e n, birgt die Leistung in sich, das willentliche Handeln von Menschen in ein Reiz-Reaktions- Schema zu verwandeln und zu behaupten, den Leuten würde es immer erst dann auffallen, daß es ihnen schlecht geht, wenn sie vom Staat eins aufs Dach kriegen. Dieser Umstand ist nach HUFFSCHMID erst im Monopolkapitalismus gegeben, in dem auf die offene Gewalt zurückgeriffen wird - an- scheinend hat sich diese ein Dreivierteljahrhundert lang vornehm im Hintergrund gehalten und darauf gewartet, daß die Monopole sie endlich benutzen. HUFFSCHMID scheint solche Einwände gegen seine Unterscheidung vorausgeahnt zu haben: er macht einen zweiten Ver- such, den Unterschied zwischen dem gewaltsamen und dem friedli- chen Kapitalismus herzustellen, diesmal als Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit: "...die eine spezifische Seite der kapitalistischen Produktions- weise besteht darin, durch die Form der Verkehrsverhältnisse My- stifikationen... an der Oberfläche der Bewegung und also auch im Bewußtsein zu erzeugen, die unmittelbare politische Gewalt in den Hintergrund treten lassen, ... auf der anderen Seite ist aber auch nicht bestreitbar, daß diese Produktionsweise immer wieder (!) von brutaler Gewalt nach innen und außen begleitet (!) war ... Hiervon zeugen nicht nur die beiden Weltkriege..." (73) Es ist also nicht das Interesse der Leute an den bestehenden Ver- kehrsverhältnissen, aufgrund dessen sie die staatliche Gewalt für eine gute und notwendige Sache halten und auch selbst nach ihr rufen, wenn sie ihr Interesse gefährdet sehen. HUFFSCHMID ver- steigt sich zu der Behauptung, man könne die politische Gewalt, die der Staat tagtäglich ausübt, nicht sehen - und braucht konse- quenterweise auch den Krieg, um an der Gewalt des Kapitals etwas Brutales zu finden. Mit dieser Unterscheidung zwischen friedli- chen Verkehrsverhältnissen (die ja eben deshalb so friedlich sind, weil jeder weiß, was mit ihm geschieht, wenn er aufmuckt) einerseits und gelegentlich aufbrechender staatlicher Gewalt an- dererseits kritisiert HUFFSCHMID an der Existenz staatlicher Ge- walt, daß der Staat diese oft übermäßig a n w e n d e t; und indem er die übermäßige Anwendung aus dem Zugriff der Monopole erklärt, hat HUFFSCHMID den Staat selbst unterderhand in eine friedliche Veranstaltung verwandelt. An den friedlichen Verkehrsverhältnissen im Kapitalismus gefällt HUFFSCHMID, daß sie a u c h den Arbeitern erlauben, ihre Inter- essen als Arbeiter zu vertreten; und am Staat findet er dement- sprechend positiv, daß er auch für die Reproduktion der Arbeiter sorgt. Die Tatsache, daß alle Mitglieder der bürgerlichen Gesell- schaft den Staat als Bedingung der eigenen Reproduktion anerken- nen, ist HUFFSCHMID Grund genug, den Staat zu loben; und daß die Verkehrsformen der bürgerlichen Gesellschaft auch den Arbeitern erlauben, sich mit ihrer Arbeit am Leben zu erhalten, wenn sie nur ja nicht den Anspruch darauf erheben, sich in ihrer Reproduk- tion nicht auf ein Arbeiterdasein beschränken zu wollen, ist ihm Grund zur Freude. Deshalb gilt HUFFSCHMID auch das Recht, das dem Arbeiter sein Dasein als Arbeiter garantiert und dafür sorgt, daß er es auch bleibt, ebenfalls als eine Sache mit nützlichen und schädlichen Seiten: "Der Formalcharakter des bürgerlichen Rechts soll zwar einerseits das faktisch (!) existierende Monopol der Bourgeoisie an den Pro- duktionsmitteln und so die Klassenherrschaft des Kapitals si- chern, kann und muß aber andererseits wegen seiner... nur forma- len Struktur in gewissem Rahmen demokratische und sogar antikapi- talistische Bewegungen zulassen" (wie sehr es das muß, wird in der BRD zur Zeit wieder einmal eindrucksvoll belegt!) (74) Die Logik dieses Arguments ist bestechend. W e i l das bürger- liche Recht Ungleiche gleich behandelt, seine gleichen Maßnahmen die Leute also unterschiedlich trifft, ist es gezwungen, Bewegun- gen zuzulassen, die mit dem Recht, das ihre Ungleichheit sichert, diese Ungleichheit aufheben wollen! In seiner Begeisterung für das Recht, das das Privateigentum sichert, setzt HUFFSCHMID es in Gegensatz zur Tatsache des Privateigentums (dem Leser wird nicht entgangen sein, daß sich unser Motto wieder einmal bewahrheitet) und behauptet, die rechtliche Gleichheit stehe im Gegensatz zum ökonomischen Gegensatz von Kapital und Arbeit - als hätten die Arbeiter im Kapitalismus irgendwelche Rechte, die sie sich nicht gegen die staatliche Gewalt erkämpfen mußten. Ist so der Nutzen des Rechts für die Arbeiter eindrucksvoll be- legt, so besteht die Schädlichkeit der Monopole darin, daß sie es kaputtmachen : "Er (der Formalcharakter des Rechts) wird aufgrund der zunehmen- den globalen (!) Verwertungsschwierigkeiten und der zunehmenden sozialen und politischen Spannungen immer mehr zurückgenommen und in unmittelbare reaktionäre Herrschaft des Kapitals transfor- miert." (75) Daß das Recht die Arbeiter als Arbeiter und das Kapital als Kapi- tal eben aufgrund seines "Formalcharakters" trifft, ist für HUFF- SCHMID Anlaß zu behaupten, es gebe ihn nicht mehr - auch hier versagen die Geschichtsbücher die Auskunft darüber, wann das Recht im Kapitalismus seinen Charakter geändert hat. Indem HUFF- SCHMID in bekannter Manier die Form des Rechts von seinem Inhalt trennt und einen Gegensatz zwischen der Klassenherrschaft des Ka- pitals und der Existenz des freien Lohnarbeiters als Staatsbürger entdeckt, gelingt es ihm, die Gewalt des Staates gegen die Arbei- ter in ein Bollwerk gegen die Macht der Monopole zu verwandeln. Daß das Recht die Arbeiter vor der maßlosen Ausbeutung des Kapi- tals schützt, w e i l das Kapital sich mittels Ausbeutung der Arbeiter verwertet, ist für HUFFSCHMID Grund genug, die Vorteile hervorzuheben, die der Staat den Arbeitern bringt. Er fordert sie deshalb auf, am Recht festzuhalten gegen den Versuch der Mono- pole, "den politischen Spielraum (!) der bürgerlichen Demokratie einzu- schränken, jene demokratischen Rechte und Freiheiten zu beschnei- den oder gar abzuschaffen (!) die das politische und rechtliche Medium der Durchsetzung der Bourgeoisie gegenüber den Feudalge- walten waren" (warum wohl?), "die aber mit den zunehmenden Schwierigkeiten der Kapitalverwertung in immer stärkerem Maße zum Medium der Gegenwehr der werktätigen Bevölkerung ... gegen seine Ausbeutungs- und Herrschaftsmethoden (!) werden." (76) Und da müssen wir HUFFSCHMID einmal ausnahmsweise Recht geben: denn wer sich mittels des Rechts gegen die Ausbeutungsmethoden des Kapitals wehrt, der wehrt sich eben nicht dagegen, daß er ausgebeutet wird, der setzt sich für die vom Staat geregelte, be- schränkte Ausbeutung ein und kämpft für den politischen Spiel- raum, in dem die Arbeiter sich als Arbeiter gleichberechtigt ne- ben allen anderen Bürgern dieser Gesellschaft tummeln dürfen - nach Feierabend, versteht sich. In seiner Begeisterung für das Recht läßt sich HUFFSCHMID auch dadurch nicht irre machen, daß "in diesem Jahrhundert schon demokratische Rechte und Freiheiten in den imperialistischen Metropolen nicht nur nicht abgeschafft. sondern sogar erst eingeführt worden sind." (77) Im Gegenteil: daß die Verteidigung der Rechte der Arbeiter immer nichts anderes zuwegebrachte als die Sicherung ihres Rechts dar- auf, Arbeiter zu sein, inspiriert HUFFSCHMID zur Entdeckung eines neuen Gegensatzes: "Die reale Entwicklung des Kapitalismus in diesem Jahrhundert ist nicht mehr (!) das Ergebnis der inneren Widersprüche und Tenden- zen des Kapitals allein, s o n d e r n ist auch maßgeblich be- stimmt worden durch die Kräfte der Arbeiterklasse und der demo- kratischen Bewegungen, die gegenüber reaktionären Tendenzen des Monopolkapitals bestimmte demokratische Positionen behaupten und erweitern konnten." (78) HUFFSCHMID lobt den Kapitalismus dafür, daß er den Arbeitern we- nigstens noch erlaubt, für ihre Reproduktion zu kämpfen - und daß der Arbeiterbewegung selbst angesichts der Abneigung des Kapitals gegenüber der Demokratie, wann immer sie benutzt wurde, immer nichts anderes eingefallen ist, als dann eben die Demokratie hochzuhalten und den bürgerlichen Staat dafür zu preisen, daß die Arbeiter, wenn sie ihre Interessen schon nicht durchsetzen kön- nen, sie doch wenigstens artikulieren dürfen, bewegt HUFFSCHMID nicht zum Zweifel am Sinn und Zweck solcher Politik. Er hält an seinem Lob der Arbeit fest und an dem Interesse, das diesem Lob zugrundeliegt: dem Interesse an gesicherter Reproduktion derer im Kapitalismus, denen der K a p i t a l i s m u s die Reproduk- tion nicht sichert. Der "übergeordnete Standpunkt", dessen Fehlen HUFFSCHMID in der Realität bemängelt, ist sein eigener: es ist der Standpunkt des b e s s e r e n S t a a t e s, der endlich dazu übergehen soll, angesichts der Art und Weise, w i e der Kapitalismus funktioniert, für sein a n d e r e s Funktionieren zu sorgen. Angesichts des Zugriffs der Monopole auf die staatli- che Politik fordert HUFFSCHMID eine Strategie der Arbeiterbewe- gung, die im Interesse der Arbeiter den Staat am Funktionieren hält und so deren Ausbeutung, wenn schon nicht abschafft, so doch erträglich, geregelt und sicher gestaltet. Mit der Formulierung seines Ideals vom Staat vollzieht HUFFSCHMID den Übergang von der theoretischen in die praktische Abteilung seiner Wissenschaft. Er stellt Überlegungen darüber an, wie der größere Nutzen, den er für die Arbeiter vom Kapitalismus will, für diese auch zu erlangen sei, und kalkuliert dabei alle Bedin- gungen ein, die sich einem solchen Vorhaben in den Weg stellen könnten. Und da diese Bedingungen eben die Bedingungen des Kapi- tals sind, gestaltet sich der Nachweis, daß HUFFSCHMID's Inter- pretation des Kapitalismus den Arbeitern auch etwas bringt, recht dornenreich - und bestätigt zugleich unsere schon gewonnene Er- kenntnis, daß das bloße N i c h t a k z e p t i e r e n des Profitmechanismus an dessen Wirksamkeit wenig ändert. Alternativen der Gerechtigkeit ------------------------------ Sind HUFFSCHMID's wissenschaftliche Anstrengungen zur Erklärung von Ware, Profit, Monopolen und Staat allesamt von der Intention getragen, den Nutzen plausibel zu machen, den die Arbeiter aus seiner Analyse ziehen können, so überlegt er auch, wie man den ökonomischen Gegenständen, von denen er selbst aussagt, daß sie der Schaden der Arbeiter sind, nicht doch noch einer Verwendung zuführen könnte, in der sie ihnen nutzen. Es ist nicht zufällig, daß solche praktischen Vorschläge sich zu einer Zeit häufen, in der es um die Ökonomie schlecht steht - weil HUFFSCHMID die Krise für ein besonderes Zeichen der Kritikwürdigkeit des Kapitalismus hält, hält er sie auch für den geeigneten Zeitpunkt, Konsequenzen dieser Kritik vorzuschlagen, die zur Beseitigung solch mißlicher Seiten dieser Gesellschaft führen sollen. HUFFSCHMID beginnt seine praktischen Vorschläge mit einer Kritik an der etablierten Wissenschaft, die in ihren Theorien das prak- tische Interesse des Staates am Funktionieren der Ökonomie formu- liert. Nicht, daß und wie sie dies tut, ist ihm dabei Grund zur Kritik, sondern die Tatsache, daß sie die ihr gestellte Aufgabe nicht löst. HUFFSCHMID wirft der herrschenden Volkswirtschafts- lehre "wissenschaftliche Hilfslosigkeit" vor (79) und begründet so die Tatsache, daß die Nationalökonomie über die theoretische Reproduktion dessen, was der Staat ohnehin schon tut, nicht hin- auskommt - will sie doch dem Staat zur Verbesserung s e i n e r Funktion verhelfen, - aus theoretischen Fehlern. Daß dies seine Kritik an ihr ist, ergibt sich bereits aus seinem eigenen Aus- gangspunkt: gilt ihm das, was der Staat t u t, als dessen man- gelhaftes Funktionieren, so unterscheidet er sich in seinen prak- tischen Vorschlägen für alternatives staatliches Handeln von der bürgerlichen Ökonomie nicht durch das Prinzip, mit dem er den Staat kritisiert, sondern nur durch sein anderes Interesse. Geht es der bürgerlichen Ökonomie darum, das Funktionieren des Kapi- tals zu befördern, weshalb sie alle ökonomischen Phänomene auf die Bedingungen ihres Funktionierens abklopft, um zu der Aussage zu gelangen, daß alles, wie es funktioniert, immer noch am besten sei, so interessiert sich HUFFSCHMID für ein a n d e r e s Funktionieren des Kapitals und b e m ä k e l t infolgedessen alle W i r k u n g e n der ökonomischen Gegenstände, die die bürgerliche Ökonomie lobt. Seine Kritik am Sachverständigenrat bedient sich der Form, in der die bürgerliche Wissenschaft selbst um Interessen streitet: HUFFSCHMID bemängelt die Art und Weise, wie der Sachverständigenrat B e g r i f f e verwendet: "In der Diagnose wird der Begriff des Aufschwungs bzw. der Krise noch einmal sehr deutlich... Aufschwung bedeutet im Klartext nur noch (!) Aufschwung der Gewinne und vielleicht (?) der Produk- tion, Krise ist entsprechend als Krise der Gewinne und daraus folgend der Produktion zu verstehen." (80) HUFFSCHMID hat in seiner Wissenschaft bereits bewiesen, daß für ihn Begriffe das bedeuten, was man sich von ihnen wünscht. Er will, daß Aufschwung und Krise etwas anderes sind, als sie sind, und gibt deshalb der falschen Definition dessen, was sie sind, schuld an den unwirksamen Vorschlägen der bürgerlichen Ökonomie. Wo die herrschende Wissenschaft das praktische Interesse des Staates am Florieren der Wirtschaft ausspricht und daraus die entsprechenden Vorschläge für das staatliche Handeln ableitet, wirft HUFFSCHMID ihr vor, daß mit der propagierten Forderung der Gewinne doch gar nicht gewährleistet sei, daß auch s e i n e Ziele erreicht würden: "Der immer wieder zu Legitimationszwecken bemühte Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Unternehmergewinne und der materiel- len Lage der Bevölkerung gilt offensichtlich nur in einer Rich- tung: Wenn die Gewinne nicht hoch genug sind, tritt auch die Krise für den Lebensstandard der Bevölkerung ein; es gilt aber nicht umgekehrt, daß Steigerung der Gewinne auch... bessere mate- rielle Lage der Bevölkerung bedeutet. Die Koppelung der Lage der Massen an die Entwicklung der Gewinne wird so auch durch die Aus- sagen des Sachverständigenrats selbst widerlegt (!)." (81) Die von HUFFSCHMID selbst konstatierte Offensichtlichkeit dieses Zusammenhangs ficht ihn nicht an: wo Ökonomen und Politiker land- auf, landab verkünden, daß höhere Gewinne die Arbeitslosigkeit n i c h t beseitigen, aber o h n e Gewinne nun schon gar nichts zu machen sei, behauptet HUFFSCHMID diesen erneuten Beleg dafür, daß die Reproduktion der Arbeiter nur interessiert, wenn sie als Mittel für das Kapital nützt, als Argument gegen diesen Zusammenhang - und macht sich daran, einen Weg aus der Krise zu ersinnen, der den Arbeitern nützt. Er wirft der herrschenden Wis- senschaft vor, daß sie an der Lage der Arbeiter nicht interes- siert ist - eine Tatsache, die sie selbst täglich ungerührt aus- spricht - und daß d e s h a l b auch die an ihr orientierte Wirtschaftspolitik gegen die Krise nichts nützt: "Bisher haben weder der Einsatz von Massenarbeitslosigkeit als wirtschaftspolitische Strategie gegen die Krise der Gewinne noch die rund 10 Mrd. DM, die den Unternehmern als Gewinnstütze zu- fließen sollten, den propagierten Stabiliderungserfolg gehabt", (82) HUFFSCHMID kritisiert an der Massenarbeitslosigkeit nicht, daß es den Arbeitslosen dreckig geht, sondern erfindet die Lüge, daß sie als Mittel für die Krisenbewältigung nicht taugt. An der Tatsa- che, d a ß es Aufgabe des Staates ist, in der Krise den Unter- nehmern alle Hindernisse für den Gewinn aus dem Wege zu räumen - d.h. die Arbeiter stillzuhalten und den Unternehmern Angebote zu machen in der Hoffnung, daß diese sie auch annehmen -, stört HUFFSCHMID, daß der Staat mit dieser Strategie nicht zum Ziel kommt. Deshalb gilt ihm die Politik der Regierung als Anzeichen von Ratlosigkeit: "Ist die wirtschaftliche Lage der BRD durch eine weitere Ver- schärfung der Krise... gekennzeichnet, so die wirtschaftspoliti- sche Konzeption der Bundesregierung durch tiefgreifende R a t l o s i g k e i t angesichts der Tatsache, das die konzep- tionelle Grundlage aller wirtschaftspolitischen Orientierungen offensichtlich hinfällig ist: diese Grundlage ist das Konzept (!) vom Zusammenhang zwischen Gewinnen, Investitionen, Produktion und Beschäftigung in der Marktwirtschaft." (83) Der Staat sorgt mit Gewalt dafür, daß die "Selbstheilungskräfte des Marktes" zum Zuge kommen, indem er gegen die vorgeht, denen diese Selbstheilung schadet (selten durfte man einen weniger rat- losen Staat erleben als den von der SPD geführten in der Krise!); und diesen Umstand nimmt HUFFSCHMID zum Anlaß zu bemäkeln, daß der staatlichen Politik eine falsche T h e o r i e zugrunde- liegt, und fordert vom Staat die Anwendung eines anderen Kon- zepts, nämlich das, was HUFFSCHMID vertritt. Er ist dagegen, daß "Gewinnzuschüsse für die Unternehmer vergeben wurden, ohne das irgendeine Kontrolle darüber ausgeübt wurde, ob die zusätzlichen Mittel auch wirklich (!) zur Einstellung von Beschäftigten ver- wandt wurden oder stattdessen nur rationalisiert wurde." (84) Nun hat auch noch niemand behauptet, daß der Zweck solcher Maß- nahmen die Sicherung der Reproduktion der Arbeiter ist - im Ge- genteil: allseits wird versichert, daß man sich nun einmal mit einer Million Arbeitslosen im Interesse des Wachstums abzufinden habe. HUFFSCHMID meint, daß es der Zweck des Kapitalismus sein sollte, daß die Arbeiter etwas zum Leben haben: er wirft dem Staat "Fehler" vor und appelliert an ihn, er solle, wenn er die Wirtschaft wirklich aus der Krise führen wolle, doch lieber Maß- nahmen für die Arbeiter ergreifen statt gegen sie. Zu diesem Zweck entwirft HUFFSCHMID selbst Vorschläge - auf die der Staat, wie er selbst bedauernd feststellt, allerdings nicht hört. (85) Solche Alternativvorschläge sind nach HUFFSCHMID nötig, weil die sozialliberale Koalition ihre Reformversprechen nicht eingehal- ten, ja sogar "gesetzlich abgesicherte" (!) (86) Verbesserungen zurückgenommen habe (HUFFSCHMID erschrickt darüber, daß sich der Staat das Recht herausnimmt, Gesetze zu ändern, die er selbst ge- macht hat!) und dies auch noch mit "Demagogie und dummdreister Polemik" rechtfertige: "Diese unseriösen (!) Argumentationen sind umso erschreckender (!), als es doch (!) gerade (!) die sozialliberale Koalition war, die neben mehr Sozialstaatlichkeit auch mehr Liberalisierung (!) und Demokratisierung des politischen Klimas in der BRD verspro- chen hatte." (87) HUFFSCHMID jubelt der Partei, die gegenwärtig die wirtschaftspo- litische Vernunft gegen die Arbeiter durchsetzt, sein Interesse an dieser Gesellschaft unter: er verharmlost ihre Politik zur Un- seriosität einiger Politiker, indem er ihnen vorwirft, sich an ihre eigenen Versprechungen nicht gehalten zu haben. Ihn er- schrickt, daß die SPD bösartigerweise sein Interesse nicht ver- wirklicht hat, weshalb er auch behauptet, sie habe ihre Wähler getäuscht Wieder einmal muß man bezweifeln, ob HUFFSCHMID je et- was anderes liest als seine eigenen Schriften und die anderer marxistischer Ökonomen. Ein SPD-Programm hat er sicherlich noch nicht in der Hand gehabt, denn diese Partei unterläßt es nie, deutlich zu machen, daß sie mit ihren Reformversprechen die Ideale ihrer Politik formuliert, die sie zur Fortführung einer Politik, die sich den praktischen Notwendigkeiten unseres Wirt- schaftssystems unterwirft, eben braucht - daß die SPD also nicht für die Umstände verantwortlich zeichnen will, die sie ständig zur Nichtverwirklichung ihrer Ideale - zum Wohle des Ganzen - veranlassen. Hat HUFFSCHMID so nachgewiesen, daß die SPD selbst das nicht ge- tan hat, was sie eigentlich tun wollte, und ihr damit "reformistische Hilflosigkeit" (88) attestiert (auch nach der hat man in der Krise vergeblich fahnden können!), so ist damit auch die M ö g l i c h k e i t einer anderen Wirtschaftspolitik be- wiesen. Für die von HUFFSCHMID entwickelte Alternative leistet ihm die oben dargestellte Erklärung der Krise aus der mangelhaf- ten Verteilung des Produktionsergebnisses gute Dienste: er gräbt das uralte Argument der Steigerung der Massenkaufkraft zur Über- windung der Krise aus, das bereits seit 1867 widerlegt ist - was allerdings kein Argument dagegen ist, daß es immer wieder auf den Tisch kommt: erzeugt doch die bürgerliche Gesellschaft immer wie- der dieselben Varianten ihrer falschen Kritik, deren theoretische Widerlegung schon MARX geleistet hat. (89) Daß Löhne eben Kosten s i n d und die Erhöhung der Kosten die Unternehmer nicht aus der Krise bringt, sind sie doch eben w e g e n deren Erhöhung in die Krise geraten - diese simple Feststellung kann keinen überzeugen, der es sich nun einmal in den Kopf gesetzt hat, daß doch ein Kapitalismus möglich sein muß, von dem die Arbeiter et- was haben. Daß eine "Verzichtsstrategie der Gewerkschaften" sich für die A r b e i t e r nicht auszahlt - "sie verhindert die Verschlechterung der materiellen Lage der Be- völkerung nicht" (9O) - ist HUFFSCHMID nicht Anlaß zur Kritik der Tatsache, daß die Ar- beiter in ihrem Kampf um ihre Reproduktion ständig abhängig blei- ben von denen, gegen die sie kämpfen, sondern dient ihm zum Nach- weis, daß dann doch eine Offensivstrategie der Gewerkschaften auch für das K a p i t a l von Vorteil sein müsse. HUFFSCHMID hält es offensichtlich für eine Kritik an der Gewerkschaft, daß radikalere Forderungen "die Wirtschaft" kaputtmachen, und bemüht sich deshalb nachzuweisen, daß eine Verbesserung der Lage der Werktätigen durchaus auch zum besseren Funktionieren des Gesamt- systems beitrage: "Eine wirksame, vernünftige (!) und soziale Wirtschaftspolitik ist aber auch (!) unter den gegenwärtigen, sehr schwierigen Be- dingungen m ö g l i c h; allerdings nur, wenn die Unternehmer nicht mehr hofiert, sondern energisch - bei Strafe (!) finanziel- ler Verluste und politischer Eingriffe - veranlaßt werden, die von ihnen so gern apostrophierte 'gesamtwirtschaftliche Verant- wortung' auch tatsächlich wahrzunehmen." (91) Nun wird keiner den Unternehmern vorwerfen können, sie hätten nicht i h r e gesamtwirtschaftliche Verantwortung wahrgenommen: sie haben alles getan, was sie konnten, um die Arbeiter zu zwin- gen, wieder so billig ihre Arbeit zu verkaufen, daß es mit der Wirtschaft wieder aufwärts gehen kann. HUFFSCHMID will aber einen Aufschwung, von dem diejenigen was haben, auf deren Ausbeutung er beruht. Deshalb bemüht er sich um die Realisierung einer Wirt- schaftspolitik, die darin besteht, an die Stelle jeder Maßnahme der Regierung ihr Gegenteil zu setzen. Bei diesem Geschäft läßt es HUFFSCHMID an staatsbürgerlichem Verantwortungsbewußtsein nicht fehlen. Z.B. vermag er dem Sozialversicherungssystem der BRD, mit dem die Arbeiter sich mit einem Teil ihres Lohns auf einen Zustand der Arbeitslosigkeit oder Invalidität einrichten müssen, seine Anerkennung nicht zu versagen - ist es doch "relativ breit und durchaus eine Errungenschaft" (92) -, hat al- lerdings daran zu mäkeln, daß es "bei außergewöhnlicher Beanspru- chung teilweise zurückgenommen wird." Daß das Sozialversiche- rungssystem nicht den Nutzen bringt, den er von ihm erwartet, ist ihm mitnichten Anlaß, über d e s s e n Nutzen Überlegungen an- zustellen - er überlegt, wie denn ein anderer Nutzen herstellbar und vor allem b e g r ü n d b a r wäre, und dazu läßt er sich einiges einfallen. Die "Dehnung der Zumutbarkeitskriterien" (93) bei Arbeitsplatsangeboten ist ihm nicht nur aus "sozialen", son- dern auch aus "arbeitsmarktpolitischen" Gesichtspunkten ein Dorn im Auge, nützt es doch auch der Gesamtwirtschaft, wenn den Arbei- tern Gelegenheit zur Umschulung gegeben wird. Und auch das Kapi- tal hat schließlich Vorteile davon, wenn die Arbeiter mehr Ar- beitslosengeld erhalten - wird dadurch doch vermieden, daß "der durch solche Einschränkung hervorgerufene Ausfall an priva- ter Konsumnachfrage die wirtschaftliche Krise noch verschärft." (94) HUFFSCHMID macht sich Sorgen darum, daß das Kapital sein Zeug auch loswird - weshalb er dem Kapital kurzerhand ein Interesse daran unterstellt, daß die Arbeiter sich, o h n e arbeiten zu gehen, halbwegs ernähren können. Die Kürzung von Bafög und Graduierten-Förderung schließlich ist HUFFSCHMID nicht nur deshalb ein Mißstand, weil sie "unsozial", sondern vor allem, weil sie kurzsichtig ist: "Unsozial deshalb, weil sie... die Ausbildung produktiver (!) und intellektueller Fähigkeiten, die d i e Gesellschaft zu ihrer eigenen Reproduktion braucht, dem Einzelnen aufbürden... Kurz- sichtig, weil sie den Anreiz (!) zur intellektuellen Ausbil- dung... und damit zur Hebung des allgemeinen Qualifikationanive- aus für möglichst viele stark einschränken würde, was langfristig der Qualität der wissenschaftlichen Entwicklung und d e m tech- nischen Fortschritt äußerst hinderlich sein müßte." (95) Indem HUFFSCHMID erneut den Kapitalismus seiner Bestimmtheit ent- kleidet und ihn in die Gesellschaft umtauft, eröffnet er sich die Möglichkeit, dem Kapital Vorschläge zu machen, wie es zum eigenen Nutzen seine Arbeitskräfte heranziehen kann und bemängelt, daß der Staat sich um das Qualifikationeniveau derer nicht sorgt, die vom Kapital später angewandt werden - und wo kommen auch die Mo- nopole hin, wenn es die Qualifikationen nicht gibt, die sie brau- chen! Die Quadratur des Kreises, um die HUFFSCHMID sich hier bemüht, versagt sich der Lösung: einerseits ist die Krise die "Krise des Profits", andererseits hat sie die Verschlechterung der Lage der Arbeiter zur Folge, weil deren Reproduktion davon abhängig ist, ob das Kapital ihre Arbeit braucht. HUFFSCHMID will den Nutzen der Arbeiter vermehren, ohne an dieser Abhängigkeit etwas zu än- dern; deshalb leugnet er entweder die Abhängigkeit der Reproduk- tion der Arbeit vom Kapital - was zu der Forderung führt, das Ka- pital solle Kapital bleiben und zugleich aufhören, sich als Kapi- tal zu betätigen; oder er will die Abhängigkeit so verändern, daß sie beiden nützt - was zur Konsequenz führt zu fordern, daß das Kapital nicht nur ein Interesse an der Vermehrung des eigenen Profits, sondern an der Beseitigung der Krise zum Wohle der Ge- sellschaft entwickeln solle. HUFFSCHMID merkt selbst, daß die Forderungen, die er im Interesse der besseren Reproduktion der Arbeiter stellt, stets solche sind, die ihr nur dann nützen, wenn sie dem Kapital nicht schaden. So betont er stets, daß seine Vor- schläge alle gegen das Kapital durchgesetzt werden müssen und un- terläßt es nie, gleichzeitig darauf hinzuweisen, daß ihre Durch- setzung dem Kapital nicht schadet. Eine "wirksame Beschäftigungs- politik" (96) - ist sie schon nicht ohne die Unternehmer zu ma- chen - "die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse verbieten es, die Unternehmen durch Gesetz... zu zwingen, mehr Arbeitskräfte einzu- stellen" (97), kann durchaus beiden Seiten nützen: "die Regierung k ö n n t e durch geeignete wirtschaftspoliti- sche Maßnahmen einerseits die Gewinne der Unternehmen steigern und gleichzeitig durchsetzen, daß auch Produktion und Beschäfti- gung steigen", (98) wenn sie nur wollte. Liegt es so am guten Willen der Beteiligten, welche Eigenschaften des Kapitalismus unabänderlich und welche veränderbar sind, so ist es auch nicht einzusehen, warum sich Un- ternehmen nicht mit der von HUFFSCHMID für notwendig befundenen Preiskontrolle abfinden sollten, wenn ihnen nur klargemacht wird, daß sie ihnen auch nützt: "Die Unternehmen lieben (!) Preiskontrollen ebensowenig wie Pro- duktions- und Beschäftigungsauflagen" (und die Zuneigung der Leute zu ökonomischen Gegebenheiten bestimmt ja auch, wie wir wissen, deren Wirkungen !), "am wenigsten die Monopole, die vom Fehlen solcher Auflagen am meisten profitieren" (klar: bekannt- lich haben ja die produktivsten Unternehmen die größten Stückko- sten !); "wenn die weitere Kapitalverwertung jedoch politisch (! ) an solche Bedingungen gebunden, aber dadurch nicht verunmög- licht wird, werden sie auch mit solchen Auflagen leben können." (99) Hat HUFFSCHMID gezeigt, daß seine wirtschaftspolitischen Alterna- tiven von gesamtwirtschaftlichem Nutzen sind, so kann es nicht ausbleiben, daß er sich auch noch den Kopf des Staates darüber zerbricht, wo denn das Geld herkommen soll für solche antikapita- listische Politik, die dem Kapital nicht weh tun will. Mit dem Nachsinnen darüber, wie denn der Staat seine "wirksame Sozialpo- litik" am besten finanziert, vollzieht HUFFSCHMID den Schritt zu den reaktionären Konsequenzen seiner fortschrittlichen Alterna- tive; Konsequenzen, die verdeutlichen, daß ihm die Beschränkung der Arbeiter durch den Staat kein Problem ist, solange diese ei- nem guten Zweck dient. Er überprüft voll Sorge darum, ob der Staat das auch wirklich bezahlen kann, was er von ihm will, die Einkommensquellen die der Staat h a t. Da darf zur Begründung einer anderen V e r w e n d u n g der Steuern das bekannte Ar- gument der Senkung der Rüstungsausgaben nicht fehlen (100) - als gäbe es keinen G r u n d dafür, daß der Staat eben dort spart, wo seine Ausgaben nicht zum Steigen der Gewinne beitragen, und als sei der Militärapparat imperialistischer Staaten bloß das Steckenpferd überalterter Generäle. Und in seinem Bemühen um re- alistische Vorschläge sorgt sich HUFFSCHMID auch darum, daß dem Staat sein Steuer a u f k o m m e n erhalten bleibt: er erläßt zugleich mit seiner Forderung nach Sicherung des Lebensstandards der Arbeiter auch Vorschriften darüber, wofür diese ihr Geld aus- geben dürfen: "... die allgemeine Erhöhung der Mehrwertsteuer ist entschieden abzulehnen ... Es ist im Gegenteil sogar zu fordern und reali- sierbar, die Mehrwertsteuer auf die Güter des dringendsten Le- bensbedarfs... ganz zu streichen... Es könnte eine sinnvolle Lö- sung sein, zur Kompensation des Einnahmeausfalls... die Sätze für hochwertige und Luxusgüter - vom Farbfernseher bis zur Luxusjacht - drastisch heraufzusetzen. In diesem Falle würde es sich um eine konjunktur- wie sozialpolitisch äußerst sinnvolle Umstrukturie- rung... ohne Aufkommenswirkungen handeln." (101) So gibt HUFFSCHMID zu erkennen, daß in einem ordentlichen Staat, auch das bißchen Luxus, das sich die Arbeiter noch leisten kön- nen, um der Gerechtigkeit halber eingeschränkt gehört - wo kämen wir denn da hin, wenn die Arbeiter aus der Forderung nach Verbes- serung ihrer materiellen Lebensverhältnisse die Konsequenz zögen, etwa gar Farbfernseher haben zu wollen. Mehr als da ist, kann nicht verteilt werden, und da es eben vom Profit abhängig ist, wieviel da ist, kann die Gerechtigkeit in der Krise auch nur darin bestehen, daß es in ihr allen gleich schlecht geht. Vorwärts im Kampf um die gerechte Ausbeutung -------------------------------------------- Alles Vorzeigen staatsbürgerlicher Gesinnung und gesamtwirt- schaftlichen Verantwortungsbewußtseins ändert nichts daran, daß die von HUFFSCHMID vorgeschlagene Politik den Arbeitern nützen soll und deshalb gegen das Kapital gerichtet ist. Und so ist die Durchsetzung solcher Politik auch nur mit denen möglich, für die sie gut sein soll: HUFFSCHMID stellt Überlegungen darüber an, wie die Arbeiter zum Einsatz für die Vorschläge zu gewinnen sind, die ihre Reproduktion verbessern sollen: "Die Adressaten dieser Alternative sind... vor allem die von der Krise und der Krisenpolitik der Bundesregierung in erster Linie Betroffenen; ... denn nur sie werden der massiven Verschlechte- rung ihrer Lebensbedingungen... entgegentreten können, indem sie gegen das Interesse des Kapitals ihr Interesse setzen und dieses auch gegenüber der Bundesregierung durchsetzen." (102) Für seinen Zweck, die Arbeiter zum Kampf gegen das Kapital für das bessere Funktionieren der Gesellschaft zu gewinnen, ist HUFF- SCHMID die Krise zunächst einmal wieder nützliches Instrument - macht sie doch den Leuten erst so richtig klar, daß es ihnen schlecht geht. Allerdings hat die Krise eine doppelte Wirkung: einerseits ist "der Kampf der demokratischen und fortschrittlichen Kräfte unter den Bedingungen der Krise schwieriger geworden" (103), andererseits muß dies aber nicht so sein, wie die Entwicklung in Frankreich und Italien zeigt. Deshalb ist die Krise eigentlich doch eine günstige Bedingung für fortschrittliche Politik: "Die gegenwärtige ökonomische Krise in der BRD findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem der Kapitalismus zwar weltweit auf dem Rückzug ist und in einer schweren ökonomischen und politischen Krise steckt (!), während die Kräfte der Demokratie und der Ar- beiterbewegung Boden gewinnen, an dem in der BRD jedoch die Kräfte und (!) Organisationen der fortschrittlichen Strömungen noch relativ schwach sind, die Gewerkschaftsbewegung noch über- wiegend reformistischen Kurs steuert, die SPD noch (!) weitgehend in antikommunistischer Verhärtung verharrt und die kommunistische Bewegung noch sehr jung und wenig entwickelt ist." (104) HUFFSCHMID untersucht die Krise als Bedingung antikapitalisti- scher Politik und entdeckt, daß sie eine Bedingung ist - und Be- dingungen haben nun einmal die unangenehme Eigenschaft, sämtliche Möglichkeiten offenzulassen. Deshalb hegt HUFFSCHMID einige Hoff- nung, daß die Entwicklung auch hier so laufen möge wie anderswo; und um zu betonen, daß dies möglich ist, fügt er jedem Tatbestand ein "noch" hinzu: schließlich könnte es ja sein, daß die Gewerk- schaften irgendwann vergessen, daß sie für das Gedeihen des Kapi- tals die Interessen der Arbeiter opfern, und auch die SPD könnte sich eines Tages besinnen, daß sie eigentlich lieber für statt gegen die Kommunisten ist ... Um die erklärten Gegner der eigenen Politik zum Bündnispartner zu gewinnen, ist eine Strategie vonnö- ten - allerdings nicht eine, die den Grund für die Krise beseiti- gen will: "Die Klarstellung des gesetzmäßigen Zusammenhangs zwischen Kapi- talismus und Krise darf sich nicht mit diesem prinzipiellen sta- tement begnügen, aus dem sich auf dieser Ebene ... nur (!) die prinzipiell richtige Schlußfolgerung ziehen läßt, daß dann eben zur Vermeidung von Krisen (!) der Kapitalismus abgeschafft werden müsse. Die prinzipielle Richtigkeit dieser Forderung ändert nichts an ihrer politischen Irrelevanz unter den gegenwärtigen Bedingungen in der BRD." (105) HUFFSCHMID spricht selbst noch einmal aus, daß ihn am Kapitalis- mus nur die Krisen stören - ginge es ohne sie, dann bräuchte er nicht abgeschafft werden. Deshalb hat er auch nicht vor, der von ihm als "prinzipiell richtig" titulierten und damit in das Reich der Theorie verbannten Forderung zur Relevanz zu verhelfen - z.B. dadurch, daß er mal darüber nachdenkt, warum in der Krise die Ar- beiter mal sich einschüchtern lassen, mal um ihre Interessen kämpfen. Ihn interessiert das, was die Arbeiter tun, ohnehin nur als Bedingung der Durchsetzung s e i n e r praktischen Vor- schläge - ihm geht es darum, "eine politische Bewegung gegen die breiteste Kreise der Bevölke- rung betreffenden F o l g e n der kapitalistischen Krise zu fördern ..., eine Bewegung, die dann freilich (!) auch (!) ein Schritt auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus ists, (106) Wie ein Kampf gegen die Folgen einer Ursache zugleich Mittel ge- gen die Ursache sein soll, bleibt das Geheimnis HUFFSCHMID'scher Logik. Mit diesem Taschenspielertrick entledigt er sich der Auf- gabe zu untersuchen, warum die Arbeiter trotz aller Benachteili- gung durch die Krise noch nicht auf die Idee gekommen sind, etwas gegen sie zu unternehmen, zugunsten des uns schon bekannten kon- struktiven Programms, mittels dessen den Arbeitern klargemacht werden soll, daß es sich lohnt, etwas für die eigenen Interessen zu tun, ohne das Kapital abzuschaffen, das ständig verhindert, daß sie ihre Interessen realisieren. Nun ist der Nachweis, daß der Kampf für ein gerechteres Funktionieren des Kapitalismus den Arbeitern nützt, nicht eben leicht zu führen - muß ihnen doch klargemacht werden, daß der Kampf um die Durchsetzung ihres Re- produktionsinteresses gegen das Kapital zugleich die vom Kapital diktierten Bedingungen verbessert, unter denen sie Arbeiter sind. Der "gewerkschaftliche Kampf um die Erhaltung und Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der Werktätigen, der mit aller Kon- sequenz zu führen" (107) ist, rechtfertigt sich deshalb nicht etwa bloß damit, daß die Leute das Geld eben brauchen. Dieser Kampf soll gleichzeitig das Mittel sein, die Bedingungen zu verändern, unter denen die Arbei- ter Arbeiter sind. Hier muß HUFFSCHMID allerdings zugeben, daß die Verzichtspolitik der Gewerkschaften den U n t e r n e h- m e r n tatsächlich aus der Krise hilft und so auch die B e d i n g u n g e n für das Erzielen höherer Löhne verbessert; weshalb seine Kritik an diesem Zusammenhang auch nur ist, daß es ja wieder eine Krise geben wird - "eine solche Verbesserung ist zwar durchaus denkbar, kann aber wiederum nur kurzfristigen Charakter haben und ist von neuen Kri- sen bedroht" (108) - eine Tatsache, die jedem Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft durchaus vertraut ist, weshalb auch jeder dafür Sorge zu tragen versucht, daß es i h n nicht trifft. Daß es sonst w i e d e r eine Krise gibt, ist das Argument, mit dem die Arbeiter dazu ge- bracht werden sollen, in der Krise zu kämpfen - ein Argument, das die Tatsache nicht entkräftet, daß der Kampf der Arbeiter in der Krise diese noch verschärft: "Freilich wird eine solche konsequent gewerkschaftliche Interes- sensvertretung die gegenwärtige Krise weder lösen noch mildern... Der Kampf um Aufrechterhaltung und Steigerung des realen Lebens- standards verstärkt auf der einen Seite die Krise des Kapitals, verbessert aber auf der anderen Seite auch die Ausgangsbedingun- gen für die Beseitigung der Krisen durch die Beseitigung des sie produzierenden Mechanismus." (109) Das Verkünden der Absicht, die Arbeiter erst einmal gegen die Folgen der Krise kämpfen zu lassen, im ihnen daran die Notwendig- keit aufzuzeigen, gegen die Ursache zu kämpfen, läßt nur einen Schluß zu: HUFFSCHMID hält die Arbeiter für zu blöd, den eigent- lichen Sinn des Kampfes, in den sie geführt werden, zu erkennen. Deshalb muß ihnen auch erst "einsehbar" gemacht werden, daß es beim Kapital etwas zu holen gibt: "Die Einsicht in die gesellschaftliche Polarisierung" (offen- sichtlich haben die Arbeiter noch nicht gemerkt, daß sie n i c h t das Kapital sind!), "die sich in der Kontinuität (!) der Gewinnerzielung der Konzerne inmitten der Krise ausdrückt, liefert zugleich sichtbare (!) und einsehbare Ansatzpunkte für den Kampf um die Erhaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen der Werktätigen." (110) Nicht, d a ß das Kapital sich durch Ausbeutung der Arbeitskraft erhält, sondern daß es dies d a u e r n d tut und das sogar noch dann, wenn es den Arbeitern besonders schlecht geht, ist das Argument, das den Kampf gegen dessen Herrschaft begründen soll. HUFFSCHMID's Lob der Arbeit verwandelt sich in die Beschimpfung der Arbeiter, wenn sie i h r Interesse an Reproduktion nicht so verfolgen, wie er sich das vorstellt: weil er nichts dagegen hat, daß sie Arbeiter bleiben, ihnen vielmehr zu einer besseren Exi- stenz als Arbeiter verhelfen will, behauptet er kurzerhand, daß es ihnen nicht um die Erhaltung i h r e r Lebensbedingungen ginge, wenn sie sich dem Kapital unterwerfen. Anstatt die Arbei- ter also dafür zu agitieren, daß sie endlich g e g e n die Le- bensbedingungen kämpfen, die ihnen vom Kapital diktiert werden - also sich in ihrem Kampf um Reproduktion dem Kapital n i c h t unterwerfen, denunziert HUFFSCHMID sie als willen- und bewußtlose Werkzeuge des Profits und fordert sie auf, sich für ihre bessere Ausbeutung einzusetzen. HUFFSCHMID merkt, daß die Arbeiter zur Zeit nicht gegen das Kapi- tal kämpfen wollen - und fordert sie deshalb dazu auf, für etwas anderes zu kämpfen, was sie auch nicht wollen: für eine "Beschneidung der Gewinne", gegen das "h e m m u n g s l o s e, durch den Systemmechanismus erzwungene Gewinnstreben" und schließlich dafür, "Umfang und Produktion nicht mehr ausschließlich am Maximum des Konzernprofits, sondern an bestimmten gesellschaftlichen Bedürf- nissen zu orientieren." (111) Für die Forderung nach ein bißchen weniger Kapitalismus also - eine Forderung, die HUFFSCHMID für "auch denen plausibel, wünschenswert und realisierbar" hält, "die nicht von der Notwendigkeit der Abschaffung des Kapitalismus und der Errichtung des Sozialismus überzeugt sind" (112) sollen die Massen in Gang gesetzt werden. Weil die Arbeiter zu dumm sind, als daß man ihnen klarmachen könnte, woran ihre be- schissene Lage nun wirklich liegt, zieht HUFFSCHMID es vor, sie in bester pädagogischer Manier erst einmal zu erziehen: "... im Kampf um die Realisierung derartiger Forderungen können Lernprozesse" (die Gruppendynamik der Arbeiterbewegung!) "inganggesetzt werden, die eine breite Mehrheit der Bevölkerung von der Notwendigkeit der Abschaffung des Kapitalismus und der Errichtung des Sozialismus überzeugen." (113) Getreu dem Motto: Sagt den Leuten nicht alles, was ihr wißt, es könnte sie erschrecken! verspricht HUFFSCHMID seinen Adressaten dann auch nur ein bescheidenes Ergebnis ihrer Kämpfe: wenn sie schon ausgebeutet werden, dann sollen sie sich wenigstens auf die Bedingungen verlassen können, unter denen dies geschieht - schließlich ist es ja immer noch besser, sich im Produktionspro- zess kaputtmachen zu lassen, als auf der Straße zu liegen: "Der Kapitalismus wäre hiermit noch nicht abgeschafft, aber die Wirksamkeit seines Funktionsmechanismus wäre allerdings spürbar eingeschränkt: in dem Maße, ... wie das Profitprinzip zwar noch (!) existiert, sich aber nicht mehr voll durchsetzen kann, in diesem Maße... könnte der akute Ausbruch von Krisen verhindert und die Lage der Werktätigen und der anderen nichtmonopolisti- schen Teile der Gesellschaft langfristig stabilisiert werden." (114) Der so erreichte funktionierende Kapitalismus ist der Kapitalis- mus ohne Krisen, in dem die Ausbeutung der Werktätigen langfri- stig und stabil vor sich geht, Arbeiter und Kapitalisten wissen, was sie voneinander zu erwarten haben und die Arbeiter jeden Abend beruhigt ins Bett gehen können, weil sie sich sicher sind, daß das Kapital ihre Arbeitskraft auch am nächsten Tag noch brau- chen wird. HUFFSCHMID macht deutlich, daß der Idealismus, in der Wissenschaft aus den untersuchten Gegenständen das zu machen, was man selbst gerne hätte, daß sie seien, mitnichten ein bloß theo- retische Angelegenheit ist. Sein Desinteresse an der Erklärung des Kapitalismus ist dem Interesse geschuldet, das er an ihn heranträgt: die theoretische Vergewaltigung der Realität ist Mit- tel dafür, in ihr den Nutzen derer unterzubringen, die vom Kapi- talismus keinen anderen Nutzen haben als ihre Reproduktion als Mittel des Kapitals. Der Widerspruch, die Arbeiter zu loben, die das Kapital produzieren, und das Kapital zu kritisieren, das von ihnen produziert wird, resultiert in der handfesten Beschimpfung der Arbeiter, weil sie aus ihrer Ausbeutung nicht den Nutzen zie- hen, den HUFFSCHMID will, daß sie ziehen sollten, und in der tat- kräftigen Unterstützung des Kapitals, wenn es den Arbeitern nur etwas mehr zukommen läßt; hier geht es um die Legitimation einer Politik, die das Kapital und seine Gewalt umsichtiger einsetzen will. Marx an der Uni --------------- HUFFSCHMID hat also bewiesen, daß es einem marxistischen Ökonomen nichts ausmacht, eine contradictio in adiecto zu sein. Als Ökonom untersucht er, wie die bürgerliche Ökonomie alle Erscheinungen des Wirtschaftslebens auf den Nutzen, den sie für das Funktionie- ren des Kapitalismus haben; und er sieht wie sie seine vornehmste Aufgabe darin, dem Staat Belehrungen darüber zu erteilen, wie dieser seine Aufgabe, das Kapital Kapital und die Arbeiter Arbei- ter bleiben zu lassen, am wirkungsvollsten erfüllen kann. Als Marxisten allerdings stört ihn am Funktionieren des Kapitalismus, daß er nicht für die funktioniert, für die er Partei ergriffen hat; deshalb dichtet er das Funktionieren des K a p i t a l s zum Nichtfunktionieren der G e s e l l s c h a f t um und hält dem Schaden, den die Ökonomie in dieser Gesellschaft für die Ar- beiter bereithält, den Nutzen entgegen, den er sich für sie wünscht. So setzt sich HUFFSCHMID gleichzeitig ständig von der bürgerli- chen Ökonomie als Marxist ab und biedert sich zugleich ständig als Ökonom bei ihr an: ein Geschäft, das ihm von der bürgerlichen Wissenschaft nicht honoriert wird. Den bürgerlichen Wissen- schaftsbetrieb stört es herzlich wenig, daß die Wissenschaft sol- cher Marxisten mit Marx nichts zu tun hat. Den Bürgern genügt es, daß solche Leute sich auf Marx als Autorität für ihre falsche Wissenschaft zum Nutzen der Arbeiter berufen, um sie als Feinde auszumachen: auch wenn diese Marxisten mit ihren Theorien das Ge- genteil von dem bezwecken, wozu Marx seine Wissenschaft gemacht hat. Die Militanz des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus, die jeden trifft, der sich nicht umstandslos den Standpunkt dieser besten aller Welten zu eigen- macht, belegt auch jene mit ihrem Dogmatismusvorwurf, die sich selbst alle Mühe geben, ihre eigenen und Marx' Aussagen zu relativieren, um so in der institutionali- sierten Wissenschaft Fuß zu fassen. Auch dem Marxisten HUFFSCHMID geht es um seine Anerkennung als Ö k o n o m: und so kann es nicht ausbleiben, daß er sich expli- zit zur Relativierung seiner Theorie bekennt, wenn ihm Gelegen- heit geboten wird, seine Ratschläge an den Staat in das offi- zielle Treiben der ökonomischen Sachwalter des Allgemeinwohls einzubringen. Zu seinem Bemühen, i m Kapitalismus den Nutzen der Arbeiter zu befördern, gehört deshalb auch die Denunziation der eigenen Theorie als einer praktikableren Lösungsmöglichkeit für die Probleme des Kapitals - die wissenschaftliche Erklärung des Kapitalismus verkommt zu einem "werttheoretischen A n- s a t z": "Dieser Ansatz der marxistischen politischen Ökonomie ist Gegen- stand tiefgreifender weltanschaulicher (!) und wissenschaftlicher Kontroversen, er hat aber (!) jedenfalls den Vorzug (!) eines un- bestreitbaren Erklärungswerts für sich..." (115) Diese Selbstbezweiflung wird den marxistischen Ökonomen von der bürgerlichen Wissenschaft nicht gelohnt: das Anpreisen der Marx- schen Theorie als besseres Mittel zur Bewältigung der Probleme der bürgerlichen Gesellschaft verfehlt ihre Wirkung bei denen, denen die Berufung auf MARX Indiz für den Kampf gegen das Kapital ist und nicht für das Interesse, die von ihnen so geschätzte Ge- sellschaft zu vervollkommnen. So nimmt die Fachwelt auch das von HUFFSCHMID mitverfaßte "Gegengutachten" gegen das des Sachver- ständigenrats (116) nur mit Achselzucken zur Kenntnis und vermag darin trotz aller konstruktiven Anbiederei nur einen weiteren Be- weis dafür zu entdecken, daß diese linken Brüder zumindest nutz- los, im schlimmsten Falle aber schädlich sind und ihr Versuch, sich dem Staat als brauchbare Alternative anzudienen, nur die Tarnung dahinterliegender finsterer Absichten ist. Den doppelten Nutzen, den sich die marxistischen Ökonomen von ihrem Geschäft versprechen, erbringt es nicht: weder gelingt es ihnen, sich in der Welt der Wissenschaft und Politik als seriöse Gesprächspart- ner Geltung zu verschaffen, noch nützt ihre Wissenschaft den Ar- beitern. Ihr Verdienst ist ein anderer: sie haben es geschafft, den Pluralismus der bürgerlichen Wissenschaft um eine besondere Sauerei zu bereichern - die Zerstörung der Theorie, die den Kapi- talismus erklärt, um ihn abzuschaffen, ist ihr Mittel, sich als Produzenten immer neuer Theorien zu etablieren. (117) _____ (1) Im Namen der Investitionsneigung. