Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Kritik der bürgerlichen Wissenschaft
Juli 1977, Nr. 1
DIE LINKEN KRITIKER
J. Huffschmid
Mit Marx für einen besseren Kapitalismus
H. Reichelt
Marxaustreibung mit Niveau
J. Bischoff
Die Verwandlung des Marxismus in eine Methode. Ein Beitrag zur
Rechtfertigung des Revisionismus
Rote Zellen / Marxistische Gruppen
Herausgeber, Verlag und Vertrieb:
Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher
Literatur, GmbH
8000 München 40 - Amalienstr.67,
Redaktion: Resultate Kollektiv, verantwortlich Anselm Kreuzhage
Druck: Decker/Noe, 852 Erlangen
Die Reihe Kritik der bürgerlichen Wissenschaft analysiert die
Fehler, durch die sich die professionellen Denker auf dem Ge biet
der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nützlich machen.
Damit steht sie im Gegensatz zur "kritischen Wissenschaft", die
sich als alternative Form der Parteinahme für den Kapitalismus
und seine soziale Staatsgewalt ihren Platz neben den konservati-
ven Oden auf die ungemütliche Welt von Freiheit, und Gleichheit
gesichert hat. Denn im Angriff auf F e h l e r mißachten wir
das Dogma der neuzeitlichen Wissenschaftler, daß die Unterschei-
dung von "richtig" und "falsch" ein Dogma und von übel sei. Und
mit der Erklärung des I n t e r e s s e s, dem sich die theore-
tischen Albernheiten verdanken, mißachten wir die diesem Dogma
entsprechende Überzeugung, daß der Fortschritt der Wissenschaft
dadurch zustandekommt, daß möglichst viele Leute aus ihren gegen-
sätzlichen praktischen Interessen eine "Methode", einen "Ansatz"
machen und eine muntere Diskussion über die Aspekte anzetteln,
die sie an der Welt beachtet wissen möchten. Wir halten nichts
von den Tugenden pluralistischer Verkehrsformen, durch die jeder
jeden relativiert, wenn er ihn anerkennt, um seinem eigenen Mist
Beachtung zu verschaffen, haben also ein ziemlich altmodisches
"Verständnis" von Kritik.
Da wir also mit unseren Argumenten auf Übereinkunft dringen und
polemisch gegen entgegengesetzte Argumente und die ihnen zugrun-
deliegenden Interessen auftreten, können wir auf Kritik und Zu-
stimmung nur bei denen rechnen, die das Interesse an der Wahrheit
theoretischer Äußerungen noch nicht verloren haben die es also
leid sind, als "kritische" Politologen, Soziologen, Pädagogen,
Psychologen, Linguisten, Literaturwissenschaftler und Marxisten
an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuwirken.
Inhaltsverzeichnis
Mit Marx für einen besseren Kapitalismus - J. Huffschmid
Marxaustreibung mit Niveau - H. Reichelt
Die Soziologisierung des Marxismus - J. Bischoff
J. HUFFSCHMID
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Mit Marx für einen besseren Kapitalismus
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"Die ganze Theorie dieser Schule besteht in endlosen Unterschei-
dungen zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Prinzipien und
den Resultaten, zwischen der Idee und der Anwendung, zwischen dem
Inhalt und der Form, zwischen dem Wesen und der Wirklichkeit,
zwischen dem Recht und der Tatsache, zwischen der guten und der
schlechten Seite." Karl Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4 S.
142
Mit Marx für einen besseren Kapitalismus
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Die Leistung des Bremer Ökonomen J. Huffschmid
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Der marxistische Ökonom
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Der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb ist seit einiger Zeit um
eine neue contradictio in adiecto bereichert: um den marxisti-
schen Ökonomen. Ein bedeutender Vertreter dieser Spezies ist Jörg
HUFFSCHMID. Als marxistischer Ökonom besteht seine Tätigkeit
darin, sich von der Zunft der Ökonomen abzusetzen zu denen er ge-
hört: ihm mißfällt die Art und Weise, in der die ökonomische Wis-
senschaft ihren Gegenstand bisher behandelt hat. HUFFSCHMID kri-
tisiert an der herrschenden Wirtschaftswissenschaft sie sei
"gesellschaftlich interessengebunden", und belegt dies mit den
praktischen Vorschlägen, die die Ökonomen der Bundesregierung in
der Krise machen: weil sie
"die private Investitionsneigung als Motor aller wirtschaftlichen
Entwicklung akzeptieren" (1)
haben ihre Vorschläge eine Wirkung, die HUFFSCHMID nicht paßt:
sie benachteiligen die Arbeiter in der Krise.
HUFFSCHMID gedenkt sich also nicht mit den theoretischen Aussagen
der bürgerlichen Ökonomen auseinanderzusetzen oder gar ihre Feh-
ler nachzuweisen. Ihm genügt es, die Einstellung seiner Gegner zu
denunzieren: sie akzeptieren etwas, das ihm gar nicht gefällt;
die Investitions n e i g u n g hat es ihnen angetan, während
HUFFSCHMID von einem solchen Motor der wirtschaftlichen Entwick-
lung nichts hält. Ob Neigungen tatsächlich die wirtschaftliche
Entwicklung bestimmen, ist für diesen Kritischen Wissenschaftler
nicht das Problem; die falsche Erklärung der kapitalistischen
Produktionsweise, in die sich das Interesse bürgerlicher Wissen-
schaftler an dieser Stelle kleidet, lohnt für HUFFSCHMID nicht
der Argumentation, wenn sich doch das Interesse auch ohne ge-
naueres Hinsehen als das der Gegenseite ausmachen läßt. HUFF-
SCHMID ist erhaben über alle Besserwisserei, er bescheidet sich
mit der Einsicht, daß die Argumente seiner Gegner für s e i n e
Zwecke unbrauchbar sind. Die "Investitionsgebundenheit" ihrer
Traktate ist für ihn lediglich Anlaß, sein Interesse in die Form
einer a l t e r n a t i v e n Volkswirtschaftslehre zu verwan-
deln. Er setzt der Theorie, die dem Kapital nützt, eine andere
gegenüber, die den Arbeitern nützen soll, und erhofft sich von
dieser entsprechende praktische Wirkungen. Den Kapitalismus so
darzustellen, daß er sich um der Lösung s e i n e r Probleme
willen auf einen anderen Umgang vor allem mit den Arbeitern be-
sinnen m u ß, erweist sich dabei als gar nicht so leichte Sa-
che.
Seine Bescheidenheit gebietet HUFFSCHMID auch, darauf hinzuwei-
sen, daß er nicht der erste ist, der sich einerseits mit Ökonomie
befaßt, andererseits Parteigänger der Arbeiterklasse sein will:
sein doppeltes Anliegen entdeckt er an MARX und seiner Theorie,
allerdings mit einigem Vorbehalt. Mit HUFFSCHMID's Berufung auf
die Marxsche Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise geht
eine Distanzierung von seiner Theorie einher, die - vorgetragen
als Ergänzungsbedürftigkeit, als Hinweis auf Versäumnisse bei
MARX - einige Zweifel daran aufkommen läßt, ob es HUFFSCHMID um
dasselbe zu tun ist wie dem alten MARX. Dieser ist nämlich für
den marxistischen Ökonomen nicht umstandslos brauchbar - gerade
die für ihn vordringliche Aufgabe einer Theorie des Monopols hat
MARX nicht gelöst, ja, es ist sogar zweifelhaft, ob seine Erklä-
rung des Kapitalismus eine solche Theorie zuläßt:
"Bei Marx findet sich keine ausformulierte Theorie der Monopole
als wesentliche Faktoren und Produkte der kapitalistischen Ent-
wicklung, was die Frage aufwirft, ob Monopole überhaupt auf der
Basis der Marxschen Theorie erklärbar sind." (2)
HUFFSCHMID sagt, was seiner Meinung nach Monopole s i n d, kon-
statiert, daß MARX sie so n i c h t erklärt hat und bezweifelt
deshalb gleich, daß sie überhaupt mit seiner Theorie erklärt wer-
den können. Diese Bezweiflung ist das Mittel, mit dem HUFFSCHMID
sich MARX für seine Zwecke zurechtmacht. Die Mängel seiner Theo-
rie sind HUFFSCHMID nicht etwa Anlaß, sie dann als Grundlage der
eigenen Tätigkeit fallenzulassen, er erhält sich MARX als Beru-
fungsinstanz indem er ihn uminterpretiert. HUFFSCHMID untersucht
die Marxsche Theorie kritisch daraufhin, ob sich m i t ihr
nicht doch das erklären läßt was sie seinem Urteil nach nicht er-
klärt:
"In den folgenden Überlegungen werde ich zu zeigen versuchen, daß
und wie der Begriff des Monopols in der Marxschen Analyse des Ka-
pitalismus a n g e l e g t ist und sich aus ihr entwickeln
läßt." (3)
- es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich aus einer Theo-
rie nicht etwas anderes mache ließe, als sie ist.
Zu diesem Zwecke verwandelt HUFFSCHMID die im "Kapital" gelei-
stete Erklärung des Kapitalismus in dessen Nichterklärung:
"...es ist notwendig, über die Bestimmungen des allgemeinen We-
sens des Kapitalismus hinaus - die von Marx im 'Kapital' weitge-
hend (!) geleistet worden sind - eine konkrete historische Etap-
penbestimmung wissenschaftlich zu erarbeiten auf der konkrete
strategische und taktische Bestimmungen aufbauen können." (4)
HUFFSCHMID's Berufung auf MARX erweist sich als handfeste Be-
schimpfung: seine ganzes Leben lang hat dieser Typ im British Mu-
seum gehockt und über den Kapitalismus nachgedacht und hat nicht
mehr zuwege gebracht als eine auch noch unvollständige Ansammlung
abstrakter Begriffe, mit denen sich für die Erklärung der Reali-
tät nichts anfangen läßt. Und das allgemeine Wesen des Kapitalis-
mus, das er da entdeckt hat, ist auch offensichtlich gar nicht
das Wesen des K a p i t a l i s m u s, da es die Zwecke HUFF-
SCHMID's nicht befriedigt: HUFFSCHMID will eine k o n k r e t e
historische E t a p p e n bestimmung, die sich n i c h t aus
der Erklärung des Kapitalismus ergibt. Um sich also MARX als
Kronzeugen erhalten zu können, obwohl er die Theorie nicht lie-
fert, die HUFFSCHMID braucht, verwandelt er die Marxsche Theorie
in ein außerhalb der Realität erfundenes Gedankengebäude und ver-
kündet die Absicht, dieses Gedankenkonstrukt weiterzuentwickeln.
Und weil die Weiterentwicklung von Gedankenkonstrukten eben
selbst wieder Gedankenkonstrukte produziert, betont HUFFSCHMID,
daß s e i n e Weiterentwicklung der Marxschen Theorie auch
keine Erklärung des Kapitalismus erbringen wird:
"Dabei wird es sich in der Hauptsache um allgemeine Überlegungen
handeln, die zum Zwecke (!) der wissenschaftlichen Erfassung kon-
kreter historischer Realität noch nicht in ausreichendem Maße
theoretisch ausgeleuchtet und differenziert sind. Sie sollen
vielmehr die zentralen begrifflichen Schritte bestimmen, die von
der Analyse des allgemeinen Wesens des Kapitals zur Untersuchung
realer historischer Prozesse f ü h r e n." (5)
HUFFSCHMID's Überlegungen s i n d also nicht die wissenschaft-
liche Erfassung von Realität, sondern außerhalb ihrer angestellte
Überlegungen darüber, wie man an diese so heranzugehen hätte, daß
das herauskommt, was seinem vorgängig formulierten Interesse ent-
spricht - und seine begrifflichen Schritte, die nicht die ge-
dankliche Erfassung von Realität sind, "führen" deshalb auch
nicht zu deren "Untersuchung", sondern stellen eine geeignetes
Instrument dar, sich die Realität nach eigenem Geschmack zu-
rechtzumachen. Das Interesse HUFFSCHMID's an der Marxschen Theo-
rie erweist sich als Desinteresse an der Erklärung des Kapitalis-
mus - ihm geht es allein darum, sein Interesse in dieser Theorie
unterzubringen. Zugleich ist es HUFFSCHMID hervorragend gelungen
zu demonstrieren, was ein moderner Marxist ist: es ist jemand,
der sich ständig mit MARX beschäftigt, um aus seiner Theorie et-
was anderes zu machen als sie ist, und der sich deshalb ständig
weigert, den Inhalt der Marxschen Theorie zur Kenntnis zu nehmen,
weil er viel zu sehr damit beschäftigt ist, sie zur Legitimation
des eigenen Standpunktes weiterzuentwickeln, abzuwandeln und zu
bereichern.
HUFFSCHMID's Bereicherung des Marxismus um den eigenen Standpunkt
soll den spezifischen Nutzen bringen den er an der bürgerlichen
Ökonomie vermißt: sie soll Grundlage einer Strategie der Arbei-
terklasse sein. (6) HUFFSCHMID's Urteil über MARX steht also
fest: ohne seine Bereicherung ist die Theorie keine Grundlage ei-
ner solchen Strategie, weshalb man seine Theorie so kaputtzuma-
chen hat, daß sie zu der Grundlage wird, als die man sich auf sie
bezieht. Wenn das der Zweck des ganzen Unternehmens ist, ist auch
das Verfahren klar, mit dem es durchgeführt wird es besteht in
der Kunst, den Inhalt der Marxschen Theorie so abzuschreiben, daß
aus jeder Aussage das wird, was man selbst gern hätte, daß sie es
sei. HUFFSCHMID's allgemeine Begriffe, die er vor seinen geneig-
ten Lesern ausbreitet, sind für seinen Nutzen geschickt zurecht-
gemachte Wiedergaben dessen, was bereits im "Kapital" steht - und
damit das Gegenteil vom "Kapital".
Lob der Arbeit
--------------
Wie jedermann weiß, hat MARX seine Darstellung der kapitalisti-
schen Produktionsweise mit der Analyse der Ware angefangen. Ob-
wohl angenommen werden kann, daß dies etwas mit dem
G e g e n s t a n d zu tun hat, den er dort untersucht, halten
heutige Marxisten dies Vorgehen offensichtlich für den Nachweis
marxistischen Wissenschaftlertums, weshalb sie es sich nicht ent-
gehen lassen, bei jedem Gegenstand, sei es der Staat, die Krise
oder die Frauenfrage, bei der Ware anzufangen. So auch HUFF-
SCHMID, - um die Krise zu untersuchen, fingt er erstmal mit der
Ware an, wobei es ihm gleich gelingt, die Marxsche Analyse so zu-
zurichten, wie er sie braucht.
Nach HUFFSCHMID zeichnen sich "kapitalistische Verkehrsverhält-
nisse" dadurch aus, daß in ihnen
"gesellschaftliche Reproduktion dadurch geschieht, daß Warenbe-
sitzer auf dem Markt miteinander in Kontakt treten und ihre mate-
rielle Versorgung durch Tausch regeln." (7)
Es ist ebenfalls weit verbreitete Weisheit, daß die Marxsche Un-
tersuchung der kapitalistischen Produktionsweise und damit auch
der Ware eine Kritik dieser Produktionsweise ist. Man kann HUFF-
SCHMID deshalb die Bewunderung nicht versagen für seine Leistung,
aus der Marxschen Kritik der Warenproduktion ihr L o b zu ma-
chen. Auch HUFFSCHMID dürfte schon aufgefallen sein, daß die Pro-
duzenten nicht tauschen, weil ihnen dies soviel Spaß macht, son-
dern weil sie sich anders nicht reproduzieren können, und daß die
Warenbesitzer im Tausch nicht ihre materielle Reproduktion
"regeln", sie sich im Gegenteil den Gesetzen des Marktes unter-
werfen müssen, wenn sie ihre Reproduktion sichern wollen.
Dies hindert HUFFSCHMID nicht, an dieser Form der "Regelung" gut
zu finden, d a ß sie eine Regelung ist und mit ihr d i e ma-
terielle Versorgung stattfindet. So verwandelt er die Gesell-
schaftsform, in der jedem Gesellschaftsmitglied die Befriedigung
der Bedürfnisse der anderen nur Mittel für das eigene Bedürfnis
ist, in die friedliche Versorgung aller mit dem, was sie brau-
chen, und vergißt auch nicht hinzuzufügen, wie dieses System nur
funktionieren kann:
"Austausch muß aber (!) prinzipiell Austausch von Gleichwertigem
sein, wenn er ... regulierendes Prinzip der gesellschaftlichen
Reproduktion sein soll." (8)
Besteht die Marxsche K r i t i k an der Warenproduktion gerade
darin, daß in ihr nur das als gesellschaftlicher Reichtum gilt,
was sich als Wert realisieren kann, die Produzenten also über
Gleich w e r t i g e s verfügen müssen, um es gegen das eintau-
schen zu können, was i h r e Bedürfnisse befriedigt, so verwan-
delt HUFFSCHMID diese Tatsache abermals in ein Lob: die Gleich-
wertigkeit sichert, daß der A u s t a u s c h klappt. Ob dabei
die L e u t e zu dem kommen, was sie brauchen, ist ohnehin
egal: Hauptsache, die g e s e l l s c h a f t l i c h e Repro-
duktion funktioniert.
Für die Tatsache, daß diese Gleichwertigkeit auch gewährleistet
ist, weiß HUFFSCHMID auch einen Grund:
"Der Austausch verweist insofern auf eine allen Waren zugrunde-
liegende, sie vergleichbar und damit auch in ihrer Gleichwertig-
keit meßbar machende Substanz den Wert ... Die gemeinsame Sub-
stanz aller Waren ist die menschliche Arbeit, der Maßstab des
Wertes ist die ... durchschnittlich für die Herstellung einer
Ware benötigte gesellschaftliche Arbeitszeit." (9)
Nun ist es keine Besonderheit der kapitalistischen Produktions-
weise, daß alles, was der Mensch so braucht, durch Arbeit herge-
stellt werden muß. Eben deshalb ist diese Feststellung ja auch
keine Erklärung dafür, w a r u m die Produzenten ihre Produkte
als Waren tauschen. HUFFSCHMID macht deutlich, daß er eine Erklä-
rung dieser Tatsachen auch nicht zu geben gedenkt; da ihn das
Funktionieren des Austauschs interessiert, freut er sich darüber,
daß die Arbeit zu diesem Funktionieren beiträgt, weil sie die
nützliche Eigenschaft aufweist, in Zeit meßbar zu sein und so die
Produkte als Werte vergleichbar zu machen.
Damit hat HUFFSCHMID wieder die Marxsche Kritik am Kapitalismus
in dessen Lob verwandelt: angesichts einer Gesellschaft, die die
menschliche Arbeit nicht wegen ihrer Eigenschaft interessiert,
Produkte herzustellen, die die Bedürfnisse der Leute befriedigen,
sondern ausschließlich wegen ihrer Eigenschaft, Wert zu produzie-
ren, und die deshalb ihre eigene produktive Tätigkeit denen, die
produzieren, als Abstraktion von ihren Bedürfnissen aufzwingt,
fällt HUFFSCHMID ein, die Arbeit gerade dafür zu feiern, d a ß
sie Wert produziert, weil sie dadurch die gesellschaftliche Re-
produktion sicherstellt (wie sie dies tut, davon legen die, die
sie verrichten müssen, ja beredtes Zeugnis ab).
Soviel ließ sich den bisherigen Ausführungen HUFFSCHMID's schon
entnehmen: offensichtlich findet er "gesellschaftliche Reproduk-
tion" gut und deshalb auch die Arbeit, weil sie die Grundlage da-
für ist. Allerdings ist das merkwürdige Phänomen festzustellen,
daß HUFFSCHMID in seiner bisherigen Darstellung des Kapitalismus
bisher über ihn nur Positives zu berichten wußte, obwohl doch
sein erklärtes Ziel ist, ihn zu kritisieren. Für dieses Phänomen
gibt es zwei mögliche Erklärungen entweder waren die bisher ent-
wickelten Bestimmungen des Kapitalismus noch gar keine des
K a p i t a l i s m u s - oder zu der beschriebenen
p o s i t i v e n Seite des Kapitalismus kommt noch eine
n e g a t i v e hinzu; womit dann allerdings nicht der Kapita-
lismus kritikabel wäre, sondern eben nur eine Seite an ihm. Die
Leistung von HUFFSCHMID's Theorie ist es, beide Erklärungen auf
sich zu vereinen. Was er am K a p i t a l i s m u s gut findet,
ist die Tatsache, daß in ihm gesellschaftliche Reproduktion mit-
tels Arbeit stattfindet - also gerade das, was den Kapitalismus
von anderen Gesellschaften n i c h t unterscheidet. Die Art und
Weise seiner Kritik am Kapitalismus besteht folgerichtig darin,
daß er von der Marxschen Kritik der F o r m, in der sich die
Leute mittels Arbeit reproduzieren, abstrahiert, um der Tatsache
dieser Reproduktion die Wirkungen, die diese F o r m der Repro-
duktion auf die R e p r o d u k t i o n hat, als ihre negative
Seite entgegenzuhalten. Zu der positiven Seite des Kapitalismus,
daß er eine G e s e l l s c h a f t ist, kommt das Kapitalisti-
sche an dieser Gesellschaft als negative Seite hinzu. So voll-
bringt HUFFSCHMID die Leistung, den Kapitalismus deshalb gut zu
finden, weil er eine Gesellschaft ist und sich g l e i c h-
z e i t i g daran zu stören, daß er als Gesellschaft kapitali-
stisch ist.
Wie HUFFSCHMID dies bewerkstelligt, ist einer anderen seiner
Schriften zum gleichen Thema zu entnehmen. Hier wiederholt er
zunächst sein Lob der Tatsache, daß die Arbeit Substanz des Wer-
tes ist und damit sichergestellt ist, daß
"die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit nach den gesell-
schaftlichen Bedürfnissen geregelt und die Aufrechterhaltung und
Entwicklung d e r materiellen Produktion gewährleistet" (10)
ist (man denke, ohne den Wert würde die gesellschaftliche Repro-
duktion zusammenbrechen!), stellt diesem Lob aber zugleich den
Mangel solcher Regulierung gegenüber:
"gerade... die Regulierung der gesellschaftlichen Reproduktion
durch das Wertgesetz bewirkt (!), daß gesellschaftliche Reproduk-
tion von ihren Agenten nicht als gesellschaftlich geplant,
s o n d e r n als Privatproduktion betrieben wird." (11)
HUFFSCHMID hat es geschafft, die Marxsche Erklärung der Warenpro-
duktion umzudrehen: die Einsicht, daß P r i v a t produktion
die g e s e l l s c h a f t l i c h e Form der Produktion ist,
in der die Produkte menschlicher Arbeit Warenform annehmen, Wert
sind, verwandelt er in die Tautologie, daß das Wertgesetz die
Form der gesellschaftlichen Produktion b e w i r k t, die seine
eigene Grundlage ist. Damit hat HUFFSCHMID die von ihm bisher
vernachlässigte Form der Produktion so in seine Analyse einge-
führt, daß sie im Gegensatz zu ihrem eigenen Inhalt steht:
galt ihm bisher das Wertgesetz als eine Art und Weise, d i e
Produktion zu regeln, so mißfällt ihm nun, daß diese Regelung in
der Form der Privatproduktion, also in seiner eigenen, stattfin-
det. Dieser Gegensatz von "Form" und "Inhalt" kapitalistischer
Produktion leistet HUFFSCHMID fürderhin bei der Unterscheidung
von guten und schlechten Seiten des Kapitalismus gute Dienste und
beweist nebenher, daß unser Motto, zurecht gewählt wurde: mit der
Abstraktion der gesellschaftlichen Reproduktion, die durch Arbeit
zustandegebracht wird und den eigentlichen Inhalt des Kapitalis-
mus ausmacht, i n ihm aber "in verkehrter Form" stattfindet,
gelingt es HUFFSCHMID, den Kapitalismus als das ständige Nicht-
funktionieren dessen zu kritisieren, was er selbst eigentlich
ist. Das Lob der A r b e i t, weil sie die G e s e l l-
s c h a f t erhält ist das Mittel mit dem sich HUFFSCHMID in
seiner Theorie auf den Standpunkt derjenigen stellt, die, weil
sie arbeiten, die positive Seite des Kapitalismus verkörpern -
und die Kritik HUFFSCHMID's am Kapitalismus besteht in dem
Nachweis, daß er deshalb so schlecht funktioniert, weil er
denjenigen schadet, die arbeiten. So gestaltet sich seine weitere
Untersuchung des Kapitalismus recht einfach: sie besteht in der
ständigen Wiederholung des Arguments, daß der Kapitalismus des-
halb ständig schlechter funktioniert, weil er immer mehr Leuten
schadet; in dem Postulat, daß er ihnen doch nützen solle und dem
Nachweis, daß dies auch möglich ist.
Der Profit und seine Folgen
---------------------------
Dafür, daß die Privatproduktion ihre negativen Auswirkungen auf
die gesellschaftliche Reproduktion ausüben kann, fehlen in der
bisherigen Analyse HUFFSCHMID's die Voraussetzungen. Diese kommen
mit dem Geld in die Welt. An dessen Existenz ist allerdings
zunächst nichts Kritikables:
"Die Existenz des Geldes ist n o t w e n d i g, wenn der Aus-
tausch als universelles Reproduktionsmedium fungieren soll" (12)
- und da, wie wir bereits wissen, HUFFSCHMID gegen diese Form der
Reproduktion nichts einzuwenden hat, stört es ihn auch nicht, daß
sich die Reproduktion der Leute an der Quantität Geld bemißt, das
sie haben - wenn der Austausch nur universell funktioniert. HUFF-
SCHMID reproduziert mit der Erklärung des Geldes aus dem, wozu es
da ist, allerdings nicht bloß den Fehler der bürgerlichen Ökono-
mie, das Geld dadurch zu erklären, daß man dessen Brauchbarkeit
feiert. Er erweist sich als würdiger Gegner solcher ökonomischen
Wissenschaft, indem er ihre Fehler für einen anderen Zweck macht:
für ihn ist der Verweis auf den Nutzen des Geldes das Mittel, zu
seiner Kritik am Kapitalismus zu gelangen. Deshalb hält HUFF-
SCHMID der positiven Tatsache, d a ß das Geld die Reproduktion
"regelt", gleich die negative Art und Weise gegenüber, w i e es
das tut: Das Geld
"zerlegt den Akt des unmittelbaren Tauschs ... in die beiden Akte
des Gelderwerbs und der Geldverausgabung, die nicht mehr unmit-
telbar miteinander in Zusammenhang stehen." (13)
Ungeachtet der Tatsache, daß Warenproduktion die Form der Produk-
tion ist, in der n i c h t unmittelbar getauscht wird, das Geld
also auch nichts "zerlegt", macht HUFFSCHMID aus der Marxschen
Analyse von Ware und Geld eine (falsche) Darstellung des Unter-
schiedes von Produktenaustausch und Warenproduktion. So verwan-
delt er die Warenproduktion mittels Geld und die Erklärung des
Geldes aus der Ware in die Benennung seiner Nützlichkeit für den
Austausch. Er eröffnet sich so die Entdeckung, daß Geld auch zu
etwas anderem verwendet wird als zu dem Zweck, den ihm HUFFSCHMID
unterschoben hat:
"Maximale Bedürfnisbefriedigung ist also durch ein Maximum an
Geld ... zu erreichen das Streben (!) der Individuen richtet sich
also primär (!) auf Maximierung des Gelderwerbs." (14)
HUFFSCHMID spricht aus, daß, was die Leute mit dem Geld tun, mit
den Eigenschaften des Geldes nichts zu tun hat. So gelingt es
ihm, an der Nützlichkeit des Geldes festzuhalten und den Schaden
in den Umgang der Leute mit ihm zu legen (wobei ihm anläßlich der
Auflösung des ökonomischen Handelns in Psychologie - "Streben" -
gleich noch einfällt, daß die Leute ja eigentlich andere Sachen
wollen als Geld ...).
Besteht der Nutzen des Geldes darin, daß es für einen funktionie-
renden Austausch notwendig ist, so bestehen seine negativen Wir-
kungen darin, daß es den Leuten, die mit dem Geld umgehen, nicht
um den Austausch geht, sondern um sich. HUFFSCHMID macht aus der
Marxschen Darstellung des Zusammenhangs von Ware und Geld einen
V e r g l e i c h zwischen den nützlichen Funktionen des Geldes
für den Austausch und seinen schädlichen Wirkungen, die Resultat
des Umgangs der Leute mit ihm sind: der schöne Markt kommt da-
durch in Unordnung, daß die Leute mit dem Geld etwas anderes ma-
chen als sie sollten. Ihr Egoismus führt dazu, daß sie sich ein-
fach darüber hinwegsetzen, daß der Austausch doch die Reproduk-
tion der Gesellschaft gewährleisten soll - jeder denkt nur noch
an den eigenen Vorteil:
"Die Handlungen der agierenden Charaktermasken beruhen auf Vor-
stellungen (!), die sich nicht an der optimalen Bedürfnisbefrie-
digung orientieren, sondern an der optimalen Behauptung und Ex-
pansion der eigenen Position." (15)
Am Geld entdeckt HUFFSCHMID also plötzlich das Prinzip, nach dem
die Leute im Kapitalismus miteinander verkehren, die Konkurrenz.
Wie wir bereits bei seiner Untersuchung des Austauschs feststel-
len konnten, hat er allerdings nichts dagegen, daß die Leute ge-
geneinander vorgehen, um sich zu reproduzieren, daß also der Nut-
zen des einen den des anderen ausschließt. HUFFSCHMID mißfällt
das Resultat dieses Prinzips, daß er mit dem Geld gegeben sieht:
daß nämlich manche Konkurrenten sich gegenüber anderen im Aus-
tausch Vorteile verschaffen können. Er konstruiert deshalb einen
Gegensatz zwischen optimaler Bedürfnisbefriedigung und optimaler
Expansion der eigenen Position - leugnet also schlankweg, daß es
den Leuten in der Konkurrenz um ihre Bedürfnisse geht, und be-
hauptet, ihnen ginge es bloß noch darum, gegenüber anderen Vor-
teile zu erringen. Daß jeder in der Konkurrenz an seinen Vorteil
denkt, hat folgerichtig auch nicht seinen Grund darin, daß er da-
mit seine Bedürfnisse befriedigen will, sondern ist Resultat
falscher Vorstellungen: HUFFSCHMID macht aus der Tatsache, daß
die optimale Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen im Kapitalismus
im Widerspruch zur optimalen Bedürfnisbefriedigung aller steht,
ein Produkt falschen Denkens der Leute, dem dann die idealisti-
sche Forderung entgegengehalten werden kann, doch lieber - bei
Beibehaltung der Warenproduktion! - daran zu denken, daß sich
doch alle reproduzieren müssen: wo es um Gerechtigkeit geht, geht
es um Moral.
HUFFSCHMID's Lob der Gerechtigkeit, die darin besteht, daß alle
in gleicher Weise soviel gelten, wie sie über Wert verfügen, ent-
spricht der Kritik der Ungerechtigkeit, die darin besteht, daß
manche dieser gleichen Subjekte über mehr verfügen als andere.
Und diese Ungerechtigkeit hat für die gesellschaftliche Reproduk-
tion unangenehme Folgen - die Produzenten wollen nur noch produ-
zieren, wenn für sie aus der Produktion mehr herausspringt, als
sie vorher hatten:
"Ein Warenproduzent, der für seine Waren auf dem Markt einen be-
stimmten Geldbetrag erzielt, wird daher dieses Geld ... nur dann
wieder zu erneuter Produktion verausgaben, wenn er aus dieser
Produktion mehr erlösen kann, als er an Geld und Arbeitskraft
hineingesteckt hat, wenn er einen P r o f i t auf das veraus-
lagte Geld erhält." (16)
Der Egoismus, der mit dem Geld in die Welt kommt, stört also die
durch den Austausch so gerecht geregelte gesellschaftliche Repro-
duktion. HUFFSCHMID's Kritik am Profit besteht darin, daß er sein
Ideal einer Konkurrenz ohne Benachteiligte verletzt, deshalb kon-
struiert er einen Widerspruch von Äquivalentenprinzip und Profit-
prinzip:
"Kapitalismus als Marktwirtschaft muß einerseits dem Prinzip des
Äquivalentenaustauschs, andererseits dem Profitprinzip gehor-
chen." (17)
HUFFSCHMID ist rührend um das Dilemma des Kapitalismus, das er
ihm unterstellt, besorgt:
wie kann bloß die gesellschaftliche Reproduktion in dieser Ge-
sellschaft funktionieren, ist seine Frage, wenn es doch aufgrund
des Profitprinzips auf dem Markt nicht mehr gerecht zugeht. HUFF-
SCHMID erklärt den Profit aus der V e r l e t z u n g des Aus-
tauschs und macht so aus der Tatsache, daß die Gleichheit der
Leute als W e r t besitzer gerade ihre Verschiedenheit, ihren
Gegensatz einschließt, einen Widerspruch zwischen ihrer Gleich-
heit als Wertbesitzer und deren Folgen: der Profit steht dem Aus-
tausch entgegen, anstatt in ihm seine Grundlage zu haben.
So vollbringt HUFFSCHMID die Leistung, den Übergang vom Geld zum
Kapital in einen gekonnten Trick zu verwandeln, mit dem das Kapi-
tal sein Dilemma löst und beiden Erfordernissen - dem gerechten
Austausch und der Profitproduktion - Genüge getan ist. Da es die
Arbeit ist, die Wert produziert, löst sich das Dilemma dadurch,
daß der, der mehr haben will als der andere, diesen eben für sich
arbeiten läßt:
"Die Arbeitskraft als Träger (!) der lebendigen Arbeit wird vom
Kapitalisten zu ihrem Wert gekauft - das Prinzip der Gleichwer-
tigkeit aller getauschten Güter ist also gewahrt (!); sie schafft
dann durch ihre Verausgabung im Dienste des Kapitalisten einen
Neuwert, der größer ist als der ... zur Erhaltung des Arbeiters
notwendige (!) Wert...; dieser Neuwert wird - wiederum unter Ein-
haltung des Prinzips der Gleichwertigkeit - verkauft und erbringt
einen Geldbetrag, der größer ist als der vorgeschossene." (18)
Die Kunstfertigkeit, mit der es HUFFSCHMID abermals gelingt, MARX
in sein Gegenteil zu verwandeln, sollte nicht mehr überraschen.
Die Ausbeutung des Arbeiters ist laut HUFFSCHMID nicht die Grund-
lage entwickelter Warenproduktion (19), sondern Resultat eines
mit dieser entstehenden Dilemmas der Gesellschaft; und so gilt
ihm der Markt nicht als V o r a u s s e t z u n g der Ausbeu-
tung, sondern der vom Markt geforderte Äquivalententausch stellt
eine Schwierigkeit dar, die vom am Profit interessierten erst
überwunden werden muß, damit er sein Ziel erreichen kann. Der
Kauf der Arbeitskraft durch den Kapitalisten löst die Probleme,
die das Äquivalenzprinzip für den Profit mit sich bringt, da-
durch, daß der Arbeiter mehr Wert produziert, als n o t w e n-
d i g ist, um ihn selbst als Arbeiter zu erhalten:
"Der Profitaneignung als Marktprozeß liegt also die Produktion
von Mehrwert zugrunde, deren Quelle wie die Quelle allen Wertes
überhaupt die menschliche Arbeit ist." (20)
HUFFSCHMID stellt fest, daß die Bezahlung der Arbeitskraft zu ih-
rem Wert die Grundlage der vom Kapital angeeigneten
M e h r arbeit ist. Da es ihm aber um die Gerechtigkeit des Äqui-
valententauschs zu tun ist, findet er an der "furchtbaren Reali-
tät" (21) der W a r e Arbeit nichts zu kritisieren: also an der
Tatsache, daß der Arbeiter als blosser Träger von Arbeitskraft
interessiert, weil der Zweck, dem seine Arbeit zugeführt wird,
Profitproduktion ist; und deshalb auch das von HUFFSCHMID so hoch
geschätzte Prinzip der Gleichwertigkeit seine Reproduktion auf
das beschränkt, was gerade notwendig ist, um diese Arbeitskraft
(sofern sie gebraucht wird) zu reproduzieren. Diese Identität von
Armut des Arbeiters und Verwertung des Kapitals ist HUFFSCHMID's
Sorge nicht: er stört sich an der Aneignung des vom Arbeiter pro-
duzierten z u s ä t z l i c h e n Werts:
"Das Prinzip der Geldvermehrung (!) in der Marktwirtschaft beruht
also auf dem Klasseneigentum von Produktionsmitteln, der Produk-
tion von immer neuen Zusatzwerten (!) durch die Arbeiter und der
Aneignung dieser Zusatzwerte durch die Produktionsmittelbesit-
zer."
und darin besteht nach HUFFSCHMID
"die Ausbeutung der Arbeiter durch das Kapital." (22)
An der Tatsache, daß das Kapital den Arbeiter als sein Mittel an-
wendet, ist ihm allein kritikabel, daß sich die einen immer das
von den Arbeitern z u s ä t z l i c h produzierte a n e i g-
n e n können. Das Resultat dieser Produktion ist das Kritikable
am Kapitalismus: Hatte MARX erklärt, daß die Arbeiter deshalb nur
das Notwendigste zum Leben haben, w e i l sie den Profit produ-
zieren, so macht HUFFSCHMID daraus, daß sie, o b w o h l sie
doch alles produzieren, nur einen Teil abkriegen. Dies "obwohl"
ist die Art und Weise, in der HUFFSCHMID dem Guten am Kapitalis-
mus das Schlechte entgegenhält und so abermals seine Geistesver-
wandtschaft mit dem Herrn erweist, den MARX im "Elend der Philo-
sophie" kritisiert. (23)
HUFFSCHMID hat sein Ziel erreicht, den Inhalt der gesellschaftli-
chen Reproduktion zu loben und ihre Form zu kritisieren: seine
Kritik am Kapital ist das L o b d e r A r b e i t, die das
Kapital produziert, und die Verurteilung der privaten Aneignung
der Ergebnisse dieser Produktion durch die Eigentümer der Produk-
tionsmittel.
Dies einerseits - andererseits setzt HUFFSCHMID bei der Betrach-
tung der kapitalistischen Produktion konsequent fort. An den Me-
thoden, die das Kapital zur Produktion von Mehrwert entwickelt,
findet HUFFSCHMID begrüßenswert, daß sie
"zum mächtigsten Hebel der Entwicklung der menschlichen Produk-
tivkräfte überhaupt geworden" (24)
sind. Ist die Arbeit etwas Gutes, so ist auch ihre Produktiv-
kraftsteigerung Grund zur Freude; HUFFSCHMID bemängelt an dieser
Tatsache dann auch nur, daß von ihr
"in erster Linie (!) die herrschende Klasse profitiert." (25)
Der Leser mag sich wundern, wie denn die Arbeiter - in zweiter
Linie - von der Tatsache ihrer eigenen Ausbeutung profitieren
sollen. Das Geheimnis ist schnell gelüftet: HUFFSCHMID ist einge-
fallen, daß die Arbeiter zu ihrer Reproduktion inzwischen Autos
und Kühlschränke brauchen, und da er an der Tatsache, daß sie
sich als Mittel für das Kapital reproduzieren, ohnehin nichts
auszusetzen hat, gilt ihm solch verbesserter Konsum als i h r
N u t z e n.
Für HUFFSCHMID ist der geringe Nutzen, den die Arbeiter aus ihrer
Arbeit ziehen, also nicht notwendige Konsequenz des Kaufs der
Ware Arbeitskraft, sondern Resultat der ungerechten Verteilung
des von ihnen produzierten Werts. Aber daß die Kapitalisten immer
einen Vorteil gegenüber den Arbeitern haben, weswegen es auch
(man merke die Tautologie) den Arbeitern immer so schlecht geht,
ist ihm gerade wegen seines Gerechtigkeitsideals ein Dorn im
Auge. Und so bleibt HUFFSCHMID bei der bloßen Konstatierung der
Ungerechtigkeit nicht stehen: er weist nach, daß der auf Kosten
der Arbeiter erzielte Vorteil des Kapitals auch für das Kapital
selbst einen Haken hat. Denn weil der Nutzen der Arbeit so un-
gleich verteilt ist, kommt auch die gesellschaftliche Reproduk-
tion in Unordnung, die bisher durch das Wertgesetz so vorteilhaft
geregelt schien:
"In der kapitalistischen Gesellschaft wird die Regulierung des
Reproduktionsprozesses durch das Wertgesetz dadurch verkompli-
ziert (!), daß die Waren nicht als Produkte menschlicher Arbeit,
sondern als Produkte von Kapitalen... ausgetauscht werden." (26)
HUFFSCHMID konstruiert einen Gegensatz zwischen dem Wertgesetz
und der Art und Weise, wie es d i e gesellschaftliche Reproduk-
tion in der Gesellschaft, dessen ökonomisches Gesetz es ist, re-
guliert und setzt so sein Verfahren fort, das Funktionieren des
Kapitalismus als Nichtfunktionieren der gesellschaftlichen Repro-
duktion zu kritisieren. Und damit wird auch deutlich, worin seine
Parteinahme für den Nutzen der Arbeiter besteht: ihr Nutzen ist
deshalb zu gewährleisten, weil dann das Funktionieren der gesell-
schaftlichen Reproduktion gesichert ist. Solange die Arbeit als
Maßstab des Warenwerts diente und so beim Austausch für Gerech-
tigkeit gesorgt war, war dies Funktionieren gewährleistet; aber
das Profitprinzip, das die Benachteiligung der Arbeiter bewirkt,
bringt Unordnung in diesen Zusammenhang. Nicht auf gerechten und
funktionierenden Austausch kommt es den Kapitalen an,
s o n d e r n auf ihre Verwertung: mit solcher Kritik am Kapital
verkommt der Nutzen der Arbeiter diesem Arbeiterfreund zum Mit-
tel, die gesellschaftliche Reproduktion am Laufen zu halten. (27)
HUFFSCHMID's Kritik am Kapital ist also moralisch: rücksichtslos
drängt es nach Profit und denkt nicht daran, daß es doch die Ge-
sellschaft ist, die hier produziert:
"Die grundsätzliche Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Ak-
kumulation besteht im Kapitalcharakter (!) der gesellschaftlichen
Reproduktion, d.h. darin, daß Produktion und Reproduktion, die
gesellschaftlich b e t r i e b e n werden, dem Verwertungszwang
des einzelnen Kapitals unterworfen, daß ihr Ergebnis privat ange-
eignet wird." (28)
Mit der Tautologie, daß der Widerspruch der kapitalistischen Pro-
duktion darin besteht, daß sie kapitalistisch betrieben wird, re-
produziert HUFFSCHMID seine Trennung von Form und Inhalt der ka-
pitalistischen Produktionsweise und macht aus dieser Trennung den
Widerspruch des Kapitalismus: das Kapitalistische an der gesell-
schaftlichen Reproduktion besteht darin, wie die Ergebnisse der
Produktion angeeignet werden. Indem HUFFSCHMID die Produktion
g e s e l l s c h a f t l i c h nennt und ihr die Aneignung ent-
gegenhält, abstrahiert er davon, daß es das K a p i t a l ist,
das hier produziert, und kommt so zu einem Widerspruch zwischen
der Art und Weise, wie das Kapital produziert und wie es über
seine eigenen Produkte verfügt (29). Seine Kritik am Kapital ist,
daß es, obwohl es doch zusammenhängt, seinen Zusammenhang nicht
bewußt herstellt, sondern eben als Kapital:
"Die vielen verschiedenen (!) Einzelkapitale werden nicht in
planvoll arbeitsteiliger Koordination eingesetzt (!), sondern
produzieren isoliert und unabhängig voneinander und konkurrieren
auf dem Markt um den Absatz der produzierten Waren." (30)
Das Ideal, an dem HUFFSCHMID den bestehenden Kapitalismus mißt,
ist aus dieser seltsamen Kritik unschwer erkennbar: offensicht-
lich wünscht er sich einen Kapitalismus ohne Konkurrenz, in dem
die Einzelkapitale sich nicht als Kapital verhalten, sondern sich
zum Wohle des Ganzen "koordinieren" lassen - wir werden später
sehen, von wem. Das Gegeneinander der Wirtschaftssubjekte, das
ihm bei der Betrachtung des Warentauschs noch als Form der Rege-
lung der Reproduktion Anerkennung abverlangte, gefällt ihm beim
Kapital wegen seiner schädlichen Folgen nicht. Denn weil jedes
Kapital nur an sich denkt, bringt es Störungen in die gesell-
schaftliche Reproduktion - Störungen, die zu vermeiden wären,
wenn die Kapitale auf ihren Vorteil verzichten und sich dem In-
teresse aller an einer störungsfreien Gesellschaft unterordnen
würden. Es ist nämlich ihre eigene Rücksichtslosigkeit, die sie
ins Verderben führt: weil jedes Kapital ständig seine Produktion
ausdehnen will, stößt es an die Schranke der verfügbaren Arbeits-
kraft:
"Die Verwertung ständig wachsender und akkumulierter Werte...
verlangt eine ständige Ausdehnung des neu zu produzienden Mehr-
werts dessen Ausdehnbarheit auf der anderen Seite durch die be-
grenzte Verfügbarkeit (!) von mehrwertschaffenden Arbeitskräf-
ten... sowie durch die begrenzte... Ausbeutbarkeit verfügbarer
Arbeitskräfte beschränkt ist." (31)
Auch hier wieder produziert HUFFSCHMID durch täuschend ähnliche
Paraphrasierung von MARX das Gegenteil seiner Erklärung. Aus der
Tatsache, daß der Lohn für die Arbeit, mittels derer sich das Ka-
pital verwertet, für das Kapital Kosten darstellt, es daher ver-
sucht, aus möglichst wenig Arbeitern möglichst viel Arbeit
rauszuholen, macht HUFFSCHMID das Problem der Verfügbarkeit von
A r b e i t s k r ä f t e n. Daß es zu wenig Arbeiter gibt, ist
allerdings nie die Sorge des Kapitals, sondern daß deren Arbeit
im Verhältnis zum Gewinn dem Kapital zu teuer wird - und ihre be-
grenzte Ausbeutbarkeit besteht für das Kapital infolgedessen auch
nur darin, daß mit der gesteigerten Ausbeutung der Arbeitskraft
auch die Kosten steigen, die das Kapital aufbringen muß, um sich
die Arbeiter zu erhalten. Und es ist kein Geheimnis, daß das Ka-
pital diesen Widerspruch auf dem Rücken der Arbeiter austrägt:
Mit der Einsparung von Arbeitskräften produziert es sich selbst
die überschüssige Arbeiterbevölkerung, mit der die gestiegenen
Löhne wieder auf das für das Kapital brauchbare Maß gedrückt wer-
den.
HUFFSCHMID aber will nachweisen, daß die Art und Weise, in der
das Kapital die Arbeit als sein Mittel benutzt, dem Kapital
selbst schadet - und so vergißt er vor lauter Sorge um das Funk-
tionieren der gesellschaftlichen Reproduktion den Nutzen der Ar-
beiter ganz. Seine Kritik gilt nicht der Tatsache, daß die Aus-
beutung der Arbeiter dem Kapital nur deshalb zur Schranke wird,
weil sie ihm Kosten verursacht, sondern den Folgen dieser Tatsa-
che für das Funktionieren der gesellschaftlichen Reproduktion.
Die Maßlosigkeit der Ausbeutung der Arbeiter produziert die Krise
- und um diesen Widerspruch des Kapitals ist es HUFFSCHMID nicht
etwa deshalb zu tun, weil das Kapital ihn auf Kosten der Arbeiter
löst, sondern weil dadurch die gesellschaftliche Reproduktion
durcheinandergebracht wird. Die Profitproduktion fuhrt zur Krise
und liefert HUFFSCHMID den Beweis für seinen Widerspruch des Ka-
pitalismus: die Rücksichtslosigkeit des Kapitals führt zum Nicht-
funktionieren der gesellschaftlichen Reproduktion, und die Lösung
d i e s e s Widerspruchs ist nicht das Austragen des Klassenge-
gensatzes durch die Arbeiter, sondern der Verzicht des Kapitals,
sich gegen sie durchzusetzen.
Von der Krise zum Monopol
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Daß die Krise ihren Grund in der P r o f i t produktion hat, ist
HUFFSCHMID noch lange nicht Anlaß, sie auch aus der Profitproduk-
tion zu erklären. Ist seine Kritik an der Produktion von Profit
die Verteilung des Produktionsergebnisses, so ist es nur konse-
quent, wenn er diese falsche Verteilung auch als Grund der Krise
bestimmt. HUFFSCHMID löst die Krise auf in zwei Krisen: einer-
seits
"zeigt sich die Überakkumulation als Krise in der Produktion von
Mehrwert, wenn aufgrund der starken Nachfrage nach Arbeitskräften
die Löhne so stark... steigen, daß der als Profit... verfügbare
Teil des Neuwerts zu klein wird..."
andererseits
"zeigt sie sich als Krise der Realisierung von Mehrwert, wenn
aufgrund der n i e d r i g e n Löhne der Teil des Neuwerts, der
als Lohn gezahlt wird, zwar so niedrig ist, daß der Mehrwertan-
teil... ausreichend hoch ist, wegen der geringen Kaufkraft der
Bevölkerung die Waren aber nicht abgesetzt werden können." (32)
Eine Krise gibt es also einerseits dann, wenn die Löhne zu hoch,
andererseits, wenn sie zu niedrig sind - woraus HUFFSCHMID mit-
nichten den Schluß zieht, daß es dieselben Löhne sind, die dem
Kapital als Kosten zu hoch, ihm aber als Kaufkraft zu niedrig
sind. Die Tatsache, daß steigende Löhne für das Kapital sinkende
Verwertung bedeuten und sie dies gerade als Nichtabsetzbarkeit
ihrer teurer gewordenen Waren erfahren, löst HUFFSCHMID auf in
zwei entgegengesetzte Gründe der Krise und gewinnt so wieder sei-
nen Standpunkt: sind zu hohe Löhne Grund der Krise, so beweist
dies die Unvernunft eines Systems, in dem die einen ihr Einkommen
nicht durch den Anstieg der Einkommen der anderen beschränken
lassen wollen, auf ihrem hohen Profit beharren und so sich selbst
schaden - als wäre es nicht das Interesse des Kapitals, für das
Mittel, mit dem sie ihren Profit machen, möglichst wenig zu be-
zahlen! Sind hingegen zu niedrige Löhne Grund der Krise, so ist
es sogar im wohlverstandenen Interesse des Kapitals, sie steigen
zu lassen - kann es sich doch so selbst den Weg zur Absetzbarkeit
seiner Waren bahnen. Die Auflösung des Gegensatzes von Kapital
und Arbeit in die Auseinandersetzung um die zweckmäßige Vertei-
lung des Neuwerts führt zu der perfiden Behauptung, es würde dem
Kapital schaden, wenn es die Arbeiter ausbeutet - woraus nur der
Schluß gezogen werden kann, daß das Kapital sein Interesse am
Profit verfolgt, ohne zu wissen, wie dieser am besten zu machen
ist. Folgerichtig schließt sich HUFFSCHMID mit seinem Urteil über
die Krise dem Chor aller marxistischen Ökonomen an:
"Kapitalistische Krise ist die Unfähigkeit (!!) des Kapitals,
sich zu verwerten." (33)
Ist HUFFSCHMID's Kritik an der Profitproduktion die, daß sie zu
einer Verteilung des Produktionsergebnisses führt, die die ge-
sellschaftliche Reproduktion in Unordnung bringt, so gilt ihm die
Krise als Beweis dafür, daß das Kapital in der Krise nicht funk-
tioniert. Der Fehlschluß, dem sich dieses Urteil über die Krise
verdankt, nimmt seinen Ausgang bei der Feststellung, daß in der
Krise Entwertung von Kapital stattfindet - und da das Funktionie-
ren des Kapitals in seiner Verwertung bestehe, könne doch die
Entwertung nur Nichtfunktionieren bedeuten. Allerdings stellt
HUFFSCHMID selbst fest, daß das Kapital gerade durch die schran-
kenlose Ausbeutung der Arbeiter in die Krise kommt; das Sinken
des
"dem Kapital zur Aneignung verfügbaren Profits führt zu... Ein-
schränkungen oder Einstellungen der Produktion..., zu Unterneh-
menszusaunmenbrüchen..., Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der
Lage der Werktätigen",
und dies Sinken des Profits ist
"F o l g e der durch Akkumulation produzierten Überakkumula-
tion." (34)
HUFFSCHMID spricht auch selbst aus, daß das Fungieren des Kapi-
tals in der Krise in nichts anderem besteht als in dem, was es
auch in der Prosperität tut: wie in der Prosperität ist das Mit-
tel für den Profit die Ausbeutung der Arbeiter, und die
"Verschlechterung der Lage der Werktätigen" ist gerade das Mit-
tel, den Aufschwung wieder in Gang zu bringen - eine auch HUFF-
SCHMID nicht unbekannte Tatsache (was ihn allerdings nicht hin-
dert, dem Kapital den Einsatz anderer Mittel vorzuschlagen):
"Dieser Prozeß dauert so lange, bis die Mehrwertmasse durch die
Disziplinierung der Arbeiterklasse so weit gesteigert und der
Wert des Gesamtkapitals... so weit verringert sind, daß die Ver-
wertungsbedingungen für das noch (!) fungierende Kapital sich
verbessern... und der Aufschwung einsetzt." (35)
Daß dies das Funktionieren des Kapitals in der Krise ist, hält
HUFFSCHMID nicht davon ab, zu behaupten, daß es nicht funktio-
niert, wozu ihm der gleiche Fehler dient, der ihm schon zu seiner
Kritik des Profits verholfen hat: war dort nicht die
P r o d u k t i o n des Profits, sondern die aus ihr resultie-
rende V e r t e i l u n g das Kritikable, so ist hier auch
nicht das H a n d e l n des Kapitals, sondern dessen unter-
schiedliche W i r k u n g e n in Prosperität und Krise Anlaß
zum Verteilen von Lob und Tadel. Solange die gesellschaftliche
Reproduktion mittels des Kapitals funktioniert, hat HUFFSCHMID
gegen diese Produktionsweise nichts einzuwenden; ihn stört, daß
in der Krise die Produktion in Unordnung gerät und die Arbeiter
noch weniger Nutzen aus ihrer Ausbeutung ziehen als sonst. Des-
halb gelten ihm die unterschiedlichen Wirkungen des gleichen Han-
delns des Kapitals als Beweis dafür, daß das Kapital mal funktio-
niert und mal nicht - und damit als Beleg für die Behauptung, daß
das Kapital unfähig sei, seine eigenen Prinzipien durchzusetzen.
Mit der Störung der gesellschaftlichen Reproduktion sind für
HUFFSCHMID die negativen Wirkungen der Krise nicht erschöpft. Da-
durch daß, wie schon entwickelt jedes Kapital nur an sich denkt,
werden diese negativen Wirkungen noch potenziert. Jedes Kapital
versucht in der Krise, die eigene Haut zu retten und vergrößert
so das Chaos:
"Der Verlust für die Gesamtklasse ist unvermeidbar und vom über-
geordneten Standpunkt des Gesamtkapitals auch zu begrüßen (!).
Diesen übergeordneten Standpunkt gibt es aber in der Realität
nicht, und so führen die insgesamt herrschenden Verwertungs-
schwierigkeiten zur Verschärfung der Konkurrenz." (36)
HUFFSCHMID bemängelt, daß es niemanden gibt, der, wenn es schon
Verluste geben muß, nicht dafür sorgt, daß diese in geordneten
Bahnen gemacht werden, also nicht gewährleistet, daß das Kapital
sich für d i e Gesellschaft einsetzen läßt. (Weil er sich
selbst auf den Standpunkt eines arbeiterfreundlichen Staates
stellt, leugnet er glatt, daß der existierende Klassenstaat sei-
nen "übergeordneten Standpunkt" sehr wohl praktiziert!) Die Folge
davon ist nämlich, daß sich in der Konkurrenz manche Kapitale
besser durchsetzen können als andere:
"Entwertung und Vernichtung sind keine die verschiedenen Einzel-
kapitale gleichmäßig betreffenden Vorgänge" (37)
stellt HUFFSCHMID fest und kritisiert damit an der Krise, daß ihr
Ergebnis eine abermalige Einschränkung der schon durch das Pro-
fitprinzip bedrohten Gerechtigkeit ist. Die Tatsache, daß alle
Kapitale das gleiche Mittel benutzen, um aus der Krise zu kommen,
die Ausbeutung der Arbeiter, nimmt HUFFSCHMID zum Anlaß, die Ge-
rechtigkeit des Kapitalismus daran zu messen, ob alle auch in der
Anwendung dieses Mittels den gleichen Erfolg haben, und belegt
das Nichtfunktionieren des Kapitalismus eindrucksvoll mit dem
Nachweis, daß einige Kapitale sich in der Konkurrenz besser
durchsetzen können als andere und den schwächeren dadurch Nach-
teile entstehen. War mit der gleichmäßigen Verteilung des Profits
auf alle Kapitale (38) das Funktionieren des Kapitalismus wenig-
stens noch halbwegs gewährleistet, so führen nun die Krisen dazu,
daß die Vorteile der einen Kapitale gegenüber den anderen ständig
wachsen, so daß sich schließlich die großen Kapitale herausbil-
den, die HUFFSCHMID zum Gegenstand seiner Selbstdarstellung als
marxistischer Ökonom erkoren hat: die M o n o p o l e. (39)
Das Kapital - je größer desto schlimmer
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Die Kritik HUFFSCHMID's am Kapitalismus besteht, wie wir gesehen
haben, in dem Nachweis, daß er desto schlechter funktioniert, je
ungerechter es in ihm zugeht. Infolgedessen bleibt er nicht bei
der Kritik der Folgen stehen, die die Verteilung des Produktions-
ergebnisses zwischen Kapitalisten und Arbeitern hat; auch die un-
gleiche Verteilung des Profits auf die Kapitale dient ihm als Be-
leg dafür, daß der Kapitalismus immer schlechter funktioniert,
weil die Produktion immer gesellschaftlicher, die Aneignung immer
privater wird und deshalb die Verteilung des gesellschaftlichen
Reichtums immer ungerechter. Die Tatsache, daß die Kapitale immer
größer werden, dient HUFFSCHMID zum Beweis, daß sie immer mehr
Leuten schaden und der Kapitalismus deshalb immer weniger in der
Lage ist, d i e gesellschaftliche Reproduktion zu gewährleisten
- und die ganze Monopoltheorie besteht in nichts anderem als dem
langatmigen Hin- und Herwenden der schlechten Wirkungen, die die
großen Kapitale auf die Gesellschaft haben. Sie ist damit
zugleich Beleg für die Verkommenheit eines Marxismus, dem es um
nichts anderes zu tun ist als sich darüber den Kopf zu zerbre-
chen, ob nicht manche Kapitale mehr von der Ausbeutung der Arbei-
ter haben als andere. (40)
Wie die Kritik HUFFSCHMID's an den Monopolen durchgeführt wird,
ist damit klar. Da ihn die Wirkung der Monopole auf die gesell-
schaftliche Reproduktion interessiert, stellt er die positive
Seite des Monopols, daß mit ihm gesellschaftliche Reproduktion
stattfindet, dar, um daran nachzuweisen, daß die Reproduktion des
M o n o p o l s im Widerspruch steht zu der der G e s e l l-
s c h a f t.
Der Vorteil, den das Monopol aufzuweisen hat, ist der, daß es die
schon von gewöhnlichen Kapitalen geleistete Produktivkraftent-
wicklung noch verstärkt, sie
"in einem historisch einzigartigen Maße vorantreibt." (41)
Der Mangel dieser Produktivkraftentwicklung des Kapitals ist, daß
sie in kapitalistischer Form stattfindet:
"Die Gesellschaftlichkeit (!) der Produktion ... erscheint in
diesem Prozeß allerdings nicht als Resultat kooperativer gesell-
schaftlicher Planung, sondern vermittelt, indirekt und in ver-
kehrter Form, als Wachstum individueller Kapitale in der Konkur-
renz." (42)
Mit der Kennzeichnung des Wachstums der Kapitale als verkehrte
Erscheinungsform der (!) Gesellschaftlichkeit hat HUFFSCHMID sei-
nen Widerspruch von Form und Inhalt kapitalistischer Produktion
noch einen Schritt weiter entwickelt: Form und Inhalt stehen
nicht bloß im Widerspruch, sondern eigentlich ist die Form gar
nicht die Form des Inhalts, der schon in ihr drinsteckt: die Re-
alität ist eine bloß falsche Weise, etwas Richtiges zu tun. Weil
HUFFSCHMID Gesellschaft überhaupt gut findet - schließlich repro-
duziert sie sich durch Arbeit - gilt ihm die Realität dieser Ge-
sellschaft nur als verkehrte Erscheinungsform dessen, was sie
selbst eigentlich schon ist. Mit dieser gedanklichen Anstrengung,
mit der HUFFSCHMID von der Differenz von Wesen und Erscheinung
zum Gegensatz von Realität und Fiktion gelangt, gelingt es ihm,
das, was die Monopole tun, vom Standpunkt dessen, wofür dies eine
Bedingung ist, zu begrüßen:
"Insofern (!) aber (!) weitere Entwicklung der Produktivkräfte...
von der Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion... abhängen,
bildet die Größe individueller Kapitale... tatsächlich (!) eine
gesellschaftliche Bedingung für die Weiterentwicklung der Produk-
tivkräfte - die damit (!) in der Form der monopolistischen Expan-
sion stattfindet." (43)
Weil HUFFSCHMID die Entwicklung der Produktivkräfte in Gegensatz
zur Entwicklung des Monopols setzt, das erste feiert, das zweite
bemängelt, tauchen in der Analyse des Monopols die Arbeiter
gleich zweimal auf. Dort, wo es um die Steigerung ihrer Produk-
tivkraft geht, ist HUFFSCHMID voll Bewunderung für die
"e r s t e Verbindung von kapitalistischer Produktivkraftent-
wicklung und Monopolisierung",
die in der
"Möglichkeit der Mobilisierung von konstantem und variablem Kapi-
tal"
und zur
"Effektivierung der (!) menschlichen Arbeit" (44)
besteht. Lobt HUFFSCHMID so das Monopol dafür, daß es die Arbeit
möglichst gewinnbringend für sich einsetzt, so ist ihm anderer-
seits die Art und Weise, wie es dies tut, Grund zur Kritik: ihm
mißfällt die
"z w e i t e Verbindung", die in der "Möglichkeit der besonders
weitgehenden und intensiven Abpressung von Mehrwert durch monopo-
listische Arbeitsorganisation" (45)
besteht.
So kann es nicht ausbleiben, daß ihm nach der von ihm selbst
vollzogenen Trennung von Produktivkraftentwicklung und Mehrwert-
produktion einfällt, daß sie doch ein und dasselbe sind. Wie ihm
das allerdings einfällt, zeigt, daß er nicht gedenkt, diese Tren-
nung fallenzulassen. Er betont, daß
"Der Fortschritt der Entwicklung der Produktivkräfte nach wie vor
(!) auf der Basis (!) der Kapitalverwertung, d.h. der privaten
Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, stattfindet" (46),
und bestätigt damit nur nochmal, daß ihn die Art und Weise, wie
das Kapital die Arbeit als sein Mittel einsetzt, nicht interes-
siert: bedauerlich ist für ihn nur, daß die Kapitalisten die ein-
zigen sind, die von der Ausbeutung der Arbeiter Vorteile haben.
Bestehen die positiven Züge des Monopols darin, daß sie das ver-
stärkt tun, was schon das gewöhnliche Kapital tat, so ergeben
sich auch dessen Nachteile aus der Verschärfung der Mängel, die
die Profitproduktion hervorruft. Der von HUFFSCHMID konstatierte
Widerspruch zwischen Reproduktion des Kapitals und Reproduktion
der Gesellschaft verschärft sich im Monopolkapitalismus zum Wi-
derspruch von Form und lnhalt kapitalistischer P l a n u n g:
"Einerseits nimmt der technische Arbeitsprozeß die Form eines...
durchorganisierten Arbeitszusammenhanges in gesellschaftlichen
Dimensionen an; seine Verflechtung (!) mit der Gesellschaft (!)
erfordert... genaueste Berechnung, Planung und Organisation und
erzwingt die Etablierung von... Planungsapparaten, die der Form
nach als Muster (!) gesellschaftlicher Organisation der Gesamtre-
produktion angesehen werden können - wenn sie auch ihres konkre-
ten kapitalistischen Inhalts wegen nicht funktionieren können."
(47)
Eigentlich ist also die Planung, die das Kapital durchführt, um
seine Zwecke zu erreichen, gar nicht die Planung des Kapitals,
sondern Planung der Gesellschaft - und HUFFSCHMID findet die Art
und Weise, in der das Kapital seine Fabriken organisiert, offen-
sichtlich so schön, daß er gleich diese Planung auf die gesamte
Gesellschaft übertragen sehen möchte. Er findet Planung an sich
gut; deshalb abstrahiert er von dem Zweck, zu dem sie stattfin-
det, kritisiert dann, daß das Resultat dieser Planung nicht das
ist, was es wäre, wenn sie zu einem anderen Zweck stattfinden
wurde, und behauptet deshalb, die Ergebnisse dieser Planung be-
ruhten darauf, daß sie nicht funktioniere.
Der Grund dafür, daß das Monopolkapital es nicht schafft, die ge-
sellschaftliche Reproduktion funktionsgerecht zu planen, ist -
wie könnte es anders sein -, daß es den von HUFFSCHMID kon-
struierten Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und pri-
vater Aneignung verschärft. Die ungleiche Verteilung des Profits,
aufgrund derer die einen Kapitale auf Kosten der anderen immer
großer werden, führt zur Beherrschung der kleinen Kapitale durch
die großen; das Monopol
"vereinigt immer größere Teile der gesellschaftlichen Produktion
in bestimmten Bereichen auf sich, besitzt immer größere Anteile
an den gesamten Produktionsmitteln in einem Bereich und be-
herrscht daher in zunehmenden Maße auch die Produktions- und Ver-
wertungsbedingungen in diesem Bereich und gegenüber anderen Kapi-
talen." (48)
Das besonders Kritikable an solch großen Kapitalen ist es also,
daß sie
"nicht nur (!) die Arbeiterklasse ausbeuten, sondern auch die an-
deren Kapitale in zunehmendem Maße enteignen und vernichten."
