Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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"Biermann, Gremliza etc."
Ein stupider Materialismus
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macht natürlich blind für Regungen eines kollektiven deutschen
Unterbewußtseins, dessen sichtbarster Ausdruck die Regungen
friedensbewegter Linker hierzulande waren. Das solipsistische
Gemüt derselben ist so strukturiert, daß der Krieg gegen den Irak
angesichts des verlorenen Zweiten Weltkriegs als bedrohlich
empfunden wurde, und darüber hinaus wieder ein latenter
Antisemitismus zum Vorschein kommen konnte. Letzterer steckt z.B.
in der Vorstellung, die Juden müßten, da sie Opfer des Holocaust
waren, durch Leiden gewissermaßen geläutert und deshalb als Staat
besonders tugendhaft sein.
W. P., z. Zt. in Bremen
Antwort der MSZ-Redaktion
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Wir entnehmen Deiner Zuschrift, daß Du unsere Kritik an Linken,
die sich selbst und ihresgleichen während des Golfkriegs vor
Antisemitismus gewarnt haben, nicht eingesehen hast und schwer
mißbilligst. Wir haben ein paar Zeilen darauf verwandt, das
Verfahren und die Argumente zu charakterisieren, die linke
Zeitgenossen zu dem Schluß führen, daß eine Befürwortung des
Krieges, den die USA im Namen der Völkergemeinschaft durchgezogen
haben, in Ordnung geht. Wir haben Gründe für unsere Verwunderung
aufgeschrieben darüber, daß die Ablehnung dieser flotten
Freiheitstat von Antisemitismus zeugen soll bzw. auf ihn
zurückgeht. Und was müssen wir uns jetzt, lieber W.P., von Dir
sagen lassen? Daß wir das gar nicht s e h e n k ö n n e n, was
Du entdeckt hast!
Nun ist "Ich sehe was, was Du nicht siehst" ein unterhaltsames
Gesellschaftsspiel für minderjährige Freizeitgestalter - aber
recht unergiebig für den Nachweis, daß sich andere bei einem
Gedanken vertan haben. Über die Wiederholung Deiner Entdeckung -
um die sich andere Linke auch verdient gemacht haben geht die
Botschaft erst einmal gar nicht hinaus. Zusätzlich teilst Du uns
diese Bekräftigung Deines Standpunkts in der Weise mit, daß unser
Standpunkt den Tatbestand einer ernsten Behinderung erfüllt. Aber
als Entschuldigung scheinst Du das gar nicht gelten zu lassen;
vielmehr kommt uns die Sache mit dem Stupiden Materialismus wie
eine Beschimpfung vor. Liegen wir da richtig? Dann verrate uns
aber auch das alternative Vorurteil, mit dem wir sehend werden!
Es kommt uns so vor, als wolltest Du uns zumindest in zwei
Belangen auf die Sprünge helfen. Einmal sollen wir uns mit Deinem
intakten Gesichtssinn an die Optik gewöhnen, die in
B e w u ß t s e i n s ä u ß e r u n g e n - richtigen oder
falschen - anderer Leute allemal ein
U n t e r b e w u ß t s e i n feststellt. Das würde uns die
Unterscheidung von Einsichten und Fehlern ersparen, weil es die
Frage der gestörten Wahrnehmung aufwirft. Zum anderen sollen wir
uns besagte Hintergrundmacht doch wieder als eine nationale
Parteilichkeit vorstellen, aus der sich die guten Leute aber eben
nicht schlicht ihre Meinungen zurechtlegen, sondern der sie -
ohne es zu merken - ausgeliefert sind. Das ist uns, mit Verlaub,
wieder ein wenig zu zuvorkommend gegenüber den nationalistischen
Ansichten, die von Genscher bis zum Stammtisch, unter
wohlgeratener Vermittlung von "Spiegel" und "Bild", so kursieren.
Umgekehrt wünschen wir uns auch kein Unterbewußtsein, daß uns wie
Deines selbst in Affären, wo es nun einmal nicht um die
"Judenfrage" geht, in hemmungslosen Philosemitismus stürzt.
Angesichts der heutigen Weltlage wäre uns auch eine
Gemütsstruktur samt Unterbewußtsein äußerst lästig, die uns bei
allen Schlachten, die Geld und Gewalt schlagen, immerzu auf den
Jammer mit dem Zweiten Weltkrieg festlegt. So können wir auch
ohne Beeinträchtigung durch eine uns befangen machende Instanz
mit stupidem Materialismus eines unterscheiden: den herrschenden
Nationalismus und ein paar von ihm zur Raison gebrachte
"friedensbewegte Linke", auf die Du ein so erstaunlich scharfes
Auge geworfen hast.