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/1974 S. 1258. Weiterhin zitiert als "Investitionsneigung" (2) Begründung und Bedeutung des Monopolbegriffs in der marxisti- schen politischen Ökonomie. In: das Argument Sonderband 6, S. 5. Weiterhin zitiert als "Monopolbegriff" (3) ebd. S. 4 (4) ebd. S. 8 (5) ebd. S. 4 f (6) Offensichtlich hat die bestehende Arbeiterbewegung eine sol- che Grundlage auch bitter nötig; lassen sich doch nach HUFFSCHMID die "theoretischen Grundaussagen" der "kommunistischen Weltbewe- gung" in der "Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus zu- sammenfassen, deren "Tragfähigkeit" (Monopol, S. 5) sich erst noch erweisen muß - was ein düsteres Licht auf eine Weltbewegung wirft, die noch gar nicht weiß, wie die Welt aussieht, die sie verändern will! (7) Zum Charakter der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. In Blät- ter... Heft 4/1975 S. 388. Weiterhin zitiert als "Wirtschaftskrise" (8) ebd. (9) ebd. (10) Monopolbegriff, S. 72 (11) ebd. (12) Wirtschaftskrise S. 389 (13) ebd. (14) ebd. (15) Monopolbegriff S. 72 (16) Wirtschaftskrise S. 389 (17) ebd. (18) ebd. (19) "Was also die kapitalistische Epoche charakterisiert, ist, daß die Arbeitskraft für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehörigen Ware, seine Arbeit daher die Form der Lohnarbeit er- hält. Andererseits verallgemeinert sich erst von diesem Augen- blick die Warenform der Arbeitsprodukte." K I, S. 184, Fußnote 41 (20) Wirtschaftskrise S. 389 (21) K I, S. 569 Fußnote 26 (22) Wirtschaftskrise S. 389 (23) Vgl. auch K I, wo MARX zeigt, daß die Kritik an der Vertei- lung des Profits seine Apologie ist: "Die Darstellung von Mehr- wert und Wert der Arbeitskraft als Bruchteile des Wertprodukts... versteckt den spezifischen Charakter des Kapitalverhältnisses nämlich den Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft und den entsprechenden Ausschluß des Arbeiters vom Produkt. An die Stelle tritt der falsche Schein eines Assoziati- onsverhältnisses, worin Arbeiter und Kapitalisten das Produkt nach dem Verhältnis seiner verschiednen Bildungsfaktoren teilen." K I, S. 555 (24) Wirtschaftskrise S. 390 (25) ebd. (26) Monopolbegriff S. 72 (27) Dies Argument leistet vor allem dann gute Dienste, wenn es darauf ankommt, die Kaufkraftsteigerung der Arbeiter als Inter- esse des Kapitals zu verkaufen. (28) ebd. S. 25 (29) Exegetiker der Marxschen und Engelschen Schriften werden hier sicher nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß doch schon ENGELS in "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" vom "Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Pro- duktion und kapitalistischer Aneignung" spricht (MEW 19, S. 214). Solche Leute liefern damit allerdings nur einen weiteren Beleg für ihr Desinteresse an der Erklärung des Kapitalismus: sie zi- tieren noch jeden Mist den ihre "Klassiker" produziert haben, gleichberechtigt neben deren wissenschaftlichen Ergebnissen und benutzen dieses Verfahren gerade als Mittel, um alle richtigen Ergebnisse kaputtzumachen. In Fortsetzung der Fehler, die ENGELS mit der zitierten Schrift eingeleitet hat, machen sie zugleich die bisherige theoretische Leistung der Arbeiterbewegung deut- lich, sich immer solche Marx-, Engels- und Leninsprüche herauszu- suchen, die am besten zu ihrer interessierten Betrachtungsweise des Kapitalismus passen. (30) Wirtschaftskrise S. 397 (31) ebd., S. 390 (32) ebd., S. 390 f. (33) Alternativen wirksamer und sozialer Wirtschaftspolitik. In: Blätter für dt. und intern. Politik 12/75, S. 1320 (34) Wirtschaftskrise S. 391 (35) ebd. (36) ebd., s. 398. Es wird im folgenden zu zeigen sein, welches der Standpunkt des Gesamtkapitals ist, von dem HUFFSCHMID be- hauptet, daß es ihn in der Realität nicht gebe. (37) Monopolbegriff S. 28 (38) HUFFSCHMID - wie manche andere Marxisten - hält den 2. Ab- schnitt des K III für den Nachweis, daß alle Kapitale prozentual gleich viel Profit bekommen. MARX war allerdings das Problem, wieviel jedes einzelne Kapital vom Mehrwert abkriegt, herzlich gleichgültig. Das Mißverständnis dessen, worum es ihm ging, ver- dankt sich allerdings nicht wie wieder andere Marxisten meinen - der Tatsache, daß er sich unklar ausgedrückt hätte, sondern der interessierten Fragestellung seiner Interpretatoren. (39) Der hier kritisierten interessierten Betrachtungsweise der Funktionsfähigkeit des Kapitals verdankt sich eine besonders ab- surde Form der Kapitalismuskritik, die dem Kapital vorwirft, es wurde trotz der Krise die Arbeiter noch mehr ausbeuten. Vgl. K I, S. 255 f. (40) So banal dies einigen marxistischen Theoretikern erscheinen mag: damit ist das Prinzip der Stamokap-Theorie ausgesprochen. Und wer dagegen einzuwenden hat, daß es doch zu viele verschie- dene Varianten dieser Theorie gibt, als daß man sie so auf einen Nenner bringen könnte, dem können wir leider nur mitteilen, daß er sie in Schutz nimmt: ihm ist die Tatsache, daß den Leuten ver- schiedene Begründungsversionen ihres falschen Zeugs einfallen, auch noch Anlaß, die Stirn in gewichtige Falten zu legen und sich als differenzierten Denker zu beweisen. (41) Monopolbegriff, S. 57 (42) ebd. (43) ebd. (44) ebd., S. 57 f. In einem seiner jüngsten Produkte scheinen HUFFSCHMID wieder Zweifel gekommen zu sein, ob die Arbeit im Ka- pitalismus wirklich so effizient angewandt wird, wie es zu wün- schen wäre: "Wenn Arbeit ausschließlich Mittel zum Gelderwerb zwecks individueller Reproduktion ist und ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge und Zwecke für den einzelnen unerfindlich (!) sind, so folgt daraus Desinteresse an der Arbeit, Wut und Widerstand gegen die mit ihr verbundene Auszehrung und Zerstörung der Arbeitskraft, und eine derartige ganz verständliche (!) Einstel- lung (!) verringert natürlich auch die ökonomische Effizienz der Arbeit." (Effektivierung und (!) Demokratisierung der Wirtschaft, Blätter 3/76, S. 244) HUFFSCHMID schlägt Demokratisierung vor, um den Arbeiter zur Einsicht in die unerfindlichen Zwecke zu brin- gen, die ihn auszehren und zerstören, und damit seine Arbeit ef- fizienter zu machen: der Kapitalismus funktioniert so schlecht, weil den Arbeitern nicht klargemacht wird, wozu er gut ist. (45) ebd., S. 59 (46) ebd. Den Idealismus, sich angesichts der bestimmten Wirkung kapitalistischer Technik zu fragen, ob sie denn nicht eine andere haben könne, geißelt MARX an der Frage von J.S. Mill, "ob alle bisher gemachten technischen Erfindungen die Tagesmühe irgendei- nes menschlichen Wesens erleichtert habe" (K I, S. 391). HUFF- SCHMID hat angesichts des rentablen Einsatzes von Rationalisie- rungen durch die Monopole andere Sorgen. Er beklagt sich, daß Kleinunternehmen oder Einzelpersonen zwar noch "einzelne Erfin- dungen und technische Neuerungen... erstmals einführen können", ihre gesellschaftliche Anwendung aber doch nur weder den Monopo- len zugute komme, und beweint den Untergang der schöpferischen Einzelpersönlichkeit: "Ob der ursprüngliche Erfinder oder Techni- ker dabei gut oder schlecht fährt, ob er aus dem Verkauf seines (!) Patents einen hohen Profit schlägt, ... ist gleichgültig für die Tatsache, daß die Erfindung erst in der monopolistischen An- wendung zur Quelle eines dauerhaften (!) überdurchschnittlichen Profits wird." Die Marxsche Kritik, daß im Kapitalismus die wis- senschaftliche Erforschung der Natur Mittel für die Ausbeutung des Arbeiters ist, wird hier zum Bedauern derjenigen, die beim Ausdenken von Verbesserungen für diesen Zweck schlecht wegkommen. (47) Monopolbegriff S. 59 (48) ebd., S. 29 (49) ebd., S. 34 (50) ebd., S. 31 (51) ebd., S. 45 (52) ebd., S. 45 (53) ebd., S. 48 (54) ebd., S. 43 (55) ebd.. S. 44 (56) Wirtschaftskrise S. 401 (57) Monopolbegriff S. 68 (58) ebd., S. 67 (59) ebd., S. 69 (60) ebd., S. 71 (61) ebd., S. 73 (62) ebd. (63) ebd. (64) ebd. (65) ebd., S. 74 (66) ebd., S. 75 (67) ebd. (68) ebd., S. 76 f. (69) ebd., S. 74 (70) ebd. (71) ebd., S. 76 (72) ebd. (73) ebd., S. 77 f. (74) ebd., S. 76 (75) ebd. (76) ebd., S. 79 f. (77) ebd., S. 80 (78) ebd. (79) Aufschwung für wen? In: Blätter... Nr 9/1975 (80) ebd., S. 959 (81) ebd. (82) ebd. (83) Alternativen wirksamer (!) und sozialer (!) Wirtschaftspoli- tik. In: Blätter... Nr. 12, 1975, S. 1318. Weiterhin zitiert als "Alternativen" (84) Aufschwung für wen?, S. 960 (85) HUFFSCHMID weiß auch einen Grund dafür zu nennen, daß die Regierung sich für seine und ähnliche Vorschläge nicht interes- siert: "... zu lange hat die herrschende Wirtschaftswissenschaft, deren Repräsentanten die Beraterposten für die Regierung ebenso besetzt halten (!) wie die Lehrstühle der Universitäten, ... die Diskussion über echte Alternativen der Wirtschaftspolitik abge- blockt", weshalb, "die Diskussion der Probleme, die mit derarti- gen Fragen verbunden sind noch ziemlich in den Anfängen steckt." (Alternativen S. 1319 f.) Abgesehen von der Absurdität, die Män- gel der eigenen Wissenschaft daraus zu begründen, daß andere eine andere "institutionalisiert" machen durften, frappiert die Erklä- rung für die bisherige Wirtschaftspolitik kapitalistischer Staa- ten: sie hatten eben immer die falschen Berater! Für das "Scheitern" der Politik der sozialliberalen Koalition ergibt sich eine neue originelle Begründungsvariante: HUFFSCHMID ist zu spät Professor geworden. (86) Aufschwung..., S. 961 (87) ebd. (88) Wirtschaftskrise, S. 388 (89) vgl. K II, S. 409 f. (90) Aufschwung..., S. 962 (91) ebd., S. 963 (92) Alternativen, S. 1323 (93) ebd., S. 1324 (94) ebd., S. 1326 (95) ebd., S. 1326 (96) ebd., S. 1326 (97) ebd., S. 1327 (98) ebd. (99) ebd., S. 1333 (100) ebd., S. 1336 f. (101) ebd., S. 1325 (102) ebd., s. 1341 (103) Wirtschaftskrise S. 386 (104) ebd., S. 387 (105) ebd., S. 388 (106) ebd. (107) ebd., S. 406 (108) ebd. (109) ebd. (110) ebd., S. 406 (111) ebd., S. 407 (112) ebd., S. 404 (113) ebd. (114) ebd. (115) Theoretischer Rahmen und historischer Hintergrund zur In- terpretation der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. In: WSI-Mittei- lungen 12/1975 S. 634. Andere Marxisten entdecken in dieser Ein- gliederung des Marxismus in den Pluralismus wissenschaftlicher Politikberatung allerdings eine hoffnungsvolle Wende: Das Projekt Klassenanalyse rechnet es dem WSI hoch an, "daß es in Zeiten der zunehmenden Verketzerung von Marxismus diesen Ansatz mit in die Diskussion einbezieht". Das PKA freut sich so sehr darüber, daß HUFFSCHMID mit seinem falschen Zeug wenigstens bei den Gewerk- schaften Anklang findet daß es den Inhalt von HUFFSCHMID's Mar- xismus gleich für nebensächlich erklärt: "daß die Erklärung der Krisen durch Huffschmid... falsch ist und (!) ein mangelhaftes Verständnis der Marxschen Theorie ausdrückt, ... soll hier nicht weiter interessieren..." (Beiträge zum wissenschaftlichen Sozia- lismus 2/1976 S. 286 ff.) (116) Memorandum von Wirtschaftswissenschaftlern: Für eine wirk- same und soziale Wirtschaftspolitik (117) Diese Leistung erklärt auch, wie HUFFSCHMID nacheinander in den verschiedensten einander bekämpfenden linken Organisationen sein konnte und gleichzeitig immer den gleichen theoretischen Mist verbraten konnte (und wer zweifelt, daß es immer derselbe war, soll sich "Die Politik des Kapitals" einmal ansehen!). Mit Theorien, die MARX zum Anwalt des Nutzens der Arbeiter im Kapita- lismus umdichten, lassen sich eben die verschiedensten Varianten revisionistischer Politik legitimieren. H. REICHELT ----------- Marxaustreibung mit Niveau -------------------------- Ein Marxismus mit Niveau ------------------------ Helmut REICHELT *) ist ein marxistischer Theoretiker - daran gibt es keinen Zweifel. Nicht etwa die Vorliebe für die Arbeiten von Karl MARX machen ihn dazu - Marx-Widerleger Werner BECKER geht es auch permanent um MARX, ohne daß er dadurch Marxist wäre. Der Marxist Helmut REICHELT weist sich aus, wenn er mit MARX andere Theoretiker als bürgerliche kritisiert oder wenn er MARX gegen seine Verfälscher in Schutz nimmt. Mit Verve und einem Koautor kanzelte er jüngst etwa den Versuch ab, "den politischen Gehalt der Marxschen Theorie zu erledigen", (1) und beschimpfte selbst Kollegen aus dem eigenen Lager, sie würden "entscheidende Grundpositionen der Marxschen Theorie aufgeben, konkreter: revolutionäre Theorie durch ein kontemplativ 'sinnver- stehendes' Paradiemengeflecht (?)... ersetzen." (2) Solcherart Kritik gibt ihre Verpflichtung gegenüber dem zu ver- stehen, was gerade Inhalt der Marxschen Theorie ist: die Erkennt- nis der bürgerlichen Gesellschaft verlangt eine Konsequenz, ihre Überwindung. Dieser Einsicht gemäß tadelt Helmut REICHELT dann auch die fehlerhafte Rezeption der Marxschen Theorie durch solche Leute, die sich gegen die bürgerliche Gesellschaft wenden und fällt über sie das Urteil, die revolutionäre Theorie aufgegeben zu haben - denn eine fehlerhafte revolutionäre Theorie kann ihren Zweck nicht erreichen. Wer dieser schlichten Einsicht mit dem Vorwurf begegnet, Helmut REICHELT sei ja n u r marxistischer T h e o r e t i k e r, wer ihn als Seminarmarxist beschimpft, um ihn als Theoretiker zu treffen, der gibt zu verstehen, daß er sich zwar von Helmut REICHELT unterscheiden möchte, sonst aber nichts gegen ihn hat: im Unterschied zu Helmut REICHELT gedenkt er in seiner Praxis ohne Theorie auszukommen. (3) Seine Kritik an jedem die Marxsche Theorie verfälschenden Umgang läßt auch daran keinen Zweifel: Helmut REICHELT ist marxistischer T h e o r e t i k e r, mithin jemand, dem es auf die Marxsche Theorie ankommt, der sich positiv auf sie gerade dadurch bezieht, daß er sie vor jeder unqualifizierten Rezeption in Schutz nehmen will. Und dafür hält sich Helmut REICHELT auch hinreichend legitimiert. Sein Buch "Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffes bei Karl Marx" gilt als eine der gründlichsten Arbeiten über das 'Kapital'. Solches Lob, wie es Helmut REICHELT etwa vom PROJEKT KLASSENANALYSE zuteil wurde - es bescheinigte Helmut REICHELT, über WYGODSKI und ROSDOLSKY hinausgegangen zu sein (4) - bedarf allerdings selbst einer Erklärung, hat es doch mit der theoreti- schen Leistung von Helmut REICHELT n i c h t s zu tun. Über diese gibt bereits der Titel der Arbeit einigen Aufschluß: Wer etwas "Z u r logischen Struktur..." verfaßt, hält sich die Vorläufigkeit seines theoretischen Treibens zugute, läßt dicklei- bige Werke auf die MARX-Fans los, obwohl er sich eingestandener- maßen seines Wissens unsicher ist. Dies ist beileibe nicht dem Autor anzukreiden. Er hat sich redlich um die "logische Struktur" bemüht - wovon 266 Seiten Text immerhin Zeugnis ablegen. Sein in- tensives Ringen um den Stoff hat keine Sicherheit erbracht, weil die Marxsche Theorie es derart in sich hat, daß selbst an HEGEL geschulte Theoretiker allenfalls Beiträge zur Diskussion, nicht aber Endgültiges zustandebringen. Wer etwas "Zur l o g i s c h e n S t r u k t u r d e s K a- p i t a l b e g r i f f s..." vorlegt, der hat kein Problem mit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern eines mit der "logischen Struktur" ihrer Begriffe. Helmut REICHELTS Anliegen ist es nicht, die Kritik des Kapitalismus theoretisch voranzubringen; vielmehr abstrahiert er von dieser gerade, wenn sein Gegenstand die Begriffslogik ist. Helmut REICHELT will das 'Kapital' verstehen und anderen nahebringen - ein lobenswertes Unterfangen - und betreibt dies, indem er nicht die Theorie des Kapitalismus studiert, s o n d e r n die Logik von Begriffen. Und wer schließlich etwas "Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei K a r l M a r x" publiziert, ist erfreut darüber, gerade in der Theorie von Karl MARX brauchbares Material für sein Anliegen vorzufinden. Mit einer vorhandenen Theorie, die sich durch den Namen ihres Au- tors, nicht aber durch ihren Inhalt auszeichnet, geht Helmut REI- CHELT auf seine Weise um: V o r l ä u f i g e s zur M e t h o d e einer bestimmten T h e o r i e ist sein Gegen- stand - dies verrät der Titel d i e s e s Buches. Und weil es ihm nicht um die Kritik des Kapitalismus zu tun ist, er vielmehr die Marxsche Theorie zum Gegenstand seiner Theorie macht, deshalb verfaßt er auch einen Aufsatz "Zum Wissenschafts- begriff bei Karl Marx", Er hat nichts über oder gar gegen den bürgerlichen Staat zu sagen, sondern nur viel "Zur Staatstheorie im Frühwerk bei Marx und Engels". Die bürgerliche Wissenschaft ist ihm beileibe nicht Anlaß zur Kritik, vielmehr entschuldigt er sie - und sich selber -, indem er "Ansätze zur materialistischen Interpretation der Rechtsphi- losophie von Hegel" auch noch - veröffentlicht. So ist ihm das umfangreiche Werk von MARX und ENGELS in seiner bisherigen wissenschaftlichen Praxis unerschöpflicher Anlaß, seine vorläufigen Gedanken ü b e r dieses abzusondern. Seine theoretische Arbeit als Marxist ist so zugleich die Verurteilung all derer, die so vermessen sind, etwas anderes mit der Marxschen Theorie anzufangen, als sie zu i n t e r p r e t i e r e n. Helmut REICHELT ist nicht der erste, der die Negation der Marx- schen Theorie als Theoretisieren über sie betreibt: Was Helmut REICHELT heute ein Anliegen ist, besitzt Tradition - wenngleich für Helmut REICHELT eine schlechte. Für ihn hat noch heute Gül- tigkeit, was H. GROSSMANN 1929 schrieb: "Der unbefriedigende Zustand der bisherigen Marxforschung (!) ist m.E. darauf zurückzuführen, daß man sich über die Marxsche For- schungsmethode nicht nur keine klaren, sondern, so merkwürdig dies erscheinen mag, überhaupt keine Gedanken macht." (5) Da wird einer 'Marx-Forschung' vorgehalten, sie habe es bei der Aneignung der Marxschen Theorie weder für nötig befunden, sich die Methode, mit der MARX zu seinen Resultaten gelangt ist, zum gesonderten Gegenstand zu machen, noch habe sie von der Behand- lung dieses Gegenstands die Beschäftigung mit einem anderen, der Marxschen Kapitalismuskritik nämlich, abhängig gemacht. Es muß also Leute gegeben haben, die sich in ihrem Bemühen, das 'Kapital' etc. zu verstehen, d i e s e s einfach angeschaut ha- ben, anstatt sich um die Art und Weise zu kümmern, w i e MARX zu seinen Resultaten gekommen ist - kurz: sie sollen das Sakrileg begangen haben, sich den Gegenstand, um den es ihnen ging, tatsächlich anzueignen. (Wenn das bloß stimmte!) Mit der Gross- mann'schen Vorschrift darüber, wie die Marxsche Kapitalismus-Kri- tik zu relativieren ist, hat die MARX-Forschung den Weg für ihre Epigonen geöffnet: die Vorschriften werden dazu als Klage über die Mängel der MARX-Forschung vorgebracht; und die wenigen Versu- che, die, die Desiderate der MARX-Forschung dadurch zu beheben, daß man die Marxsche Forschungsmethode zum Gegenstand der For- schung erhebt, sind bisher allesamt der Marxschen Theorie nicht gerecht geworden: "Das Niveau der Auseinandersetzung mit den methodischen Problemen im Marxschen Spätwerk konnte eigentlich gar nicht mehr unterboten werden." (6) Nicht, daß seine Vorläufer Fehler gemacht hätten, wirft Helmut REICHELT ihnen vor, sondern die Art ihres Umgangs mit der Marx- schen Theorie als Forschungsgegenstand ist ihm zu primitiv und anspruchslos. Ist die Marxsche Theorie erst einmal zum Gegenstand einer eigenen Theoriebildung heruntergebracht, ist auch der Will- kür des Marxforschers Tür und Tor geöffnet: von seinem Problembe- wußtsein und Anspruchsniveau hängt es ab, welche methodischen Probleme bei MARX entdeckt werden. Da dies aber mit der Marxschen Theorie lange nichts mehr zu tun hat, wird der Grad des Niveaus an ihr nicht meßbar. Wo Niveau Maß der Kritik ist, gehts um die Unterscheidung der Theoretiker, da geht es nicht um die Marxsche Theorie, sondern darum, was die Theoretiker jeweils damit anstel- len. Es ist der Fortschritt dieser Disziplin der Kampf von Kon- kurrenten, die sich durch das Austüfteln diffiziler Fragen, neu- artiger Aspekte und origineller Probleme vor anderen profilieren wollen. Der Vorwurf der Niveaulosigkeit ist dann nichts anderes als die Verachtung des Konkurrenten, das moralische Urteil über das Wissenschaftler-Subjekt, aus der sich zugleich die Selbstbe- hauptung als Mann mit Niveau speist. In der Konkurrenz der MARX- Forscher nimmt also bereits derjenige einen hohen Rang an, der den Schneid hat, die Konkurrenz der Niveaulosigkeit zu zeihen und Forderungen zu verkünden, vor deren Anspruchsniveau die Zunft er- schauert und in deren Erfüllung sie ihren eigenen Fortschritt erblickt. Nur wer es selbst geschafft hat, "auf der Höhe der methodologischen und wissenschaftstheoretischen Diskussion zu stehen" (7) wird für den Umgang mit der Marxschen Theorie hinreichend gewapp- net sein. Denn: "Die Gesamtdarstellung des ökonomischen Systems weist ein Höchst- maß an subtilen methodischen und systematischen Überlegungen auf, doch ist es unmöglich, auch nur einige Gedanken abzutrennen und gesondert vorzutragen, ohne sie in ihrer Substanz zu verletzen oder ihnen die Form von Dogmen zu geben." (8) Die Hochachtung vor der Marxschen Theorie dient ihm dazu, sich selbst zu bejubeln: Immerhin weiß e r um die Subtilität der "methodischen und systematischen Überlegungen", wenn er sie auch erst vorläufig entschlüsselt hat (9) Ein Kunstwerk sind das 'Kapital' und die 'Grundrisse...', dem sich bei schöpferischem Umgang mit demselben immer wieder neue Seiten, logische Finessen, dialektische Figurinen abgewinnen lassen - wenn es einem selbst an Niveau und Sensibilität nicht mangelt. Mit dieser Verurteilung derer, die die Negation der Marxschen Theorie nicht weit genug getrieben haben, feiert sich Helmut REI- CHELT in der Konkurrenz der MARX-Forscher als Wissenschaftler mit Prädikat durch die Selbstattestierung von Qualitäten, die den Wissenschaftler als Persönlichkeit auszeichnen müssen: mit der Sensibilität und Subtilität eines Künstlers hat er begabt zu sein, um dem großen Meister kongenial dessen geheimste Gedanken selbst dort noch zu erahnen, wo dieser sich keine gemacht hat. Zugleich hat aber Helmut REICHELT bei MARX den Grund dafür gefun- den, warum es der Forschung über die Marxsche Theorie bedarf und warum diese - seinen eigenen Beitrag dazu inbegriffen - erst in den Kinderschuhen steckt: Das Werk von Karl MARX ist derart raf- finiert konstruiert, die Art, in der es zustandegekommen ist, so undurchschaubar, daß es ohne eine besondere Forschung vom Laien unmöglich verstanden werden kann. Da es MARX selbst nun leider versäumt hat, sein Werk noch zusätzlich zu erklären und damit den MARX-Forschern die Arbeit zu erleichtern, müssen diese jenen Man- gel, so gut es eben geht, zu beheben versuchen. Sie laden diese Mühsal auf sich, was angesichts ihres Ausgangspunktes eine wahre Sysiphosarbeit zu werden verspricht: deshalb werden alle Resul- tate auch nur v o r l ä u f i g e r Natur sein; womit die Me- thodologisierung der Marxschen Theorie sich selbst die Anlässe verschafft, ihre Existenzberechtigung zu belegen. Kontextmarxismus ---------------- Die Verurteilung der Mängel der MARX-Forschung hat unversehens einen Mangel bei MARX selbst zutage gefördert. Dieser besteht darin, daß er n u r die Kritik des Kapitalismus geleistet, sich aber nicht noch zusätzlich methodisch zu sich. selbst verhalten hat. Deswegen ist es auch kein Wunder, wenn Methodologen mit der Marxschen Theorie ihre Probleme haben. Um diese Probleme mit der Marxschen Theorie zu lösen, muß man folglich anderes tun, als nur MARX zu studieren: Wenn gerade sein Werk den Mangel enthält, das methodische Problembewußtsein seines Verfassers nicht zu offenba- ren, dann hat man sich nicht mit dem Werk, sondern mit dem Be- wußtsein seines Verfassers zu beschäftigen. Da dies aber postum auf Grenzen stößt, gilt es dieses aus anderem zu erschließen. Doch ist es allemal das Verständnis von MARX, um welches es geht, so daß es auch nicht opportun ist, sich seines Problembewußtseins zu versichern, o h n e sich mit seinem Werk zu beschäftigen. Die Marxsche Theorie muß folglich i m K o n t e x t verstanden werden. Dieser Kontext ist zunächst einmal ein h i s t o- r i s c h e r, womit einmal mehr bewiesen wäre, daß auch MARX ein leibhaftiger Mensch gewesen ist und in der Z e i t existiert hat, womit aber zugleich hinlänglich auf die Bedeutung der E n t w i c k l u n g der Marxschen Theorie aufmerksam ge- macht worden wäre - auch von der Marxschen Theorie wäre festzu- halten, daß sie g e w o r d e n ist. Und Helmut REICHELT blättert auf, wie er dem Mangel der Marxschen Theorie durch die Nichtbeschäftigung mit ihrem Inhalt zuleibe rückt. Mit staatstheoretischen Aussagen (in MEW 1) beschäftigt sich Helmut REICHELT nicht etwa in der Weise, daß er s i e zum Gegenstand macht, sondern indem er fragt, wie MARX zu ihnen ge- kommen ist: "Wir müssen vielmehr im einzelnen untersuchen, wie sich der Über- gang zum Materialismus vollzieht, und ob er sich hinsichtlich al- ler Aspekte der Theorie gleichmäßig und parallel vollzieht." (10) Es gibt - stellt Helmut REICHELT fest - bei MARX einen "Übergang zum Materialismus"; womit zunächst einmal festgestellt wäre, daß auch MARX nicht mit der fertigen Kapitalismuskritik im Kopf zur Welt gekommen ist. MARX-Forscher Helmut REICHELT hat also MARX mit MARX zu vergleichen und zwar gleichmäßig "hinsichtlich aller Aspekte der Theorie." (11) Doch bekommt ein Vergleich gerade nichts über den bürgerlichen Staat heraus, sondern hält nur Unterschiede zwischen den einzel- nen Aussagen fest. Der Zirkel seiner Tätigkeit zeigt deren Inten- tion: Wo es um die Überprüfung der Wahrheit von Theorien über den bürgerlichen Staat geht, hat dies nicht d u r c h, sondern v o r jedem Vergleichen mit anderen Theorien zu geschehen; was dann den Vergleich zum Zweck der Feststellung der Richtigkeit von Theorien überflüssig macht. Doch Helmut REICHELT praktiziert den Vergleich als Wahrheitsurteil; er hält so verbissen daran fest, daß er schließlich das absurde Problem bekommt, ob sich der Über- gang zum Materialismus auch "hinsichtlich aller Aspekte der Theo- rie g l e i c h m ä ß i g und p a r a l l e l vollzieht." In dieser MARX-Forschung mit Zirkel, Dreieck und Lineal hat er also Staatskritik nicht im Sinn, ums Festhalten richtiger und um die Kritik falscher Aussagen zum bürgerlichen Staat geht es ihm schon lange nicht - nicht als Feind des Kapitalismus, sondern als F r e u n d v o n B e g r i f f e n betätigt er sich folglich: Was ihn "vordringlich interessiert, ist die Genesis von B e g r i f f- l i c h k e i t e n, denen wir dann in der von Marx selbst (!) als materialistisch bezeichneten (!) Geschichtsauffassung begeg- nen, ohne daß dort näher darauf eingegangen wird, oh sich die Be- griffe angesichts der präzisierten materialistischen Position in dieser Form noch halten lassen (12) Das explizite Bedauern darüber, daß MARX keinen philologischen Kommentar zu sich selbst verfaßt hat, kann nunmehr ebensowenig verwundern wie die Fortsetzung der Verwechslung des Inhalts eines Begriffs mit seiner Genese. Hat MARX durch die Begriffe gezeigt. daß sie die Kritik des Kapitalismus leisten, so verlangt Helmut REICHELT noch die Kommentierung dieser Leistung angesichts der "präzisierten materialistischen Position"; ein Verlangen, welches an der Frage nicht vorbeikommt, wie er denn wohl eine Position zu präzisieren gedenkt, wenn nicht begrifflich. Materialistische Theorie, der erst im nachhinein die Begriffe angepaßt werden, eine materialistische Position o h n e die Begriffe, die sie ausmachen - dies ist die Vorstellung, welche diesem Vergleich zugrunde- liegt. (13) Und wie er die Theorie von dem, was sie ausmacht - den Begriffen - trennt, so löst er mit der Untersuchung ihrer G e n e s i s den Begriff von er Sache, welche durch ihn begrif- fen wird. Der E n t s t e h u n g und weiteren E n t w i c k- l u n g der V e r w e n d u n g von Begriffen getrennt von dem, was sie begreifen, nachzugehen heißt den Begriff als Wort, als zufälligen N a m e n einer Sache, nicht aber als deren notwendige B e s t i m m u n g zu nehmen. Wenn etwa HEGEL oder FEUERBACH die Verdopplung des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft anders bestimmt haben als MARX, so ist dies Helmut REICHELT nicht etwa Anlaß, HEGEL und FEUERBACH zu kritisieren und zu untersuchen, ob MARX die Verdopplung richtig bestimmt hat; vielmehr denunziert er die Verwendung des Verdopplungs - B e- g r i f f s bei MARX, w e i l andere den S a c h v e r- h a l t s.E. falsch bestimmt haben, immerhin waren HEGEL und FEUERBACH ja keine Marxisten. Er meint damit bei Marx eine theo- retische Nachlässigkeit, welche sich als Fehlerquelle herausstel- len könnte, entdeckt zu haben, und betreibt Kritik als falsche Philologie: Weil andere in der Erkenntnis eines Sachverhalts der bürgerlichen Gesellschaft, welcher den Namen Verdopplung trägt, Fehler gemacht haben, gerät MARX, der denselben Sachverhalt zum Gegenstand seiner Erkenntnistätigkeit macht, bei Helmut REICHELT automatisch deswegen in Verdacht, weil er sich für denselben Sachverhalt keinen neuen Namen ausgedacht hat: "Es betrifft dies (die Abrechnung mit Theoremen, die nach Helmut REICHELT in den Spätschriften völlig verschwinden) insbesondere den in letzter Zeit häufiger hervorgehobenen Aspekt (!) der Ver- doppelung in der Staatstheorie (!), bei dem sich die Vermutung aufdrängt, daß es sieh um einen letzten Ausläufer bürgerlichen Denkens bei Marx handelt." (14) Das M i ß t r a u e n des marxistischen Philologen ist geweckt. Er mißtraut der - "von Marx selbst als materialistisch bezeichne- ten" - Theorie, weil sie sich aus der K r i t i k des Idealis- mus e n t w i c k e l t hat und schlägt zur Behebung seiner Skepsis ein Verfahren vor, welches seine Skepsis doch nur ver- stärken kann, da es von vornherein die Frage nach der Richtigkeit der Theorie wie die Pest meidet - es ist dies eben jenes Verfah- ren der Untersuchung der Genese von Begriffen. So ist ihm jede Begrifflichkeit und jede Denkfigur bei MARX, die er von HEGEL oder FEUERBACH kennt, Anlaß zu philologischen Manövern und theo- riegeschichtlichen Exkursionen, denen eines gemeinsam ist: es geht nicht um die Gegenstände der Theorien, sondern um ein Ver- gleichen, welches sich der Falschheit des Ausgangspunktes (Idealismus) sicher, der Richtigkeit des Resultats der Entwick- lung (Materialismus) aber unsicher ist; damit praktiziert Helmut REICHELT eine Form des Umgangs mit der Marxschen Theorie zum Zweck der Erhellung derselben, welche den Skeptizismus gegenüber seinem Gegenstand - obwohl angetreten, Unsicherheiten auszuräumen - zum Prinzip seines Vorgehens macht. Marx - Ein gescheiterter Historiker ----------------------------------- Die Resultate von REICHELTS langjähriger MARX-Forschung - sie dünken ihn so bedeutsam, daß er sie noch in jeder Publikation wiederholt - bestätigen denn auch nur den Ausgangspunkt des Un- terfangens, nämlich Marxens intransigente Weigerung, sich durch die Hinzufügung eines Kommentars zu seiner Theorie ad absurdum zu führen. Das Marxsche Gesamtwerk überblickend fällt Helmut REICHELT zunächst ausgerechnet holländischer Käse ein: Wie bei diesem un- terscheidet er bei MARX verschiedene Reifegrade. Da gibt es jun- gen, noch unreifen Marx (MEW 1: Hegelauseinandersetzung) und den reifen bzw. späten Marx des 'Kapital'. In der Mitte ist der be- reits leicht gereifte Marx anzutreffen, der mit ENGELS zusammen die 'Deutsche Ideologie' (MEW 3) verfaßt hat. Im Einzelnen hat Helmut REICHELT Erstaunliches über die drei zutage gefördert: Der Frühe --------- "Das Resultat dieser Analyse läßt es problematisch und fragwürdig (!) werden, die Formulierungen der Frühschriften unkritisch (!) zu betrachten, da ihnen eine noch idealistisch zu nennende (!) Position zugrunde liegt." (15) Seine mit dreifacher Entschuldigung abgesicherte Verurteilung der Frühschriften ist radikal: MARX unterlaufen nicht etwa Fehler in seiner HEGEL-Kritik, sondern dieser Kritik liegt insgesamt eine "idealistisch zu nennende (!) Position zugrunde". Und sofern die Grundlage "idealistisch zu nennen" ist, kann die auf dieser Grundlage erstellte Kritik nicht weniger idealistisch zu nennen sein. Es lohnt sich somit nicht, erst einmal bei den Frühschrif- ten zu verweilen, was besonders diejenigen unter den MARX-Fans verdrießen wird, die gerade im jungen MARX den noch sympathischen Humanisten erblicken. Doch darauf kann Helmut REICHELT keine Rücksicht nehmen - er schreitet voran zu seiner Lieblingsidee. Der Mittlere ------------ Die 'Deutsche Ideologie', welche durch ein "unvermittelte(s) Nebeneinander verschiedener Ansätze, die sich nicht mehr in ein einheitliches Konstrukt (!) zwanglos (!) inte- grieren lassen" (16) gekennzeichnet ist - er muß ein ziemlicher Wirrkopf gewesen sein dieser MARX -, ist Helmut REICHELT deshalb so lieb und wert, weil er in ihr das gesamte Spätwerk programmatisch angelegt sieht. Dies in jene Sätze von MARX hineinzulegen, in denen er von der Überflüssigkeit der Philosophie bei der Herausbildung der "positiven Wissenschaft" handelt - "Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen. Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen muß an ihre Stelle treten. Die selbständige Philosophie verliert mit der D a r s t e l l u n g d e r W i r k l i c h k e i t ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammen- fassung der allgemeinen Resultate treten, die sich aus der Be- trachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese A b s t r a k t i o n e n haben für sich, ge- trennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert." kostet Helmut REICHELT drei faustdicke Lügen: So wird erstens aus der simplen Unterscheidung zwischen der "Darstellung der Wirk- lichkeit" und ihren "Abstraktionen", d.h. der "Z u s a m m e n- f a s s u n g der allgemeinsten Resultate" bei Helmut REICHELT ein "zentrales methodisches Prinzip" (18). Wo MARX die Ü b e r f l ü s s i g k e i t einer selbständigen Philosophie nach der Durchsetzung der Wissenschaft begründet, jubelt ihm Hel- mut REICHELT exakt das Gegenteil unter: Gerade die 'Deutsche Ideologie' sei selbst noch eine Art selbständiger Philosophie, allerdings eine materialistische, die jene "Abstraktionen", - vor denen MARX, eingedenk der spekulativen Abstraktionen des Idealis- mus, warnt -, programmatisch ausführt. Was MARX an der deutschen Philosophie kritisiert, nimmt Helmut REICHELT als methodisches Bekenntnis MARXENS. Damit ist die nächste Lüge bereits angesprochen: Helmut REICHELT lügt zweitens einige von MARX zum Zweck der Kri- tik der deutschen Ideologien (FEUERBACH, BAUER, STIRNER) ange- führten Abstraktionen zu einem "P r o g r a m m" um. (19) Wo MARX sich (nach seiner eindringlichen Warnung vor falschen Ab- straktionen) selbst einmal genötigt sieht, gegenüber den "voraussetzungslosen Deutschen" (20) darauf zu verweisen, daß die Menschen nun einmal, um Geschichte machen zu können, auf Voraus- setzungen angewiesen sind: sie werden ohne "Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere" (21) nicht auskommen, wozu wiederum Arbeit die Voraussetzung ist, deren Resultate neue Bedürfnisse erzeugen, schließlich die Erhaltung des Menschen auch seine Fortpflanzung einschließt etc. - wo MARX also polemisch den deutschen Philosophen an seine Voraussetzungen erinnert, da geht Helmut REICHELT heran und macht aus diesen Abstraktionen ein Pro- gramm "mit dessen Hilfe Geschichte erst zu schreiben ist". (22) Es stört ihn nicht, daß MARX gerade dies explizit ausgeschlossen hatte: "Sie (die Abstraktionen) geben aber keineswegs, wie die Philosophie, ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtlichen Epochen zurechtgestutzt werden können." (23) Die "wirkliche Dar- stellung", welche sich MARX mit der Abfassung der 'Deutschen Ideologie' vorgenommen haben soll "umfaßt (nicht unähnlich der HEGELSCHEN Konzeption, gleichsam de- ren materialistische Einlösung) ein gigantisches (!) Werk, näm- lich nichts Geringeres als die Nachzeichnung des gesamten Entste- hungsprozesses der geschichtlichen Menschheit mit all ihren 'ideologischen Superstrukturen', die jeweils aus der bestimmten Form der unmittelbaren Reproduktion heraus zu entwickeln sind." (24) Diese Verdrehung unterschlägt, daß jenes "allgemeine Resultat" (25), von welchem MARX spricht, eben R e s u l t a t intensiver Studien und nicht programmatisch vorausgesetzt war. Als Programm, welches erst die Erkenntnis des "Entstehungsprozesses der ge- schichtlichen Menschheit" erbringen soll, kann seine Entstehung nur durch Eingebung, Erfindung etc. erklärt werden. Da Helmut REICHELT nun aus dem "allgemeinen Resultat", welches in der Tat den Schlüssel für die vollständige Erklärung der Geschichte ent- hält, ein P r o g r a m m für MARX gemacht hat, hat er diesen selbst - drittens - gemäß seinem Interesse zum H i s t o r i- k e r umfabuliert. Helmut REICHELT gelingt eine gigantische Abstraktion: so kann er z.B. davon abstrahieren, daß MARX und ENGELS die 'Deutsche Ideologie' in Brüssel verfaßten, wohin MARX wohl nur deshalb fliehen mußte, weil er Herrn GUIZOT als Historiker nicht genehm war; und in Paris hielt sich MARX wohl vornehmlich der reichen, einen Historiker reizenden Quellen- sammlung wegen auf. Wem die Marxsche Theorie nur Material ist, um sich als Wissenschaftler von Niveau zu betätigen, dem gelingt es allerdings selbst mühelos, MARX, dem es Zeit seines Lebens nicht auf Wissenschaft, sondern auf die Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaft ankam, - weswegen er Wissenschaft treiben mußte - in einen Geschichtswissenschaftler zu verwandeln, der obendrein an Größenwahn gelitten haben muß: Hätte er sich sonst einen derart "gigantischen" (26), "nicht mehr zu überbietenden" (27) Anspruch gesetzt? Mit dieser Verhunzung der 'Deutschen Ideologie' zur Sammlung von programmatischen Abstraktionen, welche als Interpre- tationsmethode "zur Grundlage der materialistischen Deutung (!) des geschichtlichen Verlaufs" (28) zu dienen habe, hat Helmut REICHELT auch das Urteil über d e n s p ä t e n MARX gefällt. Der Späte --------- Wer die Kritik der deutschen Ideologien von MARX und ENGELS nicht als das nimmt, was sie sind, sondern zu einem A n s p r u c h auf etwas anderes verdreht, sieht sich nach der Einlösung dieses Anspruches um. Und Freund REICHELT findet bei MARX tatsächlich wirkliche Geschichtsschreibung vor (wer hätte das gedacht?), al- lerdings "nur im 'Kapital'" (29), weswegen er auch sogleich einen "Widerspruch" entdeckt: "Wesentlich ist uns hier der Anweisungscharakter dieser 'Abstraktion', die uns auf einen Widerspruch stoßen läßt, dem das Marxsche Werk als Ganzes behaftet ist: Gemessen am Anspruch sei- ner Methode kann die wirkliche Darstellung immer nur der Versuch sein, sich der Totalität des geschichtlichen Prozesses zu anzunä- hern. Das Marxsche Spätwerk, das 'Kapital', ist somit nur eine bescheidene Konkretion dieses Anspruchs, ..." (30) Damit ist die Katze aus dem Sack: Mittels der Verdrehung der 'Deutschen Ideologie' zum Programm, zur materialistischen Inter- pretationsmethode von Geschichte, mittels der daraus resultieren- den Verharmlosung des Marxismus zur Geschichtswissenschaft und schließlich mittels einer Widerspruchslogik, die keine ist, - Wie kann es einen Widerspruch zwischen Anspruch und Nichteinlösung desselben, mithin zwischen etwas Existentem und etwas Nichtexi- stentem geben? - hat Helmut REICHELT MARX auf den nicht nur grö- ßenwahnsinnigen, sondern konsequenterweise auch g e s c h e i- t e r t e n Historiker heruntergebracht. Um zu d i e s e m Urteil über MARX zu gelangen, ist es nicht einmal nötig, auch nur eine Zeile von MARX zur Kenntnis zu neh- men. Helmut REICHELT hat seine Vorstellungen von den Tugenden ei- nes Wissenschaftlers an Marx angelegt, um zu dem Resultat zu kom- men, daß der Bursche unbescheiden maßlos, dogmatisch gewesen war, wohingegen er, Helmut REICHELT, seine Unbescheidenheit beschei- den, maßvoll und als jeder offenen Diskussion zugänglich vor- trägt; all dies weist Helmut REICHELT als jenem STERN-Reporter kongenial aus, welcher in Zelebrierung bürgerlicher Moralvorstel- lungen das Scheitern des M e n s c h e n MARX so packend zu schildern wußte. Diese Darstellung ergänzt REICHELT durch die - allerdings weniger packende - Darstellung des Scheiterns eines großen Denkers: als junger Spund in der HEGEL-Kritik den Fehlern seines großen Lehrmeisters noch aufgesessen, ruhte und rastete er nicht, ehe er ein Programm bzw. eine Methode entwickelt hatte, mit welcher er nicht nur seinem Meister eins auswischen (Wer steht schon gern auf dem Kopf?), sondern ihn auch übertrumpfen konnte. Doch hatte er sich damit abermals zuviel vorgenommen - er konnte seinen Anspruch nicht realisieren und scheiterte elend. MARX - Ein gescheiterter Methodologe ------------------------------------ Immerhin hat - nach Helmut REICHELT - MARX mit der 'Deutschen Ideologie' bzw. mit der 'Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie' jenen programmatischen Entwurf hinterlassen, an dessen Realisierung er deswegen gescheitert sein soll, weil er sich nicht um den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produkti- onsverhältnissen beim Neandertaler und den alten Spartakken ge- kümmert hat, sondern es ihm n u r auf die wissenachaftliche Kritik des Kapitalismus ankam. Inwieweit andere, weniger maßlose Typen - immer nur als "Versuch, sich der Totalität anzunähern", versteht sich - aus diesem Programm noch etwas herausholen kön- nen, inwieweit das Programm als Vorschrift überhaupt tauglich ist, klärt Helmut REICHELT. Von vornherein ist dabei Skepsis am Platz, denn eine Methode, welche derartig gigantomanische Ambi- tionen provoziert, muß selbst ihre Tücken besitzen: "Gleichwohl wollen wir (Helmut REICHELT meint Helmut REICHELT) den Versuch (!) unternehmen, die 'Deutsche Ideologie' unter dem Aspekt (!) zu untersuchen, ob sich Hinweise (!) finden, in wel- cher Form die in der 'Deutschen Ideologie' noch nicht durchge- führte Darstellung zu erfolgen hat ..." (31) Helmut REICHELT scheint sich seiner Lieblingsidee so unsicher zu sein, daß er sie bei der näheren Untersuchung der materialisti- schen Methode in der 'Deutschen Ideologie' erst einmal in Frage stellt: Man wird nach "Hinweisen" suchen müssen, diese Suche wird auch nur ein "Versuch" bleiben, der obendrein nur dann überhaupt etwas zutage fördert, wenn man sich die 'Deutsche Ideologie' nicht vornimmt, sondern an sie die "Aspekte" einer ihr inhärenten Methode heranträgt. Helmut REICHELT gibt also zu verstehen, daß er mit der 'Deutschen Ideologie' etwas veranstaltet, was mit ihr selbst nichts zu tun hat, um zu einem Resultat - der materiali- stischen Methode bzw. den programmatischen Abstraktionen - zu ge- langen, von dem er vorher emphatisch behauptet hat, es sei gerade der Kern der 'Deutschen Ideologie' und die Nahtstelle des ge- samten Werks von Karl MARX. Es kommt, wie es kommen muß. Helmut REICHELT bereitet den MARX gegenüber immer noch gutwilligen Lesern die nächste Enttäuschung: Einmal hat man es bei dem Programm "lediglich mit 'Abstraktionen'" (32) zu tun; zum anderen folgt daraus, daß man "die vielen Hinweise und Bemerkungen, die z.T. Wiederholungen der sich nun als Abstraktionen erweisenden (?) Gedankengänge aus frü- heren Schriften sind, nicht überzubewerten und als ganze Wahrheit zu nehmen" (33) hat; woraus erhellt, daß er in vielem kaum über die (bekanntlich idealistisch zu nennenden) Frühschriften hinaus geht. Auf die wichtige Frage nach dem verkehrten Bewußtsein und seinem Ursprung geht Marx nur "mit wenigen und zudem dunklen Sät- zen" (34) ein; schließlich ist da die Beziehung zwischen Produk- tivkräften und Produktionsverhältnissen "kaum vermittelt", und "noch durchaus mystisch" gefaßt. (35) Die Anstrengungen Helmut REICHELTS sind auch hier enorm. Wie er mit dem Marxschen Gesamtwerk verfahren war, ihm nämlich einen Zweck unterzujubeln, den es nicht verfolgt, um es dann damit zu verurteilen, daß es diesen Zweck nicht verwirklicht hat, so ver- fährt Helmut REICHELT auch mit der 'Deutschen Ideologie': Er dichtet ihr eine Funktion an, welche sie nicht besitzt (Programm soll sie sein), um bei der Überprüfung der Tauglichkeit der me- thodisch-programmatischen Anweisungen festzustellen, daß diese eigentlich gar nicht recht vorhanden, zumindest aber nicht taug- lich sind - ein Resultat, welches selbstverstehend deshalb her- auskommen muß, weil die 'Deutsche Ideologie' eben die Kritik des deutschen Idealismus und keine Anweisung zur Geschichtsschreibung darstellt. Wo selbst der letzte Blödel merkt, daß die eigene Kon- struktion falsch ist, dient Helmut REICHELT die Selbstbezweiflung seiner Erfindung nur dazu, MARX weitere Vorhaltungen zu machen: Selbst das, was man in ihn hineinlügt, hat er nicht realisiert! Damit steht für Helmut REICHELT, dessen Schlüsse also keine Frage seiner Intelligenz sind, fest: Was MARX der Nachwelt hinterlassen hat, taugt zu nichts. Das Frühwerk ist idealistisch, das Programm der 'Deutschen Ideologie' als materialistische Methode ist so vage und unklar, daß es nichts hergibt, und das Spätwerk schließ- lich stellt nur eine "bescheidene Konkretion" dar, von der im üb- rigen angesichts des desolaten Zustands des in ihm zur Realisa- tion gelangten (eigentlich kaum vorhandenen) Programms selbst in den bescheidenen Resultaten nur wenig erwartet werden darf. Die Kritik des Kapitalismus zum Beweis der Dialektik ---------------------------------------------------- Wer derartige Urteile über eine Theorie fällt, der zieht für ge- wöhnlich daraus eine Konsequenz: er legt sie ad acta, er ist ein für alle mal fertig mit ihr. Nicht so Helmut REICHELT! Der kommt nach seiner Philippika erst richtig in Fahrt. Das Hauptwerk von MARX, das 'Kapital', steht noch an. Und weil das Urteil schon feststeht, wird das 'Kapital' für Helmut REICHELT zum Gegenstand seiner theoretischen Arbeit, ohne daß er sich mit dem 'Kapital', geschweige denn mit dem Kapital, beschäftigt. Seine theoretischen Umtriebe gelten nicht der Kritik des Kapitalismus, sondern dem 'Kapital' a l s der "bescheidenen Konkretion" eines Programms, welches kein Programm ist. Es wird Helmut REICHELT Anlaß für s e i n e Fragen und s e i n e Probleme, und diese gelten nicht dem Kapital, sondern dem 'Kapital' als T h e o r i e, als Problem der Theoriebildung, als Problem der Verwendung von Be- griffen, der Genese von Begrifflichkeiten etc., kurz als Problem der Methode. Doch so bescheiden die Konkretion jener Abstraktionen im 'Kapital' nun auch immer sein mag, Helmut REICHELT kommt nicht darum herum, daß er selbst es als den Teil seines Gesamtwerks, welches die "wirkliche Darstellung" enthält, angekündigt hat. Er hat sich dies Drangsal selbst geschaffen, einerseits das 'Kapital' als ("bescheidene") Kapitalismuskritik einzuführen, an- dererseits aber doch mit dieser gerade nichts im Sinn zu haben. Aber Helmut REICHELT schafft es nicht nur, an seinem Interesse festzuhalten und doch das 'Kapital' zu seinem Gegenstand zu ma- chen; Helmut REICHELT wächst auch noch mit der Bedeutung seines Gegenstandes. Er formuliert sein Drangsal erst einmal m e t h o d i s c h und stellt damit klar, daß es für i h n keines ist. So weiß er zu berichten, "daß... ein wesentliches Verhältnis zwischen Methode und Inhalt besteht". (36) Diese Perle aus dem Schatzkästlein eines Marxisten mit Niveau be- steht vor allem in der freudigen Zustimmung zu Marxens Kritik an HEGEL, welcher nicht "die Logik der Sache, sondern die Sache der Logik" (37) betrieben habe, als er den bürgerlichen Staat erklä- ren wollte: "Die Logik diente nicht zum Beweis des Staates, son- dern der Staat zum Beweis der Logik." (38) Helmut REICHELT be- dient sich dieser HELGEL-Kritik ohne Umschweife zum Beweis des Gegenteils dessen, was MARX kritisiert hat. Er kommentiert: "Aus den zitierten Passagen geht... hervor, daß MARX eine imma- nente Gesetzlichkeit der Sache unterstellt, der sich die Methode gleichsam a n z u s c h m i e g e n hat." (39) Ging es MARX auch in seiner HEGEL-Kritik um nichts anderes als um das Festhalten der von HEGEL selbst geleisteten Kritik der Orga- non-Theorie des Erkennens (derzufolge das Instrument zum Erkennen vor und getrennt vom Gegenstand, den es zu erkennen gilt, vorhan- den sein muß), insistiert er auf der immanenten Gesetzlichkeit der Sache gegen jede davon getrennte Methode, so hält MARX-Metho- dologe Helmut REICHELT konsequent an "der Methode" gegenüber der Marxschen Theorie fest: Die Methode, die bleibt bestehen, nur nicht als das, was sie als Methode bei Helmut REICHELT gerade auszuzeichnen pflegt, nämlich Instrument der Erkenntnis eines Ge- genstandes zu sein, sondern als eine Art theoretischer Girlande, welche sich dem bereits als erkannt unterstellten Gegenstand mög- lichst eng um den Hals legt. Da die Methode sich dem erkannten Gegenstand unterwerfen soll, gesteht Helmut REICHELT die Über- flüssigkeit der Methode ein; dies jedoch nur in der Absicht, wei- ter zäh an ihr festzuhalten. So bewegt sich Helmut REICHELT in einem Zirkel: Es b e d a r f der Methode, aber sie hat sich dem Gegenstand zu unterwerfen; unterwirft sie sich aber der immanen- ten Gesetzlichkeit des Gegenstandes, Kapitalismus, dann ist die- ser bereits bestimmt; ist aber die innere Gesetzlichkeit der ka- pitalistischen Verhältnisse erschlossen, dann bedarf es der Me- thode n i c h t mehr. Die Lösung dieses Zirkels liegt auf der Hand: Da Helmut REICHELT selbst die Methode als M i t t e l der Erkenntnis kritisiert, ist sie ihm, weil er an ihr festhält, Z w e c k. An seinem Umgang mit dem 'Kapital' bestätigt er dies eindrucksvoll: "Wiewohl uns Marx keine Definition der materialistischen Dialek- tik hinterläßt, geht man sicherlich nicht an seinem späteren Selbstverständnis vorbei, wenn man die Feststellung trifft, daß das 'K a p i t a l' d i e D e f i n i t i o n d e r D i a- l e k t i k i s t." (40) Die Verwandlung der theoretischen Kritik des Kapitalismus in Me- thode ist Helmut REICHELTS Glanzleistung, ist das Resultat seines Theoretisierens über die Marxsche Theorie. Geschuldet ist es sei- nem Zweck, den Nachweis des Scheiterns der Marxschen Theorie kon- sequent zu führen. So nimmt er MARX das Etikett "Gescheiterter Historiker" vorerst ab und hängt ihm ein neues um, "Dialektiker": Um die Dialektik zu definieren, hat sich MARX also die Mühe ge- macht und die bürgerliche Gesellschaft kritisiert. (Warum hat er sich dazu eigentlich keinen erfreulicheren Gegenstand ausge- wählt?) Die Kritik des Kapitalismus ist somit für REICHELT nicht Grundlage für seine Abschaffung, sondern Material zum Beweis der Dialektik. Nach Freuden und mit Lust kann Helmut REICHELT damit seinen 'Kapital'- und 'Grundriß'-Studien nachgehen, ohne sich um deren Gegenstand zu scheren. Da MARX nun einmal darauf beharrt, "- und darin zeigt er sich als ein echter (!) Schüler Hegels - daß über die Methode, abgelöst vom Inhalt, nichts gesagt werden kann", (41) nimmt Helmut REICHELT den I n h a l t und studiert ihn a l s Methode. 