(49)
- womit HUFFSCHMID seine Kritik am Kapitalismus endgültig aufge-
löst hat in den Vergleich des kleineren oder größeren Nutzens,
den verschiedene Bevölkerungsgruppen aus ihrer Daseinsweise im
Kapitalismus ziehen. Seine Kritik an den Monopolen ist es, daß
sie sich mehr aneignen als die anderen Kapitale; und dies nicht
nur durch Eigentum an Produktionsmitteln, sondern auch auf dem
Markt. Die Unordnung, die sie in die gesellschaftliche Reproduk-
tion bringen, verschärft sich dadurch, daß sie ihre Marktposition
schamlos ausnutzen und so die Arbeiter doppelt über's Ohr hauen:
ihre Absatzstrategien erlauben ihnen
"einen ganz anderen und umfassenderen Zugriff auf die Kaufkraft
der Verbraucher als anderen Kapitalen." (50)
Um diese schädliche Wirkung der Monopole zu belegen, revidiert
HUFFSCHMID seine Aussage, daß der "Kapitalismus als Marktwirt-
schaft" dem Prinzip des Äquivalententauschs unterworfen ist. Da
ja auch die Monopole mit ihren Produkten nichts anderes machen
können als sie auf dem Markt zu verkaufen, besteht der endgültige
Nachweis ihrer Dysfunktionalität darin, daß sie auch hier die
Prinzipien des Kapitalismus außer Kraft setzen. HUFFSCHMID stellt
fest:
"Die Herrschaft des Monopols über bestimmte Reproduktionszusam-
menhänge mag noch so offen und direkt ausgeübt werden, sie führt
im Ergebnis allemal zu einer Verbesserung der monopolistischen
Positionen auf den verschiedenen Märkten, auf denen formal (!)
Äquivalente getauscht werden." (51)
Mit dem Wörtchen "formal" gelingt HUFFSCHMID die Behauptung, daß
nun auch der Austausch eigentlich nicht mehr das ist, was er frü-
her war. Das selbstgeschaffene Problem, wieso die Monopole bei
all ihrer Beherrschung der Reproduktionszusammenhänge es noch
nicht geschafft haben, die Art und Weise abzuschaffen, in der
sich das Kapital reproduziert, löst er, indem er feststellt, daß
die Formen der Reproduktion des Kapitals nicht solche des Mono-
pols sind, sondern es nurmehr zu sein s c h e i n e n:
"Solange (!) das Milieu des Äquivalententauschs als Schleier (!)
kapitalistischer und monopolkapitalistischer Klassenberrschaft
weiterexistiert, sind Preise und Profite die entscheidenden (!)
Vehikel zur Verteilung und Aneignung des gesellschaftlichen Mehr-
produkts." (52)
Welche anderen Vehikel HUFFSCHMID hier noch eingefallen sein mö-
gen, bleibt sein Geheimnis - damit, daß er "entscheidende Vehi-
kel" sagt, bekräftigt er nur, daß diese Vehikel nur scheinbar das
sind, was sie sind. HUFFSCHMID verwandelt Realität in Fiktion,
indem er aus dem Markt, auf dem die Kapitale ihren Profit
r e a l i s i e r e n und dessen Gesetzen sie unterworfen sind,
- und daß dies die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit ist,
konnte jeder, der es wissen wollte, an der letzten Krise fest-
stellen - einen bloßen Schleier für die eigentliche Herrschaft
des Kapitals webt. So hat HUFFSCHMID bewiesen, daß die Herrschaft
der Monopole so weit geht, daß sie die Reproduktion der Gesell-
schaft nicht nur in Unordnung bringt; sogar die von ihm als nütz-
lich erachteten Marktmechanismen werden völlig außer Kraft ge-
setzt.
Nicht, d a ß die Ausbeutung der Arbeiter und deshalb auch ihre
Reproduktion Mittel für das Kapital s i n d, ist HUFFSCHMID
also ein Dorn im Auge, sondern daß manche Kapitale ihre Mittel in
besonders perfider Weise nutzen, um den Arbeitern auch das noch
abzunehmen, was ihnen gerechterweise (Äquivalententausch!) zu-
steht. Er kritisiert, daß die Monopol
e
"die Befriedigung der sich in Kaufkraft ausdrückenden gesell-
schaftlichen Bedürfnisse künstlich (!) niedrig halten" (53)
- also offensichtlich gerade dadurch so hohe Profite machen, daß
sie möglichst wenig verkaufen -, und erklärt so die beschränkte
Konsumtionskraft der Massen, die ihm bei der Bestimmung des Werts
der Ware Arbeitskraft Anlaß zur Freude über das Äquivalenzprinzip
war, aus der Preispolitik der Monopole.
Mit dieser Kritik am Monopol, die die Ausbeutung der Arbeiter mit
der Übervorteilung der kleinen durch die großen Kapitale auf eine
Stufe stellt und das niedrige Einkommen der Arbeiter aus den ho-
hen Preisen der Konzerne erklärt, hat HUFFSCHMID sich einen Wi-
derspruch eingehandelt: wenn das Monopol nämlich die Funktionsme-
chanismen des Kapitalismus außer Kraft setzt, dann stellt sich
die Frage, warum denn der Kapitalismus überhaupt noch so funktio-
niert, wie er funktioniert. HUFFSCHMID nimmt dieses Problem zum
Anlaß, über die Frage nachzusinnen, ob der Kapitalismus, da es
ihn doch noch gibt, überhaupt noch mit sich identisch sei, und
kommt zu einer für den Leser nicht mehr überraschenden Antwort:
einerseits j -
"der Prozeß der materiellen gesellschaftlichen Reproduktion
bricht unter dem Einfluß der Monopolherrschaft und dem damit ver-
bundenen Nichtausgleich der Profitrate nicht zusammen" (54)
andererseits nein:
"die systematische Produktion der Hindernisse gegenüber der Re-
alisierung der Tendenz des Kapitals zur freien Konkurrenz stellt
die Kapitaleigenschaft des Kapitals (!!) zunehmend in Frage. Dies
bedeutet aber die Infragestellung der Eingeschlossenheit der ge-
sellschaftlichen Produktion und Reproduktion in den Rahmen der
Kapitalverwertung überhaupt" (55)
Der Leser wird sich fragen, ob die gesellschaftliche Reproduktion
denn dann nun außerhalb dieses Rahmens stattfindet - HUFFSCHMID
jedenfalls verdient Bewunderung für die Konsequenz, mit der er
seinen Widerspruch zwischen Form und Inhalt kapitalistischer Pro-
duktion bis zum bitteren Ende durchhält. Wenn die Form, i n
d e r sich das Kapital reproduziert, im Gegensatz dazu steht,
daß sich in ihr das K a p i t a l reproduziert, dann ist die
Frage nur logisch, ob es denn überhaupt noch das Kapital ist, was
sich hier reproduziert. Und auch die Antwort HUFFSCHMID's auf
sein selbstgeschaffenes Problem entbehrt nicht der Konsequenz:
fast ist es schon kein Kapital mehr, sagt er und legt damit be-
redtes Zeugnis dafür ab, wohin jemand kommt, der die Welt ständig
identisch erklärt mit seinen Vorstellungen darüber, wie sie zu
sein hätte, und ständig feststellen muß, daß sie es nicht ist:
eher als daß er an seinen Vorstellungen zweifelt, zweifelt er
schon lieber an der Existenz der Realität. Zugleich gelingt es
HUFFSCHMID vorzüglich, den Wert seiner Theorie für eine Strategie
der Arbeiterklasse zu klären: ihr ist sicherlich am besten damit
gedient, daß man bezweifelt, ob das Kapital, das täglich von ihr
produziert wird, überhaupt noch Kapital ist.
Der Schaden, den die Monopole damit anrichten, daß sie durch Be-
herrschung der Produktion die Funktionsmechanismen des Kapitalis-
mus außer Kraft setzen, besteht für HUFFSCHMID darin, daß sie
auch der Krise die Funktion nehmen, die sie für das Funktionieren
des Kapitalismus hat. Der geneigte Leser, der einige Seiten vor-
her zur Kenntnis genommen hat, daß die Krise gerade eine
S t ö r u n g der gesellschaftlichen Reproduktion sei, die den
Arbeitern - also denen, um deren Nutzen es HUFFSCHMID zu tun ist
- Nachteile bringe, wird sich sicher fragen, wie es HUFFSCHMID
gelingt, ihr nun auch noch eine positive Seite abzugewinnen. Dies
fällt HUFFSCHMID nicht schwer, muß er doch nur seinem Prinzip
treu bleiben, eine Sache, die er von einem Standpunkt als
schlecht beurteilt hat, vom Standpunkt einer noch schlechteren
relativ gut zu finden. Der ständige Vergleich der guten und
schlechten Seiten des Kapitalismus vom Standpunkt des Funktionie-
rens der Gesellschaft, aus dem seine Wissenschaft besteht, führt
ihn zur Relativierung aller Urteile, sobald ein Phänomen auf-
taucht, das den vorher beurteilten Gegenstand als immer noch
funktionaler als den neuen erscheinen läßt. So relativierte sich
HUFFSCHMID's Kritik des Profitprinzips, daß es die ungerechte
Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zwischen Kapital und
Arbeit bewirke, angesichts der Tatsache, daß der Profit selbst
nicht gerecht unter den Kapitalen verteilt wird; und ebenso rela-
tiviert sich seine Kritik der Krise in Anbetracht der Wirkungen,
die das Monopol auf sie hat.
HUFFSCHMID's erste Kritik an der Wirkung der Monopole auf die
Krise besteht darin, daß diese selbst aus der Krise noch ihren
Vorteil ziehen können:
"Auch (!) im monopolistischen Kapitalismus findet in der Krise
Kapitalentwertung statt; ...aber unter den Bedingungen der Domi-
nanz großer Konzerne findet sie einseitig (!) auf seiten der
nichtmonopolistischen Kapitale statt, während die Konzerne
sich... relativ ungestört weiterverwerten und ihre Expansion ver-
stärkt vorantreiben." (56)
Logisch denkende Menschen könnten nun schließen, daß dieser von
HUFFSCHMID beschriebene Zustand dann eben keine Krise ist, wenn
gerade die großen Kapitale ungestört weiterproduzieren, ihr Zeug
auch offensichtlich loswerden und mit den Löhnen der Arbeiter
auch kein Problem haben - und daß HUFFSCHMID sich doch dann
freuen könnte, daß die Monopole s e i n Problem, die Störung
der gesellschaftlichen Reproduktion durch die Krise, gelöst ha-
ben. Aber weit gefehlt: die Krise m u ß sein, dient sie doch
dem Funktionieren des Gesamtsystems:
"Sollte es dem Monopolkapital... weiterhin gelingen, sich... in-
dividuell (!) der Entwertung zu entziehen, so folgt aus der Ab-
nahme des für die Entwertung überhaupt zur Verfügung (!) stehen-
den Kapitals, daß der Umfang der Entwertung selbst immer geringer
wird und folglich auch in immer geringerem Maße die gesamtwirt-
schaftliche (!) Funktion ausübt, die zur Wiederankurbelung der
Akkumulation notwendig ist." (57)
Die Monopole begehen also die gesamtwirtschaftliche Verantwor-
tungslosigkeit, ihr Kapital der Entwertung einfach nicht zur Ver-
fügung zu stellen, wo doch jeder weiß, daß dieses im Interesse
aller ist, damit es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht.
HUFFSCHMID's Interesse an der gesamtwirtschaftlichen Funktion der
Krise läßt ihn davon abstrahieren, daß massenhafte Kapitalentwer-
tung in der Krise für die Arbeiter Arbeitslosigkeit bedeutet -
ihre Nichtbeschäftigung ist nämlich das Mittel des Kapitals, sie
auszunutzen. HUFFSCHMID's bisherige Kritik an der Krise, daß sie
das Funktionieren der Reproduktion stört und den Arbeitern scha-
det, weil sie ihnen die Reproduktion entzieht, fällt ihm ange-
sichts der Wirkung, die die Monopole auf die Krise haben, nur
noch als deren unangenehme Begleiterscheinung ein, zwar ist die
Krise
"von Arbeitslosigkeit und Elend für die arbeitende Bevölkerung
begleitet" (58),
die Außerkraftsetzung der Krise durch die Monopole hat aber viel
schlimmere Wirkungen: sie bringt. die ganze Gesellschaft in Ge-
fahr. Es entstehen Inflationen und Strukturkrisen, aus denen die
Monopole auch noch ihren Vorteil ziehen, sind solche Störungen
doch
"für die in diesen Bereichen arbeitende Bevölkerung... mit beson-
ders starker Arbeitslosigkeit, für die... kleinen und mittleren
Kapitale mit dem Ruin verbunden (!), während sich die Monopole...
mit einem Minimum, aus Verlusten aus der Affäre ziehen können."
(59)
An der Arbeitslosigkeit stört HUFFSCHMID also, daß sie nur in be-
stimmten Bereichen stattfindet, nicht gleichermaßen die Arbeiter
trifft und mit ihr auch noch die kleinen Kapitale kaputtgehen.
Und wie sehr ihm das Funktionieren des Ganzen am Herzen liegt,
macht HUFFSCHMID deutlich, wenn er sein Schreckensbild des Kapi-
talismus entwirft: er beschwört
"geringere Entwertung überhaupt bedeutet geringeren Wiederauf-
schwung, Abflachung der Zyklen..., Übergang zur Stagnation" (60)
und kritisiert an solchen Entwicklungen, daß sie "zur weiteren
Polarisierung der Gesellschaft" führen: der Kampf der Arbeiter
gegen das Kapital ist schließlich der beste Beweis dafür, daß die
Reproduktion der Gesellschaft nicht so klappt, wie sie klappen
sollte.
HUFFSCHMID's Kritik der Monopole ist komplett. Sie sind der ein-
deutige Beleg dafür, daß es in Kapitalismus ungerecht und daher
irrational zugeht. Sie sind es, die nicht nur die Arbeiter über-
vorteilen, sondern auch aus dem Schaden anderer Kapitale ihren
Nutzen ziehen - noch mehr: ihre Existenz bedroht die Gesellschaft
überhaupt. Denn sogar das offensichtliche Nichtfunktionieren des
Kapitals gereicht ihnen noch zum Vorteil; sie zetteln selbst Kri-
sen an, um anderen Kapitalen zu schaden. Und zuguterletzt machen
sie auch noch die Mechanismen kaputt, aufgrund derer der Kapita-
lismus bisher funktionierte und auch der Arbeiter zu seinem ge-
rechten Lohn kam: sogar der Äquivalententausch fällt ihnen zum
Opfer. Es ist also im Interesse d i e s e r Gesellschaft, gegen
die Monopole zu sein, weil nur so ihr Funktionieren gewährleistet
ist; - diesen überzeugenden Beweis hat HUFFSCHMID jetzt gelie-
fert. Diesem Kapitalismusgegner sind nicht einmal seine erfun-
denen Anzeichen dafür, daß es im Kapitalismus kriselt, Grund zur
Freude - wenn es kracht, sorgt er sich um die Gesundheit des Ka-
pitalismus allerdings nicht aus dem Grund, aus dem dies noch je-
der bürgerliche Ökonom tut, weil ihm das Wohl des Kapitals am
Herzen liegt, sondern weil die Gesellschaft insgesamt den Schaden
davon hat, wenn es dem Kapital schlecht geht. Und die Gesell-
schaft - das sind für HUFFSCHMID die, die produzieren und ständig
übervorteilt werden, die Arbeiter; und - weil die Monopole ihnen
schaden - die kleinen Kapitalisten. HUFFSCHMID kritisiert den Ka-
pitalismus vom Standpunkt seines Funktionierens: sein Interesse
das Funktionieren des Kapitalismus als Nichtfunktionieren der Ge-
sellschaft zu beweisen, speist sich gerade aus der Parteinahme
für diejenigen, die im funktionierenden Kapitalismus immer das
Nachsehen haben. Angesichts einer Gesellschaft, von der die Ar-
beiter keinen Nutzen haben, macht sich HUFFSCHMID für den Nutzen
der Arbeiter i n dieser Gesellschaft stark; und weil er nicht
wahrhaben will, daß die Gerechtigkeit des Kapitalismus eben darin
besteht, daß die Arbeiter sich als Arbeiter reproduzieren, be-
hauptet er deren miese Lage als Beleg dafür, daß der Kapitalismus
das nicht leistet, was er leisten s o l l t e: die störungs-
freie, gerechte Reproduktion der Gesellschaft.
So ist der Schluß, den HUFFSCHMID aus diesem Nachweis zieht, auch
nur konsequent. Geht es ihm darum, daß der Kapitalismus endlich
richtig funktioniert, dann hat dafür die Institution zu sorgen,
die tatsächlich für das Funktionieren des Kapitals sorgt: der
Staat. HUFFSCHMID's Kritik am Kapitalismus ist die Aufforderung
an den Hüter des Gemeinwohls, doch endlich der Funktion nach-
zukommen, die er hat: nämlich die Gesellschaft am Laufen zu hal-
ten. Daß der Staat dies gerade tut, indem er den Arbeiter als Ar-
beiter und das Kapital als Kapital erhält, stört HUFFSCHMID we-
nig: da ihm das Funktionieren des Kapitalismus als Nichtfunktio-
nieren der Gesellschaft gilt, besteht seine Kritik am Staat, der
diese Gesellschaft aufrechterhält, darin, daß er dies nicht so
tut, wie HUFFSCHMID es sich vorstellt, - und sie mündet im Ap-
pell, daß der Staat doch endlich das gerechte Funktionieren der
Gesellschaft gewährleisten solle.
Gegen den Staat der Monopole - für den Staat der Arbeiter
---------------------------------------------------------
In seiner bisherigen Untersuchung des Kapitalismus hat HUFFSCHMID
nachgewiesen, daß das Kapital das Funktionieren der Gesellschaft
erheblich beeinträchtigt. Wenn der Kapitalismus nun immer noch
existiert, so verdankt er dies dem Wirken einer Institution, die
die Funktionsstörungen in erträglichen Grenzen hält - dem Staat.
HUFFSCHMID beginnt seine Ausführungen zum Staat mit der erkennt-
nisreichen Feststellung, daß der Kapitalismus ihn immer gebraucht
hat, und fügt auch gleich hinzu, weshalb:
"Es hat keine staats- und politikfreie Phase der kapitalistischen
Entwicklung gegeben, die kapitalistische Produktionsweise hat
vielmehr (!) immer eines starken Staates b e d u r f t, der die
Ausgangsbedingungen und die relative (!) Friktionslosigkeit des
Akkumulationsprozesses zu gewährleisten hatte und hat." (61)
Die Tautologie, daß die Funktion des Staates für das Kapital
darin besteht, es am Funktionieren zu halten, indem er dessen
Störungen steuert, ist der Auftakt zu einer Erklärung des Staa-
tes, die eine nicht geringe Begeisterung für diese ungemütliche
Einrichtung verrät. Ungeachtet der Tatsache, daß Krisen und Klas-
senauseinandersetzungen, wie ein Blick in die Tagespresse leicht
erkennen läßt, im Kapitalismus ständig stattfinden, behauptet
HUFFSCHMID, der Staat sorge für "relative Friktionslosigkeit" -
wobei ihm das Funktionieren des Ganzen offensichtlich so am Her-
zen liegt, daß ihm die Gewalttätigkeit, mit der gewisse Leute mit
anderen im Kapitalismus umgehen, zu "Friktionen" verkommt. Obwohl
es also keines besonderen analytischen Scharfsinns bedarf, um
festzustellen, daß der Staat im Kapitalismus nicht für Friktions-
losigkeit sorgt, sondern im Gegenteil dafür, daß die Geschädigten
die Friktionen auch schön aushalten, dichtet HUFFSCHMID dem Staat
die Funktion an, von der er gerne hätte, daß er sie ausübt. Und
da HUFFSCHMID, wie wir seinen bisherigen Aussagen entnehmen konn-
ten, sich ein anderes Funktionieren des Kapitalismus wünscht und
deshalb sein tatsächliches Funktionieren als sein Nichtfunktio-
nieren behauptet, ist nicht schwer zu schließen, was seine Kritik
am Staat ist: die besteht darin, ihm vorzuwerfen, daß er die Auf-
gaben für die Gesellschaft nicht wahrnimmt, die er doch eigent-
lich wahrzunehmen hätte, und deshalb seine Maßnahmen den Arbei-
tern schaden, statt ihnen zu nützen.
Mit seiner Feststellung, daß der Staat die Friktionen der Ökono-
mie beseitigt, hat sich HUFFSCHMID ein Problem eingehandelt. Das
Ergebnis seiner bisherigen Untersuchung der Ökonomie war nämlich,
daß diese immer schlechter funktioniert - was nur den Schluß zu-
läßt, daß der Staat ständig die Aufgabe nicht erfüllt, für die er
da ist. HUFFSCHMID hat diesem Einwand durch das Wörtchen
"relativ" vorgebeugt - und da "relativ" "im Vergleich zu" heißt,
läßt sich dieser Aussage entnehmen, daß HUFFSCHMID sich den Kapi-
talismus ohne Staat vorgestellt hat und bei dieser Vorstellung zu
dem Ergebnis gekommen ist, daß eine Gesellschaft, in der es einen
Staat gibt, ohne diesen Staat noch mangelhafter wäre, als sie oh-
nehin schon ist.
Ist so klargestellt, daß der Staat für das Funktionieren der Öko-
nomie sorgt, dabei aber Schwierigkeiten hat, so ist der nächste
Argumentationsschritt nur konsequent:
"In dieser Blickweise" (in der Tat!) "ist es folgerichtig, daß
staatliche Maßnahmen in dem Maße umfassender und komplizierter
(!) werden müssen, wie der ökonomische Verwertungsprozeß selbst
insgesamt schwieriger, brüchiger und komplizierter wird." (62)
Die Zunahme der Staatstätigkeit erklärt sich also nach HUFFSCHMID
daraus, daß die Ökonomie immer schlechter funktioniert: der Staat
soll dafür sorgen, daß die Ökonomie klappt, und daß ihm dies
nicht gelingt, liegt daran, daß die Ökonomie n i c h t klappt.
Damit hat HUFFSCHMID die Erklärung des Zusammenhangs von Staat
und Ökonomie in den bei Ökonomen so beliebten Zirkel der Wechsel-
wirkung aufgelöst und seinen Ausgangspunkt bestätigt: das Kapital
braucht den Staat, und zwar je länger, umso mehr. Zugleich ist
auch der Zweck dieses ganzen tautologischen Unterfangens klarge-
worden: wenn die Aufgabe des Staates darin besteht, dafür zu sor-
gen, daß das Kapital friktionslos akkumulieren kann und dies im-
mer schlechter geht, dann muß der Grund dafür darin liegen, daß
der Staat daran gehindert wird, seine eigentliche Funktion wahr-
zunehmen. Wie unschwer zu erraten ist, sind es die Monopole, die
das schöne Wechselspiel von Staat und Ökonomie in Unordnung brin-
gen. Zwar begründet sich die vermehrte Staatstätigkeit gerade aus
der Wahrnehmung der Funktion, die HUFFSCHMID dem Staat zugedacht
hat: die
"Zunahme der Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals insgesamt
zwingt ... zu häufigeren und detaillierteren Interventionen des
Staates in den Reproduktionsprozeß." (63)
Diese im Interesse des gesamten Reproduktionsprozesses ausgeübte
Tätigkeit nutzen aber die Monopole für sich; die
"Möglichkeit des mehr oder minder unmittelbaren Zugriffs der
großen Monopole auf den Staatsapparat und seine Politik" (64)
führt dazu, daß sich
"für das Monopolkapital... die strategischen Parameter zur Maxi-
mierung seines Profits unter allgemein sich verschlechternden
Verwertungsbedingungen erweitern." (65)
Der Gedankengang, mit dem HUFFSCHMID zu diesem Ergebnis kommt,
ist dem mit der HUFFSCHMID'schen Logik vertrauten Leser kein Rät-
sel mehr: HUFFSCHMID wendet seine Unterscheidung zwischen der Re-
produktion des Kapitalismus und der Reproduktion der Monopole auf
die Untersuchung des Staates produktiv an und gelangt damit zur
Differenz zwischen der eigentlichen Funktion des Staates, die
darin besteht, die Gesellschaft am Laufen zu halten, und seinem
Dienst für die Monopole.
So sehr ist HUFFSCHMID darum bemüht nachzuweisen, daß der Staat
nicht etwa bloß den Kapitalismus aufrechterhält, sondern vor al-
lem für die Monopole da ist, daß ihm Maßnahmen, von denen er
selbst sagt, daß sie der "Systemerhaltung" dienen, mit denen also
der Staat die Bedingungen sichert, unter denen das Kapital Kapi-
tal ist und die Arbeiter Arbeiter bleiben -
"Kampf gegen die eigene Arbeiterklasse..., die Notwendigkeit, die
Produktivkräfte zu entwickeln und bestimmte soziale Befriedungs-
maßnahmen einzuführen" (66)
- zum Ausfluß
"gemeinsamer Interessen des Monopolkapitals"
verkommen,
"auf die sich teilweise (!) auch noch (!) das nichtmonopolisti-
sche Kapital und die Arbeiteraristokratie stellen." (67)
HUFFSCHMID ist eingefallen, daß der Staat, wenn er für das
K a p i t a l da ist, gegen die A r b e i t e r ist - zugleich
aber will er nachweisen, daß es nicht das Kapital, sondern die
Monopole sind, die in dieser Gesellschaft die Herrschaft ausüben
und den Rest der Gesellschaft unterdrücken. Deshalb erfindet er
die Lüge, daß das nichtmonopolistische Kapital nur teilweise (!)
an der Ausbeutung der Arbeiter interessiert sei, und läßt sich
gleichzeitig die Gelegenheit nicht entgehen, auch gegen die Ar-
beiter eine Beschimpfung loszulassen: die Tatsache, daß manche
Arbeiter besser verdienen als andere, es geschafft haben, sich
etwas günstigere Lebensbedingungen zu erkämpfen, lügt HUFFSCHMID
zum Grund dafür zurecht, daß sie nicht gegen das Kapital kämpfen.
Er wendet also sein Gerechtigkeitsideal auf die Arbeiter an, de-
nunziert die Bessergestellten dafür, daß es ihnen nicht so
schlecht geht wie anderen und erklärt so die Tatsache, daß die
Arbeiter arbeiten m ü s s e n, und auf diese Weise ihr Einver-
ständnis mit dem Kapital praktizieren, zum Produkt ihrer Bestech-
lichkeit.
Mit seiner Aufzählung der Maßnahmen, mittels derer der Staat das
System im Interesse der Monopole sichert, bereitet HUFFSCHMID die
Unterscheidung zwischen nützlichen und schädlichen Maßnahmen des
Staates vor, auf die es ihm ankommt - will er doch nachweisen,
daß der Staat einerseits Instrument der Monopole ist, anderer-
seits auch einen Nutzen für die Arbeiter erbringen k ö n n t e.
So ist, wie wir wissen, die Entwicklung der Produktivkräfte per
se eine gute Sache, auch wenn sie von den Monopolen zu einer
"einseitigen Weiterentwicklung des Kapitalverhältnisses" (68)
genutzt wird. Und auch soziale Befriedungsmaßnahmen scheint HUFF-
SCHMID für etwas anderes zu halten als das Vorgehen des Staates
gegen die Arbeiter, mit dem er sie zwingt, die Friktionen des Ak-
kumulationsprozesses geduldig zu ertragen.
Der Schaden, den die Monopole in die Erfüllung dieser Staatsauf-
gaben bringen, besteht konsequenterweise auch darin, daß sie die
von den Arbeitern ausnutzbare Ambivalenz der Staatstätigkeit ein-
seitig zu ihren Gunsten verschieben. Die Monopole bringen in die
Staatstätigkeit eine Unordnung, die sie so kompliziert macht, daß
sie unerklärbar wird: an die Stelle einer
"relativ einheitlichen und systematischen staatlichen Politik"
(69)
tritt eine
"notwendige Unsystematik. Zusammenhanglosigkeit (!) und Beschrän-
kung staatlicher Politik und Planung." (70)
Das Nichtfunktionieren des Staates als Produkt des Zugriffs der
Monopole ist damit überzeugend erklärt: weil die Monopole Ver-
schiedenes vom Staat wollen und den Staat dazu bringen, machen zu
können, was sie wollen, ist die Funktionalität des Staates für
die Ökonomie nicht mehr gegeben. Der Staat macht nicht mehr das,
was er tun sollte - sein Handeln ist so komplex geworden, daß
sich seine Bestimmungsgründe jeder Analyse entziehen außer der
Behauptung, daß sie eben dem Zugriff der Monopole geschuldet ist.
Mit diesem umwerfenden Ergebnis hat sich HUFFSCHMID den Boden be-
reitet für den Nachweis des Nutzens, den das richtige Funktionie-
ren des Staates den Arbeitern bringt. Gegenüber der Unordnung,
die das Einwirken der Monopole auf den Staat in die Ausübung sei-
ner Funktionen bringt, ist seine Qualität, eine gegen die Arbei-
terklasse gerichtete Gewaltmaschinerie zu sein, eine ebenso rela-
tive Bestimmung wie die Dysfunktionalität der Krise oder die Un-
gerechtigkeit des Profits. Im Folgenden geht HUFFSCHMID deshalb
dazu über, aufzuzeigen, daß der staatliche Gewaltapparat seine
guten und schlechten Seiten hat und die guten den Arbeitern
nützen können. Er beginnt diesen Nachweis mit der Unterscheidung
zwischen einem früheren Kapitalismus, in dem
"die ökonomischen Grundlagen das In-den-Hintergrund-Treten der
unmittelbaren offenen Gewalt zugunsten des stummen Zwangs der
Verhältnisse ermöglicht (!) haben (!)" (71)
und dem heutigen, in dem diese Möglichkeit
"durch die Zunahme der Schwierigkeiten der Kapitalverwertung un-
tergraben und auf der anderen Seite durch die Entstehung der
Monopole die Möglichkeiten der Verwertung... durch Rückgriff (!)
auf offene Gewalt geschaffen wurden." (72)
Uns ist es leider nicht gelungen, durch noch so eifriges Nach-
blättern in Geschichtsbüchern eine Phase im Kapitalismus zu fin-
den, in der die Arbeiter die Gewalt des Staates nicht zu spüren
bekommen hätten. Die erfindungsreiche Verdrehung des MARX-Spruchs
vom Zwang der Konkurrenz, dem sich die Arbeiter, i n d e m sie
Lohnarbeit verrichten, unterwerfen, zur Behauptung, sie würden
ihre Ausbeutung nicht m e r k e n, birgt die Leistung in sich,
das willentliche Handeln von Menschen in ein Reiz-Reaktions-
Schema zu verwandeln und zu behaupten, den Leuten würde es immer
erst dann auffallen, daß es ihnen schlecht geht, wenn sie vom
Staat eins aufs Dach kriegen.
Dieser Umstand ist nach HUFFSCHMID erst im Monopolkapitalismus
gegeben, in dem auf die offene Gewalt zurückgeriffen wird - an-
scheinend hat sich diese ein Dreivierteljahrhundert lang vornehm
im Hintergrund gehalten und darauf gewartet, daß die Monopole sie
endlich benutzen. HUFFSCHMID scheint solche Einwände gegen seine
Unterscheidung vorausgeahnt zu haben: er macht einen zweiten Ver-
such, den Unterschied zwischen dem gewaltsamen und dem friedli-
chen Kapitalismus herzustellen, diesmal als Unterschied zwischen
Schein und Wirklichkeit:
"...die eine spezifische Seite der kapitalistischen Produktions-
weise besteht darin, durch die Form der Verkehrsverhältnisse My-
stifikationen... an der Oberfläche der Bewegung und also auch im
Bewußtsein zu erzeugen, die unmittelbare politische Gewalt in den
Hintergrund treten lassen, ... auf der anderen Seite ist aber
auch nicht bestreitbar, daß diese Produktionsweise immer wieder
(!) von brutaler Gewalt nach innen und außen begleitet (!) war
... Hiervon zeugen nicht nur die beiden Weltkriege..." (73)
Es ist also nicht das Interesse der Leute an den bestehenden Ver-
kehrsverhältnissen, aufgrund dessen sie die staatliche Gewalt für
eine gute und notwendige Sache halten und auch selbst nach ihr
rufen, wenn sie ihr Interesse gefährdet sehen. HUFFSCHMID ver-
steigt sich zu der Behauptung, man könne die politische Gewalt,
die der Staat tagtäglich ausübt, nicht sehen - und braucht konse-
quenterweise auch den Krieg, um an der Gewalt des Kapitals etwas
Brutales zu finden. Mit dieser Unterscheidung zwischen friedli-
chen Verkehrsverhältnissen (die ja eben deshalb so friedlich
sind, weil jeder weiß, was mit ihm geschieht, wenn er aufmuckt)
einerseits und gelegentlich aufbrechender staatlicher Gewalt an-
dererseits kritisiert HUFFSCHMID an der Existenz staatlicher Ge-
walt, daß der Staat diese oft übermäßig a n w e n d e t; und
indem er die übermäßige Anwendung aus dem Zugriff der Monopole
erklärt, hat HUFFSCHMID den Staat selbst unterderhand in eine
friedliche Veranstaltung verwandelt.
An den friedlichen Verkehrsverhältnissen im Kapitalismus gefällt
HUFFSCHMID, daß sie a u c h den Arbeitern erlauben, ihre Inter-
essen als Arbeiter zu vertreten; und am Staat findet er dement-
sprechend positiv, daß er auch für die Reproduktion der Arbeiter
sorgt. Die Tatsache, daß alle Mitglieder der bürgerlichen Gesell-
schaft den Staat als Bedingung der eigenen Reproduktion anerken-
nen, ist HUFFSCHMID Grund genug, den Staat zu loben; und daß die
Verkehrsformen der bürgerlichen Gesellschaft auch den Arbeitern
erlauben, sich mit ihrer Arbeit am Leben zu erhalten, wenn sie
nur ja nicht den Anspruch darauf erheben, sich in ihrer Reproduk-
tion nicht auf ein Arbeiterdasein beschränken zu wollen, ist ihm
Grund zur Freude. Deshalb gilt HUFFSCHMID auch das Recht, das dem
Arbeiter sein Dasein als Arbeiter garantiert und dafür sorgt, daß
er es auch bleibt, ebenfalls als eine Sache mit nützlichen und
schädlichen Seiten:
"Der Formalcharakter des bürgerlichen Rechts soll zwar einerseits
das faktisch (!) existierende Monopol der Bourgeoisie an den Pro-
duktionsmitteln und so die Klassenherrschaft des Kapitals si-
chern, kann und muß aber andererseits wegen seiner... nur forma-
len Struktur in gewissem Rahmen demokratische und sogar antikapi-
talistische Bewegungen zulassen" (wie sehr es das muß, wird in
der BRD zur Zeit wieder einmal eindrucksvoll belegt!) (74)
Die Logik dieses Arguments ist bestechend. W e i l das bürger-
liche Recht Ungleiche gleich behandelt, seine gleichen Maßnahmen
die Leute also unterschiedlich trifft, ist es gezwungen, Bewegun-
gen zuzulassen, die mit dem Recht, das ihre Ungleichheit sichert,
diese Ungleichheit aufheben wollen! In seiner Begeisterung für
das Recht, das das Privateigentum sichert, setzt HUFFSCHMID es in
Gegensatz zur Tatsache des Privateigentums (dem Leser wird nicht
entgangen sein, daß sich unser Motto wieder einmal bewahrheitet)
und behauptet, die rechtliche Gleichheit stehe im Gegensatz zum
ökonomischen Gegensatz von Kapital und Arbeit - als hätten die
Arbeiter im Kapitalismus irgendwelche Rechte, die sie sich nicht
gegen die staatliche Gewalt erkämpfen mußten.
Ist so der Nutzen des Rechts für die Arbeiter eindrucksvoll be-
legt, so besteht die Schädlichkeit der Monopole darin, daß sie es
kaputtmachen
:
"Er (der Formalcharakter des Rechts) wird aufgrund der zunehmen-
den globalen (!) Verwertungsschwierigkeiten und der zunehmenden
sozialen und politischen Spannungen immer mehr zurückgenommen und
in unmittelbare reaktionäre Herrschaft des Kapitals transfor-
miert." (75)
Daß das Recht die Arbeiter als Arbeiter und das Kapital als Kapi-
tal eben aufgrund seines "Formalcharakters" trifft, ist für HUFF-
SCHMID Anlaß zu behaupten, es gebe ihn nicht mehr - auch hier
versagen die Geschichtsbücher die Auskunft darüber, wann das
Recht im Kapitalismus seinen Charakter geändert hat. Indem HUFF-
SCHMID in bekannter Manier die Form des Rechts von seinem Inhalt
trennt und einen Gegensatz zwischen der Klassenherrschaft des Ka-
pitals und der Existenz des freien Lohnarbeiters als Staatsbürger
entdeckt, gelingt es ihm, die Gewalt des Staates gegen die Arbei-
ter in ein Bollwerk gegen die Macht der Monopole zu verwandeln.
Daß das Recht die Arbeiter vor der maßlosen Ausbeutung des Kapi-
tals schützt, w e i l das Kapital sich mittels Ausbeutung der
Arbeiter verwertet, ist für HUFFSCHMID Grund genug, die Vorteile
hervorzuheben, die der Staat den Arbeitern bringt. Er fordert sie
deshalb auf, am Recht festzuhalten gegen den Versuch der Mono-
pole,
"den politischen Spielraum (!) der bürgerlichen Demokratie einzu-
schränken, jene demokratischen Rechte und Freiheiten zu beschnei-
den oder gar abzuschaffen (!) die das politische und rechtliche
Medium der Durchsetzung der Bourgeoisie gegenüber den Feudalge-
walten waren" (warum wohl?), "die aber mit den zunehmenden
Schwierigkeiten der Kapitalverwertung in immer stärkerem Maße zum
Medium der Gegenwehr der werktätigen Bevölkerung ... gegen seine
Ausbeutungs- und Herrschaftsmethoden (!) werden." (76)
Und da müssen wir HUFFSCHMID einmal ausnahmsweise Recht geben:
denn wer sich mittels des Rechts gegen die Ausbeutungsmethoden
des Kapitals wehrt, der wehrt sich eben nicht dagegen, daß er
ausgebeutet wird, der setzt sich für die vom Staat geregelte, be-
schränkte Ausbeutung ein und kämpft für den politischen Spiel-
raum, in dem die Arbeiter sich als Arbeiter gleichberechtigt ne-
ben allen anderen Bürgern dieser Gesellschaft tummeln dürfen -
nach Feierabend, versteht sich.
In seiner Begeisterung für das Recht läßt sich HUFFSCHMID auch
dadurch nicht irre machen, daß
"in diesem Jahrhundert schon demokratische Rechte und Freiheiten
in den imperialistischen Metropolen nicht nur nicht abgeschafft.
sondern sogar erst eingeführt worden sind." (77)
Im Gegenteil: daß die Verteidigung der Rechte der Arbeiter immer
nichts anderes zuwegebrachte als die Sicherung ihres Rechts dar-
auf, Arbeiter zu sein, inspiriert HUFFSCHMID zur Entdeckung eines
neuen Gegensatzes:
"Die reale Entwicklung des Kapitalismus in diesem Jahrhundert ist
nicht mehr (!) das Ergebnis der inneren Widersprüche und Tenden-
zen des Kapitals allein, s o n d e r n ist auch maßgeblich be-
stimmt worden durch die Kräfte der Arbeiterklasse und der demo-
kratischen Bewegungen, die gegenüber reaktionären Tendenzen des
Monopolkapitals bestimmte demokratische Positionen behaupten und
erweitern konnten." (78)
HUFFSCHMID lobt den Kapitalismus dafür, daß er den Arbeitern we-
nigstens noch erlaubt, für ihre Reproduktion zu kämpfen - und daß
der Arbeiterbewegung selbst angesichts der Abneigung des Kapitals
gegenüber der Demokratie, wann immer sie benutzt wurde, immer
nichts anderes eingefallen ist, als dann eben die Demokratie
hochzuhalten und den bürgerlichen Staat dafür zu preisen, daß die
Arbeiter, wenn sie ihre Interessen schon nicht durchsetzen kön-
nen, sie doch wenigstens artikulieren dürfen, bewegt HUFFSCHMID
nicht zum Zweifel am Sinn und Zweck solcher Politik. Er hält an
seinem Lob der Arbeit fest und an dem Interesse, das diesem Lob
zugrundeliegt: dem Interesse an gesicherter Reproduktion derer im
Kapitalismus, denen der K a p i t a l i s m u s die Reproduk-
tion nicht sichert. Der "übergeordnete Standpunkt", dessen Fehlen
HUFFSCHMID in der Realität bemängelt, ist sein eigener: es ist
der Standpunkt des b e s s e r e n S t a a t e s, der endlich
dazu übergehen soll, angesichts der Art und Weise, w i e der
Kapitalismus funktioniert, für sein a n d e r e s Funktionieren
zu sorgen. Angesichts des Zugriffs der Monopole auf die staatli-
che Politik fordert HUFFSCHMID eine Strategie der Arbeiterbewe-
gung, die im Interesse der Arbeiter den Staat am Funktionieren
hält und so deren Ausbeutung, wenn schon nicht abschafft, so doch
erträglich, geregelt und sicher gestaltet.
Mit der Formulierung seines Ideals vom Staat vollzieht HUFFSCHMID
den Übergang von der theoretischen in die praktische Abteilung
seiner Wissenschaft. Er stellt Überlegungen darüber an, wie der
größere Nutzen, den er für die Arbeiter vom Kapitalismus will,
für diese auch zu erlangen sei, und kalkuliert dabei alle Bedin-
gungen ein, die sich einem solchen Vorhaben in den Weg stellen
könnten. Und da diese Bedingungen eben die Bedingungen des Kapi-
tals sind, gestaltet sich der Nachweis, daß HUFFSCHMID's Inter-
pretation des Kapitalismus den Arbeitern auch etwas bringt, recht
dornenreich - und bestätigt zugleich unsere schon gewonnene Er-
kenntnis, daß das bloße N i c h t a k z e p t i e r e n des
Profitmechanismus an dessen Wirksamkeit wenig ändert.
Alternativen der Gerechtigkeit
------------------------------
Sind HUFFSCHMID's wissenschaftliche Anstrengungen zur Erklärung
von Ware, Profit, Monopolen und Staat allesamt von der Intention
getragen, den Nutzen plausibel zu machen, den die Arbeiter aus
seiner Analyse ziehen können, so überlegt er auch, wie man den
ökonomischen Gegenständen, von denen er selbst aussagt, daß sie
der Schaden der Arbeiter sind, nicht doch noch einer Verwendung
zuführen könnte, in der sie ihnen nutzen. Es ist nicht zufällig,
daß solche praktischen Vorschläge sich zu einer Zeit häufen, in
der es um die Ökonomie schlecht steht - weil HUFFSCHMID die Krise
für ein besonderes Zeichen der Kritikwürdigkeit des Kapitalismus
hält, hält er sie auch für den geeigneten Zeitpunkt, Konsequenzen
dieser Kritik vorzuschlagen, die zur Beseitigung solch mißlicher
Seiten dieser Gesellschaft führen sollen.
HUFFSCHMID beginnt seine praktischen Vorschläge mit einer Kritik
an der etablierten Wissenschaft, die in ihren Theorien das prak-
tische Interesse des Staates am Funktionieren der Ökonomie formu-
liert. Nicht, daß und wie sie dies tut, ist ihm dabei Grund zur
Kritik, sondern die Tatsache, daß sie die ihr gestellte Aufgabe
nicht löst. HUFFSCHMID wirft der herrschenden Volkswirtschafts-
lehre "wissenschaftliche Hilfslosigkeit" vor (79) und begründet
so die Tatsache, daß die Nationalökonomie über die theoretische
Reproduktion dessen, was der Staat ohnehin schon tut, nicht hin-
auskommt - will sie doch dem Staat zur Verbesserung s e i n e r
Funktion verhelfen, - aus theoretischen Fehlern. Daß dies seine
Kritik an ihr ist, ergibt sich bereits aus seinem eigenen Aus-
gangspunkt: gilt ihm das, was der Staat t u t, als dessen man-
gelhaftes Funktionieren, so unterscheidet er sich in seinen prak-
tischen Vorschlägen für alternatives staatliches Handeln von der
bürgerlichen Ökonomie nicht durch das Prinzip, mit dem er den
Staat kritisiert, sondern nur durch sein anderes Interesse. Geht
es der bürgerlichen Ökonomie darum, das Funktionieren des Kapi-
tals zu befördern, weshalb sie alle ökonomischen Phänomene auf
die Bedingungen ihres Funktionierens abklopft, um zu der Aussage
zu gelangen, daß alles, wie es funktioniert, immer noch am besten
sei, so interessiert sich HUFFSCHMID für ein a n d e r e s
Funktionieren des Kapitals und b e m ä k e l t infolgedessen
alle W i r k u n g e n der ökonomischen Gegenstände, die die
bürgerliche Ökonomie lobt. Seine Kritik am Sachverständigenrat
bedient sich der Form, in der die bürgerliche Wissenschaft selbst
um Interessen streitet: HUFFSCHMID bemängelt die Art und Weise,
wie der Sachverständigenrat B e g r i f f e verwendet:
"In der Diagnose wird der Begriff des Aufschwungs bzw. der Krise
noch einmal sehr deutlich... Aufschwung bedeutet im Klartext nur
noch (!) Aufschwung der Gewinne und vielleicht (?) der Produk-
tion, Krise ist entsprechend als Krise der Gewinne und daraus
folgend der Produktion zu verstehen." (80)
HUFFSCHMID hat in seiner Wissenschaft bereits bewiesen, daß für
ihn Begriffe das bedeuten, was man sich von ihnen wünscht. Er
will, daß Aufschwung und Krise etwas anderes sind, als sie sind,
und gibt deshalb der falschen Definition dessen, was sie sind,
schuld an den unwirksamen Vorschlägen der bürgerlichen Ökonomie.
Wo die herrschende Wissenschaft das praktische Interesse des
Staates am Florieren der Wirtschaft ausspricht und daraus die
entsprechenden Vorschläge für das staatliche Handeln ableitet,
wirft HUFFSCHMID ihr vor, daß mit der propagierten Forderung der
Gewinne doch gar nicht gewährleistet sei, daß auch s e i n e
Ziele erreicht würden:
"Der immer wieder zu Legitimationszwecken bemühte Zusammenhang
zwischen der Entwicklung der Unternehmergewinne und der materiel-
len Lage der Bevölkerung gilt offensichtlich nur in einer Rich-
tung: Wenn die Gewinne nicht hoch genug sind, tritt auch die
Krise für den Lebensstandard der Bevölkerung ein; es gilt aber
nicht umgekehrt, daß Steigerung der Gewinne auch... bessere mate-
rielle Lage der Bevölkerung bedeutet. Die Koppelung der Lage der
Massen an die Entwicklung der Gewinne wird so auch durch die Aus-
sagen des Sachverständigenrats selbst widerlegt (!)." (81)
Die von HUFFSCHMID selbst konstatierte Offensichtlichkeit dieses
Zusammenhangs ficht ihn nicht an: wo Ökonomen und Politiker land-
auf, landab verkünden, daß höhere Gewinne die Arbeitslosigkeit
n i c h t beseitigen, aber o h n e Gewinne nun schon gar
nichts zu machen sei, behauptet HUFFSCHMID diesen erneuten Beleg
dafür, daß die Reproduktion der Arbeiter nur interessiert, wenn
sie als Mittel für das Kapital nützt, als Argument gegen diesen
Zusammenhang - und macht sich daran, einen Weg aus der Krise zu
ersinnen, der den Arbeitern nützt. Er wirft der herrschenden Wis-
senschaft vor, daß sie an der Lage der Arbeiter nicht interes-
siert ist - eine Tatsache, die sie selbst täglich ungerührt aus-
spricht - und daß d e s h a l b auch die an ihr orientierte
Wirtschaftspolitik gegen die Krise nichts nützt:
"Bisher haben weder der Einsatz von Massenarbeitslosigkeit als
wirtschaftspolitische Strategie gegen die Krise der Gewinne noch
die rund 10 Mrd. DM, die den Unternehmern als Gewinnstütze zu-
fließen sollten, den propagierten Stabiliderungserfolg gehabt",
(82)
HUFFSCHMID kritisiert an der Massenarbeitslosigkeit nicht, daß es
den Arbeitslosen dreckig geht, sondern erfindet die Lüge, daß sie
als Mittel für die Krisenbewältigung nicht taugt. An der Tatsa-
che, d a ß es Aufgabe des Staates ist, in der Krise den Unter-
nehmern alle Hindernisse für den Gewinn aus dem Wege zu räumen -
d.h. die Arbeiter stillzuhalten und den Unternehmern Angebote zu
machen in der Hoffnung, daß diese sie auch annehmen -, stört
HUFFSCHMID, daß der Staat mit dieser Strategie nicht zum Ziel
kommt. Deshalb gilt ihm die Politik der Regierung als Anzeichen
von Ratlosigkeit:
"Ist die wirtschaftliche Lage der BRD durch eine weitere Ver-
schärfung der Krise... gekennzeichnet, so die wirtschaftspoliti-
sche Konzeption der Bundesregierung durch tiefgreifende
R a t l o s i g k e i t angesichts der Tatsache, das die konzep-
tionelle Grundlage aller wirtschaftspolitischen Orientierungen
offensichtlich hinfällig ist: diese Grundlage ist das Konzept (!)
vom Zusammenhang zwischen Gewinnen, Investitionen, Produktion und
Beschäftigung in der Marktwirtschaft." (83)
Der Staat sorgt mit Gewalt dafür, daß die "Selbstheilungskräfte
des Marktes" zum Zuge kommen, indem er gegen die vorgeht, denen
diese Selbstheilung schadet (selten durfte man einen weniger rat-
losen Staat erleben als den von der SPD geführten in der Krise!);
und diesen Umstand nimmt HUFFSCHMID zum Anlaß zu bemäkeln, daß
der staatlichen Politik eine falsche T h e o r i e zugrunde-
liegt, und fordert vom Staat die Anwendung eines anderen Kon-
zepts, nämlich das, was HUFFSCHMID vertritt. Er ist dagegen, daß
"Gewinnzuschüsse für die Unternehmer vergeben wurden, ohne das
irgendeine Kontrolle darüber ausgeübt wurde, ob die zusätzlichen
Mittel auch wirklich (!) zur Einstellung von Beschäftigten ver-
wandt wurden oder stattdessen nur rationalisiert wurde." (84)
Nun hat auch noch niemand behauptet, daß der Zweck solcher Maß-
nahmen die Sicherung der Reproduktion der Arbeiter ist - im Ge-
genteil: allseits wird versichert, daß man sich nun einmal mit
einer Million Arbeitslosen im Interesse des Wachstums abzufinden
habe. HUFFSCHMID meint, daß es der Zweck des Kapitalismus sein
sollte, daß die Arbeiter etwas zum Leben haben: er wirft dem
Staat "Fehler" vor und appelliert an ihn, er solle, wenn er die
Wirtschaft wirklich aus der Krise führen wolle, doch lieber Maß-
nahmen für die Arbeiter ergreifen statt gegen sie. Zu diesem
Zweck entwirft HUFFSCHMID selbst Vorschläge - auf die der Staat,
wie er selbst bedauernd feststellt, allerdings nicht hört. (85)
Solche Alternativvorschläge sind nach HUFFSCHMID nötig, weil die
sozialliberale Koalition ihre Reformversprechen nicht eingehal-
ten, ja sogar "gesetzlich abgesicherte" (!) (86) Verbesserungen
zurückgenommen habe (HUFFSCHMID erschrickt darüber, daß sich der
Staat das Recht herausnimmt, Gesetze zu ändern, die er selbst ge-
macht hat!) und dies auch noch mit "Demagogie und dummdreister
Polemik" rechtfertige:
"Diese unseriösen (!) Argumentationen sind umso erschreckender
(!), als es doch (!) gerade (!) die sozialliberale Koalition war,
die neben mehr Sozialstaatlichkeit auch mehr Liberalisierung (!)
und Demokratisierung des politischen Klimas in der BRD verspro-
chen hatte." (87)
HUFFSCHMID jubelt der Partei, die gegenwärtig die wirtschaftspo-
litische Vernunft gegen die Arbeiter durchsetzt, sein Interesse
an dieser Gesellschaft unter: er verharmlost ihre Politik zur Un-
seriosität einiger Politiker, indem er ihnen vorwirft, sich an
ihre eigenen Versprechungen nicht gehalten zu haben. Ihn er-
schrickt, daß die SPD bösartigerweise sein Interesse nicht ver-
wirklicht hat, weshalb er auch behauptet, sie habe ihre Wähler
getäuscht Wieder einmal muß man bezweifeln, ob HUFFSCHMID je et-
was anderes liest als seine eigenen Schriften und die anderer
marxistischer Ökonomen. Ein SPD-Programm hat er sicherlich noch
nicht in der Hand gehabt, denn diese Partei unterläßt es nie,
deutlich zu machen, daß sie mit ihren Reformversprechen die
Ideale ihrer Politik formuliert, die sie zur Fortführung einer
Politik, die sich den praktischen Notwendigkeiten unseres Wirt-
schaftssystems unterwirft, eben braucht - daß die SPD also nicht
für die Umstände verantwortlich zeichnen will, die sie ständig
zur Nichtverwirklichung ihrer Ideale - zum Wohle des Ganzen -
veranlassen.
Hat HUFFSCHMID so nachgewiesen, daß die SPD selbst das nicht ge-
tan hat, was sie eigentlich tun wollte, und ihr damit
"reformistische Hilflosigkeit" (88) attestiert (auch nach der hat
man in der Krise vergeblich fahnden können!), so ist damit auch
die M ö g l i c h k e i t einer anderen Wirtschaftspolitik be-
wiesen. Für die von HUFFSCHMID entwickelte Alternative leistet
ihm die oben dargestellte Erklärung der Krise aus der mangelhaf-
ten Verteilung des Produktionsergebnisses gute Dienste: er gräbt
das uralte Argument der Steigerung der Massenkaufkraft zur Über-
windung der Krise aus, das bereits seit 1867 widerlegt ist - was
allerdings kein Argument dagegen ist, daß es immer wieder auf den
Tisch kommt: erzeugt doch die bürgerliche Gesellschaft immer wie-
der dieselben Varianten ihrer falschen Kritik, deren theoretische
Widerlegung schon MARX geleistet hat. (89) Daß Löhne eben Kosten
s i n d und die Erhöhung der Kosten die Unternehmer nicht aus
der Krise bringt, sind sie doch eben w e g e n deren Erhöhung
in die Krise geraten - diese simple Feststellung kann keinen
überzeugen, der es sich nun einmal in den Kopf gesetzt hat, daß
doch ein Kapitalismus möglich sein muß, von dem die Arbeiter et-
was haben. Daß eine "Verzichtsstrategie der Gewerkschaften" sich
für die A r b e i t e r nicht auszahlt -
"sie verhindert die Verschlechterung der materiellen Lage der Be-
völkerung nicht" (9O) -
ist HUFFSCHMID nicht Anlaß zur Kritik der Tatsache, daß die Ar-
beiter in ihrem Kampf um ihre Reproduktion ständig abhängig blei-
ben von denen, gegen die sie kämpfen, sondern dient ihm zum Nach-
weis, daß dann doch eine Offensivstrategie der Gewerkschaften
auch für das K a p i t a l von Vorteil sein müsse. HUFFSCHMID
hält es offensichtlich für eine Kritik an der Gewerkschaft, daß
radikalere Forderungen "die Wirtschaft" kaputtmachen, und bemüht
sich deshalb nachzuweisen, daß eine Verbesserung der Lage der
Werktätigen durchaus auch zum besseren Funktionieren des Gesamt-
systems beitrage:
"Eine wirksame, vernünftige (!) und soziale Wirtschaftspolitik
ist aber auch (!) unter den gegenwärtigen, sehr schwierigen Be-
dingungen m ö g l i c h; allerdings nur, wenn die Unternehmer
nicht mehr hofiert, sondern energisch - bei Strafe (!) finanziel-
ler Verluste und politischer Eingriffe - veranlaßt werden, die
von ihnen so gern apostrophierte 'gesamtwirtschaftliche Verant-
wortung' auch tatsächlich wahrzunehmen." (91)
Nun wird keiner den Unternehmern vorwerfen können, sie hätten
nicht i h r e gesamtwirtschaftliche Verantwortung wahrgenommen:
sie haben alles getan, was sie konnten, um die Arbeiter zu zwin-
gen, wieder so billig ihre Arbeit zu verkaufen, daß es mit der
Wirtschaft wieder aufwärts gehen kann. HUFFSCHMID will aber einen
Aufschwung, von dem diejenigen was haben, auf deren Ausbeutung er
beruht. Deshalb bemüht er sich um die Realisierung einer Wirt-
schaftspolitik, die darin besteht, an die Stelle jeder Maßnahme
der Regierung ihr Gegenteil zu setzen. Bei diesem Geschäft läßt
es HUFFSCHMID an staatsbürgerlichem Verantwortungsbewußtsein
nicht fehlen. Z.B. vermag er dem Sozialversicherungssystem der
BRD, mit dem die Arbeiter sich mit einem Teil ihres Lohns auf
einen Zustand der Arbeitslosigkeit oder Invalidität einrichten
müssen, seine Anerkennung nicht zu versagen - ist es doch
"relativ breit und durchaus eine Errungenschaft" (92) -, hat al-
lerdings daran zu mäkeln, daß es "bei außergewöhnlicher Beanspru-
chung teilweise zurückgenommen wird." Daß das Sozialversiche-
rungssystem nicht den Nutzen bringt, den er von ihm erwartet, ist
ihm mitnichten Anlaß, über d e s s e n Nutzen Überlegungen an-
zustellen - er überlegt, wie denn ein anderer Nutzen herstellbar
und vor allem b e g r ü n d b a r wäre, und dazu läßt er sich
einiges einfallen. Die "Dehnung der Zumutbarkeitskriterien" (93)
bei Arbeitsplatsangeboten ist ihm nicht nur aus "sozialen", son-
dern auch aus "arbeitsmarktpolitischen" Gesichtspunkten ein Dorn
im Auge, nützt es doch auch der Gesamtwirtschaft, wenn den Arbei-
tern Gelegenheit zur Umschulung gegeben wird. Und auch das Kapi-
tal hat schließlich Vorteile davon, wenn die Arbeiter mehr Ar-
beitslosengeld erhalten - wird dadurch doch vermieden, daß
"der durch solche Einschränkung hervorgerufene Ausfall an priva-
ter Konsumnachfrage die wirtschaftliche Krise noch verschärft."
(94)
HUFFSCHMID macht sich Sorgen darum, daß das Kapital sein Zeug
auch loswird - weshalb er dem Kapital kurzerhand ein Interesse
daran unterstellt, daß die Arbeiter sich, o h n e arbeiten zu
gehen, halbwegs ernähren können.
Die Kürzung von Bafög und Graduierten-Förderung schließlich ist
HUFFSCHMID nicht nur deshalb ein Mißstand, weil sie "unsozial",
sondern vor allem, weil sie kurzsichtig ist:
"Unsozial deshalb, weil sie... die Ausbildung produktiver (!) und
intellektueller Fähigkeiten, die d i e Gesellschaft zu ihrer
eigenen Reproduktion braucht, dem Einzelnen aufbürden... Kurz-
sichtig, weil sie den Anreiz (!) zur intellektuellen Ausbil-
dung... und damit zur Hebung des allgemeinen Qualifikationanive-
aus für möglichst viele stark einschränken würde, was langfristig
der Qualität der wissenschaftlichen Entwicklung und d e m tech-
nischen Fortschritt äußerst hinderlich sein müßte." (95)
Indem HUFFSCHMID erneut den Kapitalismus seiner Bestimmtheit ent-
kleidet und ihn in die Gesellschaft umtauft, eröffnet er sich die
Möglichkeit, dem Kapital Vorschläge zu machen, wie es zum eigenen
Nutzen seine Arbeitskräfte heranziehen kann und bemängelt, daß
der Staat sich um das Qualifikationeniveau derer nicht sorgt, die
vom Kapital später angewandt werden - und wo kommen auch die Mo-
nopole hin, wenn es die Qualifikationen nicht gibt, die sie brau-
chen!
Die Quadratur des Kreises, um die HUFFSCHMID sich hier bemüht,
versagt sich der Lösung: einerseits ist die Krise die "Krise des
Profits", andererseits hat sie die Verschlechterung der Lage der
Arbeiter zur Folge, weil deren Reproduktion davon abhängig ist,
ob das Kapital ihre Arbeit braucht. HUFFSCHMID will den Nutzen
der Arbeiter vermehren, ohne an dieser Abhängigkeit etwas zu än-
dern; deshalb leugnet er entweder die Abhängigkeit der Reproduk-
tion der Arbeit vom Kapital - was zu der Forderung führt, das Ka-
pital solle Kapital bleiben und zugleich aufhören, sich als Kapi-
tal zu betätigen; oder er will die Abhängigkeit so verändern, daß
sie beiden nützt - was zur Konsequenz führt zu fordern, daß das
Kapital nicht nur ein Interesse an der Vermehrung des eigenen
Profits, sondern an der Beseitigung der Krise zum Wohle der Ge-
sellschaft entwickeln solle. HUFFSCHMID merkt selbst, daß die
Forderungen, die er im Interesse der besseren Reproduktion der
Arbeiter stellt, stets solche sind, die ihr nur dann nützen, wenn
sie dem Kapital nicht schaden. So betont er stets, daß seine Vor-
schläge alle gegen das Kapital durchgesetzt werden müssen und un-
terläßt es nie, gleichzeitig darauf hinzuweisen, daß ihre Durch-
setzung dem Kapital nicht schadet. Eine "wirksame Beschäftigungs-
politik" (96) - ist sie schon nicht ohne die Unternehmer zu ma-
chen -
"die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse verbieten es, die
Unternehmen durch Gesetz... zu zwingen, mehr Arbeitskräfte einzu-
stellen" (97),
kann durchaus beiden Seiten nützen:
"die Regierung k ö n n t e durch geeignete wirtschaftspoliti-
sche Maßnahmen einerseits die Gewinne der Unternehmen steigern
und gleichzeitig durchsetzen, daß auch Produktion und Beschäfti-
gung steigen", (98)
wenn sie nur wollte. Liegt es so am guten Willen der Beteiligten,
welche Eigenschaften des Kapitalismus unabänderlich und welche
veränderbar sind, so ist es auch nicht einzusehen, warum sich Un-
ternehmen nicht mit der von HUFFSCHMID für notwendig befundenen
Preiskontrolle abfinden sollten, wenn ihnen nur klargemacht wird,
daß sie ihnen auch nützt:
"Die Unternehmen lieben (!) Preiskontrollen ebensowenig wie Pro-
duktions- und Beschäftigungsauflagen" (und die Zuneigung der
Leute zu ökonomischen Gegebenheiten bestimmt ja auch, wie wir
wissen, deren Wirkungen !), "am wenigsten die Monopole, die vom
Fehlen solcher Auflagen am meisten profitieren" (klar: bekannt-
lich haben ja die produktivsten Unternehmen die größten Stückko-
sten !); "wenn die weitere Kapitalverwertung jedoch politisch (!
) an solche Bedingungen gebunden, aber dadurch nicht verunmög-
licht wird, werden sie auch mit solchen Auflagen leben können."
(99)
Hat HUFFSCHMID gezeigt, daß seine wirtschaftspolitischen Alterna-
tiven von gesamtwirtschaftlichem Nutzen sind, so kann es nicht
ausbleiben, daß er sich auch noch den Kopf des Staates darüber
zerbricht, wo denn das Geld herkommen soll für solche antikapita-
listische Politik, die dem Kapital nicht weh tun will. Mit dem
Nachsinnen darüber, wie denn der Staat seine "wirksame Sozialpo-
litik" am besten finanziert, vollzieht HUFFSCHMID den Schritt zu
den reaktionären Konsequenzen seiner fortschrittlichen Alterna-
tive; Konsequenzen, die verdeutlichen, daß ihm die Beschränkung
der Arbeiter durch den Staat kein Problem ist, solange diese ei-
nem guten Zweck dient. Er überprüft voll Sorge darum, ob der
Staat das auch wirklich bezahlen kann, was er von ihm will, die
Einkommensquellen die der Staat h a t. Da darf zur Begründung
einer anderen V e r w e n d u n g der Steuern das bekannte Ar-
gument der Senkung der Rüstungsausgaben nicht fehlen (100) - als
gäbe es keinen G r u n d dafür, daß der Staat eben dort spart,
wo seine Ausgaben nicht zum Steigen der Gewinne beitragen, und
als sei der Militärapparat imperialistischer Staaten bloß das
Steckenpferd überalterter Generäle. Und in seinem Bemühen um re-
alistische Vorschläge sorgt sich HUFFSCHMID auch darum, daß dem
Staat sein Steuer a u f k o m m e n erhalten bleibt: er erläßt
zugleich mit seiner Forderung nach Sicherung des Lebensstandards
der Arbeiter auch Vorschriften darüber, wofür diese ihr Geld aus-
geben dürfen:
"... die allgemeine Erhöhung der Mehrwertsteuer ist entschieden
abzulehnen ... Es ist im Gegenteil sogar zu fordern und reali-
sierbar, die Mehrwertsteuer auf die Güter des dringendsten Le-
bensbedarfs... ganz zu streichen... Es könnte eine sinnvolle Lö-
sung sein, zur Kompensation des Einnahmeausfalls... die Sätze für
hochwertige und Luxusgüter - vom Farbfernseher bis zur Luxusjacht
- drastisch heraufzusetzen. In diesem Falle würde es sich um eine
konjunktur- wie sozialpolitisch äußerst sinnvolle Umstrukturie-
rung... ohne Aufkommenswirkungen handeln." (101)
So gibt HUFFSCHMID zu erkennen, daß in einem ordentlichen Staat,
auch das bißchen Luxus, das sich die Arbeiter noch leisten kön-
nen, um der Gerechtigkeit halber eingeschränkt gehört - wo kämen
wir denn da hin, wenn die Arbeiter aus der Forderung nach Verbes-
serung ihrer materiellen Lebensverhältnisse die Konsequenz zögen,
etwa gar Farbfernseher haben zu wollen. Mehr als da ist, kann
nicht verteilt werden, und da es eben vom Profit abhängig ist,
wieviel da ist, kann die Gerechtigkeit in der Krise auch nur
darin bestehen, daß es in ihr allen gleich schlecht geht.
