Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Das "Kursbuch"
MIT 15 HAT MAN NOCH TRÄUME
"Kursbücher schreiben keine Richtung vor. Sie geben Verbindungen
an, und die gelten so lange wie diese Verbindungen. So versteht
die Zeitschrift ihre Aktualität... In künftigen Heften wird die
Rede sein von den Themen der KPCh und von der mathematischen
Grundlagenforschung, ferner von Ballonfahrern, ferner davon, was
der Ausdruck bedeutet: Es wird von etwas die Rede sein."
Daß Eisenbahnen nicht in genau festgelegten Richtungen an ihr
Ziel fahren würden, glaubt zwar kein normaler Mensch, doch so ei-
ner ist vom ersten Fahrplaner eines geistigen Streckennetzes in
der BRD, Hans Magnus Enzensberger, ja eh nicht ins Auge gefaßt.
Auch ohne handfeste Kursbestimmung halten sich die "Kursbücher"
seit 15 Jahren auf dem in ihrer Nummer 1 programmierten Kurs. Auf
einem exklusiven Geister-Bahnkörper begleiten sie den Zug der
Zeit mit Reden, die zwar keinen realen Zweck haben, dafür aber
eine um so höhere geistige Bedeutung: Je mehr assoziative
"Verbindungen" sich die intellektuellen Trittbrettfahrer unter-
wegs auszudenken vermögen, desto unabweisbarer der Sinn ihrer
Reise nach Nirgendwo - sie sind mit ihrem Gelaber immer auf
Achse, das heißt "aktuell" dabei.
Zwar änderten sich immer schon die Konjunkturen dessen, worüber
man sich als Intellektueller zu schwafeln verpflichtet fühlt,
aber den "Kursbuch"-Schreibern kommt auf diesem Gebiet zweifellos
das große Verdienst zu, das methodische Prinzip als eines des
Herumschnüffelns von Anfang an offen propagiert zu haben. Und das
zu einer Zeit, als gerade erst ein wichtiger Mann aus der damali-
gen deutschen Politik, Ludwig Erhard, den Pinscher Vorwurf gegen
alles leichtfertig Intellektuelle erhoben hatte. Da galt es, sich
freimütig zu bekennen, anstatt an diesem Staatsmann samt seiner
Republik zu merken, daß die sich schon damals den Geist nur als
konstruktiven zu erhalten gedachten: Man wollte zum kritischen
Anmachen da sein, und deshalb mußte für die Ratten und Schmeiß-
fliegen von damals ein "Kursbuch" her, in dem Heinrich Böll einen
ketzerischen "Brief an einen jungen Nichtkatholiken" (alias Gün-
ther Wallraff) schreiben, Günter Grass von ein bißchen Dreck in
Deutschland als "vom Rest unterm Nagel" dichten und Hans Magnus
Enzensberger Rudolf Augstein und Karl Schiller fragen durfte, ob
sie es denn nun wirklich mit der Wiedervereinigung ernst meinten.
Nachdem sich 1966/67 die Große Koalition etabliert und Enttäu-
schung über die "angepaßte" SPD so manchen Proteststurm unter
deutschen Jungakademikern hervorgerufen hatte, die auf ihre ei-
gene politische Funktion in der Gesellschaft mit Stolz bedacht
waren, schlug für die"Kursbuch"-Pinscher die Stunde der Gunst:
Gemeinsam mit massenhaft ihre Rolle reflektierenden Intellektuel-
len stellten sie "Vermutungen über die Revolution" an, die in dem
absehbaren Urteil gipfelten, in aller Welt müsse eine angeblich
bewußtlos agierende "Bürokratie" auf ihren intellektuellen Vor-
dermann gebracht werden. So konnten verantwortungsbewußte Abrech-
nungen gerade auch mit dem Establishment im Osten nicht ausblei-
ben, wo doch bekanntlich dort die Freiheit des Geistes direkt be-
schnitten wird, während es im Westen seit Jahrzehnten eher der
unglaublich materielle Wohlstand geistigen Ansprüchen schwerma-
chen soll durchzudringen. Die Institutionen, die die "Kurs-
büchler" deswegen zu beseichen hatten, hießen im Westen daher
zwanglos "Gaststätten", "Das Geld", "Kapitalismus in der BRD"
usw., während sie sich im Osten stets auf die eine reduzierten -
die schreckliche Partei, die der Intelligenz nicht einmal die
"Kursbuch"-Freiheit gewährt, lauter verrückte "Verbindungen" vor
allem geistig darbender Massen zu Gaststätten, Geld, Kapitalismus
und neuerdings sogar "Wegwerfbeziehungen" und dem "Wetter" auszu-
denken. Der explizite Antikommunismus des "Kursbuchs" beginnt um-
standslos mit Nr. 9, dem Dossier Enzensbergers über die bolsche-
wistische Niederschlagung des Aufstandes der Kronstädter Matro-
sen, 1921, die - unbeschadet ihrer wirklichen historischen Rolle
- mit ihren Toten fortan als Avantgarde kritischen "Kursbuch"-
Geistes gelten können.