Aber das ist eben die Kluft, die zwischen uns klafft. Der eine
macht sich überall an das Studium der l a t e n t e n Boshaf-
tigkeiten, die anderen widmen sich - stupide - den e v i d e n-
t e n politischen Geistesleistungen ihrer Zeit. Mit der Ent-
schuldigung des S t a a t e s Israel für alle seine inneren und
äußeren Großtaten wg. Auschwitz haben es letztere natürlich
nicht, schon gleich gar nicht in Form einer unterbewußten
Erwartung; wie sollten die Opfer von damals denn das bewirken,
daß ihr S t a a t t u g e n d h a f t gerät? Du sagst ja
selbst, daß das gar nicht geht, es sei denn mit latentem
Antisemitismus. Bloß warum kämpfst Du so selbstgerecht und in
Kennerschaft fremder Unterbewußtseine so forsch für jene Nation
und einen speziell deutschen Respekt vor ihr? Seltsam, was die
Konstruktion eines nationalen Gewissens einem gewissenhaften
Nationalismus entgegensetzt. Und als l i n k e (!) Sünde
anprangert!
Licht aus...
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Die Geschichte bietet in ihrem Verlauf bekanntlich keine
Wiederholungen, wohl aber Parallelen. Was sich gerade in Zeiten
bewahrheitet, wie sie über die DDR-Bürger hereingebrochen sind,
als die weiter sich zu fühlen die meisten von uns gezwungen, weil
vom Status eines Bundesbürgers meilenweit entfernt sehen. Berufs-
und Amateurhistoriker, Parteivorsitzende und RepräsentantInnen
von Bürgerbewegungen, Schriftsteller und Journalisten unter-
schiedlicher politischer Couleur haben mit unterschiedlichen
Intentionen ein beachtliches geistiges Potential in Bewegung
gesetzt, um solche, meist heftig umstrittene Parallelen zu
verdeutlichen. Unrechtshandlungen unter der SED-Herrschaft werden
mit den NS-Verbrechen verglichen oder gleichgesetzt, die
Ereignisse des Herbstes 1989 mit der Französischen Revolution von
1789, der Anschluß der DDR an die BRD mit der Annexion
Österreichs und des Sudetenlandes durch Hitler, die Wahlbetrüger
vom 2. Dezember 1991 mit den Wahlfälschern des 7. Mai 1989, der
Trenchcoat des Bundeskanzlers mit dem Mantel der Geschichte. Ein
SPD-Bürgermeister gibt im "extra MAGAZIN" vom 7.3.1991 die
Ungeheuerlichkeit von sich, 1945 hätten die Menschen auch nichts
gehabt, und trotzdem wäre es weitergegangen, weshalb er sich von
dem "Medienspektakel" über Arbeitslosigkeit und gebrochene
Wahlversprechen nicht verrückt machen lasse. Auch Querdenker
melden sich zu Wort, die an den von den Nazis spektakulär
angekündigten, jedoch aus allgemein bekannten Gründen (Görings
Blamage bei der Kontroverse mit Dimitroff vor dem Leipziger
Reichsgericht!) niemals stattgefundenen Prozeß gegen Thälmann
erinnern und daran die Frage knüpfen, warum das ebenso
spektakulär angekündigte Verfahren gegen Honecker nicht eröffnet
wurde, als man seiner noch habhaft werden konnte. - Parallelen
wie gesagt, die heftig umstritten sind.
In einem indes bestand bei allen Beteiligten bzw. Betroffenen
weitgehend Übereinstimmung: daß die Herren Kohl und Waigel im
Reichskommissariat Ost eine Besatzungspolitik betreiben, wie sie
im (Geschichts-)Buch steht, und das Wirken der allerdings nicht
von ihnen, sondern noch von DDR-"Experten" erfundenen
Treuhandanstalt mit der Abwicklung jüdischen Vermögens unter
Hermann Göring durchaus gleichzusetzen sei. Alles Schnee von
gestern. Heute liegt die Vermutung nahe, daß in Ostdeutschland
eine Politik der verbrannten Erde betrieben wird, um im Falle
eines (freiwilligen oder erzwungenen) Rückzuges aus dem
Besatzungsgebiet, nachdem es restlos ausgeplündert wurde, dessen
Bewohnern nach bewährten historischen Vorbildern ein Chaos zu
hinterlassen, den Wiederaufbau zu erschweren und die Wiederholung
des sozialistischen Experimentes nach einem dann vielleicht
besser durchdachten Konzept unmöglich zu machen. Diese Vermutung
haben keine SED-/Stasi-Seilschaften aufgebracht, wie man annehmen
sollte, sondern die Rohwedderschen Truppenteile selber, in deren
Rostocker Niederlassung laut "Berliner Zeitung" vom 25.3.91 der
Spruch kursiert: Einer muß da sein, der das Licht ausknipst: wir,
die Treuhand.