Vorwärts im Kampf um die gerechte Ausbeutung
--------------------------------------------
Alles Vorzeigen staatsbürgerlicher Gesinnung und gesamtwirt-
schaftlichen Verantwortungsbewußtseins ändert nichts daran, daß
die von HUFFSCHMID vorgeschlagene Politik den Arbeitern nützen
soll und deshalb gegen das Kapital gerichtet ist. Und so ist die
Durchsetzung solcher Politik auch nur mit denen möglich, für die
sie gut sein soll: HUFFSCHMID stellt Überlegungen darüber an, wie
die Arbeiter zum Einsatz für die Vorschläge zu gewinnen sind, die
ihre Reproduktion verbessern sollen:
"Die Adressaten dieser Alternative sind... vor allem die von der
Krise und der Krisenpolitik der Bundesregierung in erster Linie
Betroffenen; ... denn nur sie werden der massiven Verschlechte-
rung ihrer Lebensbedingungen... entgegentreten können, indem sie
gegen das Interesse des Kapitals ihr Interesse setzen und dieses
auch gegenüber der Bundesregierung durchsetzen." (102)
Für seinen Zweck, die Arbeiter zum Kampf gegen das Kapital für
das bessere Funktionieren der Gesellschaft zu gewinnen, ist HUFF-
SCHMID die Krise zunächst einmal wieder nützliches Instrument -
macht sie doch den Leuten erst so richtig klar, daß es ihnen
schlecht geht. Allerdings hat die Krise eine doppelte Wirkung:
einerseits ist
"der Kampf der demokratischen und fortschrittlichen Kräfte unter
den Bedingungen der Krise schwieriger geworden" (103),
andererseits muß dies aber nicht so sein, wie die Entwicklung in
Frankreich und Italien zeigt. Deshalb ist die Krise eigentlich
doch eine günstige Bedingung für fortschrittliche Politik:
"Die gegenwärtige ökonomische Krise in der BRD findet zu einem
Zeitpunkt statt, an dem der Kapitalismus zwar weltweit auf dem
Rückzug ist und in einer schweren ökonomischen und politischen
Krise steckt (!), während die Kräfte der Demokratie und der Ar-
beiterbewegung Boden gewinnen, an dem in der BRD jedoch die
Kräfte und (!) Organisationen der fortschrittlichen Strömungen
noch relativ schwach sind, die Gewerkschaftsbewegung noch über-
wiegend reformistischen Kurs steuert, die SPD noch (!) weitgehend
in antikommunistischer Verhärtung verharrt und die kommunistische
Bewegung noch sehr jung und wenig entwickelt ist." (104)
HUFFSCHMID untersucht die Krise als Bedingung antikapitalisti-
scher Politik und entdeckt, daß sie eine Bedingung ist - und Be-
dingungen haben nun einmal die unangenehme Eigenschaft, sämtliche
Möglichkeiten offenzulassen. Deshalb hegt HUFFSCHMID einige Hoff-
nung, daß die Entwicklung auch hier so laufen möge wie anderswo;
und um zu betonen, daß dies möglich ist, fügt er jedem Tatbestand
ein "noch" hinzu: schließlich könnte es ja sein, daß die Gewerk-
schaften irgendwann vergessen, daß sie für das Gedeihen des Kapi-
tals die Interessen der Arbeiter opfern, und auch die SPD könnte
sich eines Tages besinnen, daß sie eigentlich lieber für statt
gegen die Kommunisten ist ... Um die erklärten Gegner der eigenen
Politik zum Bündnispartner zu gewinnen, ist eine Strategie vonnö-
ten - allerdings nicht eine, die den Grund für die Krise beseiti-
gen will:
"Die Klarstellung des gesetzmäßigen Zusammenhangs zwischen Kapi-
talismus und Krise darf sich nicht mit diesem prinzipiellen sta-
tement begnügen, aus dem sich auf dieser Ebene ... nur (!) die
prinzipiell richtige Schlußfolgerung ziehen läßt, daß dann eben
zur Vermeidung von Krisen (!) der Kapitalismus abgeschafft werden
müsse. Die prinzipielle Richtigkeit dieser Forderung ändert
nichts an ihrer politischen Irrelevanz unter den gegenwärtigen
Bedingungen in der BRD." (105)
HUFFSCHMID spricht selbst noch einmal aus, daß ihn am Kapitalis-
mus nur die Krisen stören - ginge es ohne sie, dann bräuchte er
nicht abgeschafft werden. Deshalb hat er auch nicht vor, der von
ihm als "prinzipiell richtig" titulierten und damit in das Reich
der Theorie verbannten Forderung zur Relevanz zu verhelfen - z.B.
dadurch, daß er mal darüber nachdenkt, warum in der Krise die Ar-
beiter mal sich einschüchtern lassen, mal um ihre Interessen
kämpfen. Ihn interessiert das, was die Arbeiter tun, ohnehin nur
als Bedingung der Durchsetzung s e i n e r praktischen Vor-
schläge - ihm geht es darum,
"eine politische Bewegung gegen die breiteste Kreise der Bevölke-
rung betreffenden F o l g e n der kapitalistischen Krise zu
fördern ..., eine Bewegung, die dann freilich (!) auch (!) ein
Schritt auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus ists, (106)
Wie ein Kampf gegen die Folgen einer Ursache zugleich Mittel ge-
gen die Ursache sein soll, bleibt das Geheimnis HUFFSCHMID'scher
Logik. Mit diesem Taschenspielertrick entledigt er sich der Auf-
gabe zu untersuchen, warum die Arbeiter trotz aller Benachteili-
gung durch die Krise noch nicht auf die Idee gekommen sind, etwas
gegen sie zu unternehmen, zugunsten des uns schon bekannten kon-
struktiven Programms, mittels dessen den Arbeitern klargemacht
werden soll, daß es sich lohnt, etwas für die eigenen Interessen
zu tun, ohne das Kapital abzuschaffen, das ständig verhindert,
daß sie ihre Interessen realisieren. Nun ist der Nachweis, daß
der Kampf für ein gerechteres Funktionieren des Kapitalismus den
Arbeitern nützt, nicht eben leicht zu führen - muß ihnen doch
klargemacht werden, daß der Kampf um die Durchsetzung ihres Re-
produktionsinteresses gegen das Kapital zugleich die vom Kapital
diktierten Bedingungen verbessert, unter denen sie Arbeiter sind.
Der
"gewerkschaftliche Kampf um die Erhaltung und Verbesserung der
materiellen Lebensbedingungen der Werktätigen, der mit aller Kon-
sequenz zu führen" (107)
ist, rechtfertigt sich deshalb nicht etwa bloß damit, daß die
Leute das Geld eben brauchen. Dieser Kampf soll gleichzeitig das
Mittel sein, die Bedingungen zu verändern, unter denen die Arbei-
ter Arbeiter sind. Hier muß HUFFSCHMID allerdings zugeben, daß
die Verzichtspolitik der Gewerkschaften den U n t e r n e h-
m e r n tatsächlich aus der Krise hilft und so auch die
B e d i n g u n g e n für das Erzielen höherer Löhne verbessert;
weshalb seine Kritik an diesem Zusammenhang auch nur ist, daß es
ja wieder eine Krise geben wird -
"eine solche Verbesserung ist zwar durchaus denkbar, kann aber
wiederum nur kurzfristigen Charakter haben und ist von neuen Kri-
sen bedroht" (108) -
eine Tatsache, die jedem Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft
durchaus vertraut ist, weshalb auch jeder dafür Sorge zu tragen
versucht, daß es i h n nicht trifft. Daß es sonst w i e d e r
eine Krise gibt, ist das Argument, mit dem die Arbeiter dazu ge-
bracht werden sollen, in der Krise zu kämpfen - ein Argument, das
die Tatsache nicht entkräftet, daß der Kampf der Arbeiter in der
Krise diese noch verschärft:
"Freilich wird eine solche konsequent gewerkschaftliche Interes-
sensvertretung die gegenwärtige Krise weder lösen noch mildern...
Der Kampf um Aufrechterhaltung und Steigerung des realen Lebens-
standards verstärkt auf der einen Seite die Krise des Kapitals,
verbessert aber auf der anderen Seite auch die Ausgangsbedingun-
gen für die Beseitigung der Krisen durch die Beseitigung des sie
produzierenden Mechanismus." (109)
Das Verkünden der Absicht, die Arbeiter erst einmal gegen die
Folgen der Krise kämpfen zu lassen, im ihnen daran die Notwendig-
keit aufzuzeigen, gegen die Ursache zu kämpfen, läßt nur einen
Schluß zu: HUFFSCHMID hält die Arbeiter für zu blöd, den eigent-
lichen Sinn des Kampfes, in den sie geführt werden, zu erkennen.
Deshalb muß ihnen auch erst "einsehbar" gemacht werden, daß es
beim Kapital etwas zu holen gibt:
"Die Einsicht in die gesellschaftliche Polarisierung" (offen-
sichtlich haben die Arbeiter noch nicht gemerkt, daß sie
n i c h t das Kapital sind!), "die sich in der Kontinuität (!)
der Gewinnerzielung der Konzerne inmitten der Krise ausdrückt,
liefert zugleich sichtbare (!) und einsehbare Ansatzpunkte für
den Kampf um die Erhaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen
der Werktätigen." (110)
Nicht, d a ß das Kapital sich durch Ausbeutung der Arbeitskraft
erhält, sondern daß es dies d a u e r n d tut und das sogar
noch dann, wenn es den Arbeitern besonders schlecht geht, ist das
Argument, das den Kampf gegen dessen Herrschaft begründen soll.
HUFFSCHMID's Lob der Arbeit verwandelt sich in die Beschimpfung
der Arbeiter, wenn sie i h r Interesse an Reproduktion nicht so
verfolgen, wie er sich das vorstellt: weil er nichts dagegen hat,
daß sie Arbeiter bleiben, ihnen vielmehr zu einer besseren Exi-
stenz als Arbeiter verhelfen will, behauptet er kurzerhand, daß
es ihnen nicht um die Erhaltung i h r e r Lebensbedingungen
ginge, wenn sie sich dem Kapital unterwerfen. Anstatt die Arbei-
ter also dafür zu agitieren, daß sie endlich g e g e n die Le-
bensbedingungen kämpfen, die ihnen vom Kapital diktiert werden -
also sich in ihrem Kampf um Reproduktion dem Kapital n i c h t
unterwerfen, denunziert HUFFSCHMID sie als willen- und bewußtlose
Werkzeuge des Profits und fordert sie auf, sich für ihre bessere
Ausbeutung einzusetzen.
HUFFSCHMID merkt, daß die Arbeiter zur Zeit nicht gegen das Kapi-
tal kämpfen wollen - und fordert sie deshalb dazu auf, für etwas
anderes zu kämpfen, was sie auch nicht wollen: für eine
"Beschneidung der Gewinne", gegen das "h e m m u n g s l o s e,
durch den Systemmechanismus erzwungene Gewinnstreben" und
schließlich dafür,
"Umfang und Produktion nicht mehr ausschließlich am Maximum des
Konzernprofits, sondern an bestimmten gesellschaftlichen Bedürf-
nissen zu orientieren." (111)
Für die Forderung nach ein bißchen weniger Kapitalismus also -
eine Forderung, die HUFFSCHMID für
"auch denen plausibel, wünschenswert und realisierbar" hält, "die
nicht von der Notwendigkeit der Abschaffung des Kapitalismus und
der Errichtung des Sozialismus überzeugt sind" (112)
sollen die Massen in Gang gesetzt werden. Weil die Arbeiter zu
dumm sind, als daß man ihnen klarmachen könnte, woran ihre be-
schissene Lage nun wirklich liegt, zieht HUFFSCHMID es vor, sie
in bester pädagogischer Manier erst einmal zu erziehen:
"... im Kampf um die Realisierung derartiger Forderungen können
Lernprozesse" (die Gruppendynamik der Arbeiterbewegung!)
"inganggesetzt werden, die eine breite Mehrheit der Bevölkerung
von der Notwendigkeit der Abschaffung des Kapitalismus und der
Errichtung des Sozialismus überzeugen." (113)
Getreu dem Motto: Sagt den Leuten nicht alles, was ihr wißt, es
könnte sie erschrecken! verspricht HUFFSCHMID seinen Adressaten
dann auch nur ein bescheidenes Ergebnis ihrer Kämpfe: wenn sie
schon ausgebeutet werden, dann sollen sie sich wenigstens auf die
Bedingungen verlassen können, unter denen dies geschieht -
schließlich ist es ja immer noch besser, sich im Produktionspro-
zess kaputtmachen zu lassen, als auf der Straße zu liegen:
"Der Kapitalismus wäre hiermit noch nicht abgeschafft, aber die
Wirksamkeit seines Funktionsmechanismus wäre allerdings spürbar
eingeschränkt: in dem Maße, ... wie das Profitprinzip zwar noch
(!) existiert, sich aber nicht mehr voll durchsetzen kann, in
diesem Maße... könnte der akute Ausbruch von Krisen verhindert
und die Lage der Werktätigen und der anderen nichtmonopolisti-
schen Teile der Gesellschaft langfristig stabilisiert werden."
(114)
Der so erreichte funktionierende Kapitalismus ist der Kapitalis-
mus ohne Krisen, in dem die Ausbeutung der Werktätigen langfri-
stig und stabil vor sich geht, Arbeiter und Kapitalisten wissen,
was sie voneinander zu erwarten haben und die Arbeiter jeden
Abend beruhigt ins Bett gehen können, weil sie sich sicher sind,
daß das Kapital ihre Arbeitskraft auch am nächsten Tag noch brau-
chen wird. HUFFSCHMID macht deutlich, daß der Idealismus, in der
Wissenschaft aus den untersuchten Gegenständen das zu machen, was
man selbst gerne hätte, daß sie seien, mitnichten ein bloß theo-
retische Angelegenheit ist. Sein Desinteresse an der Erklärung
des Kapitalismus ist dem Interesse geschuldet, das er an ihn
heranträgt: die theoretische Vergewaltigung der Realität ist Mit-
tel dafür, in ihr den Nutzen derer unterzubringen, die vom Kapi-
talismus keinen anderen Nutzen haben als ihre Reproduktion als
Mittel des Kapitals. Der Widerspruch, die Arbeiter zu loben, die
das Kapital produzieren, und das Kapital zu kritisieren, das von
ihnen produziert wird, resultiert in der handfesten Beschimpfung
der Arbeiter, weil sie aus ihrer Ausbeutung nicht den Nutzen zie-
hen, den HUFFSCHMID will, daß sie ziehen sollten, und in der tat-
kräftigen Unterstützung des Kapitals, wenn es den Arbeitern nur
etwas mehr zukommen läßt; hier geht es um die Legitimation einer
Politik, die das Kapital und seine Gewalt umsichtiger einsetzen
will.
Marx an der Uni
---------------
HUFFSCHMID hat also bewiesen, daß es einem marxistischen Ökonomen
nichts ausmacht, eine contradictio in adiecto zu sein. Als Ökonom
untersucht er, wie die bürgerliche Ökonomie alle Erscheinungen
des Wirtschaftslebens auf den Nutzen, den sie für das Funktionie-
ren des Kapitalismus haben; und er sieht wie sie seine vornehmste
Aufgabe darin, dem Staat Belehrungen darüber zu erteilen, wie
dieser seine Aufgabe, das Kapital Kapital und die Arbeiter Arbei-
ter bleiben zu lassen, am wirkungsvollsten erfüllen kann. Als
Marxisten allerdings stört ihn am Funktionieren des Kapitalismus,
daß er nicht für die funktioniert, für die er Partei ergriffen
hat; deshalb dichtet er das Funktionieren des K a p i t a l s
zum Nichtfunktionieren der G e s e l l s c h a f t um und hält
dem Schaden, den die Ökonomie in dieser Gesellschaft für die Ar-
beiter bereithält, den Nutzen entgegen, den er sich für sie
wünscht.
So setzt sich HUFFSCHMID gleichzeitig ständig von der bürgerli-
chen Ökonomie als Marxist ab und biedert sich zugleich ständig
als Ökonom bei ihr an: ein Geschäft, das ihm von der bürgerlichen
Wissenschaft nicht honoriert wird. Den bürgerlichen Wissen-
schaftsbetrieb stört es herzlich wenig, daß die Wissenschaft sol-
cher Marxisten mit Marx nichts zu tun hat. Den Bürgern genügt es,
daß solche Leute sich auf Marx als Autorität für ihre falsche
Wissenschaft zum Nutzen der Arbeiter berufen, um sie als Feinde
auszumachen: auch wenn diese Marxisten mit ihren Theorien das Ge-
genteil von dem bezwecken, wozu Marx seine Wissenschaft gemacht
hat. Die Militanz des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus, die
jeden trifft, der sich nicht umstandslos den Standpunkt dieser
besten aller Welten zu eigen- macht, belegt auch jene mit ihrem
Dogmatismusvorwurf, die sich selbst alle Mühe geben, ihre eigenen
und Marx' Aussagen zu relativieren, um so in der institutionali-
sierten Wissenschaft Fuß zu fassen.
Auch dem Marxisten HUFFSCHMID geht es um seine Anerkennung als
Ö k o n o m: und so kann es nicht ausbleiben, daß er sich expli-
zit zur Relativierung seiner Theorie bekennt, wenn ihm Gelegen-
heit geboten wird, seine Ratschläge an den Staat in das offi-
zielle Treiben der ökonomischen Sachwalter des Allgemeinwohls
einzubringen. Zu seinem Bemühen, i m Kapitalismus den Nutzen
der Arbeiter zu befördern, gehört deshalb auch die Denunziation
der eigenen Theorie als einer praktikableren Lösungsmöglichkeit
für die Probleme des Kapitals - die wissenschaftliche Erklärung
des Kapitalismus verkommt zu einem "werttheoretischen A n-
s a t z":
"Dieser Ansatz der marxistischen politischen Ökonomie ist Gegen-
stand tiefgreifender weltanschaulicher (!) und wissenschaftlicher
Kontroversen, er hat aber (!) jedenfalls den Vorzug (!) eines un-
bestreitbaren Erklärungswerts für sich..." (115)
Diese Selbstbezweiflung wird den marxistischen Ökonomen von der
bürgerlichen Wissenschaft nicht gelohnt: das Anpreisen der Marx-
schen Theorie als besseres Mittel zur Bewältigung der Probleme
der bürgerlichen Gesellschaft verfehlt ihre Wirkung bei denen,
denen die Berufung auf MARX Indiz für den Kampf gegen das Kapital
ist und nicht für das Interesse, die von ihnen so geschätzte Ge-
sellschaft zu vervollkommnen. So nimmt die Fachwelt auch das von
HUFFSCHMID mitverfaßte "Gegengutachten" gegen das des Sachver-
ständigenrats (116) nur mit Achselzucken zur Kenntnis und vermag
darin trotz aller konstruktiven Anbiederei nur einen weiteren Be-
weis dafür zu entdecken, daß diese linken Brüder zumindest nutz-
los, im schlimmsten Falle aber schädlich sind und ihr Versuch,
sich dem Staat als brauchbare Alternative anzudienen, nur die
Tarnung dahinterliegender finsterer Absichten ist. Den doppelten
Nutzen, den sich die marxistischen Ökonomen von ihrem Geschäft
versprechen, erbringt es nicht: weder gelingt es ihnen, sich in
der Welt der Wissenschaft und Politik als seriöse Gesprächspart-
ner Geltung zu verschaffen, noch nützt ihre Wissenschaft den Ar-
beitern. Ihr Verdienst ist ein anderer: sie haben es geschafft,
den Pluralismus der bürgerlichen Wissenschaft um eine besondere
Sauerei zu bereichern - die Zerstörung der Theorie, die den Kapi-
talismus erklärt, um ihn abzuschaffen, ist ihr Mittel, sich als
Produzenten immer neuer Theorien zu etablieren. (117)
_____
(1) Im Namen der Investitionsneigung. In: Blätter für deutsche
und internationale Politik 12/1974 S. 1258. Weiterhin zitiert als
"Investitionsneigung"
(2) Begründung und Bedeutung des Monopolbegriffs in der marxisti-
schen politischen Ökonomie. In: das Argument Sonderband 6, S. 5.
Weiterhin zitiert als "Monopolbegriff"
(3) ebd. S. 4
(4) ebd. S. 8
(5) ebd. S. 4 f
(6) Offensichtlich hat die bestehende Arbeiterbewegung eine sol-
che Grundlage auch bitter nötig; lassen sich doch nach HUFFSCHMID
die "theoretischen Grundaussagen" der "kommunistischen Weltbewe-
gung" in der "Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus zu-
sammenfassen, deren "Tragfähigkeit" (Monopol, S. 5) sich erst
noch erweisen muß - was ein düsteres Licht auf eine Weltbewegung
wirft, die noch gar nicht weiß, wie die Welt aussieht, die sie
verändern will!
(7) Zum Charakter der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. In Blät-
ter... Heft 4/1975 S. 388. Weiterhin zitiert als
"Wirtschaftskrise"
(8) ebd.
(9) ebd.
(10) Monopolbegriff, S. 72
(11) ebd.
(12) Wirtschaftskrise S. 389
(13) ebd.
(14) ebd.
(15) Monopolbegriff S. 72
(16) Wirtschaftskrise S. 389
(17) ebd.
(18) ebd.
(19) "Was also die kapitalistische Epoche charakterisiert, ist,
daß die Arbeitskraft für den Arbeiter selbst die Form einer ihm
gehörigen Ware, seine Arbeit daher die Form der Lohnarbeit er-
hält. Andererseits verallgemeinert sich erst von diesem Augen-
blick die Warenform der Arbeitsprodukte." K I, S. 184, Fußnote 41
(20) Wirtschaftskrise S. 389
(21) K I, S. 569 Fußnote 26
(22) Wirtschaftskrise S. 389
(23) Vgl. auch K I, wo MARX zeigt, daß die Kritik an der Vertei-
lung des Profits seine Apologie ist: "Die Darstellung von Mehr-
wert und Wert der Arbeitskraft als Bruchteile des Wertprodukts...
versteckt den spezifischen Charakter des Kapitalverhältnisses
nämlich den Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen
Arbeitskraft und den entsprechenden Ausschluß des Arbeiters vom
Produkt. An die Stelle tritt der falsche Schein eines Assoziati-
onsverhältnisses, worin Arbeiter und Kapitalisten das Produkt
nach dem Verhältnis seiner verschiednen Bildungsfaktoren teilen."
K I, S. 555
(24) Wirtschaftskrise S. 390
(25) ebd.
(26) Monopolbegriff S. 72
(27) Dies Argument leistet vor allem dann gute Dienste, wenn es
darauf ankommt, die Kaufkraftsteigerung der Arbeiter als Inter-
esse des Kapitals zu verkaufen.
(28) ebd. S. 25
(29) Exegetiker der Marxschen und Engelschen Schriften werden
hier sicher nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß doch schon
ENGELS in "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur
Wissenschaft" vom "Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Pro-
duktion und kapitalistischer Aneignung" spricht (MEW 19, S. 214).
Solche Leute liefern damit allerdings nur einen weiteren Beleg
für ihr Desinteresse an der Erklärung des Kapitalismus: sie zi-
tieren noch jeden Mist den ihre "Klassiker" produziert haben,
gleichberechtigt neben deren wissenschaftlichen Ergebnissen und
benutzen dieses Verfahren gerade als Mittel, um alle richtigen
Ergebnisse kaputtzumachen. In Fortsetzung der Fehler, die ENGELS
mit der zitierten Schrift eingeleitet hat, machen sie zugleich
die bisherige theoretische Leistung der Arbeiterbewegung deut-
lich, sich immer solche Marx-, Engels- und Leninsprüche herauszu-
suchen, die am besten zu ihrer interessierten Betrachtungsweise
des Kapitalismus passen.
(30) Wirtschaftskrise S. 397
(31) ebd., S. 390
(32) ebd., S. 390 f.
(33) Alternativen wirksamer und sozialer Wirtschaftspolitik. In:
Blätter für dt. und intern. Politik 12/75, S. 1320
(34) Wirtschaftskrise S. 391
(35) ebd.
(36) ebd., s. 398. Es wird im folgenden zu zeigen sein, welches
der Standpunkt des Gesamtkapitals ist, von dem HUFFSCHMID be-
hauptet, daß es ihn in der Realität nicht gebe.
(37) Monopolbegriff S. 28
(38) HUFFSCHMID - wie manche andere Marxisten - hält den 2. Ab-
schnitt des K III für den Nachweis, daß alle Kapitale prozentual
gleich viel Profit bekommen. MARX war allerdings das Problem,
wieviel jedes einzelne Kapital vom Mehrwert abkriegt, herzlich
gleichgültig. Das Mißverständnis dessen, worum es ihm ging, ver-
dankt sich allerdings nicht wie wieder andere Marxisten meinen -
der Tatsache, daß er sich unklar ausgedrückt hätte, sondern der
interessierten Fragestellung seiner Interpretatoren.
(39) Der hier kritisierten interessierten Betrachtungsweise der
Funktionsfähigkeit des Kapitals verdankt sich eine besonders ab-
surde Form der Kapitalismuskritik, die dem Kapital vorwirft, es
wurde trotz der Krise die Arbeiter noch mehr ausbeuten. Vgl. K I,
S. 255 f.
(40) So banal dies einigen marxistischen Theoretikern erscheinen
mag: damit ist das Prinzip der Stamokap-Theorie ausgesprochen.
Und wer dagegen einzuwenden hat, daß es doch zu viele verschie-
dene Varianten dieser Theorie gibt, als daß man sie so auf einen
Nenner bringen könnte, dem können wir leider nur mitteilen, daß
er sie in Schutz nimmt: ihm ist die Tatsache, daß den Leuten ver-
schiedene Begründungsversionen ihres falschen Zeugs einfallen,
auch noch Anlaß, die Stirn in gewichtige Falten zu legen und sich
als differenzierten Denker zu beweisen.
(41) Monopolbegriff, S. 57
(42) ebd.
(43) ebd.
(44) ebd., S. 57 f. In einem seiner jüngsten Produkte scheinen
HUFFSCHMID wieder Zweifel gekommen zu sein, ob die Arbeit im Ka-
pitalismus wirklich so effizient angewandt wird, wie es zu wün-
schen wäre: "Wenn Arbeit ausschließlich Mittel zum Gelderwerb
zwecks individueller Reproduktion ist und ihre gesellschaftlichen
Zusammenhänge und Zwecke für den einzelnen unerfindlich (!) sind,
so folgt daraus Desinteresse an der Arbeit, Wut und Widerstand
gegen die mit ihr verbundene Auszehrung und Zerstörung der
Arbeitskraft, und eine derartige ganz verständliche (!) Einstel-
lung (!) verringert natürlich auch die ökonomische Effizienz der
Arbeit." (Effektivierung und (!) Demokratisierung der Wirtschaft,
Blätter 3/76, S. 244) HUFFSCHMID schlägt Demokratisierung vor, um
den Arbeiter zur Einsicht in die unerfindlichen Zwecke zu brin-
gen, die ihn auszehren und zerstören, und damit seine Arbeit ef-
fizienter zu machen: der Kapitalismus funktioniert so schlecht,
weil den Arbeitern nicht klargemacht wird, wozu er gut ist.
(45) ebd., S. 59
(46) ebd. Den Idealismus, sich angesichts der bestimmten Wirkung
kapitalistischer Technik zu fragen, ob sie denn nicht eine andere
haben könne, geißelt MARX an der Frage von J.S. Mill, "ob alle
bisher gemachten technischen Erfindungen die Tagesmühe irgendei-
nes menschlichen Wesens erleichtert habe" (K I, S. 391). HUFF-
SCHMID hat angesichts des rentablen Einsatzes von Rationalisie-
rungen durch die Monopole andere Sorgen. Er beklagt sich, daß
Kleinunternehmen oder Einzelpersonen zwar noch "einzelne Erfin-
dungen und technische Neuerungen... erstmals einführen können",
ihre gesellschaftliche Anwendung aber doch nur weder den Monopo-
len zugute komme, und beweint den Untergang der schöpferischen
Einzelpersönlichkeit: "Ob der ursprüngliche Erfinder oder Techni-
ker dabei gut oder schlecht fährt, ob er aus dem Verkauf seines
(!) Patents einen hohen Profit schlägt, ... ist gleichgültig für
die Tatsache, daß die Erfindung erst in der monopolistischen An-
wendung zur Quelle eines dauerhaften (!) überdurchschnittlichen
Profits wird." Die Marxsche Kritik, daß im Kapitalismus die wis-
senschaftliche Erforschung der Natur Mittel für die Ausbeutung
des Arbeiters ist, wird hier zum Bedauern derjenigen, die beim
Ausdenken von Verbesserungen für diesen Zweck schlecht wegkommen.
(47) Monopolbegriff S. 59
(48) ebd., S. 29
(49) ebd., S. 34
(50) ebd., S. 31
(51) ebd., S. 45
(52) ebd., S. 45
(53) ebd., S. 48
(54) ebd., S. 43
(55) ebd.. S. 44
(56) Wirtschaftskrise S. 401
(57) Monopolbegriff S. 68
(58) ebd., S. 67
(59) ebd., S. 69
(60) ebd., S. 71
(61) ebd., S. 73
(62) ebd.
(63) ebd.
(64) ebd.
(65) ebd., S. 74
(66) ebd., S. 75
(67) ebd.
(68) ebd., S. 76 f.
(69) ebd., S. 74
(70) ebd.
(71) ebd., S. 76
(72) ebd.
(73) ebd., S. 77 f.
(74) ebd., S. 76
(75) ebd.
(76) ebd., S. 79 f.
(77) ebd., S. 80
(78) ebd.
(79) Aufschwung für wen? In: Blätter... Nr 9/1975
(80) ebd., S. 959
(81) ebd.
(82) ebd.
(83) Alternativen wirksamer (!) und sozialer (!) Wirtschaftspoli-
tik. In: Blätter... Nr. 12, 1975, S. 1318. Weiterhin zitiert als
"Alternativen"
(84) Aufschwung für wen?, S. 960
(85) HUFFSCHMID weiß auch einen Grund dafür zu nennen, daß die
Regierung sich für seine und ähnliche Vorschläge nicht interes-
siert: "... zu lange hat die herrschende Wirtschaftswissenschaft,
deren Repräsentanten die Beraterposten für die Regierung ebenso
besetzt halten (!) wie die Lehrstühle der Universitäten, ... die
Diskussion über echte Alternativen der Wirtschaftspolitik abge-
blockt", weshalb, "die Diskussion der Probleme, die mit derarti-
gen Fragen verbunden sind noch ziemlich in den Anfängen steckt."
(Alternativen S. 1319 f.) Abgesehen von der Absurdität, die Män-
gel der eigenen Wissenschaft daraus zu begründen, daß andere eine
andere "institutionalisiert" machen durften, frappiert die Erklä-
rung für die bisherige Wirtschaftspolitik kapitalistischer Staa-
ten: sie hatten eben immer die falschen Berater! Für das
"Scheitern" der Politik der sozialliberalen Koalition ergibt sich
eine neue originelle Begründungsvariante: HUFFSCHMID ist zu spät
Professor geworden.
(86) Aufschwung..., S. 961
(87) ebd.
(88) Wirtschaftskrise, S. 388
(89) vgl. K II, S. 409 f.
(90) Aufschwung..., S. 962
(91) ebd., S. 963
(92) Alternativen, S. 1323
(93) ebd., S. 1324
(94) ebd., S. 1326
(95) ebd., S. 1326
(96) ebd., S. 1326
(97) ebd., S. 1327
(98) ebd.
(99) ebd., S. 1333
(100) ebd., S. 1336 f.
(101) ebd., S. 1325
(102) ebd., s. 1341
(103) Wirtschaftskrise S. 386
(104) ebd., S. 387
(105) ebd., S. 388
(106) ebd.
(107) ebd., S. 406
(108) ebd.
(109) ebd.
(110) ebd., S. 406
(111) ebd., S. 407
(112) ebd., S. 404
(113) ebd.
(114) ebd.
(115) Theoretischer Rahmen und historischer Hintergrund zur In-
terpretation der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. In: WSI-Mittei-
lungen 12/1975 S. 634. Andere Marxisten entdecken in dieser Ein-
gliederung des Marxismus in den Pluralismus wissenschaftlicher
Politikberatung allerdings eine hoffnungsvolle Wende: Das Projekt
Klassenanalyse rechnet es dem WSI hoch an, "daß es in Zeiten der
zunehmenden Verketzerung von Marxismus diesen Ansatz mit in die
Diskussion einbezieht". Das PKA freut sich so sehr darüber, daß
HUFFSCHMID mit seinem falschen Zeug wenigstens bei den Gewerk-
schaften Anklang findet daß es den Inhalt von HUFFSCHMID's Mar-
xismus gleich für nebensächlich erklärt: "daß die Erklärung der
Krisen durch Huffschmid... falsch ist und (!) ein mangelhaftes
Verständnis der Marxschen Theorie ausdrückt, ... soll hier nicht
weiter interessieren..." (Beiträge zum wissenschaftlichen Sozia-
lismus 2/1976 S. 286 ff.)
(116) Memorandum von Wirtschaftswissenschaftlern: Für eine wirk-
same und soziale Wirtschaftspolitik
(117) Diese Leistung erklärt auch, wie HUFFSCHMID nacheinander in
den verschiedensten einander bekämpfenden linken Organisationen
sein konnte und gleichzeitig immer den gleichen theoretischen
Mist verbraten konnte (und wer zweifelt, daß es immer derselbe
war, soll sich "Die Politik des Kapitals" einmal ansehen!). Mit
Theorien, die MARX zum Anwalt des Nutzens der Arbeiter im Kapita-
lismus umdichten, lassen sich eben die verschiedensten Varianten
revisionistischer Politik legitimieren.
H. REICHELT
-----------
Marxaustreibung mit Niveau
--------------------------
Ein Marxismus mit Niveau
------------------------
Helmut REICHELT *) ist ein marxistischer Theoretiker - daran gibt
es keinen Zweifel. Nicht etwa die Vorliebe für die Arbeiten von
Karl MARX machen ihn dazu - Marx-Widerleger Werner BECKER geht es
auch permanent um MARX, ohne daß er dadurch Marxist wäre. Der
Marxist Helmut REICHELT weist sich aus, wenn er mit MARX andere
Theoretiker als bürgerliche kritisiert oder wenn er MARX gegen
seine Verfälscher in Schutz nimmt. Mit Verve und einem Koautor
kanzelte er jüngst etwa den Versuch ab,
"den politischen Gehalt der Marxschen Theorie zu erledigen", (1)
und beschimpfte selbst Kollegen aus dem eigenen Lager, sie würden
"entscheidende Grundpositionen der Marxschen Theorie aufgeben,
konkreter: revolutionäre Theorie durch ein kontemplativ 'sinnver-
stehendes' Paradiemengeflecht (?)... ersetzen." (2)
Solcherart Kritik gibt ihre Verpflichtung gegenüber dem zu ver-
stehen, was gerade Inhalt der Marxschen Theorie ist: die Erkennt-
nis der bürgerlichen Gesellschaft verlangt eine Konsequenz, ihre
Überwindung. Dieser Einsicht gemäß tadelt Helmut REICHELT dann
auch die fehlerhafte Rezeption der Marxschen Theorie durch solche
Leute, die sich gegen die bürgerliche Gesellschaft wenden und
fällt über sie das Urteil, die revolutionäre Theorie aufgegeben
zu haben - denn eine fehlerhafte revolutionäre Theorie kann ihren
Zweck nicht erreichen. Wer dieser schlichten Einsicht mit dem
Vorwurf begegnet, Helmut REICHELT sei ja n u r marxistischer
T h e o r e t i k e r, wer ihn als Seminarmarxist beschimpft, um
ihn als Theoretiker zu treffen, der gibt zu verstehen, daß er
sich zwar von Helmut REICHELT unterscheiden möchte, sonst aber
nichts gegen ihn hat: im Unterschied zu Helmut REICHELT gedenkt
er in seiner Praxis ohne Theorie auszukommen. (3)
Seine Kritik an jedem die Marxsche Theorie verfälschenden Umgang
läßt auch daran keinen Zweifel: Helmut REICHELT ist marxistischer
T h e o r e t i k e r, mithin jemand, dem es auf die Marxsche
Theorie ankommt, der sich positiv auf sie gerade dadurch bezieht,
daß er sie vor jeder unqualifizierten Rezeption in Schutz nehmen
will.
Und dafür hält sich Helmut REICHELT auch hinreichend legitimiert.
Sein Buch "Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffes bei Karl
Marx" gilt als eine der gründlichsten Arbeiten über das
'Kapital'. Solches Lob, wie es Helmut REICHELT etwa vom PROJEKT
KLASSENANALYSE zuteil wurde - es bescheinigte Helmut REICHELT,
über WYGODSKI und ROSDOLSKY hinausgegangen zu sein (4) - bedarf
allerdings selbst einer Erklärung, hat es doch mit der theoreti-
schen Leistung von Helmut REICHELT n i c h t s zu tun. Über
diese gibt bereits der Titel der Arbeit einigen Aufschluß:
Wer etwas "Z u r logischen Struktur..." verfaßt, hält sich die
Vorläufigkeit seines theoretischen Treibens zugute, läßt dicklei-
bige Werke auf die MARX-Fans los, obwohl er sich eingestandener-
maßen seines Wissens unsicher ist. Dies ist beileibe nicht dem
Autor anzukreiden. Er hat sich redlich um die "logische Struktur"
bemüht - wovon 266 Seiten Text immerhin Zeugnis ablegen. Sein in-
tensives Ringen um den Stoff hat keine Sicherheit erbracht, weil
die Marxsche Theorie es derart in sich hat, daß selbst an HEGEL
geschulte Theoretiker allenfalls Beiträge zur Diskussion, nicht
aber Endgültiges zustandebringen.
Wer etwas "Zur l o g i s c h e n S t r u k t u r d e s K a-
p i t a l b e g r i f f s..." vorlegt, der hat kein Problem mit
der bürgerlichen Gesellschaft, sondern eines mit der "logischen
Struktur" ihrer Begriffe. Helmut REICHELTS Anliegen ist es nicht,
die Kritik des Kapitalismus theoretisch voranzubringen; vielmehr
abstrahiert er von dieser gerade, wenn sein Gegenstand die
Begriffslogik ist. Helmut REICHELT will das 'Kapital' verstehen
und anderen nahebringen - ein lobenswertes Unterfangen - und
betreibt dies, indem er nicht die Theorie des Kapitalismus
studiert, s o n d e r n die Logik von Begriffen. Und wer
schließlich etwas "Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei
K a r l M a r x" publiziert, ist erfreut darüber, gerade in der
Theorie von Karl MARX brauchbares Material für sein Anliegen
vorzufinden.
Mit einer vorhandenen Theorie, die sich durch den Namen ihres Au-
tors, nicht aber durch ihren Inhalt auszeichnet, geht Helmut REI-
CHELT auf seine Weise um: V o r l ä u f i g e s zur
M e t h o d e einer bestimmten T h e o r i e ist sein Gegen-
stand - dies verrät der Titel d i e s e s Buches.
Und weil es ihm nicht um die Kritik des Kapitalismus zu tun ist,
er vielmehr die Marxsche Theorie zum Gegenstand seiner Theorie
macht, deshalb verfaßt er auch einen Aufsatz "Zum Wissenschafts-
begriff bei Karl Marx", Er hat nichts über oder gar gegen den
bürgerlichen Staat zu sagen, sondern nur viel "Zur Staatstheorie
im Frühwerk bei Marx und Engels".
Die bürgerliche Wissenschaft ist ihm beileibe nicht Anlaß zur
Kritik, vielmehr entschuldigt er sie - und sich selber -, indem
er "Ansätze zur materialistischen Interpretation der Rechtsphi-
losophie von Hegel" auch noch - veröffentlicht.
So ist ihm das umfangreiche Werk von MARX und ENGELS in seiner
bisherigen wissenschaftlichen Praxis unerschöpflicher Anlaß,
seine vorläufigen Gedanken ü b e r dieses abzusondern. Seine
theoretische Arbeit als Marxist ist so zugleich die Verurteilung
all derer, die so vermessen sind, etwas anderes mit der Marxschen
Theorie anzufangen, als sie zu i n t e r p r e t i e r e n.
Helmut REICHELT ist nicht der erste, der die Negation der Marx-
schen Theorie als Theoretisieren über sie betreibt: Was Helmut
REICHELT heute ein Anliegen ist, besitzt Tradition - wenngleich
für Helmut REICHELT eine schlechte. Für ihn hat noch heute Gül-
tigkeit, was H. GROSSMANN 1929 schrieb:
"Der unbefriedigende Zustand der bisherigen Marxforschung (!) ist
m.E. darauf zurückzuführen, daß man sich über die Marxsche For-
schungsmethode nicht nur keine klaren, sondern, so merkwürdig
dies erscheinen mag, überhaupt keine Gedanken macht." (5)
Da wird einer 'Marx-Forschung' vorgehalten, sie habe es bei der
Aneignung der Marxschen Theorie weder für nötig befunden, sich
die Methode, mit der MARX zu seinen Resultaten gelangt ist, zum
gesonderten Gegenstand zu machen, noch habe sie von der Behand-
lung dieses Gegenstands die Beschäftigung mit einem anderen, der
Marxschen Kapitalismuskritik nämlich, abhängig gemacht. Es muß
also Leute gegeben haben, die sich in ihrem Bemühen, das
'Kapital' etc. zu verstehen, d i e s e s einfach angeschaut ha-
ben, anstatt sich um die Art und Weise zu kümmern, w i e MARX
zu seinen Resultaten gekommen ist - kurz: sie sollen das Sakrileg
begangen haben, sich den Gegenstand, um den es ihnen ging,
tatsächlich anzueignen. (Wenn das bloß stimmte!) Mit der Gross-
mann'schen Vorschrift darüber, wie die Marxsche Kapitalismus-Kri-
tik zu relativieren ist, hat die MARX-Forschung den Weg für ihre
Epigonen geöffnet: die Vorschriften werden dazu als Klage über
die Mängel der MARX-Forschung vorgebracht; und die wenigen Versu-
che, die, die Desiderate der MARX-Forschung dadurch zu beheben,
daß man die Marxsche Forschungsmethode zum Gegenstand der For-
schung erhebt, sind bisher allesamt der Marxschen Theorie nicht
gerecht geworden:
"Das Niveau der Auseinandersetzung mit den methodischen Problemen
im Marxschen Spätwerk konnte eigentlich gar nicht mehr unterboten
werden." (6)
Nicht, daß seine Vorläufer Fehler gemacht hätten, wirft Helmut
REICHELT ihnen vor, sondern die Art ihres Umgangs mit der Marx-
schen Theorie als Forschungsgegenstand ist ihm zu primitiv und
anspruchslos. Ist die Marxsche Theorie erst einmal zum Gegenstand
einer eigenen Theoriebildung heruntergebracht, ist auch der Will-
kür des Marxforschers Tür und Tor geöffnet: von seinem Problembe-
wußtsein und Anspruchsniveau hängt es ab, welche methodischen
Probleme bei MARX entdeckt werden. Da dies aber mit der Marxschen
Theorie lange nichts mehr zu tun hat, wird der Grad des Niveaus
an ihr nicht meßbar. Wo Niveau Maß der Kritik ist, gehts um die
Unterscheidung der Theoretiker, da geht es nicht um die Marxsche
Theorie, sondern darum, was die Theoretiker jeweils damit anstel-
len. Es ist der Fortschritt dieser Disziplin der Kampf von Kon-
kurrenten, die sich durch das Austüfteln diffiziler Fragen, neu-
artiger Aspekte und origineller Probleme vor anderen profilieren
wollen. Der Vorwurf der Niveaulosigkeit ist dann nichts anderes
als die Verachtung des Konkurrenten, das moralische Urteil über
das Wissenschaftler-Subjekt, aus der sich zugleich die Selbstbe-
hauptung als Mann mit Niveau speist. In der Konkurrenz der MARX-
Forscher nimmt also bereits derjenige einen hohen Rang an, der
den Schneid hat, die Konkurrenz der Niveaulosigkeit zu zeihen und
Forderungen zu verkünden, vor deren Anspruchsniveau die Zunft er-
schauert und in deren Erfüllung sie ihren eigenen Fortschritt
erblickt. Nur wer es selbst geschafft hat,
"auf der Höhe der methodologischen und wissenschaftstheoretischen
Diskussion zu stehen" (7)
wird für den Umgang mit der Marxschen Theorie hinreichend gewapp-
net sein. Denn:
"Die Gesamtdarstellung des ökonomischen Systems weist ein Höchst-
maß an subtilen methodischen und systematischen Überlegungen auf,
doch ist es unmöglich, auch nur einige Gedanken abzutrennen und
gesondert vorzutragen, ohne sie in ihrer Substanz zu verletzen
oder ihnen die Form von Dogmen zu geben." (8)
Die Hochachtung vor der Marxschen Theorie dient ihm dazu, sich
selbst zu bejubeln: Immerhin weiß e r um die Subtilität der
"methodischen und systematischen Überlegungen", wenn er sie auch
erst vorläufig entschlüsselt hat (9) Ein Kunstwerk sind das
'Kapital' und die 'Grundrisse...', dem sich bei schöpferischem
Umgang mit demselben immer wieder neue Seiten, logische Finessen,
dialektische Figurinen abgewinnen lassen - wenn es einem selbst
an Niveau und Sensibilität nicht mangelt.
Mit dieser Verurteilung derer, die die Negation der Marxschen
Theorie nicht weit genug getrieben haben, feiert sich Helmut REI-
CHELT in der Konkurrenz der MARX-Forscher als Wissenschaftler mit
Prädikat durch die Selbstattestierung von Qualitäten, die den
Wissenschaftler als Persönlichkeit auszeichnen müssen: mit der
Sensibilität und Subtilität eines Künstlers hat er begabt zu
sein, um dem großen Meister kongenial dessen geheimste Gedanken
selbst dort noch zu erahnen, wo dieser sich keine gemacht hat.
Zugleich hat aber Helmut REICHELT bei MARX den Grund dafür gefun-
den, warum es der Forschung über die Marxsche Theorie bedarf und
warum diese - seinen eigenen Beitrag dazu inbegriffen - erst in
den Kinderschuhen steckt: Das Werk von Karl MARX ist derart raf-
finiert konstruiert, die Art, in der es zustandegekommen ist, so
undurchschaubar, daß es ohne eine besondere Forschung vom Laien
unmöglich verstanden werden kann. Da es MARX selbst nun leider
versäumt hat, sein Werk noch zusätzlich zu erklären und damit den
MARX-Forschern die Arbeit zu erleichtern, müssen diese jenen Man-
gel, so gut es eben geht, zu beheben versuchen. Sie laden diese
Mühsal auf sich, was angesichts ihres Ausgangspunktes eine wahre
Sysiphosarbeit zu werden verspricht: deshalb werden alle Resul-
tate auch nur v o r l ä u f i g e r Natur sein; womit die Me-
thodologisierung der Marxschen Theorie sich selbst die Anlässe
verschafft, ihre Existenzberechtigung zu belegen.
Kontextmarxismus
----------------
Die Verurteilung der Mängel der MARX-Forschung hat unversehens
einen Mangel bei MARX selbst zutage gefördert. Dieser besteht
darin, daß er n u r die Kritik des Kapitalismus geleistet, sich
aber nicht noch zusätzlich methodisch zu sich. selbst verhalten
hat. Deswegen ist es auch kein Wunder, wenn Methodologen mit der
Marxschen Theorie ihre Probleme haben. Um diese Probleme mit der
Marxschen Theorie zu lösen, muß man folglich anderes tun, als nur
MARX zu studieren: Wenn gerade sein Werk den Mangel enthält, das
methodische Problembewußtsein seines Verfassers nicht zu offenba-
ren, dann hat man sich nicht mit dem Werk, sondern mit dem Be-
wußtsein seines Verfassers zu beschäftigen. Da dies aber postum
auf Grenzen stößt, gilt es dieses aus anderem zu erschließen.
Doch ist es allemal das Verständnis von MARX, um welches es geht,
so daß es auch nicht opportun ist, sich seines Problembewußtseins
zu versichern, o h n e sich mit seinem Werk zu beschäftigen.
Die Marxsche Theorie muß folglich i m K o n t e x t verstanden
werden. Dieser Kontext ist zunächst einmal ein h i s t o-
r i s c h e r, womit einmal mehr bewiesen wäre, daß auch MARX
ein leibhaftiger Mensch gewesen ist und in der Z e i t
existiert hat, womit aber zugleich hinlänglich auf die Bedeutung
der E n t w i c k l u n g der Marxschen Theorie aufmerksam ge-
macht worden wäre - auch von der Marxschen Theorie wäre festzu-
halten, daß sie g e w o r d e n ist.
Und Helmut REICHELT blättert auf, wie er dem Mangel der Marxschen
Theorie durch die Nichtbeschäftigung mit ihrem Inhalt zuleibe
rückt. Mit staatstheoretischen Aussagen (in MEW 1) beschäftigt
sich Helmut REICHELT nicht etwa in der Weise, daß er s i e zum
Gegenstand macht, sondern indem er fragt, wie MARX zu ihnen ge-
kommen ist:
"Wir müssen vielmehr im einzelnen untersuchen, wie sich der Über-
gang zum Materialismus vollzieht, und ob er sich hinsichtlich al-
ler Aspekte der Theorie gleichmäßig und parallel vollzieht." (10)
Es gibt - stellt Helmut REICHELT fest - bei MARX einen "Übergang
zum Materialismus"; womit zunächst einmal festgestellt wäre, daß
auch MARX nicht mit der fertigen Kapitalismuskritik im Kopf zur
Welt gekommen ist. MARX-Forscher Helmut REICHELT hat also MARX
mit MARX zu vergleichen und zwar gleichmäßig "hinsichtlich aller
Aspekte der Theorie." (11)
Doch bekommt ein Vergleich gerade nichts über den bürgerlichen
Staat heraus, sondern hält nur Unterschiede zwischen den einzel-
nen Aussagen fest. Der Zirkel seiner Tätigkeit zeigt deren Inten-
tion: Wo es um die Überprüfung der Wahrheit von Theorien über den
bürgerlichen Staat geht, hat dies nicht d u r c h, sondern
v o r jedem Vergleichen mit anderen Theorien zu geschehen; was
dann den Vergleich zum Zweck der Feststellung der Richtigkeit von
Theorien überflüssig macht. Doch Helmut REICHELT praktiziert den
Vergleich als Wahrheitsurteil; er hält so verbissen daran fest,
daß er schließlich das absurde Problem bekommt, ob sich der Über-
gang zum Materialismus auch "hinsichtlich aller Aspekte der Theo-
rie g l e i c h m ä ß i g und p a r a l l e l vollzieht." In
dieser MARX-Forschung mit Zirkel, Dreieck und Lineal hat er also
Staatskritik nicht im Sinn, ums Festhalten richtiger und um die
Kritik falscher Aussagen zum bürgerlichen Staat geht es ihm schon
lange nicht - nicht als Feind des Kapitalismus, sondern als
F r e u n d v o n B e g r i f f e n betätigt er sich folglich:
Was ihn
"vordringlich interessiert, ist die Genesis von B e g r i f f-
l i c h k e i t e n, denen wir dann in der von Marx selbst (!)
als materialistisch bezeichneten (!) Geschichtsauffassung begeg-
nen, ohne daß dort näher darauf eingegangen wird, oh sich die Be-
griffe angesichts der präzisierten materialistischen Position in
dieser Form noch halten lassen (12)
Das explizite Bedauern darüber, daß MARX keinen philologischen
Kommentar zu sich selbst verfaßt hat, kann nunmehr ebensowenig
verwundern wie die Fortsetzung der Verwechslung des Inhalts eines
Begriffs mit seiner Genese. Hat MARX durch die Begriffe gezeigt.
daß sie die Kritik des Kapitalismus leisten, so verlangt Helmut
REICHELT noch die Kommentierung dieser Leistung angesichts der
"präzisierten materialistischen Position"; ein Verlangen, welches
an der Frage nicht vorbeikommt, wie er denn wohl eine Position zu
präzisieren gedenkt, wenn nicht begrifflich. Materialistische
Theorie, der erst im nachhinein die Begriffe angepaßt werden,
eine materialistische Position o h n e die Begriffe, die sie
ausmachen
- dies ist die Vorstellung, welche diesem Vergleich zugrunde-
liegt. (13) Und wie er die Theorie von dem, was sie ausmacht -
den Begriffen - trennt, so löst er mit der Untersuchung ihrer
G e n e s i s den Begriff von er Sache, welche durch ihn begrif-
fen wird. Der E n t s t e h u n g und weiteren E n t w i c k-
l u n g der V e r w e n d u n g von Begriffen getrennt von
dem, was sie begreifen, nachzugehen heißt den Begriff als Wort,
als zufälligen N a m e n einer Sache, nicht aber als deren
notwendige B e s t i m m u n g zu nehmen. Wenn etwa HEGEL oder
FEUERBACH die Verdopplung des Menschen in der bürgerlichen
Gesellschaft anders bestimmt haben als MARX, so ist dies Helmut
REICHELT nicht etwa Anlaß, HEGEL und FEUERBACH zu kritisieren und
zu untersuchen, ob MARX die Verdopplung richtig bestimmt hat;
vielmehr denunziert er die Verwendung des Verdopplungs - B e-
g r i f f s bei MARX, w e i l andere den S a c h v e r-
h a l t s.E. falsch bestimmt haben, immerhin waren HEGEL und
FEUERBACH ja keine Marxisten. Er meint damit bei Marx eine theo-
retische Nachlässigkeit, welche sich als Fehlerquelle herausstel-
len könnte, entdeckt zu haben, und betreibt Kritik als falsche
Philologie: Weil andere in der Erkenntnis eines Sachverhalts der
bürgerlichen Gesellschaft, welcher den Namen Verdopplung trägt,
Fehler gemacht haben, gerät MARX, der denselben Sachverhalt zum
Gegenstand seiner Erkenntnistätigkeit macht, bei Helmut REICHELT
automatisch deswegen in Verdacht, weil er sich für denselben
Sachverhalt keinen neuen Namen ausgedacht hat:
"Es betrifft dies (die Abrechnung mit Theoremen, die nach Helmut
REICHELT in den Spätschriften völlig verschwinden) insbesondere
den in letzter Zeit häufiger hervorgehobenen Aspekt (!) der Ver-
doppelung in der Staatstheorie (!), bei dem sich die Vermutung
aufdrängt, daß es sieh um einen letzten Ausläufer bürgerlichen
Denkens bei Marx handelt." (14)
Das M i ß t r a u e n des marxistischen Philologen ist geweckt.
Er mißtraut der - "von Marx selbst als materialistisch bezeichne-
ten" - Theorie, weil sie sich aus der K r i t i k des Idealis-
mus e n t w i c k e l t hat und schlägt zur Behebung seiner
Skepsis ein Verfahren vor, welches seine Skepsis doch nur ver-
stärken kann, da es von vornherein die Frage nach der Richtigkeit
der Theorie wie die Pest meidet - es ist dies eben jenes Verfah-
ren der Untersuchung der Genese von Begriffen. So ist ihm jede
Begrifflichkeit und jede Denkfigur bei MARX, die er von HEGEL
oder FEUERBACH kennt, Anlaß zu philologischen Manövern und theo-
riegeschichtlichen Exkursionen, denen eines gemeinsam ist: es
geht nicht um die Gegenstände der Theorien, sondern um ein Ver-
gleichen, welches sich der Falschheit des Ausgangspunktes
(Idealismus) sicher, der Richtigkeit des Resultats der Entwick-
lung (Materialismus) aber unsicher ist; damit praktiziert Helmut
REICHELT eine Form des Umgangs mit der Marxschen Theorie zum
Zweck der Erhellung derselben, welche den Skeptizismus gegenüber
seinem Gegenstand - obwohl angetreten, Unsicherheiten auszuräumen
- zum Prinzip seines Vorgehens macht.
Marx - Ein gescheiterter Historiker
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Die Resultate von REICHELTS langjähriger MARX-Forschung - sie
dünken ihn so bedeutsam, daß er sie noch in jeder Publikation
wiederholt - bestätigen denn auch nur den Ausgangspunkt des Un-
terfangens, nämlich Marxens intransigente Weigerung, sich durch
die Hinzufügung eines Kommentars zu seiner Theorie ad absurdum zu
führen.
Das Marxsche Gesamtwerk überblickend fällt Helmut REICHELT
zunächst ausgerechnet holländischer Käse ein: Wie bei diesem un-
terscheidet er bei MARX verschiedene Reifegrade. Da gibt es jun-
gen, noch unreifen Marx (MEW 1: Hegelauseinandersetzung) und den
reifen bzw. späten Marx des 'Kapital'. In der Mitte ist der be-
reits leicht gereifte Marx anzutreffen, der mit ENGELS zusammen
die 'Deutsche Ideologie' (MEW 3) verfaßt hat. Im Einzelnen hat
Helmut REICHELT Erstaunliches über die drei zutage gefördert:
Der Frühe
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"Das Resultat dieser Analyse läßt es problematisch und fragwürdig
(!) werden, die Formulierungen der Frühschriften unkritisch (!)
zu betrachten, da ihnen eine noch idealistisch zu nennende (!)
Position zugrunde liegt." (15)
Seine mit dreifacher Entschuldigung abgesicherte Verurteilung der
Frühschriften ist radikal: MARX unterlaufen nicht etwa Fehler in
seiner HEGEL-Kritik, sondern dieser Kritik liegt insgesamt eine
"idealistisch zu nennende (!) Position zugrunde". Und sofern die
Grundlage "idealistisch zu nennen" ist, kann die auf dieser
Grundlage erstellte Kritik nicht weniger idealistisch zu nennen
sein. Es lohnt sich somit nicht, erst einmal bei den Frühschrif-
ten zu verweilen, was besonders diejenigen unter den MARX-Fans
verdrießen wird, die gerade im jungen MARX den noch sympathischen
Humanisten erblicken. Doch darauf kann Helmut REICHELT keine
Rücksicht nehmen - er schreitet voran zu seiner Lieblingsidee.
Der Mittlere
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Die 'Deutsche Ideologie', welche durch ein
"unvermittelte(s) Nebeneinander verschiedener Ansätze, die sich
nicht mehr in ein einheitliches Konstrukt (!) zwanglos (!) inte-
grieren lassen" (16)
gekennzeichnet ist - er muß ein ziemlicher Wirrkopf gewesen sein
dieser MARX -, ist Helmut REICHELT deshalb so lieb und wert, weil
er in ihr das gesamte Spätwerk programmatisch angelegt sieht.
Dies in jene Sätze von MARX hineinzulegen, in denen er von der
Überflüssigkeit der Philosophie bei der Herausbildung der
"positiven Wissenschaft" handelt -
"Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt
also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der
praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der
Menschen. Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen
muß an ihre Stelle treten. Die selbständige Philosophie verliert
mit der D a r s t e l l u n g d e r W i r k l i c h k e i t
ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammen-
fassung der allgemeinen Resultate treten, die sich aus der Be-
trachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren
lassen. Diese A b s t r a k t i o n e n haben für sich, ge-
trennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert."
kostet Helmut REICHELT drei faustdicke Lügen: So wird erstens aus
der simplen Unterscheidung zwischen der "Darstellung der Wirk-
lichkeit" und ihren "Abstraktionen", d.h. der "Z u s a m m e n-
f a s s u n g der allgemeinsten Resultate" bei Helmut REICHELT
ein "zentrales methodisches Prinzip" (18). Wo MARX die
Ü b e r f l ü s s i g k e i t einer selbständigen Philosophie
nach der Durchsetzung der Wissenschaft begründet, jubelt ihm Hel-
mut REICHELT exakt das Gegenteil unter: Gerade die 'Deutsche
Ideologie' sei selbst noch eine Art selbständiger Philosophie,
allerdings eine materialistische, die jene "Abstraktionen", - vor
denen MARX, eingedenk der spekulativen Abstraktionen des Idealis-
mus, warnt -, programmatisch ausführt. Was MARX an der deutschen
Philosophie kritisiert, nimmt Helmut REICHELT als methodisches
Bekenntnis MARXENS. Damit ist die nächste Lüge bereits
angesprochen:
Helmut REICHELT lügt zweitens einige von MARX zum Zweck der Kri-
tik der deutschen Ideologien (FEUERBACH, BAUER, STIRNER) ange-
führten Abstraktionen zu einem "P r o g r a m m" um. (19) Wo
MARX sich (nach seiner eindringlichen Warnung vor falschen Ab-
straktionen) selbst einmal genötigt sieht, gegenüber den
"voraussetzungslosen Deutschen" (20) darauf zu verweisen, daß die
Menschen nun einmal, um Geschichte machen zu können, auf Voraus-
setzungen angewiesen sind: sie werden ohne "Essen und Trinken,
Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere" (21) nicht auskommen,
wozu wiederum Arbeit die Voraussetzung ist, deren Resultate neue
Bedürfnisse erzeugen, schließlich die Erhaltung des Menschen auch
seine Fortpflanzung einschließt etc. - wo MARX also polemisch den
deutschen Philosophen an seine Voraussetzungen erinnert, da geht
Helmut REICHELT heran und macht aus diesen Abstraktionen ein Pro-
gramm "mit dessen Hilfe Geschichte erst zu schreiben ist". (22)
Es stört ihn nicht, daß MARX gerade dies explizit ausgeschlossen
hatte: "Sie (die Abstraktionen) geben aber keineswegs, wie die
Philosophie, ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtlichen
Epochen zurechtgestutzt werden können." (23) Die "wirkliche Dar-
stellung", welche sich MARX mit der Abfassung der 'Deutschen
Ideologie' vorgenommen haben soll
"umfaßt (nicht unähnlich der HEGELSCHEN Konzeption, gleichsam de-
ren materialistische Einlösung) ein gigantisches (!) Werk, näm-
lich nichts Geringeres als die Nachzeichnung des gesamten Entste-
hungsprozesses der geschichtlichen Menschheit mit all ihren
'ideologischen Superstrukturen', die jeweils aus der bestimmten
Form der unmittelbaren Reproduktion heraus zu entwickeln sind."
(24)
Diese Verdrehung unterschlägt, daß jenes "allgemeine Resultat"
(25), von welchem MARX spricht, eben R e s u l t a t intensiver
Studien und nicht programmatisch vorausgesetzt war. Als Programm,
welches erst die Erkenntnis des "Entstehungsprozesses der ge-
schichtlichen Menschheit" erbringen soll, kann seine Entstehung
nur durch Eingebung, Erfindung etc. erklärt werden. Da Helmut
REICHELT nun aus dem "allgemeinen Resultat", welches in der Tat
den Schlüssel für die vollständige Erklärung der Geschichte ent-
hält, ein P r o g r a m m für MARX gemacht hat, hat er diesen
selbst - drittens - gemäß seinem Interesse zum H i s t o r i-
k e r umfabuliert. Helmut REICHELT gelingt eine gigantische
Abstraktion: so kann er z.B. davon abstrahieren, daß MARX und
ENGELS die 'Deutsche Ideologie' in Brüssel verfaßten, wohin MARX
wohl nur deshalb fliehen mußte, weil er Herrn GUIZOT als
Historiker nicht genehm war; und in Paris hielt sich MARX wohl
vornehmlich der reichen, einen Historiker reizenden Quellen-
sammlung wegen auf. Wem die Marxsche Theorie nur Material ist, um
sich als Wissenschaftler von Niveau zu betätigen, dem gelingt es
allerdings selbst mühelos, MARX, dem es Zeit seines Lebens nicht
auf Wissenschaft, sondern auf die Abschaffung der bürgerlichen
Gesellschaft ankam, - weswegen er Wissenschaft treiben mußte - in
einen Geschichtswissenschaftler zu verwandeln, der obendrein an
Größenwahn gelitten haben muß: Hätte er sich sonst einen derart
"gigantischen" (26), "nicht mehr zu überbietenden" (27) Anspruch
gesetzt? Mit dieser Verhunzung der 'Deutschen Ideologie' zur
Sammlung von programmatischen Abstraktionen, welche als Interpre-
tationsmethode "zur Grundlage der materialistischen Deutung (!)
des geschichtlichen Verlaufs" (28) zu dienen habe, hat Helmut
REICHELT auch das Urteil über d e n s p ä t e n MARX gefällt.
Der Späte
---------
Wer die Kritik der deutschen Ideologien von MARX und ENGELS nicht
als das nimmt, was sie sind, sondern zu einem A n s p r u c h
auf etwas anderes verdreht, sieht sich nach der Einlösung dieses
Anspruches um. Und Freund REICHELT findet bei MARX tatsächlich
wirkliche Geschichtsschreibung vor (wer hätte das gedacht?), al-
lerdings "nur im 'Kapital'" (29), weswegen er auch sogleich einen
"Widerspruch" entdeckt:
"Wesentlich ist uns hier der Anweisungscharakter dieser
'Abstraktion', die uns auf einen Widerspruch stoßen läßt, dem das
Marxsche Werk als Ganzes behaftet ist: Gemessen am Anspruch sei-
ner Methode kann die wirkliche Darstellung immer nur der Versuch
sein, sich der Totalität des geschichtlichen Prozesses zu anzunä-
hern. Das Marxsche Spätwerk, das 'Kapital', ist somit nur eine
bescheidene Konkretion dieses Anspruchs, ..." (30)
Damit ist die Katze aus dem Sack: Mittels der Verdrehung der
'Deutschen Ideologie' zum Programm, zur materialistischen Inter-
pretationsmethode von Geschichte, mittels der daraus resultieren-
den Verharmlosung des Marxismus zur Geschichtswissenschaft und
schließlich mittels einer Widerspruchslogik, die keine ist, - Wie
kann es einen Widerspruch zwischen Anspruch und Nichteinlösung
desselben, mithin zwischen etwas Existentem und etwas Nichtexi-
stentem geben? - hat Helmut REICHELT MARX auf den nicht nur grö-
ßenwahnsinnigen, sondern konsequenterweise auch g e s c h e i-
t e r t e n Historiker heruntergebracht.