'Das Kapital' und was alles nicht in ihm steht ---------------------------------------------- Seine Beschäftigung mit dem 'Kapital' bzw. mit den 'Grundrissen' ist das Gegenteil dessen, was das 'Kapital' zum Inhalt hat. Sie ist der "Versuch, die dialektische Darstellung der Kategorien nach- zuzeichnen". (42) Den I. ("Ware und Geld") und II. ("Die Verwandlung von Geld in Kapital") Abschnitt des 'Kapital' untersucht er deswegen unter der Überschrift: "Die kategoriale Darstellung" (43). Nicht um den Wert als Faktor der Ware, sondern um den "Marxschen Wert- b e g r i f f" (44) geht es ihm. Und selbst diese verstümmelte Form der Kapitalrezeption ist ihm nur Vorlauf für sein Vorhaben: "Bevor wir uns der F o r m der d i a l e k t i s c h e n D a r s t e l l u n g der K a t e g o r i e n zuwenden, sollen kurz die Grundprobleme der Marxschen Wert- und Geldtheorie umris- sen werden." (45) Wer meint, deutlicher könnte man sein Desinteresse am Kapitalis- mus nicht mehr dokumentieren, der wird von Helmut REICHELT ein- drucksvoll widerlegt; dem stößt nämlich anläßlich seiner Verge- genwärtigung der "Grundprobleme der Marxschen Wert- und Geldtheo- rie" das folgende Ungetüm von Frage auf: Wie muß (!) der Inhalt (!) der Kategorien der politischen Ökono- mie gedacht (!) werden daß er bei der Betrachtung der Formen not- wendig (!) als Inhalt jener Formen begriffen (!) werden kann?" (46) Mit dieser Monstrosität macht sich Helmut REICHELT nicht etwa an die Erklärung des Inhalts und der Form der Ware, des Geldes etc.; vielmehr geht es ihm um das aparte Problem, wie man einen Inhalt so d e n k e n kann (bzw. wie MARX einen Inhalt so denken konnte), daß dieser bei der Betrachtung von etwas anderem, einer Form nämlich, notwendig als deren Inhalt begriffen werden kann. Nicht etwa, daß die Ware eine Wertform ist, ein Resultat, welches die Untersuchung der Ware erbringt sondern wie jene für ihn längst als getrennte Momente - hie Wert, dort Ware als Wertform - feststehenden Resultate nun so zueinander gedacht werden können, daß sie zu dem werden, was sie in der Theorie sind - damit mar- tert er sein Hirn. Der Nachvollzug der Kritik der Ware und des Geldes wird für Helmut REICHELT zu einer Veranstaltung, in wel- cher ihm Inhalte und Formen der ökonomischen Kategorien zum Anlaß für die Betätigung jener Kräfte werden, mit deren Hilfe die Wirk- lichkeit erschlossen wird: Betrachten, Denken, Begreifen sind Subjekte des Geschehens, die sich nicht etwa an der Ware und dem Geld, als realen ökonomischen Sachverhalten, sondern an ihnen als Resultaten einer vergangenen Denkleistung - eben jenes Karl MARX - zu bewähren haben. W i e hat Karl MARX seine Resultate so g e d a c h t bzw. denken können, daß das herauskommt, was er gedacht hat? Dies ist die absurde Frage; sie ist die konsequente Folge der Tatsache, daß Helmut REICHELT das 'Wie' der Darstellung der ökonomischen Sachverhalte ein Problem getrennt von der Sache ist. Ihre B e a n t w o r t u n g findet solche Frage allemal im Verweis auf die Voraussetzungen der Erkenntnistätigkeit beim erkennenden Subjekt. Ihre Konsequenz findet sie bei Helmut REI- CHELT, der sich mangels Qualifikation nun doch scheut, ganz in die Psychologie oder Neuro-Physiologie abzudriften, in Idealis- men: Unter der Überschrift "Die Kategorien der einfachen Zirkulation" (47) geht es um die "Ideelle Verdoppelung" (48) und um die "Wirkliche Verdoppelung" (49) natürlich der Ware in Ware und Geld, wo Helmut REICHELT keine Mühe scheut nachzuweisen, daß das Geld als selbständige Wertform nicht etwa Resultat des Doppelcha- rakters der Ware (K I, 1. Kapitel) ist, sondern in dem Handeln der Menschen im "wirklichen" Austauschprozeß (K I, 2. Kapitel) zustandekommt. Geld wird also - im Unterschied zur "Ableitung der allgemeinen Äquivalentform" (50), welche für Helmut REICHELT nicht etwa das Geld ist, sondern seine Idee - aus dem gesell- schaftlichen Handeln der Subjekte erklärt, wo MARX umgekehrt das gesellschaftliche Handeln der Subjekte aus den Charakteren der ökonomischen Gegenstände erklärt. Zwangsläufig verwandeln sich dann Geld und Ware im 1. Kapitel von K I, in welchem es um diese selbst und nicht um das daraus erklärbare Verhalten der Menschen im Austauschprozeß geht (2. Kapitel), in ideelle Größen: "Die Marxsche Geldtheorie endet mit der Entwicklung einer Form, die in der Darstellung der ideellen und wirklichen Verdoppelung in der Werttheorie gleichsam im Medium des reinen Begriffs (!) entwickelt wurde. Sobald wir zur Konkretisierung übergehen und die Lehre von der Preisform als Pendant der zuvor entwickelten ideellen Verdoppelung erkannten, wurden wir durch diese Form, die mit der Entwicklung des Geldnamens abschließt, mit der e x i s t i e r e n d e n bürgerlichen Gesellschaft konfron- tiert." (51) Die Verwandlung des 'Kapital' in dialektische Methode impliziert die Trennung der allgemeinen Begriffe von der Realität der bür- gerlichen Gesellschaft; nicht etwa daß Ware, Wert, Gebrauchswert etc. Zusammenhänge der bürgerlichen Gesellschaft erklären würden - weit gefehlt: Es handelt sich bei ihnen um Chimären, um "reine Begriffe", welche mit der Realität der bürgerlichen Gesellschaft nichts zu schaffen haben. Erst ihre Verwandlung in etwas anderes, in Konkretes, bringt sie in die Nähe dessen, was es w i r k l i c h gibt. Nach geglückter Konkretisierung der "reinen Begriffe" kann sich Helmut REICHELT dann über die Ü b e r e i n s t i m m u n g zwischen dem konkretisierten Be- griff und der existierenden bürgerlichen Gesellschaft - in Ge- stalt der Preisform - freuen: denn mit wirklichen Preisen hat es auch ein deutscher Professor zu tun. Solcherart Umgang mit Be- griffen unterstellt diese als Produkt Marxscher Einbildungskraft und Phantasie; sie sind nicht das Resultat der Erkenntnis von Wirklichkeit, deren A b s t r a k t h e i t eine Denkunmöglich- keit für Helmut REICHELT ist, sondern es handelt sich bei ihm um von der Wirklichkeit getrennte Setzungen, die man erst durch ei- nige Manipulationen auf ihre Tauglichkeit zur Erklärung von Wirk- lichkeit ü b e r p r ü f e n muß. Für Helmut REICHELT ist ein Begriff gerade nicht der Begriff einer Sache, welcher immer Kon- kretes erklärt, weil er allgemein ist, sondern er ist Begriff auf Probe (Hypothese), der erst dann von Helmut REICHELT als Begriff für tauglich befunden wird, wenn feststeht, daß er tatsächlich etwas mit der Empirie zu tun hat. Propapaganda gegen den Marxismus -------------------------------- als Mittel kommunistischer Politik ---------------------------------- Marxist REICHELTS Negation der Marxschen Theorie hat System. Sein Theoretisieren über die Marxsche Theorie, von ihm als Weg zur Er- schließung derselben vorgetragen, ist das gerade Gegenteil: es ist die Abwendung vom Gegenstand des 'Kapital', den bürgerlichen Verhältnissen und ihrer Kritik. Helmut REICHELT macht sich das 'Kapital' nur als Problem der Theoriebildung, als Problem seiner erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und Implikationen zum Ge- genstand und bekommt somit nichts über das Kapital heraus. Wie MARX gedacht, wie er bestimmte Begriffe verstanden, warum er Sachverhalte so und nicht anders dargestellt hat was die Logik der Darstellung ist, worin die Dialektik der Theorie liegt wie MARX in der Forschung vorgegangen ist etc. - immer geht es Helmut REICHELT nicht um die Logik der bürgerlichen Gesellschaft, den Inhalt von Begriffen und um die Resultate Marxscher Forschung über das Kapital, vielmehr muß all dies für ihn als Material zur Betätigung seines erkenntnistheoretischen Interesses herhalten. Helmut REICHELT ist damit nicht nur meilenweit von jenem Vorhaben entfernt, welches MARX erwähnt, aber nicht mehr ausgeführt hat - "... in zwei oder drei Druckbogen das rationelle an der Methode, die Hegel entdeckt, aber zugleich mystitiziert hat, dem gemeinen Menschenverstand zugänglich zu machen" (52) - was er betreibt, steht konträr zum Marxschen Vorhaben. MARX hatte herausgefunden, daß HEGELS Logik - entmystifiziert - bei der Be- arbeitung der Darstellung des Begriffs des Kapitalismus, bei dem Vorhaben, der Logik der Sache in ihrer Darstellung zu größter Klarheit zu verhelfen, Dienste leisten kann. Die Instrumentali- sierung des Rationellen an HEGELS Logik setzt also den Begriff einer Sache allemal voraus. Bei Helmut REICHELT aber verkehrt sich das Verhältnis zwischen dem Begriff des Gegenstandes und den Instrumenten für seine präzise Darstellung: er beschäftigt sich mit der Marxschen Theorie überhaupt nur um jenes Instruments wil- len, das ihm in vielen Varianten ein Problem ist. Dabei ist er so gründlich, daß ihm das 'Kapital' selbst zur Dialektik wird. Die Kritik des Kapitalismus, von der MARX als von einem "missile", von einem Geschoß sprach, von welchem sich die Bourgeoisie nicht mehr erholen würde, ist bei Helmut REICHELT M e t h o d e, ein Denkinstrument und damit nicht einmal die Darstellung von Gesetz- mäßigkeiten des Denkens. Solche Konsequenz seines theoretischen Treibens offenbart seinen Zweck: weil sein Marxismus die radikale Zurichtung der Marxschen Theorie zum Stoff für Erkenntnistheore- tiker ist, i s t er die Negation der Marxschen Theorie, die Ne- gation der Kapitalismuskritik als Waffe im Kampf gegen das Kapi- talverhältnis. Natürlich hat Helmut REICHELT Schwierigkeiten, in der Marxschen Theorie Antworten auf seine Fragen zu erhalten, von denen er be- hauptet, es seien auch die Fragen von MARX. Da die Marxsche Theo- rie nicht das leistet, wozu sie von Helmut REICHELT zugerichtet worden ist, wird er an der Marxschen Theorie irre: der Marxist Helmut REICHELT ist ein Z w e i f l e r an der Marxschen Theo- rie. Weit davon entfernt, seine eigenen Verdrehungen anzuzwei- feln, verkündet er das S c h e i t e r n der Marxschen Theorie. Was er an Mängeln in die Marxsche Theorie hineindichtet, führt auch nicht dazu, sich mit dieser n i c h t mehr zu beschäfti- gen, sondern im Gegenteil - das Beharren auf dem Scheitern der Marxschen Theorie macht er zum Prinzip seiner Beschäftigung mit ihr. Helmut REICHELT betreibt die Negation der Kapitalismuskritik offensiv: Sein Gebot, die Kritik der bürgerlichen Verhältnisse als Methode zu studieren, enthält neben der Konsequenz, den Mar- xismus falsch zu studieren, die P r o p a g a n d a der Untaug- lichkeit der Marxschen Theorie als Instrument im Klassenkampf. Helmut REICHELT ist der Propagandist des Scheiterns der Marxschen Theorie, dem es darum geht, den Leuten die Praktizierung des Mar- xismus a u s z u t r e i b e n. Dabei ist Helmut REICHELT beileibe kein bürgerlicher Wissen- schaftler, der in seiner Wissenschaft die Affirmation der bürger- lichen Gesellschaft betreibt. Helmut REICHELT ist Marxist, und zwar ein Marxist, der in der Propagierung des Scheiterns der Marxschen Theorie gerade a n d e r M a r x s c h e n T h e o r i e f e s t h ä l t. Er wird zum Verkünder der Un- tauglichkeit der Marxschen Theorie für den Klassenkampf gerade durch seinen Umgang mit der Marxschen Theorie. So erhält er s i c h die Marxsche Theorie als sein Betätigungsfeld gegen ih- ren Zweck. Und darin liegt die Perfidie seiner wissenschaftlichen Praxis: Helmut REICHELT warnt niemanden vor der Marxschen Theo- rie, im Gegenteil, er hält alle Welt an, sich mit der Marxschen Theorie zu beschäftigen, sie zu studieren und zwar gründlich und bei ihm. Er erscheint als Propagandist des Marxismus, predigt Gründlichkeit, Akkuratesse und wissenschaftliches Niveau und bringt so die Sauerei fertig, gerade d u r c h das Gebot eines gründlichen Studiums des Marxismus die Praktizierung der Kapita- lismuskritik zu verhindern. Solcher Umgang mit der Marxschen Theorie (und da gibt es nicht nur Helmut REICHELT, es gibt H.D. BAHR, M.G. BACKHAUS, A. SOHN- RETHEL, J. BISCHOFF und seine Gang nicht zu vergessen usw. usw.) hat seinen Grund in der Existenz rivalisierender Auslegungen des praktizierenden Marxismus. Weil revisionistische Gruppierungen allesamt den MARX zur Legitimierung ihrer Politik hernehmen und sich dann auch noch marxistisch-leninistisch nennen, schließt diese falsche kommunistische Politik die Verfälschung der Marx- schen Theorie ein: Da gibt es Demokratiefanatiker, die sich durch MARX, der Demokratie, Recht etc. kritisierte, legitimiert finden; da geht es Gruppen darum, den Kapitalismus abzuschaffen, indem sie sich im Kampf gegen ihn seine Mängel zum Problem machen (vgl. den Beitrag zu HUFFSCHMID). Noch für den letzten, unter der Flagge kommunistischer Politik segelnden Blödsinn revisionisti- scher Gruppen muß MARX herhalten, denn dieser hat es ja mit den Arbeitern gehabt, um deren falsche Interessen die Revis (leider) rührend bemüht sind. Die offensichtliche Verhunzung der Marxschen Theorie zu legitimatorischen Zwecken durch revisionistische Poli- tik, der Streit der feindlichen Brüder um den "wahren", sie be- stätigenden Marxismus bringt jenen wissenschaftsverpflichteten Marxismus hervor, der die Klärung der Frage nach dem "wahren" Marxismus durch die Nichtbeschäftigung mit ihm einer Kritik des legitimatorischen Umgangs mit der Marxschen Theorie vorhat. Die Methodologisierung der Marxschen Theorie zeigt sich mit ihrem Er- gebnis, der Praktizierung des Marxismus entgegenzuarbeiten, als die falsche Kritik der Marxverfälschung, die revisionistische Po- litik leistet. Wo die Revisionisten die Marxsche Theorie zur Be- gründung ihres Tuns deswegen verdrehen, weil sie sich auf jede Regung der Arbeiter begeistert einlassen, statt sie, wie MARX es systematisch im 'Kapital' getan hat, zu kritisieren, wo also die Revis f ü r falsche P o l i t i k die Marxsche Theorie zu- rechtbiegen, praktiziert Helmut REICHELTS methodischer Marxismus den Fehlschluß, den "wahren" Marxismus, wie er eigentlich und jenseits allen Parteigezänks ist, dadurch ergründen zu wollen, daß er ihn als seine erkenntnistheoretischen Voraussetzungen un- tersucht. Warum Helmut REICHELT gerade das nicht betreibt, worin die feindlichen Brüder streiten, die Veränderung der kapitalisti- schen Verhältnisse, ist jetzt unschwer zu ermitteln: Helmut REI- CHELT ist nämlich auch k e i n R e v i s i o n i s t, ihm geht es nicht um die Abschaffung der Verhältnisse, ein Ziel, an dem die Revisionisten in ihrer f a l s c h e n Politik gegen das Kapitalverhältnis festhalten; ihm geht es vielmehr darum, die Marxsche Theorie, so wie sie ist, als für j e d e Praxis un- tauglich zu erklären. Mit der Wirklichkeit gegen ihren Begriff ---------------------------------------- Jene besondere Spezies von Marxisten, die das vertiefte Studium des Marxismus mit dem Zweck betreibt und propagiert, anderen den Marxismus auszutreiben, findet sich gegenüber denjenigen, die dasselbe Ziel durch die Beschimpfung von Theorie schlechthin er- reichen wollen, in dem Nachteil, daß sie an der Marxschen Theorie deren Untauglichkeit zeigen muß. Weil dies der Gegenstand aber nicht zuläßt, macht sie aus der Marxschen Theorie etwas, was sie nicht ist, um dann an ihr ihr Geschäft vollziehen zu können: Vor- läufigkeit, Unvollständigkeit, Ungenauigkeit, aber auch Komplexi- tät und Gedankentiefe sind die Prädikate, mit denen wechselweise die Marxsche Theorie belegt wird, um die Realisierung ihrer Funk- tion als Instrument im Klassenkampf zu verhindern. Helmut REICHELTS Verwandlung des 'Kapital' in eine Darstellung der Dialektik, in eine Methode der Erkenntnisgewinnung, ist der (vorläufige) Gipfel dieser Praxis. Doch steht dieses Resultat Reicheltscher Marx-Verdrehung noch gegen sein Interesse: Ist das 'Kapital' nun zwar nicht die Kritik der bürgerlichen Gesell- schaft, so ist es doch immerhin Methode mit welcher diese Kritik zu leisten ist. Die Logik der Methodologie wird demjenigen schnell auf die Sprünge verhelfen, der meint, an diesem Resultat gegen das Interesse, als dessen Praxis es sich gerade herausge- stellt hat, festhalten und Helmut REICHELT vor der hier geleiste- ten Kritik doch noch irgendwie in Schutz nehmen zu können. Dieser Logik gemäß gibt es zwei Wege, den zur Methode umfabulierten Be- griff der bürgerlichen Gesellschaft zu denunzieren, d.h. ohne ihn als das zur Kenntnis zu nehmen, was er ist. Und Helmut REICHELT sind beide Wege bestens bekannt: Wenn das 'Kapital' nur als Me- thode gilt, bekommt der Methodologe, sei dieser nun Marxist oder nicht, einmal das Problem der A d ä q u a n z d e r M e t h o d e, und zum anderen das Problem, inwieweit diese Me- thode überhaupt Methode ist bzw. was (diese) M e t h o d e a l s M e t h o d e e i g e n t l i c h i s t. In der ersten Abteilung dieser Denunziation des 'Kapital', in der es um die Adäquanz von Methode und Gegenstand geht, ist Helmut REICHELT Empiriker und Zeitgenosse. Er verkündet sein Problem mit dem gegenwärtigen Kapitalismus als Problem des 'Kapital': "Im Grunde hat Marx nur einen geringen Teil realisiert, die Dar- stellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft, aber auch hier ist er nicht bis zur 'wirklichen Darstellung' durchgedrun- gen, sondern hat fast ausschließlich (das 2. Kapitel ist wohl die Ausnahme) den 'allgemeinen Begriff des Kapitals' entfaltet, also selbst noch einmal eine Art Anweisung zum Studium des w i r k l i c h e n Kapitalismus in seinen verschiedenen natio- nalen Ausprägungen." (53) Das Resultat jener programmatischen Abstraktionen, deren Ausfüh- rung Helmut REICHELT im 'Kapital' als "wirkliche Darstellung" vorzufinden gedachte, findet er nach bewährter Methode dort nicht vor. Das Resultat eines Leitfadens ('Deutsche Ideologie') ist selbst wieder ein Leitfaden: die Erklärung des Kapitalismus steht mithin noch aus. Und wer sich erkühnt, den "allgemeinen Begriff des Kapitals" für die Kritik des "wirklichen" Kapitalismus und als Grundlage des Kampfes gegen die bürgerliche Gesellschaft zu nehmen, der muß sich von Helmut REICHELT sagen lassen, daß er seinen Kampf auf Hirngespinsten, "reinen Begriffen", welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, - mit der gegenwärtigen Wirklichkeit schon gleich gar nicht - aufbaut und somit der Kampf von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, der sich auf das 'Kapital' stützt. Ja, MARX selbst war es, der - wie Marxist REI- CHELT herausgefunden hat - vor seinem eigenen Werk gewarnt hat: er selbst hat nämlich die Unterscheidung getroffen "zwischen der Darstellung des 'allgemeinen Begriffs des Kapitals' und der - von Marx explizit ausgeklammerten - Darstellung der wirklichen Konkurrenz, des", wie Helmut REICHELT beschwörend hin- zufügt, "existierenden Kapitalismus also..." (54) Aus dem wirklichen Zusammenhang zwischen den allgemeinen Gesetz- mäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft und der Konkurrenz als der Form, in welcher sich die inneren Gesetzmäßigkeiten durchset- zen, macht Helmut REICHELT das Auseinandertreten von Begriff und Wirklichkeit. Der bestimmte Zusammenhang der Phänomene der bür- gerlichen Gesellschaft, den MARX im 'Kapital' entwickelt hat, dient Helmut REICHELT dazu, die Marxsche Theorie erneut für un- tauglich zu erklären: Wo die Arbeit eigentlich erst beginnt, dort habe MARX aufgehört - die "wirkliche Darstellung" der kapitali- stischen Verhältnisse habe er nicht geleistet. Und wie könnte es anders sein, mit dem 'Kapital' als "Anweisung zum Studium des wirklichen Kapitalismus" sieht es dann auch nicht besser aus: "Marx läßt seinen Leser... im unklaren darüber, in welcher Weise mit Hilfe dieser (nicht zu Ende gebrachten) Darstellung die wirk- liche Geschichte zu schreiben ist." (55) In ganz besonders hohem Maße muß diese Tauglichkeit des 'Kapital' als Anweisung für das Studium derjenigen Periode der Geschichte überprüft werden, in der sie ihre Tauglichkeit unter Beweis stel- len soll: der Gegenwart. Deswegen stellt Helmut REICHELT die Frage noch einmal neu. Nicht die Eignung für die wirkliche Ge- schichte, sondern "ihre Eignung für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus" (56) gilt es festzustellen. Mit dieser Forderung hat Helmut REICHELT zum einen die Behauptung aufgestellt, MARX habe im 'Kapital' nicht d e n Kapitalismus erklärt, sondern vielleicht eine be- sondere Phase des Kapitalismus. Da in dieser Behauptung zugleich die andere steckt, daß die Marxsche Theorie als Kritik des Kapi- talismus f a l s c h ist - denn einen bestimmten Abschnitt ei- ner historischen Epoche für das Ganze derselben auszugeben, ent- hält falsche Generalisierungen und ist als Theorie des Kapitalis- mus untauglich -, hat Helmut REICHELT das Kunststück fertigge- bracht, sich der Falschheit der Marxschen Theorie zu vergewis- sern, ohne sie zu kritisieren; ein vernichtendes Urteil über das 'Kapital' als Theorie des Kapitalismus abzugeben, ohne sie als diese Theorie zur Kenntnis zu nehmen. Zugleich hat sich Helmut REICHELT in einen weiteren Zirkel hin- einbegeben, dessen Quintessenz erneut sein Prinzip zeigt: Soll die Tauglichkeit der Methode zur Erklärung des gegenwärtigen Ka- pitalismus überprüft werden, so setzt dies den gegenwärtigen Ka- pitalismus bereits als erkannten voraus, denn woran sollte sich die Adäquanz der Methode wohl erweisen, wenn nicht an jenem Ge- genstand, f ü r den sie tauglich sein soll. Somit wäre der Be- weis der Überflüssigkeit des 'Kapital' als Methode bereits er- bracht, noch ehe über ihre Tauglichkeit befunden ist. Doch dop- pelt genäht hält besser! Die Untauglichkeit des 'Kapital' als In- strument zur Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus wird noch einmal gesondert festgestellt. Deswegen stellt Helmut REICHELT keineswegs nur für skeptische Leser die Frage: "wie kommen wir dazu, heute, mehr als hundert Jahre nach der For- mulierung dieser Theorie sie als eine der weiteren gesellschaft- lichen Entwicklung enthobene Wahrheit hinzustellen, die, erst einmal entdeckt, weiterhin Gültigkeit beanspruchen darf." (57) Daß diese Frage nicht nur rhetorisch ist, zeigt die Tatsache, daß sich Helmut REICHELT auf sie einläßt. Statt sie als falsche Frage zu kritisieren - was sagt der Zeitpunkt der Entwicklung einer Theorie über deren Wahrheit aus? - hält er sie gar dreier Entgeg- nungen für würdig, welche nicht nur die Frage nicht kritisieren, sondern sie auch nicht - etwa in gutbürgerlicher Manier durch Ve- rifikationsversuche oder durch die Angabe von ceteris-paribus- Klauseln - beantworten sollen. Erste Antwort: Die Theorie "besitzt s o l a n g e Gültigkeit, als der in dieser spezifi- schen Form dargestellte Gegenstand existiert." (58) Helmut REICHELT verkündet die Banalität, daß eine Theorie nichts mehr gilt, wenn es ihren Gegenstand nicht mehr gibt. Er insi- stiert also darauf, daß eine Theorie einen Gegenstand haben muß, und da hat er denn wohl auch recht. Seine Antwort hat nun aller- dings mit der Fragestellung nichts zu tun: Wie kann eine Aussage über die Gültigkeits d a u e r einer Theorie etwas über deren Gültigkeit sagen? Was haben die Bedingungen, unter denen sich eine Theorie erhält, mit der Richtigkeit ihrer Aussagen zu tun? Da jedermann klar ist, daß auch falsche Theorien ohne Gegenstand obsolet sind, verrät das tautologische Insistieren auf der Objek- tivität des zu Erkennenden seinen Zweck: Wer die Banalität, daß eine Theorie einen Gegenstand hat, nicht nur meint betonen zu müssen, sondern zudem als Beleg für die Gültigkeit einer Theorie verwendet, der dokumentiert seine Skepsis darüber, ob diese Theo- rie - die Marxsche Theorie - eigentlich noch einen heute existie- renden Gegenstand hat. K ö n n t e es nicht sein, so lautet der Zweifel, daß sich in den vergangenen hundert Jahren der Kapita- lismus völlig verändert oder überlebt hat? Könnte es nicht sein, daß MARX eine andere Wirklichkeit erklärt hat, als wir sie heute erleben? Weil eben alles möglich ist, muß sich für denjenigen, der ein Problem mit der Adäquanz von Methode und Gegenstand, von 'Kapital' und gegenwärtigem Kapitalismus erst einmal bekommt, der Zweifel an beiden Seiten des problematisierten Verhältnisses festsetzen. Die Frage nach der Übereinstimmung i s t bereits der Zweifel daran, ob eine Übereinstimmung gegeben bzw. noch ge- geben ist. Und wenn die eine Seite bezweifelt wird - hier als Frage danach, ob der gegenwärtige Kapitalismus noch der MARXens ist -, dann hat dies Konsequenzen für die andere: Besteht auch nur der Verdacht der Veränderung des Kapitalismus, dann ist die Adäqanz zum Teufel, die Untauglichkeit des 'Kapital' bewiesen. Doch müßte es nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn man nicht auch der anderen Seite, der Analyse des Kapitalismus noch weiter am Zeug flicken könnte: Zweite Antwort: "Einblick in die verkehrte Form (der kapitalistischen Gesell- schaft) ist erst möglich, wenn sie als solche weltgeschichtlich überholt ist, wenn sich also (!) die Produktivkräfte soweit ent- wickelt haben, daß sich die Produktionsverhältnisse als Fessel bemerkbar machen und sich u n w i d e r s t e h l i c h ins Be- wußtsein drängen." (59) Da es Helmut REICHELT nicht um die Begründung der Gültigkeit der Marxschen Theorie, sondern um die Verstärkung des Zweifels an ihr geht, beantwortet er die Frage nach der Gültigkeit der Marxschen Theorie mit einer Anmerkung über die M ö g l i c h k e i t d e r E x i s t e n z der T h e o r i e. Die Versicherung, die kapitalistischen Verhältnisse seien eigentlich bereits über- holt, wenn sie erkannt werden können, heißt, daß sich die Gültig- keit der Marxschen Theorie erst dann feststellen läßt, wenn sie nicht mehr gebraucht wird; erst wenn sich - weltgeschichtlich versteht sich! - die Verhältnisse bereits selbst überwunden ha- ben, kann sich der Mensch nicht länger gegen deren Einsicht sper- ren. Mit diesem Argument setzt Helmut REICHELT zum umfassenden Rundschlag an: Er leugnet mit der Feststellung des sich gegen Be- wußtsein und Wissenschaft naturhaft sich durchsetzenden Mechanis- mus von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nicht nur die Wissenschaft als Grundlage der kapitalistischen Produktions- weise; er treibt seinen Zweifel so weit, daß er Erkenntnis gene- rell und damit auch den Erkenntnischarakter der Marxschen Theorie in Frage stellt. Wenn nämlich Erkenntnis nicht die Aneignung der Objektivität durch die Denkleistung des Menschen ist, sondern sich die gesellschaftliche Realität an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung dem Bewußtsein der Menschen "unwiderstehlich" aufzwingt, sich im Bewußtsein abbildet, ohne daß der erkennende Mensch dem etwas entgegenzusetzen vermag, dann gibt es bewußte Verstandesleistung eben nicht mehr, sondern nur einen über natürliche Hirnvorgänge vermittelten Prozeß der Penetration der Objektivität ins "Bewußtsein". Was bleibt also heute, hundert Jahre nach ihrer Veröffentlichung, über die Marxsche Theorie zu sagen? Erstens ist sie heute unnütz, zweitens ist sie keine Theorie, sondern ein Reflex der Verhältnisse, weswegen es drittens mit der Erkenntnis überhaupt so eine Sache ist, viertens mit der Marxschen Theorie überhaupt, denn woran liegt es wohl, daß es immer noch so wenig Marxisten gibt, wenn nicht daran, daß sie der Einbildungskraft der Verhältnisse Widerstand entgegenset- zen, mithin sich gerade bei ihnen die bestehenden Verhältnisse nicht ins Bewußtsein drängen konnten. Damit hat Helmut REICHELT seine eigene Ausgangsfrage doch noch kritisiert, allerdings anders, als dies immer noch wohlmeinende Leser vermuten durften: Er kritisiert nicht, daß d i e s e Frage nach der Gültigkeit falsch gestellt ist, sondern daß j e d e Frage nach Wahrheit obsolet ist; wie kann es denn - so lautet sein implizierter Schluß - ein richtig oder falsch geben, wenn Erkenntnis der Reflex der Verhältnisse ist? Doch eine derartige Konsequenz ist für ihn selbst zu radikal, dessvouiert sie auch i h n als einen marxistischen Methodolo- gen, der sich von den anderen unterscheidet, und sei es nur im Niveau. So erinnert er sich daran, daß es ihm allein um den Nach- weis der Untauglichkeit der Marxschen Theorie geht und stellt deswegen an s i e eine Wahrheitsfrage: Dritte Antwort: "Der Wahrheitsgehalt der Marxschen Theorie ist nicht schon da- durch tangiert, daß das Proletariat n i c h t zur praktischen Aktion übergegangen ist." (60) Indem Helmut REICHELT sich auf die Widerlegung einer derartigen Dummheit einläßt, die heute allenfalls in überholten Schulbüchern als plumper Beitrag zum Antikommunismus anzutreffen ist, bringt er erst einmal MARX auf einen EMNID-Vorläufer herunter, auf einen Prognostiker in Sachen Revolution, um dann - mit Hilfe der Marx- schen Theorie versteht sich - die falsche Prognose zu erklären. MARX selbst, so rekurriert Helmut REICHELT, hat gezeigt, daß die Subjekte in der bürgerlichen Gesellschaft ein "notwendig falsches Bewußtsein" (61) besitzen, welches die Arbeiter bis heute daran gehindert hat, die Revolution zu machen. (62) Doch Helmut REICHELT schafft es, diese Einsicht gegen die Marx- sche Theorie zu verwenden. Einmal beharrt er auf dem bürgerlichen Argument, indem er es zu widerlegen versucht; er erklärt den Zu- stand, den die Bürger als Argument gegen die Marxsche Theorie ins Feld führen, in einer Weise, in der diese noch bestärkt werden. Denn wenn die Arbeiter bislang durch ihr falsches Bewußtsein an der Revolution gehindert worden sind und es diesen Fetischismus geben m u ß, solange es Kapitalismus gibt, dann werden die Ar- beiter auch in Zukunft keine Revolution machen. Zum anderen ver- stärkt er die Betätigung bürgerlicher Marxismuskritik, wenn er zugleich davon redet, daß die verkehrten Formen "an jener welthi- storischen Wende prinzipiell durchschaubar" (63) werden. Denn der 'Fetischismus' und die sich 'unwiderstehlich aufdrängende Er- kenntnis' sind das Begriffspaar, mit welchem die Bürger allen Marxisten eine Immunisierungsstrategie ihrer Kritik vorhalten: Die Marxisten würden nämlich abwechselnd, wie es ihnen in den Kram paßt, einmal das eine Argument zur Widerlegung der fremden, einmal das andere zur Erklärung der Richtigkeit der eigenen Posi- tion heranziehen. Die Art, in der Helmut REICHELT das Argument der Bürger (nicht) widerlegt, demonstriert so ein weiteres Mal, was der Zweck von Erörterungen der Marxschen Theorie als Erörte- rung der Erkenntnisbedingungen, -möglichkeiten, -voraussetzungen, -formen und -methoden ist, welche den Inhalt seiner kritischen MARX-Bezweiflung ausmachen. Im Übertrumpfen bürgerlicher MARX-Kritik bleibt Helmut REICHELT selbstverständlich Marxist: Er erledigt das Geschäft der MARX-Be- zweiflung mit MARX selbst. Damit fügt er seinen Verurteilungen der Marxschen Theorie eine weitere hinzu: Mit der Entwicklung seiner Theorie hat MARX zugleich seine e i g e n e Widerlegung hervorgebracht - was er gemacht hat, hat er offensichtlich doch gründlich gemacht! Ob die Methode überhaupt eine Methode ist, was sie als diese Me- thode ist, welche ihre Implikationen sind..., all dies sind Fra- gen aus der zweiten Abteilung der Denunziation der Marxschen Theorie, die sich selbstredend beantworten lassen, wenn der Sinn, das Wesen von Methode geklärt, wenn bestimmt ist, was Methode überhaupt ist. Den Nachweis der Untauglichkeit des 'Kapital' als Methode erbringt Helmut REICHELT in dieser Abteilung dadurch, daß er den Nachweis der Tauglichkeit schlechterdings für nicht er- bringbar hält: "Erst wenn über den Sinn (!) dieser Unterscheidung (zwischen dem 'allgemeinen Begriff des Kapitals' und der 'Darstellung der wirk- lichen Konkurrenz'), der nur auf dem Wege einer detaillierten Darstellung der Kategorien und Erörterung der Implikationen (!) dieser Darstellungsform zu erschließen ist, Klarheit besteht, wird es möglich sein, sich abschlußhaft (na, na!) über d i e Marxsche Methode und ihre Eignung für die Analyse des gegenwärti- gen Kapitalismus zu äußern." (64) Das heißt, vorläufig ist dies erst einmal gar nicht möglich, den allenthalben bestehen Unklarheiten und herrscht mangelndes Niveau in der MARX-Forschung, und selbst Helmut REICHELT hat es doch erst zur detaillierten Nachzeichnung der ersten vier Kapitel des ersten Bandes des 'Kapital' gebracht. Wie sollte man schließlich "abschlußhafte" Klarheit über die Marxsche Methode gewinnen, wenn man nicht fragt, wie Marx zu ihr gekommen ist, wie sie im histo- rischen Kontext zu verstehen ist usw... Und so kommt Helmut REICHELT auf den HEGEL, dessen Logik schließ- lich von MARX als brauchbare gelobt worden ist. Die Hinterfragung der Marxschen Methode mittels HEGEL stellt den Auftakt für einen unendlichen Regreß dar, den sich derjenige einhandelt, der metho- disch über Methode urteilt. Er ist der U n e n d l i c h k e i t seines Geschäfts sicher und hat auf diese Weise die Untauglich- keit der Marxschen Methode vorgeführt. Denn ehe sie für tauglich befunden werden könnte, gilt es schließlich auch noch den HEGEL zu hinterfragen, mit dem gerade der MARX hinterfragt worden ist. Dabei läßt Helmut REICHELT auch den Zirkel nicht aus, als Marxist den HEGEL materialistisch zu interpretieren ("Ansätze zu einer materialistischen Interpretation der Rechtsphilosophie von He- gel"), was darauf schließen läßt, daß er demnächst HEGEL mit KANT hinterfragt, weil er mit HEGEL etwas über MARX herausbekommen will, wozu er dann - natürlich mit MARX - die "materialistischen Implikate" der Kantschen 'Kritik' und 'Logik' "in Ansätzen" zu untersuchen beginnen wird. Wie Marx sich selbst ausgetrickst hat und wer dann noch bleibt -------------------------------------------------------------- Mit der Marxschen Theorie ist keine Revolution zu machen, lautet die Quintessenz Helmut REICHELTs Theorie über die Marxsche Theo- rie. Da diese Sicherheit, welche er über die Marxsche Theorie ge- wonnen hat, bei ihm in der Form der Relativierung auftritt, (der Marxschen Theorie generell, der Existenz ihres Gegenstandes, ih- rer Funktion als Methode, der revolutionären Potenz des Proleta- riats, von Erkenntnis überhaupt usw.) hat Helmut REICHELT auch keine großen Probleme damit, die Marxsche Theorie f ü r s i c h, als seinen Gegenstand weiterhin zu erhalten. Sie weist nämlich d u r c h all ihre Mängel für Helmut REICHELT einen Vorteil auf: Ihr Zustand schreit nach Theoretikern von Schlage eines Helmut REICHELT. Jeder andere, der etwas gegen die Marxsche Theorie hat, propagiert sein Urteil, nachdem er mit der Marxschen Theorie f e r t i g geworden ist. Nicht so die M a r x i- s t e n, die die Marxsche Theorie negieren. Sie haben in ihr gerade ihren positiven Gegenstand gefunden, der durch die von ihnen herausgefundene Beschaffenheit i h r e p e r m a n e n- t e wissenschaftliche Anstrengung erfordert. Gerade indem sie sich positiv auf die Mängel, die sie MARX angedichtet haben, beziehen, um sie zu beheben, praktizieren sie die Negation der Marxschen Theorie. Helmut REICHELT zeichnet sich dabei gegenüber anderen marxisti- schen Methodologen seines Schlages dadurch aus, daß er sich auch noch die E x p l i z i e r u n g der Bezweiflung der Marxschen Theorie leistet und damit seine Tätigkeit l e g i t i m i e r t. Legitimation erster Teil: Die Bestimmung "Die Theorie... ist dann Theorie eines naturwüchsig fortwuchern- den Prozesses in welchem die Menschen wie eh und je (!) von der immanenten Logizität ihrer - von ihnen selbst noch in der Form der Verselbständigung produzierten - gesellschaftlichen Verhält- nisse mitgeschleift werden, aber seit Marx aber auch immer die M ö g l i c h k e i t haben, sich, wenn schon nicht von dieser Form der Subsumption unmittelbar zu emanzipieren, so doch in wis- senschaftlicher Weise Klarheit über dieselbe zu verschaffen." (65) Wenn man schon nichts gegen die Gesellschaft tun kann, so besteht immerhin die Möglichkeit der Erkenntnis der bürgerlichen Gesell- schaft. Doch wie weit es noch von der Möglichkeit bis zur tatsächlichen Erkenntnis ist, dies hat Helmut REICHELT ebenso drastisch anhand der Mängel der Marxschen Theorie vorgeführt, wie er gezeigt hat, daß e r zu denjenigen Wissenschaftlern mit Ni- veau gehört, die sich diesem Desiderat widmen müssen, und sei es nur in der Form der Fortsetzung des armseligen (aber deswegen nicht ungefährlichen) Geplärres über die Unzulänglichkeiten der Marxschen Theorie. Überdies hat er damit expliziert, daß er nicht nur von Agitation nichts hält, sondern diese sogar für schädlich hält: wenn die Erkenntnis der Zusammenhänge der bürgerlichen Ge- sellschaft - immerhin - möglich ist, ihre praktische Kritik je- doch nicht, dann taugt die wissenschaftliche Einsicht in die Ver- hältnisse allenfalls zu einer selbstgenügsam-kontemplativen "Klarheit", hat aber keinerlei Funktion für eine auf die Überwin- dung der bürgerlichen Gesellschaft gerichtete Politik. Damit wäre also jede auf wissenschaftliche Einsicht in die Verhältnisse ge- gründete Agitation nicht nur ein müßiges, sondern obendrein eine jene Einsicht deswegen selbst wieder gefährdendes Geschäft, weil sie die zur Einsicht Prädestinierten in die Niederungen der "Unmittelbarkeit" gesellschaftlicher Praxis hinabzerren würde, wo die Menschen ("wie eh und je") in ihren Handlungen nur determi- nierte Objekte einer ihnen gegenüber undurchdringlichen "Logizität der Verhältnisse" sind. So hat er mit dem Aussprechen des Agitationsverbotes als Kritik der Praxis kommunistischer Politik den Imperativ gesetzt, die Marxsche Theorie als Material zur Betätigung marxistischer Metho- dologen zu reservieren. Legitimation zweiter Teil: Die Berufung Wenn das gewöhnliche bürgerliche Subjekt den fetischisierten For- men unentrinnbar aufsitzt, dann ist auch ein MARX-Rezipient n i c h t davor gefreit. Helmut REICHELT setzt die Relativierung fort - Der von "Marx kritisierte Fetischismus reicht soweit, daß er selbst noch formbestimmend in die Rezeption eben jenes Werkes eingeht, daß seine theoretische Auflösung längst geleistet (!) hat". (66) und entdeckt ein neues Betätigungsfeld für sich: Wenn er in der Lage ist, Zweifel an der Rezeption der Marxschen Theorie zu for- mulieren, dann muß es immerhin ihm gelungen sein, jene theoreti- sche Auflösung der fetischisierten Formen adäquat nachzuvollzie- hen. Kann man sich auf keine Rezeption der Marxschen Theorie ver- lassen, der von Helmut REICHELT kann man Vertrauen schenken - weswegen man ihm in Bremen eine Lehrkanzel angetragen hat. Legitimation dritter Teil: Die Mission Nachdem Helmut REICHELT zunächst alle nicht mit Wissenschaft be- faßten Subjekte von der Einsicht in die Verhältnisse ausgeschlos- sen hat, dann innerhalb der Garde der mit MARX befaßten Wissen- schaftler seine Zweifel gegenüber allen professionellen Rezipien- ten (sich selbst ausgenommen) geltend gemacht hat, wird der Kreis der Eingeweihten nun vollends eng geschnürt. Vor den Verhältnis- sen sind nicht nur die Rezipienten der Marxschen Theorie, sondern war nicht einmal ihr Verfasser sicher: Karl MARX, bereits hinter Helmut REICHELT u.a. zurückgefallen - "Beispielsweise besteht die begründete (!) Vermutung (!), daß Marx in der formellen Darstellungsform der Geldtheorie teilweise hinter die in dieser Darstellungsform selbst erkennbaren Pro- blemstellungen zurückfällt..." -, ist nicht nur selbst schuld am pluralistischen Marxismus - "...und es daher denkbar (!) erscheint, die Ursachen divergie- render Interpretationen des Marxschen Werkes, zum Teil jeden- falls, in der Marxschen Darstellungsmethode und deren Mehrdeutig- keit zu suchen." (67) -, sondern gibt durch diese Uneindeutigkeit seines Werkes obendrein Anlaß zu jener Frage, mit der noch jeder Versuch bürgerlicher MARX-Kritik gescheitert ist: "... ob ... das Marxsche 'Kapital' auch in der abstrakt katego- rialen Darstellungslogik nicht seinerseits durch den damaligen historischen Entwicklungsstand des Kapital beeinflußt sein könnte (!). Mit anderen Worten (auch das noch!): Wäre (!) das 'Kapital' heute anders zu schreiben oder auf theoretischer Ebene (!) wei- terzuschreiben, damit man sich den Zugang zum gegenwärtigen Kapi- talismus nicht durch eine historisch begrenzte Darstellungsform versperrt?" (68) Also ist auch die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft von den Fetischen, welche sie gerade erklärt, nicht verschont geblieben. Der Unsinn dieser Argumentation unterscheidet sich von den Pein- lichkeiten bürgerlicher MARX-Widerleger - sie nehmen dann, wenn ihnen gar kein Argument mehr geblieben