Die Auflage der schöngeistigen Zeitschrift ließ sich binnen kur-
zem bereits für die erste Auflage auf über 50.000 steigern, was
ihren Herausgeber bewog, sich künftig vorrangig Problemen zu wid-
men, die "Studenten und die Macht" betreffen. Der deutschen Stu-
dentenbewegung brachte dies den revolutionären Ratschlag ein, der
Macht ihres geschärften Selbstverständnisses zu vertrauen und wie
in aller Welt so auch im Ostblock "dialektisch" darauf zu hoffen,
"daß die Liberalisierung... ihren Fortgang nimmt. Ohne Zweifel
wird sie revisionistische, opportunistische, vielleicht sogar
konterrevolutionäre Züge annehmen, bevor die Massen ihr Selbst-
vertrauen zurückgewinnen, zu spontaner politischer Aktion wieder
fähig werden und anfangen, revolutionäre Forderungen zu stellen."
(Nr. 13)
Mit der visionären Schaffung vieler kleiner Hans Magnusse, die
von geistiger Urbanität der "Kursbuch"-Schreiber künden, war für
die Zeitschrift der Punkt höchster Emanzipation erreicht. Die Au-
toren machten sich auch äußerlich unabhängig vom SuhrkampVerlag
und widmeten sich fürderhin jedem höheren Blödsinn, den ihnen der
geistige Atem der 70er Jahre in die Redaktionsstube wehte.
Zunehmend interessierte sich die intellektuelle Elite für die
welterschütternde Frage nach der Innenausstattung ihres Geistes.
Die Fähigkeit zu undogmatischer "Kritik und Selbstkritik" be-
währte sich unter anderem in "Drei Versuchen über die Ratlosig-
keit", "Das Elend mit der Psyche" mußte sich zwei Bände lang hin-
terfragen lassen, wie unausweichlich gesellschaftlich es sei.
"Die Schwierigkeit, zeitgenössisch zu sein", drückte sich in
"Unwissenschaftliche Betrachtungen eines weiblichen Monsters"
aus, und überhaupt wurden zur Erziehungsproblematik an allen
Fronten reichlich "Baukästen", "Gemeinplätze", "Kursbögen" mit
"Liebesspielen im Kinderzimmer" gereicht. Bei soviel Sinn des
Kursbuchgeistes für seine selbstbeglückte Gegenwart konnte eine
leicht irre "Kritik der Zukunft" nicht ausbleiben. Doch auch die
eigene geistige Vergangenheit will bewältigt sein, wozu "Vatis
Argumente" für die nötige Toleranz nicht fehlen dürfen:
"Wenn ich mit den 18- bis 25jährigen rede, merke ich oft, daß sie
mehr Duldsamkeit für menschliche Schwächen haben als manche, die
ich aus den Jahren der Studentenbewegung kenne. Sie können die
eigene Verletzbarkeit leichter zugeben und eher bei anderen an-
nehmen. Sie sind weder mit sich selbst noch mit anderen so
streng, wie man das uns Studentenbeweglern eingebleut hat. Der
Kult der eigenen Stärke, der uns oft so anzieht, findet bei ihnen
weniger Anhänger. Diese Toleranz gegenüber Schwäche ist eine der
produktivsten Auswirkungen jener Befreiungsversuche, die die Stu-
dentenbewegung einst in ersten Schritten begann. Mich hat die
größere Verständnisbereitschaft der heutigen Jugendlichen sehr
irritiert. Trotzdem hat sie mich erleichtert." (Nr. 55)
Der einsichtsvolle Weg des Geistes in sich geht natürlich auch
weit aus sich heraus sieht es doch nicht überall auf der Welt so
sauber aus wie in dem von jedem vernünftigen Gedanken geläuterten
Gewissen der Kursbuchgemeinde:
"Henry Luce hat einmal Uncle Sam als den guten Samariter be-
schrieben, der lieber gibt als nimmt. Wir meinen, nach allem, was
wir hier dargestellt haben, daß es sich umgekehrt verhält." (Nr.