Um zu d i e s e m Urteil über MARX zu gelangen, ist es nicht
einmal nötig, auch nur eine Zeile von MARX zur Kenntnis zu neh-
men. Helmut REICHELT hat seine Vorstellungen von den Tugenden ei-
nes Wissenschaftlers an Marx angelegt, um zu dem Resultat zu kom-
men, daß der Bursche unbescheiden maßlos, dogmatisch gewesen war,
wohingegen er, Helmut REICHELT, seine Unbescheidenheit beschei-
den, maßvoll und als jeder offenen Diskussion zugänglich vor-
trägt; all dies weist Helmut REICHELT als jenem STERN-Reporter
kongenial aus, welcher in Zelebrierung bürgerlicher Moralvorstel-
lungen das Scheitern des M e n s c h e n MARX so packend zu
schildern wußte. Diese Darstellung ergänzt REICHELT durch die -
allerdings weniger packende - Darstellung des Scheiterns eines
großen Denkers: als junger Spund in der HEGEL-Kritik den Fehlern
seines großen Lehrmeisters noch aufgesessen, ruhte und rastete er
nicht, ehe er ein Programm bzw. eine Methode entwickelt hatte,
mit welcher er nicht nur seinem Meister eins auswischen (Wer
steht schon gern auf dem Kopf?), sondern ihn auch übertrumpfen
konnte. Doch hatte er sich damit abermals zuviel vorgenommen - er
konnte seinen Anspruch nicht realisieren und scheiterte elend.
MARX - Ein gescheiterter Methodologe
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Immerhin hat - nach Helmut REICHELT - MARX mit der 'Deutschen
Ideologie' bzw. mit der 'Einleitung zur Kritik der Politischen
Ökonomie' jenen programmatischen Entwurf hinterlassen, an dessen
Realisierung er deswegen gescheitert sein soll, weil er sich
nicht um den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produkti-
onsverhältnissen beim Neandertaler und den alten Spartakken ge-
kümmert hat, sondern es ihm n u r auf die wissenachaftliche
Kritik des Kapitalismus ankam. Inwieweit andere, weniger maßlose
Typen - immer nur als "Versuch, sich der Totalität anzunähern",
versteht sich - aus diesem Programm noch etwas herausholen kön-
nen, inwieweit das Programm als Vorschrift überhaupt tauglich
ist, klärt Helmut REICHELT. Von vornherein ist dabei Skepsis am
Platz, denn eine Methode, welche derartig gigantomanische Ambi-
tionen provoziert, muß selbst ihre Tücken besitzen:
"Gleichwohl wollen wir (Helmut REICHELT meint Helmut REICHELT)
den Versuch (!) unternehmen, die 'Deutsche Ideologie' unter dem
Aspekt (!) zu untersuchen, ob sich Hinweise (!) finden, in wel-
cher Form die in der 'Deutschen Ideologie' noch nicht durchge-
führte Darstellung zu erfolgen hat ..." (31)
Helmut REICHELT scheint sich seiner Lieblingsidee so unsicher zu
sein, daß er sie bei der näheren Untersuchung der materialisti-
schen Methode in der 'Deutschen Ideologie' erst einmal in Frage
stellt: Man wird nach "Hinweisen" suchen müssen, diese Suche wird
auch nur ein "Versuch" bleiben, der obendrein nur dann überhaupt
etwas zutage fördert, wenn man sich die 'Deutsche Ideologie'
nicht vornimmt, sondern an sie die "Aspekte" einer ihr inhärenten
Methode heranträgt. Helmut REICHELT gibt also zu verstehen, daß
er mit der 'Deutschen Ideologie' etwas veranstaltet, was mit ihr
selbst nichts zu tun hat, um zu einem Resultat - der materiali-
stischen Methode bzw. den programmatischen Abstraktionen - zu ge-
langen, von dem er vorher emphatisch behauptet hat, es sei gerade
der Kern der 'Deutschen Ideologie' und die Nahtstelle des ge-
samten Werks von Karl MARX.
Es kommt, wie es kommen muß. Helmut REICHELT bereitet den MARX
gegenüber immer noch gutwilligen Lesern die nächste Enttäuschung:
Einmal hat man es bei dem Programm "lediglich mit
'Abstraktionen'" (32) zu tun; zum anderen folgt daraus, daß man
"die vielen Hinweise und Bemerkungen, die z.T. Wiederholungen der
sich nun als Abstraktionen erweisenden (?) Gedankengänge aus frü-
heren Schriften sind, nicht überzubewerten und als ganze Wahrheit
zu nehmen" (33) hat; woraus erhellt, daß er in vielem kaum über
die (bekanntlich idealistisch zu nennenden) Frühschriften hinaus
geht. Auf die wichtige Frage nach dem verkehrten Bewußtsein und
seinem Ursprung geht Marx nur "mit wenigen und zudem dunklen Sät-
zen" (34) ein; schließlich ist da die Beziehung zwischen Produk-
tivkräften und Produktionsverhältnissen "kaum vermittelt", und
"noch durchaus mystisch" gefaßt. (35)
Die Anstrengungen Helmut REICHELTS sind auch hier enorm. Wie er
mit dem Marxschen Gesamtwerk verfahren war, ihm nämlich einen
Zweck unterzujubeln, den es nicht verfolgt, um es dann damit zu
verurteilen, daß es diesen Zweck nicht verwirklicht hat, so ver-
fährt Helmut REICHELT auch mit der 'Deutschen Ideologie': Er
dichtet ihr eine Funktion an, welche sie nicht besitzt (Programm
soll sie sein), um bei der Überprüfung der Tauglichkeit der me-
thodisch-programmatischen Anweisungen festzustellen, daß diese
eigentlich gar nicht recht vorhanden, zumindest aber nicht taug-
lich sind - ein Resultat, welches selbstverstehend deshalb her-
auskommen muß, weil die 'Deutsche Ideologie' eben die Kritik des
deutschen Idealismus und keine Anweisung zur Geschichtsschreibung
darstellt. Wo selbst der letzte Blödel merkt, daß die eigene Kon-
struktion falsch ist, dient Helmut REICHELT die Selbstbezweiflung
seiner Erfindung nur dazu, MARX weitere Vorhaltungen zu machen:
Selbst das, was man in ihn hineinlügt, hat er nicht realisiert!
Damit steht für Helmut REICHELT, dessen Schlüsse also keine Frage
seiner Intelligenz sind, fest: Was MARX der Nachwelt hinterlassen
hat, taugt zu nichts. Das Frühwerk ist idealistisch, das Programm
der 'Deutschen Ideologie' als materialistische Methode ist so
vage und unklar, daß es nichts hergibt, und das Spätwerk schließ-
lich stellt nur eine "bescheidene Konkretion" dar, von der im üb-
rigen angesichts des desolaten Zustands des in ihm zur Realisa-
tion gelangten (eigentlich kaum vorhandenen) Programms selbst in
den bescheidenen Resultaten nur wenig erwartet werden darf.
Die Kritik des Kapitalismus zum Beweis der Dialektik
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Wer derartige Urteile über eine Theorie fällt, der zieht für ge-
wöhnlich daraus eine Konsequenz: er legt sie ad acta, er ist ein
für alle mal fertig mit ihr. Nicht so Helmut REICHELT! Der kommt
nach seiner Philippika erst richtig in Fahrt. Das Hauptwerk von
MARX, das 'Kapital', steht noch an. Und weil das Urteil schon
feststeht, wird das 'Kapital' für Helmut REICHELT zum Gegenstand
seiner theoretischen Arbeit, ohne daß er sich mit dem 'Kapital',
geschweige denn mit dem Kapital, beschäftigt. Seine theoretischen
Umtriebe gelten nicht der Kritik des Kapitalismus, sondern dem
'Kapital' a l s der "bescheidenen Konkretion" eines Programms,
welches kein Programm ist. Es wird Helmut REICHELT Anlaß für
s e i n e Fragen und s e i n e Probleme, und diese gelten
nicht dem Kapital, sondern dem 'Kapital' als T h e o r i e, als
Problem der Theoriebildung, als Problem der Verwendung von Be-
griffen, der Genese von Begrifflichkeiten etc., kurz als Problem
der Methode.
Doch so bescheiden die Konkretion jener Abstraktionen im
'Kapital' nun auch immer sein mag, Helmut REICHELT kommt nicht
darum herum, daß er selbst es als den Teil seines Gesamtwerks,
welches die "wirkliche Darstellung" enthält, angekündigt hat. Er
hat sich dies Drangsal selbst geschaffen, einerseits das
'Kapital' als ("bescheidene") Kapitalismuskritik einzuführen, an-
dererseits aber doch mit dieser gerade nichts im Sinn zu haben.
Aber Helmut REICHELT schafft es nicht nur, an seinem Interesse
festzuhalten und doch das 'Kapital' zu seinem Gegenstand zu ma-
chen; Helmut REICHELT wächst auch noch mit der Bedeutung seines
Gegenstandes.
Er formuliert sein Drangsal erst einmal m e t h o d i s c h
und stellt damit klar, daß es für i h n keines ist. So weiß er
zu berichten,
"daß... ein wesentliches Verhältnis zwischen Methode und Inhalt
besteht". (36)
Diese Perle aus dem Schatzkästlein eines Marxisten mit Niveau be-
steht vor allem in der freudigen Zustimmung zu Marxens Kritik an
HEGEL, welcher nicht "die Logik der Sache, sondern die Sache der
Logik" (37) betrieben habe, als er den bürgerlichen Staat erklä-
ren wollte: "Die Logik diente nicht zum Beweis des Staates, son-
dern der Staat zum Beweis der Logik." (38) Helmut REICHELT be-
dient sich dieser HELGEL-Kritik ohne Umschweife zum Beweis des
Gegenteils dessen, was MARX kritisiert hat. Er kommentiert:
"Aus den zitierten Passagen geht... hervor, daß MARX eine imma-
nente Gesetzlichkeit der Sache unterstellt, der sich die Methode
gleichsam a n z u s c h m i e g e n hat." (39)
Ging es MARX auch in seiner HEGEL-Kritik um nichts anderes als um
das Festhalten der von HEGEL selbst geleisteten Kritik der Orga-
non-Theorie des Erkennens (derzufolge das Instrument zum Erkennen
vor und getrennt vom Gegenstand, den es zu erkennen gilt, vorhan-
den sein muß), insistiert er auf der immanenten Gesetzlichkeit
der Sache gegen jede davon getrennte Methode, so hält MARX-Metho-
dologe Helmut REICHELT konsequent an "der Methode" gegenüber der
Marxschen Theorie fest: Die Methode, die bleibt bestehen, nur
nicht als das, was sie als Methode bei Helmut REICHELT gerade
auszuzeichnen pflegt, nämlich Instrument der Erkenntnis eines Ge-
genstandes zu sein, sondern als eine Art theoretischer Girlande,
welche sich dem bereits als erkannt unterstellten Gegenstand mög-
lichst eng um den Hals legt. Da die Methode sich dem erkannten
Gegenstand unterwerfen soll, gesteht Helmut REICHELT die Über-
flüssigkeit der Methode ein; dies jedoch nur in der Absicht, wei-
ter zäh an ihr festzuhalten. So bewegt sich Helmut REICHELT in
einem Zirkel: Es b e d a r f der Methode, aber sie hat sich dem
Gegenstand zu unterwerfen; unterwirft sie sich aber der immanen-
ten Gesetzlichkeit des Gegenstandes, Kapitalismus, dann ist die-
ser bereits bestimmt; ist aber die innere Gesetzlichkeit der ka-
pitalistischen Verhältnisse erschlossen, dann bedarf es der Me-
thode n i c h t mehr. Die Lösung dieses Zirkels liegt auf der
Hand: Da Helmut REICHELT selbst die Methode als M i t t e l der
Erkenntnis kritisiert, ist sie ihm, weil er an ihr festhält,
Z w e c k. An seinem Umgang mit dem 'Kapital' bestätigt er dies
eindrucksvoll:
"Wiewohl uns Marx keine Definition der materialistischen Dialek-
tik hinterläßt, geht man sicherlich nicht an seinem späteren
Selbstverständnis vorbei, wenn man die Feststellung trifft, daß
das 'K a p i t a l' d i e D e f i n i t i o n d e r D i a-
l e k t i k i s t." (40)
Die Verwandlung der theoretischen Kritik des Kapitalismus in Me-
thode ist Helmut REICHELTS Glanzleistung, ist das Resultat seines
Theoretisierens über die Marxsche Theorie. Geschuldet ist es sei-
nem Zweck, den Nachweis des Scheiterns der Marxschen Theorie kon-
sequent zu führen. So nimmt er MARX das Etikett "Gescheiterter
Historiker" vorerst ab und hängt ihm ein neues um, "Dialektiker":
Um die Dialektik zu definieren, hat sich MARX also die Mühe ge-
macht und die bürgerliche Gesellschaft kritisiert. (Warum hat er
sich dazu eigentlich keinen erfreulicheren Gegenstand ausge-
wählt?) Die Kritik des Kapitalismus ist somit für REICHELT nicht
Grundlage für seine Abschaffung, sondern Material zum Beweis der
Dialektik. Nach Freuden und mit Lust kann Helmut REICHELT damit
seinen 'Kapital'- und 'Grundriß'-Studien nachgehen, ohne sich um
deren Gegenstand zu scheren. Da MARX nun einmal darauf beharrt,
"- und darin zeigt er sich als ein echter (!) Schüler Hegels -
daß über die Methode, abgelöst vom Inhalt, nichts gesagt werden
kann", (41)
nimmt Helmut REICHELT den I n h a l t und studiert ihn a l s
Methode.
'Das Kapital' und was alles nicht in ihm steht
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Seine Beschäftigung mit dem 'Kapital' bzw. mit den 'Grundrissen'
ist das Gegenteil dessen, was das 'Kapital' zum Inhalt hat. Sie
ist der
"Versuch, die dialektische Darstellung der Kategorien nach-
zuzeichnen". (42)
Den I. ("Ware und Geld") und II. ("Die Verwandlung von Geld in
Kapital") Abschnitt des 'Kapital' untersucht er deswegen unter
der Überschrift: "Die kategoriale Darstellung" (43). Nicht um den
Wert als Faktor der Ware, sondern um den "Marxschen Wert-
b e g r i f f" (44) geht es ihm. Und selbst diese verstümmelte
Form der Kapitalrezeption ist ihm nur Vorlauf für sein Vorhaben:
"Bevor wir uns der F o r m der d i a l e k t i s c h e n
D a r s t e l l u n g der K a t e g o r i e n zuwenden, sollen
kurz die Grundprobleme der Marxschen Wert- und Geldtheorie umris-
sen werden." (45)
Wer meint, deutlicher könnte man sein Desinteresse am Kapitalis-
mus nicht mehr dokumentieren, der wird von Helmut REICHELT ein-
drucksvoll widerlegt; dem stößt nämlich anläßlich seiner Verge-
genwärtigung der "Grundprobleme der Marxschen Wert- und Geldtheo-
rie" das folgende Ungetüm von Frage auf:
Wie muß (!) der Inhalt (!) der Kategorien der politischen Ökono-
mie gedacht (!) werden daß er bei der Betrachtung der Formen not-
wendig (!) als Inhalt jener Formen begriffen (!) werden kann?"
(46)
Mit dieser Monstrosität macht sich Helmut REICHELT nicht etwa an
die Erklärung des Inhalts und der Form der Ware, des Geldes etc.;
vielmehr geht es ihm um das aparte Problem, wie man einen Inhalt
so d e n k e n kann (bzw. wie MARX einen Inhalt so denken
konnte), daß dieser bei der Betrachtung von etwas anderem, einer
Form nämlich, notwendig als deren Inhalt begriffen werden kann.
Nicht etwa, daß die Ware eine Wertform ist, ein Resultat, welches
die Untersuchung der Ware erbringt sondern wie jene für ihn
längst als getrennte Momente - hie Wert, dort Ware als Wertform -
feststehenden Resultate nun so zueinander gedacht werden können,
daß sie zu dem werden, was sie in der Theorie sind - damit mar-
tert er sein Hirn. Der Nachvollzug der Kritik der Ware und des
Geldes wird für Helmut REICHELT zu einer Veranstaltung, in wel-
cher ihm Inhalte und Formen der ökonomischen Kategorien zum Anlaß
für die Betätigung jener Kräfte werden, mit deren Hilfe die Wirk-
lichkeit erschlossen wird: Betrachten, Denken, Begreifen sind
Subjekte des Geschehens, die sich nicht etwa an der Ware und dem
Geld, als realen ökonomischen Sachverhalten, sondern an ihnen als
Resultaten einer vergangenen Denkleistung - eben jenes Karl MARX
- zu bewähren haben. W i e hat Karl MARX seine Resultate so
g e d a c h t bzw. denken können, daß das herauskommt, was er
gedacht hat? Dies ist die absurde Frage; sie ist die konsequente
Folge der Tatsache, daß Helmut REICHELT das 'Wie' der Darstellung
der ökonomischen Sachverhalte ein Problem getrennt von der Sache
ist. Ihre B e a n t w o r t u n g findet solche Frage allemal
im Verweis auf die Voraussetzungen der Erkenntnistätigkeit beim
erkennenden Subjekt. Ihre Konsequenz findet sie bei Helmut REI-
CHELT, der sich mangels Qualifikation nun doch scheut, ganz in
die Psychologie oder Neuro-Physiologie abzudriften, in Idealis-
men:
Unter der Überschrift "Die Kategorien der einfachen Zirkulation"
(47) geht es um die "Ideelle Verdoppelung" (48) und um die
"Wirkliche Verdoppelung" (49) natürlich der Ware in Ware und
Geld, wo Helmut REICHELT keine Mühe scheut nachzuweisen, daß das
Geld als selbständige Wertform nicht etwa Resultat des Doppelcha-
rakters der Ware (K I, 1. Kapitel) ist, sondern in dem Handeln
der Menschen im "wirklichen" Austauschprozeß (K I, 2. Kapitel)
zustandekommt. Geld wird also - im Unterschied zur "Ableitung der
allgemeinen Äquivalentform" (50), welche für Helmut REICHELT
nicht etwa das Geld ist, sondern seine Idee - aus dem gesell-
schaftlichen Handeln der Subjekte erklärt, wo MARX umgekehrt das
gesellschaftliche Handeln der Subjekte aus den Charakteren der
ökonomischen Gegenstände erklärt. Zwangsläufig verwandeln sich
dann Geld und Ware im 1. Kapitel von K I, in welchem es um diese
selbst und nicht um das daraus erklärbare Verhalten der Menschen
im Austauschprozeß geht (2. Kapitel), in ideelle Größen:
"Die Marxsche Geldtheorie endet mit der Entwicklung einer Form,
die in der Darstellung der ideellen und wirklichen Verdoppelung
in der Werttheorie gleichsam im Medium des reinen Begriffs (!)
entwickelt wurde. Sobald wir zur Konkretisierung übergehen und
die Lehre von der Preisform als Pendant der zuvor entwickelten
ideellen Verdoppelung erkannten, wurden wir durch diese Form, die
mit der Entwicklung des Geldnamens abschließt, mit der
e x i s t i e r e n d e n bürgerlichen Gesellschaft konfron-
tiert." (51)
Die Verwandlung des 'Kapital' in dialektische Methode impliziert
die Trennung der allgemeinen Begriffe von der Realität der bür-
gerlichen Gesellschaft; nicht etwa daß Ware, Wert, Gebrauchswert
etc. Zusammenhänge der bürgerlichen Gesellschaft erklären würden
- weit gefehlt: Es handelt sich bei ihnen um Chimären, um "reine
Begriffe", welche mit der Realität der bürgerlichen Gesellschaft
nichts zu schaffen haben. Erst ihre Verwandlung in etwas anderes,
in Konkretes, bringt sie in die Nähe dessen, was es
w i r k l i c h gibt. Nach geglückter Konkretisierung der
"reinen Begriffe" kann sich Helmut REICHELT dann über die
Ü b e r e i n s t i m m u n g zwischen dem konkretisierten Be-
griff und der existierenden bürgerlichen Gesellschaft - in Ge-
stalt der Preisform - freuen: denn mit wirklichen Preisen hat es
auch ein deutscher Professor zu tun. Solcherart Umgang mit Be-
griffen unterstellt diese als Produkt Marxscher Einbildungskraft
und Phantasie; sie sind nicht das Resultat der Erkenntnis von
Wirklichkeit, deren A b s t r a k t h e i t eine Denkunmöglich-
keit für Helmut REICHELT ist, sondern es handelt sich bei ihm um
von der Wirklichkeit getrennte Setzungen, die man erst durch ei-
nige Manipulationen auf ihre Tauglichkeit zur Erklärung von Wirk-
lichkeit ü b e r p r ü f e n muß. Für Helmut REICHELT ist ein
Begriff gerade nicht der Begriff einer Sache, welcher immer Kon-
kretes erklärt, weil er allgemein ist, sondern er ist Begriff auf
Probe (Hypothese), der erst dann von Helmut REICHELT als Begriff
für tauglich befunden wird, wenn feststeht, daß er tatsächlich
etwas mit der Empirie zu tun hat.
Propapaganda gegen den Marxismus
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als Mittel kommunistischer Politik
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Marxist REICHELTS Negation der Marxschen Theorie hat System. Sein
Theoretisieren über die Marxsche Theorie, von ihm als Weg zur Er-
schließung derselben vorgetragen, ist das gerade Gegenteil: es
ist die Abwendung vom Gegenstand des 'Kapital', den bürgerlichen
Verhältnissen und ihrer Kritik. Helmut REICHELT macht sich das
'Kapital' nur als Problem der Theoriebildung, als Problem seiner
erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und Implikationen zum Ge-
genstand und bekommt somit nichts über das Kapital heraus. Wie
MARX gedacht, wie er bestimmte Begriffe verstanden, warum er
Sachverhalte so und nicht anders dargestellt hat was die Logik
der Darstellung ist, worin die Dialektik der Theorie liegt wie
MARX in der Forschung vorgegangen ist etc. - immer geht es Helmut
REICHELT nicht um die Logik der bürgerlichen Gesellschaft, den
Inhalt von Begriffen und um die Resultate Marxscher Forschung
über das Kapital, vielmehr muß all dies für ihn als Material zur
Betätigung seines erkenntnistheoretischen Interesses herhalten.
Helmut REICHELT ist damit nicht nur meilenweit von jenem Vorhaben
entfernt, welches MARX erwähnt, aber nicht mehr ausgeführt hat -
"... in zwei oder drei Druckbogen das rationelle an der Methode,
die Hegel entdeckt, aber zugleich mystitiziert hat, dem gemeinen
Menschenverstand zugänglich zu machen" (52) -
was er betreibt, steht konträr zum Marxschen Vorhaben. MARX hatte
herausgefunden, daß HEGELS Logik - entmystifiziert - bei der Be-
arbeitung der Darstellung des Begriffs des Kapitalismus, bei dem
Vorhaben, der Logik der Sache in ihrer Darstellung zu größter
Klarheit zu verhelfen, Dienste leisten kann. Die Instrumentali-
sierung des Rationellen an HEGELS Logik setzt also den Begriff
einer Sache allemal voraus. Bei Helmut REICHELT aber verkehrt
sich das Verhältnis zwischen dem Begriff des Gegenstandes und den
Instrumenten für seine präzise Darstellung: er beschäftigt sich
mit der Marxschen Theorie überhaupt nur um jenes Instruments wil-
len, das ihm in vielen Varianten ein Problem ist. Dabei ist er so
gründlich, daß ihm das 'Kapital' selbst zur Dialektik wird. Die
Kritik des Kapitalismus, von der MARX als von einem "missile",
von einem Geschoß sprach, von welchem sich die Bourgeoisie nicht
mehr erholen würde, ist bei Helmut REICHELT M e t h o d e, ein
Denkinstrument und damit nicht einmal die Darstellung von Gesetz-
mäßigkeiten des Denkens. Solche Konsequenz seines theoretischen
Treibens offenbart seinen Zweck: weil sein Marxismus die radikale
Zurichtung der Marxschen Theorie zum Stoff für Erkenntnistheore-
tiker ist, i s t er die Negation der Marxschen Theorie, die Ne-
gation der Kapitalismuskritik als Waffe im Kampf gegen das Kapi-
talverhältnis.
Natürlich hat Helmut REICHELT Schwierigkeiten, in der Marxschen
Theorie Antworten auf seine Fragen zu erhalten, von denen er be-
hauptet, es seien auch die Fragen von MARX. Da die Marxsche Theo-
rie nicht das leistet, wozu sie von Helmut REICHELT zugerichtet
worden ist, wird er an der Marxschen Theorie irre: der Marxist
Helmut REICHELT ist ein Z w e i f l e r an der Marxschen Theo-
rie. Weit davon entfernt, seine eigenen Verdrehungen anzuzwei-
feln, verkündet er das S c h e i t e r n der Marxschen Theorie.
Was er an Mängeln in die Marxsche Theorie hineindichtet, führt
auch nicht dazu, sich mit dieser n i c h t mehr zu beschäfti-
gen, sondern im Gegenteil - das Beharren auf dem Scheitern der
Marxschen Theorie macht er zum Prinzip seiner Beschäftigung mit
ihr. Helmut REICHELT betreibt die Negation der Kapitalismuskritik
offensiv: Sein Gebot, die Kritik der bürgerlichen Verhältnisse
als Methode zu studieren, enthält neben der Konsequenz, den Mar-
xismus falsch zu studieren, die P r o p a g a n d a der Untaug-
lichkeit der Marxschen Theorie als Instrument im Klassenkampf.
Helmut REICHELT ist der Propagandist des Scheiterns der Marxschen
Theorie, dem es darum geht, den Leuten die Praktizierung des Mar-
xismus a u s z u t r e i b e n.
Dabei ist Helmut REICHELT beileibe kein bürgerlicher Wissen-
schaftler, der in seiner Wissenschaft die Affirmation der bürger-
lichen Gesellschaft betreibt. Helmut REICHELT ist Marxist, und
zwar ein Marxist, der in der Propagierung des Scheiterns der
Marxschen Theorie gerade a n d e r M a r x s c h e n
T h e o r i e f e s t h ä l t. Er wird zum Verkünder der Un-
tauglichkeit der Marxschen Theorie für den Klassenkampf gerade
durch seinen Umgang mit der Marxschen Theorie. So erhält er
s i c h die Marxsche Theorie als sein Betätigungsfeld gegen ih-
ren Zweck. Und darin liegt die Perfidie seiner wissenschaftlichen
Praxis: Helmut REICHELT warnt niemanden vor der Marxschen Theo-
rie, im Gegenteil, er hält alle Welt an, sich mit der Marxschen
Theorie zu beschäftigen, sie zu studieren und zwar gründlich und
bei ihm. Er erscheint als Propagandist des Marxismus, predigt
Gründlichkeit, Akkuratesse und wissenschaftliches Niveau und
bringt so die Sauerei fertig, gerade d u r c h das Gebot eines
gründlichen Studiums des Marxismus die Praktizierung der Kapita-
lismuskritik zu verhindern.
Solcher Umgang mit der Marxschen Theorie (und da gibt es nicht
nur Helmut REICHELT, es gibt H.D. BAHR, M.G. BACKHAUS, A. SOHN-
RETHEL, J. BISCHOFF und seine Gang nicht zu vergessen usw. usw.)
hat seinen Grund in der Existenz rivalisierender Auslegungen des
praktizierenden Marxismus. Weil revisionistische Gruppierungen
allesamt den MARX zur Legitimierung ihrer Politik hernehmen und
sich dann auch noch marxistisch-leninistisch nennen, schließt
diese falsche kommunistische Politik die Verfälschung der Marx-
schen Theorie ein: Da gibt es Demokratiefanatiker, die sich durch
MARX, der Demokratie, Recht etc. kritisierte, legitimiert finden;
da geht es Gruppen darum, den Kapitalismus abzuschaffen, indem
sie sich im Kampf gegen ihn seine Mängel zum Problem machen (vgl.
den Beitrag zu HUFFSCHMID). Noch für den letzten, unter der
Flagge kommunistischer Politik segelnden Blödsinn revisionisti-
scher Gruppen muß MARX herhalten, denn dieser hat es ja mit den
Arbeitern gehabt, um deren falsche Interessen die Revis (leider)
rührend bemüht sind. Die offensichtliche Verhunzung der Marxschen
Theorie zu legitimatorischen Zwecken durch revisionistische Poli-
tik, der Streit der feindlichen Brüder um den "wahren", sie be-
stätigenden Marxismus bringt jenen wissenschaftsverpflichteten
Marxismus hervor, der die Klärung der Frage nach dem "wahren"
Marxismus durch die Nichtbeschäftigung mit ihm einer Kritik des
legitimatorischen Umgangs mit der Marxschen Theorie vorhat. Die
Methodologisierung der Marxschen Theorie zeigt sich mit ihrem Er-
gebnis, der Praktizierung des Marxismus entgegenzuarbeiten, als
die falsche Kritik der Marxverfälschung, die revisionistische Po-
litik leistet. Wo die Revisionisten die Marxsche Theorie zur Be-
gründung ihres Tuns deswegen verdrehen, weil sie sich auf jede
Regung der Arbeiter begeistert einlassen, statt sie, wie MARX es
systematisch im 'Kapital' getan hat, zu kritisieren, wo also die
Revis f ü r falsche P o l i t i k die Marxsche Theorie zu-
rechtbiegen, praktiziert Helmut REICHELTS methodischer Marxismus
den Fehlschluß, den "wahren" Marxismus, wie er eigentlich und
jenseits allen Parteigezänks ist, dadurch ergründen zu wollen,
daß er ihn als seine erkenntnistheoretischen Voraussetzungen un-
tersucht. Warum Helmut REICHELT gerade das nicht betreibt, worin
die feindlichen Brüder streiten, die Veränderung der kapitalisti-
schen Verhältnisse, ist jetzt unschwer zu ermitteln: Helmut REI-
CHELT ist nämlich auch k e i n R e v i s i o n i s t, ihm geht
es nicht um die Abschaffung der Verhältnisse, ein Ziel, an dem
die Revisionisten in ihrer f a l s c h e n Politik gegen das
Kapitalverhältnis festhalten; ihm geht es vielmehr darum, die
Marxsche Theorie, so wie sie ist, als für j e d e Praxis un-
tauglich zu erklären.
Mit der Wirklichkeit gegen ihren Begriff
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Jene besondere Spezies von Marxisten, die das vertiefte Studium
des Marxismus mit dem Zweck betreibt und propagiert, anderen den
Marxismus auszutreiben, findet sich gegenüber denjenigen, die
dasselbe Ziel durch die Beschimpfung von Theorie schlechthin er-
reichen wollen, in dem Nachteil, daß sie an der Marxschen Theorie
deren Untauglichkeit zeigen muß. Weil dies der Gegenstand aber
nicht zuläßt, macht sie aus der Marxschen Theorie etwas, was sie
nicht ist, um dann an ihr ihr Geschäft vollziehen zu können: Vor-
läufigkeit, Unvollständigkeit, Ungenauigkeit, aber auch Komplexi-
tät und Gedankentiefe sind die Prädikate, mit denen wechselweise
die Marxsche Theorie belegt wird, um die Realisierung ihrer Funk-
tion als Instrument im Klassenkampf zu verhindern.
Helmut REICHELTS Verwandlung des 'Kapital' in eine Darstellung
der Dialektik, in eine Methode der Erkenntnisgewinnung, ist der
(vorläufige) Gipfel dieser Praxis. Doch steht dieses Resultat
Reicheltscher Marx-Verdrehung noch gegen sein Interesse: Ist das
'Kapital' nun zwar nicht die Kritik der bürgerlichen Gesell-
schaft, so ist es doch immerhin Methode mit welcher diese Kritik
zu leisten ist. Die Logik der Methodologie wird demjenigen
schnell auf die Sprünge verhelfen, der meint, an diesem Resultat
gegen das Interesse, als dessen Praxis es sich gerade herausge-
stellt hat, festhalten und Helmut REICHELT vor der hier geleiste-
ten Kritik doch noch irgendwie in Schutz nehmen zu können. Dieser
Logik gemäß gibt es zwei Wege, den zur Methode umfabulierten Be-
griff der bürgerlichen Gesellschaft zu denunzieren, d.h. ohne ihn
als das zur Kenntnis zu nehmen, was er ist. Und Helmut REICHELT
sind beide Wege bestens bekannt: Wenn das 'Kapital' nur als Me-
thode gilt, bekommt der Methodologe, sei dieser nun Marxist oder
nicht, einmal das Problem der A d ä q u a n z d e r
M e t h o d e, und zum anderen das Problem, inwieweit diese Me-
thode überhaupt Methode ist bzw. was (diese) M e t h o d e
a l s M e t h o d e e i g e n t l i c h i s t.
In der ersten Abteilung dieser Denunziation des 'Kapital', in der
es um die Adäquanz von Methode und Gegenstand geht, ist Helmut
REICHELT Empiriker und Zeitgenosse. Er verkündet sein Problem mit
dem gegenwärtigen Kapitalismus als Problem des 'Kapital':
"Im Grunde hat Marx nur einen geringen Teil realisiert, die Dar-
stellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft, aber auch
hier ist er nicht bis zur 'wirklichen Darstellung' durchgedrun-
gen, sondern hat fast ausschließlich (das 2. Kapitel ist wohl die
Ausnahme) den 'allgemeinen Begriff des Kapitals' entfaltet, also
selbst noch einmal eine Art Anweisung zum Studium des
w i r k l i c h e n Kapitalismus in seinen verschiedenen natio-
nalen Ausprägungen." (53)
Das Resultat jener programmatischen Abstraktionen, deren Ausfüh-
rung Helmut REICHELT im 'Kapital' als "wirkliche Darstellung"
vorzufinden gedachte, findet er nach bewährter Methode dort nicht
vor. Das Resultat eines Leitfadens ('Deutsche Ideologie') ist
selbst wieder ein Leitfaden: die Erklärung des Kapitalismus steht
mithin noch aus. Und wer sich erkühnt, den "allgemeinen Begriff
des Kapitals" für die Kritik des "wirklichen" Kapitalismus und
als Grundlage des Kampfes gegen die bürgerliche Gesellschaft zu
nehmen, der muß sich von Helmut REICHELT sagen lassen, daß er
seinen Kampf auf Hirngespinsten, "reinen Begriffen", welche mit
der Wirklichkeit nichts zu tun haben, - mit der gegenwärtigen
Wirklichkeit schon gleich gar nicht - aufbaut und somit der Kampf
von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, der sich auf das
'Kapital' stützt. Ja, MARX selbst war es, der - wie Marxist REI-
CHELT herausgefunden hat - vor seinem eigenen Werk gewarnt hat:
er selbst hat nämlich die Unterscheidung getroffen
"zwischen der Darstellung des 'allgemeinen Begriffs des Kapitals'
und der - von Marx explizit ausgeklammerten - Darstellung der
wirklichen Konkurrenz, des", wie Helmut REICHELT beschwörend hin-
zufügt, "existierenden Kapitalismus also..." (54)
Aus dem wirklichen Zusammenhang zwischen den allgemeinen Gesetz-
mäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft und der Konkurrenz als
der Form, in welcher sich die inneren Gesetzmäßigkeiten durchset-
zen, macht Helmut REICHELT das Auseinandertreten von Begriff und
Wirklichkeit. Der bestimmte Zusammenhang der Phänomene der bür-
gerlichen Gesellschaft, den MARX im 'Kapital' entwickelt hat,
dient Helmut REICHELT dazu, die Marxsche Theorie erneut für un-
tauglich zu erklären: Wo die Arbeit eigentlich erst beginnt, dort
habe MARX aufgehört - die "wirkliche Darstellung" der kapitali-
stischen Verhältnisse habe er nicht geleistet. Und wie könnte es
anders sein, mit dem 'Kapital' als "Anweisung zum Studium des
wirklichen Kapitalismus" sieht es dann auch nicht besser aus:
"Marx läßt seinen Leser... im unklaren darüber, in welcher Weise
mit Hilfe dieser (nicht zu Ende gebrachten) Darstellung die wirk-
liche Geschichte zu schreiben ist." (55)
In ganz besonders hohem Maße muß diese Tauglichkeit des 'Kapital'
als Anweisung für das Studium derjenigen Periode der Geschichte
überprüft werden, in der sie ihre Tauglichkeit unter Beweis stel-
len soll: der Gegenwart. Deswegen stellt Helmut REICHELT die
Frage noch einmal neu. Nicht die Eignung für die wirkliche Ge-
schichte, sondern
"ihre Eignung für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus"
(56)
gilt es festzustellen. Mit dieser Forderung hat Helmut REICHELT
zum einen die Behauptung aufgestellt, MARX habe im 'Kapital'
nicht d e n Kapitalismus erklärt, sondern vielleicht eine be-
sondere Phase des Kapitalismus. Da in dieser Behauptung zugleich
die andere steckt, daß die Marxsche Theorie als Kritik des Kapi-
talismus f a l s c h ist - denn einen bestimmten Abschnitt ei-
ner historischen Epoche für das Ganze derselben auszugeben, ent-
hält falsche Generalisierungen und ist als Theorie des Kapitalis-
mus untauglich -, hat Helmut REICHELT das Kunststück fertigge-
bracht, sich der Falschheit der Marxschen Theorie zu vergewis-
sern, ohne sie zu kritisieren; ein vernichtendes Urteil über das
'Kapital' als Theorie des Kapitalismus abzugeben, ohne sie als
diese Theorie zur Kenntnis zu nehmen.
Zugleich hat sich Helmut REICHELT in einen weiteren Zirkel hin-
einbegeben, dessen Quintessenz erneut sein Prinzip zeigt: Soll
die Tauglichkeit der Methode zur Erklärung des gegenwärtigen Ka-
pitalismus überprüft werden, so setzt dies den gegenwärtigen Ka-
pitalismus bereits als erkannten voraus, denn woran sollte sich
die Adäquanz der Methode wohl erweisen, wenn nicht an jenem Ge-
genstand, f ü r den sie tauglich sein soll. Somit wäre der Be-
weis der Überflüssigkeit des 'Kapital' als Methode bereits er-
bracht, noch ehe über ihre Tauglichkeit befunden ist. Doch dop-
pelt genäht hält besser! Die Untauglichkeit des 'Kapital' als In-
strument zur Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus wird noch
einmal gesondert festgestellt. Deswegen stellt Helmut REICHELT
keineswegs nur für skeptische Leser die Frage:
"wie kommen wir dazu, heute, mehr als hundert Jahre nach der For-
mulierung dieser Theorie sie als eine der weiteren gesellschaft-
lichen Entwicklung enthobene Wahrheit hinzustellen, die, erst
einmal entdeckt, weiterhin Gültigkeit beanspruchen darf." (57)
Daß diese Frage nicht nur rhetorisch ist, zeigt die Tatsache, daß
sich Helmut REICHELT auf sie einläßt. Statt sie als falsche Frage
zu kritisieren - was sagt der Zeitpunkt der Entwicklung einer
Theorie über deren Wahrheit aus? - hält er sie gar dreier Entgeg-
nungen für würdig, welche nicht nur die Frage nicht kritisieren,
sondern sie auch nicht - etwa in gutbürgerlicher Manier durch Ve-
rifikationsversuche oder durch die Angabe von ceteris-paribus-
Klauseln - beantworten sollen.
Erste Antwort:
Die Theorie
"besitzt s o l a n g e Gültigkeit, als der in dieser spezifi-
schen Form dargestellte Gegenstand existiert." (58)
Helmut REICHELT verkündet die Banalität, daß eine Theorie nichts
mehr gilt, wenn es ihren Gegenstand nicht mehr gibt. Er insi-
stiert also darauf, daß eine Theorie einen Gegenstand haben muß,
und da hat er denn wohl auch recht. Seine Antwort hat nun aller-
dings mit der Fragestellung nichts zu tun: Wie kann eine Aussage
über die Gültigkeits d a u e r einer Theorie etwas über deren
Gültigkeit sagen? Was haben die Bedingungen, unter denen sich
eine Theorie erhält, mit der Richtigkeit ihrer Aussagen zu tun?
Da jedermann klar ist, daß auch falsche Theorien ohne Gegenstand
obsolet sind, verrät das tautologische Insistieren auf der Objek-
tivität des zu Erkennenden seinen Zweck: Wer die Banalität, daß
eine Theorie einen Gegenstand hat, nicht nur meint betonen zu
müssen, sondern zudem als Beleg für die Gültigkeit einer Theorie
verwendet, der dokumentiert seine Skepsis darüber, ob diese Theo-
rie - die Marxsche Theorie - eigentlich noch einen heute existie-
renden Gegenstand hat. K ö n n t e es nicht sein, so lautet der
Zweifel, daß sich in den vergangenen hundert Jahren der Kapita-
lismus völlig verändert oder überlebt hat? Könnte es nicht sein,
daß MARX eine andere Wirklichkeit erklärt hat, als wir sie heute
erleben? Weil eben alles möglich ist, muß sich für denjenigen,
der ein Problem mit der Adäquanz von Methode und Gegenstand, von
'Kapital' und gegenwärtigem Kapitalismus erst einmal bekommt, der
Zweifel an beiden Seiten des problematisierten Verhältnisses
festsetzen. Die Frage nach der Übereinstimmung i s t bereits
der Zweifel daran, ob eine Übereinstimmung gegeben bzw. noch ge-
geben ist. Und wenn die eine Seite bezweifelt wird - hier als
Frage danach, ob der gegenwärtige Kapitalismus noch der MARXens
ist -, dann hat dies Konsequenzen für die andere: Besteht auch
nur der Verdacht der Veränderung des Kapitalismus, dann ist die
Adäqanz zum Teufel, die Untauglichkeit des 'Kapital' bewiesen.
Doch müßte es nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn man nicht
auch der anderen Seite, der Analyse des Kapitalismus noch weiter
am Zeug flicken könnte:
Zweite Antwort:
"Einblick in die verkehrte Form (der kapitalistischen Gesell-
schaft) ist erst möglich, wenn sie als solche weltgeschichtlich
überholt ist, wenn sich also (!) die Produktivkräfte soweit ent-
wickelt haben, daß sich die Produktionsverhältnisse als Fessel
bemerkbar machen und sich u n w i d e r s t e h l i c h ins Be-
wußtsein drängen." (59)
Da es Helmut REICHELT nicht um die Begründung der Gültigkeit der
Marxschen Theorie, sondern um die Verstärkung des Zweifels an ihr
geht, beantwortet er die Frage nach der Gültigkeit der Marxschen
Theorie mit einer Anmerkung über die M ö g l i c h k e i t
d e r E x i s t e n z der T h e o r i e. Die Versicherung,
die kapitalistischen Verhältnisse seien eigentlich bereits über-
holt, wenn sie erkannt werden können, heißt, daß sich die Gültig-
keit der Marxschen Theorie erst dann feststellen läßt, wenn sie
nicht mehr gebraucht wird; erst wenn sich - weltgeschichtlich
versteht sich! - die Verhältnisse bereits selbst überwunden ha-
ben, kann sich der Mensch nicht länger gegen deren Einsicht sper-
ren. Mit diesem Argument setzt Helmut REICHELT zum umfassenden
Rundschlag an: Er leugnet mit der Feststellung des sich gegen Be-
wußtsein und Wissenschaft naturhaft sich durchsetzenden Mechanis-
mus von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nicht nur
die Wissenschaft als Grundlage der kapitalistischen Produktions-
weise; er treibt seinen Zweifel so weit, daß er Erkenntnis gene-
rell und damit auch den Erkenntnischarakter der Marxschen Theorie
in Frage stellt. Wenn nämlich Erkenntnis nicht die Aneignung der
Objektivität durch die Denkleistung des Menschen ist, sondern
sich die gesellschaftliche Realität an einem bestimmten Punkt
ihrer Entwicklung dem Bewußtsein der Menschen "unwiderstehlich"
aufzwingt, sich im Bewußtsein abbildet, ohne daß der erkennende
Mensch dem etwas entgegenzusetzen vermag, dann gibt es bewußte
Verstandesleistung eben nicht mehr, sondern nur einen über
natürliche Hirnvorgänge vermittelten Prozeß der Penetration der
Objektivität ins "Bewußtsein". Was bleibt also heute, hundert
Jahre nach ihrer Veröffentlichung, über die Marxsche Theorie zu
sagen? Erstens ist sie heute unnütz, zweitens ist sie keine
Theorie, sondern ein Reflex der Verhältnisse, weswegen es
drittens mit der Erkenntnis überhaupt so eine Sache ist, viertens
mit der Marxschen Theorie überhaupt, denn woran liegt es wohl,
daß es immer noch so wenig Marxisten gibt, wenn nicht daran, daß
sie der Einbildungskraft der Verhältnisse Widerstand entgegenset-
zen, mithin sich gerade bei ihnen die bestehenden Verhältnisse
nicht ins Bewußtsein drängen konnten.
Damit hat Helmut REICHELT seine eigene Ausgangsfrage doch noch
kritisiert, allerdings anders, als dies immer noch wohlmeinende
Leser vermuten durften: Er kritisiert nicht, daß d i e s e
Frage nach der Gültigkeit falsch gestellt ist, sondern daß
j e d e Frage nach Wahrheit obsolet ist; wie kann es denn - so
lautet sein implizierter Schluß - ein richtig oder falsch geben,
wenn Erkenntnis der Reflex der Verhältnisse ist?
Doch eine derartige Konsequenz ist für ihn selbst zu radikal,
dessvouiert sie auch i h n als einen marxistischen Methodolo-
gen, der sich von den anderen unterscheidet, und sei es nur im
Niveau. So erinnert er sich daran, daß es ihm allein um den Nach-
weis der Untauglichkeit der Marxschen Theorie geht und stellt
deswegen an s i e eine Wahrheitsfrage:
Dritte Antwort:
"Der Wahrheitsgehalt der Marxschen Theorie ist nicht schon da-
durch tangiert, daß das Proletariat n i c h t zur praktischen
Aktion übergegangen ist." (60)
Indem Helmut REICHELT sich auf die Widerlegung einer derartigen
Dummheit einläßt, die heute allenfalls in überholten Schulbüchern
als plumper Beitrag zum Antikommunismus anzutreffen ist, bringt
er erst einmal MARX auf einen EMNID-Vorläufer herunter, auf einen
Prognostiker in Sachen Revolution, um dann - mit Hilfe der Marx-
schen Theorie versteht sich - die falsche Prognose zu erklären.
MARX selbst, so rekurriert Helmut REICHELT, hat gezeigt, daß die
Subjekte in der bürgerlichen Gesellschaft ein "notwendig falsches
Bewußtsein" (61) besitzen, welches die Arbeiter bis heute daran
gehindert hat, die Revolution zu machen. (62)
Doch Helmut REICHELT schafft es, diese Einsicht gegen die Marx-
sche Theorie zu verwenden. Einmal beharrt er auf dem bürgerlichen
Argument, indem er es zu widerlegen versucht; er erklärt den Zu-
stand, den die Bürger als Argument gegen die Marxsche Theorie ins
Feld führen, in einer Weise, in der diese noch bestärkt werden.
Denn wenn die Arbeiter bislang durch ihr falsches Bewußtsein an
der Revolution gehindert worden sind und es diesen Fetischismus
geben m u ß, solange es Kapitalismus gibt, dann werden die Ar-
beiter auch in Zukunft keine Revolution machen. Zum anderen ver-
stärkt er die Betätigung bürgerlicher Marxismuskritik, wenn er
zugleich davon redet, daß die verkehrten Formen "an jener welthi-
storischen Wende prinzipiell durchschaubar" (63) werden. Denn der
'Fetischismus' und die sich 'unwiderstehlich aufdrängende Er-
kenntnis' sind das Begriffspaar, mit welchem die Bürger allen
Marxisten eine Immunisierungsstrategie ihrer Kritik vorhalten:
Die Marxisten würden nämlich abwechselnd, wie es ihnen in den
Kram paßt, einmal das eine Argument zur Widerlegung der fremden,
einmal das andere zur Erklärung der Richtigkeit der eigenen Posi-
tion heranziehen. Die Art, in der Helmut REICHELT das Argument
der Bürger (nicht) widerlegt, demonstriert so ein weiteres Mal,
was der Zweck von Erörterungen der Marxschen Theorie als Erörte-
rung der Erkenntnisbedingungen, -möglichkeiten, -voraussetzungen,
-formen und -methoden ist, welche den Inhalt seiner kritischen
MARX-Bezweiflung ausmachen.
Im Übertrumpfen bürgerlicher MARX-Kritik bleibt Helmut REICHELT
selbstverständlich Marxist: Er erledigt das Geschäft der MARX-Be-
zweiflung mit MARX selbst. Damit fügt er seinen Verurteilungen
der Marxschen Theorie eine weitere hinzu: Mit der Entwicklung
seiner Theorie hat MARX zugleich seine e i g e n e Widerlegung
hervorgebracht - was er gemacht hat, hat er offensichtlich doch
gründlich gemacht!
Ob die Methode überhaupt eine Methode ist, was sie als diese Me-
thode ist, welche ihre Implikationen sind..., all dies sind Fra-
gen aus der zweiten Abteilung der Denunziation der Marxschen
Theorie, die sich selbstredend beantworten lassen, wenn der Sinn,
das Wesen von Methode geklärt, wenn bestimmt ist, was Methode
überhaupt ist. Den Nachweis der Untauglichkeit des 'Kapital' als
Methode erbringt Helmut REICHELT in dieser Abteilung dadurch, daß
er den Nachweis der Tauglichkeit schlechterdings für nicht er-
bringbar hält:
"Erst wenn über den Sinn (!) dieser Unterscheidung (zwischen dem
'allgemeinen Begriff des Kapitals' und der 'Darstellung der wirk-
lichen Konkurrenz'), der nur auf dem Wege einer detaillierten
Darstellung der Kategorien und Erörterung der Implikationen (!)
dieser Darstellungsform zu erschließen ist, Klarheit besteht,
wird es möglich sein, sich abschlußhaft (na, na!) über d i e
Marxsche Methode und ihre Eignung für die Analyse des gegenwärti-
gen Kapitalismus zu äußern." (64)
Das heißt, vorläufig ist dies erst einmal gar nicht möglich, den
allenthalben bestehen Unklarheiten und herrscht mangelndes Niveau
in der MARX-Forschung, und selbst Helmut REICHELT hat es doch
erst zur detaillierten Nachzeichnung der ersten vier Kapitel des
ersten Bandes des 'Kapital' gebracht. Wie sollte man schließlich
"abschlußhafte" Klarheit über die Marxsche Methode gewinnen, wenn
man nicht fragt, wie Marx zu ihr gekommen ist, wie sie im histo-
rischen Kontext zu verstehen ist usw...
Und so kommt Helmut REICHELT auf den HEGEL, dessen Logik schließ-
lich von MARX als brauchbare gelobt worden ist. Die Hinterfragung
der Marxschen Methode mittels HEGEL stellt den Auftakt für einen
unendlichen Regreß dar, den sich derjenige einhandelt, der metho-
disch über Methode urteilt. Er ist der U n e n d l i c h k e i t
seines Geschäfts sicher und hat auf diese Weise die Untauglich-
keit der Marxschen Methode vorgeführt. Denn ehe sie für tauglich
befunden werden könnte, gilt es schließlich auch noch den HEGEL
zu hinterfragen, mit dem gerade der MARX hinterfragt worden ist.
Dabei läßt Helmut REICHELT auch den Zirkel nicht aus, als Marxist
den HEGEL materialistisch zu interpretieren ("Ansätze zu einer
materialistischen Interpretation der Rechtsphilosophie von He-
gel"), was darauf schließen läßt, daß er demnächst HEGEL mit KANT
hinterfragt, weil er mit HEGEL etwas über MARX herausbekommen
will, wozu er dann - natürlich mit MARX - die "materialistischen
Implikate" der Kantschen 'Kritik' und 'Logik' "in Ansätzen" zu
untersuchen beginnen wird.
Wie Marx sich selbst ausgetrickst hat und wer dann noch bleibt
--------------------------------------------------------------
Mit der Marxschen Theorie ist keine Revolution zu machen, lautet
die Quintessenz Helmut REICHELTs Theorie über die Marxsche Theo-
rie. Da diese Sicherheit, welche er über die Marxsche Theorie ge-
wonnen hat, bei ihm in der Form der Relativierung auftritt, (der
Marxschen Theorie generell, der Existenz ihres Gegenstandes, ih-
rer Funktion als Methode, der revolutionären Potenz des Proleta-
riats, von Erkenntnis überhaupt usw.) hat Helmut REICHELT auch
keine großen Probleme damit, die Marxsche Theorie f ü r
s i c h, als seinen Gegenstand weiterhin zu erhalten. Sie weist
nämlich d u r c h all ihre Mängel für Helmut REICHELT einen
Vorteil auf: Ihr Zustand schreit nach Theoretikern von Schlage
eines Helmut REICHELT. Jeder andere, der etwas gegen die Marxsche
Theorie hat, propagiert sein Urteil, nachdem er mit der Marxschen
Theorie f e r t i g geworden ist. Nicht so die M a r x i-
s t e n, die die Marxsche Theorie negieren. Sie haben in ihr
gerade ihren positiven Gegenstand gefunden, der durch die von
ihnen herausgefundene Beschaffenheit i h r e p e r m a n e n-
t e wissenschaftliche Anstrengung erfordert. Gerade indem sie
sich positiv auf die Mängel, die sie MARX angedichtet haben,
beziehen, um sie zu beheben, praktizieren sie die Negation der
Marxschen Theorie.
Helmut REICHELT zeichnet sich dabei gegenüber anderen marxisti-
schen Methodologen seines Schlages dadurch aus, daß er sich auch
noch die E x p l i z i e r u n g der Bezweiflung der Marxschen
Theorie leistet und damit seine Tätigkeit l e g i t i m i e r t.
Legitimation erster Teil: Die Bestimmung
"Die Theorie... ist dann Theorie eines naturwüchsig fortwuchern-
den Prozesses in welchem die Menschen wie eh und je (!) von der
immanenten Logizität ihrer - von ihnen selbst noch in der Form
der Verselbständigung produzierten - gesellschaftlichen Verhält-
nisse mitgeschleift werden, aber seit Marx aber auch immer die
M ö g l i c h k e i t haben, sich, wenn schon nicht von dieser
Form der Subsumption unmittelbar zu emanzipieren, so doch in wis-
senschaftlicher Weise Klarheit über dieselbe zu verschaffen."
(65)
Wenn man schon nichts gegen die Gesellschaft tun kann, so besteht
immerhin die Möglichkeit der Erkenntnis der bürgerlichen Gesell-
schaft. Doch wie weit es noch von der Möglichkeit bis zur
tatsächlichen Erkenntnis ist, dies hat Helmut REICHELT ebenso
drastisch anhand der Mängel der Marxschen Theorie vorgeführt, wie
er gezeigt hat, daß e r zu denjenigen Wissenschaftlern mit Ni-
veau gehört, die sich diesem Desiderat widmen müssen, und sei es
nur in der Form der Fortsetzung des armseligen (aber deswegen
nicht ungefährlichen) Geplärres über die Unzulänglichkeiten der
Marxschen Theorie. Überdies hat er damit expliziert, daß er nicht
nur von Agitation nichts hält, sondern diese sogar für schädlich
hält: wenn die Erkenntnis der Zusammenhänge der bürgerlichen Ge-
sellschaft - immerhin - möglich ist, ihre praktische Kritik je-
doch nicht, dann taugt die wissenschaftliche Einsicht in die Ver-
hältnisse allenfalls zu einer selbstgenügsam-kontemplativen
"Klarheit", hat aber keinerlei Funktion für eine auf die Überwin-
dung der bürgerlichen Gesellschaft gerichtete Politik. Damit wäre
also jede auf wissenschaftliche Einsicht in die Verhältnisse ge-
gründete Agitation nicht nur ein müßiges, sondern obendrein eine
jene Einsicht deswegen selbst wieder gefährdendes Geschäft, weil
sie die zur Einsicht Prädestinierten in die Niederungen der
"Unmittelbarkeit" gesellschaftlicher Praxis hinabzerren würde, wo
die Menschen ("wie eh und je") in ihren Handlungen nur determi-
nierte Objekte einer ihnen gegenüber undurchdringlichen
"Logizität der Verhältnisse" sind.
So hat er mit dem Aussprechen des Agitationsverbotes als Kritik
der Praxis kommunistischer Politik den Imperativ gesetzt, die
Marxsche Theorie als Material zur Betätigung marxistischer Metho-
dologen zu reservieren.
Legitimation zweiter Teil: Die Berufung
Wenn das gewöhnliche bürgerliche Subjekt den fetischisierten For-
men unentrinnbar aufsitzt, dann ist auch ein MARX-Rezipient
n i c h t davor gefreit. Helmut REICHELT setzt die Relativierung
fort -
Der von "Marx kritisierte Fetischismus reicht soweit, daß er
selbst noch formbestimmend in die Rezeption eben jenes Werkes
eingeht, daß seine theoretische Auflösung längst geleistet (!)
hat". (66)
und entdeckt ein neues Betätigungsfeld für sich: Wenn er in der
Lage ist, Zweifel an der Rezeption der Marxschen Theorie zu for-
mulieren, dann muß es immerhin ihm gelungen sein, jene theoreti-
sche Auflösung der fetischisierten Formen adäquat nachzuvollzie-
hen. Kann man sich auf keine Rezeption der Marxschen Theorie ver-
lassen, der von Helmut REICHELT kann man Vertrauen schenken -
weswegen man ihm in Bremen eine Lehrkanzel angetragen hat.
Legitimation dritter Teil: Die Mission
Nachdem Helmut REICHELT zunächst alle nicht mit Wissenschaft be-
faßten Subjekte von der Einsicht in die Verhältnisse ausgeschlos-
sen hat, dann innerhalb der Garde der mit MARX befaßten Wissen-
schaftler seine Zweifel gegenüber allen professionellen Rezipien-
ten (sich selbst ausgenommen) geltend gemacht hat, wird der Kreis
der Eingeweihten nun vollends eng geschnürt. Vor den Verhältnis-
sen sind nicht nur die Rezipienten der Marxschen Theorie, sondern
war nicht einmal ihr Verfasser sicher: Karl MARX, bereits hinter
Helmut REICHELT u.a. zurückgefallen -
"Beispielsweise besteht die begründete (!) Vermutung (!), daß
Marx in der formellen Darstellungsform der Geldtheorie teilweise
hinter die in dieser Darstellungsform selbst erkennbaren Pro-
blemstellungen zurückfällt..." -,
ist nicht nur selbst schuld am pluralistischen Marxismus -
"...und es daher denkbar (!) erscheint, die Ursachen divergie-
render Interpretationen des Marxschen Werkes, zum Teil jeden-
falls, in der Marxschen Darstellungsmethode und deren Mehrdeutig-
keit zu suchen." (67) -,
sondern gibt durch diese Uneindeutigkeit seines Werkes obendrein
Anlaß zu jener Frage, mit der noch jeder Versuch bürgerlicher
MARX-Kritik gescheitert ist:
"... ob ... das Marxsche 'Kapital' auch in der abstrakt katego-
rialen Darstellungslogik nicht seinerseits durch den damaligen
historischen Entwicklungsstand des Kapital beeinflußt sein könnte
(!). Mit anderen Worten (auch das noch!): Wäre (!) das 'Kapital'
heute anders zu schreiben oder auf theoretischer Ebene (!) wei-
terzuschreiben, damit man sich den Zugang zum gegenwärtigen Kapi-
talismus nicht durch eine historisch begrenzte Darstellungsform
versperrt?" (68)
Also ist auch die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft von den
Fetischen, welche sie gerade erklärt, nicht verschont geblieben.
Der Unsinn dieser Argumentation unterscheidet sich von den Pein-
lichkeiten bürgerlicher MARX-Widerleger - sie nehmen dann, wenn
ihnen gar kein Argument mehr geblieben ist, Zuflucht bei der
Frage, wie denn MARX eigentlich all dieses richtig erklären
konnte, wo es doch, seiner Theorie nach, vor lauter Fetischen nur
so wimmelt? - nur dadurch, daß Helmut REICHELT und andere die-
selbe Scheiße auf ihrem Niveau präsentieren, nämlich als das me-
thodische bzw. erkenntnistheoretische, für kritische Theoretiker
der Marxschen Theorie aufbereitete Problem, MARX sei in der
"abstrakt kategorialen Darstellungslogik" ein Opfer der Verhält-
nisse geworden.
Und damit eröffnet sich nun das ungeheure Feld der MARX-For-
schung, welches man unmöglich als einzelner, gegen Fetische im-
prägnierter MARX-Methodologe allein bewältigen kann. Programma-
tisch angelegt, wenngleich nur in Kurzformeln und Abstraktionen
war dieses Arbeitsfeld schon im Frühwerk des jungen REICHELT
(vgl. seine Dissertation); die ungeahnten Dimensionen seiner Re-
alisierung zwangen den reiferen REICHELT dann dazu, mit Kollegen
eine Zeitschrift zu gründen, in welcher dann die Ansätze, vorläu-
fige Überlegungen, Hypothesen, Anmerkungen, Materialien, Bemer-
kungen, Probleme (vgl. die Inhaltsverzeichnisse der "Gesell-
schaft") des späten REICHELT zur Diskussion gestellt werden.
Daß man nichts gegen d i e s e Gesellschaft zu tun gedenkt,
drückt man gleich im Titel aus und nennt das Organ
"G e s e l l s c h a f t". Daß man aber sehr wohl etwas gegen
bestimmte Leute zu unternehmen gedenkt, bringen die Nr. 1 und ihr
Editorial sehr klar zum Ausdruck.
Die Kampfansage Helmut REICHELTS und seiner Gesellschafter gilt
all denen, die sich nicht auf ihre Diskussion einlassen; die es
nicht als ihr Geschäft begreifen, das "eigentümliche Spannungs-
verhältnis" (69) zwischen zwei "Arbeitsebenen" (70) zu klären,
nämlich zwischen Untersuchungen, die "abstrakt-kategorial, um die
Rekonstruktion der Marxschen Darstellungsmethode im 'Kapital' und
seine materialistischen Methode bemüht sind" (71) und
"empirische(n) Analysen ..., die sich ausdrücklich als auf die
Gegenwart bezogene Kritik der politischen Ökonomie verstehen"
(72); Solche Leute, denen dies nicht das alles in den Schatten
stellende Problem des Marxismus ist, sind für Helmut REICHELT &
Co. "D o g m a t i k e r" des Marxismus; dies nicht etwa wegen
bestimmter Fehler, die sie machen, sondern weil sie ein
"faktisches Desinteresse an der Argumentation konkurrierender In-
terpretationsrichtungen" (73) besitzen. Nur weil sie an etwas
festhalten, weil sie die Unverschämtheit besitzen, ihr Wissen
nicht permanent zu entschuldigen, sondern etwas damit machen,
weil sie wissen, daß das 'Kapital' die richtige Kritik bürgerli-
cher Verhältnisse ist, aus der eine bestimmte Praxis folgt, sind
solche Leute - man schimpft sie Kommunisten - für Helmut REICHELT
& Co. Dogmatiker, Verkünder einer Glaubenslehre mithin.
Damit aber hat sich REICHELT sein Theorie-Praxis-Problem geschaf-
fen:
"Wie aus dem verbreiteten faktischen Desinteresse an der Argumen-
tation konkurrierender Interpretationsrichtungen, d.h. aus einer
abgebrochenen Diskussion, die Position des Dogmatismus folgt, so
läßt sich a n g e s i c h t s d e r z u m M a r x s c h e n
T h e o r i e b e g r i f f (!) g e h ö r e n d e n (!)
K o n z e p t i o n r e v o l u t i o n ä r e r P r a x i s (!)
schon am Umgang mit den bisher durchaus strittigen Interpretatio-
nen der innersten Probleme Marxscher Theorie eine grundlegende
theoretische (!) und praktische (!) Gefahr wahrnehmen." (74)
Helmut REICHELT und seine marxistischen Gesellschafter wissen,
daß auch die Marxsche Theorie etwas mit revolutionärer Praxis zu
tun hat, müssen ihr Theorie-Praxis-Problem jedoch so lösen, daß
all diejenigen, für die wissenschaftliche Einsicht in das Kapi-
talverhältnis die Voraussetzung kommunistischer Politik ist, für
die es also kein Theorie-Praxis-Problem gibt, als Dogmatiker be-
kämpft werden.
So ist die revolutionäre Praxis zunächst auch einmal Theorie,
eine Konzeption nämlich. Es gehört zur einen Theorie also die an-
dere, und alle Probleme, die man mit der Marxschen Theorie hat,
ergeben sich auch bei der Konzeption revolutionärer Praxis, denn
diese ist doch ein Teil der Marxschen Theorie.
Doch andererseits gehört die revolutionäre Praxis nun einmal dazu
und kein Gesellschafts-Marxist wird dies leugnen. Wie ist also
das Dilemma zu lösen, einerseits die Negation der Marxschen Theo-
rie zu praktizieren, andererseits aber daran festzuhalten, daß
eben zur Theorie revolutionäre Praxis gehört? Einerseits verbie-
ten die "durchweg strittigen Interpretationen der innersten Pro-
bleme Marxscher Theorie" jedwede praktische Verwendung, anderer-
seits aber ist diese mit ihr verbunden, denn sie ist ja nicht
etwa Theorie f ü r eine Praxis, sondern die Praxis ist Appendix
des Theorie - B e g r i f f s. Deshalb besteht also eine dop-
pelte Gefahr:
"Wo diese Probleme (die strittigsten Interpretationen der inner-
sten Probleme der Marxschen Theorie) ernstlich (!) erkannt
werden, zieht die theoretische Last (!) oft einen Politischen
A t t e n t i s m u s nach sich: das notwendige (!) Bewußtsein
des Zweifels (!) verführt zur faktischen (!) politischen Enthalt-
samkeit noch dort, wo verbal eine bestimmte politische Richtung
aus äußerlichen Legitimationsgründen anerkannt wird. Auf der an-
deren Seite pflegt der Zweifel durch ideologische Gewaltstreiche
verdrängt zu werden, in dem ungelöste Fragen voluntaristisch be-
antwortet, vorgegebene, selbst gesellschaftlich vermittelte (!)