ist, Zuflucht bei der Frage, wie denn MARX eigentlich all dieses richtig erklären konnte, wo es doch, seiner Theorie nach, vor lauter Fetischen nur so wimmelt? - nur dadurch, daß Helmut REICHELT und andere die- selbe Scheiße auf ihrem Niveau präsentieren, nämlich als das me- thodische bzw. erkenntnistheoretische, für kritische Theoretiker der Marxschen Theorie aufbereitete Problem, MARX sei in der "abstrakt kategorialen Darstellungslogik" ein Opfer der Verhält- nisse geworden. Und damit eröffnet sich nun das ungeheure Feld der MARX-For- schung, welches man unmöglich als einzelner, gegen Fetische im- prägnierter MARX-Methodologe allein bewältigen kann. Programma- tisch angelegt, wenngleich nur in Kurzformeln und Abstraktionen war dieses Arbeitsfeld schon im Frühwerk des jungen REICHELT (vgl. seine Dissertation); die ungeahnten Dimensionen seiner Re- alisierung zwangen den reiferen REICHELT dann dazu, mit Kollegen eine Zeitschrift zu gründen, in welcher dann die Ansätze, vorläu- fige Überlegungen, Hypothesen, Anmerkungen, Materialien, Bemer- kungen, Probleme (vgl. die Inhaltsverzeichnisse der "Gesell- schaft") des späten REICHELT zur Diskussion gestellt werden. Daß man nichts gegen d i e s e Gesellschaft zu tun gedenkt, drückt man gleich im Titel aus und nennt das Organ "G e s e l l s c h a f t". Daß man aber sehr wohl etwas gegen bestimmte Leute zu unternehmen gedenkt, bringen die Nr. 1 und ihr Editorial sehr klar zum Ausdruck. Die Kampfansage Helmut REICHELTS und seiner Gesellschafter gilt all denen, die sich nicht auf ihre Diskussion einlassen; die es nicht als ihr Geschäft begreifen, das "eigentümliche Spannungs- verhältnis" (69) zwischen zwei "Arbeitsebenen" (70) zu klären, nämlich zwischen Untersuchungen, die "abstrakt-kategorial, um die Rekonstruktion der Marxschen Darstellungsmethode im 'Kapital' und seine materialistischen Methode bemüht sind" (71) und "empirische(n) Analysen ..., die sich ausdrücklich als auf die Gegenwart bezogene Kritik der politischen Ökonomie verstehen" (72); Solche Leute, denen dies nicht das alles in den Schatten stellende Problem des Marxismus ist, sind für Helmut REICHELT & Co. "D o g m a t i k e r" des Marxismus; dies nicht etwa wegen bestimmter Fehler, die sie machen, sondern weil sie ein "faktisches Desinteresse an der Argumentation konkurrierender In- terpretationsrichtungen" (73) besitzen. Nur weil sie an etwas festhalten, weil sie die Unverschämtheit besitzen, ihr Wissen nicht permanent zu entschuldigen, sondern etwas damit machen, weil sie wissen, daß das 'Kapital' die richtige Kritik bürgerli- cher Verhältnisse ist, aus der eine bestimmte Praxis folgt, sind solche Leute - man schimpft sie Kommunisten - für Helmut REICHELT & Co. Dogmatiker, Verkünder einer Glaubenslehre mithin. Damit aber hat sich REICHELT sein Theorie-Praxis-Problem geschaf- fen: "Wie aus dem verbreiteten faktischen Desinteresse an der Argumen- tation konkurrierender Interpretationsrichtungen, d.h. aus einer abgebrochenen Diskussion, die Position des Dogmatismus folgt, so läßt sich a n g e s i c h t s d e r z u m M a r x s c h e n T h e o r i e b e g r i f f (!) g e h ö r e n d e n (!) K o n z e p t i o n r e v o l u t i o n ä r e r P r a x i s (!) schon am Umgang mit den bisher durchaus strittigen Interpretatio- nen der innersten Probleme Marxscher Theorie eine grundlegende theoretische (!) und praktische (!) Gefahr wahrnehmen." (74) Helmut REICHELT und seine marxistischen Gesellschafter wissen, daß auch die Marxsche Theorie etwas mit revolutionärer Praxis zu tun hat, müssen ihr Theorie-Praxis-Problem jedoch so lösen, daß all diejenigen, für die wissenschaftliche Einsicht in das Kapi- talverhältnis die Voraussetzung kommunistischer Politik ist, für die es also kein Theorie-Praxis-Problem gibt, als Dogmatiker be- kämpft werden. So ist die revolutionäre Praxis zunächst auch einmal Theorie, eine Konzeption nämlich. Es gehört zur einen Theorie also die an- dere, und alle Probleme, die man mit der Marxschen Theorie hat, ergeben sich auch bei der Konzeption revolutionärer Praxis, denn diese ist doch ein Teil der Marxschen Theorie. Doch andererseits gehört die revolutionäre Praxis nun einmal dazu und kein Gesellschafts-Marxist wird dies leugnen. Wie ist also das Dilemma zu lösen, einerseits die Negation der Marxschen Theo- rie zu praktizieren, andererseits aber daran festzuhalten, daß eben zur Theorie revolutionäre Praxis gehört? Einerseits verbie- ten die "durchweg strittigen Interpretationen der innersten Pro- bleme Marxscher Theorie" jedwede praktische Verwendung, anderer- seits aber ist diese mit ihr verbunden, denn sie ist ja nicht etwa Theorie f ü r eine Praxis, sondern die Praxis ist Appendix des Theorie - B e g r i f f s. Deshalb besteht also eine dop- pelte Gefahr: "Wo diese Probleme (die strittigsten Interpretationen der inner- sten Probleme der Marxschen Theorie) ernstlich (!) erkannt werden, zieht die theoretische Last (!) oft einen Politischen A t t e n t i s m u s nach sich: das notwendige (!) Bewußtsein des Zweifels (!) verführt zur faktischen (!) politischen Enthalt- samkeit noch dort, wo verbal eine bestimmte politische Richtung aus äußerlichen Legitimationsgründen anerkannt wird. Auf der an- deren Seite pflegt der Zweifel durch ideologische Gewaltstreiche verdrängt zu werden, in dem ungelöste Fragen voluntaristisch be- antwortet, vorgegebene, selbst gesellschaftlich vermittelte (!) Auslegungen (!) zu festen Wahrheiten erklärt und um so starrer behauptet werden, je weniger sie in der Lage sind, die wirklichen theoretischen und praktischen Probleme schlüssig zu klären, ja sie auch nur wahrzunehmen." (75) Wo die Theorie zur Praxis gehört, wie siamesische Zwillinge zu- einander, da ist natürlich Theorie ohne Praxis ebenso kritikabel, wie Praxis ohne Theorie. Dabei ist diese Kritik so unsinnig wie das Theorie-Praxis-Problem selbst: Jemanden, der Theorien ver- faßt, damit zu kritisieren, daß er etwas anderes, Praktisches, n i c h t tut, ist ebenso abgeschmackt, wie das umgekehrte Ur- teil. Und doch ist es die K o n s e q u e n z der marxistischen Methodologen: Bei allem Zweifel sind sich Helmut REICHELT & Co. in einem nämlich völlig sicher - das Bewußtsein des Zweifels ist n o t w e n d i g. Weil sie daran festhalten, gilt bei ihnen nicht der schlichte Zusammenhang, daß gemäß der E i n s i c h t in die politischen Verhältnisse g e h a n d e l t wird, daß po- litisches Handeln begründet ist, und daß der wissenschaftliche Sozialismus jene Einsicht ist, welche kommunistischer Politik zu- grundeliegt. Sie haben daraus vielmehr das Problem der Z u s a m m e n g e h ö r i g k e i t von Theorie und Praxis zu machen, an der sie als Marxisten festhalten, obwohl ihr Umgang mit der Marxschen Theorie die revolutionäre Praxis gerade verhin- dert. Deswegen bekämpfen sie diejenigen, die den Marxschen Ein- sichten gemäß handeln, und müssen sich doch zugleich selbst des politischen Attentismus bezichtigen, da bezweifelte Einsichten eben nicht zum Handeln taugen. Fürs erste ziehen sie daraus den Schluß, Bände zu füllen über das Theorie-Praxis-Problem bei MARX, seinen Theorie-Begriff, seinen Praxis-Begriff, seinen Begriff von der Einheit von Wissenschaft und Revolution usw., machen also aus dem Theorie-Praxis-Problem einen Gegenstand der MARX-Forschung. Daß diese ihren Attentismus nicht behebt, bemerken sie. Doch Helmut REICHELT & Co. wissen Rat: "Die unvermeidliche (!) A p o r i e zwischen theoretischen Pro- blemen und praktisch-politischen Zwängen führt, wenn sie ver- drängt wird, zu den verschiedenen Formen dogmatischer Theorie und Praxis," (76) Was zusammengehört - da kennen sich die Dialektiker aus - ist eben getrennt, und flugs ist aus der Zusammengehörigkeit von Theorie und Praxis ein Postulat geworden, welches es einzulösen gilt, welches aber immer nur approximativ realisiert werden kann, denn immerhin ist die Aporie "unvermeidlich". Da die politische Praxis damit anderen Gründen Folge leistet, als denen, die die Einsicht vermittelt - es handelt sich um Zwänge, denen man sich, auch wenns gegen die Einsicht geht, in der Praxis nicht ver- schließen kann -, ist offenkundig geworden, was bereits das Theo- rie-Praxis-Problem enthält: Theorie und Praxis haben nichts mit- einander zu tun, gehören Bereichen mit selbständiger Existenz an, sind damit auch selbständige Betätigungsformen für Marxisten, und ihre Einheit ist das längst vom gegenwärtig M ö g l i c h e n getrennte I d e a l. So wird auch der Gegner erneut und schärfer ins Visier genommen: Die Dogmatiker sind Dogmatiker nicht nur, weil sie sich dem mar- xistischen Pluralismus entziehen, sondern weil sie ihren Einsich- ten gemäß auch noch handeln. Sie realisieren etwas, das - und darin sind sich die Gesellschafter einig - gar nicht möglich ist. Mit der Trennung von Theorie und Praxis aber hat sich auch ihr Dilemma (vorläufig) gelöst: "Statt die Aporie zu eskamotieren, müssen wir erkennen, daß heute (!) w e d e r die theoretische n o c h die politische An- strengung über eine reflektierte Vorläufigkeit hinausgelangen kann." (77) Wenn nicht nur die Marxsche Theorie, sondern auch jede politische Betätigung von ihren Funktionären ordentlich in Frage gestellt wird, wenn also das "notwendige Bewußtsein des Zweifels" sich auch auf die Praxis bezieht, deren Unvollkommenheit und Vorläu- figkeit permanent lauthals verkündet wird, wenn also neben die Propaganda des Scheiterns in der Theorie die Propaganda des Scheiterns kommunistischer Politik tritt, dann ist sie legitim und erhält von den marxistischen Suhrkamp-Gesellschaftern auch noch das Prädikat 'undogmatisch'. Es darf dann jeder seine Um- triebe fortsetzen. Die marxistischen Methodologen dürfen in "reflektierter Vorläufigkeit" weiter daran arbeiten, den Leuten den Marxismus auszutreiben, und ihre Kollegen von der "reflektiert vorläufigen" Praxisfront (78) dürfen sich gleich- falls als Gegner kommunistischer Politik betätigen. Das Tun eines jeden ist gleichermaßen erforderlich und begründet, ist es doch das gegenwärtig Mögliche, was schließlich auch einmal zur Einheit von Theorie und Praxis führen wird, wenn man über seine "reflektierte Vorläufigkeit" hinausgelangt ist, was aber wohl noch eine Zeit dauern wird, da es um die "reflektierte Vor- läufigkeit" gerade geht. Helmut REICHELTs Tun ist also seine po- litische P r a x i s. Mit seinem methodologischen Geseiche hat er es soweit gebracht, das Geschäft der Verhinderung des politi- schen Kampfes gegen diese Gesellschaft als diesen Kampf zu ver- künden; diejenigen, die die marxistische Negation der Marxschen Theorie betreiben, schwingen sich zu ihren wahren Vertretern auf. Doch wissen sich Helmut REICHELT und Konsorten allemal als Theo- retiker, die zwar ihr Tun als politische Praxis legitimiert ha- ben, ihre eigenen Einsichten aber nicht aushalten können. Ihr Tun hat eben mit Klassenkampf nicht das mindeste zu schaffen. Um da- mit fertig zu werden, brauchen sie nicht nur das Gezeter über die "Dogmatiker" - "Wo dies" (die reflektierte Vorläufigkeit von Theorie und Praxis) "verleugnet wird, richten dogmatische Verabsolutierungen leicht Theorie und Praxis zugrunde." (79) - sie müssen obendrein ihren F r i e d e n mit der A r b e i- t e r k l a s s e machen, um deren revolutionäre Potenz sie als Marxisten wissen. Obwohl sie das, was bei ihnen unter Praxis fällt, als das Praxis-Problem theoretisch vereinnahmen, werden sie es doch nicht los, weil es Marxisten eben mit den Arbeitern haben müssen. Und Helmut REICHELT offenbart sein Herz für die Arbeiter, indem er z.B. angesichts der Feststellung, daß Arbeiter auch Staatsbürger sind, allergisch reagiert: Diese ungeheure Behauptung sei getroffen, "ohne daß auch nur ein Wort verloren würde über den historischen Prozess, der dazu geführt hat." (80) Wenn er also g e g e n das Staatsbürger-Dasein der Arbeiter die Banalität setzt, die Arbeiter seien doch immerhin Staatsbürger g e w o r d e n, dann interessiert er sich nicht für die Tatsa- che, daß die Arbeiter als Staatsbürger nichts gegen diese Gesell- schaft unternehmen; sein Interesse gilt dann bestimmten Bedingun- gen des Prozesses, in welchem ihr Staatsbürgertum durchgesetzt wurde. In der Tat: Helmut REICHELT interessiert allein, daß die Arbeiter etwa das allgemeine Wahlrecht gegen den "Widerstand des Bürgertums" (81) durchgesetzt, also e r k ä m p f t haben, und daß es deswegen nicht angehe, daß "unbefangen... der Arbeiter als 'Gesellschaftsmitglied' vorge- stellt (wird. Wo es) keinem liberalen (!) Theoretiker vom Schlage eines Locke oder Kant eingefallen wäre, den Arbeiter der bürger- lichen Gesellschaft zuzurechnen - er stand schlicht außerhalb, und daraus wurde kein Hehl gemacht." (82) Auf der kämpferischen Potenz der Arbeiter insistiert Helmut REI- CHELT so störrisch, daß er dabei einmal von den Inhalten absehen kann, um die gekämpft wurde - der K a m p f u m R e c h t e ist die gegenwärtige Schranke ihres Kampfes -, als auch davon, daß es gegenwärtig mit der Kampfkraft der westdeutschen Arbeiter schlecht aussieht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, be- harrt er zornig auf der Potenz der Arbeiterklasse, die er für sich braucht. Wider sein eigenes Wissen von dem fetischisierten Bewußtsein, wider die Resultate seiner MARX-Verdrehung, nach der die Arbeiter die Revolution eben nicht machen werden, und wider jede aktuelle Erfahrung klammert er sich an seine Vorstellung vom Kampfesmut der Arbeiterklasse, den sie nun einmal besitzt, auch wenn sie ihn offenkundig nicht besitzt, sondern erst erwerben muß. Seine Reaktionen ähneln denen des Pawlow'schen Hundes: Wenn er das Wort Arbeiterklasse hört, reagiert er mit 'Kampf' und 'revolutionäres Subjekt'. Und dies muß ihm jedesmal einfallen, da ihm nur eine kämpfende Arbeiterklasse Dispens von der politischen Praxis erteilen kann. Die Arbeiterklasse ist ihm also vollkommen g l e i c h g ü l- t i g. Er benutzt ihr Ideal, um sein Tun zu rechtfertigen: G i b t es nämlich die bekanntlich immer zu kämpfen pflegende Arbeiterklasse, dann hat man als marxistischer Wissenschaftler deren Kreise nicht zu stören; zumal sich gerade das eigene Rüst- zeug, die Theorie als mangelhaft und untauglich herausgestellt hat. Die vollzogene Trennung von Theorie und Praxis, in der Hel- mut REICHELT & Co. sich auf der Theorie-Seite einrichten und zu- frieden sind, daß es für die Praxis-Seite die Arbeiter gibt, sorgt für die Verdoppelung der Arbeiter: In der Theorie hat Hel- mut REICHELT seine Probleme mit ihrer revolutionären Bestimmung, und hält doch, um seinen militanten Skeptizismus weiterhin betreiben zu können, idealisierend an der revolutionären Bestimmung der Arbeiterklasse als praktisch vorhandener fest. Damit hat sein Geschäft der Methodologisierung der Marxschen Theorie gegen deren Zweck in der Affirmation jedweder Regung der Arbeiterklasse sein Komplement gefunden. Was immer sie tut, für Helmut REICHELT kämpft sie, und das ist für ihn begrüßenswert, auch dann, wenn sie einen falschen Kampf führt oder gar keinen. Wenn das falsche Bewußtsein der Arbeiterklasse erklärt wird, wenn sie gegenwärtig für ihre armselige Haltung in der Krise kritisiert wird, so hat sich ein Helmut REICHELT auch noch dagegen zu verwahren - weil es doch die Arbeiter sind. Und wer diese Form der Idealisierung der Arbeiterklasse für sich be- treibt, der bestätigt noch einmal, daß er jeder Bestrebung, mit der Marxschen Theorie die Arbeiter zu kritisieren, damit sie im Klassenkampf ihre Interessen durchsetzen, F e i n d ist _____ *) In den Anmerkungen gibt die erste Ziffer an, aus welchem Buch das Zitat entnommen ist; die zweite bezeichnet die Seitenzahl. Aus folgenden Arbeiten REICHELTS wird zitiert: 1 Zum Wissenschaftsbegriff bei Karl Marx. In: Marx und Marxismus heute. G. Breitenbürger, G. Schnitzler (Hg.), Hamburg 1974 2 Theorie und Empirie. Bemerkungen zum Aufsatz von EBERLE/ HENNING. In: Gesellschaft 4/75 (mit J. HIRSCH) 3 Zur Staatstheorie im Frühwerk von Marx und Engels. In: MARX/ENGELS Staatstheorie, 1974 4 Einige Bemerkungen zu Sybille v. Flatows und Freerk Huiskens Aufsatz... In: Gesellschaft 1/74 5 Zur Entwicklung der materialistischen Geschichtsauffassung. In: Texte zur materialistischen Geschichtsauffassung, H. REICHELT (Hg), 1975 6 Ansätze zur materialistischen Interpretation der Rechtsphilos- phie von Helgel. In: HELGELS Rechtsphilosophie, 1974 7 Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx. Frankfurt, 1970 8 Editorial zu: Gesellschaft 1/74 (mit Redaktion der ZS) (1) 2, 209 (2) 2. 203 (3) Eine solche Kritik trifft Helmut REICHELTS "Leistung" nicht. Zu bewundern ist jedoch, daß er mit Leuten in einer marxistischen Zeitschrift ("Gesellschaft") zusammenarbeitet, denen er gerade nachgewiesen hat, sie hätten mit ihm als Marxisten keinerlei Ge- meinsamkeit - eine feine Gesellschaft, diese "Gesellschaft"! (4) In: Sozialistische Politik 11/71, S. 94 (5) 8, 8 (6) 7, 13 (7) 2, 203 (8) 7, 15 (9) 7, 264 (10) 3, 12 (11) Dies Unterfangen ist dann vergleichweise schwierig, wenn man davon ausgeht, daß die Marxsche Kapitalismuskritik jene materia- listische Theorie darstellt, die Helmut REICHELT als d i e Theorie unterstellt: Wie aber soll sich diese z u r materiali- stischen gemausert haben, wenn es sie nur a l s materialisti- sche gibt? (12) 3, 19 (13) Dabei begibt sich Helmut REICHELT hier auf das Niveau vorur- teilsloser Marxbetrachtung: Nicht sein Wissen über materialisti- sche Theorie gibt die Basis seines vergleichenden Geschäfts ab, sondern Marxens B e h a u p t u n g. Wer könnte schließlich besser als MARX selbst sagen, wo bei ihm der Materialismus be- ginnt und wo der Idealismus aufhört. Geht es aber dem Marxfor- scher um das Verständnis der marxistischen Theorie, dann ist das Vertrauen auf Marxsche Aussagen über seine Schriften - da kein Ersatz für den denkenden Nachvollzug derselben - zwar eine schlechte Basis, aber immerhin eine solche, die das Vergleichen vollends obsolet macht. Helmut REICHELT nimmt also seinen Ausgang von Marxens Behauptung, gerade weil er dieser nicht vertraut. (14) 3, 12 (15) 3, 10 (16) 3, 33 (17) entfällt (18) 3,35 (19) 6, 9 (20) MEW 3, S. 28 (21) MEW 3, S. 28 (22) 6, 48 (23) MEW 3, S. 27 (24) 1, 30 ff. (25) MEW 13, S. 8 (26) 6, 8 (27) 1, 30 (28) 3, 35 (29) 7, 48 (30) 1, 31 (31) 3, 36 (32) 7, 49 (33) 3, 36 (34) 3, 42 (35) 3, 42 (37) MEW 1, S. 216. Wieso ist eigentlich diese Feststellung des jungen MARX nicht "idealistisch" zu nennen? (38) MEW 1, S. 216 (39) 3, 37 (40) 3, 63 (41) 7, 81 (42) 7, 264 (43) 7, 126 (44), (45) 7, 136 (46) 7, 143 (47) 7, 151 (48) 7, 152 (49) 7, 159 (50) 7, 165 (51) 7, 225 ff. (52) Briefe zum 'Kapital', S. 79 (53) 6, 9 (54) 7, 18 (55) 3, 68 (56) 7, 18 (57) 1, 38 (58) 7, 18 (59) 6, 20 (60) 7, 16 (61) 1, 39 (62) Helmut REICHELT spricht hiermit eine Einsicht aus, die die- jenigen, die sie begreifen w o l l e n, zu Konsequenzen führt, welche das genaue Gegenteil von dem sind, was Helmut REICHELT be- treibt. (63) 1, 40 (64) 7, 18 (65) 7, 18 (66) 1, 40 (67) 8, 8 (68) 8, 9 (69) 8,7 (70) s.o. (71) s.o. (72) s.o. (73) 8, 10 (74) 8, 10 (75) 8, 10 (76) 8, 10 (77) 8, 11 (78) Diese gibt es im übrigen bereits: sie sitzen in einem Offen- bacher Büro und ergänzen Helmut REICHELT & Co. aufs trefflichste; vgl. Resultate Nr. 2 (79) 8, 11 (80) 4, 17 (81) 4, 29 (82) 4, 16 Im August 1977 erscheinen: RESULTATE DER ARBEITSKONFERENZ 3 Inhalt: Wissenschaft und Teleologie. Der Fehler bürgerlicher Geistes- und Gesellschaftswissenschaft. Der Aufbau des "Kapital" (III) J. Bischoff ----------- Die Verwandlung des Marxismus in eine Methode. ---------------------------------------------- Ein Beitrag zur Rechtfertigung des Revisionismus. ------------------------------------------------- 1. Identität durch Zustimmung: ------------------------------ Marx-Interpretation als Kritikersatz ------------------------------------ Wer sich wie BISCHOFF die "Rekonstruktion des wissenschaftlichen Sozialismus" zum Programm setzt, unterscheidet sich von allen Marxisten, denen an MARX gefällt, daß er ein Prophet war und im übrigen ein toter Hund ist: das Lob, MARX seien Voraussagen ge- glückt, die sich erst heute bewahrheitet hätten, ergänzen diese nahtlos durch die Beschimpfung, dieser Mann des 19. Jahrhunderts habe ein reichlich unmodernes Gemälde des Kapitalismus geliefert. Ein solches Desinteresse an MARX, das unter dem Namen einer "Weiterentwicklung der Marxschen Theorie" kursiert, kann BISCHOFF nicht nachgesagt werden. Vielmehr stellt er sich mit beiden Beinen auf MARX: was dem Bil- dungsbürger sein BÜCHMANN, ist BISCHOFF der gesammelte Zitaten- schatz von MARX und ENGELS. Berufen sich andere auf MARX, weil keine seiner Aussagen mehr zutrifft, dieser Mensch aber so seine Ahnungen gehabt hat, so geht BISCHOFF mit MARX wie mit einem Zeitgenossen um. Ob Orientierungsrahmen der SPD oder ob Bundes- tagswahl 1976, es gibt kein Ereignis bürgerlicher Politik, dessen Erklärung BISCHOFF anders leistet als keine Erklärung zu geben, dafür aber ein treffendes Marxwort zu zitieren. Keines Wortes mächtig, das er nicht von MARX abgeschaut hätte, ist ihm der "Verflachungsprozeß des wissenschaftlichen Sozialismus" geeigne- ter Anlaß, seine Identität mit MARX vorzuführen, womit er sich nebenbei der Mühe einer Kritik dieser "Falschheit" enthoben hat: es reicht, daß sie es nicht so wie BISCHOFF mit MARX gemacht ha- ben. So ist es nicht verwunderlich, daß BISCHOFF sein Buch über wis- senschaftliche Dialektik dem Nachdenken über das von MARX bereits Gedachte widmet. "Angesichts des Problems, auf der einen Seite den von Marx und Engels formulierten Gedankengang nachzudenken, auf der anderen Seite von diesem Gedankengang die vielen Systemchen abzugrenzen, die bisher von den sogenannten Vollendern oder Überwindern des wissenschaftlichen Sozialismus produziert worden sind, ist der Akzent auf eine an den Marxschen und Engelschen Texten abgesi- cherte Argumentation gelegt worden." /22/ *) Dem einfachen Gedanken, daß es notwendig ist, sich mit den Werken von Leuten zu beschäftigen, über die man etwas aussagen will, wird eine Bischoffsche Wendung gegeben. BISCHOFF will darauf nur den Akzent gelegt sehen, um seine Abgrenzungsprobleme zu bewälti- gen, und verdeutlicht so, daß sein Anliegen ein anderes ist. Seine Bemühung, sich mit MARX identisch zu erklären, ist also eine Leistung, die jenseits inhaltlicher Übereinstimmung liegt, mit der sich das Problem, ob einer identisch mit MARX ist, von selbst erledigt. Umgekehrt kommt es BISCHOFF vielmehr darauf an, die Identität zu betonen, um zu demonstrieren, daß e r, BI- SCHOFF, im Unterschied zu anderen Leuten sich in Übereinstimmung mit MARX befindet. BISCHOFF bezieht sich auf MARX so, daß es ihm nur auf seine Stellung zu diesem Verfasser ankommt. In einer Welt, in der sich BISCHOFF von LEIN bis zu SCHMIDT- Schnauze ringsum von utopischen Sozialisten umgeben sieht, vermag er seine besonderen Qualitäten als einziger Rekonstrukteur des wissenschaftlichen Sozialismus damit zu beweisen, daß auch MARX seinen Gegnern nichts anderes vorgehalten haben soll, als daß sie utopische Sozialisten seien. Wie MARX seinen Feinden nichts als das bloße Faktum dieser Gegnerschaft entgegengeschleudert haben soll, so demonstriert auch der MARX redivivus der Berliner Sozio- logenzunft, daß er mit Sektierern, Dogmatikern, kurz: kleinbür- gerlichen Intellektuellen nicht verwechselt zu werden wünscht. Die postulierte Identität mit MARX ist so die höhere Weihe eines Programms, dem sich BISCHOFF verschrieben hat: den Verflachern und Utopisten nicht in der Kritik ihrer Fehler die Feindschaft zu begründen, sondern - stolz auf den dokumentierten Unterschied - sich von ihnen abzusetzen. "Nachdem die aus den neuen Quellen zur Grundlegung des histori- schen Materialismus hervorgegangene konkrete Philosophie oder konkrete Utopie, die auf dem Messen des Begriffs oder der Katego- rien des menschlichen Wesens an der elenden Wirklichkeit, auf der Konfrontation von geschichtlicher Situation und deren Entwick- lungsmöglichkeiten beruht, durch die Entwicklung des ökonomischen Lebens selbst als Ausflucht kleinbürgerlicher Intellektueller entlarvt worden ist, und nachdem die These, daß man die Marx'schen Frühschriften allein von der Kritik der politischen Ökonomie her angemessen interpretieren kann, allgemein akzeptiert ist, wird neuerdings wieder auf den von Grossmann entwickelten Erklärungsversuch zurückgegriffen. Es ist zu zeigen, daß in die- sen Erklärungen für den kritischen und revolutionären Gehalt der Marx'schen Theorie sich immer noch ein Mißverständnis des wissen- schaftlichen Sozialismus im Sinne des utopischen Sozialismus ver- birgt." /312 f./ Wo das "ökonomische Leben selbst" die Ausflucht der miesen Klein- bürger entlarvt, hat es BISCHOFF nicht nötig, deren Fehler zu kritisieren. Und wenn GROSSMANN in Mode kommt, drängt es ihn auch nicht, dessen Argumente zu widerlegen - sein Nachweis gilt von vorneherein dem längst feststehenden Vorwurf, daß GROSSMANN ei- nerseits nicht dasselbe sagt wie MARX, und daß er andererseits (trotz aller Entlarvungsanstrengungen des "ökonomischen Lebens") nur eine Resurrektion des utopischen Sozialismus darstellt. So wie sich BISCHOFF von lauter PROUDHONS umgeben sieht, kritisiert und bekämpft MARX eigentlich HAUG, TOMBERG, REICHELT und Konsor- ten unter den Namen von PROUDHON, SAINT-SIMON etc. Desinteres- siert an dem Inhalt der Kritik an PROUDHON gefällt BISCHOFF daran nur, d a ß MARX eine Differenz ausspricht, weil auch er diese Differenz zwischen sich und allen Verflachern des Sozialismus ge- legt sehen möchte. Und so gebraucht er MARX, dessen Aussagen ihn einen Dreck kümmern, nur zu einem einzigen Zweck: er entnimmt ihm die Stichworte für das bedeutungsvolle Unternehmen, zu zeigen, daß er, BISCHOFF, nicht ist wie die übrige Sozialistenbrut. Weil MARX mit seinen Argumenten der eigenen R e c h t f e r- t i g u n g dient, wird er bei BISCHOFF auch nicht nur wie bei anderen linken Schreibern und Organisationen gefeiert, sondern als die Norm eingeführt, von der abzuweichen sich nur einer nicht erlaubt. Der Fehler aller anderen Intellektuellen besteht darin, sich nicht am wissenschaftlichen Sozialismus zu orientieren - und dies ist eine "Kritik", die folgerichtig die Auseinandersetzung mit den inkriminierten Anschauungen als "Interpretation" von MARX betreibt: "Wenn es eine kleinbürgerliche Illusion ist, durch einige wenige Erfahrungen (!) zum vollen Bewußtsein der gesellschaftlichen Antagonismen gelangen zu können und darüberhinaus eine schlechte Eigenschaft von Intellektuellen, diese Erfahrungen nun sogleich zu Dogmensystemen ausarbeiten zu wollen, so können solche Erfahrungen aber auch zum Anlaß werden, die mitgebrachten Vorurteile in der Intellektuellen möglichen Weise, nämlich durch das Studium des wissenschaftlichen Sozialismus, systematisch ab- zubauen. Es entstanden daher zur gleichen Zeit Diskussionszirkel, in denen ernsthaft mit dem Studium der Schriften von Marx und En- gels selbst begonnen wurde Selbstverständlich (!) konnte hierbei in einem derart kurzen Zeitabschnitt nicht viel mehr erreicht werden, als daß man sich Klarheit zu verschaffen suchte über den Charakter der revolutionären Theorie von Marx und Engels und Grundfragen kommunistischer Taktik" (Leninismus 24 f.) Diese in der widerlichen Mischung von Eitelkeit (ernsthaft ist es zugegangen) und falscher Bescheidenheit (man suchte Klarheit nur über Grundfragen) sich vollziehende Nabelschau geht nicht ohne MARX. Die Kosten einer solchen berechnenden Liebe hat dieser zu tragen. Es fällt BISCHOFF nicht schwer, zu betonen, daß es dabei nicht ohne Rücksichtslosigkeit und Vergewaltigung des geliebten Mannes aus dem 19. Jahrhundert abgehen kann. Er hat nämlich kei- neswegs vor, beim "Nachdenken eines Gedankens von Marx" den Hauptakzent auf diesen Gedanken zu legen, ganz im Gegenteil er- scheint ihm dies als grotesker nonsense. Sein Interpretationspro- gramm kommt so ganz nebenbei auf den Tisch "Statt (!) aus der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft die Be- dingungen (!) für die positive Wissenschaft anzugeben, wird zur Erklärung dieses Sachverhalts auf die theoretische Entwicklung von Marx und Engels ausgewichen..." /139/ Der positive Mensch BISCHOFF, dem es zwar nicht um richtige, aber um B e d i n g u n g e n positiver Wissenschaft geht, macht deutlich, was ihn an MARX stört: dieser hat seine Gegner kriti- siert und nicht wie BISCHOFF lediglich entschuldigt, indem er ih- nen die Bedingungen vorgerechnet hat, die es ihnen nicht erlaubt haben, so positiv wie er selbst zu sein. Gerade darauf aber hat es BISCHOFF für seine Stellung in der Welt des wissenschaftlichen Sozialismus abgesehen. Da er nicht vorhat, seine Gegner zu wider- legen, sondern nur seine Differenz zu ihnen betont, ist die An- biederung, der Nachweis, daß sie eben nicht BISCHOFF sein können, nur die andere Seite, die zum Lob der eigenen Stellung zu verein- nahmen. Warum dieses Unternehmen, das BISCHOFF betreibt, R e k o n- s t r u k t i o n des wissenschaftlichen Sozialismus heißt, ist damit erklärt. Es geht um die Konstruktion eines Ansatzes, den BISCHOFF deswegen MARX andichtet, um nachzuweisen, daß dessen Aussagen zwar nicht richtig oder falsch, dafür aber b e- d i n g t gültig sind und diese bedingte Gültigkeit von der Konstruktion eines BISCHOFF abhängt. 2. Die Leistungen der soziologischen Abstraktionskunst ------------------------------------------------------ BISCHOFF will zeigen, daß e r nichts gegen MARX hat: sein er- ster Einfall ist ein Marxzitat. "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein be- stimmt" /27/. Dieser Satz hat einen gläubigen Bischof bitter nötig, zeigt sich an ihm doch schon das, was aus seinem Verfasser eine so umstrit- tene Persönlichkeit gemacht hat. Wo andere Wissenschaftler von Annahmen ausgegangen sind, um deren hypothetischen Charakter im Erkenntnisresultat zum Verschwinden zu bringen, beweist sich die besondere Qualität eines MARX daran, daß dieser als wesentliches E r g e b n i s seiner wissenschaftlichen Analyse eine V e r- m u t u n g produziert hat, aus der sich manche eine A u f- f a s s u n g gezimmert haben, durch die sie sich kenntlich machen: "Diese These stellt die Quintessenz und damit ein eindeutiges Er- kennungsmerkmal (!) der von Marx und Engels erstmals begründeten Geschichtsauffassung des dialektischen Materialismus dar" /27/. Immerhin taugt die These dazu, sich als Mitglied der Marxgemeinde zu erkennen zu geben. Daß mit dieser Gemeinde allerdings kein Staat zu machen ist, bereitet einem BISCHOFF, der sich dem Glau- ben an Marxthesen verschrieben hat, ernste Sorgen. Den Grund für das Sektenwesen innerhalb und für die offene Feindschaft außer- halb der Marxgemeinschaft findet BISCHOFF bei MARX selbst. Dieser Meinungsstifter hat es nicht vermocht, zu verstehen zu geben, daß er nur einer Auffassung zum Leben verholfen hat. Sein Fehler be- steht darin, eine These als bestimmte Aussage formuliert und da- mit ihr den Charakter einer diskutablen Auffassung genommen zu haben. Dieser Borniertheit des Glaubensstifters hilft BISCHOFF, der weiß, was die These von MARX "ausdrücken soll", ab. Die erste Er- wartung an eine Offenbarung, die als Quintessenz einer Auffassung gelten soll, besteht in ihrer Allgemeinheit, der sich kein Gegen- stand entziehen darf. Was eine Erklärung des W i e eines be- stimmten Verhältnisses ist, kann BISCHOFF als die allgemeine Lehre, d a ß alles in der Gesellschaft vermittelt ist, V e r m i t t l u n g a l l e s ist, enthüllen. Da eine reli- giöse Verkündung nicht den Glauben erklärt, sondern alles in das Mysterium des Glaubens verwandelt, versteht es sich von selbst, daß die Marxsche These nichts anderes sein kann als eine Verkün- dung des Weges, wie man zu neuen Offenbarungen kommen kann. MARX hat entschieden, daß alle Erkenntnis seiner Offenbarung zur Be- stätigung zu verhelfen hat - daß sich Wissenschaft als Werk jener Vermittlung begreifen und bewähren muß: "Mit dieser so oft mißverstandenen und häufig bekämpften Kurzfor- mel soll ausgedrückt werden, daß die verschiedenen Momente des gesellschaftlichen Zusammenhangs in bestimmter (!) Weise mitein- ander vermittelt sind, und daß daher (!) jede wissenschaftliche Erkenntnis an den systematischen Nachvollzug dieses Vermittlungs- prozesses gebunden ist" /27/. Damit hat BISCHOFF das Mißverständnis derer, die den Marxschen Formulierungsschwierigkeiten zum Opfer gefallen sind, verständ- lich gemacht. Sie haben der "These" nicht ihr Geheimnis entlockt: statt die Vorschrift zu begrüßen, daß es überall auf jene Ver- mittlung ankommen soll, haben sie die Marxsche Aussage einfach als E r k l ä r u n g eines b e s t i m m t e n Verhältnisses genommen. Kein Wunder, daß dies zu Wiedererkennungsschwierigkei- ten führen mußte. Womit klar ist, daß die bürgerlichen Gegner von MARX keine Gegner wären, wüßten sie, was sie an MARX haben könn- ten: als Methodologen einen der ihren. Man sieht, das Bekenntnis eines BISCHOFF zu MARX gibt es nicht umsonst; es verlangt diesem Verfasser allerhand ab. Dafür bleibt aber auch der Lohn dieser bedingten Zustimmung - MARX hat nicht gesagt, was er hätte sagen sollen - nicht aus. BISCHOFF führt ei- nem MARX vor, wie man auch mit dessen beschränkten Mitteln unbe- schränkt schöpferisch werden kann und beweist eindrucksvoll, daß der Künder einer Offenbarung ohne den Glauben seiner Anhänger nichts ist. Klärt MARX das Verhältnis von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein, so vermag erst BISCHOFF dieser These die höhere Weihe des Unbestimmten zu geben: beide "sind in bestimmter Weise miteinander vermittelt." Der e r k l ä r t e Zusammenhang ist die Deklaration, d a ß zwischen gesellschaftlichem Sein und Be- wußtsein ein Z u s a m m e n h a n g besteht. Die Auflösung des Prädikats "bestimmt" im geliebten und zum Er- kennungsmerkmal einer Auffassung heruntergebrachten Urteil von MARX hat eine falsche, aber schöne Abstraktion entstehen lassen. BISCHOFF hat mit ihr jedoch auch Probleme: er darf sie sich nicht durch die ihr widersprechenden Ausführungen von MARX etwa über den Kapitalismus und das Bewußtsein seiner Produktionsagenten verderben lassen. Die Erklärung einer einzigen falschen Vorstel- lung aus der Ökonomie des Kapitals würde das Gerede über "einen" Zusammenhang, über "bestimmte Vermittlung" etc. zuschanden werden lassen. Wer an dem Spruch von MARX seine Vorliebe für falsche Ab- straktionen entdeckt, darf sich nicht auf die Analyse der beiden Momente des Verhältnisses einlassen und mit Wissen über sie den Zusammenhang begreifen, den es tatsächlich gibt. Vielmehr muß er die so geschickt zum Thema präparierte "bestimmte Weise der Ver- mittlung" endgültig zum Subjekt dessen machen, was da vermittelt wird. Es gilt, über d i e Gesellschaft und d a s Bewußtsein zu faseln, um die "Quintessenz einer Auffassung" allen Gegenstän- den der Erkenntnis gegenüber zur Anwendung zu bringen. Und daß BISCHOFF diesen methodischen Umgang mit der Welt beherrscht, zeigt er an Sätzen, die ihm brauchbar erscheinen für die Inter- pretation der Quintessenz: "Der soziale Lebensprozeß der Individuen auf einer historisch be- stimmten Entwicklungsstufe ist ein vielfach Gegliedertes und in verschiedene Bestimmungen Auseinanderfahrendes." /27/. Wenn in solchen Sprüchen über die Gesellschaft vermeldet wird, d a ß sie gegliedert ist und nicht nur eine Bestimmung hat, dann taugen sie eben wegen ihrer Leistung, V e r h ä l t n i s s e ü b e r h a u p t zur Eigenschaft des besprochenen Gegenstandes zu machen, für den Fortschritt in der von BISCHOFF für nötig ge- haltenen Interpretation der Marx-These. Dabei stört ihn keines- wegs die Tatsache, daß der Teil seiner Rede über den sozialen Le- bensprozeß, den er von MARX abgeschrieben hat (Grundrisse, S. 7), von diesem gerade als Abstraktion k r i t i s i e r t wird. Wo MARX sich in der "Einleitung" Rechenschaft darüber ablegt, daß mit den Abstrakta wie P r o d u k t i o n i m A l l g e- m e i n e n etc. k e i n e Wissenschaft zu machen ist; wo er darlegt, daß dergleichen "verständige Abstraktionen" nur als Zusammenfassung des allen Gesellschaften Gemeinsamen taugen deswegen aber auch keine einzige erklären, findet BISCHOFF das Material für die Verkündung seiner Weisheiten. Ausgerechnet die Aussagen, die MARX als Fehler bürgerlicher Ideologen kenn- zeichnet, haben es ihm angetan: mit ihnen macht er sich an die Leugnung all dessen heran, was wirklich im "Kapital" und sonstwo über den G r u n d falschen Bewußtseins im "gesellschaftlichen Sein" steht. Dabei kommen ihm die Mängel der "Einleitung" die im- mer wieder das Prinzip politischer Ökonomie g e t r e n n t vor ihrer Durchführung an bestimmten Produktionsweisen darzustellen versucht und - sooft MARX bemerkt, welche Fehler sich daraus er- geben - schließlich Abstand nimmt von ihrem Fehler (Warum steht sie wohl nicht im "Kapital I"?) gerade recht! So läßt sich der Glaube an MARX, der eine schöne Methode erfunden hat, auch gegenüber Ungläubigen propagieren: wenn die Soziologen nur das machen, was sie immer schon machen, glauben sie an MARX, freilich ohne es zu wissen. Wo selbst Leute, die nichts von MARX wissen wollen, der These dieses Glaubensstifters, Gesellschaft sei Vermittlung, anhängen, ist ein Bischof nötig, diese Auffas- sung als den Glauben an MARX zu verkünden. Wie ein Prophet nichts gilt, findet er keine Anhänger, so ist erst recht MARX, dessen Lehre die Spatzen von den Dächern pfeifen, auf ein persönliches Bekenntnis, daß es dabei auf ihn, MARX, ankomme, angewiesen. BI- SCHOFF verschafft s e i n e m Bekenntnis zu MARX Platz, indem er dessen Aussage auf eine These reduziert, der er seine Zustim- mung nicht vorenthalten will. Die Berufung auf MARX ist die Folge der Stellung, die BISCHOFF zu ihm einnimmt. Nicht die akzeptierte Übereinstimmung mit den Aus- sagen dieses Schriftstellers, sondern der Zweifel an ihm, der zum Glauben führt, ist der Ausgangspunkt für das Lob des Beggründers einer Auffassung. Je weniger von MARX zu halten ist, desto größer die Bekenntnisleistung, die ein BISCHOFF sich abverlangt. Und daß er von der "Quintessenz" einer Marxschen Aussage nichts hält, hat er bereits mit den ersten Sätzen seines Buches vorgeführt. Es geht ihm eben um den Beweis, daß MARX das glaubensstiftende Werk eines Bischofs nötig hat (Das Wortspiel mit dem Namen ist alles andere als ein Witz - es bringt den Begriff des Berliner Dialek- tikers auf eine unmißverständliche "Kurzformel".). Spricht MARX vom notwendig falschen Bewußtsein der Menschen von ihrem gesellschaftlichen Handeln (er führt das "notwendig" aus: in ihrer ökonomischen Praxis, näher: in den Zwängen der Konkur- renz hat es seinen Grund), so glaubt BISCHOFF diesem Satz nur entnehmen zu dürfen daß es auf die Gesellschaft ankomme, wenn man das Bewußtsein der Menschen im Kapitalismus b e s t i m m t hat. Spricht MARX aus was es mit diesem Bewußtsein auf sich hat - und unterstellt so naiverweise, daß es dieses Bewußtsein gibt -, so überzeugt sich BISCHOFF bei MARX von der Nichtexistenz und Un- selbständigkeit des Bewußtseins. Sagt MARX, das Bewußtsein sei vom gesellschaftlichen Sein bestimmt, so ist sich BISCHOFF si- cher, daß nichts bestimmt, dafür aber alles "in bestimmter Weise vermittelt" sei. BISCHOFF hat den Widerstand, den MARX s e i n e m Glauben ent- gegensetzt, überwunden: er hat ihn zu einer Auffassung g e m a c h t. Die Leistung des Glaubens an MARX, zu dem er sich bekennt, besteht darin, den verehrten Autor auf den Beleg eines Vorurteils, das BISCHOFF hat, herunterzubringen. Danach bestrebt, sein Vorurteil, daß Denken, Handeln, Gesell- schaft und Natur niemals das sein können, was sie sind, dafür aber leibliche Inkarnation eines methodischen Verfahrens, wie ih- nen beizukommen sei: Beziehung, Vermittlung, Bedingtheit etc., mit MARX zu belegen, wird BISCHOFF kritiklos MARX gegenüber, weil ihm dessen Aussagen gleichgültig sind. Obwohl BISCHOFF MARX wi- derlegt hat - er hat ihm den Schwachsinn angedichtet, von be- stimmten Gegenständen und einem spezifischen Verhältnis gespro- chen zu haben, ohne etwas Bestimmtes zu meinen -, verliert BI- SCHOFF seinen Glauben an MARX nicht. Der Glaube an MARX ist eben etwas anderes, als MARX zu glauben. Daß MARX eine, wenn auch umstrittene Autorität ist, der Erfinder einer Auffassung mit beträchtlichem Anhang, macht ihn zum Opfer der Bischoffschen Zuneigung. Seine Anerkennung macht sich BI- SCHOFF zunutze, seinem Erkenntnisvorurteil zur Gültigkeit einer allgemeinen Vorschrift zu verhelfen. BISCHOFF glaubt dem Satz von MARX, der immer fällt, wenn im Glaubenswettstreit zwischen Idea- lismus und Materialismus Bekenntnisse fallen, nur insofern, als er dabei die methodische Vorschrift ist, die sein eigenes Vorur- teil nötig hat. MARX hat also mit seinem "Erkennungsmerkmal" der Nachwelt nichts Wissenswertes mitgeteilt - immerhin aber hat er die "materialistische Methode" gestiftet: einer, der sich als Anhän- ger des dialektischen Materialismus ausweisen will, hat auf be- sagten "Vermittlungsprozess" zu achten, weil jede Wissenschaft an ihn gebunden ist. Wenn einer "nur" eine Vorschrift erlassen hat, wie man sein Denken so einzurichten hat, daß eine Erkenntnis von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein m ö g l i c h wird, so ist nichts klarer, als daß er nichts über diese Gegenstände aus- sagt, aber eine These vertreten hat. Damit ist das Hindernis be- seitigt, das es erforderlich machen würde, sich mit der Richtig- keit eines Gedanken r e s u l t a t s auseinanderzusetzen; vielmehr ist die These der bloße A n f a n g einer freien Betä- tigung dieser Zustimmung. BISCHOFF hat in MARX einen Ansatz ge- funden, mit diesem das anstellen zu können, worauf es ihm an- kommt: die Existenz der Welt in die Existenz ihrer Denkmöglich- keit zu verwandeln. Der Marxismus hat verkündet, daß man die Welt so wie J. BISCHOFF betrachten muß - und J. BISCHOFF tritt den Be- weis an, daß MARX Zustimmung verdient. Wer aber einen Glaubensbe- weis antritt, beweist eben, daß er nicht glaubt, es ihm jedoch nützlich erscheint, zu glauben. Die Verteidigung von MARX ist der praktizierte Zweifel an ihn. Aber nicht nur, daß das erklärte Verhältnis von gesellschaftli- chem Sein und Bewußtsein eine bloße Vermutung ist - auch ob es sich dabei überhaupt um eine These handelt, hat sich der Berliner Marxpfaffe vorgenommen zu erklären. Liegt die Quintessenz der Marxschen These darin, einer methodischen Erkenntnisvorschrift zum Leben verholfen zu haben, mit der man nach dem Muster des einen Marxsatzes viele gleich schöne Sätze über Gott und die Welt bilden kann, so muß sich erst an der Klärung der methodischen Prämissen, die dieser Satz ausdrücken soll, zeigen, ob er selbst gemäß der Methode, die BISCHOFF aus ihm gezimmert hat, gebildet ist. Sind methodische Prämissen die Voraussetzung dafür, etwas über gesellschaftliches Sein und Bewußtsein sagen zu können, so ist die Marxsche These einer Erkenntnismöglichkeit so lange zwei- felhaft, so lange nicht die Notwendigkeit von diesen Prämissen auszugehen, erwiesen ist. So lange Aussagen wie die von MARX als Erkenntnismöglichkeit nur möglich sind, sind die methodischen Vorschriften als Möglichkeit der Erkenntnis zweifelhaft. BISCHOFF hat bereits in den ersten Worten angegeben, worum es des weiteren in seinem Buch geht: er will nicht eine Aussage von MARX, die ihm als These gilt, beweisen oder widerlegen, vielmehr besteht das Geschäft, mit dem er die Leser belästigen wird, darin, den er- freulichen Nachweis anzutreten, daß eine Annahme von MARX eine mögliche These ist. Wenn MARX die Abhängigkeit des Bewußtseins erklärt, gibt BISCHOFF das Anlaß zur Frage, ob s e l b- s t ä n d i g gedacht werden kann, ob man überhaupt nicht nur die Bedingtheit des Denkens denken könne. Dergleichen Zweifel bringen BISCHOFF dazu, ein Buch über wissenschaftliche Dialektik zu schreiben. Die betonte Skepsis soll nicht verheimlichen, was mit MARX "wirklich" los ist: er hat nicht eine These hervorgebracht, die möglich, sondern eine, die falsch ist. In der Bischoffschen Kurz- formel: w e i l alles in der Gesellschaft zusammenhängt, ist "Jede wissenschaftliche Erkenntnis an den systematischen N a c h v o l l z u g dieses Vermittlungsprozesses g e b u n- d e n", ist dem Marxpapst eine erste Widerlegung von MARX geglückt. Er hat nicht die Banalität zu Papier gebracht, daß die Erkenntnis eines Gegenstands eben das Wissen über diesen Ge- genstand ist, sondern er hat die Verhinderung des Denkens durch seine Bedingungen zum Postulat erhoben und damit MARX Idealismus nachgewiesen. Daß die wissenschaftliche Analyse ihren Gegenstand überwunden, dessen bloße Erscheinungsform aufgelöst, weil erklärt hat, stört BISCHOFF am Denken. Der zweckmäßige Umgang mit den Ge- genständen der Natur und der Technik, den die Menschen tagtäglich praktizieren, weil sie über das, was diese Gegenstände sind, Be- scheid wissen und dabei nicht den geringsten Zweifel an der Exi- stenz der Dinge, mit denen sie umgehen, haben, beweist einem BI- SCHOFF, daß die Annahme, Denken wäre etwas anderes, als der di- rekte Zwang, den die Gegen- und Umstände auf den Menschen aus- üben, purer Idealismus ist. Der Beweis, auf den es BISCHOFF gegen MARX ankommt, lautet: das Denken ist eine Eigenschaft des unter- suchten Gegenstands, nicht dessen Erklärung. Wo MARX das Denken k r i t i s i e r t, das sich dem "gesellschaftlichen Sein", den praktischen Zwängen der kapitalistischen Scheiße unterwirft, fällt BISCHOFF nur ein, daß sich recht materialistisch nur denken läßt im Bewußtsein der Unselbständigkeit allen Denkens, seines Geprägtseins durch die Gesellschaft. Die Normalform Bischoffscher "Urteile" über Aussagen anderer Leute heißt daher auch: "diese Theorie ist Ausdruck von...". Wodurch den Wahrheiten eines MARX die Ehre zuteil wird, ebenso wie die hinterletzte Apologetik als "Produkt der sozialen Bewegung" gefeiert zu werden. Mit dieser Anwendung der geliebten These bewältigt BISCHOFF auf 300 Seiten das Problem: wie rede ich von Wissenschaft, Denken, Bewußtsein, ohne deren Existenz zur Kenntnis zu nehmen und wie verkünde ich das Diktum von der Bürgerlichkeit