22)
Das sind vielleicht "nordamerikanische Zustände" - in Indochina,
Mittelamerika und anderswo. "Manuela, die Mexikanerin", kann ein
Liedchen davon singen, von "50 Jahren cubanischer Geschichte, ge-
sehen mit den Augen einer Köchin". Ob Minenarbeiter in Chile, ju-
gendlicher Ghettobewohner oder indianische Gebärmutter - sie alle
haben dem polyglotten Kursbuchleser, der an der Vorführung von
soviel individuellem Leben gar nicht genug kriegen kann, eine
Botschaft zu überbringen - allerdings auch nur eine: Überall gibt
es Ansätze solch exotischen Problembewußtseins zu besichtigen,
wie er selber es auf deutschem Boden pflegt - wie läßt sich sinn-
reiches Leben denken unter so komplizierten Existenzbedingungen,
die am Menschen vor allem sein Selbstverständnis immer wieder
schwer in Frage stellen?
Doch auch im eigenen Land braucht der besorgte Intellektuelle
sein "Kursbuch", um angesichts für Deutschlands Wirtschaftskraft
strahlender Atomkraftwerke die futuristische Frage der Gen-Mani-
pulation bis ins 3. und 4. Glied seiner Nachkommenschaft aufzu-
werfen; angesichts einer Eigentumsordnung, die die Masse der Ge-
sellschaft über den Verkauf ihrer Arbeitskraft ihr Leben zu zer-
stören zwingt, die überlegene Frage sinnvoller Nutzung des Eigen-
tums in den Wohnraum zu stellen; angesichts deutscher Kriegsvor-
bereitungen die idiotische Frage zu thematisieren, ob es über-
haupt eine Bundeswehr gibt, "die diesen Namen verdient", oder ob
es sich bei ihr nicht vielmehr um "eine Mischung aus Wehrmacht
und amerikanischem Expeditionscorps" (Nr. 61) handelt usw.
Fragen über Fragen, auf die mittlerweile über 60 Kursbücher die
Antwort darstellen. In souveräner Gleichgültigkeit gegenüber je-
dem Problem dieser Welt lassen sich daher auch unter der runden
Nummer 60 alle eigens ausgeklügelten Problemchen des "Kursbuchs"
dahingehend zuspitzen, wie gefährlich es sei, sich in der Frei-
heit seines Denkens allzusehr auf überkommene Interpretationsmu-
ster, hier "Moral" genannt, festzulegen:
"Moral allenthalben. Wir sind umzingelt von Moral. Moral durch-
setzt alle Lebensbereiche, ist allgegenwärtig im Alltag... Moral
verhindert Denken. Aber ein Leben ohne Moral - ginge das über-
haupt, wollen wir das wirklich?" (Nr. 60)
Nur logisch, daß es weiter Kursbücher geben muß, die durch jedes
moralische Denkschema hindurchleuchten und die Starrheit der Mo-
ral verflüssigen:
"Neue Erkenntnis, daß ein großer Teil der bürgerlichen Moral gut
und verteidigenswert ist: Demokratie, Freiheit, Meinungsfreiheit,
Reisefreiheit usw, und Toleranz, vielleicht sogar Humor." (ib.)
So gesehen ist Demokratie ein Begriff, der so frei ist, sich all-
zeit bewitzeln zu lassen, was die w i r k l i c h e Demokratie
den Kursbuchkomikern allerdings immer hat durchgehen lassen, weil
sie sich von derartigen Verrücktheiten erst gar nicht angekratzt
sieht.
In ihrer Narrenfreiheit sind sich demokratische Intellektuelle ja
auch zu nichts zu blöd. Ihren albernen Denkspielen haben sie in
"Kursbuch" 63 "Spielregeln" abgewonnen, die das dümmste Herumas-
soziieren als gelungene Phantasietätigkeit gelten lassen. Solche
Kreativität heißt im Kursbuchjargon sogar "ästhetisch", wie über-
haupt dieses Buch ein Tummelplatz fortschrittlichen Literatentums
ist. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, haarsträubende Ein-
fälle so miteinander zu vermengen, daß purer Unsinn herauskommt,
über den aber keinesfalls gelacht werden darf - die gelungene Ge-
hirnakrobatik soll vielmehr Staunen auslösen. Eine Gräfin Plessen
z. B. möchte sich als alte Baubo, auf einem Mutterschwein rei-
tend, betrachtet sehen, hatte doch ihr Vater, der lose Lehnsgraf,
sie als Kind einmal ein Spanferkel verlosen lassen: "Mein Vater
hatte uns vereinigt. Das blieb mir hängen." (Nr. 63). Gott sei
Dank bleibt beim Lesen der Kursbücher nichts hängen. Sie sind
deshalb auch kein Ärgernis, sondern für die geistige Elite dieses
Landes durchaus empfehlenswert. Ansonsten ist für 8 Mark ihr
Heizwert gering, was angesichts wachsender Energieprobleme schon
etwas ärgerlich ist. Schade auch um das Geld für die Anzeige, mit
der die Marxistische Gruppe im "Kursbuch" 63 für ihre Psycholo-
gie-Broschüre wirbt.
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