Auslegungen (!) zu festen Wahrheiten erklärt und um so starrer
behauptet werden, je weniger sie in der Lage sind, die wirklichen
theoretischen und praktischen Probleme schlüssig zu klären, ja
sie auch nur wahrzunehmen." (75)
Wo die Theorie zur Praxis gehört, wie siamesische Zwillinge zu-
einander, da ist natürlich Theorie ohne Praxis ebenso kritikabel,
wie Praxis ohne Theorie. Dabei ist diese Kritik so unsinnig wie
das Theorie-Praxis-Problem selbst: Jemanden, der Theorien ver-
faßt, damit zu kritisieren, daß er etwas anderes, Praktisches,
n i c h t tut, ist ebenso abgeschmackt, wie das umgekehrte Ur-
teil. Und doch ist es die K o n s e q u e n z der marxistischen
Methodologen: Bei allem Zweifel sind sich Helmut REICHELT & Co.
in einem nämlich völlig sicher - das Bewußtsein des Zweifels ist
n o t w e n d i g. Weil sie daran festhalten, gilt bei ihnen
nicht der schlichte Zusammenhang, daß gemäß der E i n s i c h t
in die politischen Verhältnisse g e h a n d e l t wird, daß po-
litisches Handeln begründet ist, und daß der wissenschaftliche
Sozialismus jene Einsicht ist, welche kommunistischer Politik zu-
grundeliegt. Sie haben daraus vielmehr das Problem der
Z u s a m m e n g e h ö r i g k e i t von Theorie und Praxis zu
machen, an der sie als Marxisten festhalten, obwohl ihr Umgang
mit der Marxschen Theorie die revolutionäre Praxis gerade verhin-
dert. Deswegen bekämpfen sie diejenigen, die den Marxschen Ein-
sichten gemäß handeln, und müssen sich doch zugleich selbst des
politischen Attentismus bezichtigen, da bezweifelte Einsichten
eben nicht zum Handeln taugen.
Fürs erste ziehen sie daraus den Schluß, Bände zu füllen über das
Theorie-Praxis-Problem bei MARX, seinen Theorie-Begriff, seinen
Praxis-Begriff, seinen Begriff von der Einheit von Wissenschaft
und Revolution usw., machen also aus dem Theorie-Praxis-Problem
einen Gegenstand der MARX-Forschung. Daß diese ihren Attentismus
nicht behebt, bemerken sie. Doch Helmut REICHELT & Co. wissen
Rat:
"Die unvermeidliche (!) A p o r i e zwischen theoretischen Pro-
blemen und praktisch-politischen Zwängen führt, wenn sie ver-
drängt wird, zu den verschiedenen Formen dogmatischer Theorie und
Praxis," (76)
Was zusammengehört - da kennen sich die Dialektiker aus - ist
eben getrennt, und flugs ist aus der Zusammengehörigkeit von
Theorie und Praxis ein Postulat geworden, welches es einzulösen
gilt, welches aber immer nur approximativ realisiert werden kann,
denn immerhin ist die Aporie "unvermeidlich". Da die politische
Praxis damit anderen Gründen Folge leistet, als denen, die die
Einsicht vermittelt - es handelt sich um Zwänge, denen man sich,
auch wenns gegen die Einsicht geht, in der Praxis nicht ver-
schließen kann -, ist offenkundig geworden, was bereits das Theo-
rie-Praxis-Problem enthält: Theorie und Praxis haben nichts mit-
einander zu tun, gehören Bereichen mit selbständiger Existenz an,
sind damit auch selbständige Betätigungsformen für Marxisten, und
ihre Einheit ist das längst vom gegenwärtig M ö g l i c h e n
getrennte I d e a l.
So wird auch der Gegner erneut und schärfer ins Visier genommen:
Die Dogmatiker sind Dogmatiker nicht nur, weil sie sich dem mar-
xistischen Pluralismus entziehen, sondern weil sie ihren Einsich-
ten gemäß auch noch handeln. Sie realisieren etwas, das - und
darin sind sich die Gesellschafter einig - gar nicht möglich ist.
Mit der Trennung von Theorie und Praxis aber hat sich auch ihr
Dilemma (vorläufig) gelöst:
"Statt die Aporie zu eskamotieren, müssen wir erkennen, daß heute
(!) w e d e r die theoretische n o c h die politische An-
strengung über eine reflektierte Vorläufigkeit hinausgelangen
kann." (77)
Wenn nicht nur die Marxsche Theorie, sondern auch jede politische
Betätigung von ihren Funktionären ordentlich in Frage gestellt
wird, wenn also das "notwendige Bewußtsein des Zweifels" sich
auch auf die Praxis bezieht, deren Unvollkommenheit und Vorläu-
figkeit permanent lauthals verkündet wird, wenn also neben die
Propaganda des Scheiterns in der Theorie die Propaganda des
Scheiterns kommunistischer Politik tritt, dann ist sie legitim
und erhält von den marxistischen Suhrkamp-Gesellschaftern auch
noch das Prädikat 'undogmatisch'. Es darf dann jeder seine Um-
triebe fortsetzen. Die marxistischen Methodologen dürfen in
"reflektierter Vorläufigkeit" weiter daran arbeiten, den Leuten
den Marxismus auszutreiben, und ihre Kollegen von der
"reflektiert vorläufigen" Praxisfront (78) dürfen sich gleich-
falls als Gegner kommunistischer Politik betätigen.
Das Tun eines jeden ist gleichermaßen erforderlich und begründet,
ist es doch das gegenwärtig Mögliche, was schließlich auch einmal
zur Einheit von Theorie und Praxis führen wird, wenn man über
seine "reflektierte Vorläufigkeit" hinausgelangt ist, was aber
wohl noch eine Zeit dauern wird, da es um die "reflektierte Vor-
läufigkeit" gerade geht. Helmut REICHELTs Tun ist also seine po-
litische P r a x i s. Mit seinem methodologischen Geseiche hat
er es soweit gebracht, das Geschäft der Verhinderung des politi-
schen Kampfes gegen diese Gesellschaft als diesen Kampf zu ver-
künden; diejenigen, die die marxistische Negation der Marxschen
Theorie betreiben, schwingen sich zu ihren wahren Vertretern auf.
Doch wissen sich Helmut REICHELT und Konsorten allemal als Theo-
retiker, die zwar ihr Tun als politische Praxis legitimiert ha-
ben, ihre eigenen Einsichten aber nicht aushalten können. Ihr Tun
hat eben mit Klassenkampf nicht das mindeste zu schaffen. Um da-
mit fertig zu werden, brauchen sie nicht nur das Gezeter über die
"Dogmatiker" -
"Wo dies" (die reflektierte Vorläufigkeit von Theorie und Praxis)
"verleugnet wird, richten dogmatische Verabsolutierungen leicht
Theorie und Praxis zugrunde." (79)
- sie müssen obendrein ihren F r i e d e n mit der A r b e i-
t e r k l a s s e machen, um deren revolutionäre Potenz sie als
Marxisten wissen. Obwohl sie das, was bei ihnen unter Praxis
fällt, als das Praxis-Problem theoretisch vereinnahmen, werden
sie es doch nicht los, weil es Marxisten eben mit den Arbeitern
haben müssen. Und Helmut REICHELT offenbart sein Herz für die
Arbeiter, indem er z.B. angesichts der Feststellung, daß Arbeiter
auch Staatsbürger sind, allergisch reagiert: Diese ungeheure
Behauptung sei getroffen,
"ohne daß auch nur ein Wort verloren würde über den historischen
Prozess, der dazu geführt hat." (80)
Wenn er also g e g e n das Staatsbürger-Dasein der Arbeiter die
Banalität setzt, die Arbeiter seien doch immerhin Staatsbürger
g e w o r d e n, dann interessiert er sich nicht für die Tatsa-
che, daß die Arbeiter als Staatsbürger nichts gegen diese Gesell-
schaft unternehmen; sein Interesse gilt dann bestimmten Bedingun-
gen des Prozesses, in welchem ihr Staatsbürgertum durchgesetzt
wurde. In der Tat: Helmut REICHELT interessiert allein, daß die
Arbeiter etwa das allgemeine Wahlrecht gegen den "Widerstand des
Bürgertums" (81) durchgesetzt, also e r k ä m p f t haben, und
daß es deswegen nicht angehe, daß
"unbefangen... der Arbeiter als 'Gesellschaftsmitglied' vorge-
stellt (wird. Wo es) keinem liberalen (!) Theoretiker vom Schlage
eines Locke oder Kant eingefallen wäre, den Arbeiter der bürger-
lichen Gesellschaft zuzurechnen - er stand schlicht außerhalb,
und daraus wurde kein Hehl gemacht." (82)
Auf der kämpferischen Potenz der Arbeiter insistiert Helmut REI-
CHELT so störrisch, daß er dabei einmal von den Inhalten absehen
kann, um die gekämpft wurde - der K a m p f u m R e c h t e
ist die gegenwärtige Schranke ihres Kampfes -, als auch davon,
daß es gegenwärtig mit der Kampfkraft der westdeutschen Arbeiter
schlecht aussieht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, be-
harrt er zornig auf der Potenz der Arbeiterklasse, die er für
sich braucht. Wider sein eigenes Wissen von dem fetischisierten
Bewußtsein, wider die Resultate seiner MARX-Verdrehung, nach der
die Arbeiter die Revolution eben nicht machen werden, und wider
jede aktuelle Erfahrung klammert er sich an seine Vorstellung vom
Kampfesmut der Arbeiterklasse, den sie nun einmal besitzt, auch
wenn sie ihn offenkundig nicht besitzt, sondern erst erwerben
muß. Seine Reaktionen ähneln denen des Pawlow'schen Hundes: Wenn
er das Wort Arbeiterklasse hört, reagiert er mit 'Kampf' und
'revolutionäres Subjekt'.
Und dies muß ihm jedesmal einfallen, da ihm nur eine kämpfende
Arbeiterklasse Dispens von der politischen Praxis erteilen kann.
Die Arbeiterklasse ist ihm also vollkommen g l e i c h g ü l-
t i g. Er benutzt ihr Ideal, um sein Tun zu rechtfertigen:
G i b t es nämlich die bekanntlich immer zu kämpfen pflegende
Arbeiterklasse, dann hat man als marxistischer Wissenschaftler
deren Kreise nicht zu stören; zumal sich gerade das eigene Rüst-
zeug, die Theorie als mangelhaft und untauglich herausgestellt
hat. Die vollzogene Trennung von Theorie und Praxis, in der Hel-
mut REICHELT & Co. sich auf der Theorie-Seite einrichten und zu-
frieden sind, daß es für die Praxis-Seite die Arbeiter gibt,
sorgt für die Verdoppelung der Arbeiter: In der Theorie hat Hel-
mut REICHELT seine Probleme mit ihrer revolutionären Bestimmung,
und hält doch, um seinen militanten Skeptizismus weiterhin
betreiben zu können, idealisierend an der revolutionären
Bestimmung der Arbeiterklasse als praktisch vorhandener fest.
Damit hat sein Geschäft der Methodologisierung der Marxschen
Theorie gegen deren Zweck in der Affirmation jedweder Regung der
Arbeiterklasse sein Komplement gefunden. Was immer sie tut, für
Helmut REICHELT kämpft sie, und das ist für ihn begrüßenswert,
auch dann, wenn sie einen falschen Kampf führt oder gar keinen.
Wenn das falsche Bewußtsein der Arbeiterklasse erklärt wird, wenn
sie gegenwärtig für ihre armselige Haltung in der Krise
kritisiert wird, so hat sich ein Helmut REICHELT auch noch
dagegen zu verwahren - weil es doch die Arbeiter sind. Und wer
diese Form der Idealisierung der Arbeiterklasse für sich be-
treibt, der bestätigt noch einmal, daß er jeder Bestrebung, mit
der Marxschen Theorie die Arbeiter zu kritisieren, damit sie im
Klassenkampf ihre Interessen durchsetzen, F e i n d ist
_____
*) In den Anmerkungen gibt die erste Ziffer an, aus welchem Buch
das Zitat entnommen ist; die zweite bezeichnet die Seitenzahl.
Aus folgenden Arbeiten REICHELTS wird zitiert:
1 Zum Wissenschaftsbegriff bei Karl Marx. In: Marx und Marxismus
heute. G. Breitenbürger, G. Schnitzler (Hg.), Hamburg 1974
2 Theorie und Empirie. Bemerkungen zum Aufsatz von EBERLE/
HENNING. In: Gesellschaft 4/75 (mit J. HIRSCH)
3 Zur Staatstheorie im Frühwerk von Marx und Engels. In:
MARX/ENGELS Staatstheorie, 1974
4 Einige Bemerkungen zu Sybille v. Flatows und Freerk Huiskens
Aufsatz... In: Gesellschaft 1/74
5 Zur Entwicklung der materialistischen Geschichtsauffassung. In:
Texte zur materialistischen Geschichtsauffassung, H. REICHELT
(Hg), 1975
6 Ansätze zur materialistischen Interpretation der Rechtsphilos-
phie von Helgel. In: HELGELS Rechtsphilosophie, 1974
7 Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx.
Frankfurt, 1970
8 Editorial zu: Gesellschaft 1/74 (mit Redaktion der ZS)
(1) 2, 209
(2) 2. 203
(3) Eine solche Kritik trifft Helmut REICHELTS "Leistung" nicht.
Zu bewundern ist jedoch, daß er mit Leuten in einer marxistischen
Zeitschrift ("Gesellschaft") zusammenarbeitet, denen er gerade
nachgewiesen hat, sie hätten mit ihm als Marxisten keinerlei Ge-
meinsamkeit - eine feine Gesellschaft, diese "Gesellschaft"!
(4) In: Sozialistische Politik 11/71, S. 94
(5) 8, 8
(6) 7, 13
(7) 2, 203
(8) 7, 15
(9) 7, 264
(10) 3, 12
(11) Dies Unterfangen ist dann vergleichweise schwierig, wenn man
davon ausgeht, daß die Marxsche Kapitalismuskritik jene materia-
listische Theorie darstellt, die Helmut REICHELT als d i e
Theorie unterstellt: Wie aber soll sich diese z u r materiali-
stischen gemausert haben, wenn es sie nur a l s materialisti-
sche gibt?
(12) 3, 19
(13) Dabei begibt sich Helmut REICHELT hier auf das Niveau vorur-
teilsloser Marxbetrachtung: Nicht sein Wissen über materialisti-
sche Theorie gibt die Basis seines vergleichenden Geschäfts ab,
sondern Marxens B e h a u p t u n g. Wer könnte schließlich
besser als MARX selbst sagen, wo bei ihm der Materialismus be-
ginnt und wo der Idealismus aufhört. Geht es aber dem Marxfor-
scher um das Verständnis der marxistischen Theorie, dann ist das
Vertrauen auf Marxsche Aussagen über seine Schriften - da kein
Ersatz für den denkenden Nachvollzug derselben - zwar eine
schlechte Basis, aber immerhin eine solche, die das Vergleichen
vollends obsolet macht. Helmut REICHELT nimmt also seinen Ausgang
von Marxens Behauptung, gerade weil er dieser nicht vertraut.
(14) 3, 12
(15) 3, 10
(16) 3, 33
(17) entfällt
(18) 3,35
(19) 6, 9
(20) MEW 3, S. 28
(21) MEW 3, S. 28
(22) 6, 48
(23) MEW 3, S. 27
(24) 1, 30 ff.
(25) MEW 13, S. 8
(26) 6, 8
(27) 1, 30
(28) 3, 35
(29) 7, 48
(30) 1, 31
(31) 3, 36
(32) 7, 49
(33) 3, 36
(34) 3, 42
(35) 3, 42
(37) MEW 1, S. 216. Wieso ist eigentlich diese Feststellung des
jungen MARX nicht "idealistisch" zu nennen?
(38) MEW 1, S. 216
(39) 3, 37
(40) 3, 63
(41) 7, 81
(42) 7, 264
(43) 7, 126
(44), (45) 7, 136
(46) 7, 143
(47) 7, 151
(48) 7, 152
(49) 7, 159
(50) 7, 165
(51) 7, 225 ff.
(52) Briefe zum 'Kapital', S. 79
(53) 6, 9
(54) 7, 18
(55) 3, 68
(56) 7, 18
(57) 1, 38
(58) 7, 18
(59) 6, 20
(60) 7, 16
(61) 1, 39
(62) Helmut REICHELT spricht hiermit eine Einsicht aus, die die-
jenigen, die sie begreifen w o l l e n, zu Konsequenzen führt,
welche das genaue Gegenteil von dem sind, was Helmut REICHELT be-
treibt.
(63) 1, 40
(64) 7, 18
(65) 7, 18
(66) 1, 40
(67) 8, 8
(68) 8, 9
(69) 8,7
(70) s.o.
(71) s.o.
(72) s.o.
(73) 8, 10
(74) 8, 10
(75) 8, 10
(76) 8, 10
(77) 8, 11
(78) Diese gibt es im übrigen bereits: sie sitzen in einem Offen-
bacher Büro und ergänzen Helmut REICHELT & Co. aufs trefflichste;
vgl. Resultate Nr. 2
(79) 8, 11
(80) 4, 17
(81) 4, 29
(82) 4, 16
Im August 1977 erscheinen:
RESULTATE DER ARBEITSKONFERENZ 3
Inhalt:
Wissenschaft und Teleologie. Der Fehler bürgerlicher Geistes- und
Gesellschaftswissenschaft.
Der Aufbau des "Kapital" (III)
J. Bischoff
-----------
Die Verwandlung des Marxismus in eine Methode.
----------------------------------------------
Ein Beitrag zur Rechtfertigung des Revisionismus.
-------------------------------------------------
1. Identität durch Zustimmung:
------------------------------
Marx-Interpretation als Kritikersatz
------------------------------------
Wer sich wie BISCHOFF die "Rekonstruktion des wissenschaftlichen
Sozialismus" zum Programm setzt, unterscheidet sich von allen
Marxisten, denen an MARX gefällt, daß er ein Prophet war und im
übrigen ein toter Hund ist: das Lob, MARX seien Voraussagen ge-
glückt, die sich erst heute bewahrheitet hätten, ergänzen diese
nahtlos durch die Beschimpfung, dieser Mann des 19. Jahrhunderts
habe ein reichlich unmodernes Gemälde des Kapitalismus geliefert.
Ein solches Desinteresse an MARX, das unter dem Namen einer
"Weiterentwicklung der Marxschen Theorie" kursiert, kann BISCHOFF
nicht nachgesagt werden.
Vielmehr stellt er sich mit beiden Beinen auf MARX: was dem Bil-
dungsbürger sein BÜCHMANN, ist BISCHOFF der gesammelte Zitaten-
schatz von MARX und ENGELS. Berufen sich andere auf MARX, weil
keine seiner Aussagen mehr zutrifft, dieser Mensch aber so seine
Ahnungen gehabt hat, so geht BISCHOFF mit MARX wie mit einem
Zeitgenossen um. Ob Orientierungsrahmen der SPD oder ob Bundes-
tagswahl 1976, es gibt kein Ereignis bürgerlicher Politik, dessen
Erklärung BISCHOFF anders leistet als keine Erklärung zu geben,
dafür aber ein treffendes Marxwort zu zitieren. Keines Wortes
mächtig, das er nicht von MARX abgeschaut hätte, ist ihm der
"Verflachungsprozeß des wissenschaftlichen Sozialismus" geeigne-
ter Anlaß, seine Identität mit MARX vorzuführen, womit er sich
nebenbei der Mühe einer Kritik dieser "Falschheit" enthoben hat:
es reicht, daß sie es nicht so wie BISCHOFF mit MARX gemacht ha-
ben.
So ist es nicht verwunderlich, daß BISCHOFF sein Buch über wis-
senschaftliche Dialektik dem Nachdenken über das von MARX bereits
Gedachte widmet.
"Angesichts des Problems, auf der einen Seite den von Marx und
Engels formulierten Gedankengang nachzudenken, auf der anderen
Seite von diesem Gedankengang die vielen Systemchen abzugrenzen,
die bisher von den sogenannten Vollendern oder Überwindern des
wissenschaftlichen Sozialismus produziert worden sind, ist der
Akzent auf eine an den Marxschen und Engelschen Texten abgesi-
cherte Argumentation gelegt worden." /22/ *)
Dem einfachen Gedanken, daß es notwendig ist, sich mit den Werken
von Leuten zu beschäftigen, über die man etwas aussagen will,
wird eine Bischoffsche Wendung gegeben. BISCHOFF will darauf nur
den Akzent gelegt sehen, um seine Abgrenzungsprobleme zu bewälti-
gen, und verdeutlicht so, daß sein Anliegen ein anderes ist.
Seine Bemühung, sich mit MARX identisch zu erklären, ist also
eine Leistung, die jenseits inhaltlicher Übereinstimmung liegt,
mit der sich das Problem, ob einer identisch mit MARX ist, von
selbst erledigt. Umgekehrt kommt es BISCHOFF vielmehr darauf an,
die Identität zu betonen, um zu demonstrieren, daß e r, BI-
SCHOFF, im Unterschied zu anderen Leuten sich in Übereinstimmung
mit MARX befindet. BISCHOFF bezieht sich auf MARX so, daß es ihm
nur auf seine Stellung zu diesem Verfasser ankommt.
In einer Welt, in der sich BISCHOFF von LEIN bis zu SCHMIDT-
Schnauze ringsum von utopischen Sozialisten umgeben sieht, vermag
er seine besonderen Qualitäten als einziger Rekonstrukteur des
wissenschaftlichen Sozialismus damit zu beweisen, daß auch MARX
seinen Gegnern nichts anderes vorgehalten haben soll, als daß sie
utopische Sozialisten seien. Wie MARX seinen Feinden nichts als
das bloße Faktum dieser Gegnerschaft entgegengeschleudert haben
soll, so demonstriert auch der MARX redivivus der Berliner Sozio-
logenzunft, daß er mit Sektierern, Dogmatikern, kurz: kleinbür-
gerlichen Intellektuellen nicht verwechselt zu werden wünscht.
Die postulierte Identität mit MARX ist so die höhere Weihe eines
Programms, dem sich BISCHOFF verschrieben hat: den Verflachern
und Utopisten nicht in der Kritik ihrer Fehler die Feindschaft zu
begründen, sondern - stolz auf den dokumentierten Unterschied -
sich von ihnen abzusetzen.
"Nachdem die aus den neuen Quellen zur Grundlegung des histori-
schen Materialismus hervorgegangene konkrete Philosophie oder
konkrete Utopie, die auf dem Messen des Begriffs oder der Katego-
rien des menschlichen Wesens an der elenden Wirklichkeit, auf der
Konfrontation von geschichtlicher Situation und deren Entwick-
lungsmöglichkeiten beruht, durch die Entwicklung des ökonomischen
Lebens selbst als Ausflucht kleinbürgerlicher Intellektueller
entlarvt worden ist, und nachdem die These, daß man die
Marx'schen Frühschriften allein von der Kritik der politischen
Ökonomie her angemessen interpretieren kann, allgemein akzeptiert
ist, wird neuerdings wieder auf den von Grossmann entwickelten
Erklärungsversuch zurückgegriffen. Es ist zu zeigen, daß in die-
sen Erklärungen für den kritischen und revolutionären Gehalt der
Marx'schen Theorie sich immer noch ein Mißverständnis des wissen-
schaftlichen Sozialismus im Sinne des utopischen Sozialismus ver-
birgt." /312 f./
Wo das "ökonomische Leben selbst" die Ausflucht der miesen Klein-
bürger entlarvt, hat es BISCHOFF nicht nötig, deren Fehler zu
kritisieren. Und wenn GROSSMANN in Mode kommt, drängt es ihn auch
nicht, dessen Argumente zu widerlegen - sein Nachweis gilt von
vorneherein dem längst feststehenden Vorwurf, daß GROSSMANN ei-
nerseits nicht dasselbe sagt wie MARX, und daß er andererseits
(trotz aller Entlarvungsanstrengungen des "ökonomischen Lebens")
nur eine Resurrektion des utopischen Sozialismus darstellt. So
wie sich BISCHOFF von lauter PROUDHONS umgeben sieht, kritisiert
und bekämpft MARX eigentlich HAUG, TOMBERG, REICHELT und Konsor-
ten unter den Namen von PROUDHON, SAINT-SIMON etc. Desinteres-
siert an dem Inhalt der Kritik an PROUDHON gefällt BISCHOFF daran
nur, d a ß MARX eine Differenz ausspricht, weil auch er diese
Differenz zwischen sich und allen Verflachern des Sozialismus ge-
legt sehen möchte. Und so gebraucht er MARX, dessen Aussagen ihn
einen Dreck kümmern, nur zu einem einzigen Zweck: er entnimmt ihm
die Stichworte für das bedeutungsvolle Unternehmen, zu zeigen,
daß er, BISCHOFF, nicht ist wie die übrige Sozialistenbrut.
Weil MARX mit seinen Argumenten der eigenen R e c h t f e r-
t i g u n g dient, wird er bei BISCHOFF auch nicht nur wie bei
anderen linken Schreibern und Organisationen gefeiert, sondern
als die Norm eingeführt, von der abzuweichen sich nur einer nicht
erlaubt. Der Fehler aller anderen Intellektuellen besteht darin,
sich nicht am wissenschaftlichen Sozialismus zu orientieren - und
dies ist eine "Kritik", die folgerichtig die Auseinandersetzung
mit den inkriminierten Anschauungen als "Interpretation" von MARX
betreibt:
"Wenn es eine kleinbürgerliche Illusion ist, durch einige wenige
Erfahrungen (!) zum vollen Bewußtsein der gesellschaftlichen
Antagonismen gelangen zu können und darüberhinaus eine schlechte
Eigenschaft von Intellektuellen, diese Erfahrungen nun sogleich
zu Dogmensystemen ausarbeiten zu wollen, so können solche
Erfahrungen aber auch zum Anlaß werden, die mitgebrachten
Vorurteile in der Intellektuellen möglichen Weise, nämlich durch
das Studium des wissenschaftlichen Sozialismus, systematisch ab-
zubauen. Es entstanden daher zur gleichen Zeit Diskussionszirkel,
in denen ernsthaft mit dem Studium der Schriften von Marx und En-
gels selbst begonnen wurde Selbstverständlich (!) konnte hierbei
in einem derart kurzen Zeitabschnitt nicht viel mehr erreicht
werden, als daß man sich Klarheit zu verschaffen suchte über den
Charakter der revolutionären Theorie von Marx und Engels und
Grundfragen kommunistischer Taktik" (Leninismus 24 f.)
Diese in der widerlichen Mischung von Eitelkeit (ernsthaft ist es
zugegangen) und falscher Bescheidenheit (man suchte Klarheit nur
über Grundfragen) sich vollziehende Nabelschau geht nicht ohne
MARX. Die Kosten einer solchen berechnenden Liebe hat dieser zu
tragen. Es fällt BISCHOFF nicht schwer, zu betonen, daß es dabei
nicht ohne Rücksichtslosigkeit und Vergewaltigung des geliebten
Mannes aus dem 19. Jahrhundert abgehen kann. Er hat nämlich kei-
neswegs vor, beim "Nachdenken eines Gedankens von Marx" den
Hauptakzent auf diesen Gedanken zu legen, ganz im Gegenteil er-
scheint ihm dies als grotesker nonsense. Sein Interpretationspro-
gramm kommt so ganz nebenbei auf den Tisch
"Statt (!) aus der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft die Be-
dingungen (!) für die positive Wissenschaft anzugeben, wird zur
Erklärung dieses Sachverhalts auf die theoretische Entwicklung
von Marx und Engels ausgewichen..." /139/
Der positive Mensch BISCHOFF, dem es zwar nicht um richtige, aber
um B e d i n g u n g e n positiver Wissenschaft geht, macht
deutlich, was ihn an MARX stört: dieser hat seine Gegner kriti-
siert und nicht wie BISCHOFF lediglich entschuldigt, indem er ih-
nen die Bedingungen vorgerechnet hat, die es ihnen nicht erlaubt
haben, so positiv wie er selbst zu sein. Gerade darauf aber hat
es BISCHOFF für seine Stellung in der Welt des wissenschaftlichen
Sozialismus abgesehen. Da er nicht vorhat, seine Gegner zu wider-
legen, sondern nur seine Differenz zu ihnen betont, ist die An-
biederung, der Nachweis, daß sie eben nicht BISCHOFF sein können,
nur die andere Seite, die zum Lob der eigenen Stellung zu verein-
nahmen.
Warum dieses Unternehmen, das BISCHOFF betreibt, R e k o n-
s t r u k t i o n des wissenschaftlichen Sozialismus heißt, ist
damit erklärt. Es geht um die Konstruktion eines Ansatzes, den
BISCHOFF deswegen MARX andichtet, um nachzuweisen, daß dessen
Aussagen zwar nicht richtig oder falsch, dafür aber b e-
d i n g t gültig sind und diese bedingte Gültigkeit von der
Konstruktion eines BISCHOFF abhängt.
2. Die Leistungen der soziologischen Abstraktionskunst
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BISCHOFF will zeigen, daß e r nichts gegen MARX hat: sein er-
ster Einfall ist ein Marxzitat.
"Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern
umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein be-
stimmt" /27/.
Dieser Satz hat einen gläubigen Bischof bitter nötig, zeigt sich
an ihm doch schon das, was aus seinem Verfasser eine so umstrit-
tene Persönlichkeit gemacht hat. Wo andere Wissenschaftler von
Annahmen ausgegangen sind, um deren hypothetischen Charakter im
Erkenntnisresultat zum Verschwinden zu bringen, beweist sich die
besondere Qualität eines MARX daran, daß dieser als wesentliches
E r g e b n i s seiner wissenschaftlichen Analyse eine V e r-
m u t u n g produziert hat, aus der sich manche eine A u f-
f a s s u n g gezimmert haben, durch die sie sich kenntlich
machen:
"Diese These stellt die Quintessenz und damit ein eindeutiges Er-
kennungsmerkmal (!) der von Marx und Engels erstmals begründeten
Geschichtsauffassung des dialektischen Materialismus dar" /27/.
Immerhin taugt die These dazu, sich als Mitglied der Marxgemeinde
zu erkennen zu geben. Daß mit dieser Gemeinde allerdings kein
Staat zu machen ist, bereitet einem BISCHOFF, der sich dem Glau-
ben an Marxthesen verschrieben hat, ernste Sorgen. Den Grund für
das Sektenwesen innerhalb und für die offene Feindschaft außer-
halb der Marxgemeinschaft findet BISCHOFF bei MARX selbst. Dieser
Meinungsstifter hat es nicht vermocht, zu verstehen zu geben, daß
er nur einer Auffassung zum Leben verholfen hat. Sein Fehler be-
steht darin, eine These als bestimmte Aussage formuliert und da-
mit ihr den Charakter einer diskutablen Auffassung genommen zu
haben.
Dieser Borniertheit des Glaubensstifters hilft BISCHOFF, der
weiß, was die These von MARX "ausdrücken soll", ab. Die erste Er-
wartung an eine Offenbarung, die als Quintessenz einer Auffassung
gelten soll, besteht in ihrer Allgemeinheit, der sich kein Gegen-
stand entziehen darf. Was eine Erklärung des W i e eines be-
stimmten Verhältnisses ist, kann BISCHOFF als die allgemeine
Lehre, d a ß alles in der Gesellschaft vermittelt ist,
V e r m i t t l u n g a l l e s ist, enthüllen. Da eine reli-
giöse Verkündung nicht den Glauben erklärt, sondern alles in das
Mysterium des Glaubens verwandelt, versteht es sich von selbst,
daß die Marxsche These nichts anderes sein kann als eine Verkün-
dung des Weges, wie man zu neuen Offenbarungen kommen kann. MARX
hat entschieden, daß alle Erkenntnis seiner Offenbarung zur Be-
stätigung zu verhelfen hat - daß sich Wissenschaft als Werk jener
Vermittlung begreifen und bewähren muß:
"Mit dieser so oft mißverstandenen und häufig bekämpften Kurzfor-
mel soll ausgedrückt werden, daß die verschiedenen Momente des
gesellschaftlichen Zusammenhangs in bestimmter (!) Weise mitein-
ander vermittelt sind, und daß daher (!) jede wissenschaftliche
Erkenntnis an den systematischen Nachvollzug dieses Vermittlungs-
prozesses gebunden ist" /27/.
Damit hat BISCHOFF das Mißverständnis derer, die den Marxschen
Formulierungsschwierigkeiten zum Opfer gefallen sind, verständ-
lich gemacht. Sie haben der "These" nicht ihr Geheimnis entlockt:
statt die Vorschrift zu begrüßen, daß es überall auf jene Ver-
mittlung ankommen soll, haben sie die Marxsche Aussage einfach
als E r k l ä r u n g eines b e s t i m m t e n Verhältnisses
genommen. Kein Wunder, daß dies zu Wiedererkennungsschwierigkei-
ten führen mußte. Womit klar ist, daß die bürgerlichen Gegner von
MARX keine Gegner wären, wüßten sie, was sie an MARX haben könn-
ten: als Methodologen einen der ihren.
Man sieht, das Bekenntnis eines BISCHOFF zu MARX gibt es nicht
umsonst; es verlangt diesem Verfasser allerhand ab. Dafür bleibt
aber auch der Lohn dieser bedingten Zustimmung - MARX hat nicht
gesagt, was er hätte sagen sollen - nicht aus. BISCHOFF führt ei-
nem MARX vor, wie man auch mit dessen beschränkten Mitteln unbe-
schränkt schöpferisch werden kann und beweist eindrucksvoll, daß
der Künder einer Offenbarung ohne den Glauben seiner Anhänger
nichts ist. Klärt MARX das Verhältnis von gesellschaftlichem Sein
und Bewußtsein, so vermag erst BISCHOFF dieser These die höhere
Weihe des Unbestimmten zu geben: beide "sind in bestimmter Weise
miteinander vermittelt." Der e r k l ä r t e Zusammenhang ist
die Deklaration, d a ß zwischen gesellschaftlichem Sein und Be-
wußtsein ein Z u s a m m e n h a n g besteht.
Die Auflösung des Prädikats "bestimmt" im geliebten und zum Er-
kennungsmerkmal einer Auffassung heruntergebrachten Urteil von
MARX hat eine falsche, aber schöne Abstraktion entstehen lassen.
BISCHOFF hat mit ihr jedoch auch Probleme: er darf sie sich nicht
durch die ihr widersprechenden Ausführungen von MARX etwa über
den Kapitalismus und das Bewußtsein seiner Produktionsagenten
verderben lassen. Die Erklärung einer einzigen falschen Vorstel-
lung aus der Ökonomie des Kapitals würde das Gerede über "einen"
Zusammenhang, über "bestimmte Vermittlung" etc. zuschanden werden
lassen. Wer an dem Spruch von MARX seine Vorliebe für falsche Ab-
straktionen entdeckt, darf sich nicht auf die Analyse der beiden
Momente des Verhältnisses einlassen und mit Wissen über sie den
Zusammenhang begreifen, den es tatsächlich gibt. Vielmehr muß er
die so geschickt zum Thema präparierte "bestimmte Weise der Ver-
mittlung" endgültig zum Subjekt dessen machen, was da vermittelt
wird. Es gilt, über d i e Gesellschaft und d a s Bewußtsein
zu faseln, um die "Quintessenz einer Auffassung" allen Gegenstän-
den der Erkenntnis gegenüber zur Anwendung zu bringen. Und daß
BISCHOFF diesen methodischen Umgang mit der Welt beherrscht,
zeigt er an Sätzen, die ihm brauchbar erscheinen für die Inter-
pretation der Quintessenz:
"Der soziale Lebensprozeß der Individuen auf einer historisch be-
stimmten Entwicklungsstufe ist ein vielfach Gegliedertes und in
verschiedene Bestimmungen Auseinanderfahrendes." /27/.
Wenn in solchen Sprüchen über die Gesellschaft vermeldet wird,
d a ß sie gegliedert ist und nicht nur eine Bestimmung hat, dann
taugen sie eben wegen ihrer Leistung, V e r h ä l t n i s s e
ü b e r h a u p t zur Eigenschaft des besprochenen Gegenstandes
zu machen, für den Fortschritt in der von BISCHOFF für nötig ge-
haltenen Interpretation der Marx-These. Dabei stört ihn keines-
wegs die Tatsache, daß der Teil seiner Rede über den sozialen Le-
bensprozeß, den er von MARX abgeschrieben hat (Grundrisse, S. 7),
von diesem gerade als Abstraktion k r i t i s i e r t wird. Wo
MARX sich in der "Einleitung" Rechenschaft darüber ablegt, daß
mit den Abstrakta wie P r o d u k t i o n i m A l l g e-
m e i n e n etc. k e i n e Wissenschaft zu machen ist; wo er
darlegt, daß dergleichen "verständige Abstraktionen" nur als
Zusammenfassung des allen Gesellschaften Gemeinsamen taugen
deswegen aber auch keine einzige erklären, findet BISCHOFF das
Material für die Verkündung seiner Weisheiten. Ausgerechnet die
Aussagen, die MARX als Fehler bürgerlicher Ideologen kenn-
zeichnet, haben es ihm angetan: mit ihnen macht er sich an die
Leugnung all dessen heran, was wirklich im "Kapital" und sonstwo
über den G r u n d falschen Bewußtseins im "gesellschaftlichen
Sein" steht. Dabei kommen ihm die Mängel der "Einleitung" die im-
mer wieder das Prinzip politischer Ökonomie g e t r e n n t vor
ihrer Durchführung an bestimmten Produktionsweisen darzustellen
versucht und - sooft MARX bemerkt, welche Fehler sich daraus er-
geben - schließlich Abstand nimmt von ihrem Fehler (Warum steht
sie wohl nicht im "Kapital I"?) gerade recht!
So läßt sich der Glaube an MARX, der eine schöne Methode erfunden
hat, auch gegenüber Ungläubigen propagieren: wenn die Soziologen
nur das machen, was sie immer schon machen, glauben sie an MARX,
freilich ohne es zu wissen. Wo selbst Leute, die nichts von MARX
wissen wollen, der These dieses Glaubensstifters, Gesellschaft
sei Vermittlung, anhängen, ist ein Bischof nötig, diese Auffas-
sung als den Glauben an MARX zu verkünden. Wie ein Prophet nichts
gilt, findet er keine Anhänger, so ist erst recht MARX, dessen
Lehre die Spatzen von den Dächern pfeifen, auf ein persönliches
Bekenntnis, daß es dabei auf ihn, MARX, ankomme, angewiesen. BI-
SCHOFF verschafft s e i n e m Bekenntnis zu MARX Platz, indem
er dessen Aussage auf eine These reduziert, der er seine Zustim-
mung nicht vorenthalten will.
Die Berufung auf MARX ist die Folge der Stellung, die BISCHOFF zu
ihm einnimmt. Nicht die akzeptierte Übereinstimmung mit den Aus-
sagen dieses Schriftstellers, sondern der Zweifel an ihm, der zum
Glauben führt, ist der Ausgangspunkt für das Lob des Beggründers
einer Auffassung. Je weniger von MARX zu halten ist, desto größer
die Bekenntnisleistung, die ein BISCHOFF sich abverlangt. Und daß
er von der "Quintessenz" einer Marxschen Aussage nichts hält, hat
er bereits mit den ersten Sätzen seines Buches vorgeführt. Es
geht ihm eben um den Beweis, daß MARX das glaubensstiftende Werk
eines Bischofs nötig hat (Das Wortspiel mit dem Namen ist alles
andere als ein Witz - es bringt den Begriff des Berliner Dialek-
tikers auf eine unmißverständliche "Kurzformel".).
Spricht MARX vom notwendig falschen Bewußtsein der Menschen von
ihrem gesellschaftlichen Handeln (er führt das "notwendig" aus:
in ihrer ökonomischen Praxis, näher: in den Zwängen der Konkur-
renz hat es seinen Grund), so glaubt BISCHOFF diesem Satz nur
entnehmen zu dürfen daß es auf die Gesellschaft ankomme, wenn man
das Bewußtsein der Menschen im Kapitalismus b e s t i m m t
hat. Spricht MARX aus was es mit diesem Bewußtsein auf sich hat -
und unterstellt so naiverweise, daß es dieses Bewußtsein gibt -,
so überzeugt sich BISCHOFF bei MARX von der Nichtexistenz und Un-
selbständigkeit des Bewußtseins. Sagt MARX, das Bewußtsein sei
vom gesellschaftlichen Sein bestimmt, so ist sich BISCHOFF si-
cher, daß nichts bestimmt, dafür aber alles "in bestimmter Weise
vermittelt" sei.
BISCHOFF hat den Widerstand, den MARX s e i n e m Glauben ent-
gegensetzt, überwunden: er hat ihn zu einer Auffassung
g e m a c h t. Die Leistung des Glaubens an MARX, zu dem er sich
bekennt, besteht darin, den verehrten Autor auf den Beleg eines
Vorurteils, das BISCHOFF hat, herunterzubringen.
Danach bestrebt, sein Vorurteil, daß Denken, Handeln, Gesell-
schaft und Natur niemals das sein können, was sie sind, dafür
aber leibliche Inkarnation eines methodischen Verfahrens, wie ih-
nen beizukommen sei: Beziehung, Vermittlung, Bedingtheit etc.,
mit MARX zu belegen, wird BISCHOFF kritiklos MARX gegenüber, weil
ihm dessen Aussagen gleichgültig sind. Obwohl BISCHOFF MARX wi-
derlegt hat - er hat ihm den Schwachsinn angedichtet, von be-
stimmten Gegenständen und einem spezifischen Verhältnis gespro-
chen zu haben, ohne etwas Bestimmtes zu meinen -, verliert BI-
SCHOFF seinen Glauben an MARX nicht. Der Glaube an MARX ist eben
etwas anderes, als MARX zu glauben.
Daß MARX eine, wenn auch umstrittene Autorität ist, der Erfinder
einer Auffassung mit beträchtlichem Anhang, macht ihn zum Opfer
der Bischoffschen Zuneigung. Seine Anerkennung macht sich BI-
SCHOFF zunutze, seinem Erkenntnisvorurteil zur Gültigkeit einer
allgemeinen Vorschrift zu verhelfen. BISCHOFF glaubt dem Satz von
MARX, der immer fällt, wenn im Glaubenswettstreit zwischen Idea-
lismus und Materialismus Bekenntnisse fallen, nur insofern, als
er dabei die methodische Vorschrift ist, die sein eigenes Vorur-
teil nötig hat.
MARX hat also mit seinem "Erkennungsmerkmal" der Nachwelt nichts
Wissenswertes mitgeteilt - immerhin aber hat er die
"materialistische Methode" gestiftet: einer, der sich als Anhän-
ger des dialektischen Materialismus ausweisen will, hat auf be-
sagten "Vermittlungsprozess" zu achten, weil jede Wissenschaft an
ihn gebunden ist. Wenn einer "nur" eine Vorschrift erlassen hat,
wie man sein Denken so einzurichten hat, daß eine Erkenntnis von
gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein m ö g l i c h wird, so
ist nichts klarer, als daß er nichts über diese Gegenstände aus-
sagt, aber eine These vertreten hat. Damit ist das Hindernis be-
seitigt, das es erforderlich machen würde, sich mit der Richtig-
keit eines Gedanken r e s u l t a t s auseinanderzusetzen;
vielmehr ist die These der bloße A n f a n g einer freien Betä-
tigung dieser Zustimmung. BISCHOFF hat in MARX einen Ansatz ge-
funden, mit diesem das anstellen zu können, worauf es ihm an-
kommt: die Existenz der Welt in die Existenz ihrer Denkmöglich-
keit zu verwandeln. Der Marxismus hat verkündet, daß man die Welt
so wie J. BISCHOFF betrachten muß - und J. BISCHOFF tritt den Be-
weis an, daß MARX Zustimmung verdient. Wer aber einen Glaubensbe-
weis antritt, beweist eben, daß er nicht glaubt, es ihm jedoch
nützlich erscheint, zu glauben. Die Verteidigung von MARX ist der
praktizierte Zweifel an ihn.
Aber nicht nur, daß das erklärte Verhältnis von gesellschaftli-
chem Sein und Bewußtsein eine bloße Vermutung ist - auch ob es
sich dabei überhaupt um eine These handelt, hat sich der Berliner
Marxpfaffe vorgenommen zu erklären. Liegt die Quintessenz der
Marxschen These darin, einer methodischen Erkenntnisvorschrift
zum Leben verholfen zu haben, mit der man nach dem Muster des
einen Marxsatzes viele gleich schöne Sätze über Gott und die Welt
bilden kann, so muß sich erst an der Klärung der methodischen
Prämissen, die dieser Satz ausdrücken soll, zeigen, ob er selbst
gemäß der Methode, die BISCHOFF aus ihm gezimmert hat, gebildet
ist. Sind methodische Prämissen die Voraussetzung dafür, etwas
über gesellschaftliches Sein und Bewußtsein sagen zu können, so
ist die Marxsche These einer Erkenntnismöglichkeit so lange zwei-
felhaft, so lange nicht die Notwendigkeit von diesen Prämissen
auszugehen, erwiesen ist. So lange Aussagen wie die von MARX als
Erkenntnismöglichkeit nur möglich sind, sind die methodischen
Vorschriften als Möglichkeit der Erkenntnis zweifelhaft. BISCHOFF
hat bereits in den ersten Worten angegeben, worum es des weiteren
in seinem Buch geht: er will nicht eine Aussage von MARX, die ihm
als These gilt, beweisen oder widerlegen, vielmehr besteht das
Geschäft, mit dem er die Leser belästigen wird, darin, den er-
freulichen Nachweis anzutreten, daß eine Annahme von MARX eine
mögliche These ist. Wenn MARX die Abhängigkeit des Bewußtseins
erklärt, gibt BISCHOFF das Anlaß zur Frage, ob s e l b-
s t ä n d i g gedacht werden kann, ob man überhaupt nicht nur
die Bedingtheit des Denkens denken könne. Dergleichen Zweifel
bringen BISCHOFF dazu, ein Buch über wissenschaftliche Dialektik
zu schreiben.
Die betonte Skepsis soll nicht verheimlichen, was mit MARX
"wirklich" los ist: er hat nicht eine These hervorgebracht, die
möglich, sondern eine, die falsch ist. In der Bischoffschen Kurz-
formel: w e i l alles in der Gesellschaft zusammenhängt, ist
"Jede wissenschaftliche Erkenntnis an den systematischen
N a c h v o l l z u g dieses Vermittlungsprozesses g e b u n-
d e n", ist dem Marxpapst eine erste Widerlegung von MARX
geglückt. Er hat nicht die Banalität zu Papier gebracht, daß die
Erkenntnis eines Gegenstands eben das Wissen über diesen Ge-
genstand ist, sondern er hat die Verhinderung des Denkens durch
seine Bedingungen zum Postulat erhoben und damit MARX Idealismus
nachgewiesen. Daß die wissenschaftliche Analyse ihren Gegenstand
überwunden, dessen bloße Erscheinungsform aufgelöst, weil erklärt
hat, stört BISCHOFF am Denken. Der zweckmäßige Umgang mit den Ge-
genständen der Natur und der Technik, den die Menschen tagtäglich
praktizieren, weil sie über das, was diese Gegenstände sind, Be-
scheid wissen und dabei nicht den geringsten Zweifel an der Exi-
stenz der Dinge, mit denen sie umgehen, haben, beweist einem BI-
SCHOFF, daß die Annahme, Denken wäre etwas anderes, als der di-
rekte Zwang, den die Gegen- und Umstände auf den Menschen aus-
üben, purer Idealismus ist. Der Beweis, auf den es BISCHOFF gegen
MARX ankommt, lautet: das Denken ist eine Eigenschaft des unter-
suchten Gegenstands, nicht dessen Erklärung. Wo MARX das Denken
k r i t i s i e r t, das sich dem "gesellschaftlichen Sein", den
praktischen Zwängen der kapitalistischen Scheiße unterwirft,
fällt BISCHOFF nur ein, daß sich recht materialistisch nur denken
läßt im Bewußtsein der Unselbständigkeit allen Denkens, seines
Geprägtseins durch die Gesellschaft. Die Normalform Bischoffscher
"Urteile" über Aussagen anderer Leute heißt daher auch: "diese
Theorie ist Ausdruck von...". Wodurch den Wahrheiten eines MARX
die Ehre zuteil wird, ebenso wie die hinterletzte Apologetik als
"Produkt der sozialen Bewegung" gefeiert zu werden. Mit dieser
Anwendung der geliebten These bewältigt BISCHOFF auf 300 Seiten
das Problem: wie rede ich von Wissenschaft, Denken, Bewußtsein,
ohne deren Existenz zur Kenntnis zu nehmen und wie verkünde ich
das Diktum von der Bürgerlichkeit bürgerlicher Wissenschaft, ohne
ihr einen Fehler nachweisen zu wollen? Als Wissenschaftsfeind
kommt es ihm auf die Propaganda einer 'Dialektik' an, die Wissen-
schaft zerstört - kein Gedanke gilt, der sich nicht in die Wir-
kung seiner Bedingungen auflöst und so zugibt, keine Erklärung
gewesen zu sein-, hat BISCHOFF die bürgerliche Wissenschaft über-
troffen; diese, weniger verrückt als BISCHOFF, weiß wenigstens,
wie unnütz MARX bei diesem Geschäft ist, über Wissenschaft zu re-
den, ohne sie zu betreiben. Er dagegen schreitet zur zweiten Wi-
derlegung von MARX.
Die methodische Vorschrift, von dem was Gesellschaft ist, zu ab-
strahieren und sie in die bloße Vermittlung aufzulösen, ist auch
für BISCHOFF keine zureichende Aussage über Gesellschaft, sondern
das lobenswerte Vorurteil, mit dem man sich erhoffen kann, zu
Aussagen über sie zu kommen. Das "eindeutige Erkennungsmerkmal"
einer Auffassung über Gesellschaft, mit der sich BISCHOFF am
Marxschen Zopf aus dem Sumpf der bürgerlichen Wissenschaft her-
auszieht, besteht darin, daß die Erkennbarkeit der Gesellschaft
Folge eines Vorurteils ist, das man von ihr haben muß: Die zur
Eigenschaft der Gesellschaft erhobene Erkenntnisvorschrift ent-
scheidet, was das gesellschaftliche Sein ist.
Damit hat BISCHOFF zugleich seine dritte Widerlegung der Marx-
schen These angebracht. Das als Betrachtungsweise eingeführte
Verhältnis von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein bringt
glücklich Denken und gesellschaftliches Handeln theoretisch um
die Ecke: jeder der beiden Gegenstände wird unter das Vorurteil,
nur das zu sein, was sich aus dem "Nachvollzug" des "Vermitt-
lungsprozesses" ergibt, subsumiert - und w i e sie zusammen-
hängen, klären die Phrasen und Wörter, die unsere Sprache für
u n b e s t i m m t e Verhältnisse eben so hat, Reflex,
Ausdruck, Widerspiegelung, Wechselwirkung etc.
BISCHOFF hat die Aufgabe, die er sich gestellt hat, im Nu gelöst:
wie macht man aus der geleisteten Analyse der kapitalistischen
Gesellschaft durch MARX ein Mittel, diese Einsicht an ihrer prak-
tischen, von ihr geforderten Anwendung zu hindern: nichts einfa-
cher als das - es handelt sich um keine Einsicht. Alle Beweise,
mit denen BISCHOFF seine Liebe zu MARX belegt, sind Beweise für
die Überholtheit und Falschheit des Verfassers, den BISCHOFF sich
zum Lieblingsautor erwählt hat. BISCHOFF wäre jedoch nicht Bi-
schof, wenn es ihm nicht ständig auf neue Beweise seines Glaubens
ankäme, um seinen Glauben an MARX zu beweisen. Daß diese Aufgabe
wie der Glaube unendlich ist, zeigt sich nicht nur daran, daß die
Produkte dieser Liebe einen ganzen Verlag profitabel machen, wo-
ran weiter bemerkbar ist, daß es auch ein Publikum gibt, das sich
sein Bedürfnis, MARX gut zu finden, weil es nichts von den Konse-
quenzen Marxscher Aussagen hält, Geld kosten läßt, und BISCHOFF
Anerkennung zollt, wenn er in immer neuen schöpferischen Varia-
tionen MARX umarmt, um ihn mundtot zu machen.
Hat BISCHOFF gezeigt, wofür ihm MARX brauchbar erscheint - dieser
hat sich eine These aus den Fingern gesogen, mit der man alles zu
Verhältnissen erklären kann (wobei freilich nichts zur Klärung
beigetragen, wohl aber die Zustimmung der Kommunikationstheoreti-
ker und Interaktionsfummler angepeilt ist), so geht es jetzt
darum, daraus Probleme zu entwickeln, um zu beweisen, daß nur,
wer bei MARX hart am Ball bleibt, diesem den Rest geben kann.
"Nicht nur die Tatsache, daß in der jeweils bestimmten Gesell-
schaftsform jede einzelne Seite dieser Gesellschaft, jedes Ver-
hältnis die andern in ihrer bestimmten Gestalt voraussetzt, und
somit jedes Gesetzte zugleich Voraussetzung ist, macht die gei-
stige Reproduktion dieses organischen Systems zum Problem (!),
sondern auch das Faktum, daß jede neue Generation die von der
vorangegangenen Generation entwickelten und erworbenen Produktiv-
kräfte übernimmt und ihrerseits zur Basis einer Weiterentwicklung
macht, wodurch ein kontinuierlicher Zusammenhang in der Ge-
schichte der Menschen entsteht." /27/
BISCHOFF sagt hier etwas, wenn auch etwas Falsches darüber, was
Gesellschaft ist, und deduziert daraus, daß es äußerst problema-
tisch ist, die Gesellschaft erkennen zu wollen. Daß der Kapita-
lismus historische Voraussetzungen hat, BISCHOFF also weiß, daß
er sich nicht in der Steinzeit abspielt, überzeugt ihn davon, daß
er als geschichtlich gewordener kaum begreifbar ist. Die allsei-
tige Vermitteltheit der Gesellschaft erweist die Marxsche Auffas-
sung zur voreilig gefaßten These. Wo es unmöglich ist, etwas so
Komplexes wie Gesellschaft zu erkennen, geht es wirklich um hö-
here Dinge als um das Verkünden von bestimmten Aussagen, auch
wenn sie von MARX nur als These gemeint sein sollten. Vielmehr
steht der erfinderische Einfall von Problemen an, bei denen es
nicht darum geht, sie als Probleme aus der Welt zu bekommen, son-
dern sich als problembewußt zu erweisen.
"Die Reproduktion eines sozialen Lebensprozesses der Individuen
auf bestimmter Entwicklungsstufe im Denken wirft somit (!) auch
das Problem (!) auf, ob nicht Bestandteil jeder Darstellung eines
bestimmten gesellschaftlichen Systems eine Betrachtung der histo-
rischen Aufeinanderfolge verschiedener Gesellschaftsformen sein
muß, ja inwieweit eine entschiedene Abgrenzung bestimmter Formen
von Gesellschaft überhaupt gerechtfertigt ist" /27/.
BISCHOFF will natürlich keine Weltgeschichte schreiben. Auch da-
für müßte er Wissenschaft treiben - wie könnte er eine
A u f e i n a n d e r f o l g e von verschiedenen Gesellschafts-
formen betrachten, ohne diese selbst zu kennen. Er hat zudem in
seinem Zettelkasten (und im aus Japan eingeflogenen MARX-Lexikon)
den Spruch von MARX zu dem "Problem", ob das Nacheinander von Er-
eignissen in den Zeitläufen den B e g r i f f einer Produkti-
onsweise zutagefördert; und aus dem Zettel geht hervor, daß MARX
zumindest die Sache klargestellt hat. Mit seinem "somit" geht es
ihm somit um ein eigens für s i c h s e l b s t "erschlos-
senes" Problem: um die Schwierigkeit von materialistischer Wis-
senschaft wie e r sie verlangt. Also: weil es den Kapitalismus
nicht immer gegeben hat, kann niemand wissen, ob es ihn gibt,
denn es hat ihm noch niemand die Gerechtigkeit widerfahren las-
sen, abzustecken, wo er anfängt und wo er aufhört. Freilich wäre
auch dies vergeblich: weil der Kapitalismus nun mal historisch
geworden ist, weiß keiner, wo er sich aufhält.
Führt so die Suche nach dem Kapitalismus, um dessen Grenzen sich
BISCHOFF Sorgen macht, zu keinem Ergebnis, so ist wenigstens ei-
nes klar geworden: die Möglichkeit des Denkens ist unmöglich,
Denken kann es nicht geben, da der Kapitalismus jeden Gedanken
zumindest über sich, verhindert.
Bei einem so konsequenten Skeptiker verfängt die Aufforderung
nicht, er solle das Denken lassen und lieber die historische
Länge der Zeit vermessen. Daß es die Gesellschaft, zu der BI-
SCHOFF etwas sagen will, nicht gibt oder sie sich, wenn man sie
sich einmal ausdenkt, dadurch auszeichnet, daß sie nicht erkenn-
bar ist, schafft Raum für die Einfälle eines Hirns, das sich mit-
nichten darum kümmert, ob es auch wirklich ist. Es hat sich die
Welt methodologisch zurechtgelegt und die wirkliche Welt zur Exi-
stenz seiner Fragen nach Voraussetzungen, Bedingungen und Mög-
lichkeiten dessen, was es gibt, heruntergebracht. War die Zustim-
mung zur Marxschen These der Zweifel, wie man das erkennen können
soll, was MARX erkannt hat, so ist dieser Zweifel der selbstsi-
cheren Leugnung gewichen, daß man überhaupt erkennen kann. Was
sich nicht dadurch ändert, daß BISCHOFF stets mit Marx- und En-
gelszungen beteuert, es ginge doch. Woran er festhält, ist einzig
s e i n verrücktes Programm: er redet über das, was er tut.
Für die Vergewisserung des Zweifels an der Existenz des Denkens
und der Welt entwirft BISCHOFF weitere Strategien, die der Be-
kräftigung seiner methodischen Vorschrift dienen: nur wer von der
Unmöglichkeit des Denkens ausgeht, ist in der Lage, sich Möglich-
keiten fürs Denken zu ersinnen, und nur wer die Nichtexistenz und
Unerkennbarkeit des Kapitalismus zur Denkvorschrift erhebt, ist
fähig, mit BISCHOFF in eine Diskussion über methodische Regeln,
wie dem unbekannten Wesen doch beizukommen sei, einzutreten.
Doch selbst die Einbildung einer möglichen Wirklichkeit, die es
BISCHOFF angetan hat, birgt ihre Gefahren. Zu der "unbe-
streitbaren" Aussage, daß "die Gesellschaft, welches immer auch
ihre Form sei, das Produkt des wechselseitigen Handelns der
Menschen" /28/ sei, zu der uns nur einfällt, daß die Gesellschaft
eine interessierte Erfindung der Soziologen ist und daß die Men-
schen dumm dastünden, wenn sie kein Material ihres Handelns vor-
fänden - daß Menschen vom Händchenhalten und gegenseitigen Ver-
ständnis leben, ist die bemühte Lüge der Kommunikationstheoreti-
ker -, "drängt" sich BISCHOFF der unausweichliche Schluß auf: da
Handeln Bewußtsein voraussetzt, kann die praktische Tätigkeit der
Menschen nichts anderes sein als - Denken.
Und da (!) alles Handeln der Menschen durch das Denken vermittelt
ist, scheint die Annahme berechtigt, daß das Handeln und seine
Produkte in letzter Instanz durch das Denken begründet sind"
/28/.
Diesen ärgerlichen "Schluß" - wenn zum Handeln der Kopf nötig
ist, so würde dies bedeuten, daß die Welt nur aus Denken besteht,
so ist es nur logisch, daß das Handeln nur in der Einbildung pas-
siert -, der noch dadurch bestärkt wird, daß sich die Individuen
"wegen der Kontinuität in der Geschichte der Menschen" auch
"einbilden" können, sich ihr Handeln nur einzubilden, führt BI-
SCHOFF zwar nur vor, um sich als Nicht-Idealisten zu präsentie-
ren. Das heißt aber nicht, daß er ihn widerlegt. Er verbricht
diesen Gedanken, zu dem kaum ein offizieller Verfechter des Idea-
lismus je gekommen ist, deswegen, weil er ein "autonomes Denken"
bestreiten und dem "nicht-autonomen Denken", mit dem er sich an-
gefreundet hat, gewisse Gegenstände vorenthalten will.
Nichts falscher als der Versuch, "bei der Analyse der Formen des
menschlichen Lebens mit dem scheinbar Realen und der scheinbar
wirklichen Voraussetzung zu beginnen, dem gesellschaftlichen Han-
deln der in Gesellschaft lebenden Individuen" /28/ **) (mit Ein-
siedlern scheint BISCHOFF sich nicht befassen zu wollen!). Weil
es zum Handeln Bewußtsein braucht, ist das gesellschaftliche Han-
deln, für BISCHOFF die Voraussetzung der Gesellschaft, eine bloße
Täuschung. Man kann es auch als Vorschrift sagen: wer vom Handeln
der Kapitalisten und von der Tätigkeit der Arbeiter auf die Exi-
stenz des Kapitalismus schließt, entlarvt sich als Idealist.
"Gleich ob in diesem Ansatz aus der Tatsache des durch Denken
vermittelten Handelns gefolgert oder unterstellt wird, die realen
(!) Subjekte hätten ein Bewußtsein von ihren Taten, oder ob diese
Vermittlung im Halb- oder Unbewußten angesiedelt wird, Marx und
Engels lehnen solche handlungstheoretischen Erklärungsversuche
als idealistische Geschichtsauffassung ab, weil in ihnen in letz-
ter Instanz" (die Einhaltung des Instanzenwegs!) "auf die Autono-
mie des Denkens rekurriert wird" /28/.
Wer immer noch meint, daß es das Buch eines BISCHOFF gar nicht
geben kann, weil BISCHOFF sich beim Schreiben etwas gedacht hat,
der hat den Trick des Methodologen noch nicht heraus. Er besteht
darin, die Existenz der Welt zu leugnen, um sich das, was es
gibt, als möglich vorzustellen. Die fiktiven Probleme, die ein
BISCHOFF in die Welt setzt, sind diesem Mittel, sich um die Er-
klärung dessen, was er zu untersuchen vorgibt, nicht zu kümmern
und damit die nichterklärten Gegenstände zum Produkt und Beweis-
stück seines Vorurteils, das er vorab über sie hat, zu machen.
Wie b e w e i s t man einen S t a n d p u n k t? Indem man
alle Gegenstände als Produkt des Standpunkts jenseits ihrer wirk-
lichen Existenz neu zur Welt kommen läßt, eine wahre creatio ex
nihilo, wo jeder Bischof sein eigener Gott wird. Wenn BISCHOFF,
obwohl er das gesellschaftliche Handeln zu einem Trugbild erklärt
hat, weiter ungerührt von diesem sprechen kann, dann hat er seine
schöpferische Leistung, sich vorzustellen, daß die Realität als
Möglichkeit denkbar ist, bereits vollbracht. Es reicht nicht mehr
aus, daß Handeln das Handeln von Menschen ist, sondern diese müs-
sen erst noch als real hinzugedacht werden, weil BISCHOFF nicht
vorhat, ihr reales Handeln zu untersuchen. Diese als "real" ge-
dachten "Subjekte" - "dieses die Erscheinungsformen der bürgerli-
chen Gesellschaft reproduzierende Denken unterstellt, daß das
reale (!) Subjekt in der Wirklichkeit (!) gegeben ist" /90/ - un-
terscheiden sich von den auch denkbaren irrealen Subjekten da-
durch, daß diese dann wohl ein Bewußtsein von ihren Untaten haben
müssen. Als Materialist widerlegt BISCHOFF die auf einen ersten
Blick unabweisbare These von der Autonomie des Denkens damit, daß
er, um das Bewußtsein zu leugnen, auch gleich noch die praktische
Tätigkeit der Leute als Fiktion drauf gibt. In diesem entschie-
denen Gedanken setzt sich der Bischoffsche Kopf gleich zweimal
hinter seinem Rücken durch: einmal steht eine Aussage über das
gesellschaftliche Handeln als Bestimmung des Denkens und zweitens
kommt nur jemand, der sich die Bischoffsche Voraussetzungslogik
zu eigen macht, auf den sinnigen Schluß, daß, wo gehandelt wird,
nur gedacht wird.
Unter der Hand hat BISCHOFF noch einmal MARX widerlegt: dessen
These bedeutet nichts weniger, als daß es sich bei Sein und Be-
wußtsein um überhaupt kein Verhältnis handelt. Zwischen Denken
und Bewußtsein besteht keine Beziehung, sie existieren nur ge-
trennt voneinander.
Auch der weiteren Konsequenz, mit der BISCHOFF MARX zu Leibe
rückt, wird man sich dann nicht verschließen können. Da das Ver-
hältnis nichts anderes ausdrückt als die Beziehungslosigkeit bei-
der Seiten, Denken und Handeln nur getrennt voneinander existie-
ren, liegt es auf der Hand, daß MARX mit seiner These auf nichts
anderes hinweisen wollte, als daß Bewußtsein und Arbeit zwei
u n t e r s c h i e d l i c h e Sachen sind. Allen idealisti-
schen Verdrehungen
"stellen Marx und Engels die These entgegen, daß bei der Untersu-
chung der gesellschaftlichen Beziehungen der Individuen zwischen
realer Basis, der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, und ei-
nem bestimmten Überbau, dem auch alle Bewußtseinsformen zuzurech-
nen sind, unterschieden (!) werden muß" /28/.