bürgerlicher Wissenschaft, ohne ihr einen Fehler nachweisen zu wollen? Als Wissenschaftsfeind kommt es ihm auf die Propaganda einer 'Dialektik' an, die Wissen- schaft zerstört - kein Gedanke gilt, der sich nicht in die Wir- kung seiner Bedingungen auflöst und so zugibt, keine Erklärung gewesen zu sein-, hat BISCHOFF die bürgerliche Wissenschaft über- troffen; diese, weniger verrückt als BISCHOFF, weiß wenigstens, wie unnütz MARX bei diesem Geschäft ist, über Wissenschaft zu re- den, ohne sie zu betreiben. Er dagegen schreitet zur zweiten Wi- derlegung von MARX. Die methodische Vorschrift, von dem was Gesellschaft ist, zu ab- strahieren und sie in die bloße Vermittlung aufzulösen, ist auch für BISCHOFF keine zureichende Aussage über Gesellschaft, sondern das lobenswerte Vorurteil, mit dem man sich erhoffen kann, zu Aussagen über sie zu kommen. Das "eindeutige Erkennungsmerkmal" einer Auffassung über Gesellschaft, mit der sich BISCHOFF am Marxschen Zopf aus dem Sumpf der bürgerlichen Wissenschaft her- auszieht, besteht darin, daß die Erkennbarkeit der Gesellschaft Folge eines Vorurteils ist, das man von ihr haben muß: Die zur Eigenschaft der Gesellschaft erhobene Erkenntnisvorschrift ent- scheidet, was das gesellschaftliche Sein ist. Damit hat BISCHOFF zugleich seine dritte Widerlegung der Marx- schen These angebracht. Das als Betrachtungsweise eingeführte Verhältnis von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein bringt glücklich Denken und gesellschaftliches Handeln theoretisch um die Ecke: jeder der beiden Gegenstände wird unter das Vorurteil, nur das zu sein, was sich aus dem "Nachvollzug" des "Vermitt- lungsprozesses" ergibt, subsumiert - und w i e sie zusammen- hängen, klären die Phrasen und Wörter, die unsere Sprache für u n b e s t i m m t e Verhältnisse eben so hat, Reflex, Ausdruck, Widerspiegelung, Wechselwirkung etc. BISCHOFF hat die Aufgabe, die er sich gestellt hat, im Nu gelöst: wie macht man aus der geleisteten Analyse der kapitalistischen Gesellschaft durch MARX ein Mittel, diese Einsicht an ihrer prak- tischen, von ihr geforderten Anwendung zu hindern: nichts einfa- cher als das - es handelt sich um keine Einsicht. Alle Beweise, mit denen BISCHOFF seine Liebe zu MARX belegt, sind Beweise für die Überholtheit und Falschheit des Verfassers, den BISCHOFF sich zum Lieblingsautor erwählt hat. BISCHOFF wäre jedoch nicht Bi- schof, wenn es ihm nicht ständig auf neue Beweise seines Glaubens ankäme, um seinen Glauben an MARX zu beweisen. Daß diese Aufgabe wie der Glaube unendlich ist, zeigt sich nicht nur daran, daß die Produkte dieser Liebe einen ganzen Verlag profitabel machen, wo- ran weiter bemerkbar ist, daß es auch ein Publikum gibt, das sich sein Bedürfnis, MARX gut zu finden, weil es nichts von den Konse- quenzen Marxscher Aussagen hält, Geld kosten läßt, und BISCHOFF Anerkennung zollt, wenn er in immer neuen schöpferischen Varia- tionen MARX umarmt, um ihn mundtot zu machen. Hat BISCHOFF gezeigt, wofür ihm MARX brauchbar erscheint - dieser hat sich eine These aus den Fingern gesogen, mit der man alles zu Verhältnissen erklären kann (wobei freilich nichts zur Klärung beigetragen, wohl aber die Zustimmung der Kommunikationstheoreti- ker und Interaktionsfummler angepeilt ist), so geht es jetzt darum, daraus Probleme zu entwickeln, um zu beweisen, daß nur, wer bei MARX hart am Ball bleibt, diesem den Rest geben kann. "Nicht nur die Tatsache, daß in der jeweils bestimmten Gesell- schaftsform jede einzelne Seite dieser Gesellschaft, jedes Ver- hältnis die andern in ihrer bestimmten Gestalt voraussetzt, und somit jedes Gesetzte zugleich Voraussetzung ist, macht die gei- stige Reproduktion dieses organischen Systems zum Problem (!), sondern auch das Faktum, daß jede neue Generation die von der vorangegangenen Generation entwickelten und erworbenen Produktiv- kräfte übernimmt und ihrerseits zur Basis einer Weiterentwicklung macht, wodurch ein kontinuierlicher Zusammenhang in der Ge- schichte der Menschen entsteht." /27/ BISCHOFF sagt hier etwas, wenn auch etwas Falsches darüber, was Gesellschaft ist, und deduziert daraus, daß es äußerst problema- tisch ist, die Gesellschaft erkennen zu wollen. Daß der Kapita- lismus historische Voraussetzungen hat, BISCHOFF also weiß, daß er sich nicht in der Steinzeit abspielt, überzeugt ihn davon, daß er als geschichtlich gewordener kaum begreifbar ist. Die allsei- tige Vermitteltheit der Gesellschaft erweist die Marxsche Auffas- sung zur voreilig gefaßten These. Wo es unmöglich ist, etwas so Komplexes wie Gesellschaft zu erkennen, geht es wirklich um hö- here Dinge als um das Verkünden von bestimmten Aussagen, auch wenn sie von MARX nur als These gemeint sein sollten. Vielmehr steht der erfinderische Einfall von Problemen an, bei denen es nicht darum geht, sie als Probleme aus der Welt zu bekommen, son- dern sich als problembewußt zu erweisen. "Die Reproduktion eines sozialen Lebensprozesses der Individuen auf bestimmter Entwicklungsstufe im Denken wirft somit (!) auch das Problem (!) auf, ob nicht Bestandteil jeder Darstellung eines bestimmten gesellschaftlichen Systems eine Betrachtung der histo- rischen Aufeinanderfolge verschiedener Gesellschaftsformen sein muß, ja inwieweit eine entschiedene Abgrenzung bestimmter Formen von Gesellschaft überhaupt gerechtfertigt ist" /27/. BISCHOFF will natürlich keine Weltgeschichte schreiben. Auch da- für müßte er Wissenschaft treiben - wie könnte er eine A u f e i n a n d e r f o l g e von verschiedenen Gesellschafts- formen betrachten, ohne diese selbst zu kennen. Er hat zudem in seinem Zettelkasten (und im aus Japan eingeflogenen MARX-Lexikon) den Spruch von MARX zu dem "Problem", ob das Nacheinander von Er- eignissen in den Zeitläufen den B e g r i f f einer Produkti- onsweise zutagefördert; und aus dem Zettel geht hervor, daß MARX zumindest die Sache klargestellt hat. Mit seinem "somit" geht es ihm somit um ein eigens für s i c h s e l b s t "erschlos- senes" Problem: um die Schwierigkeit von materialistischer Wis- senschaft wie e r sie verlangt. Also: weil es den Kapitalismus nicht immer gegeben hat, kann niemand wissen, ob es ihn gibt, denn es hat ihm noch niemand die Gerechtigkeit widerfahren las- sen, abzustecken, wo er anfängt und wo er aufhört. Freilich wäre auch dies vergeblich: weil der Kapitalismus nun mal historisch geworden ist, weiß keiner, wo er sich aufhält. Führt so die Suche nach dem Kapitalismus, um dessen Grenzen sich BISCHOFF Sorgen macht, zu keinem Ergebnis, so ist wenigstens ei- nes klar geworden: die Möglichkeit des Denkens ist unmöglich, Denken kann es nicht geben, da der Kapitalismus jeden Gedanken zumindest über sich, verhindert. Bei einem so konsequenten Skeptiker verfängt die Aufforderung nicht, er solle das Denken lassen und lieber die historische Länge der Zeit vermessen. Daß es die Gesellschaft, zu der BI- SCHOFF etwas sagen will, nicht gibt oder sie sich, wenn man sie sich einmal ausdenkt, dadurch auszeichnet, daß sie nicht erkenn- bar ist, schafft Raum für die Einfälle eines Hirns, das sich mit- nichten darum kümmert, ob es auch wirklich ist. Es hat sich die Welt methodologisch zurechtgelegt und die wirkliche Welt zur Exi- stenz seiner Fragen nach Voraussetzungen, Bedingungen und Mög- lichkeiten dessen, was es gibt, heruntergebracht. War die Zustim- mung zur Marxschen These der Zweifel, wie man das erkennen können soll, was MARX erkannt hat, so ist dieser Zweifel der selbstsi- cheren Leugnung gewichen, daß man überhaupt erkennen kann. Was sich nicht dadurch ändert, daß BISCHOFF stets mit Marx- und En- gelszungen beteuert, es ginge doch. Woran er festhält, ist einzig s e i n verrücktes Programm: er redet über das, was er tut. Für die Vergewisserung des Zweifels an der Existenz des Denkens und der Welt entwirft BISCHOFF weitere Strategien, die der Be- kräftigung seiner methodischen Vorschrift dienen: nur wer von der Unmöglichkeit des Denkens ausgeht, ist in der Lage, sich Möglich- keiten fürs Denken zu ersinnen, und nur wer die Nichtexistenz und Unerkennbarkeit des Kapitalismus zur Denkvorschrift erhebt, ist fähig, mit BISCHOFF in eine Diskussion über methodische Regeln, wie dem unbekannten Wesen doch beizukommen sei, einzutreten. Doch selbst die Einbildung einer möglichen Wirklichkeit, die es BISCHOFF angetan hat, birgt ihre Gefahren. Zu der "unbe- streitbaren" Aussage, daß "die Gesellschaft, welches immer auch ihre Form sei, das Produkt des wechselseitigen Handelns der Menschen" /28/ sei, zu der uns nur einfällt, daß die Gesellschaft eine interessierte Erfindung der Soziologen ist und daß die Men- schen dumm dastünden, wenn sie kein Material ihres Handelns vor- fänden - daß Menschen vom Händchenhalten und gegenseitigen Ver- ständnis leben, ist die bemühte Lüge der Kommunikationstheoreti- ker -, "drängt" sich BISCHOFF der unausweichliche Schluß auf: da Handeln Bewußtsein voraussetzt, kann die praktische Tätigkeit der Menschen nichts anderes sein als - Denken. Und da (!) alles Handeln der Menschen durch das Denken vermittelt ist, scheint die Annahme berechtigt, daß das Handeln und seine Produkte in letzter Instanz durch das Denken begründet sind" /28/. Diesen ärgerlichen "Schluß" - wenn zum Handeln der Kopf nötig ist, so würde dies bedeuten, daß die Welt nur aus Denken besteht, so ist es nur logisch, daß das Handeln nur in der Einbildung pas- siert -, der noch dadurch bestärkt wird, daß sich die Individuen "wegen der Kontinuität in der Geschichte der Menschen" auch "einbilden" können, sich ihr Handeln nur einzubilden, führt BI- SCHOFF zwar nur vor, um sich als Nicht-Idealisten zu präsentie- ren. Das heißt aber nicht, daß er ihn widerlegt. Er verbricht diesen Gedanken, zu dem kaum ein offizieller Verfechter des Idea- lismus je gekommen ist, deswegen, weil er ein "autonomes Denken" bestreiten und dem "nicht-autonomen Denken", mit dem er sich an- gefreundet hat, gewisse Gegenstände vorenthalten will. Nichts falscher als der Versuch, "bei der Analyse der Formen des menschlichen Lebens mit dem scheinbar Realen und der scheinbar wirklichen Voraussetzung zu beginnen, dem gesellschaftlichen Han- deln der in Gesellschaft lebenden Individuen" /28/ **) (mit Ein- siedlern scheint BISCHOFF sich nicht befassen zu wollen!). Weil es zum Handeln Bewußtsein braucht, ist das gesellschaftliche Han- deln, für BISCHOFF die Voraussetzung der Gesellschaft, eine bloße Täuschung. Man kann es auch als Vorschrift sagen: wer vom Handeln der Kapitalisten und von der Tätigkeit der Arbeiter auf die Exi- stenz des Kapitalismus schließt, entlarvt sich als Idealist. "Gleich ob in diesem Ansatz aus der Tatsache des durch Denken vermittelten Handelns gefolgert oder unterstellt wird, die realen (!) Subjekte hätten ein Bewußtsein von ihren Taten, oder ob diese Vermittlung im Halb- oder Unbewußten angesiedelt wird, Marx und Engels lehnen solche handlungstheoretischen Erklärungsversuche als idealistische Geschichtsauffassung ab, weil in ihnen in letz- ter Instanz" (die Einhaltung des Instanzenwegs!) "auf die Autono- mie des Denkens rekurriert wird" /28/. Wer immer noch meint, daß es das Buch eines BISCHOFF gar nicht geben kann, weil BISCHOFF sich beim Schreiben etwas gedacht hat, der hat den Trick des Methodologen noch nicht heraus. Er besteht darin, die Existenz der Welt zu leugnen, um sich das, was es gibt, als möglich vorzustellen. Die fiktiven Probleme, die ein BISCHOFF in die Welt setzt, sind diesem Mittel, sich um die Er- klärung dessen, was er zu untersuchen vorgibt, nicht zu kümmern und damit die nichterklärten Gegenstände zum Produkt und Beweis- stück seines Vorurteils, das er vorab über sie hat, zu machen. Wie b e w e i s t man einen S t a n d p u n k t? Indem man alle Gegenstände als Produkt des Standpunkts jenseits ihrer wirk- lichen Existenz neu zur Welt kommen läßt, eine wahre creatio ex nihilo, wo jeder Bischof sein eigener Gott wird. Wenn BISCHOFF, obwohl er das gesellschaftliche Handeln zu einem Trugbild erklärt hat, weiter ungerührt von diesem sprechen kann, dann hat er seine schöpferische Leistung, sich vorzustellen, daß die Realität als Möglichkeit denkbar ist, bereits vollbracht. Es reicht nicht mehr aus, daß Handeln das Handeln von Menschen ist, sondern diese müs- sen erst noch als real hinzugedacht werden, weil BISCHOFF nicht vorhat, ihr reales Handeln zu untersuchen. Diese als "real" ge- dachten "Subjekte" - "dieses die Erscheinungsformen der bürgerli- chen Gesellschaft reproduzierende Denken unterstellt, daß das reale (!) Subjekt in der Wirklichkeit (!) gegeben ist" /90/ - un- terscheiden sich von den auch denkbaren irrealen Subjekten da- durch, daß diese dann wohl ein Bewußtsein von ihren Untaten haben müssen. Als Materialist widerlegt BISCHOFF die auf einen ersten Blick unabweisbare These von der Autonomie des Denkens damit, daß er, um das Bewußtsein zu leugnen, auch gleich noch die praktische Tätigkeit der Leute als Fiktion drauf gibt. In diesem entschie- denen Gedanken setzt sich der Bischoffsche Kopf gleich zweimal hinter seinem Rücken durch: einmal steht eine Aussage über das gesellschaftliche Handeln als Bestimmung des Denkens und zweitens kommt nur jemand, der sich die Bischoffsche Voraussetzungslogik zu eigen macht, auf den sinnigen Schluß, daß, wo gehandelt wird, nur gedacht wird. Unter der Hand hat BISCHOFF noch einmal MARX widerlegt: dessen These bedeutet nichts weniger, als daß es sich bei Sein und Be- wußtsein um überhaupt kein Verhältnis handelt. Zwischen Denken und Bewußtsein besteht keine Beziehung, sie existieren nur ge- trennt voneinander. Auch der weiteren Konsequenz, mit der BISCHOFF MARX zu Leibe rückt, wird man sich dann nicht verschließen können. Da das Ver- hältnis nichts anderes ausdrückt als die Beziehungslosigkeit bei- der Seiten, Denken und Handeln nur getrennt voneinander existie- ren, liegt es auf der Hand, daß MARX mit seiner These auf nichts anderes hinweisen wollte, als daß Bewußtsein und Arbeit zwei u n t e r s c h i e d l i c h e Sachen sind. Allen idealisti- schen Verdrehungen "stellen Marx und Engels die These entgegen, daß bei der Untersu- chung der gesellschaftlichen Beziehungen der Individuen zwischen realer Basis, der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, und ei- nem bestimmten Überbau, dem auch alle Bewußtseinsformen zuzurech- nen sind, unterschieden (!) werden muß" /28/. Aber auch hier hat es BISCHOFF auf Höheres abgesehen als auf die Verkündigung einer Banalität. Es geht um die Banalität als V o r s c h r i f t: es muß unterschieden werden. Diese Erkennt- nisvorschrift, die das "wissenschaftliche Denken revolutioniert", zeichnet sich dadurch aus, daß sie dem herrschenden Idealismus eine andere, "korrekte Einschätzung der Wechselwirkung der ver- schiedenen Momente des gesellschaftlichen Lebensprozesses" gegen- übersetzt. Das entschiedene Bekenntnis zu MARX macht aus dessen Satz ein immerhin erstaunliches Vorurteil: wenn auch Denken und gesellschaftliches Sein nur getrennte Gegenstände sind, so ist das Bewußt" sein doch kein Gegenstand, denn dies wäre eine idea- listische Phrase, die auf der "Autonomie des Denkens" beharrt. Das Verhältnis von Denken und Sein, von Ideenformation und mate- rieller Praxis ist also in der materialistischen Geschichtsauf- fassung gerade umgekehrt als in der oben skizzierten Konzeption. Alle geistigen Vorstellungen, wie Bewußtseinsformen Illusionen, religiöse Auffassungen werden als Produkt des unmittelbaren Pro- duktionsprozesses des Lebens und damit der gesellschaftlichen Le- bensverhältnisse gefaßt" /29/. Natürlich hat damit BISCHOFF nicht dasselbe wie MARX ausgespro- chen, vielmehr hat er ausgedrückt, daß dieser ebenso wenig wie die bürgerliche Wissenschaft Bewußtsein und Gesellschaft erklärt, aber ihren Zusammenhang von einer anderen Seite aufgefaßt haben wollte. BISCHOFF hat das Ergebnis, was das Bewußtsein der Men- schen im Kapitalismus ist, in methodische Vorschriften aufgelöst und MARX damit in einen Methodologen verwandelt. Er krönt jetzt sein Werk, indem er zur Soziologisierung der Methode forschrei- tet. Ohne sich auf die Erklärung des Bewußtseins und des gesell- schaftlichen Handelns, worin dies Bewußtsein seinen Grund hat, einzulassen, verkündet BISCHOFF, daß das Denken zwar nicht Den- ken, aber dafür P r o d u k t d e r G e s e l l s c h a f t ist. Für dieses Unternehmen findet BISCHOFF bei MARX einen Anlaß: auch dieser hat die gesellschaftliche Bestimmtheit des Denkens erklärt, was freilich etwas anderes ist, als das Bewußtsein zum bewußtlosen Ausfluß gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. So ergänzt der zweite Schritt in BISCHOFFs Beweisgang, die Soziolo- gisierung der Methode, glücklich den ersten, in dem er den Marx- schen Satz um seinen Inhalt gebracht hat, um aus ihm eine metho- dische Vorschrift zu zimmern. Weil er in seinem Interesse, MARX in Methodologie aufzulösen, aus d e m gesellschaftlichen Han- deln, das das Bewußtsein bestimmt, die Abstraktion 'das Sein' ge- macht hat, führt er nachträglich die Vorschrift ein, daß es dabei auf Gesellschaft ankommen soll. Die langweilige Sturheit, mit der BISCHOFF alles, was ihm so ein- fällt Gesellschaft, Kapital, Konkurrenz, Oberfläche, Bewußtsein nicht, aber für gesellschaftlich bedingt, erklärt, um alles nur als Produkt des Verfahrens, das er sich ausgedacht hat, gelten zu lassen - damit ist die Bedingungs-, Genese-, Wechselwirkungsdia- lektik nicht nur richtige Weise der Erkenntnis, sondern Existenz- bedingung der Welt: "sie beherrscht Natur, Gesellschaft und Den- ken" /7/ - spricht hierin ihren Zweck aus. Stets kommt es so auf das Bewußtsein an, daß eine Kritik falschen Bewußtseins verhindert wird. Das existente Bewußtsein ist nicht f a l s c h in dem, was es ist, vielmehr ist es illusionär, ein bloßes Hirngespinst, damit jeder Kritik entzogen. Obwohl es Unfug ist, einem Menschen etwas klar machen zu wollen, der es schafft, MARX in einen traurigen Soziologen zu verwandeln, können wir uns nicht versagen, einmal zu erklären warum wir kein Buch über den einen Satz von MARX schreiben. Wir wissen nämlich, was dieser Satz zum Inhalt hat: er ist die Kritik einer Gesellschaft, in der das Handeln der Menschen ihrem Bewußtsein Schranken auferlegt und damit gerade kein (ewiggültiger) Satz darüber, wie man es mit dem Denken zu halten habe. Wie fruchtbar man diese Verhinderung einer Kritik falschen Be- wußtseins machen kann, führt der Orden, der sich um BISCHOFF ge- schart hat, in jeder Zeile seiner Veröffentlichungen vor. Immer gipfelt der erste Vorwurf gegen Konkurrenten in diesem Geschäft, mit MARX gegen MARX vorzugehen, darin, derer Schwachsinn bestehen zu lassen, um den eigenen Mist daneben setzen zu können: "sie se- hen nicht, daß ..., sie merken nicht, daß ..." - in der Wissen- schaft scheint ein merklicher Mangel an Empfindung zu herrschen. Und noch immer folgt die Entschuldigung auf dem Fuß: "sie können nicht sehen, daß... sie können nicht merken, daß...". So erfährt noch jede Scheiße, die zwischen Buchdeckeln gepreßt wird, die rä- sonnierende Apologie der BISCHOFFs, durch die sie sich selbst zur Geltung bringen. 3. Bischoff's Regelkanon ------------------------ Bürgerliche MARX-Kritiker pflegen der Einsicht, die BISCHOFF so rührend auf eine erkenntnistheoretische These herunterzubringen bemüht ist, immer wieder denselben Vorwurf zu machen: eine solche Weltanschauung bewerte das Materielle in der Welt zu hoch und die Rolle von Ideen, Geistigem und Moralischem zu niedrig. Zynisch verweisen sie auf den allenthalben p r a k t i z i e r t e n I d e a l i s m u s und schaffen Beispiele herbei dafür, daß es in der Geschichte an der Verleugnung des eigenen Interesses selbst ganzer Völker nie gemangelt hat. Auch mit solcherlei Anwürfen setzt sich ein Missionar ernsthaft, und das heißt falsch auseinander. Daß MARX etwas ganz anderes als seine professionellen Mißversteher gesagt hat, kann er nicht gut vorbringen - er selbst propagiert ja nicht, was MARX gesagt hat, sondern den Glauben an ein Erkenntnisprogramm. Angreifen kann er die bürgerliche Begeisterung für die "höheren" Triebe, welche im Leben des Kapitalismus eine enorme Rolle spielen (nämlich die, ihn am Leben zu erhalten, auf Kosten der Proleten), ebenfalls nicht: dazu wäre ja eine vorurteilslose Analyse ihrer Argumente vonnöten. (Diese Analyse würde im übrigen zu dem Ergebnis führen, daß sich das Bewußtsein der Materialismusverächter ihrem "gesellschaftlichen Sein" verdankt.) Also v e r t e i d i g t BISCHOFF nicht MARX, sondern eben s e i n Erkenntnisprogramm mit der trostreichen Versicherung, daß in seinem Verständnis des Marxismus die höheren Sphären nicht zu kurz kommen. Die Absetzung von MARX wird damit entschieden vorangetrieben: hatte dieser er- klärt, wie das "gesellschaftliche Sein" ein Bewußtsein notwendig macht, das aufgrund seiner Falschheit gerade den Fortbestand des Kapitalismus garantiert, verkündet BISCHOFF fröhlich, daß er auch dem "Einfluß" der Bewußtseinsformen auf den "sozialen Lebenspro- zeß" sein Plätzchen reservieren will: ***) "Von einer Vernachlässigung des Überbaus, speziell des Einflusses von Bewußtseinsformen bei der wissenschaftliehen Betrachtung des sozialen Lebensprozesses kann keine Rede sein" /29/ Denn schließlich gehört zu der die Gesellschaft so positiv aus- zeichnenden Unerkennbarkeit, daß das Bewußtsein, dessen Identität in der Ökonomie liegt, als M o m e n t der ökonomischen Totali- tät kräftig dazu beiträgt, die Gesellschaft unerkennbar zu ma- chen, indem es wie jedes Moment als "Gesetztes in Voraussetzung umschlägt". BISCHOFF drückt so aus, daß er das Denken a l s A u s f l u ß des gesellschaftlichen Seins, bei dem es aufs Den- ken nicht ankommt, keineswegs vernachlässigen will. Da BISCHOFF am Ziel seines Unternehmens, MARX fertig zu machen, ist - er hat aus dem Resultat von MARX eine These gemacht, wie alles vermittelt zu sehen ist, eine Vorschrift, wie man die Un- tersuchung von bürgerlicher Gesellschaft, Kapital und Denken bestmöglich verhindert (4*)) -, kann er nun genauer die Regeln angeben, die es ihm erlauben sollen, die Erkenntnis dessen, wovon er spricht, zu hintertreiben. "Erstens, der soziale Lebensprozeß bestimmter Individuen ist eine Totalität, eine Einheit verschiedener Momente, die als Einheit des Mannigfaltigen samt ihrer Wechselwirkung im Denken zu repro- duzieren ist" /30/. Die Abstraktion von Gesellschaft auf Moment, Totalität, Einheit der Mannigfaltigkeit, Wechselwirkung und was so ein BISCHOFF al- les in einem Satz unterbringen kann, um sein Desinteresse an ei- ner Erklärung zu dokumentieren, bedient sich der unbezweifelten Existenz der Gesellschaft, um dieses Methodengeschwätz zum 'Seinsgrund' für Gesellschaft zu erheben. Gesellschaft gibt es nur als Methode: e r s t e Regel. Die Leistung des Denkens besteht zwar nicht darin, etwas zu be- greifen, aber es auf die Dimension eines Bischoffschen Kopfes verkleinert getreu abzubilden. Es seien die Eigenschaften der Ge- genstände, die das Denken über sie nötig machen: mir wird so grün im Kopf, denk ich an einen Baum: z w e i t e Regel. Was sich diesem Kopf als Gegenstand aufzwingt und sein 'Nachdenken' determiniert, ist jedoch nicht die wirkliche Welt, sondern die methodische Abstraktion, die einer braucht, um sich einen Zugang zu ihr zu verschaffen, um die Welt in das Abbild seines Zugangs, den er ihr andichtet, zu verwandeln. Dem Denken zwingt sich als Gegenstand nichts als die methodische Vorschrift eines BISCHOFF' auf, das Denken über etwas hat es nur mit dem traurigen Bewußtsein eines Methodologen, zu dessen Widerspiege- lung jeder Gegenstand recht ist, zu tun: d r i t t e Regel. "zweitens, der einzig adäquate Zugang zur geistigen Reproduktion des Lebensgewinnungsprozesses bestimmter Individuen besteht darin, ausgehend von der bestimmten Form des materiellen Produk- tionsprozesses die spezifischen Formen der geistigen Produktion sowie die politische Form des Gemeinwesens zu entwickeln. Erst dann läßt sich die Wechselwirkung der verschiedenen Momente dar- stellen" /30/. Für die Nabelschau des Geistes, der in allem, was es so gibt, nur sich selbst wiedererkennen will, alles nur als Produkt von Denk- vorschriften, auf die es ihm ankommt, gelten lassen will, ist der Zugang zur existenten Welt, deren Erklärung er verspricht, erst noch zu schaffen. Dieser Zugang ist diesem Unternehmen deswegen adäquat, weil es sich um nichts anderes als um eine weitere me- thodische Vorschrift handeln kann. Es reicht nicht hin, an Ge- sellschaft zu denken, wenn man über sie reden will, man muß sie sich auch bestimmt vorstellen: v i e r t e Regel. Und wer hier wem adäquat gemacht wird, läßt sich dabei leicht er- kennen. Der "adäquate Zugang" besteht darin, das in diesem Ver- fahren praktizierte Absehen von dem, was die Gegenstände sind, hierarchisch zu gliedern, die Erkenntnisnegation in Stufenfolgen zu betreiben: f ü n f t e Regel. Ist die Ökonomie zwar nicht Ökonomie, Politik nicht Politik, son- dern jeweils eine Stufe zur Nichterklärung einer anderen Sache, so könnte selbst ein BISCHOFF noch darauf kommen, daß es wirklich Beziehungen zwischen dem ökonomischen Handeln der Leute und ihrem Bewußtsein gibt, und diese der Grund des falschen Bewußtseins, mit dem die Menschen handeln, ist. Diesen Verdacht, daß man Ab- hängigkeiten deswegen nicht "entwickeln", d.h. postulieren muß, weil es sie tatsächlich gibt, weist BISCHOFF souverän ab. Das ge- sellschaftliche Sein, das tägliche Handeln der Menschen bestimmt für ihn keineswegs deren Bewußtsein, sondern es gibt keine ein- seitige Abhängigkeit, dafür aber Wechselwirkung. Damit kann BI- SCHOFF auch das gesellschaftliche Sein so erklären, daß er statt seiner Erklärung auf den anderen Gegenstand Bewußtsein verweist. Die Postulierung einer hierarchischen Stufenfolge von Zusammen- hängen, in denen die Identität der Gegenstände in das, was sie nicht sind, gelegt wird, ist der Auftakt für das Absehen von exi- stierenden Zusammenhängen, um dafür alles miteinander vermitteln zu können: s e c h s t e Regel. "Drittens bei der wissenschaftlichen Betrachtung jedes bestimmten sozialen Lebensprozesses sind die Individuen als in Gesellschaft produzierende vorausgesetzt" /30/. Auch BISCHOFF kann seinen Schwachsinn auf eine Kurzformel brin- gen: daß man die Gesellschaft nur betrachten kann, wenn man un- terstellt, daß man die Gesellschaft betrachtet. Nur weil ein BI- SCHOFF sich solche Gedanken über den "sozialen Lebensprozeß" macht, gibt es die Gesellschaft. Bischoffs Bedürfnis, über d a s S o z i a l e ein Buch zu schreiben, produziert erst den Gegen- stand Gesellschaft: s i e b t e Regel. Damit ist der Dressurakt, mit dem das, was eine Gesellschaft aus- macht, von BISCHOFF geleugnet wird, weil er von Gesellschaft weiß, noch nicht beendet. Was der Gesellschaft als ganzer zugemu- tet wird, soll auch ihren einzelnen Bestimmungen nicht erlassen werden: die Verwandlung dessen, was sie sind, in eine methodische Phrase. Deren Vorteil besteht darin, daß nur mit ihr sich die Frage nach den Eigenschaften der Gesellschaft so stellen läßt, daß sie sich erübrigt, weil es auf die methodische Vorschrift an- kommt. "Wenn aber ein in irgendeiner (!) Form der Gesellschaft befindli- cher Mensch (immer vorausgesetzt, er befindet sich w i r k- l i c h in einer Gesellschaft!) die Voraussetzung ist, so ist als Ausgangspunkt der bestimmte Charakter dieses gesell- schaftlichen Menschen vorzuführen (BISCHOFF, der dressierende Psychologe!), d.h. der bestimmte Charakter des Gemeinwesens, worin er lebt, da hier die Produktion, also sein Lebensgewin- nungsprozeß schon irgendeinen (!) gesellschaftlichen (!) Charak- ter hat" /30/. MARX ist sich sicher, d a ß der Mensch gesellschaftliches Wesen ist und deshalb nicht außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft oder anderer Gesellschaftsformen lebt. BISCHOFF dagegen vervoll- kommnet seine Absicht, sich den irgendwie gesellschaftlichen Men- schen als möglich zu denken, mit der Vorschrift, sich ihn doch auch noch zusätzlich in irgendeiner Form historisch bestimmt vor- zustellen: a c h t e Regel. BISCHOFF hat seinen Fehler, der sich dem Interesse verdankt, sich die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft auszumalen, um sie in ihrer wirklichen Existenz nicht zu kritisieren, vollendet. Ging es ihm zuerst darum, methodische Tricks zur möglichen Fin- dung der Realität anzupreisen, um diese zum Produkt seines Mög- lichkeitsgedankens zu machen, so leistet der weitere Schritt, sich Gesellschaft als historisch bedingt vorzustellen, die Ver- doppelung der Möglichkeit, zu tun, als gäbe es sie nicht. Damit hat sich ein Methodologe wie BISCHOFF eine weitere dankbare Aufgabe geschaffen, nämlich die, sich über das V e r h ä l t- n i s zweier möglicher Aussagen ü b e r Gesellschaft den Kopf zu zerbrechen. "Zwar haben unbestritten die verschiedenen Formen der materiellen Produktion gewisse Merkmale gemein, dennoch bleibt dies Allge- meine oder das durch Vergleichung herausgesonderte Gemeinsame eine bloße Abstraktion, mit der keine wirkliche Stufe der materi- ellen Produktion begriffen ist. Die Betrachtung des Stoffwechsel- prozesses zwischen Mensch und Natur, unabhängig von jeder be- stimmten gesellschaftlichen Form, bringt lediglich Bestimmungen der Produktion im Allgemeinen; über jener Einheit ... darf indes die wesentliche Verschiedenheit, das, was die Entwicklung in der Aneignung der Natur ausmacht, nicht vergessen werden" /30/ Weil sich BISCHOFF die Gesellschaft das eine Mal als Gesell- schaft, das andere Mal als historisch bestimmte Gesellschaftsform ausdenkt, so gibt es sie, falls sie es gibt, auch doppelt: zum größeren Teil historisch bedingt, aber auch als die Gesellschaft überhaupt: n e u n t e Regel. Es ist freilich witzlos, einem Soziologen wie BISCHOFF vorzuhal- ten, daß der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur "unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form" woanders stattfin- det als in der "Produktion im Allgemeinen". BISCHOFF hat nicht vor, Biologe zu werden, vielmehr profiliert er sich als 'marxistischer' Ökonom. "Der charakteristische Zug der Wissenschaft von der bürgerlichen Form der materiellen Produktion, alle Bestimmungen der spezifisch historischen Form der Reproduktion als Naturverhältnis aufzufas- sen, alle ökonomischen Kategorien als wechselnde Benennungen für immer dasselbe Verhältnis auszugeben, kann selbst als notwendige Verkehrung der wirklichen Verhältnisse im gewöhnlichen Bewußtsein aus den spezifischen Verhältnissen abgeleitet werden" /31/. Der Beweis des Fehlers bürgerlicher Ökonomen ist BISCHOFF tref- fend gelungen. Da diese etwas Richtiges über Gesellschaft erkannt haben - nach BISCHOFF gibt es ja im Kapitalismus neben der Waren- produktion auch die Produktion von Allgemeinem - ist ihr Wissen, wo nicht falsch, so doch "verkehrte" Täuschung. Daß die bürgerli- chen Ökonomen ihr Interesse am Erhalt des Kapitalismus gewaltsam gegen ihren Untersuchungsgegenstand durchsetzen, sie keineswegs davon ausgehen, daß Gesellschaft Natur sei, sondern die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse unterstellen, um sie zu Naturkon- stanten zu erklären, kümmert BISCHOFF nicht, da er gegen ein sol- ches Interesse nichts einzuwenden hat. Wohl aber möchte er seinen methodischen Zugang von anderen Prämissen über Gesellschaft un- terschieden sehen. So kann er auch von jeder Kritik bürgerlicher Wissenschaft ablenken hin zur blasierten Nachsicht des Besserwis- sers. Da es die "Produktion im Allgemeinen" neben ihrer histori- schen Form als natürlichen Stoffwechsel gibt, zwingt diese den bürgerlichen Ökonomen auf, Gesellschaft mit Natur zu verwechseln. Wo sich die gesamte Welt den Möglichkeiten des Bischoffschen Kopfes verdankt, Möglichkeiten ihrer Existenz zu erfinden darf die Betonung der Bedeutung des Bewußtseins, weil es auf dieses nicht ankommt, nicht fehlen. "Die letzte Implikation der Kurzformel betrifft die These, daß alles Handeln der Menschen durch das Denken vermittelt ist. Die Zurückweisung jeder Erklärung sozialen Handelns als in letzter Instanz durch das Denken bestimmt läuft keineswegs auf eine Ab- lehnung dieser Vermitteltheit des gesellschaftlichen Handelns hinaus" /31/. Zwar hat das tägliche Leben "in letzter Instanz nichts mit Denken zu tun, aber es muß sich als a u c h durch das Bewußtsein ver- mittelt vorgestellt werden. Da man davon ausgehen m u ß, daß auch das Bewußtsein gesellschaftliches Handeln vermittelt, han- deln die Menschen bewußtlos: z e h n t e Regel. "Was den Menschen betrifft, kann bisher von einem Begreifen sei- ner eigenen Geschichte als eines Prozesses und des Wissens der Natur als seines realen Leibes keine Rede sein. Die Individuen sind im Prozeß ihrer Lebensreproduktion bisher gesellschaftliche Verhältnisse eingegangen, über die ihr Bewußtsein keine Kontrolle hatte. Sie sind in Verhältnisse gesetzt, die ihr Bewußtsein be- stimmen, ohne daß ihnen diese Bestimmtheit bewußt würde" /31 f./. Weil das Bewußtsein der Leute sich einen Dreck um die Sorgen, die sich BISCHOFF um die Gesellschaft macht (ist sie ein Prozeß mit realem Leib?) kümmert, so ist nichts klarer, als daß sich Bewußt- sein dadurch auszeichnet, kein Bewußtsein von irgendetwas zu ha- ben. Das Schöne daran ist, daß damit das Handeln der Leute nicht deren Handeln ist. Daß jedes Individuum in der bürgerlichen Ge- sellschaft gezwungen ist, in seinem Handeln bewußt mit den Zumu- tungen, die ihm die Gesellschaft abverlangt umzugehen, wird BI- SCHOFF zum Beweis, daß niemand von diesen Zwängen, und noch nicht einmal, daß er handelt, wissen kann: e l f t e Regel. Wer BISCHOFF nicht hören will, muß eben fühlen, wenn auch bei der allgemeinen Fühllosigkeit zu befürchten steht, daß die Arbeiter sich auch weiterhin nicht zu dem von BISCHOFF gewünschten Handeln zwingen lassen, ihre Arbeiterexistenz a l s Prozeß vorzustellen und dem Kapitalisten mit dem Hinweis, auch dieser habe nur einen realen Leib, zu drohen. BISCHOFF hat jedoch dem herrschenden be- wußtlosen Bewußtsein, an dem er bemäkelt, daß es die Leute nicht haben, auch Gefallen abgewonnen, macht es doch nichts anderes als was ein BISCHOFF schon immer betrieben hat: sich nur Sachen vor- zustellen, die es nicht gibt. Daß die Menschen Spinner sind, bringt BISCHOFF auf die Vermutung, daß es doch Bewußtsein sein muß, was sie im Kopf haben - und dies ist nun allerdings das glatte Gegenteil eines Festhaltens am existierenden Bewußtsein, um es in seiner Falschheit zu kritisieren. Für BISCHOFF steht fest: weil Denken "verdreht" ist, deshalb kann es, da illusionär, nur Bewußtsein sein: z w ö l f t e Regel. "Die Bestimmungsgründe ihres Handelns erscheinen ihnen in ver- drehter und entfremdeter Form, insofern (!) trägt die im Denken vor sich gehende Vermittlung des Handelns spezifische Qualität" /32/. Diese spezifische Qualität kann BISCHOFF als Hirnlosigkeit "entschlüsseln", indem er MARX zitiert: "es ist dies eine natur- wüchsige und daher bewußtlos instinktive Operation ihres Hirns, die aus der besonderen Weise ihrer materiellen Produktion und den Verhältnissen, worin diese Produktion sie versetzt, notwendig herauswächst" (K. I, erste Auflage). Auch diesmal hat BISCHOFF wieder Pech mit MARX. Dieser tut BISCHOFF nicht den Gefallen, das Denken zum Instinktreflex herunterzubringen - freilich zeigt sich dabei, an wen ein BISCHOFF denkt, wenn er von MARX spricht -, sondern erklärt das V e r h ä l t n i s von praktiziertem Wa- renaustausch und Bewußtsein und kritisiert die im Handeln prakti- zierte Negierung des Bewußtseins als eine gewaltige Leistung, zu der sowohl falsches Bewußtsein wie affirmierendes Interesse an der bestehenden Gesellschaft gehören, die etwas gewaltig anderes als ein Naturinstinkt sind. "Die Vorstellungen der Menschen, Vorstellungen über ihr Verhält- nis zur Natur oder ihren Beziehungen untereinander sind zwar (!) bewußter Ausdruck (!) ihrer wirklichen (!) gesellschaftlichen Verhältnisse, aber daraus daß die Produkte direkter (!) Ausfluß (!) ihres Verhaltens in der materiellen Produktion sind, folgt nicht, daß die Bewußtseinsformen wirklich diese Verhältnisse wi- derspiegeln" /32/. Da das Bewußtsein als bewußter Ausdruck direkt dem Handeln ent- fließt, spiegelt es nicht wirklich die wirklich wirklichen ge- sellschaftlichen Verhältnisse wider: d r e i z e h n t e Regel. Wenn aber das Denken, weil es direkt widerspiegelt, illusionär ist, täuschen sich nicht die Leute über die Gesellschaft, sondern diese selbst ist eine groß angelegte Täuschung. Da der Kapitalis- mus, den BISCHOFF kritisiert, indem er ihn zu einer "spezifischen Form der Reproduktion des Lebens" macht, nur eine "illusionäre Auffassung" erzeugt, ist er selbst nur diese Illusion: v i e r- z e h n t e Regel. BISCHOFF hat seine ernsthafte Absicht bewiesen, MARX nur dazu zu gebrauchen, die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft für nichtig zu erklären. Deshalb bekommt er auch nie das Problem, ob- wohl er sich nur Probleme macht, ob ein Satz von MARX auch die Einsicht ist, die er zu sein beansprucht. BISCHOFF hat sich die Aussage, daß im Kapitalismus das Bewußtsein der Menschen von ih- rem gesellschaftlichen Sein bestimmt ist, als Einstieg für seinen Zweck gewählt, sich als marxistischer Erkenntnistheoretiker der bürgerlichen Wissenschaft vorzuführen. Daß MARX von der Bestimmt- heit des Bewußtseins durch den Zwang der Verhältnisse in der bür- gerlichen Gesellschaft weiß, kommt BISCHOFF gerade recht, sich in der Vielfalt der bürgerlichen Erkenntnistheoretiker, denen es al- len um eines nicht geht: Erkenntnis, in seiner Besonderheit zu behaupten, indem er die traurigen Vorschriften dieser Wissen- schaftsfeinde um eine vermehrt, die ihn als materialistischen Me- thodologen kenntlich machen: bei allen Versuchen, das Denken zu verhindern, geht es um das Kennzeichen "g e s e l l s c h a f t- l i c h". Da hierfür MARX, dem BISCHOFF die Erfindung einer unsinnigen, aber diskussionsfähigen These nachgesagt hat, nur bedingt brauch- bar ist, kann ein letztes Lob nicht ausbleiben. "Verläßt man also die ganz oberflächliche Ebene der Betrachtung, so zeigt sich dem unvoreingenommenen Betrachter, daß Marx und En- gels in der Geschichtsauffassung des dialektischen Materialismus alles andere sehen als eine Schablone, nach der die geschichtli- che Entwicklung zurechtzustutzen sei" /33/. Das sagt BISCHOFF!! Unvoreingenommen dient BISCHOFF MARX, der darauf beharrt, allgemeine Erklärungen seien ein Resultat und da- mit alles andere als eine Methode dazu, diesen zum Methodologen von Bischoffs Gnaden zu profilieren, an dem so angenehm auffalle, daß er nicht dogmatisch auf einer Erkenntnistheorie beharrt, sie vielmehr selbst relativiert habe. Daß MARX so richtig ein Metho- dologe nach seinem Herzen ist, zeigt BISCHOFF daran, daß dieser seine Relativität zugeben müsse und nicht auf seiner Methode als dem einzig möglichen Ansatz zu einer Erkenntnistheorie bestanden habe. Hiermit hat BISCHOFF den Einstieg in das Beschwätzen des Themas gefunden, dem seine Liebe gehört: was hat es mit dem wis- senschaftlichen Sozialismus auf sich und der Leser weiß, was da- bei auf ihn wartet. Er weiß, daß es bei der wissenschaftlichen Dialektik, die "eine vollständige Revolutionierung der Wissen- schaft bewirkt" indem sie "alle bisherigen Bewußtseins- und Denk- formen" zwar nicht kritisiert, aber doch "übergreift" /64/, nicht um Wissenschaft, sondern um eine These geht, der BISCHOFF sich als These anzunehmen gewillt ist. Weiter könnte er wissen, wenn er die ersten Seiten des Werkes von BISCHOFF verstanden hat, daß die Revolution der bürgerlichen Wissenschaft sich dadurch aus- zeichnet, daß sie sich nicht von dieser unterscheidet, womit nicht gesagt sein soll, es handle sich um den gleichen Blödsinn. Auch der wissenschaftliche Sozialismus geht wie die bürgerliche Wissenschaft darin auf, historisch geworden und ökonomisch be- dingt zu sein. So wie die bürgerlichen Wissenschaftler von den Produktionsverhältnissen gezwungen werden, das zu denken, was sie denken, so war es auch einem MARX zu gegebener Zeit unmöglich, seine These von der Revolution des Denkens zu verschweigen. Dem Leser könnte weiter kein Geheimnis geblieben sein, was die besondere Leistung des wissenschaftlichen Sozialismus ausmacht, nämlich - im Unterschied zur bürgerlichen Wissenschaft - s t o l z d a r a u f z u s e i n, gesellschaftlich bedingt zu sein und die damit ausgesprochene Überflüssigkeit an sich selbst zu exekutieren. 4. Das Wunder der "wissenschaftlichen Dialektik" ------------------------------------------------ Bei allem Verständnis für die bürgerliche Wissenschaft als einem "bestimmten Ausdruck des sozialen Prozesses" kann sie BISCHOFF nicht akzeptieren. Zwar hat er ihr bisher noch keinen Fehler nachgewiesen, geschweige denn ihre Parteilichkeit aus ihren Feh- lern erkannt, doch heißt das nicht, daß er ihr keinen Vorwurf zu machen hatte: sie ist schließlich kein wissenschaflicher Sozia- lismus, was für BISCHOFF immer heißt, daß sie den "Vermittlungs- zusammenhang", dem sie sich verdankt, glatt ignoriert. Er unterscheidet sich seinen eigenen Aussagen zufolge auch nicht darin von bürgerlichen Ideologen, daß er richtige Erklärungen über die von ihnen nicht begriffenen Gegenstände zustandebringt, sondern hat ein anderes Verhältnis zu deren Wissen als diese selbst: "Die allgemeine Natur der Dialektik der Wissenschaft von den (!) Zusammenhängen (!) im Gegensatz zur ideologischen metaphysischen Denkweise ist sowohl bestimmt als eine alle anderen Vorstellungen übergreifende (!) Bewußtseinsform, als ideelle Reproduktion des Vermittlungszusammenhanges (!) von Natur-, Gesellschafts- und Denkform, als auch als Zusammenfassung der, diesen drei Bereichen des Weltganzen zugrunde liegenden, allgemeinen Bewegungsgesetze." /61/ "Übergreifen" will er den bürgerlichen Mist, nicht kritisieren! Natur, Gesellschaft und Logik sind für den Dialektiker nichts, ihr "Vermittlungszusammenhang" hat es ihm angetan! Und bei der Ernennung des Denkens zu einem der drei Bereiche des Weltganzen n e b e n der Gesellschaft ist ihm ganz wohl - seine Verarbei- tung von MEW 20 präsentiert uns einen ENGELS, der sich um den Nachweis bemühte, "daß die Dialektik die für die moderne Naturwissenschaft wichtig- ste (!) Denkform ist" /61/, womit wieder einmal gesagt wäre, daß sie sich auch noch anderer, weniger wichtiger "Denkformen" bedient. Und bei seiner ENGELS-Ex- egese warnt er vor der Erklärung der Dialektik zur Methode, die getrennt von und über der Wissenschaft zu studieren sei, gleich in der Weise, daß er sie nicht "aus den Zusammenhang gerissen" sehen möchte. Er wehrt sich gegen die Vorstellung, "es gäbe eine logisch allen Zweigen der positiven Wissenschaft übergeordnete Wissenschaft der Dialektik, die sich die Er- forschung der allgemeinen Bewegungsgesetze zum Ziel setze" /61/, aber nur um den Zirkel einer der Wissenschaft vorausgesetzten und sie bedingenden allgemeinen Wissenschaft auf seine Weise zu ver- ordnen: "Es kann keine Wissenschaft der allgemeinsten Gesetze geben, so- lange nicht die Vermittlung (!) zwischen Natur und Gesellschaft einerseits und Sein (!) und Denken andrerseits dechiffriert ist." Zuerst die Vermittlung, bitteschön, dann die allgemeinsten Ge- setze! Doch man kann das Ganze nochmals umdrehen: "Wenn Engels die Dialektik als Wissenschaft der allgemeinsten Entwicklungsgesetze der Natur, der menschlichen Geschichte und des Denkens bestimmt, ist hierin die Bestimmung der Dialektik als Wissenschaft des inneren Zusammenhangs dieser drei Bereiche des Weltganzen eingeschlossen,"' (für diesen "Schluß" verdient BI- SCHOFF, vor die Menschenrechtskommission der UNO gezerrt zu wer- den!) "denn (!) ohne (!) diese Bestimmung der Dialektik als (!) höchste (!) Denkform könnte es kein positives Wissen" (ohne BI- SCHOFF keine Maxwellschen Gesetze!) "und damit (!) keine zusam- menfassende Darstellung allgemeiner Gesetze geben." /62/ Da sieht man wieder einmal, daß das Denken nicht weit kommt, wenn es nicht die Zusammenhänge bedenkt, die es vermitteln - d a s hält BISCHOFF für Dialektik - und es erst zur positiven Wissen- schaft werden lassen, deren Durchführung schon deshalb erforder- lich ist, weil sonst die Dialektik nichts zum Zusammenfassen hätte. Der Idealismus ist überhaupt nur so entstanden, daß Leute diese Zusammenhänge einfach nicht berücksichtigt und sich an G e d a n k e n anderer orientiert haben: "Insofern (!) die Akkumulation des gesellschaftlichen Wissens stets schon Gedankenmaterial zur Voraussetzung (!) hat, entsteht der Schein, als wären die Verhältnisse selbst nur Konkretionen der Idee. Durch diese (!) neue Stufe der Verkehrung der wirkli- chen Verhältnisse im Bewußtsein verwandelt (!) sich das falsche Bewußtsein der gewöhnlichen Produktionsagenten" (wo kommen denn die her?) "in Ideologie" /39/ Damit hat BISCHOFF wieder einmal beteuert, daß er etwas anderes vor hat, als sich Gedanken zu machen. Das Denken hat es wegen seiner Vorläufer an sich, Ideologie zu sein. Dieser Nachweis, daß bürgerliche Wissenschaft nichts anderes als Ideologie sein kann, ist übrigens das glatte Gegenteil ihrer Kritik, vielmehr ihre Rechtfertigung. Die Freude über die Existenz eines solchen Schwachsinns stellt sich auf die Seite der bürgerlichen Wissen- schaft: daß diese durch ihre Falschheit ein effektives Mittel ge- gen manche Leute ist, gibt BISCHOFF Anlaß, dem Arbeiter wie dem Kapitalisten seinen Mist von den "Konkretionen der Idee" unterzu- jubeln. Da BISCHOFF mit der bürgerlichen Wissenschaft fertig ist, weil ihn deren falsches Bewußtsein wie das der gewöhnlichen Leute gar nicht kümmert, bildet BISCHOFF als wissenschaftlicher Dialektiker auch ihren Gegensatz, wobei ihr auch deren richtige Erkenntnisse nicht bremsen können: "Als Wissenschaft von den Zusammenhängen steht Dialektik völlig im Gegensatz zum bisherigen wissenschaftlichen (!) Wissen und der hier trotz aller positiven (!) Erkenntnis dominierenden ideali- stischen oder metaphysischen Denkweise." /48/ An bürgerlicher Wissenschaft interessiert BISCHOFF nur eines: daß sie, obgleich positive Erkenntnis, eine Vorentscheidung vor ihrer Betätigung getroffen hat, die BISCHOFF anders getroffen zu sehen wünscht. In der entscheidenden Frage nach dem Primat von Sein oder Bewußsein gilt es sich mit dem überzeugenden Argument für das Sein zu entscheiden: wer denkt und somit keinen Zweifel daran hat, ob und wie Denken zu ermöglichen sei, ist Idealist. Damit hat BISCHOFF ausgesprochen, wofür ihm der wissenschaftliche Sozialismus gut ist und wie er sich mit bürgerlicher Wissenschaft zu befassen gedenkt: mit einer Denk a u f f a s s u n g. Diese Auffassung besteht in der "Vorstellung, daß es notwendig sei, vor jeder wirklichen, d h. inhaltlichen Erkenntnis" (wie verhält es sich bloß mit den in- haltsleeren Erkenntnissen!) "sich über die Natur des Erkennens selbst zu verständigen, um durch die Prüfung der Bewegung des Denkens, die selbstverständlich noch nicht inhaltliche Erkenntnis ist, Aufschluß über die verschiedenen Arten und Hilfsmittel der Erkenntnis zu erhalten, - diese Vorstellung läßt sich mit der Auffassung, daß das Ideelle nichts anderes ist als das im Men- schenkopf umgesetzte Materielle nicht mehr vereinbaren." /76/ Selbstverständlich" ist die Erkenntnis des Denkvorgangs, wenn sie diesen richtig erklärt, "inhaltliches" Wissen. Für BISCHOFF je- doch wird Denken inhaltlich je nach den Gegenständen, denen es sich zuwendet, und nicht dadurch, daß es die Erklärung des Gegen- standes ist, mit dem es sich befaßt. Der Vorwurf gegen die bür- gerliche Wissenschaft lautet, daß sie eine Auffassung nicht hat, deren materialistischer Vorzug darin besteht, daß es die G e g e n s t ä n d e sind, die gedacht werden. Und so hält BISCHOFF den Erkenntnistheoretikern auch nicht vor, daß sie in ihrer Fragerei nach Sinn und Möglichkeit des Erkennens Erkenntnis verhindern wollen, weil ihr Zweifel deren Existenz un- terstellt, sondern weiß sich in diesem Interesse, gegen Wissen- schaft vorzugehen, einig mit ihnen. Ihre Auffassung, aus dem Wis- sen, daß es Wissenschaft gibt, deren aktive Negierung zu machen, vereinbart sich nur nicht mit den methodischen Bemühungen, gegen das Denken so vorzugehen, daß es zur machtvollen Eigenschaft der Gegenstände selbst gemacht wird, die sich dem bischoffschen Kopf aufzwingt. Besteht die "Verdrehtheit" der bürgerlichen Wissenschaft darin, daß sie zwar nicht falsche Ergebnisse hervorbringt, aber "metaphysische" Vorstellungen über sich selbst haben muß, die BI- SCHOFF nicht hat, so gründet der wissenschaftliche Sozialismus auf der Leistung von MARX, sie nicht als falsch nachgewiesen, aber viel Verständnis für deren verdrehtes Wissenschafts- v e r s t ä n d n i s bewiesen zu haben. Zweitens gibt BISCHOFF an, wie er sich kritisch mit der bürgerli- chen Wissenschaft zu befassen wünscht. Da sie von einer verkehr- ten Auffassung über das Denken ausgeht, sind ihm deren Resultate keiner Betrachtung wert: er weiß, wozu er sie gebrauchen kann. Sie sind ihm Beleg dafür, daß er eine materialistische Auffassung von der Welt hat. So erklärt sich das Rätsel, daß ein Mensch ein ganzes Buch über Wissenschaft schreiben kann ohne mit einem ein- zigen Satz auf deren Aussagen und Ergebnisse einzugehen, um ihr daran Fehler nachzuweisen; und wie einer zur festen Meinung kom- men kann, deren Kritik betrieben zu haben, indem er ihrem "wissenschaftlichen Wissen" die Notwendigkeit bescheinigt hat, Metaphysik sein zu müssen. So "räumt der wissenschaftliche Sozia- lismus mit allem über den Wissenschaften von der Natur und der Geschichte stehenden philosophischen Wissen" dadurch auf, daß er es zur idealistischen Denkweise erklärt, um sich als eine andere Erklärung, wie Erkenntnis gehen könnte, anzupreisen. "Die Erkenntnis, daß die historisch-materiellen Bedingungen des Reproduktionsprozesses zugleich die bestimmte Form des gesell- schaftlichen Zusammenhanges, wie das gewöhnliche Bewußtsein und das wissenschaftliche Wissen bestimmt, ist das Zentrum der mate- rialistischen Geschichtsauffassung. Unter Dialektik ist zunächst die systematische Betrachtung des inneren Zusammenhanges von Ge- sellschaft, Natur und intellektueller Entwicklung zu verstehen. 