Aber auch hier hat es BISCHOFF auf Höheres abgesehen als auf die
Verkündigung einer Banalität. Es geht um die Banalität als
V o r s c h r i f t: es muß unterschieden werden. Diese Erkennt-
nisvorschrift, die das "wissenschaftliche Denken revolutioniert",
zeichnet sich dadurch aus, daß sie dem herrschenden Idealismus
eine andere, "korrekte Einschätzung der Wechselwirkung der ver-
schiedenen Momente des gesellschaftlichen Lebensprozesses" gegen-
übersetzt. Das entschiedene Bekenntnis zu MARX macht aus dessen
Satz ein immerhin erstaunliches Vorurteil: wenn auch Denken und
gesellschaftliches Sein nur getrennte Gegenstände sind, so ist
das Bewußt" sein doch kein Gegenstand, denn dies wäre eine idea-
listische Phrase, die auf der "Autonomie des Denkens" beharrt.
Das Verhältnis von Denken und Sein, von Ideenformation und mate-
rieller Praxis ist also in der materialistischen Geschichtsauf-
fassung gerade umgekehrt als in der oben skizzierten Konzeption.
Alle geistigen Vorstellungen, wie Bewußtseinsformen Illusionen,
religiöse Auffassungen werden als Produkt des unmittelbaren Pro-
duktionsprozesses des Lebens und damit der gesellschaftlichen Le-
bensverhältnisse gefaßt" /29/.
Natürlich hat damit BISCHOFF nicht dasselbe wie MARX ausgespro-
chen, vielmehr hat er ausgedrückt, daß dieser ebenso wenig wie
die bürgerliche Wissenschaft Bewußtsein und Gesellschaft erklärt,
aber ihren Zusammenhang von einer anderen Seite aufgefaßt haben
wollte. BISCHOFF hat das Ergebnis, was das Bewußtsein der Men-
schen im Kapitalismus ist, in methodische Vorschriften aufgelöst
und MARX damit in einen Methodologen verwandelt. Er krönt jetzt
sein Werk, indem er zur Soziologisierung der Methode forschrei-
tet. Ohne sich auf die Erklärung des Bewußtseins und des gesell-
schaftlichen Handelns, worin dies Bewußtsein seinen Grund hat,
einzulassen, verkündet BISCHOFF, daß das Denken zwar nicht Den-
ken, aber dafür P r o d u k t d e r G e s e l l s c h a f t
ist. Für dieses Unternehmen findet BISCHOFF bei MARX einen Anlaß:
auch dieser hat die gesellschaftliche Bestimmtheit des Denkens
erklärt, was freilich etwas anderes ist, als das Bewußtsein zum
bewußtlosen Ausfluß gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. So
ergänzt der zweite Schritt in BISCHOFFs Beweisgang, die Soziolo-
gisierung der Methode, glücklich den ersten, in dem er den Marx-
schen Satz um seinen Inhalt gebracht hat, um aus ihm eine metho-
dische Vorschrift zu zimmern. Weil er in seinem Interesse, MARX
in Methodologie aufzulösen, aus d e m gesellschaftlichen Han-
deln, das das Bewußtsein bestimmt, die Abstraktion 'das Sein' ge-
macht hat, führt er nachträglich die Vorschrift ein, daß es dabei
auf Gesellschaft ankommen soll.
Die langweilige Sturheit, mit der BISCHOFF alles, was ihm so ein-
fällt Gesellschaft, Kapital, Konkurrenz, Oberfläche, Bewußtsein
nicht, aber für gesellschaftlich bedingt, erklärt, um alles nur
als Produkt des Verfahrens, das er sich ausgedacht hat, gelten zu
lassen - damit ist die Bedingungs-, Genese-, Wechselwirkungsdia-
lektik nicht nur richtige Weise der Erkenntnis, sondern Existenz-
bedingung der Welt: "sie beherrscht Natur, Gesellschaft und Den-
ken" /7/ - spricht hierin ihren Zweck aus.
Stets kommt es so auf das Bewußtsein an, daß eine Kritik falschen
Bewußtseins verhindert wird. Das existente Bewußtsein ist nicht
f a l s c h in dem, was es ist, vielmehr ist es illusionär, ein
bloßes Hirngespinst, damit jeder Kritik entzogen. Obwohl es Unfug
ist, einem Menschen etwas klar machen zu wollen, der es schafft,
MARX in einen traurigen Soziologen zu verwandeln, können wir uns
nicht versagen, einmal zu erklären warum wir kein Buch über den
einen Satz von MARX schreiben. Wir wissen nämlich, was dieser
Satz zum Inhalt hat: er ist die Kritik einer Gesellschaft, in der
das Handeln der Menschen ihrem Bewußtsein Schranken auferlegt und
damit gerade kein (ewiggültiger) Satz darüber, wie man es mit dem
Denken zu halten habe.
Wie fruchtbar man diese Verhinderung einer Kritik falschen Be-
wußtseins machen kann, führt der Orden, der sich um BISCHOFF ge-
schart hat, in jeder Zeile seiner Veröffentlichungen vor. Immer
gipfelt der erste Vorwurf gegen Konkurrenten in diesem Geschäft,
mit MARX gegen MARX vorzugehen, darin, derer Schwachsinn bestehen
zu lassen, um den eigenen Mist daneben setzen zu können: "sie se-
hen nicht, daß ..., sie merken nicht, daß ..." - in der Wissen-
schaft scheint ein merklicher Mangel an Empfindung zu herrschen.
Und noch immer folgt die Entschuldigung auf dem Fuß: "sie können
nicht sehen, daß... sie können nicht merken, daß...". So erfährt
noch jede Scheiße, die zwischen Buchdeckeln gepreßt wird, die rä-
sonnierende Apologie der BISCHOFFs, durch die sie sich selbst zur
Geltung bringen.
3. Bischoff's Regelkanon
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Bürgerliche MARX-Kritiker pflegen der Einsicht, die BISCHOFF so
rührend auf eine erkenntnistheoretische These herunterzubringen
bemüht ist, immer wieder denselben Vorwurf zu machen: eine solche
Weltanschauung bewerte das Materielle in der Welt zu hoch und die
Rolle von Ideen, Geistigem und Moralischem zu niedrig. Zynisch
verweisen sie auf den allenthalben p r a k t i z i e r t e n
I d e a l i s m u s und schaffen Beispiele herbei dafür, daß es
in der Geschichte an der Verleugnung des eigenen Interesses
selbst ganzer Völker nie gemangelt hat.
Auch mit solcherlei Anwürfen setzt sich ein Missionar ernsthaft,
und das heißt falsch auseinander. Daß MARX etwas ganz anderes als
seine professionellen Mißversteher gesagt hat, kann er nicht gut
vorbringen - er selbst propagiert ja nicht, was MARX gesagt hat,
sondern den Glauben an ein Erkenntnisprogramm. Angreifen kann er
die bürgerliche Begeisterung für die "höheren" Triebe, welche im
Leben des Kapitalismus eine enorme Rolle spielen (nämlich die,
ihn am Leben zu erhalten, auf Kosten der Proleten), ebenfalls
nicht: dazu wäre ja eine vorurteilslose Analyse ihrer Argumente
vonnöten. (Diese Analyse würde im übrigen zu dem Ergebnis führen,
daß sich das Bewußtsein der Materialismusverächter ihrem
"gesellschaftlichen Sein" verdankt.) Also v e r t e i d i g t
BISCHOFF nicht MARX, sondern eben s e i n Erkenntnisprogramm
mit der trostreichen Versicherung, daß in seinem Verständnis des
Marxismus die höheren Sphären nicht zu kurz kommen. Die Absetzung
von MARX wird damit entschieden vorangetrieben: hatte dieser er-
klärt, wie das "gesellschaftliche Sein" ein Bewußtsein notwendig
macht, das aufgrund seiner Falschheit gerade den Fortbestand des
Kapitalismus garantiert, verkündet BISCHOFF fröhlich, daß er auch
dem "Einfluß" der Bewußtseinsformen auf den "sozialen Lebenspro-
zeß" sein Plätzchen reservieren will: ***)
"Von einer Vernachlässigung des Überbaus, speziell des Einflusses
von Bewußtseinsformen bei der wissenschaftliehen Betrachtung des
sozialen Lebensprozesses kann keine Rede sein" /29/
Denn schließlich gehört zu der die Gesellschaft so positiv aus-
zeichnenden Unerkennbarkeit, daß das Bewußtsein, dessen Identität
in der Ökonomie liegt, als M o m e n t der ökonomischen Totali-
tät kräftig dazu beiträgt, die Gesellschaft unerkennbar zu ma-
chen, indem es wie jedes Moment als "Gesetztes in Voraussetzung
umschlägt". BISCHOFF drückt so aus, daß er das Denken a l s
A u s f l u ß des gesellschaftlichen Seins, bei dem es aufs Den-
ken nicht ankommt, keineswegs vernachlässigen will.
Da BISCHOFF am Ziel seines Unternehmens, MARX fertig zu machen,
ist - er hat aus dem Resultat von MARX eine These gemacht, wie
alles vermittelt zu sehen ist, eine Vorschrift, wie man die Un-
tersuchung von bürgerlicher Gesellschaft, Kapital und Denken
bestmöglich verhindert (4*)) -, kann er nun genauer die Regeln
angeben, die es ihm erlauben sollen, die Erkenntnis dessen, wovon
er spricht, zu hintertreiben.
"Erstens, der soziale Lebensprozeß bestimmter Individuen ist eine
Totalität, eine Einheit verschiedener Momente, die als Einheit
des Mannigfaltigen samt ihrer Wechselwirkung im Denken zu repro-
duzieren ist" /30/.
Die Abstraktion von Gesellschaft auf Moment, Totalität, Einheit
der Mannigfaltigkeit, Wechselwirkung und was so ein BISCHOFF al-
les in einem Satz unterbringen kann, um sein Desinteresse an ei-
ner Erklärung zu dokumentieren, bedient sich der unbezweifelten
Existenz der Gesellschaft, um dieses Methodengeschwätz zum
'Seinsgrund' für Gesellschaft zu erheben. Gesellschaft gibt es
nur als Methode: e r s t e Regel.
Die Leistung des Denkens besteht zwar nicht darin, etwas zu be-
greifen, aber es auf die Dimension eines Bischoffschen Kopfes
verkleinert getreu abzubilden. Es seien die Eigenschaften der Ge-
genstände, die das Denken über sie nötig machen: mir wird so grün
im Kopf, denk ich an einen Baum: z w e i t e Regel.
Was sich diesem Kopf als Gegenstand aufzwingt und sein
'Nachdenken' determiniert, ist jedoch nicht die wirkliche Welt,
sondern die methodische Abstraktion, die einer braucht, um sich
einen Zugang zu ihr zu verschaffen, um die Welt in das Abbild
seines Zugangs, den er ihr andichtet, zu verwandeln. Dem Denken
zwingt sich als Gegenstand nichts als die methodische Vorschrift
eines BISCHOFF' auf, das Denken über etwas hat es nur mit dem
traurigen Bewußtsein eines Methodologen, zu dessen Widerspiege-
lung jeder Gegenstand recht ist, zu tun: d r i t t e Regel.
"zweitens, der einzig adäquate Zugang zur geistigen Reproduktion
des Lebensgewinnungsprozesses bestimmter Individuen besteht
darin, ausgehend von der bestimmten Form des materiellen Produk-
tionsprozesses die spezifischen Formen der geistigen Produktion
sowie die politische Form des Gemeinwesens zu entwickeln. Erst
dann läßt sich die Wechselwirkung der verschiedenen Momente dar-
stellen" /30/.
Für die Nabelschau des Geistes, der in allem, was es so gibt, nur
sich selbst wiedererkennen will, alles nur als Produkt von Denk-
vorschriften, auf die es ihm ankommt, gelten lassen will, ist der
Zugang zur existenten Welt, deren Erklärung er verspricht, erst
noch zu schaffen. Dieser Zugang ist diesem Unternehmen deswegen
adäquat, weil es sich um nichts anderes als um eine weitere me-
thodische Vorschrift handeln kann. Es reicht nicht hin, an Ge-
sellschaft zu denken, wenn man über sie reden will, man muß sie
sich auch bestimmt vorstellen: v i e r t e Regel.
Und wer hier wem adäquat gemacht wird, läßt sich dabei leicht er-
kennen. Der "adäquate Zugang" besteht darin, das in diesem Ver-
fahren praktizierte Absehen von dem, was die Gegenstände sind,
hierarchisch zu gliedern, die Erkenntnisnegation in Stufenfolgen
zu betreiben: f ü n f t e Regel.
Ist die Ökonomie zwar nicht Ökonomie, Politik nicht Politik, son-
dern jeweils eine Stufe zur Nichterklärung einer anderen Sache,
so könnte selbst ein BISCHOFF noch darauf kommen, daß es wirklich
Beziehungen zwischen dem ökonomischen Handeln der Leute und ihrem
Bewußtsein gibt, und diese der Grund des falschen Bewußtseins,
mit dem die Menschen handeln, ist. Diesen Verdacht, daß man Ab-
hängigkeiten deswegen nicht "entwickeln", d.h. postulieren muß,
weil es sie tatsächlich gibt, weist BISCHOFF souverän ab. Das ge-
sellschaftliche Sein, das tägliche Handeln der Menschen bestimmt
für ihn keineswegs deren Bewußtsein, sondern es gibt keine ein-
seitige Abhängigkeit, dafür aber Wechselwirkung. Damit kann BI-
SCHOFF auch das gesellschaftliche Sein so erklären, daß er statt
seiner Erklärung auf den anderen Gegenstand Bewußtsein verweist.
Die Postulierung einer hierarchischen Stufenfolge von Zusammen-
hängen, in denen die Identität der Gegenstände in das, was sie
nicht sind, gelegt wird, ist der Auftakt für das Absehen von exi-
stierenden Zusammenhängen, um dafür alles miteinander vermitteln
zu können: s e c h s t e Regel.
"Drittens bei der wissenschaftlichen Betrachtung jedes bestimmten
sozialen Lebensprozesses sind die Individuen als in Gesellschaft
produzierende vorausgesetzt" /30/.
Auch BISCHOFF kann seinen Schwachsinn auf eine Kurzformel brin-
gen: daß man die Gesellschaft nur betrachten kann, wenn man un-
terstellt, daß man die Gesellschaft betrachtet. Nur weil ein BI-
SCHOFF sich solche Gedanken über den "sozialen Lebensprozeß"
macht, gibt es die Gesellschaft. Bischoffs Bedürfnis, über d a s
S o z i a l e ein Buch zu schreiben, produziert erst den Gegen-
stand Gesellschaft: s i e b t e Regel.
Damit ist der Dressurakt, mit dem das, was eine Gesellschaft aus-
macht, von BISCHOFF geleugnet wird, weil er von Gesellschaft
weiß, noch nicht beendet. Was der Gesellschaft als ganzer zugemu-
tet wird, soll auch ihren einzelnen Bestimmungen nicht erlassen
werden: die Verwandlung dessen, was sie sind, in eine methodische
Phrase. Deren Vorteil besteht darin, daß nur mit ihr sich die
Frage nach den Eigenschaften der Gesellschaft so stellen läßt,
daß sie sich erübrigt, weil es auf die methodische Vorschrift an-
kommt.
"Wenn aber ein in irgendeiner (!) Form der Gesellschaft befindli-
cher Mensch (immer vorausgesetzt, er befindet sich w i r k-
l i c h in einer Gesellschaft!) die Voraussetzung ist, so ist
als Ausgangspunkt der bestimmte Charakter dieses gesell-
schaftlichen Menschen vorzuführen (BISCHOFF, der dressierende
Psychologe!), d.h. der bestimmte Charakter des Gemeinwesens,
worin er lebt, da hier die Produktion, also sein Lebensgewin-
nungsprozeß schon irgendeinen (!) gesellschaftlichen (!) Charak-
ter hat" /30/.
MARX ist sich sicher, d a ß der Mensch gesellschaftliches Wesen
ist und deshalb nicht außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
oder anderer Gesellschaftsformen lebt. BISCHOFF dagegen vervoll-
kommnet seine Absicht, sich den irgendwie gesellschaftlichen Men-
schen als möglich zu denken, mit der Vorschrift, sich ihn doch
auch noch zusätzlich in irgendeiner Form historisch bestimmt vor-
zustellen: a c h t e Regel.
BISCHOFF hat seinen Fehler, der sich dem Interesse verdankt, sich
die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft auszumalen, um sie
in ihrer wirklichen Existenz nicht zu kritisieren, vollendet.
Ging es ihm zuerst darum, methodische Tricks zur möglichen Fin-
dung der Realität anzupreisen, um diese zum Produkt seines Mög-
lichkeitsgedankens zu machen, so leistet der weitere Schritt,
sich Gesellschaft als historisch bedingt vorzustellen, die Ver-
doppelung der Möglichkeit, zu tun, als gäbe es sie nicht.
Damit hat sich ein Methodologe wie BISCHOFF eine weitere dankbare
Aufgabe geschaffen, nämlich die, sich über das V e r h ä l t-
n i s zweier möglicher Aussagen ü b e r Gesellschaft den Kopf
zu zerbrechen.
"Zwar haben unbestritten die verschiedenen Formen der materiellen
Produktion gewisse Merkmale gemein, dennoch bleibt dies Allge-
meine oder das durch Vergleichung herausgesonderte Gemeinsame
eine bloße Abstraktion, mit der keine wirkliche Stufe der materi-
ellen Produktion begriffen ist. Die Betrachtung des Stoffwechsel-
prozesses zwischen Mensch und Natur, unabhängig von jeder be-
stimmten gesellschaftlichen Form, bringt lediglich Bestimmungen
der Produktion im Allgemeinen; über jener Einheit ... darf indes
die wesentliche Verschiedenheit, das, was die Entwicklung in der
Aneignung der Natur ausmacht, nicht vergessen werden" /30/
Weil sich BISCHOFF die Gesellschaft das eine Mal als Gesell-
schaft, das andere Mal als historisch bestimmte Gesellschaftsform
ausdenkt, so gibt es sie, falls sie es gibt, auch doppelt: zum
größeren Teil historisch bedingt, aber auch als die Gesellschaft
überhaupt: n e u n t e Regel.
Es ist freilich witzlos, einem Soziologen wie BISCHOFF vorzuhal-
ten, daß der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur "unabhängig
von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form" woanders stattfin-
det als in der "Produktion im Allgemeinen". BISCHOFF hat nicht
vor, Biologe zu werden, vielmehr profiliert er sich als
'marxistischer' Ökonom.
"Der charakteristische Zug der Wissenschaft von der bürgerlichen
Form der materiellen Produktion, alle Bestimmungen der spezifisch
historischen Form der Reproduktion als Naturverhältnis aufzufas-
sen, alle ökonomischen Kategorien als wechselnde Benennungen für
immer dasselbe Verhältnis auszugeben, kann selbst als notwendige
Verkehrung der wirklichen Verhältnisse im gewöhnlichen Bewußtsein
aus den spezifischen Verhältnissen abgeleitet werden" /31/.
Der Beweis des Fehlers bürgerlicher Ökonomen ist BISCHOFF tref-
fend gelungen. Da diese etwas Richtiges über Gesellschaft erkannt
haben - nach BISCHOFF gibt es ja im Kapitalismus neben der Waren-
produktion auch die Produktion von Allgemeinem - ist ihr Wissen,
wo nicht falsch, so doch "verkehrte" Täuschung. Daß die bürgerli-
chen Ökonomen ihr Interesse am Erhalt des Kapitalismus gewaltsam
gegen ihren Untersuchungsgegenstand durchsetzen, sie keineswegs
davon ausgehen, daß Gesellschaft Natur sei, sondern die gegebenen
gesellschaftlichen Verhältnisse unterstellen, um sie zu Naturkon-
stanten zu erklären, kümmert BISCHOFF nicht, da er gegen ein sol-
ches Interesse nichts einzuwenden hat. Wohl aber möchte er seinen
methodischen Zugang von anderen Prämissen über Gesellschaft un-
terschieden sehen. So kann er auch von jeder Kritik bürgerlicher
Wissenschaft ablenken hin zur blasierten Nachsicht des Besserwis-
sers. Da es die "Produktion im Allgemeinen" neben ihrer histori-
schen Form als natürlichen Stoffwechsel gibt, zwingt diese den
bürgerlichen Ökonomen auf, Gesellschaft mit Natur zu verwechseln.
Wo sich die gesamte Welt den Möglichkeiten des Bischoffschen
Kopfes verdankt, Möglichkeiten ihrer Existenz zu erfinden darf
die Betonung der Bedeutung des Bewußtseins, weil es auf dieses
nicht ankommt, nicht fehlen.
"Die letzte Implikation der Kurzformel betrifft die These, daß
alles Handeln der Menschen durch das Denken vermittelt ist. Die
Zurückweisung jeder Erklärung sozialen Handelns als in letzter
Instanz durch das Denken bestimmt läuft keineswegs auf eine Ab-
lehnung dieser Vermitteltheit des gesellschaftlichen Handelns
hinaus" /31/.
Zwar hat das tägliche Leben "in letzter Instanz nichts mit Denken
zu tun, aber es muß sich als a u c h durch das Bewußtsein ver-
mittelt vorgestellt werden. Da man davon ausgehen m u ß, daß
auch das Bewußtsein gesellschaftliches Handeln vermittelt, han-
deln die Menschen bewußtlos: z e h n t e Regel.
"Was den Menschen betrifft, kann bisher von einem Begreifen sei-
ner eigenen Geschichte als eines Prozesses und des Wissens der
Natur als seines realen Leibes keine Rede sein. Die Individuen
sind im Prozeß ihrer Lebensreproduktion bisher gesellschaftliche
Verhältnisse eingegangen, über die ihr Bewußtsein keine Kontrolle
hatte. Sie sind in Verhältnisse gesetzt, die ihr Bewußtsein be-
stimmen, ohne daß ihnen diese Bestimmtheit bewußt würde" /31 f./.
Weil das Bewußtsein der Leute sich einen Dreck um die Sorgen, die
sich BISCHOFF um die Gesellschaft macht (ist sie ein Prozeß mit
realem Leib?) kümmert, so ist nichts klarer, als daß sich Bewußt-
sein dadurch auszeichnet, kein Bewußtsein von irgendetwas zu ha-
ben. Das Schöne daran ist, daß damit das Handeln der Leute nicht
deren Handeln ist. Daß jedes Individuum in der bürgerlichen Ge-
sellschaft gezwungen ist, in seinem Handeln bewußt mit den Zumu-
tungen, die ihm die Gesellschaft abverlangt umzugehen, wird BI-
SCHOFF zum Beweis, daß niemand von diesen Zwängen, und noch nicht
einmal, daß er handelt, wissen kann: e l f t e Regel.
Wer BISCHOFF nicht hören will, muß eben fühlen, wenn auch bei der
allgemeinen Fühllosigkeit zu befürchten steht, daß die Arbeiter
sich auch weiterhin nicht zu dem von BISCHOFF gewünschten Handeln
zwingen lassen, ihre Arbeiterexistenz a l s Prozeß vorzustellen
und dem Kapitalisten mit dem Hinweis, auch dieser habe nur einen
realen Leib, zu drohen. BISCHOFF hat jedoch dem herrschenden be-
wußtlosen Bewußtsein, an dem er bemäkelt, daß es die Leute nicht
haben, auch Gefallen abgewonnen, macht es doch nichts anderes als
was ein BISCHOFF schon immer betrieben hat: sich nur Sachen vor-
zustellen, die es nicht gibt. Daß die Menschen Spinner sind,
bringt BISCHOFF auf die Vermutung, daß es doch Bewußtsein sein
muß, was sie im Kopf haben - und dies ist nun allerdings das
glatte Gegenteil eines Festhaltens am existierenden Bewußtsein,
um es in seiner Falschheit zu kritisieren. Für BISCHOFF steht
fest: weil Denken "verdreht" ist, deshalb kann es, da illusionär,
nur Bewußtsein sein: z w ö l f t e Regel.
"Die Bestimmungsgründe ihres Handelns erscheinen ihnen in ver-
drehter und entfremdeter Form, insofern (!) trägt die im Denken
vor sich gehende Vermittlung des Handelns spezifische Qualität"
/32/.
Diese spezifische Qualität kann BISCHOFF als Hirnlosigkeit
"entschlüsseln", indem er MARX zitiert: "es ist dies eine natur-
wüchsige und daher bewußtlos instinktive Operation ihres Hirns,
die aus der besonderen Weise ihrer materiellen Produktion und den
Verhältnissen, worin diese Produktion sie versetzt, notwendig
herauswächst" (K. I, erste Auflage). Auch diesmal hat BISCHOFF
wieder Pech mit MARX. Dieser tut BISCHOFF nicht den Gefallen, das
Denken zum Instinktreflex herunterzubringen - freilich zeigt sich
dabei, an wen ein BISCHOFF denkt, wenn er von MARX spricht -,
sondern erklärt das V e r h ä l t n i s von praktiziertem Wa-
renaustausch und Bewußtsein und kritisiert die im Handeln prakti-
zierte Negierung des Bewußtseins als eine gewaltige Leistung, zu
der sowohl falsches Bewußtsein wie affirmierendes Interesse an
der bestehenden Gesellschaft gehören, die etwas gewaltig anderes
als ein Naturinstinkt sind.
"Die Vorstellungen der Menschen, Vorstellungen über ihr Verhält-
nis zur Natur oder ihren Beziehungen untereinander sind zwar (!)
bewußter Ausdruck (!) ihrer wirklichen (!) gesellschaftlichen
Verhältnisse, aber daraus daß die Produkte direkter (!) Ausfluß
(!) ihres Verhaltens in der materiellen Produktion sind, folgt
nicht, daß die Bewußtseinsformen wirklich diese Verhältnisse wi-
derspiegeln" /32/.
Da das Bewußtsein als bewußter Ausdruck direkt dem Handeln ent-
fließt, spiegelt es nicht wirklich die wirklich wirklichen ge-
sellschaftlichen Verhältnisse wider: d r e i z e h n t e Regel.
Wenn aber das Denken, weil es direkt widerspiegelt, illusionär
ist, täuschen sich nicht die Leute über die Gesellschaft, sondern
diese selbst ist eine groß angelegte Täuschung. Da der Kapitalis-
mus, den BISCHOFF kritisiert, indem er ihn zu einer "spezifischen
Form der Reproduktion des Lebens" macht, nur eine "illusionäre
Auffassung" erzeugt, ist er selbst nur diese Illusion: v i e r-
z e h n t e Regel.
BISCHOFF hat seine ernsthafte Absicht bewiesen, MARX nur dazu zu
gebrauchen, die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft für
nichtig zu erklären. Deshalb bekommt er auch nie das Problem, ob-
wohl er sich nur Probleme macht, ob ein Satz von MARX auch die
Einsicht ist, die er zu sein beansprucht. BISCHOFF hat sich die
Aussage, daß im Kapitalismus das Bewußtsein der Menschen von ih-
rem gesellschaftlichen Sein bestimmt ist, als Einstieg für seinen
Zweck gewählt, sich als marxistischer Erkenntnistheoretiker der
bürgerlichen Wissenschaft vorzuführen. Daß MARX von der Bestimmt-
heit des Bewußtseins durch den Zwang der Verhältnisse in der bür-
gerlichen Gesellschaft weiß, kommt BISCHOFF gerade recht, sich in
der Vielfalt der bürgerlichen Erkenntnistheoretiker, denen es al-
len um eines nicht geht: Erkenntnis, in seiner Besonderheit zu
behaupten, indem er die traurigen Vorschriften dieser Wissen-
schaftsfeinde um eine vermehrt, die ihn als materialistischen Me-
thodologen kenntlich machen: bei allen Versuchen, das Denken zu
verhindern, geht es um das Kennzeichen "g e s e l l s c h a f t-
l i c h".
Da hierfür MARX, dem BISCHOFF die Erfindung einer unsinnigen,
aber diskussionsfähigen These nachgesagt hat, nur bedingt brauch-
bar ist, kann ein letztes Lob nicht ausbleiben.
"Verläßt man also die ganz oberflächliche Ebene der Betrachtung,
so zeigt sich dem unvoreingenommenen Betrachter, daß Marx und En-
gels in der Geschichtsauffassung des dialektischen Materialismus
alles andere sehen als eine Schablone, nach der die geschichtli-
che Entwicklung zurechtzustutzen sei" /33/.
Das sagt BISCHOFF!! Unvoreingenommen dient BISCHOFF MARX, der
darauf beharrt, allgemeine Erklärungen seien ein Resultat und da-
mit alles andere als eine Methode dazu, diesen zum Methodologen
von Bischoffs Gnaden zu profilieren, an dem so angenehm auffalle,
daß er nicht dogmatisch auf einer Erkenntnistheorie beharrt, sie
vielmehr selbst relativiert habe. Daß MARX so richtig ein Metho-
dologe nach seinem Herzen ist, zeigt BISCHOFF daran, daß dieser
seine Relativität zugeben müsse und nicht auf seiner Methode als
dem einzig möglichen Ansatz zu einer Erkenntnistheorie bestanden
habe. Hiermit hat BISCHOFF den Einstieg in das Beschwätzen des
Themas gefunden, dem seine Liebe gehört: was hat es mit dem wis-
senschaftlichen Sozialismus auf sich und der Leser weiß, was da-
bei auf ihn wartet. Er weiß, daß es bei der wissenschaftlichen
Dialektik, die "eine vollständige Revolutionierung der Wissen-
schaft bewirkt" indem sie "alle bisherigen Bewußtseins- und Denk-
formen" zwar nicht kritisiert, aber doch "übergreift" /64/, nicht
um Wissenschaft, sondern um eine These geht, der BISCHOFF sich
als These anzunehmen gewillt ist. Weiter könnte er wissen, wenn
er die ersten Seiten des Werkes von BISCHOFF verstanden hat, daß
die Revolution der bürgerlichen Wissenschaft sich dadurch aus-
zeichnet, daß sie sich nicht von dieser unterscheidet, womit
nicht gesagt sein soll, es handle sich um den gleichen Blödsinn.
Auch der wissenschaftliche Sozialismus geht wie die bürgerliche
Wissenschaft darin auf, historisch geworden und ökonomisch be-
dingt zu sein. So wie die bürgerlichen Wissenschaftler von den
Produktionsverhältnissen gezwungen werden, das zu denken, was sie
denken, so war es auch einem MARX zu gegebener Zeit unmöglich,
seine These von der Revolution des Denkens zu verschweigen.
Dem Leser könnte weiter kein Geheimnis geblieben sein, was die
besondere Leistung des wissenschaftlichen Sozialismus ausmacht,
nämlich - im Unterschied zur bürgerlichen Wissenschaft -
s t o l z d a r a u f z u s e i n, gesellschaftlich bedingt
zu sein und die damit ausgesprochene Überflüssigkeit an sich
selbst zu exekutieren.
4. Das Wunder der "wissenschaftlichen Dialektik"
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Bei allem Verständnis für die bürgerliche Wissenschaft als einem
"bestimmten Ausdruck des sozialen Prozesses" kann sie BISCHOFF
nicht akzeptieren. Zwar hat er ihr bisher noch keinen Fehler
nachgewiesen, geschweige denn ihre Parteilichkeit aus ihren Feh-
lern erkannt, doch heißt das nicht, daß er ihr keinen Vorwurf zu
machen hatte: sie ist schließlich kein wissenschaflicher Sozia-
lismus, was für BISCHOFF immer heißt, daß sie den "Vermittlungs-
zusammenhang", dem sie sich verdankt, glatt ignoriert. Er
unterscheidet sich seinen eigenen Aussagen zufolge auch nicht
darin von bürgerlichen Ideologen, daß er richtige Erklärungen
über die von ihnen nicht begriffenen Gegenstände zustandebringt,
sondern hat ein anderes Verhältnis zu deren Wissen als diese
selbst:
"Die allgemeine Natur der Dialektik der Wissenschaft von den (!)
Zusammenhängen (!) im Gegensatz zur ideologischen metaphysischen
Denkweise ist sowohl bestimmt als eine alle anderen Vorstellungen
übergreifende (!) Bewußtseinsform, als ideelle Reproduktion des
Vermittlungszusammenhanges (!) von Natur-, Gesellschafts- und
Denkform, als auch als Zusammenfassung der, diesen drei Bereichen
des Weltganzen zugrunde liegenden, allgemeinen Bewegungsgesetze."
/61/
"Übergreifen" will er den bürgerlichen Mist, nicht kritisieren!
Natur, Gesellschaft und Logik sind für den Dialektiker nichts,
ihr "Vermittlungszusammenhang" hat es ihm angetan! Und bei der
Ernennung des Denkens zu einem der drei Bereiche des Weltganzen
n e b e n der Gesellschaft ist ihm ganz wohl - seine Verarbei-
tung von MEW 20 präsentiert uns einen ENGELS, der sich um den
Nachweis bemühte,
"daß die Dialektik die für die moderne Naturwissenschaft wichtig-
ste (!) Denkform ist" /61/,
womit wieder einmal gesagt wäre, daß sie sich auch noch anderer,
weniger wichtiger "Denkformen" bedient. Und bei seiner ENGELS-Ex-
egese warnt er vor der Erklärung der Dialektik zur Methode, die
getrennt von und über der Wissenschaft zu studieren sei, gleich
in der Weise, daß er sie nicht "aus den Zusammenhang gerissen"
sehen möchte. Er wehrt sich gegen die Vorstellung,
"es gäbe eine logisch allen Zweigen der positiven Wissenschaft
übergeordnete Wissenschaft der Dialektik, die sich die Er-
forschung der allgemeinen Bewegungsgesetze zum Ziel setze" /61/,
aber nur um den Zirkel einer der Wissenschaft vorausgesetzten und
sie bedingenden allgemeinen Wissenschaft auf seine Weise zu ver-
ordnen:
"Es kann keine Wissenschaft der allgemeinsten Gesetze geben, so-
lange nicht die Vermittlung (!) zwischen Natur und Gesellschaft
einerseits und Sein (!) und Denken andrerseits dechiffriert ist."
Zuerst die Vermittlung, bitteschön, dann die allgemeinsten Ge-
setze! Doch man kann das Ganze nochmals umdrehen:
"Wenn Engels die Dialektik als Wissenschaft der allgemeinsten
Entwicklungsgesetze der Natur, der menschlichen Geschichte und
des Denkens bestimmt, ist hierin die Bestimmung der Dialektik als
Wissenschaft des inneren Zusammenhangs dieser drei Bereiche des
Weltganzen eingeschlossen,"' (für diesen "Schluß" verdient BI-
SCHOFF, vor die Menschenrechtskommission der UNO gezerrt zu wer-
den!) "denn (!) ohne (!) diese Bestimmung der Dialektik als (!)
höchste (!) Denkform könnte es kein positives Wissen" (ohne BI-
SCHOFF keine Maxwellschen Gesetze!) "und damit (!) keine zusam-
menfassende Darstellung allgemeiner Gesetze geben." /62/
Da sieht man wieder einmal, daß das Denken nicht weit kommt, wenn
es nicht die Zusammenhänge bedenkt, die es vermitteln - d a s
hält BISCHOFF für Dialektik - und es erst zur positiven Wissen-
schaft werden lassen, deren Durchführung schon deshalb erforder-
lich ist, weil sonst die Dialektik nichts zum Zusammenfassen
hätte. Der Idealismus ist überhaupt nur so entstanden, daß Leute
diese Zusammenhänge einfach nicht berücksichtigt und sich an
G e d a n k e n anderer orientiert haben:
"Insofern (!) die Akkumulation des gesellschaftlichen Wissens
stets schon Gedankenmaterial zur Voraussetzung (!) hat, entsteht
der Schein, als wären die Verhältnisse selbst nur Konkretionen
der Idee. Durch diese (!) neue Stufe der Verkehrung der wirkli-
chen Verhältnisse im Bewußtsein verwandelt (!) sich das falsche
Bewußtsein der gewöhnlichen Produktionsagenten" (wo kommen denn
die her?) "in Ideologie" /39/
Damit hat BISCHOFF wieder einmal beteuert, daß er etwas anderes
vor hat, als sich Gedanken zu machen. Das Denken hat es wegen
seiner Vorläufer an sich, Ideologie zu sein. Dieser Nachweis, daß
bürgerliche Wissenschaft nichts anderes als Ideologie sein kann,
ist übrigens das glatte Gegenteil ihrer Kritik, vielmehr ihre
Rechtfertigung. Die Freude über die Existenz eines solchen
Schwachsinns stellt sich auf die Seite der bürgerlichen Wissen-
schaft: daß diese durch ihre Falschheit ein effektives Mittel ge-
gen manche Leute ist, gibt BISCHOFF Anlaß, dem Arbeiter wie dem
Kapitalisten seinen Mist von den "Konkretionen der Idee" unterzu-
jubeln.
Da BISCHOFF mit der bürgerlichen Wissenschaft fertig ist, weil
ihn deren falsches Bewußtsein wie das der gewöhnlichen Leute gar
nicht kümmert, bildet BISCHOFF als wissenschaftlicher Dialektiker
auch ihren Gegensatz, wobei ihr auch deren richtige Erkenntnisse
nicht bremsen können:
"Als Wissenschaft von den Zusammenhängen steht Dialektik völlig
im Gegensatz zum bisherigen wissenschaftlichen (!) Wissen und der
hier trotz aller positiven (!) Erkenntnis dominierenden ideali-
stischen oder metaphysischen Denkweise." /48/
An bürgerlicher Wissenschaft interessiert BISCHOFF nur eines: daß
sie, obgleich positive Erkenntnis, eine Vorentscheidung vor ihrer
Betätigung getroffen hat, die BISCHOFF anders getroffen zu sehen
wünscht. In der entscheidenden Frage nach dem Primat von Sein
oder Bewußsein gilt es sich mit dem überzeugenden Argument für
das Sein zu entscheiden: wer denkt und somit keinen Zweifel daran
hat, ob und wie Denken zu ermöglichen sei, ist Idealist.
Damit hat BISCHOFF ausgesprochen, wofür ihm der wissenschaftliche
Sozialismus gut ist und wie er sich mit bürgerlicher Wissenschaft
zu befassen gedenkt: mit einer Denk a u f f a s s u n g. Diese
Auffassung besteht in der
"Vorstellung, daß es notwendig sei, vor jeder wirklichen, d h.
inhaltlichen Erkenntnis" (wie verhält es sich bloß mit den in-
haltsleeren Erkenntnissen!) "sich über die Natur des Erkennens
selbst zu verständigen, um durch die Prüfung der Bewegung des
Denkens, die selbstverständlich noch nicht inhaltliche Erkenntnis
ist, Aufschluß über die verschiedenen Arten und Hilfsmittel der
Erkenntnis zu erhalten, - diese Vorstellung läßt sich mit der
Auffassung, daß das Ideelle nichts anderes ist als das im Men-
schenkopf umgesetzte Materielle nicht mehr vereinbaren." /76/
Selbstverständlich" ist die Erkenntnis des Denkvorgangs, wenn sie
diesen richtig erklärt, "inhaltliches" Wissen. Für BISCHOFF je-
doch wird Denken inhaltlich je nach den Gegenständen, denen es
sich zuwendet, und nicht dadurch, daß es die Erklärung des Gegen-
standes ist, mit dem es sich befaßt. Der Vorwurf gegen die bür-
gerliche Wissenschaft lautet, daß sie eine Auffassung nicht hat,
deren materialistischer Vorzug darin besteht, daß es die
G e g e n s t ä n d e sind, die gedacht werden.
Und so hält BISCHOFF den Erkenntnistheoretikern auch nicht vor,
daß sie in ihrer Fragerei nach Sinn und Möglichkeit des Erkennens
Erkenntnis verhindern wollen, weil ihr Zweifel deren Existenz un-
terstellt, sondern weiß sich in diesem Interesse, gegen Wissen-
schaft vorzugehen, einig mit ihnen. Ihre Auffassung, aus dem Wis-
sen, daß es Wissenschaft gibt, deren aktive Negierung zu machen,
vereinbart sich nur nicht mit den methodischen Bemühungen, gegen
das Denken so vorzugehen, daß es zur machtvollen Eigenschaft der
Gegenstände selbst gemacht wird, die sich dem bischoffschen Kopf
aufzwingt.
Besteht die "Verdrehtheit" der bürgerlichen Wissenschaft darin,
daß sie zwar nicht falsche Ergebnisse hervorbringt, aber
"metaphysische" Vorstellungen über sich selbst haben muß, die BI-
SCHOFF nicht hat, so gründet der wissenschaftliche Sozialismus
auf der Leistung von MARX, sie nicht als falsch nachgewiesen,
aber viel Verständnis für deren verdrehtes Wissenschafts-
v e r s t ä n d n i s bewiesen zu haben.
Zweitens gibt BISCHOFF an, wie er sich kritisch mit der bürgerli-
chen Wissenschaft zu befassen wünscht. Da sie von einer verkehr-
ten Auffassung über das Denken ausgeht, sind ihm deren Resultate
keiner Betrachtung wert: er weiß, wozu er sie gebrauchen kann.
Sie sind ihm Beleg dafür, daß er eine materialistische Auffassung
von der Welt hat. So erklärt sich das Rätsel, daß ein Mensch ein
ganzes Buch über Wissenschaft schreiben kann ohne mit einem ein-
zigen Satz auf deren Aussagen und Ergebnisse einzugehen, um ihr
daran Fehler nachzuweisen; und wie einer zur festen Meinung kom-
men kann, deren Kritik betrieben zu haben, indem er ihrem
"wissenschaftlichen Wissen" die Notwendigkeit bescheinigt hat,
Metaphysik sein zu müssen. So "räumt der wissenschaftliche Sozia-
lismus mit allem über den Wissenschaften von der Natur und der
Geschichte stehenden philosophischen Wissen" dadurch auf, daß er
es zur idealistischen Denkweise erklärt, um sich als eine andere
Erklärung, wie Erkenntnis gehen könnte, anzupreisen.
"Die Erkenntnis, daß die historisch-materiellen Bedingungen des
Reproduktionsprozesses zugleich die bestimmte Form des gesell-
schaftlichen Zusammenhanges, wie das gewöhnliche Bewußtsein und
das wissenschaftliche Wissen bestimmt, ist das Zentrum der mate-
rialistischen Geschichtsauffassung. Unter Dialektik ist zunächst
die systematische Betrachtung des inneren Zusammenhanges von Ge-
sellschaft, Natur und intellektueller Entwicklung zu verstehen.
'Dialektik als Wissenschaft des Gesamtzusammenhanges' von Natur-,
Gesellschafts- und Denkformen stellt die höchste Form des Denkens
dar." /48/
Was für einen Soziologen den wissenschaftlichen Sozialismus so
anziehend macht, liegt damit klar auf der Hand. Erstens hebt er
sich dadurch wohltuend von MARX ab, daß er dessen dogmatische Er-
klärung eines gegebenen Zusammenhangs zu ignorieren versteht und
sie zu einer möglichen Betrachtungsweise der Welt macht, deren
Bedeutung darin besteht, daß BISCHOFF sie sich als These zu eigen
macht. Zweitens ist der wissenschaftliche Sozialismus "zunächst"
nur Systemtheorie, aber eine, die in radikaler Zuspitzung nicht
Gesellschaft, Interaktion und solche Mätzchen, sondern den Zusam-
menhang ins Zentrum stellt. Damit hat sich BISCHOFF drittens des
Problems der Systemtheorie entledigt, das darin besteht, in der
Anwendung einer methodischen Betrachtungsvorschrift die Sperrig-
keit der Gegenstände zu erfahren, da sie etwas anderes sind als
eine Erkenntnisvorschrift, die ein Soziologe ihnen gegenüber zur
Geltung bringen will. Für BISCHOFF's Standpunkt, daß die
"historisch-materiellen Bedingungen des Reproduktionsprozesses"
zwar nichts Ökonomisches, dafür aber der Zusammenhang sind, exi-
stiert die Welt von vornherein nur als Anwendungsform seiner Auf-
fassung von der Welt: es gibt nicht Natur, Gesellschaft, Bewußt-
sein, sondern diese verdanken ihre Existenz der Auffassung, der
sie unterworfen werden. Noch der traurigste Inhalt eines falschen
Bewußtseins gelangt so zur Ehre einer Bewußtseins f o r m, weil
es dabei nicht auf das Bewußtsein, wohl aber auf die Anwendungs-
form einer methodischen Vorschrift ankommt.
Daß es eine Leistung ist, unter Berufung auf MARX die Welt nicht
- wie bürgerliche Wissenschaft - methodisch zu betrachten, son-
dern zur Methode zu m a c h e n, streicht BISCHOFF als Vorwurf
an die bürgerliche Wissenschaft heraus, ein Vorwurf, der keine
Kritik ist, sondern Anbiederung, der Ratschlag, es doch besser so
wie BISCHOFF zu machen.
"Solange aber der innere Zusammenhang von Natur und geschichtli-
cher Entwicklung der menschlichen Lebensformen, sowie der damit
verbundenen Entfaltung der intellektuellen Fähigkeiten der Men-
schen, nicht begriffen ist, entsteht im gewöhnlichen und wissen-
schaftlichen Bewußtsein sowohl ein Gegensatz von Natur und Ge-
schichte, als auch von Denken und Sein. Von einer einheitlichen
wissenschaftlichen Betrachtung der Geschichte, sowohl was die Ge-
schichte der Natur als auch was die menschliche Geschichte an-
geht, kann nicht gesprochen werden" /50/.
Nicht zufrieden damit, daß bürgerliche Wissenschaft gar kein
falsches Wissen hervorbringt, bemängelt BISCHOFF an ihr das Feh-
len der "einheitlichen" Betrachtungsweise, weil er das Absehen
von den Gegenständen des Erkennens vereinheitlichen will. Da klar
ist, was es mit dieser Einheit auf sich hat, bleibt kein Zweifel,
auf wessen Kosten sie geht.
Wo es nicht einmal bürgerliche Wissenschaft braucht, um sich si-
cher zu sein, daß Natur und Geschichte, Denken und Sein unter-
schiedliche und gegensätzliche Dinge sind, besteht die Leistung
eines BISCHOFF darin, mit der Leugnung eines Gegensatzes zwischen
unterschiedlichen Gegenständen von diesen abzusehen. Es ist eben
das Schöne eines "inneren" Zusammenhangs, daß er etwas ganz an-
deres ist als ein existierender, der den Unterschied zwischen den
Dingen voraussetzt: ihn hat man als einheitliche Betrachtungs-
weise, die eine Erklärung unterschiedlicher Gegenstände und deren
Zusammenhänge erspart. Daß es sich beim wissenschaftlichen Sozia-
lismus "um eine Auflösung des Gegensatzes von Denken und Sein und
damit um eine einheitliche Betrachtung von Natur und Gesell-
schaft" /50/ handeln soll, ist eben nur die Verkündung des festen
Willens, die Welt zur Einheit mit der Vorschrift von BISCHOFF zu
bringen, sie als Denkprodukt seines Hirns existieren zu lassen.
So liegt der eigentliche Fehler der bürgerlichen Wissenschaft
auch nicht in ihrer metaphysischen Denkweise, sondern im Versuch
überhaupt, sich auf die Erklärung eines Gegenstands einzulassen
und sich dabei weder um einen Gesamtzusammenhang noch um die
"adäquate Auffassung des Gesamtzusammenhanges" zu kümmern. Gerade
da, wo sie ihren Gegenstand erklärt, in der Naturwissenschaft,
erscheint sie BISCHOFF als reinste Metaphysik, der damit aus-
spricht, was seine Zuneigung zum wissenschaftlichen Sozialismus
bedeutet.
"Die trotz allen Aufschwungs der theoretischen Naturerkenntnis
notwendig noch mangelhafte Einsicht in die Verknüpfung der ver-
schiedenen Gebiete im Bereich der Natur, die Unkenntnis des Zu-
sammenhanges von der Verengung des Bereiches der äußeren Natur,
die Übertragung metaphysischer Denkweise aus der Naturwissen-
schaft in die Philosophie und teilweise auch der Glaube an die
Autonomie des Geistes, führten zu einer mehr oder minder verzerr-
ten Auffassung des Verhältnisses von Geist und Natur" /50 f./.
Nicht daß Biochemie und Atomphysik besonders mangelhaft seien, da
sie einen Zusammenhang in der Natur falsch oder noch nicht er-
klärt hätten, oder daß die Fallgesetze inzwischen nicht mehr
stimmten, weil "die äußere Natur sich verengt habe"
(wahrscheinlich ist die Erde kleiner geworden !), kreidet BI-
SCHOFF der Naturwissenschaft an, sondern daß sie sich in der wis-
senschaftlichen Untersuchung von Erscheinungen der Natur um Ein-
sichten von denen ein BISCHOFF ausgeht, einen Dreck geschert hat.
Wenn sich Naturwissenschaftler in den Vorworten ihrer Werke als
subjektive Dunkelmänner zeigen, hindert sie das keineswegs, in
ihren Untersuchungen der Natur nichts als die Kriterien von rich-
tig und falsch gelten zu lassen, was BISCHOFF darauf bringt, ih-
nen vorzuhalten, daß sie es nicht bei Vorworten haben bewenden
lassen, in denen nichts über Natur, aber alles darüber steht,
d a ß man Natur a l s Materie, als Bewegung und a l s Zusam-
menhang aufzufassen habe. Wo Naturwissenschaftler keinen Zweifel
haben, daß mit den Naturgesetzen der Zusammenhang der Natur er-
klärt ist, will BISCHOFF nichts als sein Interesse proklamiert
sehen, das die Natur in die Existenz seiner Verknüpfungsprobleme
umdichtet, mit denen Einsicht in die Natur zwar verhindert, das
Interesse an Wissenschaft, das BISCHOFF hat, jedoch klar wird.
Der Abneigung, die BISCHOFF der Naturwissenschaft entgegenbringt,
entspricht die Zuwendung zu den Gesellschaftswissenschaften,
denen er positives Wissen zubilligt. Daß diese das Verfahren, das
BISCHOFF praktiziert, die eigene Erkenntnisvorschrift zu einer
Eigenschaft der Gegenstände zu erklären, also gegen deren Er-
kenntnis vorzugehen und falsche Wissenschaft zu betreiben, be-
herrschen, macht diese ihm so angenehm. BISCHOFF's Vorwurf an sie
ist das Mosern unter Brüdern: die bürgerlichen Geisteswissen-
schaftler machen dasselbe wie er, aber anders.
Und da Soziologen, Politologen, Psychologen etc. HEGEL heutzutage
wie einen toten Hund behandeln, ist BISCHOFF nichts einleuchten-
der, als HEGEL zum Stellvertreter des Schwachsinns zu machen, den
HABERMAS und Konsorten in Büchern verbraten. Unter einem HEGEL,
den auch MARX geschätzt hat, tut es ein BISCHOFF nicht, wenn er
sich ins Licht rückt, womit auch klar ist, warum wir uns erspa-
ren, einer dummen Sau wie BISCHOFF, die von HEGEL nichts weiß und
nichts hält, zu erklären, was wir von HEGEL im Gegensatz zu HA-
BERMAS halten, wenn wir ihn kritisieren.
Berührt BISCHOFF an HEGEL sympathisch, daß er nichts erklärt,
aber ein Erkenntnissystem erfunden hat, so wirft er ihm anderer-
seits vor, dabei nicht reell gewesen zu sein.
"Indes, da die reellen Verhältnisse - Gesellschaft und Natur -
als Konkretionen eines letztlich von den realen Individuen
unabhängigen Geistes gefaßt sind, kommt er über den Versuch einer
adäquaten ideellen Reproduktion des Gesamtzusammenhanges nicht
hinaus" /51/.
BISCHOFF hat sich bei Erledigung HEGELS eine staunenswerte Lei-
stung zugemutet, zeichnet sich doch die materialistische Dialek-
tik nach ihm dadurch aus, daß sie Gesellschaft und Natur materi-
ell und noch dazu "adäquat" im Hirn reproduziert, was selbst bei
einem Berliner Wasserkopf kaum glaubhaft scheint. Und richtig:
BISCHOFF weist eine solche Zumutung an seinen Kopf zurück, es ist
vielmehr die Materie selbst, die sich ins Bischoffsche Hirn
"umsetzt".
"Dialektik ist das immanente Fortschreiten des Inhaltes und nicht
mehr äußeres Tun eines subjektiven Denkens" /10/.
Damit ist jeder Versuch, den Zwang kapitalistischer Verhältnisse
nicht zu reproduzieren, sondern zu erklären, als Idealismus ge-
brandmarkt, da Denken erst dann Denken wird, wenn es auf das
"äußere Tun eines subjektiven Denkens" verzichtet. Das überzeu-
gende an MARX liegt in der Fortschrittlichkeit des seinerzeitigen
Kapitalismus, der nicht das Leben der Arbeiter zerstört hat
(weswegen er zu MARX' Zeiten den Arbeitern den spaßigen Gedanken
eingab, sich von ihnen einen Normalarbeitstag abtrotzen zu las-
sen), aber die Wertform enthüllt hat. Woraus wir ersehen, was wir
am heutigen Kapitalismus haben, der uns einen BISCHOFF beschert
hat. Dieser Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, daß er fol-
genden Absatz in BISCHOFF's Mund legt:
"Hinter der These von der Umstülpung der idealistischen Dialek-
tik, dem Übergang zur materialistischen Dialektik, verbirgt sich
also ein veränderter Ansatz zur Darstellung des inneren Zusammen-
hanges von Natur, Gesellschaft und Denken, ein Ansatz, der im Ge-
gensatz zu dem Hegelschen nicht im Denken, sondern in der gesell-
schaftlichen Aneignung der Natur, der gesellschaftlichen Arbeit,
seinen Ausgangspunkt hat" /52/.
Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, daß BISCHOFF sich jetzt der
Untersuchung dessen, was gesellschaftliche Arbeit ist, zuwendet,
da sie die Erklärung von Natur, Gesellschaft und Denken ist, also
erklärt werden muß. BISCHOFF hätte dem von ihm so geschätzten
'Kapital', selbst wenn als dessen eigentlicher Verfasser nicht
MARX, sondern das Kapital zu betrachten ist, hierfür einiges ent-
nehmen können.
Aber BISCHOFF hat uns an der Nase herumgeführt: weil er sehr wohl
weiß, daß gesellschaftliche Arbeit nicht Natur und Denken, ge-
schweige denn ein Denkansatz ist, besteht seine schweinische Lei-
stung darin, diese dazu zu erklären. BISCHOFF ist an der gegebe-
nen Erklärung der Ökonomie des Kapitals durch MARX interessiert,
dient diese ihm doch zum Anlaß, sich in der Konkurrenz der Wis-
senschaftsfeinde als derjenige zu präsentieren, der am gründlich-
sten gegen diese Erklärung vorzugehen verspricht, indem er die
darin ausgesprochene Notwendigkeit, die praktische Aufhebung die-
ser Gesellschaft zu betreiben, in ein Erkenntnisproblem um-
fälscht. Es ist also eine antikommunistische Leistung, mit der
sich BISCHOFF von anderen bürgerlichen Erkenntnistheoretikern ab-
setzt und den materialistischen Charakter seiner Betrachtungs-
weise herausstreicht. Wenn BISCHOFF gesellschaftliche Arbeit und
Denken identifiziert, weil er weiß, daß sie nicht identisch sind,
so ist das die hämische Freude eines Arbeiterfeindes über die
Tatsache, daß die Arbeiter mit falschem Bewußtsein, den Zwang des
Kapitals selbst reproduzieren und die Zusicherung, sich zu Wis-
senschaft so zu verhalten, daß sie auch wirklich als Mittel für
das - Geschäft, das Bewußtsein der Arbeiter in diesem Zwang zu
belassen, fungiert. Daß es eine gewaltsame Zumutung ist, die Er-
kenntnisse eines MARX in Probleme zu verwandeln, die dieser mit
Erkenntnis gehabt haben soll, belegt BISCHOFF mit jeder Zeile, in
der er sich auf diesen Autor beruft. Nie ist eine Aussage das,
was sie ist, sondern immer weiß BISCHOFF ihr mit einem 'als' ihr
eigenes Gegenteil nachzusagen.
"Ist die doppelte Bestimmtheit der Arbeit als Ausgangspunkt der
ganzen Wertbestimmung nicht als Kategorie aus den vielfältigen
Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft herausgefunden, muß
jeder Versuch, die dialektische Logik Helgels auf die ökonomische
Theorie anzuwenden, scheitern" /92/.
Woraus sich entnehmen läßt, daß MARX die Metaphysik eines HEGEL
anwenden wollte, als er in den vielfältigen Beziehungen der Ge-
sellschaft die Arbeit gesucht und eine Kategorie gefunden hat!
So ist hinreichend klargestellt, warum ein Buch, das den wissen-
schaftlichen Sozialismus zu der geeigneten Methode erklärt, die
Kritik des Kapitals in ein Bewußtseinsproblem zu verwandeln, die
im Marxschen Kapital geleistete Erklärung dieser Ökonomie als
Darstellung der Schwierigkeiten nimmt, die einer bekommt, der ein
Interesse daran hat, diese Erklärung noch zum Grund für ihre Ver-
hinderung zu machen - und warum sich dies Buch als
I n t e r p r e t a t i o n zum 'Kapital' ankündigen muß.
Da BISCHOFF das Denken in den Zwang der Verhältnisse auflöst, um
sein Interesse an der Verhinderung richtigen Wissens und Bewußts-
eins zu einer Eigenschaft der Ökonomie zu erklären, kann auch der
zweite Schritt nicht fehlen: die Ökonomie selbst ist nichts als
die Denkvorschrift, mit der das Denken zu verhindern ist; gesell-
schaftliche Arbeit ist nicht gesellschaftliche Arbeit, dafür aber
Systembegriff, womit alles über den Titel des Buches und alles
"über" BISCHOFF's "wissenschaftliche Dialektik" gesagt wäre.
Kein Satz von MARX, den BISCHOFF zitiert, interessiert diesen an-
ders: jede Aussage über Ökonomie wird um ihren ökonomischen In-
halt gebracht. Weiß MARX, was den Doppelcharakter der Arbeit im
Kapitalismus ausmacht, so kümmert sich BISCHOFF um die Darstel-
lung, die es braucht, eine methodische Vorschrift nicht als Re-
flexionsprodukt seines Hirns, sondern als Ökonomie erscheinen zu
lassen.
"So muß etwa die Verdoppelung der Ware in Ware und Geld als Ent-
wicklung des in der Ware eingeschlossenen inneren Gegensatzes von
Gebrauchswert und Wert dargestellt werden. Zur Vermeidung von
Mißverständnissen (!) kann nur versucht (!) werden, deutlich zu
machen, daß die Bewegungsformen der Widersprüche in der Praxis
gegeben sind (so kauft jeder täglich Widersprüche ein!) und kei-
nesfalls reine Reflexionsprodukte darstellen" /108/
.
Daß es auf Ökonomie ankommen soll, beweist BISCHOFF damit, daß
ihm MARX als Ökonom gleichgültig ist, was ihm und seiner Mann-
schaft den Ruf eingetragen hat, gewiefte Marxkenner zu sein; dies
wiederum zeigt, was mit den übrigen Marxisten los ist. In dem
Streit der Marxisten gilt nämlich ökonomistisch als Schimpfwort:
die einen werfen BISCHOFF, dem das 'Kapital' nur zum Beleg seines
Interesses taugt, die Erklärung des Kapitals in die Vorschrift zu
verwandeln, daß die Zwänge des Kapitals das notwendige Denken
seien, ökonomistische Auffassungen vor, und BISCHOFF empfindet
diesen Vorwurf als Beschimpfung von Leuten, die sich nicht wie er
um Kategorien, sondern bloß um ökonomische Fakten kümmern würden.
5*)
Für diejenigen, die der Projektgruppe abnehmen, in ihren Büchern
über das Marxsche 'Kapital' ginge es um dessen Inhalt, sei es
noch einmal gesagt: die Anhänglichkeit der Bischoffs an MARX hat
einzig den Zweck, diesen Eindruck als Täuschung zu bekämpfen.
Vielmehr geht es ihnen immer und überall darum, den ökonomischen
Aussagen eines MARX die Seins- und Bewußtseinsprobleme anzudich-
ten, mit denen man aus dem Kapitalismus ein Erkenntnisproblem ma-
chen kann, weil es darum geht, das Bewußtsein auf die faktische
Gewalt dessen, was kein Erkenntnisproblem ist, zu verpflichten.
Der Umgang mit MARX ist dabei immer der gleiche: weil die Ökono-
mie der Grund für das falsche Bewußtsein der Leute ist, wird das
falsche Bewußtsein mit diesem gerechtfertigt, um gegen jede Kri-
tik am praktischen Handeln der Leute vorzugehen. Damit ist MARX
zum schwachsinnigen Erfinder schwachsinniger Probleme, die ihm
erlaubt haben, jede seiner Aussagen nur als Zweifel an ihnen zu
formulieren, gemacht worden - womit wir uns der Mühe enthoben se-
hen die Kapitalkommentare des Projekts zu kritisieren - nicht je-
doch der Mühe, das infame Interesse, das dieser Beschäftigung mit
MARX zugrundeliegt, zu kennzeichnen.
Daß MARX die Analyse des Kapitals mit der Untersuchung seiner
Elementarform, der Ware, beginnt, heißt für BISCHOFF, daß es die-
sen Gegenstand nicht gibt, MARX sich ihn aber ausgedacht hat, um
an ihm eine Methode zur Anwendung zu bringen, die es erlaubt, die
Ware real zu machen. So hat es das erste Kapitel des 'Kapital'
nur mit unwirklichen Dingen zu tun:
"Die Analyse im 1. Kapitel führt bis zur Notwendigkeit der Geld-
form, nicht aber zur Wirklichkeit des Geldes" (Beiträge zum wiss.
Soz. 1, 1601 und "dort ist die Wertform zunächst als bloß ideelle
Form entwickelt" /ebda. 150/.
Daß die Erklärung einer Sache eine Leistung des Denkens ist, das
die Existenz dieser Sache unterstellt, wird zum Anlaß, die Exi-
stenz eines Gegenstands außerhalb des Denkens zu leugnen. Auf der
anderen Seite ist die sture Behauptung, daß neben ihrer Erklärung
die Gegenstände auch als wirkliche sich vorzustellen sind, das
Mittel, die Existenz des Denkens zu leugnen.
Nur wer nichts anderes im Kopf hat als alles in die interessierte
Betrachtungeweise aufzulösen, die die Existenz der Welt gleich-
setzt mit deren Unerklärbarkeit, kann sich einen Satz wie folgen-
den ausdenken:
"Das Geld ist Resultat des wirklichen Austauschprozesses, der
wirklichen Beziehung der Waren aufeinander (nicht auszudenken was
passiert, wenn irreale Waren irreale Beziehungen eingehen!)
u n d n i c h t das Ergebnis eines theoretischen Prozesses"
/ebda. 150/.
Sollte es Leute geben, die BISCHOFF's Kopf als Goldesel betrach-
ten, der Geldstücke scheißt?
Daß die Oberfläche des Kapitals etwas anderes ist als dessen im-
manente Zwangsgesetze, aus der als ihrem Grund sie sich erklärt,
verhilft BISCHOFF zu folgenden Schlüssen: erstens sind beide das-
selbe; zweitens sind beide jeweils wechselseitig nur das jeweils
andere, womit man wechselseitig das eine festhalten kann, um die
Existenz des anderen zu leugnen und drittens besteht eine Bezie-
hung zwischen beiden darin daß sie sich nicht aufeinander bezie-
hen.
"Unter Abstraktion von (!) der wirklichen Beziehung der Waren im
Austauschprozeß werden die gegensätzlichen Bestimmungen der Ware
- Gebrauchswert und Wert - auseinandergehalten, um von daher die
Struktur der Beziehung der Waren aufeinander entwickeln zu kön-
nen. Aus dem dabei entwickelten Ineinander-Reflektieren der Be-
stimmungen der Ware als Wertform kann nun aber nicht (!) ge-
schlossen werden auf die wirkliche (!) Beziehung der Waren, auf
ihren wirklichen Austauschprozeß" /ebda. 150/.
Legt jeder Satz, den BISCHOFF hinschreibt, Zeugnis ab von der
Vielfältigkeit des Versuchs, im Pochen auf die Notwendigkeit des
Denkens gegen jede praktische Betätigung des Kopfes vorzugehen,
so zeigt sich auch an jedem Satz die Einfältigkeit des Interes-
ses, das BISCHOFF bewegt, solche Sätze zu formulieren. Sie stehen
dafür, eine Vorschrift, wie man es mit dem Kapitalismus zu halten
habe, als dessen Erklärung zu setzen und die Existenz aller Ge-
genstände in die Existenz dieser Vorschrift umzulügen.
Die wissenschaftliche Dialektik zeichnet sich jedoch nicht nur
durch die einheitsstiftende Leistung aus, die aus dem
"Zusammenhang von Natur-, Gesellschafts- und Denkform" die Kunst
macht, etwas zusammenzufassen, was es nicht gibt, weil es ihren
Zusammenhang gibt - weshalb auch an der proletarischen Revolution
so erfreulich ist, daß sie nicht mit dem Kapitalismus, sondern
gleich mit Natur und Geschichte aufräumt: "durch die soziale
Emanzipation des Proletariats verschwindet der Gegensatz von Na-
tur und Geschichte praktisch" /325/ -, sondern daß sie dieser Be-
ziehung auch Beine macht, sie zusätzlich als Bewegung zu sehen
vermag.
"Das erste Mal in der bisherigen Geschichte des theoretischen
Denkens ist die ganze natürliche, geschichtliche und geistige
Welt als (!) ein (!) Prozeß, d.h. in steter Bewegung und Verände-
rung begriffen, dargestellt" /49/.
Da hiermit der Geschichte zwar nicht der Prozeß gemacht, sie aber
als Prozeß zu betrachten vorgeschlagen wird, unterscheidet sich
die Bewegungsabteilung des wissenschaftlichen Sozialismus von der
bürgerlichen Wissenschaft dadurch, daß diese bisher nicht auf den
Gedanken gekommen ist, Geschichte habe etwas mit Menschen zu tun.
"Erstmals wird die Geschichte wirklich (!) als Entwicklungsprozeß
der Menschheit (!) gefaßt und werden die Bewegungsgesetze dieses
Entwicklungsprozesses enthüllt" /59/.
Weil auch unter bürgerlichen Wissenschaftlern die Auffassung
nicht weit verbreitet sein dürfte, die bürgerliche Gesellschaft
sei eine Abteilung der Fauna 6*), liegt das grundlegend Neue des
historischen Materialismus darin, zu postulieren, daß die Ge-
schichte tatsächlich nicht dem praktischen Handeln der Menschen
sich verdankt, der Kapitalismus jedoch ein Bewegungsgesetz ist -
weshalb einem BISCHOFF jede Erklärung des Handelns von Lohnarbei-
tern und Kapitalisten nicht die Erklärung des Kapitals ist, und
ihm eine Agitation der Proleten anhand dessen, was sie gezwungen
sind, sich täglich abzuverlangen, als reinster Idealismus er-
scheint.
Hiermit hat BISCHOFF es verstanden, sich so radikal von bürgerli-
cher Wissenschaft abzusetzen, daß er sich an radikaler Zustimmung
zu derem Geschäft von niemandem übertreffen läßt. Daß BISCHOFF
den Soziologen vorschlägt, sie sollten ihre Rechtfertigung der
bürgerlichen Gesellschaft doch besser mit MARX versuchen, der aus
dieser Gesellschaft einen Zusammenhang, einen Prozeß, ein Bewe-
gungsgesetz und eine, noch dazu "die höchste Entwicklungsstufe
der Menschheit" gemacht hat, wird diese vermutlich kalt lassen -
dies beherrschen sie ohne MARX viel besser -, aber es zeigt,
warum ein Berliner Soziologe so viel von MARX hält. Es braucht
einen BISCHOFF, um der Marxschen Analyse des Kapitals als beson-
dere Leistung anzurechnen, daß sie auch nur eine Bewußtseinsform
sei womit man sich wegen der Erklärung keine Gedanken mehr zu ma-
chen braucht.
"Als Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang ist Dialektik auch eine
bestimmte Bewußtseinsform" /53/.
So hat es BISCHOFF bei dieser Wissenschaft nicht auf den
"bewußten" Inhalt abgesehen, sondern darauf, daß sich das Marx-
sche Geschreibsel dadurch auszeichnet, daß es auch eine Bewußt-
seinsform ist, womit es sich denn in nichts von jedem geäußerten
Furz unterscheidet, dessen Inhalt BISCHOFF ebenso gleichgültig
wie MARX ist, weshalb er diesem auch die Anerkennung, Bewußt-
seinsform zu sein, nicht versagen kann. Freilich hat BISCHOFF nur
mit MARX vor, ihn zur Bewußtseinsform zu machen, weshalb er zum
Beweis diese Auffassung wiederholt und eine These als These
zeigt:
"Diese These zeigt sich nicht nur daran, daß auch eine das all-
tägliche und bisherige wissenschaftliche Bewußtsein übergreifende
Einsicht zunächst (MARX hatte eben keinen BISCHOFF!) auch eine
bestimmte Denkform ist, sondern auch daran, daß diese Denkform
erst auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der gesellschaftli-
chen Aneignung der Natur auftritt" /53, Anm. 54/.
Das Marxsche Denkergebnis ist eine Denkform, "überbietet" es doch
"das gewöhnliche und bisherige wissenschaftliche Bewußtsein"
darin, daß es zwar kein Bewußtsein vom K a p i t a l hat, aber
sich bewußt ist, mieses Produkt dieser miesen Verhältnisse zu
sein, weshalb es gilt, nicht mit MARX sich das Kapital zu erklä-
ren, sondern MARX aus dem Kapital "abzuleiten":
"die Genesis dieser Bewußtseinsform, seine bestimmte Form, ist
aus dem spezifisch-historischen Charakter der gesellschaftlichen
Arbeit abzuleiten" /53/.
MARX, vor die Alternative gestellt, sich als Erkenntnistheoreti-
ker entlarvt zu sehen oder anzuerkennen, daß seine Gedanken die
Gedanken des "sozialen Lebensprozesses" waren, macht BISCHOFF die
Entscheidung leicht: nur ein metaphysischer Idealist kann darauf
kommen, daß es sich bei Marxschen Gedanken erstens überhaupt um
Gedanken und zweitens um Gedanken von MARX handelt.
"Es ist daher eine zentrale Bestimmung des wissenschaftlichen So-
zialismus, daß an die Stelle irgendwelcher in der Wissenschafts-
wissenschaft üblichen erkenntnistheoretischen Begründungen die
Ableitung der eigenen Genesis aus dem sozialen Lebensprozeß
tritt" /53/.
Weil aber dem Soziologen BISCHOFF, der sich die Gedanken der Er-
kenntnistheoretiker, wie man begründen kann, ob etwas, was schon
gedacht wurde, gedacht werden konnte - richtige Gedanken haben
sich leider den Teufel um die Begründung ihrer Denkbarkeit ge-
schert -, auf unübliche Weise macht, weil auch ein Furunkel am
Arsch noch nicht das Sitzfleisch erklärt, das ein MARX beim
Schreiben der drei Blauen bewiesen hat, weiß dieser Marxfreund,
daß bei der Erfindung des wissenschaftlichen Sozialismus weder
Zufall noch Genie, aber das Kapital Pate gestanden hat.
"Wird die These von der Bestimmtheit allen Denkens durch den Pro-
zeß der gesellschaftlichen Aneignung der Natur dagegen auf die
Genesis dieser theoretischen Abstraktion selbst noch angewandt,
so erscheint die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus
nicht mehr als zufällige (!) Entdeckung (!) eines genialen (!)
Kopfes, sondern als notwendiger theoretischer Reflex der bestimm-
ten ökonomischen Verhältnisse" /78/.
So schön am Kapitalismus ist, daß dieser nicht nur das Bedürfnis
nach Kaugummi und Coca-Cola befriedigt - und BISCHOFF hat keinen
Zweifel daran, daß Bedürfnisbefriedigung der eigentliche Zweck
des Kapitals ist 7*) -, sondern auch für die ausgefallenen Wün-
sche eines Berliner Soziologen nach MARX so gesorgt hat, daß er
dieses Produkt seines "sozialen Lebensprozesses" zu Feder und Ge-
danken gezwungen hat, so deutlich wird auch, daß es sich beim Lob
eines MARX, dieser sei historisch bedingt, um ein besonderes Lob
handelt. Es stellt MARX gleich mit allen lustigen Einfällen, aus
denen der Kapitalismus besteht
"Jedwede Interpretation der von Marx und Engels begründeten mate-
rialistischen Geschichtsauffassung, in der der wissenschaftliche
Sozialismus nicht allen anderen Bewußtseinsformen gleichgestellt
(!) und nicht als bestimmte Bewußtseinsform aus der bürgerlichen
Form des sozialen Lebensprozesses abgeleitet wird, bleibt in den
bürgerlichen Bewußtseinsformen befangen, vermag also die metaphy-
sische Denkweise nicht zu überwinden. Für den dialektischen Mate-
rialismus kann es keine spezifische Theorie der Erkenntnis geben,
die sich von der allgemeinen Bestimmung der Bewußtseinsformen un-
terscheidet: Auf den verschiedenen Formen des sozialen Lebenspro-
zesses erhebt sich ein ganzer Überbau jeweils verschiedener und
eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und
Lebensanschauungen. Wird diese Beziehung des wissenschaftlichen
Sozialismus auf eine bestimmte Form der materiellen Funktion
nicht mitreflektiert und stattdessen diesem doch eine irgendwie
geartete materialistische oder dialektische Erkenntnistheorie un-
terschoben, so wird unter der Form des dialektischen Materialis-
mus eine bürgerliche Denkweise präsentiert" /53 f./
Darum bemüht, den Beweisgang zu verfolgen, der verbietet, bei
MARX von Erkenntnis zu reden weil diesem die gesellschaftliche
Arbeit die Feder geführt hat, allerdings um mit dem Mund dieser
Zeitgeisterscheinung mitzuteilen, daß sie selbst nichts anderes
als Erkenntnistheorie sei, fallen uns weitere beweisende Argu-
mente ins Auge:
Erstens: da die bürgerlichen Wissenschaftler nicht lesen können,
was MARX geschrieben hat, zeichnet sich deren metaphysische Denk-
weise dadurch aus, daß sie MARX als einen Verfasser der Steinzeit
betrachten, wogegen sich BISCHOFF, der auch nicht weiß, was es
mit dem Kapital auf sich hat, wenigstens auf seine Schulbildung
verlassen kann, denn er weiß daß es sich bei MARX um einen Autor
aus dem 19. Jahrhundert handelt. Zweitens: Da für jede Bewußt-
seinsform die gesellschaftliche Arbeit verantwortlich zeichnet,
besteht der Vorwurf, die metaphysische Denkweise nicht überwunden
zu haben, darin, daß sie nicht zu überwunden werden braucht,
steht sie doch gleich mit allen anderen Bewußtseinsformen, die
nicht Bewußtsein, aber sozialer Lebensprozeß sind. Drittens: So
ganz ohne Verantwortung ist MARX für das ihm Aufgezwungene doch
nicht: zwar zwingt die gesellschaftliche Arbeit allen Menschen
auf, sie nur als Illusion betrachten zu können, aber dabei weist
die marxsche Denkweise doch auf eine recht eigentümliche Le-
bensanschanung.
Da aber BISCHOFF seine Liebe zu abnormen Empfindungen schon be-
wiesen hat - er hat sich ja die Marxschen Illusionen vorgenommen
-, hat er keine Schwierigkeit, aus der Gleichstellung die spezi-
fische Eigentümlichkeit, die MARX auszeichnet, zu entwickeln.
MARX allein hat, wenn auch originell umschrieben und als Analyse
des Kapitals ausgegeben, nichts als den einzigen Gedanken zum
Ausdruck gebracht, daß er von seinen Einfällen nur das halte, daß
sie geschichtlich bedingt und geworden sind, während die Bürger
metaphysisch davon ausgingen, sie selbst hätten sich etwas ausge-
dacht, was sie für BISCHOFF zu den Sündern der "Autonomie des
Denkens" macht.
Das Lob, MARX habe nichts als das Postulat verkündet, daß es beim
Wissen nur darauf ankomme, zu wissen, daß es relativ, aber not-
wendig, da historisch bedingt, sei, will BISCHOFF hierin wieder
seine Liebe zu MARX beweisend nur auf dessen Ergüsse anwenden. Da
auch BISCHOFF nicht bestreiten möchte, daß MARX gelebt hat, an-
dere Menschen aber noch vor ihm gestorben sind, drängt sich BI-
SCHOFF auf, daß die Einfälle eines MARX solche seiner Vorgänger
waren.
"Die Bedingung des wahrhaft wissenschaftlichen Wissens, ihre ei-
gene Genesis als bestimmte theoretische Abstraktion aus dem mate-
riellen Lebensprozeß abzuleiten, schließt die Bestimmung der dem
wissenschaftlichen Sozialismus vorausgegangenen Richtungen des
Denkens als unbewußte Reflexe der mehr oder minder (!) entwickel-
ten Form der Arbeit ein" /145/.
Daß MARX etwas von SMITH und RICARDO gehalten hat, allerdings
nicht deswegen, weil diese vor ihm gelebt haben, ihnen Fehler
nachweist und den Grund dieser Fehler in ihrem Interesse an den
entstehenden gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit auffin-
det, macht einem BISCHOFF deutlich, daß MARX sich deswegen selbst
nicht verstehen konnte, hat ihn doch die Kritik und die Erledi-
gung der bürgerlichen Ökonomie um die Möglichkeit gebracht, die
BISCHOFF ihm aufzeigt:
"Es hat sich gezeigt, daß die politische Ökonomie und der utopi-
sche Sozialismus notwendig unentwickelte Stufen in diesem natur-
wüchsigen (!) Prozeß des Denkens sind, das aus diesen bestimmten
gesellschaftlichen Verhältnisses herauswächst. Die Erkenntnis des
Doppelcharakters der Arbeit ist das kritische Endergebnis der
mehr als anderthalbhundertjährigen wissenschaftlichen Forschung.
Die systematische Begründung für die These (!), daß erst im wis-
senschaftlichen Sozialismus die Wissenschaft von den Formen des
menschlichen Lebens (!) in eine positive Wissenschaft verwandelt
wird, besteht in der Nachzeichnung der bestimmten Bedingungen
(!), unter denen diese historische Abstraktion möglich wird"
/323/.
Da aus einem Kritikaster kein positiver Mann positiver Wissen-
schaft wird, der sich an die schönen Formen des menschlichen Le-
bens hält und der, wie BISCHOFF, anderthalb Jahrhunderte auf an-
derthalb Jahrhunderte historisch abstrahiert, um die Bedingung
einer These möglich werden zu lassen, sieht BISCHOFF sich gezwun-
gen, das noch einmal zu machen, was MARX gemacht hat, hat dieser
doch das nicht gemacht, was er gemacht hat: BISCHOFF widmet die
Hälfte seines Buches der Würdigung der vormarxschen Ökonomie.
Da klar ist, was den Inhalt dieses Teils ausmacht: diese Ökonomen
sahen nicht, was sie nicht sehen konnten - die Jahrhunderte waren
damals noch unentwickelt - und der Zweck dieser Bischoffschen Be-
mühung nur zu deutlich ist, verzichten wir auf nähere Würdigung
dieser Beschäftigung mit Autoren, zu denen MARX bereits das Nö-
tige gesagt hat, um uns dem Zweck des ganzen Unternehmens zuzu-
wenden.
Läßt BISCHOFF für alle Vorgänger von MARX gelten, daß nicht sie,
sondern die unterentwickelten Zeiten verantwortlich für deren
Aussagen sind so will er dies MARX gegenüber nicht gelten lassen.
Nicht zufrieden mit der freudigen Gewißheit der Marx-brothers un-
serer Tage, daß ihr Stammvater ganz schön Patina angesetzt hat,
will BISCHOFF gesichert sehen, daß auch damals MARX nichts er-
klärt, aber die Annahme der ihm historisch angebotenen Vor-
schrift, auch nichts erklären zu wollen, arrogant in den Wind ge-
schlagen und völligen Mangel an Verständnis für seine Vorgänger
gezeigt hat.
Daß die Aussagen von MARX zu SMITH und RICARDO, weil Aussagen und
keine Einsichten in die notwendige Unterentwickeltheit, falsch
und nicht bloß überholt sind, weil dieser Verfasser die Erschei-
nungen der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer historischen Be-
dingtheit erklärt und nicht die Erklärung in eine Bedingtheit der
Geschichte aufgelöst hat, macht einen BISCHOFF nötig, der nichts
als MARX zitieren kann, um die Beschäftigung mit MARX zum
schlimmsten Vorwurf zu erheben.
Statt aus der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft die Bedin-
gungen für die positive Wissenschaft anzugeben, wird zur Erklä-
rung dieses Sachverhalts auf die theoretische Entwicklung von
Marx und Engels ausgewichen" /139/.
Da MARX seine eigene Bedingtheit nicht wahrhaben wollte, konnte
er seine Vorgänger nicht verstehen, was jedoch nötig gewesen
wäre, um sich zu "einem Verständnis seiner selbst emporzuarbei-
ten". Das Lob von MARX, er sei "bewußter Reflex" einer "bestimm-
ten Entwicklungsstufe einer bestimmten Gesellschaftsform", ist
der Tadel, diese Gabe des bedingten Bewußtseins nicht gegen sich
selbst angewandt zu haben. So leuchtet ein, daß MARX HEGEL, weil
er ihn kritisert hat, gar nicht kritisiert haben kann, weswegen
diese Aufgabe immer noch ansteht, eine Aufgabe, von der sich
selbst BISCHOFF überfordert sieht, weil er weiß, was er von HEGEL
zu halten hat.
"Hegel erfaßt also den inneren Zusammenhang von Natur, Gesell-
schaft und Denken, wenn auch in verkehrter Form. Insofern er den
Produktionsakt der Gedankenbestimmungen darstellt, und daher (!)
von den logischen Kategorien, getrennt von der wirklichen Ge-
schichte und der wirklichen Natur einen Ausgangspunkt nimmt,
stellt er wenn auch in mystifizierter Form, die allgemeinen, ab-
strakten, Jedem Inhalt angehörigen Kategorien und Bewegungsformen
dar" /336/
So wird der Verzicht auf eine Beschäftigung mit Hegel, der rich-
tig, weil verkehrt ist, zum günstigen Mittel, wieder einmal zu
betonen, daß die Aussagen von Marx noch nicht einmal die Möglich-
keit enthalten, zu diesen Aussagen zu kommen.
"Die systematische Kritik der Hegelschen Philosophie kann erst
dann erfolgen, wenn die Darstellung der wissenschaftlichen Dia-
lektik abgeschlossen ist d.h. wenn eine Darstellung der dialekti-
sehen Bewegungsgesetze vorliegt." /328, Anm. 314/
Denn da Marx von der ihm von der gesellschaftlichen Arbeit gebo-
tenen Möglichkeit nicht Gebrauch gemacht hat - er hat "keinen Ab-
riß über die wissenschaftliche Dialektik" geschrieben -, gibt es
den wissenschaftlichen Sozialismus nur möglicherweise. Dies er-
klärt sowohl die Suche nach der Möglichkeit der wissenschaftli-
chen Dialektik, wie die Sicherheit mit der BISCHOFF diesen Stand-
punkt gegen MARX praktiziert.
"Das methodische Vorgehen für die Erarbeitung eines solchen Ab-
risses der Dialektik ist klar: Zunächst ist die systematische Be-
gründung für die späte wissenschaftliche Entdeckung des Dop-
pelcharakters der Arbeit zu geben, wie er der bürgerlichen Pro-
duktionsweise eigentümlich ist. Anschließend muß eine systemati-
sche Darstellung der abstrakt logischen Ausdrücke von den Bewe-
gungsformen dieses Widerspruchs erfolgen. Der Nachweis, daß sich
die dialektischen Gesetze aus der Natur abstrahieren lassen,
könnte nur dann Bestandteil dieses Abrisses sein, wenn zuvor die
umfassende Naturanschauung erarbeitet worden wäre" /327/.
Obwohl BISCHOFF nichts deutlicher als dieser Standpunkt der wis-
senschaftlichen Dialektik ist, gibt es diesen Standpunkt noch
nicht, weil MARX nicht nur nicht die Ökonomie in das methodische
Vorgehen gegen deren Erklärung verwandelt, sondern den Standpunkt
auch nicht auf die Natur angewandt hat. Da
"fragt sieh nun, ob die dialektischen Gesetze schon formuliert
werden können, wo wir doch über eine umfassende Naturanschauung
noch nicht verfügen, sondern diese Aufgabe durch das Aufnehmen
der Dialektik in die Naturwissenschaft erst noch zu lösen ist"
/325/. (Man sollte BISCHOFF den Strom sperren!)
So lange auf diese Weise die wissenschaftliche Dialektik um ihren
vollen Erfolg gebracht wird, tut man gut daran, die wissenschaft-
liche Dialektik nur als möglichen Standpunkt aufzufassen, deren
Möglichkeit aber so zu nehmen, daß mit ihr gegen alle inhaltli-
chen Aussagen von MARX vorgegangen werden kann, da diese auf ei-
nem nur möglichen Standpunkt beruhen.
"Die von MARX für die Wissenschaft von der menschlichen Ge-
schichte eingeleitete Revolutionierung des wissenschaftlichen
Wissens steht in Bezug auf die theoretische Naturanschauung noch
aus. Die Verwandlung der Wissenschaft von der Natur in eine posi-
tive Wissenschaft erheischt die Einbeziehung der Erkenntnis vom
Gesamtzusammenhang, die nun aber nicht erneut (!) zu entdecken
ist, sondern aus der Wissenschaft von der menschlichen Geschichte
übernommen werden kann. Wird demnächst die Dialektik, die nicht
besondere Wissenschaftswissenschaft ist, nicht nur in die Wissen-
schaft von der menschlichen Geschichte, sondern auch in die theo-
retische Naturaneignung aufgenommen, und sind schließlich die
Mißverständnisse über den wissenschaftlichen Sozialismus besei-
tigt, kann von einer Einlösung der grundlegenden These von Marx
und Engels gesprochen werden" /324/.
Da bis dahin noch ein langer Weg ist (wer weiß, wann Naturwirte
BISCHOFF anwenden!), begnügt sich BISCHOFF vorläufig mit einem
abschließenden Urteil über MARX. Die Thesen, mit denen dieser
einen Standpunkt, die wissenschaftliche Dialektik glaubhaft zu
machen suchte und denen ein BISCHOFF bis zuletzt gläubig nach-
zufolgen versuchte, erweisen sich am Ende nicht als Thesen, son-
dern müssen als Hypothesen betrachtet werden.
"Diese abstrakt logischen Ausdrücke des Widerspruchs und seinen
Bewegungsformen sind die allgemeinen Gesetze aus Natur, Gesell-
schaft und Denken" - aber: "Solange nun eine systematische Na-
turanschauung auf Basis der Einsicht in den Gesamtzusammenhang
des Weltganzen nicht entwickelt ist, bleibt es bloße Hypothese,
daß die dialektischen Gesetze wirkliche Entwicklungsgesetze der
Natur und daher auch für die theoretische Naturforschung gültig
sind" /326/.
Was BISCHOFF von anderen Soziologen unterscheidet, ist also
nicht, daß er im Unterschied zu ihnen von MARX etwas halten
würde, ganz im Gegenteil. Aber ein sauberer Soziologe braucht für
sein Geschäft, die existente Gesellschaft zu rechtfertigen, indem
er sie in Abstraktionen wie Kommunikation, Gesellschaft, Natur,
Menschheit etc. auflöst, keinen MARX. Nicht so BISCHOFF: er will
MARX mit MARX fertigmachen und das geht nicht ohne intensiven Be-
zug auf diesen Verfasser, was übrigens der Anerkennung von BI-
SCHOFF bei der Soziologenzunft hinderlich im Weg steht. BISCHOFF
beweist uns so an sich, daß Gesellschaft doch Natur ist: er ist
eine Parasitenexistenz, dessen Begeisterung für die möglichen
Thesen eines MARX zum Beweis der Unmöglichkeit von MARX dienen.
Um so mehr kann BISCHOFF auf das Interesse der Marxisten unserer
Tage zählen, die, mit ihm einig im Wettstreit, MARX zu erledigen,
auf anderen Wegen gegen MARX vorgehen. Für sie hält BISCHOFF die
höheren Weihen seines Problembewußtseins bereit.
5. Bischoff's Respekt vor der arbeitenden Klasse
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BISCHOFF betreibt bei alledem proletarische Wissenschaft: sein
Bemühen um ein Verständnis der wissenschaftlichen Dialektik ist
parteilich.
"Zugleich steht aber diese neue Wissenschaft in Beziehung zu den
Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, d.h sie steht einmal
im Gegensatz zum bisherigen wissenschaftlichen wissen und zum an-
deren an der Seite der unterdrückten Klasse" /41/.
In der festen Beteuerung, daß es sich bei der "neuen Wissen-
schaft" um Wissenschaft fürs Proletariat handelt, weiß BISCHOFF,
worauf es dabei nicht ankommt, nämlich auf Wissenschaft. Es ist
keine Leistung der Wissenschaft, die bürgerliche Gesellschaft er-
klärt und damit ihre Kritik geleistet zu haben, nicht ihre rich-
tige Analyse hat die Einnahme des Standpunkts der Arbeiterklasse
zum notwendigen Ergebnis, sondern neben der einen lustigen Eigen-
schaft, wissenschaftlich zu sein, kommt ihr als andere Eigen-
schaft außerdem noch die Parteinahme für die unterdrückte Klasse
zu. Nicht w e i l er "im Gegensatz zum bisherigen wissenschaft-
lichen (!) Wissen steht", also deren Falschheit aus ihrer Partei-
nahme für das praktische Handeln der herrschenden Klassen nach-
weisen und begründen kann, ist wissenschaftlicher Sozialismus
parteilich, sondern seine Parteilichkeit gründet in einem Zwang,
der ihm nicht als Wissenschaft zukommt.
Wenn BISCHOFF schon nicht zur Konsequenz des proletarischen Klas-
senstandpunkts dadurch kommen will, daß er die bürgerliche Ge-
sellschaft richtig analysiert und die bürgerliche Wissenschaft
als bürgerliche kritisiert, so will er wenigstens gesichert se-
hen, daß seine Parteinahme neben der Wissenschaft, nicht etwa ei-
nem persönlichen Wunsch oder Willen, sich für die Arbeiter nütz-
lich zu machen, entspringt. Vielmehr ist ihm die Liebe zum Prole-
tariat durch "die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft"
aufgezwungen. Dies wiederum soll nicht heißen, daß einem BISCHOFF
die Erklärung der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft Par-
teilichkeit für das Proletariat aufnötigt. Es ist vielmehr der
Zwang des Kapitals selbst, das den wissenschaftlichen Sozialismus
in die Arme des Proletariats treibt.
"Die Ursache dieser engen Verbindung liegt vielmehr darin, daß
zwischen proletarischer Krise und dem wissenschaftlichen Sozia-
lismus ein sachlicher Zusammenhang besteht. Die Revolutionierung
des bisherigen Denkens ist ein naturwüchsiges (!) Produkt des Ge-
gensatzes von Armut und Reichtum (!) der modernen Gesellschaft,
der seine Ursache in dem Widerspruch zwischen entwickelten Pro-
duktivkräften der gesellschaftlichen Arbeit und den bornierten
gesellschaftlichen Verhältnissen der materiellen Produktion und
der auf sie gegründeten anderen Lebenssphären hat" /42/.
So ist nicht der sachliche Inhalt des 'Kapital', das, weil es die
interesselose Analyse der bürgerlichen Gesellschaft ist, die
Durchsetzung des Interesses der Arbeiterklasse fordert, der Zu-
sammenhang zwischen proletarischer Klasse und wissenschaftlichem
Sozialismus, sondern ihr "sachlicher Zusammenhang besteht" darin,
daß beide miese naturwüchsige Produkte des Kapitals sind, was
wiederum heißt, daß beide für sich keinen Zusammenhang haben.
Und was es mit dem von ihm propagierten proletarischen Standpunkt
auf sich hat, macht BISCHOFF hiermit auch deutlich: wer es
schafft aus dem Kapitalismus eine mangelhaft funktionierende Ge-
sellschaft zu machen - zu viel Reichtum bei zu viel Armut: Lob
der voll entwickelten Produktivkräfte, mit denen sträflich
"borniert" umgegangen wird -, der kümmert sich wenig um den Ge-
gensatz zwischen Kapitalisten- und Arbeiterklasse und betreibt
die Apologie des Kapitals. So daß es keineswegs wundert, wenn der
Materialist BISCHOFF den Arbeitern mit dem säuischsten Argument
des Idealismus, dem Lob der Armut kommt, gilt für Idealisten doch
schon immer, was ein Materialist sich als eigene Leistung erst
einmal zurechtlegen muß, daß nur die Armut die Quelle der edel-
sten Anschauungen und der erhabensten Moral ist.
Der enge Zusammenhang von wissenschaftlichem Sozialismus und Ar-
beiterklasse erklärt sich demnach für BISCHOFF daraus, daß beide
nichts dafür können: zu gegebener Zeit können weder die Proleten
den Klassenkampf, noch Intellektuelle wie BISCHOFF und MARX den
wissenschaftlichen Sozialismus vermeiden. Da dies einem Morali-
sten wie BISCHOFF, der es auf das Lob der Arbeiter abgesehen hat,
zu wenig ist, schiebt er das Verdienst, den wissenschaftlichen
Sozialismus erfunden zu haben, auch gleich den Arbeitern, für de-
ren Lob es ihm nicht genügt, daß sie allerhand tun müssen, um mit
ihrer Armut zu Rande zu kommen, in die Schuhe.
"Der wissenschaftliche Sozialismus ist Ausdruck und Produkt einer
wirklichen Bewegung. Die wissenschaftliche Kritik der bürgerli-
chen Gesellschaft ist keineswegs das Resultat einer Anwendung ei-
nes bestimmten theoretischen Prinzips oder einer bestimmten Me-
thode. Sozialistische und kommunistische Anschauungen (!) sind
der theoretische Ausdruck der praktischen Bewegung, und zwar ist
dieser Ausdruck mehr oder minder utopisch und doktrinär, je nach-
dem ob er einer weniger oder mehr entwickelten Phase der wirkli-
chen Bewegung angehört" /290/.
So zieht einer, dem zum wissenschaftlichen Sozialismus einfällt,
daß dieser keine "Anwendung eines bestimmten theoretischen Prin-
zips oder einer bestimmten Methode" ist, weil er ihn nur als me-
thodisches Prinzip gelten lassen will, und zu den Kämpfen der Ar-
beiterklasse, daß sie, wenn schon nicht bewußte, so doch wirkli-
che Bewegung waren - ob die Kapitalisten unwirklich handeln? -,
das Fazit seiner Überlegungen. Der Nachweis der Parteilichkeit
des wissenschaftlichen Sozialismus liegt darin, daß es diesen im-
mer dann gibt, wenn es ihn nicht braucht, weil die praktische Be-
wegung in ihrem naturwüchsigen Trend zur Auflösung der kapitali-
stischen Gesellschaft die Arbeiter selbst in die wirkliche Bewe-
gung zwingt. Gipfelt das Lob der Arbeiter, mit dem BISCHOFF die
Parteilichkeit des wissenschaftlichen Sozialismus als Leistung
neben der Wissenschaft beweist, darin, die Nutzlosigkeit dieser
revolutionären Wissenschaft für die Arbeiter aufgezeigt zu haben,
so verlangt es die Konsequenz eines BISCHOFF, sich diesen Nach-
weis zum Anlaß zu nehmen, die wissenschaftliche Absegnung
j e d e r (mehr oder minder) Arbeiterpolitik zu betreiben. BI-
SCHOFF's wissenschaftlicher Sozialismus ist für dieses Unterneh-
men erfunden worden: er liefert die Begründung für die Nutzlosig-
keit einer Einsicht in die Notwendigkeit des Klassenkampfs und
bemüht sich darum, das vorhandene Mittel für diesen, die gelei-
stete Analyse des Kapitalverhältnisses nutzlos zu machen. Wo es
darum geht, die Verhinderung richtigen Wissens als den parteili-
chen Standpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus zu postulie-
ren, ist eine gewaltige, wenn auch nicht wissenschaftliche Lei-
stung erforderlich. Weil BISCHOFF weiß, daß die richtige Analyse
der bürgerlichen Gesellschaft nicht deren Aufhebung ist, und weil
er ebenso weiß, daß die Kämpfe, die der Arbeiter, um sich im Ka-
pitalismus als Ausbeutungsobjekt zu erhalten, ohne Wissen um die
Notwendigkeit der Revolution geführt werden, vollbringt er als
Arbeiterfreund die antikommunistische Leistung, die T r e n-
n u n g von Wissenschaft und Proletariat zum einzigen Inhalt der
Parteilichkeit des wissenschaftlichen Sozialismus zu erheben.
BISCHOFF versichert der Arbeiterklasse seine Zuneigung als
Wissenschaftler. Dieser Zuneigung entledigt er sich mit Be-
scheidenheit: sein wissenschaftlicher Beitrag zum Klassenkampf
ist das Lob des politischen Handelns, zu dem die Arbeiterklasse
vom Kapital gezwungen wird. Die verständnisinnige Beobachtung al-
les dessen, was Arbeiter so treiben - es ist lobenswert, weil die
Arbeiter nicht umhin können, so zu handeln, wie sie handeln -,
ist Lob des wissenschaftlichen Sozialismus, der parteilich an der
Seite der Arbeiter steht, weil seine Wissenschaft nutzlos für das
Handeln der Arbeiter ist.
"Weil vor wie nach jener Entdeckung den in den Verhältnissen der
Warenproduktion Befangenen der spezifisch gesellschaftliche Cha-
rakter der Arbeit als endgültig erscheint, und weil die organi-
sierten Kräfte der unmittelbaren Produzenten immer wieder durch
ihre Uneinigkeit gebrochen wird - eine Bewegung, die ebenso wie
die beständigen Versuche zur Reorganisierung der Arbeiterpartei,
ihre objektiven Wurzeln in dem herrschenden ökonomischen System
hat - kann diese späte wissenschaftliche Entdeckung zeitweilig
verlorengehen oder teilweise in Vergessenheit geraten. Der wis-
senschaftliche Sozialismus erweist sich selbst als naturwüchsiges
Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte der
Menschen" /320/.
So existiert der enge Zusammenhang vom wissenschaftlichen Sozia-
lismus und Arbeiterbewegung in ihrer negativen Übereinstimmung:
sie sind sich beide gleich in ihrer ohnmächtigen Existenz, trau-
rige Produkte der Konjunkturbewegung des Kapitals. Und daß es ein
aktives Geschäft ist, das einen ganzen Wissenschaftler wie BI-
SCHOFF erfordert, den wissenschaftlichen Sozialismus zum nutzlo-
sen Produkt der Zeitläufe zu machen, um seine Anwendung gegen die
erfreuliche Bewußtlosigkeit der Arbeiter zu verhindern, demon-
striert BISCHOFF gründlich.
Die freudige Gewißheit über das nutzlose Treiben der Marxisten,
das BISCHOFF als den Nutzen der Wissenschaft fürs Proletariat
feiert, ist die Vergewisserung, sie in dieser unbrauchbaren Form
zu belassen. Mit dem Lob der Arbeiter, das ein Lob der Verhält-
nisse ist, die diese nötigen, immer erneut mit dem Kopf gegen die
Wand zu laufen - nicht um schlauer zu werden, sondern um bewußt-
los zu bleiben - zeigt BISCHOFF, was ihn an Wissenschaft stört:
daß sie nämlich ein für das Proletariat nötiges Mittel ist. Sei-
ner Zuneigung zur Arbeiterklasse und ihrer "langen und qualvollen
Entwicklung" - daß die Arbeiter in ihrer Abgestumpftheit immer
wieder eins übergezogen kriegen müssen, macht sie so liebenswert
- verschafft er in der Wissenschaft Geltung, indem er als Arbei-
terfreund gegen Wissenschaft vorgeht, um deren Nutzlosigkeit für
die Arbeiter zu garantieren. Wenn einer sich in der unwissen-
schaftlichen Zumutung ergeht, die Arbeiter dafür zu loben, für
die wissenschaftliche Erklärung des Kapitals nichts übrig zu ha-
ben, und die Intellektuellen zu tadeln, weil sie die Erfahrungen
mit dem Kapital nicht von diesem, sondern "nur" von MARX bezie-
hen, so bemüht er sich um den wissenschaftlichen Sozialismus, um
ihn nicht praktisch werden zu lassen.
Wie sehr die Arbeiter sich in die Pfanne hauen lassen und wie we-
nig ihr Treiben ihrer "sozialen Emanzipation" förderlich ist,
konstatiert der Arbeiterbischof immer wieder genüßlich, ohne sich
zur Todsünde hinreissen zu lassen, durch die Kritik falschen Han-
delos und Bewußtseins sein "Wissen" zur Aufhebung der "qualvollen
Entwicklungsgeschichte der (!) Menschen (!)" einzusetzen. So
ernsthaft ist es ihm mit der Absicht, jede politische Agitation
der Arbeiter, die diese mit richtigem oder vorgeblichem Wissen zu
einer Änderung ihres praktischen Handelos zu bewegen sucht, zu
verhindern, daß er jeden dieser Versuche als Dogmatismus und als
intellektuellen Hochmut beschimpft.
Da wir keinen Zweifel daran haben, daß die "naturwüchsige"
"wirkliche" Bewegung der Arbeiter nicht der proletarische Klas-
senkampf ist, der das Kapital beseitigt, wir also die Arbeiter an
ihrem falschen Umgang mit dem Kapital kritisieren, wozu es das
Wissen braucht, das bei MARX steht - und auch an diesem Wissen
keinen Zweifel haben, weswegen wir den Arbeitern nicht moralisch
kommen -, konnte es nicht ausbleiben. daß das Projekt uns mit dem
Vorwurf, Intellektuelle zu sein, bedacht hat.
"So sehr es nun richtig ist, daß die Intelligenz, will sie sich
der proletarischen Bewegung anschließen, sich erst einmal die
proletarische Anschauungsweise (!) zu eigen machen muß, um ihr
überhaupt Bildungselemente zuführen zu können, so falsch ist es,
die für Intellektuelle kennzeichnende Form der Einsicht in das
Kapitalverhältnis - das Studium der Marxschen Theorie - zu verab-
solutieren, indem unterstellt wird, daß Einsicht in die Bewe-
gungsgesetze des Kapitalismus n u r mit Hilfe des wissenschaft-
lichen Denkens erlangt werden kann. Ihr Nichtverstehen des Zusam-
menhangs von ökonomischen Formbestimmungen, sozialen Beziehungen
und Bewußtseinsformen macht sich hier in der Weise geltend, daß
sie den Denkprozeß selbst nicht als sozialen Prozeß begreifen,
indem sie am aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang herauslö-
sen, also die wissenschaftliche Tätigkeit absolut setzen. Damit
geben die Roten Zellen/AK ihre eigenen besonderen Bedingungen der
Emanzipation als Bedingungen des gesamten Proletariats aus"
/Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, 1/76, S. 147/,
Anders als das Projekt, das uns gerne zugestehen möchte, daß wir
uns durchaus mit MARX emanzipieren (! ) könnten - jedem das Seine
-, wissen wir allerdings, daß richtiges Wissen ein notwendiges
Mittel für den Klassenkampf ist und damit getrennt von diesem
nichts bewirkt. 8*) Und weil wir uns sicher sind, daß es auf die
Praktizierung der richtigen Einsicht durch das Proletariat an-
kommt, haben wir auch nicht das Problem, uns "e r s t
e i n m a l die proletarische Anschauungsweise (!) zu eigen zu
machen", wenngleich das Projekt dies bei uns gelesen haben will.
Umso deutlicher wird uns, welcher "soziale Prozeß" den Arbeitern
von diesen Arbeiterfreunden zugemutet wird. Die vorwurfsvolle An-
biederung, wir würden es nur mit dem Denken halten, ist die Be-
schimpfung der Arbeiter, daß Denken nichts für sie sei, weil sie
allein in der bürgerlichen Gesellschaft das bißchen Grips nicht
besitzen, das es braucht, um sich Erfahrungen zu erklären - und
der trostreiche Zuspruch, daß sie die schönen Erfahrungen machen
dürfen, die ihnen das Kapital beschert, wenn es sie ausbeutet.
So lautet der Vorwurf an uns auch nicht, daß wir die Arbeiter un-
nützerweise mit MARX belästigen würden, da sie bereits auf ande-
ren Wegen zur "Einsicht in die Bewegungsgesetze des Kapitals" ge-
langt wären, sondern es handelt sich um die Aussage, daß MARX
schädlich für das ist, was das Projekt den Arbeitern an segens-
reichen sozialen Prozessen des Kapitals an den Hals wünscht. Und
weil das stimmt, - MARX ist kein Mittel, den Arbeitern ihr vor-
handenes falsches Bewußtsein zu sichern -, geht das Projekt gegen
Wissenschaft vor. Zerstören gewöhnliche Revisionisten die Wissen-
schaft, indem sie aus dem Nutzen der Arbeiter einen theoretischen
Standpunkt machen, so geht BISCHOFF gegen Wissenschaft vor, um
sie als Mittel für die Arbeiter unbrauchbar zu machen.
Für einen Soziologen, der MARX in einen Systemtheoretiker verwan-
delt hat, steht nun die Erweiterung um die praktische Dimension
an. War sich MARX sicher, daß die Gesetze des Kapitals in nichts
anderem als im notwendigen praktischen Handeln von Kapitalisten
und Arbeitern bestehen und daß die Einsicht in diese Zwangsge-
setze das Mittel ist, das Arbeiter nötig haben, ihren Konkurrenz-
kampf so auszutragen, daß die Ausbeutung ein Ende hat, geht BI-
SCHOFF ganz anders zu Werk: mit Hilfe von Marxzitaten kümmert er
sich um das Handeln der Arbeiterklasse so, daß er die praktische
Konsequenz dieser Einsicht zum bewußtlosen Handeln und das be-
wußtlose Handeln zum bloßen Bewußtsein erklärt. So ist ihm wie
"jedermann offenkundig, daß Revolutionen nicht absichtlich und
willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zu jeder
Zeit die notwendige Folge von Umständen waren, welche von dem
Willen und der Leitung einzelner Parteien und ganzer Klassen
durchaus unabhängig sind" /Die Klassenstruktur der Bundesrepublik
1976, S. 11/.
Da diesem Jedermann offenkundig ist, daß Absicht nur Willkür sein
kann ist das Lob der proletarischen Revolution, gegen die ein BI-
SCHOFF nichts hat, ein Lob des festen Willens des Kapitals, der
keine Willkür ist, die Arbeiter in solche Umstände zu versetzen,
in denen ihnen, bewußtlos wie sie sind, kein anderer Ausweg als
die Revolution bleibt. Dieses sonderbare Lob des Kapitals, es
würde die Arbeiter nur ausbeuten, um gegen sich selbst vorgehen
zu können, ist der Zweck der Veranstaltung, mit der BISCHOFF die
praktizierte Konsequenz einer Einsicht in den bewußtlosen Nach-
vollzug der Umstände verwandelt, unter die das Kapital die Prole-
ten zwingt. Aus dem Klassenkampf der Proletarier wird eine Lei-
stung des Kapitals und aus einer bewußt vollzogenen Revolution
ein Willkürakt - der Widerstand der Arbeiter hat ein Akt ohnmäch-
tiger Bewußtlosigkeit zu bleiben: das Kapital besitzt die erfreu-
liche Wirkung, den Proleten den Gebrauch ihres Verstandes zu er-
sparen, es lehrt sie auch so Mores.
Wo schon die Arbeiter keinen Willen haben brauchen, demonstriert
ihnen BISCHOFF den seinen: da er der Ansicht ist, MARX habe nur
da, wo er von der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft
spricht, von der Tätigkeit der Kapitalisten und Lohnarbeiter ge-
handelt, zeigt er an der Behandlung dieses Gegenstandes, daß es
sein Wille ist, das Handeln der Individuen, in dem sie ihr Inter-
esse verfolgen, zweckmäßig und willentlich mit den Mitteln ihrer
Reproduktion umzugehen, zum bloßen Bewußtsein zu erklären.
So fällt BISCHOFF am praktischen Handeln der Menschen im Kapita-
lismus, solange sie mit Willen und Bewußtsein die Zwangsgesetze
des Kapitals exekutieren, ein, daß die Oberfläche zwar nichts mit
Handeln, Bewußtsein und Willen der Leute zu tun hat, daß es aber
neben der Produktion auch die Sphäre gibt, wo etwas verteilt
wird, woran ihm wieder bemerkenswert erscheint, daß es Gesell-
schaft historisch, aber auch als ewige Natur gibt.
"Sowie die der historisch bestimmten Produktionsweise entspre-
chenden Produktionsverhältnisse einen historischen, transitori-
schen Charakter aufweisen, so sind auch die Verteilungsverhält-
nisse von historisch gebundener, vorübergehender Natur, wenn-
gleich im gewöhnlichen Bewußtsein sich die Produktions- und Ver-
teilungsverhältnisse auch als Naturverhältnisse - Verhältnisse,
die aus der Natur aller gesellschaftlichen Produktion schlechthin
entspringen - darstellen mögen." /146/
Daß im "gewöhnlichen Bewußtsein" neben der Gewißheit vom
"transitorischen Charakter" des Kapitalismus, was für den Arbei-
ter bei der täglichen Wiederholung seines Arbeitslebens tröstlich
zu wissen sein mag, auch noch ein Naturverhältnis sich Geltung zu
verschaffen weiß, ist als Beweis eines falschen Bewußtseins die
Aussage von dessen Richtigkeit, bildet es doch nur das ab, was so
erscheint, wie es ist. Da sich in den Hirnen nur das darstellen
kann, was es gibt - ohne anzügliche Nebengedanken ist sich BI-
SCHOFF sicher, daß es neben der Sphäre, wo der Kapitalismus sich
transitorisch abmüht, auch die "menschliche (!) Produktion (!)
schlechthin (!)" gibt -, zeichnet sich das Bewußtsein wiederum
dadurch aus, daß es nur verkehrter Schein ist.
"Die Besitzer der Produktionselemente akzeptieren sich wechsel-
seitig als Käufer und Verkäufer, und daß die Bedingungen des
Kaufs und Verkaufs ihrer Waren durch tiefere Zusammenhänge be-
stimmt sein könnte, interessiert sie in ihrem praktischen Handeln
nicht. Insofern scheinen ihnen sowohl die Schwankungen in den re-
lativen Größenanteilen an der Gesamtrevenue als auch die soziale
Ungleichheit zwischen Lohn und Besitzeinkommen nur konsequenter
Ausdruck der durch freien und gerechten Handel zustande gekomme-
nen Preisbildung der Produktionselemente zu sein. Daß der sich im
Fortschritt der kapitalistischen Entwicklung verschärfende so-
ziale Kontrast zwischen der objektiven Welt des Reichtums und der
bedürftigen Subjektivität des lebendigen Arbeitsvermögens, wie er
in der Einkommens- und Vermögensverteilung sichtbar wird, auf ei-
nem Gegensatz der Produktionselemente, soweit sie als Wertquelle
fungieren, gründen könnte und daß schließlich dieser im Produkti-
onsprozeß sich geltend machende Widerspruch zwischen toter, ver-
gegenständlichter und lebendiger Arbeit schon im Zirkulations-
Prozeß gesetzt ist, durch den die Besitzer der Produktions-
elemente in Beziehung treten; eine solche Auffassung weisen die
in dem täuschenden Schein der Oberfläche der bürgerlichen
Gesellschaft befangenen Produktionsagenten als Klassenkampf-
propanda zurück" /167/.
Der Zurückweisung einer solchen Sorte von Propaganda schließen
wir uns gerne an, bringt sie es doch fertig, nicht den Schein der
Oberfläche, sondern die Oberfläche zum Schein zu erklären. Das
praktische Handeln von Kapitalist und Arbeiter, von dem selbst
ein BISCHOFF weiß, daß es mit dem Kauf und Verkauf ihrer Waren
erst anfängt, interessiert diesen nur soweit, als er hinter die-
sem einen tieferen Zusammenhang wittert: damit ist die Oberfläche
das, was sie nicht ist. Dies ist das Gegenteil einer Erklärung,
die am praktischen Handeln der Leute dessen Grund im Kapital auf-
findet-also die Identität der Oberfläche mit dem Kapital an deren
Unterschied nachweist - die Zusammenhanglosigkeit von Oberfläche
und Kapital wird behauptet!
Die Einkommens- und Vermögensverteilung ist für BISCHOFF eben
nicht die Existenz des Klassengegensatzes in einer bestimmten
Form, sondern hat mit diesem nichts zu tun, weshalb es auch der
Propaganda des tieferen Zusammenhangs bedarf, die allerdings
nicht die für den Klassenkampf ist.
Wem der Handel als so frei und gerecht erscheint, daß er die
"soziale Ungleichheit zwischen Lohn und Besitzeinkommen" nicht
als Konsequenz der G l e i c h h e i t gelten lassen möchte -
vielmehr erscheint dies nur den im "täuschenden Schein der Ober-
fläche" Befangenen so 9*) - der hat es bei der Oberfläche nur
darauf abgesehen, daß sie nicht die Oberfläche des Kapitals ist.
Das heißt freilich auch, daß das Kapital nicht das ist, was es
ist, was BISCHOFF dadurch beweist, daß er aus dem Gegensatz von
Lohnarbeit und Kapital die Gleichheit von Wertquellen macht!
Da die Oberfläche für ihn Schein ist und mit dem Kapital nichts
zu tun hat, zieht BISCHOFF einen weiteren Schluß. Der Schein
scheint nur so, das Schöne an der Oberfläche ist, daß sie so ist,
wie sie zu sein scheint.
"An der Oberfläche präsentiert sich (!) die bürgerliche Gesell-
schaft also einerseits als Leistungsgesellschaft, als ein Eldo-
rado der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, und das Alltags-
bewußtsein der Produktionsagenten ist von daher bestimmt" /152/.
Dieses Lob des "wahren Eldorado", das das Kapital den Arbeitern
täglich verschafft, malt BISCHOFF den Proleten breit auf die
Leinwand, um ihnen mit der Lüge, daß ihr mieser Lohn ihrer miesen
Leistung entspricht, die tägliche Zerstörung ihrer Existenz als
den "bequemen und liberalen Zustand", den sie auf Kosten des Ka-
pitals genießen, vorzurechnen.
"Die Gliederung der Produktion, die sich ableitet aus dem Besitz
und der Kombination von Produktionsfaktoren, bestimmt die Einkom-
men anteilig zu der im Produktionsprozeß erbrachten Leistung"
/148/.
"Die von den jeweiligen Produktionsfaktoren erbrachte Leistung
zieht eine funktionsgerechte (!) Beteiligung am Ertrag der Pro-
duktion nach sich." /151/.
Wenn BISCHOFF die Oberfläche besichtigt, dann entdeckt er an ihr
eben nicht die Durchsetzung der Ausbeutung, sondern die Wirklich-
keit der Ideologien, die vom Standpunkt der Konkurrenz und des
Staates erfunden worden sind. "Funktionsgerecht" geht es zu, wenn
der "Ertrag der Produktion" auf die Leute verteilt wird! Natür-
lich meint BISCHOFF hier wie überall, er hätte nur MARX paraphra-
siert, wenn er den Schein der Konkurrenz danach beurteilt, ob er
dem Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie gerecht wird.
Leider hat MARX aber dieses Problem nicht gehabt, als er dar-
legte, daß sich die Verwertung des Kapitals vom Standpunkt seiner
Agenten und Opfer etwas anders ausnimmt als im Lichte einer wie-
senschaftlichen Analyse. Daß die Leistung von Proleten nicht ge-
messen wird, um sie zu entlohnen, sondern um sie zur Mehrarbeit
zu zwingen, dürfte er im übrigen auch an den "Erscheinungen" be-
merkt haben, von denen BISCHOFF behauptet, sie würden den tiefe-
ren Zusammenhang vollständig verbergen.
Doch wollen wir BISCHOFF nicht unrecht tun: ein bißchen vom wah-
ren Charakter der bürgerlichen Gesellschaft eröffnet sich auch
ihm, und zwar dann, wenn er sich zur "oberflächlichsten Betrach-
tung" der ganzen Scheiße durchringt:
"Daß die Distribution selbst ein Produkt der Produktion ist,
nicht nur dem Inhalt nach, insofern nur die Resultate des Produk-
tionsprozesses verteilt werden können, sondern auch der Form
nach, insofern bestimmte Funktionen im Produktionsprozeß die For-
men der Beteiligung an der Verteilung bestimmen, daß also die
Gliederung der Distribution oder Einkommensverteilung vollständig
bestimmt ist durch die Gliederung der Produktion, zeigt selbst
die oberflächlichste Betrachtung der bürgerlichen Gesellschaft...
Arbeitslohn, Grundrente und Profit, wobei der Profit die Form des
industriellen oder kommerziellen Unternehmergewinns oder aber die
des Zinses annehmen kann, sind die drei Wertteile des jährlich
produzierten Gesamtwertes" /146 f./.
An den Sätzen fällt uns nur auf, daß erstens den Inhalt der Dis-
tribution ausmacht, daß immer etwas zum Verteilen da ist und daß
Luft gewöhnlich nicht gehandelt wird; daß zweitens der Markt
nichts weiter als eine erweiterte Fabrik ist, dessen sinnvolle
Gliederung auch nach dem Verlassen des Fabriktors BISCHOFF den
Arbeitern zusichert; daß drittens die Einkommensverteilung voll-
ständig durch die innere Gliederung der Fabrik bestimmt ist, in
der Kapital und Boden einen größeren Raum einnehmen, weswegen das
höhere Einkommen von Kapitalisten und Grundrentner nicht ein Ei-
gentumsverhältnis zur Grundlage hat, sondern aus der höheren Lei-
stung dieser Produktionsfaktoren in der Fabrik herrührt; so daß
viertens BISCHOFF den Blick der Arbeiter auf den nationalen
Reichtum richtet, von dem er zu berichten weiß, daß der jährliche
Bericht zur Lage der Nation diesen in Anteile dreier Klassen zer-
legt; wo schon die Bundesbank nur Gewinne von Arbeitern, Kapita-
listen und Grundrentnern ausweist, hat es der Prolet nicht
schwer, sich aus seinen Erfahrungen mit dem Kapital die Weisheit
zurechtzulegen, daß die Produktion die Distribution produziert!
Und diese Einsicht braucht der Arbeitsmann, weil sie das 51. Kap.
des Dritten Bandes auf die Phrasen der "Einleitung" herunter-
bringt!
Ist damit auch der oberflächlichsten Betrachtung - und nur dieser
- die Lösung der Streitfrage erleichtert, ob es sich bei der bür-
gerlichen Gesellschaft um eine Klassengesellschaft handelt, so
hat es BISCHOFF verstanden, seinem Nachweis alles Erschreckende
zu nehmen! Es geht in dieser so gegliedert, funktional und ge-
recht zu, wie es sich ein Apologet nur erträumen kann. Auch ver-
liert die Tatsache, daß die Arbeiter einen funktionalen Beitrag
zum jährlichen Wertprodukt leisten, weil sie sich nichts leisten
können, ihre Härten. Und daß es immer noch gerechter zugehen
könnte, wird der Prolet als Sorge verstehen, die sich ein BI-
SCHOFF nicht um ihn, sondern um diese Gesellschaft macht.
"Festzuhalten bleibt daß sich auch Phasen ökonomischer Prosperi-
tät an der Oberfläche der Gesellschaft eine Vertiefung (!) des
sozialen Kontrasts zwischen Armut und Reichtum sichtbar (!) wird,
die dem oberflächlichen Schein nach ihren Grund in einem qualita-
tiven Unterschied der Revenuen und der Revenuequellen hat" /156/.
Denn erstens ist der Reichtum der Grund für die Armut, nicht um-
gekehrt zweitens handelt es sich um eine bloße Verteilungsunge-
rechtigkeit und drittens liegt der qualitative Grund in der grö-
ßeren Leistungsfähigkeit von Kapital und Boden als Produktions-
faktor.
BISCHOFF ist also erfreut darüber, daß alles so ist, wie es ist,
beweist doch gerade die Tatsache, d a ß die bestehende Ge-
seUschaft Klassengesellschaft ist, dem Arbeiter, daß er sich, so
wie sie e r s c h e i n t, um sie zu kümmern hat.
Da BISCHOFF sich nicht die Sorgen der Arbeiter macht, sondern
sich Sorgen um ihre Sorgen macht, steht die Krönung dieses Offen-
sichtlichkeitsbeweises der Klassengesellschaft noch aus: das
Schöne an der kapitalistischen Klassengesellschaft ist, daß
diese, weil das Kapital ein Klassengegensatz ist, den Arbeitern
die Mühe abnimmt, diesen Gegensatz begreifen zu müssen. Weil es
ein "wirkliches" Klassenverhältnis ist, kann das Kapital den
Klassenkampf initiieren, in dem es sich sein dringendstes Bedürf-
nis, sich selbst aufzuheben, erfüllt!
Dennoch hat es das Kapital soweit noch nicht gebracht: mit seinem
"Oberflächenbild" hat es mehrere Möglichkeiten eröffnet für die
Betrachtung des Werts:
"Es ist also ein Charakteristikum des Oberflächenbildes der bür-
gerlichen Gesellschaft, daß der Wert oder Preis einmal betrachtet
werden kann unter dem Aspekt der Zerfällung in die Revenueformen
von Lohn, Profit und Rente, wie sich also eine vorgeschobene Sub-
stanz in bestimmte Formen auflöst, und daß andererseits die Sub-
stanz des zur Verteilung gelangenden Werts aus der Addition der
respektiven Wertteile der Revenuen erklärt werden kann" /160 f./.
Ohne einen Gedanken daran, daß manche Leute andere Sorgen drücken
als die Wertzerfällung in Revenueanteile, bespricht BISCHOFF die
Alternative zwischen den Vulgärökonomen und MARX, freilich ohne
dogmatisch zu behaupten, die Erklärung der ersteren sei falsch
und identisch mit ihrer Sorge, die sie sich um die Verwertung des
Kapitals machen. Weil dies weder mit MARX - der wußte, wen er da-
mit kritisierte - noch mit dem Bewußtsein und Handeln des Arbei-
ters zu tun hat - auch ein BISCHOFF weiß, daß ein Prolet kein
Vulgärökonom ist-, ist hier nichts weiter als das Interesse aus-
gesprochen, aus der Veränder b a r k e i t des Kapitalismus ein
Problem zu machen, das dieser selbst erzeugt.
Weil BISCHOFF sich sicher ist, daß es das falsche Bewußtsein der
Arbeiter gibt - da er dies immer wieder erfreut als das Lob der
Arbeiter ausspricht und er jede Kritik des Arbeiterbewußtseins zu
beschimpfen weiß, kann man wissen, wofür dieses Lob taugt -, läßt
die Oberfläche, die manchen Blick auf die Gliederung der Produk-
tion freiläßt, gerade auch alles unerkennbar werden.
"Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich
an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft darbietet, zeigt
also einen Zusammenhang zwischen den Revenueformen und den Quel-
len der Revenuen. Wenn auch die Oberfläche der bürgerlichen Ge-
sellschaft selbst noch den Blick freiläßt auf den Zusammenhang
von Revenueformen und Gliederung der Produktion, so (!) hegt in
dieser Erscheinungsform (in der alles erscheint, wenn dieses al-
les zwar auch nicht das Kapitalverhältnis, sondern das, was ein
BISCHOFF in ihm sehen möchte, ist!) jedoch (!) begründet, daß die
Form der Produktion und daher auch die der Verteilung als natur-
gemäße, unhistorische Form verstanden wird" /148/.
Da weder die Einsicht in "den Zusammenhang zwischen den Revenue-
formen" noch der Schein, die bürgerliche Gesellschaft als Natur
betrachten zu müssen, etwas mit den Erfahrungen zu tun hat, die
das Kapital den Proleten täglich verschafft, es sich dabei also
gar nicht um das falsche Bewußtsein der Arbeiter handelt, ist die
gegebene Erklärung die feste Absicht, es bei diesem zu belassen;
denn das, was ein BISCHOFF vorhat, rechnet mit dem falschen Be-
wußtsein der Arbeiter. Es ist das politische Programm der BI-
SCHOFF-Clique, am Kampf der Arbeiter gegen das Kapital nur dessen
beständiges Scheitern zu sichern und das existente falsche Be-
wußtsein zur Vorschrift für das Handeln der kommunistischen Bewe-
gung zu machen. Immer geht es ihnen um den Erhalt des falschen
Bewußtseins, das Arbeiter haben, gegen die Erfahrungen, die ihnen
täglich aufgezwungen werden.
"Angesichts dieser Verhältnisse besteht die H a u p t a u f-
g a b e sozialistischer Politik in der Bundesrepublik darin, die
Herausbildung der Solidarität unter den verschiedenen Fraktionen
der Arbeiterklasse zu b e s c h l e u n i g e n und auf das
gemeinsame Handeln ihrer verschiedenen gewerkschaftlichen
Assoziationen und politischen Organisationen hinzuwirken. Dies
ist nur möglich auf der Basis einer solchen politischen Partei,
die an dem Ziel der Aufhebung des Kapitalverhältnisses festhält
und gleichzeitig eine entschieden n i c h t s e k t i e r e-
r i s c h e P o l i t i k betreibt, welche die A k t i o n s-
e i n h e i t der Arbeiterklasse fördert, indem sie jeden (!)
faktischen Ausgangspunkt der allgemeinen Bewegung der Klasse, so
beschränkt und unklar er auch sei, a k z e p t i e r t und die
entsprechenden Forderungen unterstützt, um andererseits durch das
Aufzeigen ihrer Begrenztheit allmählich nachzuweisen, daß began-
gene Fehler und erlittene Schlappen der Bewegung die Folge noch
unzureichender Einsicht in die soziale Lage der Klasse und den
Gang ihrer Emanzipation waren. Auf diese Weise wird der
Lernprozeß der Klasse durch die bereits bewußteren Teile des
Proletariats wirksam unterstützt - keineswegs aber durch Ver-
suche, die Erfahrungen der Massen und ihre Verarbeitung durch das
Predigen sozialistischer Dogmen oder kommunistischer Modelle zu
ersetzen." /Klassenstruktur der BRD, 1976, S. 169/.
Das Lob der "Aktionseinheit der Arbeiterklasse" gilt der Einheit,
die ihr das Kapital verschafft; BISCHOFF verspricht der geliebten
Klasse viele Lernprozesse, die sie sich vom Kapital besorgen las-
sen kann. Die gemeinsamen (!) Schlappen, die das Kapital der von
ihm geeinten Klasse beschert, haben es ihm so sehr angetan, daß
er jede Kritik an den die Arbeiter fest zusammenschließenden Op-
fergängen als Sektierertum verabscheut.
BISCHOFF macht sich also aktiv Sorge um das falsche Arbeiterbe-
wußtsein, indem er leugnet, daß es ein Bewußtsein ist, dem mit
richtiger Einsicht beizukommen ist. Weil es eine Bewußtseinslei-
stung der Proleten ist, am falschen Bewußtsein festzuhalten, wenn
Kapital und Staat die ihnen feindliche Wahrheit permanent gegen
sie praktizieren, besteht auch die Gefahr, daß sie sich durch Ar-
gumente von ihrer Unterwerfung abbringen lassen. Und für eine Ge-
fahr hält dies auch BISCHOFF, weswegen er diesbezügliche Versuche
als "Predigen sozialistischer Dogmen" ablehnt.
Sein Interesse am falschen Bewußtsein der Arbeiter beweist er
nicht nur damit, daß er alle Organisationen der Arbeiterbewegung
zu Produkten des Kapitals macht, um sie in ihrem Handeln dazu zu
bringen, sich auch als Produkte des Kapitals zu verhalten, son-
dern auch dadurch, daß er sein Arbeitercredo verkündet: das Be-
wußtsein der Arbeiter ist nicht falsch, sondern zwieschlächtig:
"An der Oberfläche präsentiert sich die bürgerliche Gesellschaft
also einerseits als Leistungsgesellschaft, als ein Eldorado der
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, und das Alltagsbewußtsein
der Produktionsagenten ist von daher bestimmt. Auf der anderen
Seite besteht indes auch kein Zweifel über die Ungleichheit (!)
der verschiedenen Revenueformen (es kann nur einem BISCHOFF ein-
fallen, sich auszudenken, der Arbeiter könnte auf den Einfall ge-
kommen sein, er würde als Kapitalist bezahlt!)." /152/
Die Beobachtung dessen, was sich so alles widersprüchlich im Hirn
des Arbeiters geltend machen soll, hat es, da nicht auf den In-
halt des Arbeiterbewußtseins, auf das bloße Faktum abgesehen, daß
es das Kapital ist, das sich in den hirnlosen Köpfen der Proleten
Geltung verschafft. Es ist die Registrierung dessen, wie weit das
Kapital seinen Prozeß der eigenen Selbstaufhebung bereits den Ar-
beitern eingebleut hat - weshalb das Projekt neuerdings dem alten
MARX mit Statistisk unter die Arme greift- und zeigt so, daß die
interessierte Beobachtung eines Arbeiterfreundes das Desinteresse
am Arbeiter ist.
"Schon in der Zusammenfassung nur weniger, die ökonomische Struk-
tur der Gesellschaft betreffenden Fragen ist zu erkennen, daß die
Wahrnehmung dieser Struktur durch die Gesamtbevölkerung ebenso
wie durch die Arbeiter durch eine spezifisch widersprüchliche
Form gekennzeichnet ist. Obwohl die Mehrheit sowohl die Einkom-
mens- als auch die Vermögensunterschiede in der BRD als kraß, un-
berechtigt und auf antagonistischen Produktionsverhältnissen be-
ruhend bezeichnet (40% sind der Ansicht, große Vermögen entstehen
durch Anwendung fremder Arbeitskraft)," (allein für diese Klammer
verdiente das Projekt den ersten Preis unter Marxologen!) "läßt
dieses Wissen noch keinen dominierenden Einfluß auf die Orientie-
rung an bürgerlichen Wertvorstellungen erkennen, die sich in den
idealen Bildern von Leistung (Eigentum), Freiheit und Gleichheit
niederschlagen und sowohl den Arbeitern als auch der übrigen Be-
völkerung als wesentliche Merkmale der gesellschaftlichen Trieb-
federn im Bewußtsein sind. Diese Vorstellungen konnten sich ange-
sichts der langen Wachstumsperiode der Wirtschaft" (zwar gibt es
nicht Kapital und Lohnarbeit, aber die Wirtschaft!) "in der BRD,
der kontinuierlichen Ausdehnung des Lebensstandards auch der ar-
beitenden Bevölkerung" (was dieser nichts gekostet hat!) "durch
Erweiterung des Reallohns und Ausbau sozialer Leistungen derart
verfestigen, daß selbst in dem Moment, wo Stockungen in der bis-
her kontinuierlichen Entwicklung der Lohneinkommen auftreten, wo
Unsicherheit des Arbeitsplatzes wieder zum erstrangigen Problem
wird," (in den "bequemen Zeiten" war das Kapital nur zur Sicher-
heit der Arbeitsplätze da!) "die einzelnen festhalten an der Vor-
stellung von der Kontinuität des Reproduktionsprozesses," (so
freut sich der Arbeiter, wenn er nichts kaufen kann, daran, daß
Kauf und Verkauf kontinuierlich weitergehen!) "an dem alle Teile
der Gesellschaft im Maß der selbst erbrachten Leistung beteiligt
sind" (und das meint das Projekt wirklich!) /Beitr. zum wiss. So-
zialismus, Sonderheft S. 92/.
So macht sich BISCHOFF nur eines von den Arbeitern zu eigen, näm-
lich deren Unterwerfungsbereitschaft noch in der Krise und er-
klärt uns so, was es mit einem arbeiterfreundlichen Projekt auf
sich hat, dem zu unserer Kritik an der DKP, sie betreibe eine Po-
litik vom Standpunkt des Staatsbürgers aus, nur die "Dämlichkeit"
einfällt, wir würden die DKP demnach von "einem Standpunkt außer-
halb der bürgerlichen Gesellschaft" /Beitr. z. wiss. Sozialismus
3, S. 224/ kritisieren, unfähig des einfachen Gedankens, daß eine
kommunistische Partei den Standpunkt des Arbeiters praktiziert.