'Dialektik als Wissenschaft des Gesamtzusammenhanges' von Natur-, Gesellschafts- und Denkformen stellt die höchste Form des Denkens dar." /48/ Was für einen Soziologen den wissenschaftlichen Sozialismus so anziehend macht, liegt damit klar auf der Hand. Erstens hebt er sich dadurch wohltuend von MARX ab, daß er dessen dogmatische Er- klärung eines gegebenen Zusammenhangs zu ignorieren versteht und sie zu einer möglichen Betrachtungsweise der Welt macht, deren Bedeutung darin besteht, daß BISCHOFF sie sich als These zu eigen macht. Zweitens ist der wissenschaftliche Sozialismus "zunächst" nur Systemtheorie, aber eine, die in radikaler Zuspitzung nicht Gesellschaft, Interaktion und solche Mätzchen, sondern den Zusam- menhang ins Zentrum stellt. Damit hat sich BISCHOFF drittens des Problems der Systemtheorie entledigt, das darin besteht, in der Anwendung einer methodischen Betrachtungsvorschrift die Sperrig- keit der Gegenstände zu erfahren, da sie etwas anderes sind als eine Erkenntnisvorschrift, die ein Soziologe ihnen gegenüber zur Geltung bringen will. Für BISCHOFF's Standpunkt, daß die "historisch-materiellen Bedingungen des Reproduktionsprozesses" zwar nichts Ökonomisches, dafür aber der Zusammenhang sind, exi- stiert die Welt von vornherein nur als Anwendungsform seiner Auf- fassung von der Welt: es gibt nicht Natur, Gesellschaft, Bewußt- sein, sondern diese verdanken ihre Existenz der Auffassung, der sie unterworfen werden. Noch der traurigste Inhalt eines falschen Bewußtseins gelangt so zur Ehre einer Bewußtseins f o r m, weil es dabei nicht auf das Bewußtsein, wohl aber auf die Anwendungs- form einer methodischen Vorschrift ankommt. Daß es eine Leistung ist, unter Berufung auf MARX die Welt nicht - wie bürgerliche Wissenschaft - methodisch zu betrachten, son- dern zur Methode zu m a c h e n, streicht BISCHOFF als Vorwurf an die bürgerliche Wissenschaft heraus, ein Vorwurf, der keine Kritik ist, sondern Anbiederung, der Ratschlag, es doch besser so wie BISCHOFF zu machen. "Solange aber der innere Zusammenhang von Natur und geschichtli- cher Entwicklung der menschlichen Lebensformen, sowie der damit verbundenen Entfaltung der intellektuellen Fähigkeiten der Men- schen, nicht begriffen ist, entsteht im gewöhnlichen und wissen- schaftlichen Bewußtsein sowohl ein Gegensatz von Natur und Ge- schichte, als auch von Denken und Sein. Von einer einheitlichen wissenschaftlichen Betrachtung der Geschichte, sowohl was die Ge- schichte der Natur als auch was die menschliche Geschichte an- geht, kann nicht gesprochen werden" /50/. Nicht zufrieden damit, daß bürgerliche Wissenschaft gar kein falsches Wissen hervorbringt, bemängelt BISCHOFF an ihr das Feh- len der "einheitlichen" Betrachtungsweise, weil er das Absehen von den Gegenständen des Erkennens vereinheitlichen will. Da klar ist, was es mit dieser Einheit auf sich hat, bleibt kein Zweifel, auf wessen Kosten sie geht. Wo es nicht einmal bürgerliche Wissenschaft braucht, um sich si- cher zu sein, daß Natur und Geschichte, Denken und Sein unter- schiedliche und gegensätzliche Dinge sind, besteht die Leistung eines BISCHOFF darin, mit der Leugnung eines Gegensatzes zwischen unterschiedlichen Gegenständen von diesen abzusehen. Es ist eben das Schöne eines "inneren" Zusammenhangs, daß er etwas ganz an- deres ist als ein existierender, der den Unterschied zwischen den Dingen voraussetzt: ihn hat man als einheitliche Betrachtungs- weise, die eine Erklärung unterschiedlicher Gegenstände und deren Zusammenhänge erspart. Daß es sich beim wissenschaftlichen Sozia- lismus "um eine Auflösung des Gegensatzes von Denken und Sein und damit um eine einheitliche Betrachtung von Natur und Gesell- schaft" /50/ handeln soll, ist eben nur die Verkündung des festen Willens, die Welt zur Einheit mit der Vorschrift von BISCHOFF zu bringen, sie als Denkprodukt seines Hirns existieren zu lassen. So liegt der eigentliche Fehler der bürgerlichen Wissenschaft auch nicht in ihrer metaphysischen Denkweise, sondern im Versuch überhaupt, sich auf die Erklärung eines Gegenstands einzulassen und sich dabei weder um einen Gesamtzusammenhang noch um die "adäquate Auffassung des Gesamtzusammenhanges" zu kümmern. Gerade da, wo sie ihren Gegenstand erklärt, in der Naturwissenschaft, erscheint sie BISCHOFF als reinste Metaphysik, der damit aus- spricht, was seine Zuneigung zum wissenschaftlichen Sozialismus bedeutet. "Die trotz allen Aufschwungs der theoretischen Naturerkenntnis notwendig noch mangelhafte Einsicht in die Verknüpfung der ver- schiedenen Gebiete im Bereich der Natur, die Unkenntnis des Zu- sammenhanges von der Verengung des Bereiches der äußeren Natur, die Übertragung metaphysischer Denkweise aus der Naturwissen- schaft in die Philosophie und teilweise auch der Glaube an die Autonomie des Geistes, führten zu einer mehr oder minder verzerr- ten Auffassung des Verhältnisses von Geist und Natur" /50 f./. Nicht daß Biochemie und Atomphysik besonders mangelhaft seien, da sie einen Zusammenhang in der Natur falsch oder noch nicht er- klärt hätten, oder daß die Fallgesetze inzwischen nicht mehr stimmten, weil "die äußere Natur sich verengt habe" (wahrscheinlich ist die Erde kleiner geworden !), kreidet BI- SCHOFF der Naturwissenschaft an, sondern daß sie sich in der wis- senschaftlichen Untersuchung von Erscheinungen der Natur um Ein- sichten von denen ein BISCHOFF ausgeht, einen Dreck geschert hat. Wenn sich Naturwissenschaftler in den Vorworten ihrer Werke als subjektive Dunkelmänner zeigen, hindert sie das keineswegs, in ihren Untersuchungen der Natur nichts als die Kriterien von rich- tig und falsch gelten zu lassen, was BISCHOFF darauf bringt, ih- nen vorzuhalten, daß sie es nicht bei Vorworten haben bewenden lassen, in denen nichts über Natur, aber alles darüber steht, d a ß man Natur a l s Materie, als Bewegung und a l s Zusam- menhang aufzufassen habe. Wo Naturwissenschaftler keinen Zweifel haben, daß mit den Naturgesetzen der Zusammenhang der Natur er- klärt ist, will BISCHOFF nichts als sein Interesse proklamiert sehen, das die Natur in die Existenz seiner Verknüpfungsprobleme umdichtet, mit denen Einsicht in die Natur zwar verhindert, das Interesse an Wissenschaft, das BISCHOFF hat, jedoch klar wird. Der Abneigung, die BISCHOFF der Naturwissenschaft entgegenbringt, entspricht die Zuwendung zu den Gesellschaftswissenschaften, denen er positives Wissen zubilligt. Daß diese das Verfahren, das BISCHOFF praktiziert, die eigene Erkenntnisvorschrift zu einer Eigenschaft der Gegenstände zu erklären, also gegen deren Er- kenntnis vorzugehen und falsche Wissenschaft zu betreiben, be- herrschen, macht diese ihm so angenehm. BISCHOFF's Vorwurf an sie ist das Mosern unter Brüdern: die bürgerlichen Geisteswissen- schaftler machen dasselbe wie er, aber anders. Und da Soziologen, Politologen, Psychologen etc. HEGEL heutzutage wie einen toten Hund behandeln, ist BISCHOFF nichts einleuchten- der, als HEGEL zum Stellvertreter des Schwachsinns zu machen, den HABERMAS und Konsorten in Büchern verbraten. Unter einem HEGEL, den auch MARX geschätzt hat, tut es ein BISCHOFF nicht, wenn er sich ins Licht rückt, womit auch klar ist, warum wir uns erspa- ren, einer dummen Sau wie BISCHOFF, die von HEGEL nichts weiß und nichts hält, zu erklären, was wir von HEGEL im Gegensatz zu HA- BERMAS halten, wenn wir ihn kritisieren. Berührt BISCHOFF an HEGEL sympathisch, daß er nichts erklärt, aber ein Erkenntnissystem erfunden hat, so wirft er ihm anderer- seits vor, dabei nicht reell gewesen zu sein. "Indes, da die reellen Verhältnisse - Gesellschaft und Natur - als Konkretionen eines letztlich von den realen Individuen unabhängigen Geistes gefaßt sind, kommt er über den Versuch einer adäquaten ideellen Reproduktion des Gesamtzusammenhanges nicht hinaus" /51/. BISCHOFF hat sich bei Erledigung HEGELS eine staunenswerte Lei- stung zugemutet, zeichnet sich doch die materialistische Dialek- tik nach ihm dadurch aus, daß sie Gesellschaft und Natur materi- ell und noch dazu "adäquat" im Hirn reproduziert, was selbst bei einem Berliner Wasserkopf kaum glaubhaft scheint. Und richtig: BISCHOFF weist eine solche Zumutung an seinen Kopf zurück, es ist vielmehr die Materie selbst, die sich ins Bischoffsche Hirn "umsetzt". "Dialektik ist das immanente Fortschreiten des Inhaltes und nicht mehr äußeres Tun eines subjektiven Denkens" /10/. Damit ist jeder Versuch, den Zwang kapitalistischer Verhältnisse nicht zu reproduzieren, sondern zu erklären, als Idealismus ge- brandmarkt, da Denken erst dann Denken wird, wenn es auf das "äußere Tun eines subjektiven Denkens" verzichtet. Das überzeu- gende an MARX liegt in der Fortschrittlichkeit des seinerzeitigen Kapitalismus, der nicht das Leben der Arbeiter zerstört hat (weswegen er zu MARX' Zeiten den Arbeitern den spaßigen Gedanken eingab, sich von ihnen einen Normalarbeitstag abtrotzen zu las- sen), aber die Wertform enthüllt hat. Woraus wir ersehen, was wir am heutigen Kapitalismus haben, der uns einen BISCHOFF beschert hat. Dieser Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, daß er fol- genden Absatz in BISCHOFF's Mund legt: "Hinter der These von der Umstülpung der idealistischen Dialek- tik, dem Übergang zur materialistischen Dialektik, verbirgt sich also ein veränderter Ansatz zur Darstellung des inneren Zusammen- hanges von Natur, Gesellschaft und Denken, ein Ansatz, der im Ge- gensatz zu dem Hegelschen nicht im Denken, sondern in der gesell- schaftlichen Aneignung der Natur, der gesellschaftlichen Arbeit, seinen Ausgangspunkt hat" /52/. Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, daß BISCHOFF sich jetzt der Untersuchung dessen, was gesellschaftliche Arbeit ist, zuwendet, da sie die Erklärung von Natur, Gesellschaft und Denken ist, also erklärt werden muß. BISCHOFF hätte dem von ihm so geschätzten 'Kapital', selbst wenn als dessen eigentlicher Verfasser nicht MARX, sondern das Kapital zu betrachten ist, hierfür einiges ent- nehmen können. Aber BISCHOFF hat uns an der Nase herumgeführt: weil er sehr wohl weiß, daß gesellschaftliche Arbeit nicht Natur und Denken, ge- schweige denn ein Denkansatz ist, besteht seine schweinische Lei- stung darin, diese dazu zu erklären. BISCHOFF ist an der gegebe- nen Erklärung der Ökonomie des Kapitals durch MARX interessiert, dient diese ihm doch zum Anlaß, sich in der Konkurrenz der Wis- senschaftsfeinde als derjenige zu präsentieren, der am gründlich- sten gegen diese Erklärung vorzugehen verspricht, indem er die darin ausgesprochene Notwendigkeit, die praktische Aufhebung die- ser Gesellschaft zu betreiben, in ein Erkenntnisproblem um- fälscht. Es ist also eine antikommunistische Leistung, mit der sich BISCHOFF von anderen bürgerlichen Erkenntnistheoretikern ab- setzt und den materialistischen Charakter seiner Betrachtungs- weise herausstreicht. Wenn BISCHOFF gesellschaftliche Arbeit und Denken identifiziert, weil er weiß, daß sie nicht identisch sind, so ist das die hämische Freude eines Arbeiterfeindes über die Tatsache, daß die Arbeiter mit falschem Bewußtsein, den Zwang des Kapitals selbst reproduzieren und die Zusicherung, sich zu Wis- senschaft so zu verhalten, daß sie auch wirklich als Mittel für das - Geschäft, das Bewußtsein der Arbeiter in diesem Zwang zu belassen, fungiert. Daß es eine gewaltsame Zumutung ist, die Er- kenntnisse eines MARX in Probleme zu verwandeln, die dieser mit Erkenntnis gehabt haben soll, belegt BISCHOFF mit jeder Zeile, in der er sich auf diesen Autor beruft. Nie ist eine Aussage das, was sie ist, sondern immer weiß BISCHOFF ihr mit einem 'als' ihr eigenes Gegenteil nachzusagen. "Ist die doppelte Bestimmtheit der Arbeit als Ausgangspunkt der ganzen Wertbestimmung nicht als Kategorie aus den vielfältigen Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft herausgefunden, muß jeder Versuch, die dialektische Logik Helgels auf die ökonomische Theorie anzuwenden, scheitern" /92/. Woraus sich entnehmen läßt, daß MARX die Metaphysik eines HEGEL anwenden wollte, als er in den vielfältigen Beziehungen der Ge- sellschaft die Arbeit gesucht und eine Kategorie gefunden hat! So ist hinreichend klargestellt, warum ein Buch, das den wissen- schaftlichen Sozialismus zu der geeigneten Methode erklärt, die Kritik des Kapitals in ein Bewußtseinsproblem zu verwandeln, die im Marxschen Kapital geleistete Erklärung dieser Ökonomie als Darstellung der Schwierigkeiten nimmt, die einer bekommt, der ein Interesse daran hat, diese Erklärung noch zum Grund für ihre Ver- hinderung zu machen - und warum sich dies Buch als I n t e r p r e t a t i o n zum 'Kapital' ankündigen muß. Da BISCHOFF das Denken in den Zwang der Verhältnisse auflöst, um sein Interesse an der Verhinderung richtigen Wissens und Bewußts- eins zu einer Eigenschaft der Ökonomie zu erklären, kann auch der zweite Schritt nicht fehlen: die Ökonomie selbst ist nichts als die Denkvorschrift, mit der das Denken zu verhindern ist; gesell- schaftliche Arbeit ist nicht gesellschaftliche Arbeit, dafür aber Systembegriff, womit alles über den Titel des Buches und alles "über" BISCHOFF's "wissenschaftliche Dialektik" gesagt wäre. Kein Satz von MARX, den BISCHOFF zitiert, interessiert diesen an- ders: jede Aussage über Ökonomie wird um ihren ökonomischen In- halt gebracht. Weiß MARX, was den Doppelcharakter der Arbeit im Kapitalismus ausmacht, so kümmert sich BISCHOFF um die Darstel- lung, die es braucht, eine methodische Vorschrift nicht als Re- flexionsprodukt seines Hirns, sondern als Ökonomie erscheinen zu lassen. "So muß etwa die Verdoppelung der Ware in Ware und Geld als Ent- wicklung des in der Ware eingeschlossenen inneren Gegensatzes von Gebrauchswert und Wert dargestellt werden. Zur Vermeidung von Mißverständnissen (!) kann nur versucht (!) werden, deutlich zu machen, daß die Bewegungsformen der Widersprüche in der Praxis gegeben sind (so kauft jeder täglich Widersprüche ein!) und kei- nesfalls reine Reflexionsprodukte darstellen" /108/ . Daß es auf Ökonomie ankommen soll, beweist BISCHOFF damit, daß ihm MARX als Ökonom gleichgültig ist, was ihm und seiner Mann- schaft den Ruf eingetragen hat, gewiefte Marxkenner zu sein; dies wiederum zeigt, was mit den übrigen Marxisten los ist. In dem Streit der Marxisten gilt nämlich ökonomistisch als Schimpfwort: die einen werfen BISCHOFF, dem das 'Kapital' nur zum Beleg seines Interesses taugt, die Erklärung des Kapitals in die Vorschrift zu verwandeln, daß die Zwänge des Kapitals das notwendige Denken seien, ökonomistische Auffassungen vor, und BISCHOFF empfindet diesen Vorwurf als Beschimpfung von Leuten, die sich nicht wie er um Kategorien, sondern bloß um ökonomische Fakten kümmern würden. 5*) Für diejenigen, die der Projektgruppe abnehmen, in ihren Büchern über das Marxsche 'Kapital' ginge es um dessen Inhalt, sei es noch einmal gesagt: die Anhänglichkeit der Bischoffs an MARX hat einzig den Zweck, diesen Eindruck als Täuschung zu bekämpfen. Vielmehr geht es ihnen immer und überall darum, den ökonomischen Aussagen eines MARX die Seins- und Bewußtseinsprobleme anzudich- ten, mit denen man aus dem Kapitalismus ein Erkenntnisproblem ma- chen kann, weil es darum geht, das Bewußtsein auf die faktische Gewalt dessen, was kein Erkenntnisproblem ist, zu verpflichten. Der Umgang mit MARX ist dabei immer der gleiche: weil die Ökono- mie der Grund für das falsche Bewußtsein der Leute ist, wird das falsche Bewußtsein mit diesem gerechtfertigt, um gegen jede Kri- tik am praktischen Handeln der Leute vorzugehen. Damit ist MARX zum schwachsinnigen Erfinder schwachsinniger Probleme, die ihm erlaubt haben, jede seiner Aussagen nur als Zweifel an ihnen zu formulieren, gemacht worden - womit wir uns der Mühe enthoben se- hen die Kapitalkommentare des Projekts zu kritisieren - nicht je- doch der Mühe, das infame Interesse, das dieser Beschäftigung mit MARX zugrundeliegt, zu kennzeichnen. Daß MARX die Analyse des Kapitals mit der Untersuchung seiner Elementarform, der Ware, beginnt, heißt für BISCHOFF, daß es die- sen Gegenstand nicht gibt, MARX sich ihn aber ausgedacht hat, um an ihm eine Methode zur Anwendung zu bringen, die es erlaubt, die Ware real zu machen. So hat es das erste Kapitel des 'Kapital' nur mit unwirklichen Dingen zu tun: "Die Analyse im 1. Kapitel führt bis zur Notwendigkeit der Geld- form, nicht aber zur Wirklichkeit des Geldes" (Beiträge zum wiss. Soz. 1, 1601 und "dort ist die Wertform zunächst als bloß ideelle Form entwickelt" /ebda. 150/. Daß die Erklärung einer Sache eine Leistung des Denkens ist, das die Existenz dieser Sache unterstellt, wird zum Anlaß, die Exi- stenz eines Gegenstands außerhalb des Denkens zu leugnen. Auf der anderen Seite ist die sture Behauptung, daß neben ihrer Erklärung die Gegenstände auch als wirkliche sich vorzustellen sind, das Mittel, die Existenz des Denkens zu leugnen. Nur wer nichts anderes im Kopf hat als alles in die interessierte Betrachtungeweise aufzulösen, die die Existenz der Welt gleich- setzt mit deren Unerklärbarkeit, kann sich einen Satz wie folgen- den ausdenken: "Das Geld ist Resultat des wirklichen Austauschprozesses, der wirklichen Beziehung der Waren aufeinander (nicht auszudenken was passiert, wenn irreale Waren irreale Beziehungen eingehen!) u n d n i c h t das Ergebnis eines theoretischen Prozesses" /ebda. 150/. Sollte es Leute geben, die BISCHOFF's Kopf als Goldesel betrach- ten, der Geldstücke scheißt? Daß die Oberfläche des Kapitals etwas anderes ist als dessen im- manente Zwangsgesetze, aus der als ihrem Grund sie sich erklärt, verhilft BISCHOFF zu folgenden Schlüssen: erstens sind beide das- selbe; zweitens sind beide jeweils wechselseitig nur das jeweils andere, womit man wechselseitig das eine festhalten kann, um die Existenz des anderen zu leugnen und drittens besteht eine Bezie- hung zwischen beiden darin daß sie sich nicht aufeinander bezie- hen. "Unter Abstraktion von (!) der wirklichen Beziehung der Waren im Austauschprozeß werden die gegensätzlichen Bestimmungen der Ware - Gebrauchswert und Wert - auseinandergehalten, um von daher die Struktur der Beziehung der Waren aufeinander entwickeln zu kön- nen. Aus dem dabei entwickelten Ineinander-Reflektieren der Be- stimmungen der Ware als Wertform kann nun aber nicht (!) ge- schlossen werden auf die wirkliche (!) Beziehung der Waren, auf ihren wirklichen Austauschprozeß" /ebda. 150/. Legt jeder Satz, den BISCHOFF hinschreibt, Zeugnis ab von der Vielfältigkeit des Versuchs, im Pochen auf die Notwendigkeit des Denkens gegen jede praktische Betätigung des Kopfes vorzugehen, so zeigt sich auch an jedem Satz die Einfältigkeit des Interes- ses, das BISCHOFF bewegt, solche Sätze zu formulieren. Sie stehen dafür, eine Vorschrift, wie man es mit dem Kapitalismus zu halten habe, als dessen Erklärung zu setzen und die Existenz aller Ge- genstände in die Existenz dieser Vorschrift umzulügen. Die wissenschaftliche Dialektik zeichnet sich jedoch nicht nur durch die einheitsstiftende Leistung aus, die aus dem "Zusammenhang von Natur-, Gesellschafts- und Denkform" die Kunst macht, etwas zusammenzufassen, was es nicht gibt, weil es ihren Zusammenhang gibt - weshalb auch an der proletarischen Revolution so erfreulich ist, daß sie nicht mit dem Kapitalismus, sondern gleich mit Natur und Geschichte aufräumt: "durch die soziale Emanzipation des Proletariats verschwindet der Gegensatz von Na- tur und Geschichte praktisch" /325/ -, sondern daß sie dieser Be- ziehung auch Beine macht, sie zusätzlich als Bewegung zu sehen vermag. "Das erste Mal in der bisherigen Geschichte des theoretischen Denkens ist die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als (!) ein (!) Prozeß, d.h. in steter Bewegung und Verände- rung begriffen, dargestellt" /49/. Da hiermit der Geschichte zwar nicht der Prozeß gemacht, sie aber als Prozeß zu betrachten vorgeschlagen wird, unterscheidet sich die Bewegungsabteilung des wissenschaftlichen Sozialismus von der bürgerlichen Wissenschaft dadurch, daß diese bisher nicht auf den Gedanken gekommen ist, Geschichte habe etwas mit Menschen zu tun. "Erstmals wird die Geschichte wirklich (!) als Entwicklungsprozeß der Menschheit (!) gefaßt und werden die Bewegungsgesetze dieses Entwicklungsprozesses enthüllt" /59/. Weil auch unter bürgerlichen Wissenschaftlern die Auffassung nicht weit verbreitet sein dürfte, die bürgerliche Gesellschaft sei eine Abteilung der Fauna 6*), liegt das grundlegend Neue des historischen Materialismus darin, zu postulieren, daß die Ge- schichte tatsächlich nicht dem praktischen Handeln der Menschen sich verdankt, der Kapitalismus jedoch ein Bewegungsgesetz ist - weshalb einem BISCHOFF jede Erklärung des Handelns von Lohnarbei- tern und Kapitalisten nicht die Erklärung des Kapitals ist, und ihm eine Agitation der Proleten anhand dessen, was sie gezwungen sind, sich täglich abzuverlangen, als reinster Idealismus er- scheint. Hiermit hat BISCHOFF es verstanden, sich so radikal von bürgerli- cher Wissenschaft abzusetzen, daß er sich an radikaler Zustimmung zu derem Geschäft von niemandem übertreffen läßt. Daß BISCHOFF den Soziologen vorschlägt, sie sollten ihre Rechtfertigung der bürgerlichen Gesellschaft doch besser mit MARX versuchen, der aus dieser Gesellschaft einen Zusammenhang, einen Prozeß, ein Bewe- gungsgesetz und eine, noch dazu "die höchste Entwicklungsstufe der Menschheit" gemacht hat, wird diese vermutlich kalt lassen - dies beherrschen sie ohne MARX viel besser -, aber es zeigt, warum ein Berliner Soziologe so viel von MARX hält. Es braucht einen BISCHOFF, um der Marxschen Analyse des Kapitals als beson- dere Leistung anzurechnen, daß sie auch nur eine Bewußtseinsform sei womit man sich wegen der Erklärung keine Gedanken mehr zu ma- chen braucht. "Als Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang ist Dialektik auch eine bestimmte Bewußtseinsform" /53/. So hat es BISCHOFF bei dieser Wissenschaft nicht auf den "bewußten" Inhalt abgesehen, sondern darauf, daß sich das Marx- sche Geschreibsel dadurch auszeichnet, daß es auch eine Bewußt- seinsform ist, womit es sich denn in nichts von jedem geäußerten Furz unterscheidet, dessen Inhalt BISCHOFF ebenso gleichgültig wie MARX ist, weshalb er diesem auch die Anerkennung, Bewußt- seinsform zu sein, nicht versagen kann. Freilich hat BISCHOFF nur mit MARX vor, ihn zur Bewußtseinsform zu machen, weshalb er zum Beweis diese Auffassung wiederholt und eine These als These zeigt: "Diese These zeigt sich nicht nur daran, daß auch eine das all- tägliche und bisherige wissenschaftliche Bewußtsein übergreifende Einsicht zunächst (MARX hatte eben keinen BISCHOFF!) auch eine bestimmte Denkform ist, sondern auch daran, daß diese Denkform erst auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der gesellschaftli- chen Aneignung der Natur auftritt" /53, Anm. 54/. Das Marxsche Denkergebnis ist eine Denkform, "überbietet" es doch "das gewöhnliche und bisherige wissenschaftliche Bewußtsein" darin, daß es zwar kein Bewußtsein vom K a p i t a l hat, aber sich bewußt ist, mieses Produkt dieser miesen Verhältnisse zu sein, weshalb es gilt, nicht mit MARX sich das Kapital zu erklä- ren, sondern MARX aus dem Kapital "abzuleiten": "die Genesis dieser Bewußtseinsform, seine bestimmte Form, ist aus dem spezifisch-historischen Charakter der gesellschaftlichen Arbeit abzuleiten" /53/. MARX, vor die Alternative gestellt, sich als Erkenntnistheoreti- ker entlarvt zu sehen oder anzuerkennen, daß seine Gedanken die Gedanken des "sozialen Lebensprozesses" waren, macht BISCHOFF die Entscheidung leicht: nur ein metaphysischer Idealist kann darauf kommen, daß es sich bei Marxschen Gedanken erstens überhaupt um Gedanken und zweitens um Gedanken von MARX handelt. "Es ist daher eine zentrale Bestimmung des wissenschaftlichen So- zialismus, daß an die Stelle irgendwelcher in der Wissenschafts- wissenschaft üblichen erkenntnistheoretischen Begründungen die Ableitung der eigenen Genesis aus dem sozialen Lebensprozeß tritt" /53/. Weil aber dem Soziologen BISCHOFF, der sich die Gedanken der Er- kenntnistheoretiker, wie man begründen kann, ob etwas, was schon gedacht wurde, gedacht werden konnte - richtige Gedanken haben sich leider den Teufel um die Begründung ihrer Denkbarkeit ge- schert -, auf unübliche Weise macht, weil auch ein Furunkel am Arsch noch nicht das Sitzfleisch erklärt, das ein MARX beim Schreiben der drei Blauen bewiesen hat, weiß dieser Marxfreund, daß bei der Erfindung des wissenschaftlichen Sozialismus weder Zufall noch Genie, aber das Kapital Pate gestanden hat. "Wird die These von der Bestimmtheit allen Denkens durch den Pro- zeß der gesellschaftlichen Aneignung der Natur dagegen auf die Genesis dieser theoretischen Abstraktion selbst noch angewandt, so erscheint die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus nicht mehr als zufällige (!) Entdeckung (!) eines genialen (!) Kopfes, sondern als notwendiger theoretischer Reflex der bestimm- ten ökonomischen Verhältnisse" /78/. So schön am Kapitalismus ist, daß dieser nicht nur das Bedürfnis nach Kaugummi und Coca-Cola befriedigt - und BISCHOFF hat keinen Zweifel daran, daß Bedürfnisbefriedigung der eigentliche Zweck des Kapitals ist 7*) -, sondern auch für die ausgefallenen Wün- sche eines Berliner Soziologen nach MARX so gesorgt hat, daß er dieses Produkt seines "sozialen Lebensprozesses" zu Feder und Ge- danken gezwungen hat, so deutlich wird auch, daß es sich beim Lob eines MARX, dieser sei historisch bedingt, um ein besonderes Lob handelt. Es stellt MARX gleich mit allen lustigen Einfällen, aus denen der Kapitalismus besteht "Jedwede Interpretation der von Marx und Engels begründeten mate- rialistischen Geschichtsauffassung, in der der wissenschaftliche Sozialismus nicht allen anderen Bewußtseinsformen gleichgestellt (!) und nicht als bestimmte Bewußtseinsform aus der bürgerlichen Form des sozialen Lebensprozesses abgeleitet wird, bleibt in den bürgerlichen Bewußtseinsformen befangen, vermag also die metaphy- sische Denkweise nicht zu überwinden. Für den dialektischen Mate- rialismus kann es keine spezifische Theorie der Erkenntnis geben, die sich von der allgemeinen Bestimmung der Bewußtseinsformen un- terscheidet: Auf den verschiedenen Formen des sozialen Lebenspro- zesses erhebt sich ein ganzer Überbau jeweils verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Wird diese Beziehung des wissenschaftlichen Sozialismus auf eine bestimmte Form der materiellen Funktion nicht mitreflektiert und stattdessen diesem doch eine irgendwie geartete materialistische oder dialektische Erkenntnistheorie un- terschoben, so wird unter der Form des dialektischen Materialis- mus eine bürgerliche Denkweise präsentiert" /53 f./ Darum bemüht, den Beweisgang zu verfolgen, der verbietet, bei MARX von Erkenntnis zu reden weil diesem die gesellschaftliche Arbeit die Feder geführt hat, allerdings um mit dem Mund dieser Zeitgeisterscheinung mitzuteilen, daß sie selbst nichts anderes als Erkenntnistheorie sei, fallen uns weitere beweisende Argu- mente ins Auge: Erstens: da die bürgerlichen Wissenschaftler nicht lesen können, was MARX geschrieben hat, zeichnet sich deren metaphysische Denk- weise dadurch aus, daß sie MARX als einen Verfasser der Steinzeit betrachten, wogegen sich BISCHOFF, der auch nicht weiß, was es mit dem Kapital auf sich hat, wenigstens auf seine Schulbildung verlassen kann, denn er weiß daß es sich bei MARX um einen Autor aus dem 19. Jahrhundert handelt. Zweitens: Da für jede Bewußt- seinsform die gesellschaftliche Arbeit verantwortlich zeichnet, besteht der Vorwurf, die metaphysische Denkweise nicht überwunden zu haben, darin, daß sie nicht zu überwunden werden braucht, steht sie doch gleich mit allen anderen Bewußtseinsformen, die nicht Bewußtsein, aber sozialer Lebensprozeß sind. Drittens: So ganz ohne Verantwortung ist MARX für das ihm Aufgezwungene doch nicht: zwar zwingt die gesellschaftliche Arbeit allen Menschen auf, sie nur als Illusion betrachten zu können, aber dabei weist die marxsche Denkweise doch auf eine recht eigentümliche Le- bensanschanung. Da aber BISCHOFF seine Liebe zu abnormen Empfindungen schon be- wiesen hat - er hat sich ja die Marxschen Illusionen vorgenommen -, hat er keine Schwierigkeit, aus der Gleichstellung die spezi- fische Eigentümlichkeit, die MARX auszeichnet, zu entwickeln. MARX allein hat, wenn auch originell umschrieben und als Analyse des Kapitals ausgegeben, nichts als den einzigen Gedanken zum Ausdruck gebracht, daß er von seinen Einfällen nur das halte, daß sie geschichtlich bedingt und geworden sind, während die Bürger metaphysisch davon ausgingen, sie selbst hätten sich etwas ausge- dacht, was sie für BISCHOFF zu den Sündern der "Autonomie des Denkens" macht. Das Lob, MARX habe nichts als das Postulat verkündet, daß es beim Wissen nur darauf ankomme, zu wissen, daß es relativ, aber not- wendig, da historisch bedingt, sei, will BISCHOFF hierin wieder seine Liebe zu MARX beweisend nur auf dessen Ergüsse anwenden. Da auch BISCHOFF nicht bestreiten möchte, daß MARX gelebt hat, an- dere Menschen aber noch vor ihm gestorben sind, drängt sich BI- SCHOFF auf, daß die Einfälle eines MARX solche seiner Vorgänger waren. "Die Bedingung des wahrhaft wissenschaftlichen Wissens, ihre ei- gene Genesis als bestimmte theoretische Abstraktion aus dem mate- riellen Lebensprozeß abzuleiten, schließt die Bestimmung der dem wissenschaftlichen Sozialismus vorausgegangenen Richtungen des Denkens als unbewußte Reflexe der mehr oder minder (!) entwickel- ten Form der Arbeit ein" /145/. Daß MARX etwas von SMITH und RICARDO gehalten hat, allerdings nicht deswegen, weil diese vor ihm gelebt haben, ihnen Fehler nachweist und den Grund dieser Fehler in ihrem Interesse an den entstehenden gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit auffin- det, macht einem BISCHOFF deutlich, daß MARX sich deswegen selbst nicht verstehen konnte, hat ihn doch die Kritik und die Erledi- gung der bürgerlichen Ökonomie um die Möglichkeit gebracht, die BISCHOFF ihm aufzeigt: "Es hat sich gezeigt, daß die politische Ökonomie und der utopi- sche Sozialismus notwendig unentwickelte Stufen in diesem natur- wüchsigen (!) Prozeß des Denkens sind, das aus diesen bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses herauswächst. Die Erkenntnis des Doppelcharakters der Arbeit ist das kritische Endergebnis der mehr als anderthalbhundertjährigen wissenschaftlichen Forschung. Die systematische Begründung für die These (!), daß erst im wis- senschaftlichen Sozialismus die Wissenschaft von den Formen des menschlichen Lebens (!) in eine positive Wissenschaft verwandelt wird, besteht in der Nachzeichnung der bestimmten Bedingungen (!), unter denen diese historische Abstraktion möglich wird" /323/. Da aus einem Kritikaster kein positiver Mann positiver Wissen- schaft wird, der sich an die schönen Formen des menschlichen Le- bens hält und der, wie BISCHOFF, anderthalb Jahrhunderte auf an- derthalb Jahrhunderte historisch abstrahiert, um die Bedingung einer These möglich werden zu lassen, sieht BISCHOFF sich gezwun- gen, das noch einmal zu machen, was MARX gemacht hat, hat dieser doch das nicht gemacht, was er gemacht hat: BISCHOFF widmet die Hälfte seines Buches der Würdigung der vormarxschen Ökonomie. Da klar ist, was den Inhalt dieses Teils ausmacht: diese Ökonomen sahen nicht, was sie nicht sehen konnten - die Jahrhunderte waren damals noch unentwickelt - und der Zweck dieser Bischoffschen Be- mühung nur zu deutlich ist, verzichten wir auf nähere Würdigung dieser Beschäftigung mit Autoren, zu denen MARX bereits das Nö- tige gesagt hat, um uns dem Zweck des ganzen Unternehmens zuzu- wenden. Läßt BISCHOFF für alle Vorgänger von MARX gelten, daß nicht sie, sondern die unterentwickelten Zeiten verantwortlich für deren Aussagen sind so will er dies MARX gegenüber nicht gelten lassen. Nicht zufrieden mit der freudigen Gewißheit der Marx-brothers un- serer Tage, daß ihr Stammvater ganz schön Patina angesetzt hat, will BISCHOFF gesichert sehen, daß auch damals MARX nichts er- klärt, aber die Annahme der ihm historisch angebotenen Vor- schrift, auch nichts erklären zu wollen, arrogant in den Wind ge- schlagen und völligen Mangel an Verständnis für seine Vorgänger gezeigt hat. Daß die Aussagen von MARX zu SMITH und RICARDO, weil Aussagen und keine Einsichten in die notwendige Unterentwickeltheit, falsch und nicht bloß überholt sind, weil dieser Verfasser die Erschei- nungen der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer historischen Be- dingtheit erklärt und nicht die Erklärung in eine Bedingtheit der Geschichte aufgelöst hat, macht einen BISCHOFF nötig, der nichts als MARX zitieren kann, um die Beschäftigung mit MARX zum schlimmsten Vorwurf zu erheben. Statt aus der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft die Bedin- gungen für die positive Wissenschaft anzugeben, wird zur Erklä- rung dieses Sachverhalts auf die theoretische Entwicklung von Marx und Engels ausgewichen" /139/. Da MARX seine eigene Bedingtheit nicht wahrhaben wollte, konnte er seine Vorgänger nicht verstehen, was jedoch nötig gewesen wäre, um sich zu "einem Verständnis seiner selbst emporzuarbei- ten". Das Lob von MARX, er sei "bewußter Reflex" einer "bestimm- ten Entwicklungsstufe einer bestimmten Gesellschaftsform", ist der Tadel, diese Gabe des bedingten Bewußtseins nicht gegen sich selbst angewandt zu haben. So leuchtet ein, daß MARX HEGEL, weil er ihn kritisert hat, gar nicht kritisiert haben kann, weswegen diese Aufgabe immer noch ansteht, eine Aufgabe, von der sich selbst BISCHOFF überfordert sieht, weil er weiß, was er von HEGEL zu halten hat. "Hegel erfaßt also den inneren Zusammenhang von Natur, Gesell- schaft und Denken, wenn auch in verkehrter Form. Insofern er den Produktionsakt der Gedankenbestimmungen darstellt, und daher (!) von den logischen Kategorien, getrennt von der wirklichen Ge- schichte und der wirklichen Natur einen Ausgangspunkt nimmt, stellt er wenn auch in mystifizierter Form, die allgemeinen, ab- strakten, Jedem Inhalt angehörigen Kategorien und Bewegungsformen dar" /336/ So wird der Verzicht auf eine Beschäftigung mit Hegel, der rich- tig, weil verkehrt ist, zum günstigen Mittel, wieder einmal zu betonen, daß die Aussagen von Marx noch nicht einmal die Möglich- keit enthalten, zu diesen Aussagen zu kommen. "Die systematische Kritik der Hegelschen Philosophie kann erst dann erfolgen, wenn die Darstellung der wissenschaftlichen Dia- lektik abgeschlossen ist d.h. wenn eine Darstellung der dialekti- sehen Bewegungsgesetze vorliegt." /328, Anm. 314/ Denn da Marx von der ihm von der gesellschaftlichen Arbeit gebo- tenen Möglichkeit nicht Gebrauch gemacht hat - er hat "keinen Ab- riß über die wissenschaftliche Dialektik" geschrieben -, gibt es den wissenschaftlichen Sozialismus nur möglicherweise. Dies er- klärt sowohl die Suche nach der Möglichkeit der wissenschaftli- chen Dialektik, wie die Sicherheit mit der BISCHOFF diesen Stand- punkt gegen MARX praktiziert. "Das methodische Vorgehen für die Erarbeitung eines solchen Ab- risses der Dialektik ist klar: Zunächst ist die systematische Be- gründung für die späte wissenschaftliche Entdeckung des Dop- pelcharakters der Arbeit zu geben, wie er der bürgerlichen Pro- duktionsweise eigentümlich ist. Anschließend muß eine systemati- sche Darstellung der abstrakt logischen Ausdrücke von den Bewe- gungsformen dieses Widerspruchs erfolgen. Der Nachweis, daß sich die dialektischen Gesetze aus der Natur abstrahieren lassen, könnte nur dann Bestandteil dieses Abrisses sein, wenn zuvor die umfassende Naturanschauung erarbeitet worden wäre" /327/. Obwohl BISCHOFF nichts deutlicher als dieser Standpunkt der wis- senschaftlichen Dialektik ist, gibt es diesen Standpunkt noch nicht, weil MARX nicht nur nicht die Ökonomie in das methodische Vorgehen gegen deren Erklärung verwandelt, sondern den Standpunkt auch nicht auf die Natur angewandt hat. Da "fragt sieh nun, ob die dialektischen Gesetze schon formuliert werden können, wo wir doch über eine umfassende Naturanschauung noch nicht verfügen, sondern diese Aufgabe durch das Aufnehmen der Dialektik in die Naturwissenschaft erst noch zu lösen ist" /325/. (Man sollte BISCHOFF den Strom sperren!) So lange auf diese Weise die wissenschaftliche Dialektik um ihren vollen Erfolg gebracht wird, tut man gut daran, die wissenschaft- liche Dialektik nur als möglichen Standpunkt aufzufassen, deren Möglichkeit aber so zu nehmen, daß mit ihr gegen alle inhaltli- chen Aussagen von MARX vorgegangen werden kann, da diese auf ei- nem nur möglichen Standpunkt beruhen. "Die von MARX für die Wissenschaft von der menschlichen Ge- schichte eingeleitete Revolutionierung des wissenschaftlichen Wissens steht in Bezug auf die theoretische Naturanschauung noch aus. Die Verwandlung der Wissenschaft von der Natur in eine posi- tive Wissenschaft erheischt die Einbeziehung der Erkenntnis vom Gesamtzusammenhang, die nun aber nicht erneut (!) zu entdecken ist, sondern aus der Wissenschaft von der menschlichen Geschichte übernommen werden kann. Wird demnächst die Dialektik, die nicht besondere Wissenschaftswissenschaft ist, nicht nur in die Wissen- schaft von der menschlichen Geschichte, sondern auch in die theo- retische Naturaneignung aufgenommen, und sind schließlich die Mißverständnisse über den wissenschaftlichen Sozialismus besei- tigt, kann von einer Einlösung der grundlegenden These von Marx und Engels gesprochen werden" /324/. Da bis dahin noch ein langer Weg ist (wer weiß, wann Naturwirte BISCHOFF anwenden!), begnügt sich BISCHOFF vorläufig mit einem abschließenden Urteil über MARX. Die Thesen, mit denen dieser einen Standpunkt, die wissenschaftliche Dialektik glaubhaft zu machen suchte und denen ein BISCHOFF bis zuletzt gläubig nach- zufolgen versuchte, erweisen sich am Ende nicht als Thesen, son- dern müssen als Hypothesen betrachtet werden. "Diese abstrakt logischen Ausdrücke des Widerspruchs und seinen Bewegungsformen sind die allgemeinen Gesetze aus Natur, Gesell- schaft und Denken" - aber: "Solange nun eine systematische Na- turanschauung auf Basis der Einsicht in den Gesamtzusammenhang des Weltganzen nicht entwickelt ist, bleibt es bloße Hypothese, daß die dialektischen Gesetze wirkliche Entwicklungsgesetze der Natur und daher auch für die theoretische Naturforschung gültig sind" /326/. Was BISCHOFF von anderen Soziologen unterscheidet, ist also nicht, daß er im Unterschied zu ihnen von MARX etwas halten würde, ganz im Gegenteil. Aber ein sauberer Soziologe braucht für sein Geschäft, die existente Gesellschaft zu rechtfertigen, indem er sie in Abstraktionen wie Kommunikation, Gesellschaft, Natur, Menschheit etc. auflöst, keinen MARX. Nicht so BISCHOFF: er will MARX mit MARX fertigmachen und das geht nicht ohne intensiven Be- zug auf diesen Verfasser, was übrigens der Anerkennung von BI- SCHOFF bei der Soziologenzunft hinderlich im Weg steht. BISCHOFF beweist uns so an sich, daß Gesellschaft doch Natur ist: er ist eine Parasitenexistenz, dessen Begeisterung für die möglichen Thesen eines MARX zum Beweis der Unmöglichkeit von MARX dienen. Um so mehr kann BISCHOFF auf das Interesse der Marxisten unserer Tage zählen, die, mit ihm einig im Wettstreit, MARX zu erledigen, auf anderen Wegen gegen MARX vorgehen. Für sie hält BISCHOFF die höheren Weihen seines Problembewußtseins bereit. 