Hat also die Sorge um die "Entwicklung des Arbeiterbewußtseins" -
und das ist identisch mit einem Verbot, dieses falsche Bewußtsein
zu kritisieren - zum einzigen Inhalt die Sorge, ob sich das Kapi-
tal in seinem Drang zur Selbstaufhebung den Proleten auch genü-
gend verständlich macht, so erweist sich die Bemühung, die BI-
SCHOFF zur Feder greifen läßt, als die bloße Sorge um das Wohler-
gehen des Kapitals. Im Unterschied zu normalen Apologeten, die
den Klassengegensatz leugnen und sich darin der praktizierten
Durchsetzung des Kapitals gegen die Arbeiter sicher sind, preist
BISCHOFF den Arbeitern die praktizierte Gewalt des Kapitals gegen
sie als Mittel ihrer Befreiung an. Mit der Sorge, daß sich das
Kapital noch nicht genügend gegen die Arbeiter durchsetzen kann,
um sich selbst aufzuheben, wendet sich BISCHOFF an die Arbeiter -
so reicht ihm die tägliche Zerstörung im Produktionsprozeß nicht
aus, in diesen "bequemen und liberalen Zeiten" geht das Kapital
vielmehr zu liberal und bequem mit den Proleten um - und fordert
sie zu mehr Aktivität und williger Beihilfe zu dem Geschäft auf,
sich selbst kaputtzumachen, um sich vom Kapital "sozial emanzi-
pieren" zu lassen.
So lautet der Vorwurf an die Regierungspartei, die täglich zeigt,
auf Kosten welcher Klasse sie die Krise und den Aufschwung bewäl-
tigt, auch, sie habe sich in der Krise hilflos gezeigt, hat sich
die SPD doch den Teufel darum geschert, für dieses ihr Geschäft
noch die freiwillige Unterstützung der Arbeiter zu erhalten, die
BISCHOFF ihr erst noch sichern will. Daß das Verwirrspiel, das
BISCHOFF um das bewußtlose Bewußtsein der zwieschlächtig bewußten
Arbeiter aufführt, den einzigen Zweck hat, den Proleten die Sor-
gen um das Kapital als ihr eigenes Interesse aufzuschwatzen,
stellt das Projekt auch in einem Aufruf dar, in dem es zur Wahl
der DKP auffordert. Dieser Sorgen hat sich das Kapital allerdings
in seinem Vorgehen gegen die Arbeiter längst entledigt; es reicht
ihm durchaus, die Ausbeutung zu praktizieren, statt sich dabei
durch die freiwillige Unterstützung von Gewerkschaft und Arbei-
tern in dieses Geschäft hineinpfuschen zu lassen.
"Die Mehrheit der Arbeiterklasse ist durch diesen offenkundigen
Einbruch (!) des grundlegenden Merkmals des Kapitalismus - die
Unsicherheit der Lebenslage der Arbeiter - in die Idylle (!) der
sozialen (!) Marktwirtschaft überrascht (!). Es hat sich ein
deutlich illusionäres (!) Bewußtsein herausgebildet" /Beitr. z.
wiss. Sozialismus, Sonderheft, S. 158/.
Da ein "illusionäres Bewußtsein", dem das Fertigmachen der Arbei-
ter nicht nur im Produktionsprozeß als "Idylle der sozialen
Marktwirtschaft" erscheint, einem BISCHOFF nicht ausreichen will,
um die Fortexistenz des Kapitalismus, damit seiner Zerstörung zu
garantieren, droht BISCHOFF den Arbeitern erst einmal. Angesichts
des "drohenden Einbruchs des grundlegenden Merkmals des Kapita-
lismus" in die kapitalistische Gesellschaft haben sich diese ge-
fälligst klarzumachen, was sie im normalen Gang der Ausbeutung an
erfreulicher Perspektive in ihr haben. Der Gegensatz zwischen Ka-
pitalismus und Krise, den das Projekt hier auftischt, ist eine
interessierte Erfindung, deren Zweck in der andernorts vom Pro-
jekt immer wieder hämisch als Illusion bezeichneten Annahme, den
Kapitalismus könne es ohne permanente Krisen geben, zum Ausdruck
kommt: weil die Arbeiter am Kapitalismus bereits den erfreulichen
Zustand haben, über ihn hinaus zu sein, gilt es sie dazu anzusta-
cheln, sich ein weniger illusionäres Bild von der Krise zu ma-
chen! An der "Unsicherheit" ihrer Lebenslage zeigt sich nicht die
Ernsthaftigkeit im Vorgehen des Kapitals gegen die Arbeiter, son-
dern die Gefährdung s e i n e r Existenz.
So kommt einer, dem ausgerechnet der Klassenfeind als Garant der
proletarischen Revolution gilt, zu einem Lob des Kapitals, das
zwar verrückt, aber nicht uninteressiert ist, enthält es doch die
Aufforderung an die Proleten, aus ihrer Reproduktion die Berech-
tigung des Kapitals zu deduzieren:
"Diese nur durch die Quantität gesetzte qualitative Beschränkung
des Kreises seiner Bedürfnisse gibt den Arbeitern im Gegensatz zu
vorbürgerlichen Produktionsweisen eine besondere Wichtigkeit als
Konsumenten, und auf dieser (!) Seite des Verhältnisses von le-
bendiger Arbeit zu den gegenständlichen Produktionselementen be-
ruht die historische Berechtigung, wie die gegenwärtige Macht des
Kapitals... Diese an sich in der Form der Revenue des Arbeits-
lohns eingeschlossene Tendenz der Erweiterung des Umkreises der
Bedürfnisse der unmittelbaren Produzenten wird noch verstärkt,
wenn in Zeiten ökonomischer Prosperität der Anteil des Lohns ge-
genüber den anderen Revenuen gesteigert werden kann. Doch auch
die in bestimmten Phasen der ökonomischen Entwicklung mögliche
Erweiterung des Kreises der Genüsse auf Seiten der Besitzer des
Produktionsfaktors Arbeit hebt weder den Umschlag der quantita-
tiven Schranke im Lohn in eine qualitative im Sinne einer zuneh-
menden Ungleichheit (!) in der Einkommensverteilung auf, noch än-
dert es etwas an der Tatsache, daß die Minimalgrenze des Lohns
durch ein Naturgesetz geregelt ist" /155/.
So beweist eine qualitative Beschränkung, die es nur quantitativ
gibt, die aber aus der Quantität zu gewissen Zeiten in eine qua-
litative umschlägt, (was man aber nur sieht am quantitativen
U n t e r s c h i e d in den Einkommen von Kapitalisten und Ar-
beitern), das untrügliche Gespür eines BISCHOFF, aus jedem Anlaß,
MARX zu zitieren, einen Anlaß zu machen, sein Lob des Kapitals
nicht zu verschweigen. So soll sich der Arbeiter doch nur an die
Steinzeit erinnern (da wurde er nicht einmal als Lohnarbeiter ge-
braucht), um zu ermessen, wie ernst er im Kapitalismus als Lohn-
arbeiter genommen wird. Die freiwillige Abgabe von Lohntüten, in
denen "die Tendenz der Erweiterung des Umkreises der Bedürfnisse
eingeschlossen" ist, zeigt den Weitblick des Kapitalisten, dem
jede Beschränkung fern liegt. Aber damit nicht genug: von Zeit zu
Zeit beweist der Kapitalist durch Lohnerhöhungen, wie sehr er den
Arbeiter als "Konsumentenpersönlichkeit" schätzt. Selbst da, wo
er in seinen alten Adam zurückzufallen droht und den Arbeiter
einstellt, weil er von diesem etwas ganz anderes verlangt als den
Genuß von Sekt und Kaviar, ist im Kapitalismus für die Proleten
gesorgt. Sollte er die verrückte Absicht haben, den Arbeiter ver-
hungern lassen zu wollen - wozu sollte er dies auch w o l l e n?
- klopft ihm die Natur gesetzlich auf die Finger.
So ist der Beweis, wie gut es die Proleten mit dem Kapital ge-
troffen haben, das Mittel, diese dazu zu bewegen, auch den schär-
feren Mitteln, die das Kapital für sie bereithält, die aktive
Mithilfe nicht zu versagen, um das Kapital zu der Leistung anzu-
spornen, sich nicht nur halbherzig gegen die Arbeiter durchzuset-
zen, denn nur dann kann es sich die eigene Überflüssigkeit bewei-
sen.
Da BISCHOFF weiß, daß seine Sorge berechtigt ist, ob das Kapital,
indem es als Kapital handelt, auch diesen seinen Zweck im Auge
behält, agitiert er die Arbeiterorganisationen, die Rationalität,
die der Kapitalist vielleicht vergessen möchte, sich zur eigenen
Aufgabe zu machen, indem er sie auf
"das strikte Verfolgen nichtsektiererischer Politik der Aktions-
einheit, um so rasch, so rationall und so human (die Humanität
des Kapitals scheint gesickert!) wie möglich die politische Form
der sozialen Emanzipation der Arbeiterklasse zu etablieren" /Die
Klassenstruktur der BRD 1976, S. 169/
festlegt.
Wider die Fühllosigkeit der Massen, denen, weil es ihnen dreckig
geht, ihr Leben wie Milch und Honig erscheinen muß, führt BI-
SCHOFF die Hoffnung auf die Sauereien ins Feld, mit denen das Ka-
pital sie ständig fertigmacht. Wenn diese Sauereien das normale
Schicksal der Arbeiter in Prosperität und Krise sind, was auch
ein BISCHOFF weiß, so weiß er gerade deswegen der Krise ein be-
sonderes Lob abzugewinnen, zeigt sie doch in besonders eindrucks-
voller Weise, daß die schönen Seiten des normalen Kapitalismus
erst in der "Veränderung" so richtig schön werden.
"In den periodisch wiederkehrenden Krisen zerrinnt das Phantom
der Güterwelt (!), erscheint das materielle Produkt des gesell-
schaftlichen Reproduktionsprozesses als verschwindende und be-
ständig wiedererzeugte Objektivierung der gesellschaftlichen Ar-
beit, verlieren die mannigfaltigen Formen der Revenue, unter
denen verschiedene Klassen ihr Anteil am gesellschaftlichen
Reichtum zufließt, ihre scheinbare Selbständigkeit. Die Verände-
rungen in den Bewußtseinsformen, Anschauungsweisen und Vorstel-
lungen erhalten tendenziell eine den allgemeinen Charakter des
gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses selbst in Frage stel-
lende Qualität" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft, s. 87/.
So verhilft die Arbeitslosigkeit zwar nicht zu der Einsicht, daß
die gesellschaftliche Objektivität der Arbeit darin besteht, nur
dann einen beschränkten Nutzen von ihr zu haben, wenn dies dem
Kapital nützt, das einen zugrunderichtet; aber sie verschafft
dem, dem das materielle Produkt in dem Moment verschwunden ist,
wo er vom Kapital in die freie Konsumtion und Güterwelt entlassen
wird, das stolze Gefühl, daß "das materielle Produkt des gesell-
schaftlichen Reproduktionsprozesses verschwindende und beständig
wiedererzeugte Objektivierung der gesellschaftlichen Arbeit" ist.
Und da sich in der Krise zeigt, daß es auf Arbeit nur fürs Kapi-
tal ankommt, beweist BISCHOFF schlagend an ihr, daß gerade deswe-
gen alles im Kapitalismus für die Arbeiter da ist, überläßt doch
das Kapital den Arbeitern großzügig nicht nur das Wiedererzeugen,
sondern noch dazu das Verschwindenlassen des materiellen Pro-
dukts, wozu uns als philologische Nebenbemerkung einfällt, daß
BISCHOFFs Sätze über Kapital, Boden und Arbeit als Produktionse-
lementen aus einer seiner noch nicht krisenhaften Bewußtseinsfor-
men stammen müssen.
Während Vertreter bürgerlicher Wissenschaft sich in vielfältiger
Weise Sorgen um die Arbeiter machen, weil sie es auf das Wohl des
Kapitals abgesehen haben und Wissenschaft als die Erfindung ef-
fektiverer Strategien betreiben, die von ihrer Arbeit schlecht
lebenden Staatsbürger zur Zustimmung zu dem, was gegen sie geht,
zu bringen, kommt BISCHOFF zum gleichen Ergebnis auf entgegenge-
setztem Weg, wenn er in der Krise die Qualität des gesellschaft-
lichen Reproduktionsprozesses gefährdet sieht. Er macht sich Sor-
gen um den reibungslosen Verlauf der Kapitalverwertung, weil er
das Wohlergehen des Arbeiters, das er durch das Kapital gewähr-
leistet sieht, im Auge hat. Daß die "Existenzsicherung" des Lohn-
arbeiters die permanente Zerstörung des Arbeiters ist, gibt BI-
SCHOFF Anlaß, die Gegnerschaft des Kapitals gegen die Proleten zu
deren Wohl nutzen zu wollen. BISCHOFF läßt keinen Zweifel daran,
daß ihm noch die säuischste Aktion des Kapitals gegen die Prole-
ten gut genug ist - je schlimmer, desto besser - seine Liebe zum
Proletariat daran zum Ausdruck zu bringen. BISCHOFF ist hierin
Arbeiterfreund, also Feind der Arbeiter und Gegner kommunisti-
scher Politik, als der er sich beständig literarisch qualifi-
ziert.
Wenn Arbeiterfreunde allerorten dem Arbeiter ihre Bewunderung für
seine miserable Frage aussprechen, so ist dies die Freude über
Proleten, die es fertig bringen, gegen die Erfahrungen, die das
Kapital ihnen verschafft, ihren Gegensatz zum Kapital nicht als
Gegensatz auszutragen. Wenn BISCHOFF den gerade in der Krise
machtvoll agierenden Kapitalismus in seine Schwäche umlügt:
"Die Spannung dieses ökonomischen Antagonismus, auf dem gegenwär-
tig unser Lebensprozeß noch beruht, läßt keinen Zweifel daran,
daß die Klassengesellschaft der BRD im Begriff ist, aus den Fugen
zu geraten" /Die Klassenstruktur der BRD 1976, S. 164/,
so ist dies nur die andere Seite der Bemühung, im Verzichtsappell
auf den Klassenkampf den Klassenkampf als Mittel für das Kapital
zu propagieren. Daß es das Kapital nur als Gewalt gegen die Ar-
beiter gibt, es ihm darin nur auf die Arbeiter ankommt, wird BI-
SCHOFF zum Anlaß, den Vollzug des Zwangs als das Interesse des
Arbeiters auszugeben. Er ist Lobredner des Kapitalismus, aller-
dings ein verrückter.
"In der bürgerlichen Gesellschaft werden die wirklichen Quellen
des Reichtums erschlossen (für wen wohl?), wird die allgemeine
Arbeitsamkeit (!) gesetzt ... Durch diese Entwicklung der schöp-
ferischen Anlagen innerhalb eines sich stets erweiternden und um-
fassenden Systems von Arbeitsarten, denen ein stets erweitertes
und umfassenderes System von Bedürfnissen entspricht, wird es
erst möglich, Arbeit als allgemeine, reichtumschaffende Tätigkeit
zu denken" /318/.
Wo normale Soziologen sich die Sorgen des Kapitals machen, weil
die allgemeine Arbeitsamkeit ganz schön gegen die Arbeiter geht
und sich den Kopf zerbrechen, wie man den Arbeitern die Beschrän-
kung der "schöpferischen Kreativität" am Fließband aushaltbar
macht und wie das "Bedürfnis" der Arbeiter nach dem Fließband ge-
steuert werden kann - das Kapital hat dafür allerdings seine pro-
baten Mittel-, ist das Loblied eines BISCHOFF, daß der Kapitali-
mus im Grunde im Interesse der Arbeiter wirke, reichlich absurd.
Die Lösung der Schwierigkeiten, die sich das Kapital bei den Ar-
beitern einhandelt, weil es mit der Arbeit anders umspringt, als
sie "als allgemeine, reichtumschaffende Tätigkeit zu denken (!)",
erfordern ganz andere Anstrengungen als dieses begeisterte Lob,
weswegen BISCHOFF gerade wegen seines hemmungslosen Lobs bei Ka-
pitalisten auch nicht landen kann. Zumal die auch nicht das Pu-
blikum sind, das er für die Segnungen des Kapitals begeistern
will; er hält es mit den Linken, denen er jetzt beweist, daß auf
der Oberfläche kein Klassenverhältnis erscheint, weil, wo nichts
ist, auch nichts erscheinen kann.
"Da die Konkurrenz unter den Besitzern der Produktionselemente
kein Klassenverhältnis offenbart (BISCHOFF bleibt Bischof!) und
da die Revenuen auf die stofflichen Produktionselemente als ihre
Quellen bezogen werden, ist das der Oberflächenstruktur verhaf-
tete Alltagsbewußtsein der Produktionsagenten geneigt, die so-
ziale Ungleichheit als naturgemäße oder funktionale Form der Ver-
teilung gemäß den in der Produktion erbrachten Leistungen anzuer-
kennen" /168/.
So unterscheidet sich das Lob eines BISCHOFF auch von den gängi-
gen Apologien durch eine weitere Verrücktheit: während diese aus
den Mängeln die notwendigen Kosten machen, die der Arbeiter zu
tragen hat, damit er sich diese schöne Welt samt ihren Mängeln
leisten kann, reduziert BISCHOFF das Lob des Kapitalismus nur auf
das Lob eines Mangels, den er als einzigen festzustellen vermag:
soziale Ungleichheit.
Denn gäbe es diesen Mangel nicht, so würde sich das Kapital
schwer tun, im Zuge seiner Selbstaufhebung die Arbeiter bewußtlos
in eine Revolution hineinzureiten, die den Kapitalismus erst zu
dem macht, was er immer schon ist - eine Verteilungsgesellschaft,
nun aber eine gerechte. Deshalb ist es keineswegs verwunderlich,
daß ihm zur Erzielung von mehr Verteilungsgerechtigkeit ausge-
rechnet die proletarische Revolution einfällt.
"Die wirklich wissenschaftliche Analyse löst den Widerspruch zwi-
schen Armut und Reichtum dahingehend aus, daß sie die Ungleich-
heit in der Einkommensverteilung als Ausdruck eines verschleier-
ten (!) Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisses der vergegen-
ständlichten über die lebendige Arbeit nachweist und daß daher
eine Veränderung der Verteilungsweise nur im Zuge einer Revolu-
tionierung der Produktionsweise herbeigeführt werden kann" /169
f./.
Wenn nur die Revolution die gerechte Einkommensverteilung zwi-
schen Arbeiter- und Kapitalistenklasse garantiert, ergänzt sich
die Agitation der Arbeiter, sich diese und nur diese Revolution
zu Herzen zu nehmen, mit dem Appell, in der Gewalt des Kapitals
und in den Niederlagen, die diese bei solchen Klassenkämpfen der
Arbeiterbewegung immer wieder bereitet, die Heraufkunft der Revo-
lution zu sehen. Die erlogene Freude eines BISCHOFF über den dem
Kapital angedichteten Zwang, in seiner Durchsetzung gegen die Ar-
beiter die größere Verteilungsgerechtigkeit nicht vermeiden zu
können, ist die Freude, die ein Klassenfeind über das falsche Be-
wußtsein der Arbeiter empfindet, das es diesen ermöglicht, mit
ihrer Abhängigkeit vom Kapital zurechtzukommen, obwohl ihnen täg-
lich vorgeführt wird, daß es kein Zurechtkommen für sie gibt.
Unzufrieden ist BISCHOFF mit den Arbeitern allerdings aus dem
gleichen Grund: das Sich-Abfinden der Arbeiter ist ihm nicht ak-
tiv genug, stehen sie doch der Gewaltexekution, die das Kapital
an ihnen vollzieht, ohne rechte Begeisterung gegenüber und finden
in normalen Zeiten keinen Anlaß, gegen die gewaltsam vorzugehen,
die den existenten Klassengegensatz als Klassenkampf austragen
wollen, was BISCHOFF Anlaß für Sorge und Agitation ist. So unter-
scheiden sich bürgerliche und kommunistische Politik für BISCHOFF
auch nicht in ihrem unterschiedlichen Zweck, sondern in dem ver-
schiedenen Grad der Illusionen, die beide sich bei der Verfolgung
des gleichen Ziels, des Kapitals m i t Verteilungsgerechtig-
keit, machen.
"Neben der Auffassung, in der die soziale Ungleichheit in der
Einkommensverteilung als notwendiger und damit gerechter Ausdruck
der erbrachten produktiven Leistungen angesehen wird," (ein schö-
nes Lob: wer in seinem politischen Handeln die soziale Ungleich-
heit permanent notwendig m a c h t, dem erscheint dies als not-
wendiger Ausdruck!) "findet sich auch die Vorstellung, in der
mehr oder minder dezidiert die geschichtliche Bestimmtheit und
Ungerechtigkeit der Distribution eingeräumt wird (weil es ihr auf
die leistungsgerechte Produktion ankommt!) und aus der sich eine
Motivation dieser Produktionsagenten in Bezug auf ein auf Versöh-
nung von kapitalistischer Produktionsweise und Einkommensvertei-
lung gerichtetes Handeln ergibt. Daß dieses auf Modifikation der
Distribution im Besonderen und auf soziale Reform im Allgemeinen
gerichtete Handeln die unterschiedlichsten Formen annehmen kann,
versteht sich von selbst. Schließlich entwickelte sich neben die-
sen beiden Bewußtseinsformen noch die Vorstellung, daß die be-
stimmte Form der Distribution der bürgerlichen Gesellschaft bloß
die Kehrseite des Produktionsprozesses ist, daß es zur Beseiti-
gung der sozialen Ungleichheit in der Einkommensverteilung daher
(!) einer neuen Form der Organisation gesellschaftlicher Arbeit
bedarf und daß die bürgerliche Produktionsweise selbst noch
(trostreich) die materiellen und geistigen Bedingungen für diese
Reorganisation des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur her-
vorbringt." /168/.
Mit solchen erfreulichen Berichten über das, was der Kapitalismus
in Sachen "Entwicklung" von Vorstellungen zuwege bringt, wartet
einer auf, der sich aus Zitaten von MARX über die trinitarische
Formel, Vulgärokonomie, klassische politische Ökonomie und über
den wissenschaftlichen Sozialismus das Instrumentarium bereitet,
welches es ihm erspart, irgendeine Vorstellung zu kritisieren.
Die diversen Vorstellungen der Leute im Kapitalismus über diesen
und ihre Stellung in ihm werden schlicht zu "drei Formen des
theoretischen Reflexes bestimmter Bewußtseinsformen von dem die
bürgerliche Gesellschaft charakterisierenden Gegensatzes zwischen
Armut und Reichtum", und flugs sind Agenten des Staates (und ihre
Anhänger), die es auf soziale Reformen abgesehen haben, nicht
etwa an der Fortsetzung und A b s i c h e r u n g der Ausbeu-
tung interessiert ("Diese drei Formen des theoretischen Refle-
xes... sind nicht einfach unmittelbar (?) Ausdruck divergierender
Interessenstandpunkte."), sondern repräsentieren eben auch eine
Art und Weise, sich auf den "täuschenden Schein der alltäglichen
Erfahrung" zu beziehen:
"Vulgärökonomie, klassische politische Ökonomie und wissenschaft-
licher Sozialismus unterscheiden sich in ihrer Beziehung auf den
täuschenden Schein der alltäglichen Erfahrung." /171/
Sowenig BISCHOFF sich darauf einlassen will, an sich wechselsei-
tig ausschließenden Theorien i h r e Unterschiede, ihre richti-
gen und falschen Argumente festzustellen, sowenig ist er auch
willens, in falschen Erklärungen das Interesse auszumachen, das
sie hervorbringt. D a ß verschiedene Theorien einen gesell-
schaftlichen Grund haben, leiert er ein ums andere Mal her - auf
w e l c h e n sie in ihrer Besonderheit verweisen, will er auch
nicht bei MARX zur Kenntnis nehmen: es sind eben
"R e f l e x e", "Ausdrücke von...", und als solche verdienen
sie - wie das Proletariat, das sich seine Ausbeutung gefallen
läßt - den Respekt unseres Materialisten. Dabei entblödet er sich
auch nicht, die Besonderheit des wissenschaftlichen Sozialismus
darin zu würdigen, daß er die Distribution auf die Produktion zu-
rückführt, daß er die "soziale Ungleichheit der Einkommensvertei-
lung" beseitigen will und den Kapitalismus mit dem "Gegensatz von
Arm und Reich" charakterisiert! MARX ist - laut BISCHOFF - der
konsequenteste unter den Reformisten, die freilich alle in ihrer
"Beziehung" auf den "täuschenden Schein" der Oberfläche unterwegs
sind zum rechten Glauben.
6. BISCHOFF's Reformismuskritik oder
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die Hoffnung auf den guten Staat
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BISCHOFF ist samt seinem PKA als Reformist nicht minder verrückt
denn als Marx-Apostel. Die SPD enttäuscht ihn, wenn sie vorführt,
daß es zum Wesen reformerischer Politik gehört, nur "Flickre-
formen" zu machen, geht es ihr doch um die Perfektionierung des
Zustandes, der Reformen beständig nötig macht. Wo sie zeigt, daß
diese Flickreformen denn auch alles andere als harmlose
Flickschustereien sind, wirft BISCHOFF ihr vor, sich auf
Flickreformen zu b e s c h r ä n k e n, wo es doch für die Er-
reichung ihres politischen Zwecks, den BISCHOFF teilt, da er sich
nur die Gedanken möglicher Wirkungslosigkeit der SPD macht, auch
e f f e k t i v e r e Reformmaßnahmen gäbe. Daß die SPD die Ar-
beiter nicht zum Klassenkampf auffordert, weil sie ihn in ihrer
Politik täglich gegen die Arbeiter praktiziert, bringt ihr den
sinnigen Vorwurf eines BISCHOFF ein, sie habe dem Klassenkampf
a b g e s c h w o r e n. Wo SCHMIDT den Verdacht, es mit MARX zu
halten, als Zumutung zurückweist, empfiehlt BISCHOFF diesem Ma-
cher für sein Machen ausgerechnet MARX, freilich den selbst fa-
brizierten.
Denn BISCHOFF zählt die SPD zur "sozialistischen Bewegung": sie
ist "Arbeiterpartei", weil mehrheitlich von Arbeitern gewählt,
und darum seiner Anbiederung wert. Er hat Achtung vor dieser Par-
tei, die für ihr Vorgehen gegen die Proleten noch Arbeiterstimmen
bekommt und damit eine Politik praktisch gemacht hat, die BI-
SCHOFF den Arbeitern erst nahe bringen will. Da aber die SPD
weiß, was sie damit durchsetzt und gar nicht erst versucht, diese
als Arbeiterpolitik auszugeben, sondern sich dabei aufs Staats-
wohl beruft und mit den S t i m m e n des arbeitenden Wahlvolks
vollauf zufrieden ist, wenn sie vor "palliativen Verkleisterun-
gen" nicht zurückschreckt, hat BISCHOFF auch wiederum keine
rechte Freude an deren Politik.
Da die SPD ihm nicht den Gefallen tut, die Arbeiter mit der pro-
letarischen Revolution, die das Kapital macht, zu agitieren,
vielmehr am bestehenden Zustand der erfreulichen Wirkung des Ka-
pitals auf die Arbeiter reformerisch ansetzt, kritisiert BISCHOFF
an ihrer Reformpolitik zwar nicht, daß sie falsch, aber wie
h i l f l o s sie sei; woraus sich einmal ersehen läßt, daß die
Ablehnung nicht von BISCHOFF, sondern von der SPD ausgehen würde,
hätte sie das Problem, sich zusätzlich zu ihren Jusos mit einem
noch verrückteren Spinner herumschlagen zu müssen und zweitens,
daß die Nutzlosigkeit eines BISCHOFF für die SPD die beiden ge-
meinsame Gegnerschaft zur Arbeiterklasse gerade einschließt. So
ist klar, was die Frage: "Krise des Kapitalismus - SPD als Aus-
weg?" /Titel in Beitr. z. wiss. Sozialismus 2/ besagt: Kriegt die
SPD dem Kapitalismus die Krise weg? Wozu dem Projekt angesichts
der recht wenig ratlosen Bemühungen, die Arbeiter die Kosten der
Krise bezahlen zu lassen, einfällt: "Sozialdemokraten 1976 - rat-
los!" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft S. 139/. Und Be-
lege für diese Hilflosigkeit findet das Projekt überall, für es
genügen schon die Sorgenfalten, die ein SCHMIDT im Fernsehen zur
Schau stellt.
"Die Hilflosigkeit (!) der SPD ist mit der Verwendung der inve-
stitionsfördernden Mittel eindrucksvoll belegt. Doch getreu ihrer
Parole, der Wille begegne der ökonomischen Krise, findet sich die
SPD zumindest nicht mit dem Zustand ab, den sie nicht ändern
kann" /Beitr. z. wiss. Sozialismus, Sonderheft 140/.
Wo das "zumindest" und "kann" klar machen, um welche Kritik es
sich hier handelt, bleibt kein Zweifel, welche Art von Hilflosig-
keit die SPD bei ihrer Investitionspolitik bewiesen haben soll
sicher nicht die, der Lüge von der Arbeitsplatzsicherung effekti-
ver Ausdruck gegeben zu haben, sondern die, dem Kapital nicht die
Zusicherung abverlangt zu haben, die Investitionen auch wirklich
für die effektiv revolutionäre Gewalt des Kapitals einzusetzen -
das Kapital ist nicht aufgefordert worden, den Stoffwechsel mit
der Natur neu zu organisieren!
Daß diese Sorge um die "Hilflosigkeit" der SPD, den Arbeitern die
Sorgen ums Kapital als ihr eigenes Interesse aufzuschwatzen, die
etwas nüchterne Kehrseite hat, die Arbeiter nach den Wünschen der
Kapitalisten zurechtzustutzen, zeigt das Projekt, indem es eine
andere erlogene Hilflosigkeit der SPD angreift.
"In dem Maße aber, in dem deutlich wird, daß das Programm des
"demokratischen Sozialismus" gar nicht eingelöst (!) werden kann,
wächst auch die Gefahr (!), daß die Masse der Bevölkerung eine
solche Politik nicht mehr mitmacht (!). Die mit der weiteren
wirtschaftlichen Entwicklung, die keineswegs etwa (!) einen Abbau
der sehr hohen Arbeitslosigkeit erlaubt (!) (so kann Kapitalismus
sein: er hat immer die Sachnotwendigkeiten der, wirtschaftlichen
Entwicklung" hinter sich!) unvermeidlich (!) auftretenden sozia-
len Konflikte (!) können (!) durch diese Politik, die lediglich
anzusetzen weiß bei günstiger ökonomischer Lage (Lügner!), da sie
nur dort die Mittel zur ansatzweisen Bekämpfung bestehender Un-
gleichheiten vorfindet, nicht bewältigt (!) werden" /Beitr. z.
wiss. Sozialismus 2, S. 63/.
So daß man endlich weiß, was es mit der "schöpferischen Gewalt",
mit der ausgerechnet das Kapital die Revolution für die Proleten
vorbereitet und mit dem perversen Lob, das BISCHOFF damit dem Ka-
pitalismus spendet, auf sich hat! Es ist die unverhohlene Sorge
am Erhalt des Bestehenden, das BISCHOFF durch die Arbeiter ge-
fährdet sieht, weshalb er zur zweiten, schärferen Form der Anbie-
derung schreitet, indem er der SPD, die mit dieser Gefahr für den
"sozialen Frieden" illusionslos umgeht, den Vorwurf nicht erspa-
ren kann, illusionäre Politik zu machen. Sie, die als Regierungs-
partei nichts anderes tut als die "wirtschaftliche Entwicklung"
gegen die Arbeiter durchzusetzen, bekommt den Rüffel ab, sie
wüßte gar nicht, was Kapital sei - was sie freilich auch nicht zu
wissen braucht, reicht ihr doch das Wissen, was diesem nützlich
oder abträglich ist, völlig aus.
"Die Autoren des Orientierungsrahmens '85 haben entweder keine
Kenntnis von der typischen Verlaufsform der kapitalistischen Ent-
wicklung oder halten diese für obsolet und sind zu einer adäqua-
ten Analyse nicht in der Lage. Die ökonomische Entwicklung findet
im Orientierungsrahmen insgesamt wenig (!) Berücksichtigung hin-
sichtlich des Programms des "demokratischen Sozialismus". Indem
aber dieses Programm nicht rückbezogen wird auf die realen ökono-
mischen Verhältnisse, an deren Aufdeckung es dem Orientierungs-
rahmen mangelt (dafür ist er ja geschrieben worden!), es also gar
nicht adäquat (!) rückbezogen werden kann, werden die Ziele des
"demokratischen Sozialismus als illusionäre, sich in ihr Gegen-
teil verkehrende Forderungen weitergeschleppt" /Beitr. z. wiss.
Sozialismus 2, S. 63/.
Für das Nachholen dieser offensichtlich versäumten Analyse - wenn
die SPD schon keine Politik macht, ist sie doch zumindest die
ökonomische Klippschule der Nation! - wüßte das Projekt den rich-
tigen Gesprächspartner, weshalb es den Kohl, den es sich zu MARX
ausgedacht hat, als Kritik des Orientierungsrahmens wiederholt
"Mit ihrer Formel der "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität"
sitzt die SPD dem Schein der Oberfläche der bürgerlichen Gesell-
schaft auf. Allerdings - und das unterscheidet sie ja gerade von
den bürgerlichen Apologeten - haben diese Sozialdemokraten durch-
aus wenn auch unklares Bewußtsein von vorhandenen Ungleichheiten,
sozialen Unterschieden (unklar stoßen sie immerzu auf die Arbei-
ter als Opfer ihrer praktischen Zumutungen!), die sie als nicht
mehr gerechtfertigt kritisieren müssen (!); für sie bleibt daher
der Appell an die Solidarität der Menschen, der Solidarität von
Arm und Reich durch die endlich (!) die soziale Gleichheit und
Gerechtigkeit hergestellt werden soll. Grundlage dieser Vorstel-
lung von Freiheit und Gleichheit durch das auf Arbeit/Leistung
beruhende Eigentum ist die einfache Warenzirkulation (so hat der
Detektiv MARX bereits auf den ersten Seiten seines Krimis den Tä-
ter gestellt!), die abstrakte (!) Sphäre der bürgerlichen Gesell-
schaft, in der sich Käufer und Verkäufer freie, gleichgeltende
Warenbesitzer gegenübertreten. Doch die gleichen Quantitäten, die
gleichen Wertgrößen (auch MARX war Gleichheitsfanatiker!), die
hier ausgetauscht werden, Kapital und Arbeit, setzen bereits so-
ziale Verhältnisse voraus, in denen der freie Lohnarbeiter, der
Nicht-Eigentümer der objektiven Bedingungen seiner Arbeit, und
der Kapitalist als Eigentümer der Produktionsmittel zwei Klassen
der bürgerlichen Gesellschaft repräsentieren. Hinter dem Schein
der freien und gleichen Warenbesitzer verbirgt sich der Gegensatz
von Nicht-Eigentum auf Seiten der Arbeiter und Eigentum auf Sei-
ten der Kapitalisten" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 58/.
Da dies gar nichts mit SPD-Politik, sondern nur mit dem theoreti-
schen Quark zu tun hat, den zu verzapfen dem Projekt jeder Anlaß
recht ist, löst sich das Argument von der illusionären Hilflosig-
keit der SPD auf in das bewußte Absehen von den praktischen
Sauereien, die die Politik der SPD ausmachen. Der Vorwurf an
SCHMIDT, er habe kein richtiges Verständnis der Wertform - immer-
hin hat er aber über den abstrakten Schein der einfachen Waren-
zirkulation auf einem Parteitag abstimmen lassen - dichtet der
SPD-Politik als einzigen Mangel an, sie habe sich die Veröffent-
lichungen des Projekts nicht zu eigen gemacht.
So bringt es ein Projekt fertig, zu beweisen, daß man ein Schwein
sein kann, dem es bei allem und jedem nur auf sich ankommt,
o h n e ein Egoist zu sein. Denn ganz selbstsüchtig ist selbst
ein Projekt nicht, wenn es sich als das Mittel anpreist, um aus
illusionärer SPD-Politik eine realistisch-effektive zu machen. Es
denkt dabei an die Arbeiter - aber wie!
Weil die Verfasser des Orientierungsrahmens nicht wissen können
sollen, daß sich ihre Analyse auf ein kapitalistisches Land be-
zieht, beweist ihnen das Projekt, daß sie es zwar mit Kapitalis-
mus zu tun haben, der aber hochentwickelt ist und daß deswegen
die von der SPD gehegte Annahme, die Krise ginge auf einen einma-
ligen Willkürakt der Ölscheiche zurück, auch nicht stimmt, viel-
mehr die Krise permanent zum Geschäft gehört.
Die Verfasser des OR '85 sind freilich zu einer Analyse schon
deshalb nicht in der Lage, weil sie von jeglicher gesellschaftli-
chen Bestimmtheit absehen," (was das Projekt nicht weiß: absehen
heißt, etwas gesehen haben!) "also von der spezifisch kapitali-
stischen Organisation der gesellschaftlichen Arbeit, und statt-
dessen über Probleme "hocharbeitsteiliger Volkswirtschaften" rä-
sonnieren, die durch den technischen Fortschritt und den hohen
Grad der Arbeitsteilung hervorgerufen werden sollen. Dagegen wäre
es zur Analyse der ökonomischen Verhältnisse in der BRD notwen-
dig, davon auszugehen, daß es sich bei der BRD um ein hochentwic-
keltes kapitalistisches Land handelt, demzufolge auch der für die
kapitalistische Produktionsweise charakteristische zyklische
Verlauf der ökonomischen Entwicklung zugrunde gelegt werden muß
... Erst eine solche Vorgehensweise hätte es erlaubt, mehr als
vage Aussagen (!) zu machen über die Entwicklung der Weltwirt-
schaft und ihren Einfluß auf die spezifisch ökonomischen Verhält-
nisse der BRD. Die Bewegung auf dem Weltmarkt wäre dann auch
nicht mehr so unverständlich gewesen, wie sie den Verfassern des
OR vorkommt" /Beitr. z. wiss. Sozialismus 2, S. 62/.
Ist die Krise die Zeit, in der sich der staatsmännische Mut eines
SCHMIDT bestens darin bewährt, die "reale Ungleichheit und Un-
freiheit" deutlich hervortreten zu lassen, so wünscht das Projekt
diesem Staatsmann mehr Mut zur Krise, tritt doch in ihr die "in
Prosperitätszeiten zeitweilig verdeckte reale Ungleichheit und
Unfreiheit wieder deutlicher hervor" /ebd., S. 66.
Eine Regierung müßte man haben, die "gesellschaftliche Arbeit als
Systembegriff" versteht, einen Staat, der die Ungleichheit besei-
tigt, der er seine Existenz verdankt, einen, der Krisen ein für
allemal verbietet!
So beweisen BISCHOFF und das Projekt nicht nur an der SPD ihre
Liebe zu den Arbeitern in dreifacher, keineswegs liebevoller
Weise:
Erstens wird ihnen im freudigen Nachweis, daß das Kapital viel
schlimmer ist als sie und die bewußtlosen "Traumtänzer" von der
SPD sich vorstellen können, ihre Zerstörung durchs Kapital als
ihre einzige Hoffnung angepriesen,
weshalb zweitens ihnen zugemutet wird, ohne Rücksicht auf sich
selbst das Zerstörungswerk, das das Kapital an ihnen betreibt,
aktiv zu unterstützen, da nur dies die Hoffnungen des Kapitals
auf seine Aufhebung verwirklicht,
weswegen sie drittens an ihrem Schaden selbst schuld sind, ist
doch das Ausbleiben ihrer bewußten Aktivität der Grund dafür, daß
die SPD nur hilflos den status quo befestigen kann:
"Die Sozialdemokratie vertritt einerseits in der Arbeiterklasse
verbreitete, noch unklare Positionen über die Bedingungen der so-
zialen Emanzipation und sie repräsentiert andererseits flickre-
formerisch eingestellte Teile der Mittelklassen, die aus Angst,
die soziale Bewegung könne zu weit gehen, den Forderungen der Ar-
beiterklasse die Spitze abbrechen wollen. Durch diesen immanenten
Widerspruch ihrer eigenen sozialen Basis (!) gelähmt, ist sie ge-
zwungen eine Politik zu verfolgen, die letztlich (!) auf bloße
Befestigung des status quo hinausläuft. Jedesmal, wenn sie sich
ein großartiges Reformsystem zur Überwindung der Übel der jetzi-
gen Gesellschaftsordnung zu eigen macht, erhebt sich ein Riesen-
geschrei ..." /Die Klassenstruktur der BRD 1976, S. 165/.
Da jedoch der SPD sich Krise und Prosperität nur darin unter-
scheiden, daß sie jeweils unterschiedliche Weisen des Vorgehens
gegen Arbeiter erforderlich machen, hat sie das Problem, ob und
daß es immer wieder mal Krisen gibt, das das Projekt ihr andich-
tet, überhaupt nicht - gerade in der Krise wächst sie mit der
Größe ihrer Aufgabe, was jeder an der Unverfrorenheit, wie die
SPD-Regierung die fälligen Staatsmaßnahmen für die Unternehmer
durchgesetzt hat, sehen kann - und da ihr die Praktizierung ihrer
säuischen Politik weder Zeit noch Neigung lassen, über Wertform
und höheren Krisenblödsinn zu diskutieren, landet das Projekt
nicht bei der SPD - was ihm einen schönen Abgang zur DKP ver-
schafft.
Das Projekt verfaßt einen Wahlaufruf für die DKP, dessen Hauptar-
gument darin besteht, die DKP für wählbar zu halten, w e i l
die SPD ringsum versagt hätte.
"Die Sozialdemokratie will weiter am Modell Deutschland arbeiten;
vorübergehend (es geht alles vorüber, es geht alles vorbei!) müs-
sen (!) freilich bestimmte Reformen zurückgestellt, andere Pro-
jekte in ihrer Realisierung gestreckt werden. Die beständig abge-
predigte Hoffnung auf eine neue Schönwetterperiode für soziale
Reformen enthält indes keine Antworten für die anstehenden
Schwierigkeiten: Recht auf Arbeit (strukturelle Arbeitslosigkeit,
Jugendarbeitslosigkeit); das Elend der Ausbildungsinstitutionen
(Berufsausbildung, überfüllte Klassen und Universitäten), Ko-
stenlawine im Gesundheitswesen (Krankenhäuser, Arzthonorare, vor-
beugende Gesundheitsvorsorge); Defizite der Rentenversicherungs-
träger; Einschränkung der bürgerlichen Grundrechte ... Die Sozi-
aldemokratie hat keine politische Antwort auf die anstehenden
ökonomischen und sozialen Probleme" /Beitr. z. wiss. Sozialismus,
Sonderheft, S. 159/.
Da sich "die Linke", insbesondere das Projekt, "darüber im klaren
ist, daß die Erwartung auf bessere ökonomische Zeiten, in denen
eine großzügige(!) Reformpolitik praktizierbar wäre, eine gefähr-
liche (!) Illusion ist" (ebd. S. 159/, liegt das Versagen der SPD
darin, daß diese immer noch der gefährlichen Illusion nachhängt,
das Kapital müsse die Arbeiter um schön Wetter bitten, wo doch
die Krise allen als Grundmoment der "der wirtschaftlichen Ent-
wicklung" klar zu machen wäre.
Und so spricht das Projekt aus, worauf es ihm ankommt, wenn es
der SPD den Wahnsinnsvorwurf macht, sie würde keine Reformen mehr
betreiben: es will die rücksichtslosere Durchsetzung von Reformen
gegen die Arbeiter, und die SPD scheint ihm zu schwächlich zu
sein, um der Krise des Kapitals gegenüber den Arbeitern Geltung
zu verschaffen. Wer aus der Pflicht des Lohnarbeiters, sich aus-
beuten zu lassen, ein Recht machen will, hat nichts gegen Ausbeu-
tung, aber vieles dagegen, daß das Kapital nicht so ausbeuten
können soll, wie es will, was freilich eine Lüge ist, wo die Ar-
beitslosigkeit die Überarbeitung der beschäftigten Arbeiter ga-
rantiert; wer gegen überfüllte Klassen und Universitäten ist, dem
sind die praktizierten Mittel, diesen Zustand zu ändern, wie etwa
verschärfte Selektion in der Ausbildung, numerus clausus etc.
nicht effektiv genug; wer sich Gedanken über die Kosten macht,
die dem Staat (der sie deswegen noch lange nicht trägt) die Zer-
störung der Gesundheit der Arbeiter durchs Kapital macht, will
auf Kostensenkung zu Lasten der Arbeiter hinaus, dem reichen die
Maßnahmen zur Einschränkung des Krankenhausbetriebes und zum Ab-
bau der Gesundheitsfürsorge nicht aus; wer sich um das Defizit
kümmert, das die Renten dem Staatssäckel reißen (weil die Renten-
beiträge anderswo gelandet sind), der will diesen von einer sol-
chen Last auf Kosten der Arbeiter befreit sehen; und wer die Ein-
schränkung der bürgerlichen Grundrechte beklagt, der wünscht
nichts als den uneingeschränkten Einsatz der Grundrechte, die die
Beschränkung der Bürger sind.
Hieraus ergibt sich, warum dem Projekt die SPD, deren Ziele sie
vertritt, nicht wählbar erscheint und worin die vielberufene
Hilflosigkeit bestehen soll: die SPD setzt das, was auch ein Pro-
jekt gegen Arbeiter durchgesetzt sehen will, einfach gegen diese
durch, ohne die Notwendigkeit dieser Politik als das allererste
Interesse der Arbeiter auszugeben. So kann man auch wissen, was
"die Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses" durch die
Wahl der DKP bedeutet: der DKP traut man zu, daß sie sich bei der
Durchsetzung der notwendigen Effektivität und Rationalität der
Sachzwänge, die der Weg aus der Krise und die Sanierung des öf-
fentlichen Haushalts mit sich bringen, mehr um die Interessen der
Arbeiter bemüht - und das sagt einiges über diese Partei aus. In
Italien rettet die Bruderpartei auch die Nation, ohne zu ver-
schweigen, wer dafür Opfer bringen muß.
Und daß es um den aktiven freiwilligen Selbstvollzug des Zwangs
geht, den das Kapital auf die Arbeiter ausübt, beweist der Wahl-
aufruf, indem er diesen Zwang zur ökonomischen Sachnotwendigkeit
erklärt:
"Die BRD steht wie die meisten Metropolen des Kapitals vor einer
Periode verschärfter Klassenkämpfe.
Die ökonomischen Fakten sind erdrückend: das gesamtwirtschaftli-
che Produktionsniveau hat Mitte 1976 zwar wieder den Stand von
1974, unmittelbar vor Beginn des wirtschaftlichen Abschwungs, er-
reicht, doch wird dieses Produkt der jährlichen Arbeit von einer
um rund 1 Million dezimierten Zahl produktiver Arbeit geliefert"
(tant mieux!). "Der Druck des offiziellen und inoffiziellen Pau-
perismus einerseits und der von der unbezahlten Arbeit der pro-
duktiven Arbeiter lebenden Mittelklassen andererseits auf die so-
ziale Lage der Arbeiterklasse hat sich verstärkt. Von einem Über-
gang in eine neue Phase der Prosperität, in der alle Momente des
kapitalistischen Produktionsprozesses bis aufs äußerste ange-
spannt sind, kann keine Rede sein. Eine durch einen Ersatz eines
Teils des fixen Kapitals der Gesamtgesellschaft eingeleitete Aus-
dehnung der Stufenleiter der Produktion - in deren Gefolge eine
Reintegration der industriellen Reservearmee stattfindet - zeich-
net sich nicht ab. Statt beschleunigter Akkumulation des gesell-
schaftlichen Gesamtkapitals machen sich bereits jetzt die auf der
gegenwärtigen Basis der Produktion gesetzten Schranken der pro-
duktiven und individuellen Konsumtion, d.h. der zahlungsfähigen
Nachfrage geltend. Die Überwindung dieser Schranken durch Ausdeh-
nung der Produktion für den Weltmarkt erweist sich als unmöglich,
da die Gleichartigkeit der ökonomischen Situationen in den Metro-
polen des Kapitals selbst zu einer verschärften Konkurrenz auf
dem Weltmarkt führt" /ebd., S. 168/.
So zeigt sowohl die Unverfrorenheit, mit der die Durchsetzung der
Krise auf dem Rücken der Arbeiter als Aufschwung des proletari-
schen Klassenkampfs gefeiert wird, wie das geile Interesse an ei-
ner "neuen Phase der Prosperität, in der alle Momente des kapita-
listischen Produktionsprozesses aufs äußerste angespannt sind"
und die anteilnehmende Sorge an den Schwierigkeiten des Kapitals
auf dem Weltmarkt, welchem Standpunkt sich dieser Aufruf ver-
dankt. Es sind Parteigänger des Imperialismus, die sich als Par-
teigänger der DKP zu erkennen geben, was einiges über eine Partei
erklärt, die sich solchen einen Wahlaufruf gefallen läßt.
Bei diesem Ausgangspunkt kann das zweite Argument nicht fehlen:
ein Wahlaufruf mit dem sinnigen Fragezeichen "DKP wählen?" stellt
sich gegen die DKP, um ihre Wählbarkeit zu propagieren. W e i l
das Projekt nur Vorbehalte gegen die DKP hat, fordert es zur Wahl
dieser Partei auf.
"Gewiß, die DKP wird die Fünf-Prozent-Klausel bei den anstehenden
Bundestagswahlen kaum überspringen. Mit Blick auf Frankreich oder
Italien von den neuen Möglichkeiten zu schwärmen, der sozialen
Emanzipation der Arbeiterklasse ein gutes Stück näherzukommen, in
der BRD aber angesichts einer zahlenmäßig unbedeutenden und poli-
tisch deutlich unbeweglicheren (sich bewegen bringt Segen!) kom-
munistischen Partei für die Stärkung der auf dem europäischen
Kontinent konservativaten Sozialdemokratie aufzurufen: solches
Verhalten ist politische Traumtänzerei. Vorbehalte gegenüber dem
politisch-theoretischen Selbstverständnis und der Politik der
DKP, die auch wir teilen, legitimieren weder eine Wahlenthaltung
noch die Wahl des sogenannten kleineren Übels" /ebd., S. 139 f./.
Daß es also eine bedingte Zustimmung ist, bei der es dem Projekt
nicht auf die DKP, an deren praktischer Politik sie kein Inter-
esse hat und auch nicht beabsichtigt, diese praktisch zu unter-
stützen und zu ihrer eigenen zu machen, sondern allein auf sich
selbst ankommt, spricht das Projekt damit klar aus. Ausgerechnet
ein Wahlaufruf ist ihr das geeignete Mittel, sich bei der DKP in
Erinnerung zu bringen.
Mit dem übelsten Argument bürgerlicher Politik: wer die Mehrheit
hat, hat recht, hält das Projekt der DKP ihre zahlenmäßige Unbe-
deutendheit vor, um sich mit der Lüge, die Stärke der eurokommu-
nistischen Parteien, an denen dem Projekt eben die S t ä r k e
gefällt, beruhe nicht auf deren praktizierter falscher Politik,
sondern darauf, die eigene Politik eben mehr als die DKP in die
theoretische Meinungsvielfalt innerparteilicher Diskussionen
("Freiheit der Kritik") aufgelöst zu haben, als theoretisches
Korrektiv der DKP anzubiedern. Da diese Anbiederung einer Partei
gilt, von der BISCHOFF und Konsorten nur zu berichten wissen, daß
an deren theoretischer Grundlage manches nicht stimmt (Stamokap
etc.) und sie die DKP gleichzeitig nur als theoretischen Haufen
betrachten, ist der Inhalt des gesuchten theoretischen Gesprächs
mit der DKP auch nicht, die theoretischen Fehler der DKP zu kri-
tisieren, um sie zu beseitigen, sondern die Auflösung der Theorie
in die Freiheit der Diskussion, um praktische Politik zu verhin-
dern.
So daß sich die vorbehaltliche Zustimmung zu dieser Partei von
seiten eines Projekts erhellt: es ist die Zustimmung zu einer
falschen Politik, die die Verhinderung ihrer Ziele schon prakti-
ziert (nichtsektiererisch) um ihre Falschheit theoretisch zu ga-
rantieren. Wenn die DKP ihre Übereinstimmung mit den Massen die-
sen noch agitatorisch nahebringt, wozu sie sich einige Späße ein-
fallen läßt, wie die Verteilung billiger Kartoffeln und Protest-
männer - allerdings keine Biermänner -, läßt sie das Projekt noch
den Gegensatz zu den Massen erahnen, der in diesem Unternehmen
steckt, was der DKP den Vorwurf, dogmatisch zu sein, einbringt.
So will sie in tätiger Mithilfe, allerdings theoretisch, der DKP
das sichern, was sie ihr - mit Palme und Kreisky - wünscht:
"Was Palme und Kreisky dem wissenschaftlichen Sozialismus anhän-
gen, Romantisierung der Revolution, Elitepartei, Veränderung der
Gesellschaft gegen die Anschauungsweisen der Mehrheit der Bevöl-
kerung, Beschneidung von politischen Freiheiten, Einschränkung
des Handlungsspielraums von anderen politischen Kräften etc. sind
nie wesentliche Punkte der politischen Konzeption gewesen. In der
Tat - wie Palme weiß - haben die kommunistischen Parteien in
Westeuropa Grund, bestimmte dogmatische Prinzipien zu überprüfen.
Dies ist ein schmerzhafter Prozeß, auch (!) diese Parteien haben
die vergangene Epoche der kapitalistischen Entwicklung nicht un-
beschadet überstanden. Aber sie sind dabei; die in Bewegung gera-
tenen Massen und die Unfähigkeit und Widersprüche der demokrati-
schen Sozialisten werden diesen Prozeß beschleunigen" /Beitr. z.
wiss. Sozialismus 2, S. 76/.
Ein schöner Prozeß, den die Bewegung der Massen da beschleunigen
soll! Von ihrer Reaktion auf die Widersprüche des demokratischen
Sozialismus erhofft man sich in Berlin also etwas mehr Anerken-
nung von seiten der praktizierenden Verfechter des Arbeiter- und
Bauernstaates!
Innerhalb der Linken der BRD kursiert das Gerücht, das Projekt
sei ein "nur" theoretischer Zirkel. Daß dies nicht stimmt, wenn
es auch das Interesse dieser Linken zur Genüge kennzeichnet, die
weder Wissenschaft noch kommunistische Politik betreibt, belegt
nicht zuletzt der Wahlaufruf für die DKP. Weil es dem Projekt auf
praktische Wirkungen ihres theoretischen Treibens ankommt, diese
allerdings in der Verhinderung und Zerstörung kommunistischer Po-
litik bestehen, ist ihr Bemühen um den wissenschaftlichen Sozia-
lismus auf dessen Zerstörung als Theorie gerichtet. Und daß es
wiederum ein Gerücht ist, die Zustimmung des Projekts zur DKP als
Parteinahme für diese Partei zu verstehen, macht BISCHOFF am
Preis dieser Zustimmung klar. Während es jedoch im Projekt Leute
gibt, denen ihr Geseiche so lieb ist, daß sie die halbherzige
Stellungnahme für die DKP als lästige Beschränkung ihres Treibens
betrachten, beweist es BISCHOFFs Realitätssinn, unbeirrt an dem
zweifelhaften Beifall für die DKP als "der Partei der fortge-
schrittensten Teile der Arbeiterklasse" festzuhalten. Denn damit
praktiziert BISCHOFF den Bedingungsquark, in den er den wissen-
schaftlichen Sozialismus aufgelöst hat.
Er braucht für diese Art von theoretischer Nabelschau die Exi-
stenz von Arbeiterpolitik: wo kein wissenschaftlicher Sozialismus
und wo keine Arbeiterkämpfe, da kein BISCHOFF - und es braucht
die Arbeiterbewegung getrennt von BISCHOFF, da dessen praktischer
Bezug auf sie die praktizierte Absetzung von ihr ist - die aller-
dings dieser wieder nahezubringen ist, geht es doch darum, die
Absetzung von den Interessen der Arbeiter als Arbeiterpolitik
praktiziert zu sehen.
So erklärt die Stellung eines BISCHOFF zur revisionistischen Po-
litik, was es mit dem auf sich hat, was das Projekt und die ge-
samte Linke bei allen Differenzen als ihre Gemeinsamkeit prakti-
zieren: das B e d ü r f n i s nach wissenschaftlichem Sozialis-
mus, Arbeiterklasse und kommunistischer Politik. Dieses Bedürfnis
ist die praktizierte Gegnerschaft zu wissenschaftlichem Sozialis-
mus, Arbeiterinteressen und kommunistischer Politik. Wer sein Be-
dürfnis nach Klassenkampf den Arbeitern anbietet, hält am
G e g e n s a t z zwischen sich und Arbeitern so fest, daß er
ihn l e u g n e t. Er weigert sich, die Interessen der Arbeiter
argumentativ g e g e n deren falsches Bewußtsein zu vertreten -
und verschafft sich in der Suche nach dem "verborgenen Sinn" der
sozialen Bewegung die Genugtuung, daß die Bewegung des Kapitals
o h n e sein Zutun ihren Gang geht, so daß er seine Aufgabe in
der Bekämpfung all derer wahrnehmen kann. die den "sozialen Pro-
zeß" stören.
Das Projekt Klassenanalyse diskutiert mit allen Linken, macht al-
len denselben Vorwurf (mangelndes Verständnis des wissenschaftli-
chen Sozialismus), und verlangt von ihnen, daß sie ihre Theorie
und Praxis gegenüber dem "sozialen Prozeß" tunlichst relativie-
ren.
So wird es nicht ausbleiben, daß ein Projekt, von dem wir wissen,
daß es Feind kommunistischer Politik bleiben will, uns die
"Inkonsequenz" vorwerfen wird, doch wieder "diskussionsbereit"
geworden zu sein, weil es die Begründung unserer Feindschaft nur
danach lesen wird, ob oder ob nicht noch Vereinnahmungsmöglich-
keiten aufzufinden sind.
_____
*) Zitate, soweit nicht anders angegeben, aus: J. BISCHOFF: Ge-
sellschaftliche Arbeit als Systembegriff. Über wissenschaftliche
Dialektik. Westberlin, 1973.
**) Auch diese Verwendung der "Einleitung" aus den Grundrissen
(S. 21) verdient schöpferisch genannt zu werden: wo sich MARX mit
falschen Abstraktionen bei der Erklärung des Kapitalismus herum-
schlägt, meint BISCHOFF gleich, das gesellschaftliche Handeln sei
sein Gegenstand nicht gewesen!
***) Als einer, der auch das ENGELS-Zitat in seinem Zettelkasten
hat, das den wissenschaftlichen Sozialismus ähnlich verteidigt,
indem es die "These" mit der "letzten Instanz" relativiert, die
ihr Recht gibt und ein fröhlich W e c h s e l- u n d
R ü c k w i r k e n zwischen materieller Produktion und Überbau
vertritt, wird BISCHOFF merken, daß wir von dieser Leistung EN-
GELS' nichts halten.
4*) Hier können wir uns nicht versagen, auch einmal MARX zu zi-
tieren, aber nicht weil wir uns an ihn klammern müßten, um ihm
etwas anzudichten: "Der weise Roscher hat ausgeklügelt, daß, wenn
Gewisse den Handel als "Vermittlung" zwischen Produzenten und
Konsumenten charakterisieren, "man" ebensogut die Produktion
selbst als "Vermittlung" der Konsumtion (zwischen wem?) charakte-
risieren könne, woraus natürlich folgt, daß das Handelskapital
ein Teil des produktiven Kapitals ist wie Ackerbau- und Indu-
striekspital. weil man also sagen kann, daß der Mensch nur durch
die Produktion seine Konsumtion vermitteln kann (dies muß er tun
selbst ohne Leipziger Bildung) oder daß die Arbeit nötig ist zur
Aneignung der Natur (was man "Vermittlung" nennen kann), so folgt
daraus natürlich, daß eine aus einer spezifischen gesellschaft-
lichen Form der Produktion hervorgehende gesellschaftliche
"Vermittlung" - w e i l Vermittlung - denselben absoluten Cha-
rakter der Notwendigkeit hat, denselben Rang. Das Wort Vermitt-
lung entscheidet alles." (K III/336. Anm. 45)
5*) Gegen einen solchen Vorwurf können wir BISCHOFF in Schutz
nehmen. Wer solche Sätze wie folgende zustandebringt, ist mit Si-
cherheit gefeit vor jedem Angriff, er habe etwas von Ökonomie
verstanden:
"Der Versuch, anhand einer Interpretation der Marxschen Darstel-
lung der ökonomischen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft zu
zeigen, daß die Individuen in Verhältnisse gesetzt sind, die ihr
Bewußtsein bestimmen, ohne daß sie es wissen (!), käme einer Re-
duktion der Klassentheorie auf politische Ökonomie gleich. Zwar
stimme die These, daß sich die ökonomischen Kategorien im Bewußt-
sein der Beteiligten verkehrt widerspiegeln; aber der Ansatz,
durch systematische Rekonstruktion der Stufenfolge in der Wider-
spiegelung der ökonomischen Kategorien den Nachweis von der wi-
dersprüchlichen Bestimmtheit des proletarischen Bewußtseins zu
erbringen... dieser Ansatz sei theoretisch falsch und praktisch
gefährlich" (Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, Sonder-
heft S. 81).
So wenig wir Leuten, deren gemeinsame Sicherheit darin besteht
daß es keine Klassen, dafür aber Klassentheorie gibt, erklären,
daß Klassen ein Gegenstand der politischen Ökonomie sind, so
fällt uns doch auf: erstens, daß der Prolet zwar nicht mit Ak-
kord, Arbeitslosigkeit etc. seine Schwierigkeiten hat, dafür aber
die ökonomischen Kategorien verkehrt widerspiegelt, was ihn reif
für den Psychiater macht, denn er denkt vor der Wertform an die
Geldform, ohne es zu wissen, und zweitens daß BISCHOFF und Kon-
sorten besagtem Proleten beim Psychiater begegnen könnten, krie-
gen sie sich doch über den überflüssigen Nachweis dessen, was sie
schon wissen, nämlich daß sich im Bewußtsein der Arbeiter die
Marxschen Kategorien nicht koscher abbilden, in die Wolle.
6*) Vielmehr ist es die interessierte Leistung BISCHOFFS', die
gewaltige Anstrengung bürgerlicher Wissenschaftler, die bürgerli-
che Gesellschaft zur Naturnotwendigkeit zu erklären, indem sie
sie als "Gesellschaft" betrachten (also eine Apologie der bürger-
lichen Gesellschaft liefern), so zu rechtfertigen, daß diese
wahrhaftig zwischen Natur und Gesellschaft nicht unterscheiden
könnten.
7*) Hat das Kapital doch Macht über die Arbeiter, weil es deren
Bedürfnisse befriedigt: "...so konnte dagegen in seiner weiteren
Entwicklung das Kapital die Masse der Lohnarbeiter in das System
integrieren, indem mit seiner Entfaltung auch die Entwicklung der
Produktivkräfte und die Bedürfnisse der Produktionsagenten, also
die Seite zunahm, die seine zivilisatorische Tendenz und auch
seine gegenwärtige Macht ausmacht" /Marxistische Gewerkschafts-
theorie 1976, S. 160 f./.
8*) Auch hier läßt sich ein Hinweis auf MARX nicht unterdrücken,
der bisweilen angedeutet hat, daß er sein "Kapital" nicht für
Ökonomen und Soziologen geschrieben hat, ja sogar einmal das Fol-
gende bemerkte: "ln dieser Form wird das Werk der Arbeiterklasse
leichter zugänglich sein, und diese Erwägung ist für mich wichti-
ger als alle anderen." (MEW 23/31)
9*) Daß der Blödsinn, den BISCHOFF in wenigen Worten zusammenfas-
sen kann, seinem Interesse, den Kapitalismus als Eldorado zu ver-
kaufen, "adäquat" entspricht, zeigt sich nicht nur an folgenden
Sätzen:
"Denn in der Zirkulation herrscht keinerlei Zwang von irgendwel-
cher Seite; die hier vollzogenen Transaktionen unterstellen abso-
lute Freiwilligkeit und Freiheit des Individuums. Jeder Warenbe-
sitzer hat als unabhängiges Privatindividuum produziert, aus ei-
gener Initiative, nur bestimmt durch sein eigenes Bedürfnis (!)
und seine Fähigkeiten, weder als Glied eines naturwüchsigen Ge-
meinwesens, noch als Individuum, das als unmittelbar
gesellschaftliches an der Produktion teilnimmt" (Marxist,
Gewerkschaftstheorie 1976, S. 26). Der Kapitalist, der
produziert, um ein Bedürfnis zu befriedigen, will erst einmal
erfunden sein wenn auch das Lob der Privatinitiative und der
Fähigkeiten dieses Menschen schon öfters erwähnt wurde; und daß
sich die Handelsfreiheit dadurch auszeichnet, daß "kein Zwang von
irgendwelcher Seite besteht", ist auch gut angesichts des gar
nicht so unrüden Geschäftslebens und des noch weniger friedlichen
Treibens auf dem Weltmarkt; daß aber ein unabhängiges Privat-
individuum der Gesellschaft Waren andreht, weil er nicht "Glied
eines naturwüchsigen Gemeinwesens" ist und produziert, weil er an
der Produktion "nicht unmittelbar gesellschaftlich teilnimmt",
ist ein Rätsel, dessen Verständnis wir BISCHOFF überlassen.
***
Eine zusammenfassende Würdigung des kritischen Marxismus, dessen
kontroverse Unterabteilungen zwar nicht in ihren Absichten, wohl
aber in ihren - der bürgerlichen Wissenschaft entlehnten -
falschen Argumenten eine vielfältige Einheit von aufgeregt disku-
tierenden Marx-Tötern bilden, erfolgt im zweiten Band der Reihe
Kritik der bürgerlichen Wissenschaft:
"Die linken Kritiker II"
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