5. Bischoff's Respekt vor der arbeitenden Klasse ------------------------------------------------ BISCHOFF betreibt bei alledem proletarische Wissenschaft: sein Bemühen um ein Verständnis der wissenschaftlichen Dialektik ist parteilich. "Zugleich steht aber diese neue Wissenschaft in Beziehung zu den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, d.h sie steht einmal im Gegensatz zum bisherigen wissenschaftlichen wissen und zum an- deren an der Seite der unterdrückten Klasse" /41/. In der festen Beteuerung, daß es sich bei der "neuen Wissen- schaft" um Wissenschaft fürs Proletariat handelt, weiß BISCHOFF, worauf es dabei nicht ankommt, nämlich auf Wissenschaft. Es ist keine Leistung der Wissenschaft, die bürgerliche Gesellschaft er- klärt und damit ihre Kritik geleistet zu haben, nicht ihre rich- tige Analyse hat die Einnahme des Standpunkts der Arbeiterklasse zum notwendigen Ergebnis, sondern neben der einen lustigen Eigen- schaft, wissenschaftlich zu sein, kommt ihr als andere Eigen- schaft außerdem noch die Parteinahme für die unterdrückte Klasse zu. Nicht w e i l er "im Gegensatz zum bisherigen wissenschaft- lichen (!) Wissen steht", also deren Falschheit aus ihrer Partei- nahme für das praktische Handeln der herrschenden Klassen nach- weisen und begründen kann, ist wissenschaftlicher Sozialismus parteilich, sondern seine Parteilichkeit gründet in einem Zwang, der ihm nicht als Wissenschaft zukommt. Wenn BISCHOFF schon nicht zur Konsequenz des proletarischen Klas- senstandpunkts dadurch kommen will, daß er die bürgerliche Ge- sellschaft richtig analysiert und die bürgerliche Wissenschaft als bürgerliche kritisiert, so will er wenigstens gesichert se- hen, daß seine Parteinahme neben der Wissenschaft, nicht etwa ei- nem persönlichen Wunsch oder Willen, sich für die Arbeiter nütz- lich zu machen, entspringt. Vielmehr ist ihm die Liebe zum Prole- tariat durch "die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft" aufgezwungen. Dies wiederum soll nicht heißen, daß einem BISCHOFF die Erklärung der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft Par- teilichkeit für das Proletariat aufnötigt. Es ist vielmehr der Zwang des Kapitals selbst, das den wissenschaftlichen Sozialismus in die Arme des Proletariats treibt. "Die Ursache dieser engen Verbindung liegt vielmehr darin, daß zwischen proletarischer Krise und dem wissenschaftlichen Sozia- lismus ein sachlicher Zusammenhang besteht. Die Revolutionierung des bisherigen Denkens ist ein naturwüchsiges (!) Produkt des Ge- gensatzes von Armut und Reichtum (!) der modernen Gesellschaft, der seine Ursache in dem Widerspruch zwischen entwickelten Pro- duktivkräften der gesellschaftlichen Arbeit und den bornierten gesellschaftlichen Verhältnissen der materiellen Produktion und der auf sie gegründeten anderen Lebenssphären hat" /42/. So ist nicht der sachliche Inhalt des 'Kapital', das, weil es die interesselose Analyse der bürgerlichen Gesellschaft ist, die Durchsetzung des Interesses der Arbeiterklasse fordert, der Zu- sammenhang zwischen proletarischer Klasse und wissenschaftlichem Sozialismus, sondern ihr "sachlicher Zusammenhang besteht" darin, daß beide miese naturwüchsige Produkte des Kapitals sind, was wiederum heißt, daß beide für sich keinen Zusammenhang haben. Und was es mit dem von ihm propagierten proletarischen Standpunkt auf sich hat, macht BISCHOFF hiermit auch deutlich: wer es schafft aus dem Kapitalismus eine mangelhaft funktionierende Ge- sellschaft zu machen - zu viel Reichtum bei zu viel Armut: Lob der voll entwickelten Produktivkräfte, mit denen sträflich "borniert" umgegangen wird -, der kümmert sich wenig um den Ge- gensatz zwischen Kapitalisten- und Arbeiterklasse und betreibt die Apologie des Kapitals. So daß es keineswegs wundert, wenn der Materialist BISCHOFF den Arbeitern mit dem säuischsten Argument des Idealismus, dem Lob der Armut kommt, gilt für Idealisten doch schon immer, was ein Materialist sich als eigene Leistung erst einmal zurechtlegen muß, daß nur die Armut die Quelle der edel- sten Anschauungen und der erhabensten Moral ist. Der enge Zusammenhang von wissenschaftlichem Sozialismus und Ar- beiterklasse erklärt sich demnach für BISCHOFF daraus, daß beide nichts dafür können: zu gegebener Zeit können weder die Proleten den Klassenkampf, noch Intellektuelle wie BISCHOFF und MARX den wissenschaftlichen Sozialismus vermeiden. Da dies einem Morali- sten wie BISCHOFF, der es auf das Lob der Arbeiter abgesehen hat, zu wenig ist, schiebt er das Verdienst, den wissenschaftlichen Sozialismus erfunden zu haben, auch gleich den Arbeitern, für de- ren Lob es ihm nicht genügt, daß sie allerhand tun müssen, um mit ihrer Armut zu Rande zu kommen, in die Schuhe. "Der wissenschaftliche Sozialismus ist Ausdruck und Produkt einer wirklichen Bewegung. Die wissenschaftliche Kritik der bürgerli- chen Gesellschaft ist keineswegs das Resultat einer Anwendung ei- nes bestimmten theoretischen Prinzips oder einer bestimmten Me- thode. Sozialistische und kommunistische Anschauungen (!) sind der theoretische Ausdruck der praktischen Bewegung, und zwar ist dieser Ausdruck mehr oder minder utopisch und doktrinär, je nach- dem ob er einer weniger oder mehr entwickelten Phase der wirkli- chen Bewegung angehört" /290/. So zieht einer, dem zum wissenschaftlichen Sozialismus einfällt, daß dieser keine "Anwendung eines bestimmten theoretischen Prin- zips oder einer bestimmten Methode" ist, weil er ihn nur als me- thodisches Prinzip gelten lassen will, und zu den Kämpfen der Ar- beiterklasse, daß sie, wenn schon nicht bewußte, so doch wirkli- che Bewegung waren - ob die Kapitalisten unwirklich handeln? -, das Fazit seiner Überlegungen. Der Nachweis der Parteilichkeit des wissenschaftlichen Sozialismus liegt darin, daß es diesen im- mer dann gibt, wenn es ihn nicht braucht, weil die praktische Be- wegung in ihrem naturwüchsigen Trend zur Auflösung der kapitali- stischen Gesellschaft die Arbeiter selbst in die wirkliche Bewe- gung zwingt. Gipfelt das Lob der Arbeiter, mit dem BISCHOFF die Parteilichkeit des wissenschaftlichen Sozialismus als Leistung neben der Wissenschaft beweist, darin, die Nutzlosigkeit dieser revolutionären Wissenschaft für die Arbeiter aufgezeigt zu haben, so verlangt es die Konsequenz eines BISCHOFF, sich diesen Nach- weis zum Anlaß zu nehmen, die wissenschaftliche Absegnung j e d e r (mehr oder minder) Arbeiterpolitik zu betreiben. BI- SCHOFF's wissenschaftlicher Sozialismus ist für dieses Unterneh- men erfunden worden: er liefert die Begründung für die Nutzlosig- keit einer Einsicht in die Notwendigkeit des Klassenkampfs und bemüht sich darum, das vorhandene Mittel für diesen, die gelei- stete Analyse des Kapitalverhältnisses nutzlos zu machen. Wo es darum geht, die Verhinderung richtigen Wissens als den parteili- chen Standpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus zu postulie- ren, ist eine gewaltige, wenn auch nicht wissenschaftliche Lei- stung erforderlich. Weil BISCHOFF weiß, daß die richtige Analyse der bürgerlichen Gesellschaft nicht deren Aufhebung ist, und weil er ebenso weiß, daß die Kämpfe, die der Arbeiter, um sich im Ka- pitalismus als Ausbeutungsobjekt zu erhalten, ohne Wissen um die Notwendigkeit der Revolution geführt werden, vollbringt er als Arbeiterfreund die antikommunistische Leistung, die T r e n- n u n g von Wissenschaft und Proletariat zum einzigen Inhalt der Parteilichkeit des wissenschaftlichen Sozialismus zu erheben. BISCHOFF versichert der Arbeiterklasse seine Zuneigung als Wissenschaftler. Dieser Zuneigung entledigt er sich mit Be- scheidenheit: sein wissenschaftlicher Beitrag zum Klassenkampf ist das Lob des politischen Handelns, zu dem die Arbeiterklasse vom Kapital gezwungen wird. Die verständnisinnige Beobachtung al- les dessen, was Arbeiter so treiben - es ist lobenswert, weil die Arbeiter nicht umhin können, so zu handeln, wie sie handeln -, ist Lob des wissenschaftlichen Sozialismus, der parteilich an der Seite der Arbeiter steht, weil seine Wissenschaft nutzlos für das Handeln der Arbeiter ist. "Weil vor wie nach jener Entdeckung den in den Verhältnissen der Warenproduktion Befangenen der spezifisch gesellschaftliche Cha- rakter der Arbeit als endgültig erscheint, und weil die organi- sierten Kräfte der unmittelbaren Produzenten immer wieder durch ihre Uneinigkeit gebrochen wird - eine Bewegung, die ebenso wie die beständigen Versuche zur Reorganisierung der Arbeiterpartei, ihre objektiven Wurzeln in dem herrschenden ökonomischen System hat - kann diese späte wissenschaftliche Entdeckung zeitweilig verlorengehen oder teilweise in Vergessenheit geraten. Der wis- senschaftliche Sozialismus erweist sich selbst als naturwüchsiges Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte der Menschen" /320/. So existiert der enge Zusammenhang vom wissenschaftlichen Sozia- lismus und Arbeiterbewegung in ihrer negativen Übereinstimmung: sie sind sich beide gleich in ihrer ohnmächtigen Existenz, trau- rige Produkte der Konjunkturbewegung des Kapitals. Und daß es ein aktives Geschäft ist, das einen ganzen Wissenschaftler wie BI- SCHOFF erfordert, den wissenschaftlichen Sozialismus zum nutzlo- sen Produkt der Zeitläufe zu machen, um seine Anwendung gegen die erfreuliche Bewußtlosigkeit der Arbeiter zu verhindern, demon- striert BISCHOFF gründlich. Die freudige Gewißheit über das nutzlose Treiben der Marxisten, das BISCHOFF als den Nutzen der Wissenschaft fürs Proletariat feiert, ist die Vergewisserung, sie in dieser unbrauchbaren Form zu belassen. Mit dem Lob der Arbeiter, das ein Lob der Verhält- nisse ist, die diese nötigen, immer erneut mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen - nicht um schlauer zu werden, sondern um bewußt- los zu bleiben - zeigt BISCHOFF, was ihn an Wissenschaft stört: daß sie nämlich ein für das Proletariat nötiges Mittel ist. Sei- ner Zuneigung zur Arbeiterklasse und ihrer "langen und qualvollen Entwicklung" - daß die Arbeiter in ihrer Abgestumpftheit immer wieder eins übergezogen kriegen müssen, macht sie so liebenswert - verschafft er in der Wissenschaft Geltung, indem er als Arbei- terfreund gegen Wissenschaft vorgeht, um deren Nutzlosigkeit für die Arbeiter zu garantieren. Wenn einer sich in der unwissen- schaftlichen Zumutung ergeht, die Arbeiter dafür zu loben, für die wissenschaftliche Erklärung des Kapitals nichts übrig zu ha- ben, und die Intellektuellen zu tadeln, weil sie die Erfahrungen mit dem Kapital nicht von diesem, sondern "nur" von MARX bezie- hen, so bemüht er sich um den wissenschaftlichen Sozialismus, um ihn nicht praktisch werden zu lassen. Wie sehr die Arbeiter sich in die Pfanne hauen lassen und wie we- nig ihr Treiben ihrer "sozialen Emanzipation" förderlich ist, konstatiert der Arbeiterbischof immer wieder genüßlich, ohne sich zur Todsünde hinreissen zu lassen, durch die Kritik falschen Han- delos und Bewußtseins sein "Wissen" zur Aufhebung der "qualvollen Entwicklungsgeschichte der (!) Menschen (!)" einzusetzen. So ernsthaft ist es ihm mit der Absicht, jede politische Agitation der Arbeiter, die diese mit richtigem oder vorgeblichem Wissen zu einer Änderung ihres praktischen Handelos zu bewegen sucht, zu verhindern, daß er jeden dieser Versuche als Dogmatismus und als intellektuellen Hochmut beschimpft. Da wir keinen Zweifel daran haben, daß die "naturwüchsige" "wirkliche" Bewegung der Arbeiter nicht der proletarische Klas- senkampf ist, der das Kapital beseitigt, wir also die Arbeiter an ihrem falschen Umgang mit dem Kapital kritisieren, wozu es das Wissen braucht, das bei MARX steht - und auch an diesem Wissen keinen Zweifel haben, weswegen wir den Arbeitern nicht moralisch kommen -, konnte es nicht ausbleiben. daß das Projekt uns mit dem Vorwurf, Intellektuelle zu sein, bedacht hat. "So sehr es nun richtig ist, daß die Intelligenz, will sie sich der proletarischen Bewegung anschließen, sich erst einmal die proletarische Anschauungsweise (!) zu eigen machen muß, um ihr überhaupt Bildungselemente zuführen zu können, so falsch ist es, die für Intellektuelle kennzeichnende Form der Einsicht in das Kapitalverhältnis - das Studium der Marxschen Theorie - zu verab- solutieren, indem unterstellt wird, daß Einsicht in die Bewe- gungsgesetze des Kapitalismus n u r mit Hilfe des wissenschaft- lichen Denkens erlangt werden kann. Ihr Nichtverstehen des Zusam- menhangs von ökonomischen Formbestimmungen, sozialen Beziehungen und Bewußtseinsformen macht sich hier in der Weise geltend, daß sie den Denkprozeß selbst nicht als sozialen Prozeß begreifen, indem sie am aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang herauslö- sen, also die wissenschaftliche Tätigkeit absolut setzen. Damit geben die Roten Zellen/AK ihre eigenen besonderen Bedingungen der Emanzipation als Bedingungen des gesamten Proletariats aus" /Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, 1/76, S. 147/, Anders als das Projekt, das uns gerne zugestehen möchte, daß wir uns durchaus mit MARX emanzipieren (! ) könnten - jedem das Seine -, wissen wir allerdings, daß richtiges Wissen ein notwendiges Mittel für den Klassenkampf ist und damit getrennt von diesem nichts bewirkt. 8*) Und weil wir uns sicher sind, daß es auf die Praktizierung der richtigen Einsicht durch das Proletariat an- kommt, haben wir auch nicht das Problem, uns "e r s t e i n m a l die proletarische Anschauungsweise (!) zu eigen zu machen", wenngleich das Projekt dies bei uns gelesen haben will. Umso deutlicher wird uns, welcher "soziale Prozeß" den Arbeitern von diesen Arbeiterfreunden zugemutet wird. Die vorwurfsvolle An- biederung, wir würden es nur mit dem Denken halten, ist die Be- schimpfung der Arbeiter, daß Denken nichts für sie sei, weil sie allein in der bürgerlichen Gesellschaft das bißchen Grips nicht besitzen, das es braucht, um sich Erfahrungen zu erklären - und der trostreiche Zuspruch, daß sie die schönen Erfahrungen machen dürfen, die ihnen das Kapital beschert, wenn es sie ausbeutet. So lautet der Vorwurf an uns auch nicht, daß wir die Arbeiter un- nützerweise mit MARX belästigen würden, da sie bereits auf ande- ren Wegen zur "Einsicht in die Bewegungsgesetze des Kapitals" ge- langt wären, sondern es handelt sich um die Aussage, daß MARX schädlich für das ist, was das Projekt den Arbeitern an segens- reichen sozialen Prozessen des Kapitals an den Hals wünscht. Und weil das stimmt, - MARX ist kein Mittel, den Arbeitern ihr vor- handenes falsches Bewußtsein zu sichern -, geht das Projekt gegen Wissenschaft vor. Zerstören gewöhnliche Revisionisten die Wissen- schaft, indem sie aus dem Nutzen der Arbeiter einen theoretischen Standpunkt machen, so geht BISCHOFF gegen Wissenschaft vor, um sie als Mittel für die Arbeiter unbrauchbar zu machen. Für einen Soziologen, der MARX in einen Systemtheoretiker verwan- delt hat, steht nun die Erweiterung um die praktische Dimension an. War sich MARX sicher, daß die Gesetze des Kapitals in nichts anderem als im notwendigen praktischen Handeln von Kapitalisten und Arbeitern bestehen und daß die Einsicht in diese Zwangsge- setze das Mittel ist, das Arbeiter nötig haben, ihren Konkurrenz- kampf so auszutragen, daß die Ausbeutung ein Ende hat, geht BI- SCHOFF ganz anders zu Werk: mit Hilfe von Marxzitaten kümmert er sich um das Handeln der Arbeiterklasse so, daß er die praktische Konsequenz dieser Einsicht zum bewußtlosen Handeln und das be- wußtlose Handeln zum bloßen Bewußtsein erklärt. So ist ihm wie "jedermann offenkundig, daß Revolutionen nicht absichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umständen waren, welche von dem Willen und der Leitung einzelner Parteien und ganzer Klassen durchaus unabhängig sind" /Die Klassenstruktur der Bundesrepublik 1976, S. 11/. Da diesem Jedermann offenkundig ist, daß Absicht nur Willkür sein kann ist das Lob der proletarischen Revolution, gegen die ein BI- SCHOFF nichts hat, ein Lob des festen Willens des Kapitals, der keine Willkür ist, die Arbeiter in solche Umstände zu versetzen, in denen ihnen, bewußtlos wie sie sind, kein anderer Ausweg als die Revolution bleibt. Dieses sonderbare Lob des Kapitals, es würde die Arbeiter nur ausbeuten, um gegen sich selbst vorgehen zu können, ist der Zweck der Veranstaltung, mit der BISCHOFF die praktizierte Konsequenz einer Einsicht in den bewußtlosen Nach- vollzug der Umstände verwandelt, unter die das Kapital die Prole- ten zwingt. Aus dem Klassenkampf der Proletarier wird eine Lei- stung des Kapitals und aus einer bewußt vollzogenen Revolution ein Willkürakt - der Widerstand der Arbeiter hat ein Akt ohnmäch- tiger Bewußtlosigkeit zu bleiben: das Kapital besitzt die erfreu- liche Wirkung, den Proleten den Gebrauch ihres Verstandes zu er- sparen, es lehrt sie auch so Mores. Wo schon die Arbeiter keinen Willen haben brauchen, demonstriert ihnen BISCHOFF den seinen: da er der Ansicht ist, MARX habe nur da, wo er von der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft spricht, von der Tätigkeit der Kapitalisten und Lohnarbeiter ge- handelt, zeigt er an der Behandlung dieses Gegenstandes, daß es sein Wille ist, das Handeln der Individuen, in dem sie ihr Inter- esse verfolgen, zweckmäßig und willentlich mit den Mitteln ihrer Reproduktion umzugehen, zum bloßen Bewußtsein zu erklären. So fällt BISCHOFF am praktischen Handeln der Menschen im Kapita- lismus, solange sie mit Willen und Bewußtsein die Zwangsgesetze des Kapitals exekutieren, ein, daß die Oberfläche zwar nichts mit Handeln, Bewußtsein und Willen der Leute zu tun hat, daß es aber neben der Produktion auch die Sphäre gibt, wo etwas verteilt wird, woran ihm wieder bemerkenswert erscheint, daß es Gesell- schaft historisch, aber auch als ewige Natur gibt. "Sowie die der historisch bestimmten Produktionsweise entspre- chenden Produktionsverhältnisse einen historischen, transitori- schen Charakter aufweisen, so sind auch die Verteilungsverhält- nisse von historisch gebundener, vorübergehender Natur, wenn- gleich im gewöhnlichen Bewußtsein sich die Produktions- und Ver- teilungsverhältnisse auch als Naturverhältnisse - Verhältnisse, die aus der Natur aller gesellschaftlichen Produktion schlechthin entspringen - darstellen mögen." /146/ Daß im "gewöhnlichen Bewußtsein" neben der Gewißheit vom "transitorischen Charakter" des Kapitalismus, was für den Arbei- ter bei der täglichen Wiederholung seines Arbeitslebens tröstlich zu wissen sein mag, auch noch ein Naturverhältnis sich Geltung zu verschaffen weiß, ist als Beweis eines falschen Bewußtseins die Aussage von dessen Richtigkeit, bildet es doch nur das ab, was so erscheint, wie es ist. Da sich in den Hirnen nur das darstellen kann, was es gibt - ohne anzügliche Nebengedanken ist sich BI- SCHOFF sicher, daß es neben der Sphäre, wo der Kapitalismus sich transitorisch abmüht, auch die "menschliche (!) Produktion (!) schlechthin (!)" gibt -, zeichnet sich das Bewußtsein wiederum dadurch aus, daß es nur verkehrter Schein ist. "Die Besitzer der Produktionselemente akzeptieren sich wechsel- seitig als Käufer und Verkäufer, und daß die Bedingungen des Kaufs und Verkaufs ihrer Waren durch tiefere Zusammenhänge be- stimmt sein könnte, interessiert sie in ihrem praktischen Handeln nicht. Insofern scheinen ihnen sowohl die Schwankungen in den re- lativen Größenanteilen an der Gesamtrevenue als auch die soziale Ungleichheit zwischen Lohn und Besitzeinkommen nur konsequenter Ausdruck der durch freien und gerechten Handel zustande gekomme- nen Preisbildung der Produktionselemente zu sein. Daß der sich im Fortschritt der kapitalistischen Entwicklung verschärfende so- ziale Kontrast zwischen der objektiven Welt des Reichtums und der bedürftigen Subjektivität des lebendigen Arbeitsvermögens, wie er in der Einkommens- und Vermögensverteilung sichtbar wird, auf ei- nem Gegensatz der Produktionselemente, soweit sie als Wertquelle fungieren, gründen könnte und daß schließlich dieser im Produkti- onsprozeß sich geltend machende Widerspruch zwischen toter, ver- gegenständlichter und lebendiger Arbeit schon im Zirkulations- Prozeß gesetzt ist, durch den die Besitzer der Produktions- elemente in Beziehung treten; eine solche Auffassung weisen die in dem täuschenden Schein der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft befangenen Produktionsagenten als Klassenkampf- propanda zurück" /167/. Der Zurückweisung einer solchen Sorte von Propaganda schließen wir uns gerne an, bringt sie es doch fertig, nicht den Schein der Oberfläche, sondern die Oberfläche zum Schein zu erklären. Das praktische Handeln von Kapitalist und Arbeiter, von dem selbst ein BISCHOFF weiß, daß es mit dem Kauf und Verkauf ihrer Waren erst anfängt, interessiert diesen nur soweit, als er hinter die- sem einen tieferen Zusammenhang wittert: damit ist die Oberfläche das, was sie nicht ist. Dies ist das Gegenteil einer Erklärung, die am praktischen Handeln der Leute dessen Grund im Kapital auf- findet-also die Identität der Oberfläche mit dem Kapital an deren Unterschied nachweist - die Zusammenhanglosigkeit von Oberfläche und Kapital wird behauptet! Die Einkommens- und Vermögensverteilung ist für BISCHOFF eben nicht die Existenz des Klassengegensatzes in einer bestimmten Form, sondern hat mit diesem nichts zu tun, weshalb es auch der Propaganda des tieferen Zusammenhangs bedarf, die allerdings nicht die für den Klassenkampf ist. Wem der Handel als so frei und gerecht erscheint, daß er die "soziale Ungleichheit zwischen Lohn und Besitzeinkommen" nicht als Konsequenz der G l e i c h h e i t gelten lassen möchte - vielmehr erscheint dies nur den im "täuschenden Schein der Ober- fläche" Befangenen so 9*) - der hat es bei der Oberfläche nur darauf abgesehen, daß sie nicht die Oberfläche des Kapitals ist. Das heißt freilich auch, daß das Kapital nicht das ist, was es ist, was BISCHOFF dadurch beweist, daß er aus dem Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital die Gleichheit von Wertquellen macht! Da die Oberfläche für ihn Schein ist und mit dem Kapital nichts zu tun hat, zieht BISCHOFF einen weiteren Schluß. Der Schein scheint nur so, das Schöne an der Oberfläche ist, daß sie so ist, wie sie zu sein scheint. "An der Oberfläche präsentiert sich (!) die bürgerliche Gesell- schaft also einerseits als Leistungsgesellschaft, als ein Eldo- rado der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, und das Alltags- bewußtsein der Produktionsagenten ist von daher bestimmt" /152/. Dieses Lob des "wahren Eldorado", das das Kapital den Arbeitern täglich verschafft, malt BISCHOFF den Proleten breit auf die Leinwand, um ihnen mit der Lüge, daß ihr mieser Lohn ihrer miesen Leistung entspricht, die tägliche Zerstörung ihrer Existenz als den "bequemen und liberalen Zustand", den sie auf Kosten des Ka- pitals genießen, vorzurechnen. "Die Gliederung der Produktion, die sich ableitet aus dem Besitz und der Kombination von Produktionsfaktoren, bestimmt die Einkom- men anteilig zu der im Produktionsprozeß erbrachten Leistung" /148/. "Die von den jeweiligen Produktionsfaktoren erbrachte Leistung zieht eine funktionsgerechte (!) Beteiligung am Ertrag der Pro- duktion nach sich." /151/. Wenn BISCHOFF die Oberfläche besichtigt, dann entdeckt er an ihr eben nicht die Durchsetzung der Ausbeutung, sondern die Wirklich- keit der Ideologien, die vom Standpunkt der Konkurrenz und des Staates erfunden worden sind. "Funktionsgerecht" geht es zu, wenn der "Ertrag der Produktion" auf die Leute verteilt wird! Natür- lich meint BISCHOFF hier wie überall, er hätte nur MARX paraphra- siert, wenn er den Schein der Konkurrenz danach beurteilt, ob er dem Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie gerecht wird. Leider hat MARX aber dieses Problem nicht gehabt, als er dar- legte, daß sich die Verwertung des Kapitals vom Standpunkt seiner Agenten und Opfer etwas anders ausnimmt als im Lichte einer wie- senschaftlichen Analyse. Daß die Leistung von Proleten nicht ge- messen wird, um sie zu entlohnen, sondern um sie zur Mehrarbeit zu zwingen, dürfte er im übrigen auch an den "Erscheinungen" be- merkt haben, von denen BISCHOFF behauptet, sie würden den tiefe- ren Zusammenhang vollständig verbergen. Doch wollen wir BISCHOFF nicht unrecht tun: ein bißchen vom wah- ren Charakter der bürgerlichen Gesellschaft eröffnet sich auch ihm, und zwar dann, wenn er sich zur "oberflächlichsten Betrach- tung" der ganzen Scheiße durchringt: "Daß die Distribution selbst ein Produkt der Produktion ist, nicht nur dem Inhalt nach, insofern nur die Resultate des Produk- tionsprozesses verteilt werden können, sondern auch der Form nach, insofern bestimmte Funktionen im Produktionsprozeß die For- men der Beteiligung an der Verteilung bestimmen, daß also die Gliederung der Distribution oder Einkommensverteilung vollständig bestimmt ist durch die Gliederung der Produktion, zeigt selbst die oberflächlichste Betrachtung der bürgerlichen Gesellschaft... Arbeitslohn, Grundrente und Profit, wobei der Profit die Form des industriellen oder kommerziellen Unternehmergewinns oder aber die des Zinses annehmen kann, sind die drei Wertteile des jährlich produzierten Gesamtwertes" /146 f./. An den Sätzen fällt uns nur auf, daß erstens den Inhalt der Dis- tribution ausmacht, daß immer etwas zum Verteilen da ist und daß Luft gewöhnlich nicht gehandelt wird; daß zweitens der Markt nichts weiter als eine erweiterte Fabrik ist, dessen sinnvolle Gliederung auch nach dem Verlassen des Fabriktors BISCHOFF den Arbeitern zusichert; daß drittens die Einkommensverteilung voll- ständig durch die innere Gliederung der Fabrik bestimmt ist, in der Kapital und Boden einen größeren Raum einnehmen, weswegen das höhere Einkommen von Kapitalisten und Grundrentner nicht ein Ei- gentumsverhältnis zur Grundlage hat, sondern aus der höheren Lei- stung dieser Produktionsfaktoren in der Fabrik herrührt; so daß viertens BISCHOFF den Blick der Arbeiter auf den nationalen Reichtum richtet, von dem er zu berichten weiß, daß der jährliche Bericht zur Lage der Nation diesen in Anteile dreier Klassen zer- legt; wo schon die Bundesbank nur Gewinne von Arbeitern, Kapita- listen und Grundrentnern ausweist, hat es der Prolet nicht schwer, sich aus seinen Erfahrungen mit dem Kapital die Weisheit zurechtzulegen, daß die Produktion die Distribution produziert! Und diese Einsicht braucht der Arbeitsmann, weil sie das 51. Kap. des Dritten Bandes auf die Phrasen der "Einleitung" herunter- bringt! Ist damit auch der oberflächlichsten Betrachtung - und nur dieser - die Lösung der Streitfrage erleichtert, ob es sich bei der bür- gerlichen Gesellschaft um eine Klassengesellschaft handelt, so hat es BISCHOFF verstanden, seinem Nachweis alles Erschreckende zu nehmen! Es geht in dieser so gegliedert, funktional und ge- recht zu, wie es sich ein Apologet nur erträumen kann. Auch ver- liert die Tatsache, daß die Arbeiter einen funktionalen Beitrag zum jährlichen Wertprodukt leisten, weil sie sich nichts leisten können, ihre Härten. Und daß es immer noch gerechter zugehen könnte, wird der Prolet als Sorge verstehen, die sich ein BI- SCHOFF nicht um ihn, sondern um diese Gesellschaft macht. "Festzuhalten bleibt daß sich auch Phasen ökonomischer Prosperi- tät an der Oberfläche der Gesellschaft eine Vertiefung (!) des sozialen Kontrasts zwischen Armut und Reichtum sichtbar (!) wird, die dem oberflächlichen Schein nach ihren Grund in einem qualita- tiven Unterschied der Revenuen und der Revenuequellen hat" /156/. Denn erstens ist der Reichtum der Grund für die Armut, nicht um- gekehrt zweitens handelt es sich um eine bloße Verteilungsunge- rechtigkeit und drittens liegt der qualitative Grund in der grö- ßeren Leistungsfähigkeit von Kapital und Boden als Produktions- faktor. BISCHOFF ist also erfreut darüber, daß alles so ist, wie es ist, beweist doch gerade die Tatsache, d a ß die bestehende Ge- seUschaft Klassengesellschaft ist, dem Arbeiter, daß er sich, so wie sie e r s c h e i n t, um sie zu kümmern hat. Da BISCHOFF sich nicht die Sorgen der Arbeiter macht, sondern sich Sorgen um ihre Sorgen macht, steht die Krönung dieses Offen- sichtlichkeitsbeweises der Klassengesellschaft noch aus: das Schöne an der kapitalistischen Klassengesellschaft ist, daß diese, weil das Kapital ein Klassengegensatz ist, den Arbeitern die Mühe abnimmt, diesen Gegensatz begreifen zu müssen. Weil es ein "wirkliches" Klassenverhältnis ist, kann das Kapital den Klassenkampf initiieren, in dem es sich sein dringendstes Bedürf- nis, sich selbst aufzuheben, erfüllt! Dennoch hat es das Kapital soweit noch nicht gebracht: mit seinem "Oberflächenbild" hat es mehrere Möglichkeiten eröffnet für die Betrachtung des Werts: "Es ist also ein Charakteristikum des Oberflächenbildes der bür- gerlichen Gesellschaft, daß der Wert oder Preis einmal betrachtet werden kann unter dem Aspekt der Zerfällung in die Revenueformen von Lohn, Profit und Rente, wie sich also eine vorgeschobene Sub- stanz in bestimmte Formen auflöst, und daß andererseits die Sub- stanz des zur Verteilung gelangenden Werts aus der Addition der respektiven Wertteile der Revenuen erklärt werden kann" /160 f./. Ohne einen Gedanken daran, daß manche Leute andere Sorgen drücken als die Wertzerfällung in Revenueanteile, bespricht BISCHOFF die Alternative zwischen den Vulgärökonomen und MARX, freilich ohne dogmatisch zu behaupten, die Erklärung der ersteren sei falsch und identisch mit ihrer Sorge, die sie sich um die Verwertung des Kapitals machen. Weil dies weder mit MARX - der wußte, wen er da- mit kritisierte - noch mit dem Bewußtsein und Handeln des Arbei- ters zu tun hat - auch ein BISCHOFF weiß, daß ein Prolet kein Vulgärökonom ist-, ist hier nichts weiter als das Interesse aus- gesprochen, aus der Veränder b a r k e i t des Kapitalismus ein Problem zu machen, das dieser selbst erzeugt. Weil BISCHOFF sich sicher ist, daß es das falsche Bewußtsein der Arbeiter gibt - da er dies immer wieder erfreut als das Lob der Arbeiter ausspricht und er jede Kritik des Arbeiterbewußtseins zu beschimpfen weiß, kann man wissen, wofür dieses Lob taugt -, läßt die Oberfläche, die manchen Blick auf die Gliederung der Produk- tion freiläßt, gerade auch alles unerkennbar werden. "Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft darbietet, zeigt also einen Zusammenhang zwischen den Revenueformen und den Quel- len der Revenuen. Wenn auch die Oberfläche der bürgerlichen Ge- sellschaft selbst noch den Blick freiläßt auf den Zusammenhang von Revenueformen und Gliederung der Produktion, so (!) hegt in dieser Erscheinungsform (in der alles erscheint, wenn dieses al- les zwar auch nicht das Kapitalverhältnis, sondern das, was ein BISCHOFF in ihm sehen möchte, ist!) jedoch (!) begründet, daß die Form der Produktion und daher auch die der Verteilung als natur- gemäße, unhistorische Form verstanden wird" /148/. Da weder die Einsicht in "den Zusammenhang zwischen den Revenue- formen" noch der Schein, die bürgerliche Gesellschaft als Natur betrachten zu müssen, etwas mit den Erfahrungen zu tun hat, die das Kapital den Proleten täglich verschafft, es sich dabei also gar nicht um das falsche Bewußtsein der Arbeiter handelt, ist die gegebene Erklärung die feste Absicht, es bei diesem zu belassen; denn das, was ein BISCHOFF vorhat, rechnet mit dem falschen Be- wußtsein der Arbeiter. Es ist das politische Programm der BI- SCHOFF-Clique, am Kampf der Arbeiter gegen das Kapital nur dessen beständiges Scheitern zu sichern und das existente falsche Be- wußtsein zur Vorschrift für das Handeln der kommunistischen Bewe- gung zu machen. Immer geht es ihnen um den Erhalt des falschen Bewußtseins, das Arbeiter haben, gegen die Erfahrungen, die ihnen täglich aufgezwungen werden. "Angesichts dieser Verhältnisse besteht die H a u p t a u f- g a b e sozialistischer Politik in der Bundesrepublik darin, die Herausbildung der Solidarität unter den verschiedenen Fraktionen der Arbeiterklasse zu b e s c h l e u n i g e n und auf das gemeinsame Handeln ihrer verschiedenen gewerkschaftlichen Assoziationen und politischen Organisationen hinzuwirken. Dies ist nur möglich auf der Basis einer solchen politischen Partei, die an dem Ziel der Aufhebung des Kapitalverhältnisses festhält und gleichzeitig eine entschieden n i c h t s e k t i e r e- r i s c h e P o l i t i k betreibt, welche die A k t i o n s- e i n h e i t der Arbeiterklasse fördert, indem sie jeden (!) faktischen Ausgangspunkt der allgemeinen Bewegung der Klasse, so beschränkt und unklar er auch sei, a k z e p t i e r t und die entsprechenden Forderungen unterstützt, um andererseits durch das Aufzeigen ihrer Begrenztheit allmählich nachzuweisen, daß began- gene Fehler und erlittene Schlappen der Bewegung die Folge noch unzureichender Einsicht in die soziale Lage der Klasse und den Gang ihrer Emanzipation waren. Auf diese Weise wird der Lernprozeß der Klasse durch die bereits bewußteren Teile des Proletariats wirksam unterstützt - keineswegs aber durch Ver- suche, die Erfahrungen der Massen und ihre Verarbeitung durch das Predigen sozialistischer Dogmen oder kommunistischer Modelle zu ersetzen." /Klassenstruktur der BRD, 1976, S. 169/. Das Lob der "Aktionseinheit der Arbeiterklasse" gilt der Einheit, die ihr das Kapital verschafft; BISCHOFF verspricht der geliebten Klasse viele Lernprozesse, die sie sich vom Kapital besorgen las- sen kann. Die gemeinsamen (!) Schlappen, die das Kapital der von ihm geeinten Klasse beschert, haben es ihm so sehr angetan, daß er jede Kritik an den die Arbeiter fest zusammenschließenden Op- fergängen als Sektierertum verabscheut. BISCHOFF macht sich also aktiv Sorge um das falsche Arbeiterbe- wußtsein, indem er leugnet, daß es ein Bewußtsein ist, dem mit richtiger Einsicht beizukommen ist. Weil es eine Bewußtseinslei- stung der Proleten ist, am falschen Bewußtsein festzuhalten, wenn Kapital und Staat die ihnen feindliche Wahrheit permanent gegen sie praktizieren, besteht auch die Gefahr, daß sie sich durch Ar- gumente von ihrer Unterwerfung abbringen lassen. Und für eine Ge- fahr hält dies auch BISCHOFF, weswegen er diesbezügliche Versuche als "Predigen sozialistischer Dogmen" ablehnt. Sein Interesse am falschen Bewußtsein der Arbeiter beweist er nicht nur damit, daß er alle Organisationen der Arbeiterbewegung zu Produkten des Kapitals macht, um sie in ihrem Handeln dazu zu bringen, sich auch als Produkte des Kapitals zu verhalten, son- dern auch dadurch, daß er sein Arbeitercredo verkündet: das Be- wußtsein der Arbeiter ist nicht falsch, sondern zwieschlächtig: "An der Oberfläche präsentiert sich die bürgerliche Gesellschaft also einerseits als Leistungsgesellschaft, als ein Eldorado der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, und das Alltagsbewußtsein der Produktionsagenten ist von daher bestimmt. Auf der anderen Seite besteht indes auch kein Zweifel über die Ungleichheit (!) der verschiedenen Revenueformen (es kann nur einem BISCHOFF ein- fallen, sich auszudenken, der Arbeiter könnte auf den Einfall ge- kommen sein, er würde als Kapitalist bezahlt!)." /152/ Die Beobachtung dessen, was sich so alles widersprüchlich im Hirn des Arbeiters geltend machen soll, hat es, da nicht auf den In- halt des Arbeiterbewußtseins, auf das bloße Faktum abgesehen, daß es das Kapital ist, das sich in den hirnlosen Köpfen der Proleten Geltung verschafft. Es ist die Registrierung dessen, wie weit das Kapital seinen Prozeß der eigenen Selbstaufhebung bereits den Ar- beitern eingebleut hat - weshalb das Projekt neuerdings dem alten MARX mit Statistisk unter die Arme greift- und zeigt so, daß die interessierte Beobachtung eines Arbeiterfreundes das Desinteresse am Arbeiter ist. "Schon in der Zusammenfassung nur weniger, die ökonomische Struk- tur der Gesellschaft betreffenden Fragen ist zu erkennen, daß die Wahrnehmung dieser Struktur durch die Gesamtbevölkerung ebenso wie durch die Arbeiter durch eine spezifisch widersprüchliche Form gekennzeichnet ist. Obwohl die Mehrheit sowohl die Einkom- mens- als auch die Vermögensunterschiede in der BRD als kraß, un- berechtigt und auf antagonistischen Produktionsverhältnissen be- ruhend bezeichnet (40% sind der Ansicht, große Vermögen entstehen durch Anwendung fremder Arbeitskraft)," (allein für diese Klammer verdiente das Projekt den ersten Preis unter Marxologen!) "läßt dieses Wissen noch keinen dominierenden Einfluß auf die Orientie- rung an bürgerlichen Wertvorstellungen erkennen, die sich in den idealen Bildern von Leistung (Eigentum), Freiheit und Gleichheit niederschlagen und sowohl den Arbeitern als auch der übrigen Be- völkerung als wesentliche Merkmale der gesellschaftlichen Trieb- federn im Bewußtsein sind. Diese Vorstellungen konnten sich ange- sichts der langen Wachstumsperiode der Wirtschaft" (zwar gibt es nicht Kapital und Lohnarbeit, aber die Wirtschaft!) "in der BRD, der kontinuierlichen Ausdehnung des Lebensstandards auch der ar- beitenden Bevölkerung" (was dieser nichts gekostet hat!) "durch Erweiterung des Reallohns und Ausbau sozialer Leistungen derart verfestigen, daß selbst in dem Moment, wo Stockungen in der bis- her kontinuierlichen Entwicklung der Lohneinkommen auftreten, wo Unsicherheit des Arbeitsplatzes wieder zum erstrangigen Problem wird," (in den "bequemen Zeiten" war das Kapital nur zur Sicher- heit der Arbeitsplätze da!) "die einzelnen festhalten an der Vor- stellung von der Kontinuität des Reproduktionsprozesses," (so freut sich der Arbeiter, wenn er nichts kaufen kann, daran, daß Kauf und Verkauf kontinuierlich weitergehen!) "an dem alle Teile der Gesellschaft im Maß der selbst erbrachten Leistung beteiligt sind" (und das meint das Projekt wirklich!) /Beitr. zum wiss. So- zialismus, Sonderheft S. 92/. So macht sich BISCHOFF nur eines von den Arbeitern zu eigen, näm- lich deren Unterwerfungsbereitschaft noch in der Krise und er- klärt uns so, was es mit einem arbeiterfreundlichen Projekt auf sich hat, dem zu unserer Kritik an der DKP, sie betreibe eine Po- litik vom Standpunkt des Staatsbürgers aus, nur die "Dämlichkeit" einfällt, wir würden die DKP demnach von "einem Standpunkt außer- halb der bürgerlichen Gesellschaft" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 3, S. 224/ kritisieren, unfähig des einfachen Gedankens, daß eine kommunistische Partei den Standpunkt des Arbeiters praktiziert. Hat also die Sorge um die "Entwicklung des Arbeiterbewußtseins" - und das ist identisch mit einem Verbot, dieses falsche Bewußtsein zu kritisieren - zum einzigen Inhalt die Sorge, ob sich das Kapi- tal in seinem Drang zur Selbstaufhebung den Proleten auch genü- gend verständlich macht, so erweist sich die Bemühung, die BI- SCHOFF zur Feder greifen läßt, als die bloße Sorge um das Wohler- gehen des Kapitals. Im Unterschied zu normalen Apologeten, die den Klassengegensatz leugnen und sich darin der praktizierten Durchsetzung des Kapitals gegen die Arbeiter sicher sind, preist BISCHOFF den Arbeitern die praktizierte Gewalt des Kapitals gegen sie als Mittel ihrer Befreiung an. Mit der Sorge, daß sich das Kapital noch nicht genügend gegen die Arbeiter durchsetzen kann, um sich selbst aufzuheben, wendet sich BISCHOFF an die Arbeiter - so reicht ihm die tägliche Zerstörung im Produktionsprozeß nicht aus, in diesen "bequemen und liberalen Zeiten" geht das Kapital vielmehr zu liberal und bequem mit den Proleten um - und fordert sie zu mehr Aktivität und williger Beihilfe zu dem Geschäft auf, sich selbst kaputtzumachen, um sich vom Kapital "sozial emanzi- pieren" zu lassen. So lautet der Vorwurf an die Regierungspartei, die täglich zeigt, auf Kosten welcher Klasse sie die Krise und den Aufschwung bewäl- tigt, auch, sie habe sich in der Krise hilflos gezeigt, hat sich die SPD doch den Teufel darum geschert, für dieses ihr Geschäft noch die freiwillige Unterstützung der Arbeiter zu erhalten, die BISCHOFF ihr erst noch sichern will. Daß das Verwirrspiel, das BISCHOFF um das bewußtlose Bewußtsein der zwieschlächtig bewußten Arbeiter aufführt, den einzigen Zweck hat, den Proleten die Sor- gen um das Kapital als ihr eigenes Interesse aufzuschwatzen, stellt das Projekt auch in einem Aufruf dar, in dem es zur Wahl der DKP auffordert. Dieser Sorgen hat sich das Kapital allerdings in seinem Vorgehen gegen die Arbeiter längst entledigt; es reicht ihm durchaus, die Ausbeutung zu praktizieren, statt sich dabei durch die freiwillige Unterstützung von Gewerkschaft und Arbei- tern in dieses Geschäft hineinpfuschen zu lassen. "Die Mehrheit der Arbeiterklasse ist durch diesen offenkundigen Einbruch (!) des grundlegenden Merkmals des Kapitalismus - die Unsicherheit der Lebenslage der Arbeiter - in die Idylle (!) der sozialen (!) Marktwirtschaft überrascht (!). Es hat sich ein deutlich illusionäres (!) Bewußtsein herausgebildet" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft, S. 158/. Da ein "illusionäres Bewußtsein", dem das Fertigmachen der Arbei- ter nicht nur im Produktionsprozeß als "Idylle der sozialen Marktwirtschaft" erscheint, einem BISCHOFF nicht ausreichen will, um die Fortexistenz des Kapitalismus, damit seiner Zerstörung zu garantieren, droht BISCHOFF den Arbeitern erst einmal. Angesichts des "drohenden Einbruchs des grundlegenden Merkmals des Kapita- lismus" in die kapitalistische Gesellschaft haben sich diese ge- fälligst klarzumachen, was sie im normalen Gang der Ausbeutung an erfreulicher Perspektive in ihr haben. Der Gegensatz zwischen Ka- pitalismus und Krise, den das Projekt hier auftischt, ist eine interessierte Erfindung, deren Zweck in der andernorts vom Pro- jekt immer wieder hämisch als Illusion bezeichneten Annahme, den Kapitalismus könne es ohne permanente Krisen geben, zum Ausdruck kommt: weil die Arbeiter am Kapitalismus bereits den erfreulichen Zustand haben, über ihn hinaus zu sein, gilt es sie dazu anzusta- cheln, sich ein weniger illusionäres Bild von der Krise zu ma- chen! An der "Unsicherheit" ihrer Lebenslage zeigt sich nicht die Ernsthaftigkeit im Vorgehen des Kapitals gegen die Arbeiter, son- dern die Gefährdung s e i n e r Existenz. So kommt einer, dem ausgerechnet der Klassenfeind als Garant der proletarischen Revolution gilt, zu einem Lob des Kapitals, das zwar verrückt, aber nicht uninteressiert ist, enthält es doch die Aufforderung an die Proleten, aus ihrer Reproduktion die Berech- tigung des Kapitals zu deduzieren: "Diese nur durch die Quantität gesetzte qualitative Beschränkung des Kreises seiner Bedürfnisse gibt den Arbeitern im Gegensatz zu vorbürgerlichen Produktionsweisen eine besondere Wichtigkeit als Konsumenten, und auf dieser (!) Seite des Verhältnisses von le- bendiger Arbeit zu den gegenständlichen Produktionselementen be- ruht die historische Berechtigung, wie die gegenwärtige Macht des Kapitals... Diese an sich in der Form der Revenue des Arbeits- lohns eingeschlossene Tendenz der Erweiterung des Umkreises der Bedürfnisse der unmittelbaren Produzenten wird noch verstärkt, wenn in Zeiten ökonomischer Prosperität der Anteil des Lohns ge- genüber den anderen Revenuen gesteigert werden kann. Doch auch die in bestimmten Phasen der ökonomischen Entwicklung mögliche Erweiterung des Kreises der Genüsse auf Seiten der Besitzer des Produktionsfaktors Arbeit hebt weder den Umschlag der quantita- tiven Schranke im Lohn in eine qualitative im Sinne einer zuneh- menden Ungleichheit (!) in der Einkommensverteilung auf, noch än- dert es etwas an der Tatsache, daß die Minimalgrenze des Lohns durch ein Naturgesetz geregelt ist" /155/. So beweist eine qualitative Beschränkung, die es nur quantitativ gibt, die aber aus der Quantität zu gewissen Zeiten in eine qua- litative umschlägt, (was man aber nur sieht am quantitativen U n t e r s c h i e d in den Einkommen von Kapitalisten und Ar- beitern), das untrügliche Gespür eines BISCHOFF, aus jedem Anlaß, MARX zu zitieren, einen Anlaß zu machen, sein Lob des Kapitals nicht zu verschweigen. So soll sich der Arbeiter doch nur an die Steinzeit erinnern (da wurde er nicht einmal als Lohnarbeiter ge- braucht), um zu ermessen, wie ernst er im Kapitalismus als Lohn- arbeiter genommen wird. Die freiwillige Abgabe von Lohntüten, in denen "die Tendenz der Erweiterung des Umkreises der Bedürfnisse eingeschlossen" ist, zeigt den Weitblick des Kapitalisten, dem jede Beschränkung fern liegt. Aber damit nicht genug: von Zeit zu Zeit beweist der Kapitalist durch Lohnerhöhungen, wie sehr er den Arbeiter als "Konsumentenpersönlichkeit" schätzt. Selbst da, wo er in seinen alten Adam zurückzufallen droht und den Arbeiter einstellt, weil er von diesem etwas ganz anderes verlangt als den Genuß von Sekt und Kaviar, ist im Kapitalismus für die Proleten gesorgt. Sollte er die verrückte Absicht haben, den Arbeiter ver- hungern lassen zu wollen - wozu sollte er dies auch w o l l e n? - klopft ihm die Natur gesetzlich auf die Finger. So ist der Beweis, wie gut es die Proleten mit dem Kapital ge- troffen haben, das Mittel, diese dazu zu bewegen, auch den schär- feren Mitteln, die das Kapital für sie bereithält, die aktive Mithilfe nicht zu versagen, um das Kapital zu der Leistung anzu- spornen, sich nicht nur halbherzig gegen die Arbeiter durchzuset- zen, denn nur dann kann es sich die eigene Überflüssigkeit bewei- sen. Da BISCHOFF weiß, daß seine Sorge berechtigt ist, ob das Kapital, indem es als Kapital handelt, auch diesen seinen Zweck im Auge behält, agitiert er die Arbeiterorganisationen, die Rationalität, die der Kapitalist vielleicht vergessen möchte, sich zur eigenen Aufgabe zu machen, indem er sie auf "das strikte Verfolgen nichtsektiererischer Politik der Aktions- einheit, um so rasch, so rationall und so human (die Humanität des Kapitals scheint gesickert!) wie möglich die politische Form der sozialen Emanzipation der Arbeiterklasse zu etablieren" /Die Klassenstruktur der BRD 1976, S. 169/ festlegt. Wider die Fühllosigkeit der Massen, denen, weil es ihnen dreckig geht, ihr Leben wie Milch und Honig erscheinen muß, führt BI- SCHOFF die Hoffnung auf die Sauereien ins Feld, mit denen das Ka- pital sie ständig fertigmacht. Wenn diese Sauereien das normale Schicksal der Arbeiter in Prosperität und Krise sind, was auch ein BISCHOFF weiß, so weiß er gerade deswegen der Krise ein be- sonderes Lob abzugewinnen, zeigt sie doch in besonders eindrucks- voller Weise, daß die schönen Seiten des normalen Kapitalismus erst in der "Veränderung" so richtig schön werden. "In den periodisch wiederkehrenden Krisen zerrinnt das Phantom der Güterwelt (!), erscheint das materielle Produkt des gesell- schaftlichen Reproduktionsprozesses als verschwindende und be- ständig wiedererzeugte Objektivierung der gesellschaftlichen Ar- beit, verlieren die mannigfaltigen Formen der Revenue, unter denen verschiedene Klassen ihr Anteil am gesellschaftlichen Reichtum zufließt, ihre scheinbare Selbständigkeit. Die Verände- rungen in den Bewußtseinsformen, Anschauungsweisen und Vorstel- lungen erhalten tendenziell eine den allgemeinen Charakter des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses selbst in Frage stel- lende Qualität" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft, s. 87/. So verhilft die Arbeitslosigkeit zwar nicht zu der Einsicht, daß die gesellschaftliche Objektivität der Arbeit darin besteht, nur dann einen beschränkten Nutzen von ihr zu haben, wenn dies dem Kapital nützt, das einen zugrunderichtet; aber sie verschafft dem, dem das materielle Produkt in dem Moment verschwunden ist, wo er vom Kapital in die freie Konsumtion und Güterwelt entlassen wird, das stolze Gefühl, daß "das materielle Produkt des gesell- schaftlichen Reproduktionsprozesses verschwindende und beständig wiedererzeugte Objektivierung der gesellschaftlichen Arbeit" ist. Und da sich in der Krise zeigt, daß es auf Arbeit nur fürs Kapi- tal ankommt, beweist BISCHOFF schlagend an ihr, daß gerade deswe- gen alles im Kapitalismus für die Arbeiter da ist, überläßt doch das Kapital den Arbeitern großzügig nicht nur das Wiedererzeugen, sondern noch dazu das Verschwindenlassen des materiellen Pro- dukts, wozu uns als philologische Nebenbemerkung einfällt, daß BISCHOFFs Sätze über Kapital, Boden und Arbeit als Produktionse- lementen aus einer seiner noch nicht krisenhaften Bewußtseinsfor- men stammen müssen. Während Vertreter bürgerlicher Wissenschaft sich in vielfältiger Weise Sorgen um die Arbeiter machen, weil sie es auf das Wohl des Kapitals abgesehen haben und Wissenschaft als die Erfindung ef- fektiverer Strategien betreiben, die von ihrer Arbeit schlecht lebenden Staatsbürger zur Zustimmung zu dem, was gegen sie geht, zu bringen, kommt BISCHOFF zum gleichen Ergebnis auf entgegenge- setztem Weg, wenn er in der Krise die Qualität des gesellschaft- lichen Reproduktionsprozesses gefährdet sieht. Er macht sich Sor- gen um den reibungslosen Verlauf der Kapitalverwertung, weil er das Wohlergehen des Arbeiters, das er durch das Kapital gewähr- leistet sieht, im Auge hat. Daß die "Existenzsicherung" des Lohn- arbeiters die permanente Zerstörung des Arbeiters ist, gibt BI- SCHOFF Anlaß, die Gegnerschaft des Kapitals gegen die Proleten zu deren Wohl nutzen zu wollen. BISCHOFF läßt keinen Zweifel daran, daß ihm noch die säuischste Aktion des Kapitals gegen die Prole- ten gut genug ist - je schlimmer, desto besser - seine Liebe zum Proletariat daran zum Ausdruck zu bringen. BISCHOFF ist hierin Arbeiterfreund, also Feind der Arbeiter und Gegner kommunisti- scher Politik, als der er sich beständig literarisch qualifi- ziert. Wenn Arbeiterfreunde allerorten dem Arbeiter ihre Bewunderung für seine miserable Frage aussprechen, so ist dies die Freude über Proleten, die es fertig bringen, gegen die Erfahrungen, die das Kapital ihnen verschafft, ihren Gegensatz zum Kapital nicht als Gegensatz auszutragen. Wenn BISCHOFF den gerade in der Krise machtvoll agierenden Kapitalismus in seine Schwäche umlügt: "Die Spannung dieses ökonomischen Antagonismus, auf dem gegenwär- tig unser Lebensprozeß noch beruht, läßt keinen Zweifel daran, daß die Klassengesellschaft der BRD im Begriff ist, aus den Fugen zu geraten" /Die Klassenstruktur der BRD 1976, S. 164/, so ist dies nur die andere Seite der Bemühung, im Verzichtsappell auf den Klassenkampf den Klassenkampf als Mittel für das Kapital zu propagieren. Daß es das Kapital nur als Gewalt gegen die Ar- beiter gibt, es ihm darin nur auf die Arbeiter ankommt, wird BI- SCHOFF zum Anlaß, den Vollzug des Zwangs als das Interesse des Arbeiters auszugeben. Er ist Lobredner des Kapitalismus, aller- dings ein verrückter. "In der bürgerlichen Gesellschaft werden die wirklichen Quellen des Reichtums erschlossen (für wen wohl?), wird die allgemeine Arbeitsamkeit (!) gesetzt ... Durch diese Entwicklung der schöp- ferischen Anlagen innerhalb eines sich stets erweiternden und um- fassenden Systems von Arbeitsarten, denen ein stets erweitertes und umfassenderes System von Bedürfnissen entspricht, wird es erst möglich, Arbeit als allgemeine, reichtumschaffende Tätigkeit zu denken" /318/. Wo normale Soziologen sich die Sorgen des Kapitals machen, weil die allgemeine Arbeitsamkeit ganz schön gegen die Arbeiter geht und sich den Kopf zerbrechen, wie man den Arbeitern die Beschrän- kung der "schöpferischen Kreativität" am Fließband aushaltbar macht und wie das "Bedürfnis" der Arbeiter nach dem Fließband ge- steuert werden kann - das Kapital hat dafür allerdings seine pro- baten Mittel-, ist das Loblied eines BISCHOFF, daß der Kapitali- mus im Grunde im Interesse der Arbeiter wirke, reichlich absurd. Die Lösung der Schwierigkeiten, die sich das Kapital bei den Ar- beitern einhandelt, weil es mit der Arbeit anders umspringt, als sie "als allgemeine, reichtumschaffende Tätigkeit zu denken (!)", erfordern ganz andere Anstrengungen als dieses begeisterte Lob, weswegen BISCHOFF gerade wegen seines hemmungslosen Lobs bei Ka- pitalisten auch nicht landen kann. Zumal die auch nicht das Pu- blikum sind, das er für die Segnungen des Kapitals begeistern will; er hält es mit den Linken, denen er jetzt beweist, daß auf der Oberfläche kein Klassenverhältnis erscheint, weil, wo nichts ist, auch nichts erscheinen kann. "Da die Konkurrenz unter den Besitzern der Produktionselemente kein Klassenverhältnis offenbart (BISCHOFF bleibt Bischof!) und da die Revenuen auf die stofflichen Produktionselemente als ihre Quellen bezogen werden, ist das der Oberflächenstruktur verhaf- tete Alltagsbewußtsein der Produktionsagenten geneigt, die so- ziale Ungleichheit als naturgemäße oder funktionale Form der Ver- teilung gemäß den in der Produktion erbrachten Leistungen anzuer- kennen" /168/. So unterscheidet sich das Lob eines BISCHOFF auch von den gängi- gen Apologien durch eine weitere Verrücktheit: während diese aus den Mängeln die notwendigen Kosten machen, die der Arbeiter zu tragen hat, damit er sich diese schöne Welt samt ihren Mängeln leisten kann, reduziert BISCHOFF das Lob des Kapitalismus nur auf das Lob eines Mangels, den er als einzigen festzustellen vermag: soziale Ungleichheit. Denn gäbe es diesen Mangel nicht, so würde sich das Kapital schwer tun, im Zuge seiner Selbstaufhebung die Arbeiter bewußtlos in eine Revolution hineinzureiten, die den Kapitalismus erst zu dem macht, was er immer schon ist - eine Verteilungsgesellschaft, nun aber eine gerechte. Deshalb ist es keineswegs verwunderlich, daß ihm zur Erzielung von mehr Verteilungsgerechtigkeit ausge- rechnet die proletarische Revolution einfällt. "Die wirklich wissenschaftliche Analyse löst den Widerspruch zwi- schen Armut und Reichtum dahingehend aus, daß sie die Ungleich- heit in der Einkommensverteilung als Ausdruck eines verschleier- ten (!) Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisses der vergegen- ständlichten über die lebendige Arbeit nachweist und daß daher eine Veränderung der Verteilungsweise nur im Zuge einer Revolu- tionierung der Produktionsweise herbeigeführt werden kann" /169 f./. Wenn nur die Revolution die gerechte Einkommensverteilung zwi- schen Arbeiter- und Kapitalistenklasse garantiert, ergänzt sich die Agitation der Arbeiter, sich diese und nur diese Revolution zu Herzen zu nehmen, mit dem Appell, in der Gewalt des Kapitals und in den Niederlagen, die diese bei solchen Klassenkämpfen der Arbeiterbewegung immer wieder bereitet, die Heraufkunft der Revo- lution zu sehen. Die erlogene Freude eines BISCHOFF über den dem Kapital angedichteten Zwang, in seiner Durchsetzung gegen die Ar- beiter die größere Verteilungsgerechtigkeit nicht vermeiden zu können, ist die Freude, die ein Klassenfeind über das falsche Be- wußtsein der Arbeiter empfindet, das es diesen ermöglicht, mit ihrer Abhängigkeit vom Kapital zurechtzukommen, obwohl ihnen täg- lich vorgeführt wird, daß es kein Zurechtkommen für sie gibt. Unzufrieden ist BISCHOFF mit den Arbeitern allerdings aus dem gleichen Grund: das Sich-Abfinden der Arbeiter ist ihm nicht ak- tiv genug, stehen sie doch der Gewaltexekution, die das Kapital an ihnen vollzieht, ohne rechte Begeisterung gegenüber und finden in normalen Zeiten keinen Anlaß, gegen die gewaltsam vorzugehen, die den existenten Klassengegensatz als Klassenkampf austragen wollen, was BISCHOFF Anlaß für Sorge und Agitation ist. So unter- scheiden sich bürgerliche und kommunistische Politik für BISCHOFF auch nicht in ihrem unterschiedlichen Zweck, sondern in dem ver- schiedenen Grad der Illusionen, die beide sich bei der Verfolgung des gleichen Ziels, des Kapitals m i t Verteilungsgerechtig- keit, machen. "Neben der Auffassung, in der die soziale Ungleichheit in der Einkommensverteilung als notwendiger und damit gerechter Ausdruck der erbrachten produktiven Leistungen angesehen wird," (ein schö- nes Lob: wer in seinem politischen Handeln die soziale Ungleich- heit permanent notwendig m a c h t, dem erscheint dies als not- wendiger Ausdruck!) "findet sich auch die Vorstellung, in der mehr oder minder dezidiert die geschichtliche Bestimmtheit und Ungerechtigkeit der Distribution eingeräumt wird (weil es ihr auf die leistungsgerechte Produktion ankommt!) und aus der sich eine Motivation dieser Produktionsagenten in Bezug auf ein auf Versöh- nung von kapitalistischer Produktionsweise und Einkommensvertei- lung gerichtetes Handeln ergibt. Daß dieses auf Modifikation der Distribution im Besonderen und auf soziale Reform im Allgemeinen gerichtete Handeln die unterschiedlichsten Formen annehmen kann, versteht sich von selbst. Schließlich entwickelte sich neben die- sen beiden Bewußtseinsformen noch die Vorstellung, daß die be- stimmte Form der Distribution der bürgerlichen Gesellschaft bloß die Kehrseite des Produktionsprozesses ist, daß es zur Beseiti- gung der sozialen Ungleichheit in der Einkommensverteilung daher (!) einer neuen Form der Organisation gesellschaftlicher Arbeit bedarf und daß die bürgerliche Produktionsweise selbst noch (trostreich) die materiellen und geistigen Bedingungen für diese Reorganisation des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur her- vorbringt." /168/. Mit solchen erfreulichen Berichten über das, was der Kapitalismus in Sachen "Entwicklung" von Vorstellungen zuwege bringt, wartet einer auf, der sich aus Zitaten von MARX über die trinitarische Formel, Vulgärokonomie, klassische politische Ökonomie und über den wissenschaftlichen Sozialismus das Instrumentarium bereitet, welches es ihm erspart, irgendeine Vorstellung zu kritisieren. Die diversen Vorstellungen der Leute im Kapitalismus über diesen und ihre Stellung in ihm werden schlicht zu "drei Formen des theoretischen Reflexes bestimmter Bewußtseinsformen von dem die bürgerliche Gesellschaft charakterisierenden Gegensatzes zwischen Armut und Reichtum", und flugs sind Agenten des Staates (und ihre Anhänger), die es auf soziale Reformen abgesehen haben, nicht etwa an der Fortsetzung und A b s i c h e r u n g der Ausbeu- tung interessiert ("Diese drei Formen des theoretischen Refle- xes... sind nicht einfach unmittelbar (?) Ausdruck divergierender Interessenstandpunkte."), sondern repräsentieren eben auch eine Art und Weise, sich auf den "täuschenden Schein der alltäglichen Erfahrung" zu beziehen: "Vulgärökonomie, klassische politische Ökonomie und wissenschaft- licher Sozialismus unterscheiden sich in ihrer Beziehung auf den täuschenden Schein der alltäglichen Erfahrung." /171/ Sowenig BISCHOFF sich darauf einlassen will, an sich wechselsei- tig ausschließenden Theorien i h r e Unterschiede, ihre richti- gen und falschen Argumente festzustellen, sowenig ist er auch willens, in falschen Erklärungen das Interesse auszumachen, das sie hervorbringt. D a ß verschiedene Theorien einen gesell- schaftlichen Grund haben, leiert er ein ums andere Mal her - auf w e l c h e n sie in ihrer Besonderheit verweisen, will er auch nicht bei MARX zur Kenntnis nehmen: es sind eben "R e f l e x e", "Ausdrücke von...", und als solche verdienen sie - wie das Proletariat, das sich seine Ausbeutung gefallen läßt - den Respekt unseres Materialisten. Dabei entblödet er sich auch nicht, die Besonderheit des wissenschaftlichen Sozialismus darin zu würdigen, daß er die Distribution auf die Produktion zu- rückführt, daß er die "soziale Ungleichheit der Einkommensvertei- lung" beseitigen will und den Kapitalismus mit dem "Gegensatz von Arm und Reich" charakterisiert! MARX ist - laut BISCHOFF - der konsequenteste unter den Reformisten, die freilich alle in ihrer "Beziehung" auf den "täuschenden Schein" der Oberfläche unterwegs sind zum rechten Glauben. 6. BISCHOFF's Reformismuskritik oder ------------------------------------ die Hoffnung auf den guten Staat -------------------------------- BISCHOFF ist samt seinem PKA als Reformist nicht minder verrückt denn als Marx-Apostel. Die SPD enttäuscht ihn, wenn sie vorführt, daß es zum Wesen reformerischer Politik gehört, nur "Flickre- formen" zu machen, geht es ihr doch um die Perfektionierung des Zustandes, der Reformen beständig nötig macht. Wo sie zeigt, daß diese Flickreformen denn auch alles andere als harmlose Flickschustereien sind, wirft BISCHOFF ihr vor, sich auf Flickreformen zu b e s c h r ä n k e n, wo es doch für die Er- reichung ihres politischen Zwecks, den BISCHOFF teilt, da er sich nur die Gedanken möglicher Wirkungslosigkeit der SPD macht, auch e f f e k t i v e r e Reformmaßnahmen gäbe. Daß die SPD die Ar- beiter nicht zum Klassenkampf auffordert, weil sie ihn in ihrer Politik täglich gegen die Arbeiter praktiziert, bringt ihr den sinnigen Vorwurf eines BISCHOFF ein, sie habe dem Klassenkampf a b g e s c h w o r e n. Wo SCHMIDT den Verdacht, es mit MARX zu halten, als Zumutung zurückweist, empfiehlt BISCHOFF diesem Ma- cher für sein Machen ausgerechnet MARX, freilich den selbst fa- brizierten. Denn BISCHOFF zählt die SPD zur "sozialistischen Bewegung": sie ist "Arbeiterpartei", weil mehrheitlich von Arbeitern gewählt, und darum seiner Anbiederung wert. Er hat Achtung vor dieser Par- tei, die für ihr Vorgehen gegen die Proleten noch Arbeiterstimmen bekommt und damit eine Politik praktisch gemacht hat, die BI- SCHOFF den Arbeitern erst nahe bringen will. Da aber die SPD weiß, was sie damit durchsetzt und gar nicht erst versucht, diese als Arbeiterpolitik auszugeben, sondern sich dabei aufs Staats- wohl beruft und mit den S t i m m e n des arbeitenden Wahlvolks vollauf zufrieden ist, wenn sie vor "palliativen Verkleisterun- gen" nicht zurückschreckt, hat BISCHOFF auch wiederum keine rechte Freude an deren Politik. Da die SPD ihm nicht den Gefallen tut, die Arbeiter mit der pro- letarischen Revolution, die das Kapital macht, zu agitieren, vielmehr am bestehenden Zustand der erfreulichen Wirkung des Ka- pitals auf die Arbeiter reformerisch ansetzt, kritisiert BISCHOFF an ihrer Reformpolitik zwar nicht, daß sie falsch, aber wie h i l f l o s sie sei; woraus sich einmal ersehen läßt, daß die Ablehnung nicht von BISCHOFF, sondern von der SPD ausgehen würde, hätte sie das Problem, sich zusätzlich zu ihren Jusos mit einem noch verrückteren Spinner herumschlagen zu müssen und zweitens, daß die Nutzlosigkeit eines BISCHOFF für die SPD die beiden ge- meinsame Gegnerschaft zur Arbeiterklasse gerade einschließt. So ist klar, was die Frage: "Krise des Kapitalismus - SPD als Aus- weg?" /Titel in Beitr. z. wiss. Sozialismus 2/ besagt: Kriegt die SPD dem Kapitalismus die Krise weg? Wozu dem Projekt angesichts der recht wenig ratlosen Bemühungen, die Arbeiter die Kosten der Krise bezahlen zu lassen, einfällt: "Sozialdemokraten 1976 - rat- los!" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft S. 139/. Und Be- lege für diese Hilflosigkeit findet das Projekt überall, für es genügen schon die Sorgenfalten, die ein SCHMIDT im Fernsehen zur Schau stellt. "Die Hilflosigkeit (!) der SPD ist mit der Verwendung der inve- stitionsfördernden Mittel eindrucksvoll belegt. Doch getreu ihrer Parole, der Wille begegne der ökonomischen Krise, findet sich die SPD zumindest nicht mit dem Zustand ab, den sie nicht ändern kann" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft 140/. Wo das "zumindest" und "kann" klar machen, um welche Kritik es sich hier handelt, bleibt kein Zweifel, welche Art von Hilflosig- keit die SPD bei ihrer Investitionspolitik bewiesen haben soll sicher nicht die, der Lüge von der Arbeitsplatzsicherung effekti- ver Ausdruck gegeben zu haben, sondern die, dem Kapital nicht die Zusicherung abverlangt zu haben, die Investitionen auch wirklich für die effektiv revolutionäre Gewalt des Kapitals einzusetzen - das Kapital ist nicht aufgefordert worden, den Stoffwechsel mit der Natur neu zu organisieren! Daß diese Sorge um die "Hilflosigkeit" der SPD, den Arbeitern die Sorgen ums Kapital als ihr eigenes Interesse aufzuschwatzen, die etwas nüchterne Kehrseite hat, die Arbeiter nach den Wünschen der Kapitalisten zurechtzustutzen, zeigt das Projekt, indem es eine andere erlogene Hilflosigkeit der SPD angreift. "In dem Maße aber, in dem deutlich wird, daß das Programm des "demokratischen Sozialismus" gar nicht eingelöst (!) werden kann, wächst auch die Gefahr (!), daß die Masse der Bevölkerung eine solche Politik nicht mehr mitmacht (!). Die mit der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung, die keineswegs etwa (!) einen Abbau der sehr hohen Arbeitslosigkeit erlaubt (!) (so kann Kapitalismus sein: er hat immer die Sachnotwendigkeiten der, wirtschaftlichen Entwicklung" hinter sich!) unvermeidlich (!) auftretenden sozia- len Konflikte (!) können (!) durch diese Politik, die lediglich anzusetzen weiß bei günstiger ökonomischer Lage (Lügner!), da sie nur dort die Mittel zur ansatzweisen Bekämpfung bestehender Un- gleichheiten vorfindet, nicht bewältigt (!) werden" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 63/. So daß man endlich weiß, was es mit der "schöpferischen Gewalt", mit der ausgerechnet das Kapital die Revolution für die Proleten vorbereitet und mit dem perversen Lob, das BISCHOFF damit dem Ka- pitalismus spendet, auf sich hat! Es ist die unverhohlene Sorge am Erhalt des Bestehenden, das BISCHOFF durch die Arbeiter ge- fährdet sieht, weshalb er zur zweiten, schärferen Form der Anbie- derung schreitet, indem er der SPD, die mit dieser Gefahr für den "sozialen Frieden" illusionslos umgeht, den Vorwurf nicht erspa- ren kann, illusionäre Politik zu machen. Sie, die als Regierungs- partei nichts anderes tut als die "wirtschaftliche Entwicklung" gegen die Arbeiter durchzusetzen, bekommt den Rüffel ab, sie wüßte gar nicht, was Kapital sei - was sie freilich auch nicht zu wissen braucht, reicht ihr doch das Wissen, was diesem nützlich oder abträglich ist, völlig aus. "Die Autoren des Orientierungsrahmens '85 haben entweder keine Kenntnis von der typischen Verlaufsform der kapitalistischen Ent- wicklung oder halten diese für obsolet und sind zu einer adäqua- ten Analyse nicht in der Lage. Die ökonomische Entwicklung findet im Orientierungsrahmen insgesamt wenig (!) Berücksichtigung hin- sichtlich des Programms des "demokratischen Sozialismus". Indem aber dieses Programm nicht rückbezogen wird auf die realen ökono- mischen Verhältnisse, an deren Aufdeckung es dem Orientierungs- rahmen mangelt (dafür ist er ja geschrieben worden!), es also gar nicht adäquat (!) rückbezogen werden kann, werden die Ziele des "demokratischen Sozialismus als illusionäre, sich in ihr Gegen- teil verkehrende Forderungen weitergeschleppt" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 63/. Für das Nachholen dieser offensichtlich versäumten Analyse - wenn die SPD schon keine Politik macht, ist sie doch zumindest die ökonomische Klippschule der Nation! - wüßte das Projekt den rich- tigen Gesprächspartner, weshalb es den Kohl, den es sich zu MARX ausgedacht hat, als Kritik des Orientierungsrahmens wiederholt "Mit ihrer Formel der "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität" sitzt die SPD dem Schein der Oberfläche der bürgerlichen Gesell- schaft auf. Allerdings - und das unterscheidet sie ja gerade von den bürgerlichen Apologeten - haben diese Sozialdemokraten durch- aus wenn auch unklares Bewußtsein von vorhandenen Ungleichheiten, sozialen Unterschieden (unklar stoßen sie immerzu auf die Arbei- ter als Opfer ihrer praktischen Zumutungen!), die sie als nicht mehr gerechtfertigt kritisieren müssen (!); für sie bleibt daher der Appell an die Solidarität der Menschen, der Solidarität von Arm und Reich durch die endlich (!) die soziale Gleichheit und Gerechtigkeit hergestellt werden soll. Grundlage dieser Vorstel- lung von Freiheit und Gleichheit durch das auf Arbeit/Leistung beruhende Eigentum ist die einfache Warenzirkulation (so hat der Detektiv MARX bereits auf den ersten Seiten seines Krimis den Tä- ter gestellt!), die abstrakte (!) Sphäre der bürgerlichen Gesell- schaft, in der sich Käufer und Verkäufer freie, gleichgeltende Warenbesitzer gegenübertreten. Doch die gleichen Quantitäten, die gleichen Wertgrößen (auch MARX war Gleichheitsfanatiker!), die hier ausgetauscht werden, Kapital und Arbeit, setzen bereits so- ziale Verhältnisse voraus, in denen der freie Lohnarbeiter, der Nicht-Eigentümer der objektiven Bedingungen seiner Arbeit, und der Kapitalist als Eigentümer der Produktionsmittel zwei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft repräsentieren. Hinter dem Schein der freien und gleichen Warenbesitzer verbirgt sich der Gegensatz von Nicht-Eigentum auf Seiten der Arbeiter und Eigentum auf Sei- ten der Kapitalisten" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 58/. Da dies gar nichts mit SPD-Politik, sondern nur mit dem theoreti- schen Quark zu tun hat, den zu verzapfen dem Projekt jeder Anlaß recht ist, löst sich das Argument von der illusionären Hilflosig- keit der SPD auf in das bewußte Absehen von den praktischen Sauereien, die die Politik der SPD ausmachen. Der Vorwurf an SCHMIDT, er habe kein richtiges Verständnis der Wertform - immer- hin hat er aber über den abstrakten Schein der einfachen Waren- zirkulation auf einem Parteitag abstimmen lassen - dichtet der SPD-Politik als einzigen Mangel an, sie habe sich die Veröffent- lichungen des Projekts nicht zu eigen gemacht. So bringt es ein Projekt fertig, zu beweisen, daß man ein Schwein sein kann, dem es bei allem und jedem nur auf sich ankommt, o h n e ein Egoist zu sein. Denn ganz selbstsüchtig ist selbst ein Projekt nicht, wenn es sich als das Mittel anpreist, um aus illusionärer SPD-Politik eine realistisch-effektive zu machen. Es denkt dabei an die Arbeiter - aber wie! Weil die Verfasser des Orientierungsrahmens nicht wissen können sollen, daß sich ihre Analyse auf ein kapitalistisches Land be- zieht, beweist ihnen das Projekt, daß sie es zwar mit Kapitalis- mus zu tun haben, der aber hochentwickelt ist und daß deswegen die von der SPD gehegte Annahme, die Krise ginge auf einen einma- ligen Willkürakt der Ölscheiche zurück, auch nicht stimmt, viel- mehr die Krise permanent zum Geschäft gehört. Die Verfasser des OR '85 sind freilich zu einer Analyse schon deshalb nicht in der Lage, weil sie von jeglicher gesellschaftli- chen Bestimmtheit absehen," (was das Projekt nicht weiß: absehen heißt, etwas gesehen haben!) "also von der spezifisch kapitali- stischen Organisation der gesellschaftlichen Arbeit, und statt- dessen über Probleme "hocharbeitsteiliger Volkswirtschaften" rä- sonnieren, die durch den technischen Fortschritt und den hohen Grad der Arbeitsteilung hervorgerufen werden sollen. Dagegen wäre es zur Analyse der ökonomischen Verhältnisse in der BRD notwen- dig, davon auszugehen, daß es sich bei der BRD um ein hochentwic- keltes kapitalistisches Land handelt, demzufolge auch der für die kapitalistische Produktionsweise charakteristische zyklische Verlauf der ökonomischen Entwicklung zugrunde gelegt werden muß ... Erst eine solche Vorgehensweise hätte es erlaubt, mehr als vage Aussagen (!) zu machen über die Entwicklung der Weltwirt- schaft und ihren Einfluß auf die spezifisch ökonomischen Verhält- nisse der BRD. Die Bewegung auf dem Weltmarkt wäre dann auch nicht mehr so unverständlich gewesen, wie sie den Verfassern des OR vorkommt" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 62/. Ist die Krise die Zeit, in der sich der staatsmännische Mut eines SCHMIDT bestens darin bewährt, die "reale Ungleichheit und Un- freiheit" deutlich hervortreten zu lassen, so wünscht das Projekt diesem Staatsmann mehr Mut zur Krise, tritt doch in ihr die "in Prosperitätszeiten zeitweilig verdeckte reale Ungleichheit und Unfreiheit wieder deutlicher hervor" /ebd., S. 66. Eine Regierung müßte man haben, die "gesellschaftliche Arbeit als Systembegriff" versteht, einen Staat, der die Ungleichheit besei- tigt, der er seine Existenz verdankt, einen, der Krisen ein für allemal verbietet! So beweisen BISCHOFF und das Projekt nicht nur an der SPD ihre Liebe zu den Arbeitern in dreifacher, keineswegs liebevoller Weise: Erstens wird ihnen im freudigen Nachweis, daß das Kapital viel schlimmer ist als sie und die bewußtlosen "Traumtänzer" von der SPD sich vorstellen können, ihre Zerstörung durchs Kapital als ihre einzige Hoffnung angepriesen, weshalb zweitens ihnen zugemutet wird, ohne Rücksicht auf sich selbst das Zerstörungswerk, das das Kapital an ihnen betreibt, aktiv zu unterstützen, da nur dies die Hoffnungen des Kapitals auf seine Aufhebung verwirklicht, weswegen sie drittens an ihrem Schaden selbst schuld sind, ist doch das Ausbleiben ihrer bewußten Aktivität der Grund dafür, daß die SPD nur hilflos den status quo befestigen kann: "Die Sozialdemokratie vertritt einerseits in der Arbeiterklasse verbreitete, noch unklare Positionen über die Bedingungen der so- zialen Emanzipation und sie repräsentiert andererseits flickre- formerisch eingestellte Teile der Mittelklassen, die aus Angst, die soziale Bewegung könne zu weit gehen, den Forderungen der Ar- beiterklasse die Spitze abbrechen wollen. Durch diesen immanenten Widerspruch ihrer eigenen sozialen Basis (!) gelähmt, ist sie ge- zwungen eine Politik zu verfolgen, die letztlich (!) auf bloße Befestigung des status quo hinausläuft. Jedesmal, wenn sie sich ein großartiges Reformsystem zur Überwindung der Übel der jetzi- gen Gesellschaftsordnung zu eigen macht, erhebt sich ein Riesen- geschrei ..." /Die Klassenstruktur der BRD 1976, S. 165/. Da jedoch der SPD sich Krise und Prosperität nur darin unter- scheiden, daß sie jeweils unterschiedliche Weisen des Vorgehens gegen Arbeiter erforderlich machen, hat sie das Problem, ob und daß es immer wieder mal Krisen gibt, das das Projekt ihr andich- tet, überhaupt nicht - gerade in der Krise wächst sie mit der Größe ihrer Aufgabe, was jeder an der Unverfrorenheit, wie die SPD-Regierung die fälligen Staatsmaßnahmen für die Unternehmer durchgesetzt hat, sehen kann - und da ihr die Praktizierung ihrer säuischen Politik weder Zeit noch Neigung lassen, über Wertform und höheren Krisenblödsinn zu diskutieren, landet das Projekt nicht bei der SPD - was ihm einen schönen Abgang zur DKP ver- schafft. Das Projekt verfaßt einen Wahlaufruf für die DKP, dessen Hauptar- gument darin besteht, die DKP für wählbar zu halten, w e i l die SPD ringsum versagt hätte. "Die Sozialdemokratie will weiter am Modell Deutschland arbeiten; vorübergehend (es geht alles vorüber, es geht alles vorbei!) müs- sen (!) freilich bestimmte Reformen zurückgestellt, andere Pro- jekte in ihrer Realisierung gestreckt werden. Die beständig abge- predigte Hoffnung auf eine neue Schönwetterperiode für soziale Reformen enthält indes keine Antworten für die anstehenden Schwierigkeiten: Recht auf Arbeit (strukturelle Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit); das Elend der Ausbildungsinstitutionen (Berufsausbildung, überfüllte Klassen und Universitäten), Ko- stenlawine im Gesundheitswesen (Krankenhäuser, Arzthonorare, vor- beugende Gesundheitsvorsorge); Defizite der Rentenversicherungs- träger; Einschränkung der bürgerlichen Grundrechte ... Die Sozi- aldemokratie hat keine politische Antwort auf die anstehenden ökonomischen und sozialen Probleme" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft, S. 159/. Da sich "die Linke", insbesondere das Projekt, "darüber im klaren ist, daß die Erwartung auf bessere ökonomische Zeiten, in denen eine großzügige(!) Reformpolitik praktizierbar wäre, eine gefähr- liche (!) Illusion ist" (ebd. S. 159/, liegt das Versagen der SPD darin, daß diese immer noch der gefährlichen Illusion nachhängt, das Kapital müsse die Arbeiter um schön Wetter bitten, wo doch die Krise allen als Grundmoment der "der wirtschaftlichen Ent- wicklung" klar zu machen wäre. Und so spricht das Projekt aus, worauf es ihm ankommt, wenn es der SPD den Wahnsinnsvorwurf macht, sie würde keine Reformen mehr betreiben: es will die rücksichtslosere Durchsetzung von Reformen gegen die Arbeiter, und die SPD scheint ihm zu schwächlich zu sein, um der Krise des Kapitals gegenüber den Arbeitern Geltung zu verschaffen. Wer aus der Pflicht des Lohnarbeiters, sich aus- beuten zu lassen, ein Recht machen will, hat nichts gegen Ausbeu- tung, aber vieles dagegen, daß das Kapital nicht so ausbeuten können soll, wie es will, was freilich eine Lüge ist, wo die Ar- beitslosigkeit die Überarbeitung der beschäftigten Arbeiter ga- rantiert; wer gegen überfüllte Klassen und Universitäten ist, dem sind die praktizierten Mittel, diesen Zustand zu ändern, wie etwa verschärfte Selektion in der Ausbildung, numerus clausus etc. nicht effektiv genug; wer sich Gedanken über die Kosten macht, die dem Staat (der sie deswegen noch lange nicht trägt) die Zer- störung der Gesundheit der Arbeiter durchs Kapital macht, will auf Kostensenkung zu Lasten der Arbeiter hinaus, dem reichen die Maßnahmen zur Einschränkung des Krankenhausbetriebes und zum Ab- bau der Gesundheitsfürsorge nicht aus; wer sich um das Defizit kümmert, das die Renten dem Staatssäckel reißen (weil die Renten- beiträge anderswo gelandet sind), der will diesen von einer sol- chen Last auf Kosten der Arbeiter befreit sehen; und wer die Ein- schränkung der bürgerlichen Grundrechte beklagt, der wünscht nichts als den uneingeschränkten Einsatz der Grundrechte, die die Beschränkung der Bürger sind. Hieraus ergibt sich, warum dem Projekt die SPD, deren Ziele sie vertritt, nicht wählbar erscheint und worin die vielberufene Hilflosigkeit bestehen soll: die SPD setzt das, was auch ein Pro- jekt gegen Arbeiter durchgesetzt sehen will, einfach gegen diese durch, ohne die Notwendigkeit dieser Politik als das allererste Interesse der Arbeiter auszugeben. So kann man auch wissen, was "die Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses" durch die Wahl der DKP bedeutet: der DKP traut man zu, daß sie sich bei der Durchsetzung der notwendigen Effektivität und Rationalität der Sachzwänge, die der Weg aus der Krise und die Sanierung des öf- fentlichen Haushalts mit sich bringen, mehr um die Interessen der Arbeiter bemüht - und das sagt einiges über diese Partei aus. In Italien rettet die Bruderpartei auch die Nation, ohne zu ver- schweigen, wer dafür Opfer bringen muß. Und daß es um den aktiven freiwilligen Selbstvollzug des Zwangs geht, den das Kapital auf die Arbeiter ausübt, beweist der Wahl- aufruf, indem er diesen Zwang zur ökonomischen Sachnotwendigkeit erklärt: "Die BRD steht wie die meisten Metropolen des Kapitals vor einer Periode verschärfter Klassenkämpfe. Die ökonomischen Fakten sind erdrückend: das gesamtwirtschaftli- che Produktionsniveau hat Mitte 1976 zwar wieder den Stand von 1974, unmittelbar vor Beginn des wirtschaftlichen Abschwungs, er- reicht, doch wird dieses Produkt der jährlichen Arbeit von einer um rund 1 Million dezimierten Zahl produktiver Arbeit geliefert" (tant mieux!). "Der Druck des offiziellen und inoffiziellen Pau- perismus einerseits und der von der unbezahlten Arbeit der pro- duktiven Arbeiter lebenden Mittelklassen andererseits auf die so- ziale Lage der Arbeiterklasse hat sich verstärkt. Von einem Über- gang in eine neue Phase der Prosperität, in der alle Momente des kapitalistischen Produktionsprozesses bis aufs äußerste ange- spannt sind, kann keine Rede sein. Eine durch einen Ersatz eines Teils des fixen Kapitals der Gesamtgesellschaft eingeleitete Aus- dehnung der Stufenleiter der Produktion - in deren Gefolge eine Reintegration der industriellen Reservearmee stattfindet - zeich- net sich nicht ab. Statt beschleunigter Akkumulation des gesell- schaftlichen Gesamtkapitals machen sich bereits jetzt die auf der gegenwärtigen Basis der Produktion gesetzten Schranken der pro- duktiven und individuellen Konsumtion, d.h. der zahlungsfähigen Nachfrage geltend. Die Überwindung dieser Schranken durch Ausdeh- nung der Produktion für den Weltmarkt erweist sich als unmöglich, da die Gleichartigkeit der ökonomischen Situationen in den Metro- polen des Kapitals selbst zu einer verschärften Konkurrenz auf dem Weltmarkt führt" /ebd., S. 168/. So zeigt sowohl die Unverfrorenheit, mit der die Durchsetzung der Krise auf dem Rücken der Arbeiter als Aufschwung des proletari- schen Klassenkampfs gefeiert wird, wie das geile Interesse an ei- ner "neuen Phase der Prosperität, in der alle Momente des kapita- listischen Produktionsprozesses aufs äußerste angespannt sind" und die anteilnehmende Sorge an den Schwierigkeiten des Kapitals auf dem Weltmarkt, welchem Standpunkt sich dieser Aufruf ver- dankt. Es sind Parteigänger des Imperialismus, die sich als Par- teigänger der DKP zu erkennen geben, was einiges über eine Partei erklärt, die sich solchen einen Wahlaufruf gefallen läßt. Bei diesem Ausgangspunkt kann das zweite Argument nicht fehlen: ein Wahlaufruf mit dem sinnigen Fragezeichen "DKP wählen?" stellt sich gegen die DKP, um ihre Wählbarkeit zu propagieren. W e i l das Projekt nur Vorbehalte gegen die DKP hat, fordert es zur Wahl dieser Partei auf. "Gewiß, die DKP wird die Fünf-Prozent-Klausel bei den anstehenden Bundestagswahlen kaum überspringen. Mit Blick auf Frankreich oder Italien von den neuen Möglichkeiten zu schwärmen, der sozialen Emanzipation der Arbeiterklasse ein gutes Stück näherzukommen, in der BRD aber angesichts einer zahlenmäßig unbedeutenden und poli- tisch deutlich unbeweglicheren (sich bewegen bringt Segen!) kom- munistischen Partei für die Stärkung der auf dem europäischen Kontinent konservativaten Sozialdemokratie aufzurufen: solches Verhalten ist politische Traumtänzerei. Vorbehalte gegenüber dem politisch-theoretischen Selbstverständnis und der Politik der DKP, die auch wir teilen, legitimieren weder eine Wahlenthaltung noch die Wahl des sogenannten kleineren Übels" /ebd., S. 139 f./. Daß es also eine bedingte Zustimmung ist, bei der es dem Projekt nicht auf die DKP, an deren praktischer Politik sie kein Inter- esse hat und auch nicht beabsichtigt, diese praktisch zu unter- stützen und zu ihrer eigenen zu machen, sondern allein auf sich selbst ankommt, spricht das Projekt damit klar aus. Ausgerechnet ein Wahlaufruf ist ihr das geeignete Mittel, sich bei der DKP in Erinnerung zu bringen. Mit dem übelsten Argument bürgerlicher Politik: wer die Mehrheit hat, hat recht, hält das Projekt der DKP ihre zahlenmäßige Unbe- deutendheit vor, um sich mit der Lüge, die Stärke der eurokommu- nistischen Parteien, an denen dem Projekt eben die S t ä r k e gefällt, beruhe nicht auf deren praktizierter falscher Politik, sondern darauf, die eigene Politik eben mehr als die DKP in die theoretische Meinungsvielfalt innerparteilicher Diskussionen ("Freiheit der Kritik") aufgelöst zu haben, als theoretisches Korrektiv der DKP anzubiedern. Da diese Anbiederung einer Partei gilt, von der BISCHOFF und Konsorten nur zu berichten wissen, daß an deren theoretischer Grundlage manches nicht stimmt (Stamokap etc.) und sie die DKP gleichzeitig nur als theoretischen Haufen betrachten, ist der Inhalt des gesuchten theoretischen Gesprächs mit der DKP auch nicht, die theoretischen Fehler der DKP zu kri- tisieren, um sie zu beseitigen, sondern die Auflösung der Theorie in die Freiheit der Diskussion, um praktische Politik zu verhin- dern. So daß sich die vorbehaltliche Zustimmung zu dieser Partei von seiten eines Projekts erhellt: es ist die Zustimmung zu einer falschen Politik, die die Verhinderung ihrer Ziele schon prakti- ziert (nichtsektiererisch) um ihre Falschheit theoretisch zu ga- rantieren. Wenn die DKP ihre Übereinstimmung mit den Massen die- sen noch agitatorisch nahebringt, wozu sie sich einige Späße ein- fallen läßt, wie die Verteilung billiger Kartoffeln und Protest- männer - allerdings keine Biermänner -, läßt sie das Projekt noch den Gegensatz zu den Massen erahnen, der in diesem Unternehmen steckt, was der DKP den Vorwurf, dogmatisch zu sein, einbringt. So will sie in tätiger Mithilfe, allerdings theoretisch, der DKP das sichern, was sie ihr - mit Palme und Kreisky - wünscht: "Was Palme und Kreisky dem wissenschaftlichen Sozialismus anhän- gen, Romantisierung der Revolution, Elitepartei, Veränderung der Gesellschaft gegen die Anschauungsweisen der Mehrheit der Bevöl- kerung, Beschneidung von politischen Freiheiten, Einschränkung des Handlungsspielraums von anderen politischen Kräften etc. sind nie wesentliche Punkte der politischen Konzeption gewesen. In der Tat - wie Palme weiß - haben die kommunistischen Parteien in Westeuropa Grund, bestimmte dogmatische Prinzipien zu überprüfen. Dies ist ein schmerzhafter Prozeß, auch (!) diese Parteien haben die vergangene Epoche der kapitalistischen Entwicklung nicht un- beschadet überstanden. Aber sie sind dabei; die in Bewegung gera- tenen Massen und die Unfähigkeit und Widersprüche der demokrati- schen Sozialisten werden diesen Prozeß beschleunigen" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 76/. Ein schöner Prozeß, den die Bewegung der Massen da beschleunigen soll! Von ihrer Reaktion auf die Widersprüche des demokratischen Sozialismus erhofft man sich in Berlin also etwas mehr Anerken- nung von seiten der praktizierenden Verfechter des Arbeiter- und Bauernstaates! Innerhalb der Linken der BRD kursiert das Gerücht, das Projekt sei ein "nur" theoretischer Zirkel. Daß dies nicht stimmt, wenn es auch das Interesse dieser Linken zur Genüge kennzeichnet, die weder Wissenschaft noch kommunistische Politik betreibt, belegt nicht zuletzt der Wahlaufruf für die DKP. Weil es dem Projekt auf praktische Wirkungen ihres theoretischen Treibens ankommt, diese allerdings in der Verhinderung und Zerstörung kommunistischer Po- litik bestehen, ist ihr Bemühen um den wissenschaftlichen Sozia- lismus auf dessen Zerstörung als Theorie gerichtet. Und daß es wiederum ein Gerücht ist, die Zustimmung des Projekts zur DKP als Parteinahme für diese Partei zu verstehen, macht BISCHOFF am Preis dieser Zustimmung klar. Während es jedoch im Projekt Leute gibt, denen ihr Geseiche so lieb ist, daß sie die halbherzige Stellungnahme für die DKP als lästige Beschränkung ihres Treibens betrachten, beweist es BISCHOFFs Realitätssinn, unbeirrt an dem zweifelhaften Beifall für die DKP als "der Partei der fortge- schrittensten Teile der Arbeiterklasse" festzuhalten. Denn damit praktiziert BISCHOFF den Bedingungsquark, in den er den wissen- schaftlichen Sozialismus aufgelöst hat. Er braucht für diese Art von theoretischer Nabelschau die Exi- stenz von Arbeiterpolitik: wo kein wissenschaftlicher Sozialismus und wo keine Arbeiterkämpfe, da kein BISCHOFF - und es braucht die Arbeiterbewegung getrennt von BISCHOFF, da dessen praktischer Bezug auf sie die praktizierte Absetzung von ihr ist - die aller- dings dieser wieder nahezubringen ist, geht es doch darum, die Absetzung von den Interessen der Arbeiter als Arbeiterpolitik praktiziert zu sehen. So erklärt die Stellung eines BISCHOFF zur revisionistischen Po- litik, was es mit dem auf sich hat, was das Projekt und die ge- samte Linke bei allen Differenzen als ihre Gemeinsamkeit prakti- zieren: das B e d ü r f n i s nach wissenschaftlichem Sozialis- mus, Arbeiterklasse und kommunistischer Politik. Dieses Bedürfnis ist die praktizierte Gegnerschaft zu wissenschaftlichem Sozialis- mus, Arbeiterinteressen und kommunistischer Politik. Wer sein Be- dürfnis nach Klassenkampf den Arbeitern anbietet, hält am G e g e n s a t z zwischen sich und Arbeitern so fest, daß er ihn l e u g n e t. Er weigert sich, die Interessen der Arbeiter argumentativ g e g e n deren falsches Bewußtsein zu vertreten - und verschafft sich in der Suche nach dem "verborgenen Sinn" der sozialen Bewegung die Genugtuung, daß die Bewegung des Kapitals o h n e sein Zutun ihren Gang geht, so daß er seine Aufgabe in der Bekämpfung all derer wahrnehmen kann. die den "sozialen Pro- zeß" stören. Das Projekt Klassenanalyse diskutiert mit allen Linken, macht al- len denselben Vorwurf (mangelndes Verständnis des wissenschaftli- chen Sozialismus), und verlangt von ihnen, daß sie ihre Theorie und Praxis gegenüber dem "sozialen Prozeß" tunlichst relativie- ren. So wird es nicht ausbleiben, daß ein Projekt, von dem wir wissen, daß es Feind kommunistischer Politik bleiben will, uns die "Inkonsequenz" vorwerfen wird, doch wieder "diskussionsbereit" geworden zu sein, weil es die Begründung unserer Feindschaft nur danach lesen wird, ob oder ob nicht noch Vereinnahmungsmöglich- keiten aufzufinden sind. _____ *) Zitate, soweit nicht anders angegeben, aus: J. BISCHOFF: Ge- sellschaftliche Arbeit als Systembegriff. Über wissenschaftliche Dialektik. Westberlin, 1973. **) Auch diese Verwendung der "Einleitung" aus den Grundrissen (S. 21) verdient schöpferisch genannt zu werden: wo sich MARX mit falschen Abstraktionen bei der Erklärung des Kapitalismus herum- schlägt, meint BISCHOFF gleich, das gesellschaftliche Handeln sei sein Gegenstand nicht gewesen! ***) Als einer, der auch das ENGELS-Zitat in seinem Zettelkasten hat, das den wissenschaftlichen Sozialismus ähnlich verteidigt, indem es die "These" mit der "letzten Instanz" relativiert, die ihr Recht gibt und ein fröhlich W e c h s e l- u n d R ü c k w i r k e n zwischen materieller Produktion und Überbau vertritt, wird BISCHOFF merken, daß wir von dieser Leistung EN- GELS' nichts halten. 4*) Hier können wir uns nicht versagen, auch einmal MARX zu zi- tieren, aber nicht weil wir uns an ihn klammern müßten, um ihm etwas anzudichten: "Der weise Roscher hat ausgeklügelt, daß, wenn Gewisse den Handel als "Vermittlung" zwischen Produzenten und Konsumenten charakterisieren, "man" ebensogut die Produktion selbst als "Vermittlung" der Konsumtion (zwischen wem?) charakte- risieren könne, woraus natürlich folgt, daß das Handelskapital ein Teil des produktiven Kapitals ist wie Ackerbau- und Indu- striekspital. weil man also sagen kann, daß der Mensch nur durch die Produktion seine Konsumtion vermitteln kann (dies muß er tun selbst ohne Leipziger Bildung) oder daß die Arbeit nötig ist zur Aneignung der Natur (was man "Vermittlung" nennen kann), so folgt daraus natürlich, daß eine aus einer spezifischen gesellschaft- lichen Form der Produktion hervorgehende gesellschaftliche "Vermittlung" - w e i l Vermittlung - denselben absoluten Cha- rakter der Notwendigkeit hat, denselben Rang. Das Wort Vermitt- lung entscheidet alles." (K III/336. Anm. 45) 5*) Gegen einen solchen Vorwurf können wir BISCHOFF in Schutz nehmen. Wer solche Sätze wie folgende zustandebringt, ist mit Si- cherheit gefeit vor jedem Angriff, er habe etwas von Ökonomie verstanden: "Der Versuch, anhand einer Interpretation der Marxschen Darstel- lung der ökonomischen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft zu zeigen, daß die Individuen in Verhältnisse gesetzt sind, die ihr Bewußtsein bestimmen, ohne daß sie es wissen (!), käme einer Re- duktion der Klassentheorie auf politische Ökonomie gleich. Zwar stimme die These, daß sich die ökonomischen Kategorien im Bewußt- sein der Beteiligten verkehrt widerspiegeln; aber der Ansatz, durch systematische Rekonstruktion der Stufenfolge in der Wider- spiegelung der ökonomischen Kategorien den Nachweis von der wi- dersprüchlichen Bestimmtheit des proletarischen Bewußtseins zu erbringen... dieser Ansatz sei theoretisch falsch und praktisch gefährlich" (Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, Sonder- heft S. 81). So wenig wir Leuten, deren gemeinsame Sicherheit darin besteht daß es keine Klassen, dafür aber Klassentheorie gibt, erklären, daß Klassen ein Gegenstand der politischen Ökonomie sind, so fällt uns doch auf: erstens, daß der Prolet zwar nicht mit Ak- kord, Arbeitslosigkeit etc. seine Schwierigkeiten hat, dafür aber die ökonomischen Kategorien verkehrt widerspiegelt, was ihn reif für den Psychiater macht, denn er denkt vor der Wertform an die Geldform, ohne es zu wissen, und zweitens daß BISCHOFF und Kon- sorten besagtem Proleten beim Psychiater begegnen könnten, krie- gen sie sich doch über den überflüssigen Nachweis dessen, was sie schon wissen, nämlich daß sich im Bewußtsein der Arbeiter die Marxschen Kategorien nicht koscher abbilden, in die Wolle. 6*) Vielmehr ist es die interessierte Leistung BISCHOFFS', die gewaltige Anstrengung bürgerlicher Wissenschaftler, die bürgerli- che Gesellschaft zur Naturnotwendigkeit zu erklären, indem sie sie als "Gesellschaft" betrachten (also eine Apologie der bürger- lichen Gesellschaft liefern), so zu rechtfertigen, daß diese wahrhaftig zwischen Natur und Gesellschaft nicht unterscheiden könnten. 7*) Hat das Kapital doch Macht über die Arbeiter, weil es deren Bedürfnisse befriedigt: "...so konnte dagegen in seiner weiteren Entwicklung das Kapital die Masse der Lohnarbeiter in das System integrieren, indem mit seiner Entfaltung auch die Entwicklung der Produktivkräfte und die Bedürfnisse der Produktionsagenten, also die Seite zunahm, die seine zivilisatorische Tendenz und auch seine gegenwärtige Macht ausmacht" /Marxistische Gewerkschafts- theorie 1976, S. 160 f./. 8*) Auch hier läßt sich ein Hinweis auf MARX nicht unterdrücken, der bisweilen angedeutet hat, daß er sein "Kapital" nicht für Ökonomen und Soziologen geschrieben hat, ja sogar einmal das Fol- gende bemerkte: "ln dieser Form wird das Werk der Arbeiterklasse leichter zugänglich sein, und diese Erwägung ist für mich wichti- ger als alle anderen." (MEW 23/31) 9*) Daß der Blödsinn, den BISCHOFF in wenigen Worten zusammenfas- sen kann, seinem Interesse, den Kapitalismus als Eldorado zu ver- kaufen, "adäquat" entspricht, zeigt sich nicht nur an folgenden Sätzen: "Denn in der Zirkulation herrscht keinerlei Zwang von irgendwel- cher Seite; die hier vollzogenen Transaktionen unterstellen abso- lute Freiwilligkeit und Freiheit des Individuums. Jeder Warenbe- sitzer hat als unabhängiges Privatindividuum produziert, aus ei- gener Initiative, nur bestimmt durch sein eigenes Bedürfnis (!) und seine Fähigkeiten, weder als Glied eines naturwüchsigen Ge- meinwesens, noch als Individuum, das als unmittelbar gesellschaftliches an der Produktion teilnimmt" (Marxist, Gewerkschaftstheorie 1976, S. 26). Der Kapitalist, der produziert, um ein Bedürfnis zu befriedigen, will erst einmal erfunden sein wenn auch das Lob der Privatinitiative und der Fähigkeiten dieses Menschen schon öfters erwähnt wurde; und daß sich die Handelsfreiheit dadurch auszeichnet, daß "kein Zwang von irgendwelcher Seite besteht", ist auch gut angesichts des gar nicht so unrüden Geschäftslebens und des noch weniger friedlichen Treibens auf dem Weltmarkt; daß aber ein unabhängiges Privat- individuum der Gesellschaft Waren andreht, weil er nicht "Glied eines naturwüchsigen Gemeinwesens" ist und produziert, weil er an der Produktion "nicht unmittelbar gesellschaftlich teilnimmt", ist ein Rätsel, dessen Verständnis wir BISCHOFF überlassen. *** Eine zusammenfassende Würdigung des kritischen Marxismus, dessen kontroverse Unterabteilungen zwar nicht in ihren Absichten, wohl aber in ihren - der bürgerlichen Wissenschaft entlehnten - falschen Argumenten eine vielfältige Einheit von aufgeregt disku- tierenden Marx-Tötern bilden, erfolgt im zweiten Band der Reihe Kritik der bürgerlichen Wissenschaft: "Die linken Kritiker II" zurück