Postscriptum für Redaktionen aus dem Alt-Bundesgebiet:
Der Titel der Glosse und der Inhalt des Treuhandspruches beziehen
sich auf den zu Erich Honeckers Zeiten wohl populärsten DDR-Witz
in welchem der Landesvater bei der nächtlichen Rückkehr von einem
Staatsbesuch beim "Großen Bruder" eine zwar taghell erleuchtete,
ansonsten aber verödete, völlig menschenleere Hauptstadt und am
weit geöffneten Brandenburger Tor einen mit Spucke befestigten
Zettel vorfindet, auf dem zu lesen ist: Erich, knips das Licht
aus. Du bist der letzte! "
K.-H. R., Berlin
Antwort der MSZ-Redaktion
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Du willst die gesamtdeutsche Anschlußpolitik gegen die alte DDR
bzw. für die neue Ostzone schlechtmachen und bietest dafür ein
herzlich schlechtes "Argument": die Idee der geschichtlichen
Parallele. Ereignisse und Errungenschaften der Gegenwart sollen
sich daran blamieren, daß sie so etwas Ähnliches - "parallel" -
wären wie anerkannt abscheuliche Geschichten der Vergangenheit.
Die Blamage klappt unweigerlich - für jeden, der die schlechte
Meinung sowieso teilt und deswegen der herbeizitierten und
logischerweise "meist heftig umstrittenen" Parallele zustimmt.
Wer anderer, besserer Meinung über das neue Deutschland ist,
sucht sich - und findet mit derselben Leichtigkeit - seine
Parallelen. Das Verfahren klappt immer. Seine Beweiskraft
allerdings ist gleich Null; und beides aus demselben Grund:
Wirklich gleichartige Vorgänge sind es ja sowieso nie, die da für
ziemlich gleichgelagert - erklärt werden, bloß um den Konsens in
der Wert- oder Unwertschätzung von dem einen Vorkommnis auf das
andere zu übertragen. Der Wunsch, den guten oder schlechten Ruf
früherer Ereignisse auszunutzen, ist allemal der Leitfaden für
das "beachtliche geistige Potential", das sich aufmacht, um deren
prinzipielle Übereinstimmung mit gegenwärtigen Ereignissen zu
behaupten.
Darin liegt auch die Unehrlichkeit des Verfahrens. Der Lage, die
man nicht leiden kann, wird so nämlich eine Verurteilung
angehängt, die sich aus dieser Lage gar nicht mehr begründen
will. Statt Kritik auch nur zu versuchen, wird mit dem Gestus der
Empörung um den Beifall von Gesinnungsgenossen nachgesucht. Über
die Wirksamkeit dieser Art von Überzeugungstätigkeit ist damit
übrigens auch schon alles gesagt: Soweit sie sich nicht sowieso
bloß an längst Überzeugte richtet, findet sie dort am meisten
Anklang, werden am ehesten solche Parallelen akzeptiert und für
gültig befunden, wo hinter der Absicht, die Sache in ihrem Sinn
zu bewerten, der meiste praktische Nachdruck steht. Diejenigen,
die nicht zu argumentieren brauchen, deren Wort sowieso gilt,
weil sie die Macht haben, bedienen sich gern dieses billigen
Verfahrens - so bequem wird die Meinung der Herrschenden zur
herrschenden Meinung.
Du willst dagegen ausgerechnet in einer denkbar schlechten
Meinung über die herrschenden Verhältnisse in der Ostzone
"weitgehende Übereinstimmung bei allen Beteiligten bzw.
Betroffenen" ausgemacht haben. Wo, bitte, hat es einen solchen
breiten Konsens in der Frage westdeutscher "Besatzungspolitik"
gegeben? Bei der Masse der "Betroffenen" wohl kaum: Die haben
sich mit Mehrheiten wenig unter den alten SED-Ergebnissen (keine
Parallele übrigens! ) die westdeutschen Parteien samt Chefs und
Beamtenapparat herbeigewählt. Und wenn jetzt der Ärger über die
"Besser-Wessies" zunimmt und das Schimpfwort von den "Besatzern"
aus dem Westen ein bißchen Anklang findet, spricht das wirklich
nicht für die Richtigkeit und Überzeugungskraft der Parallele
zwischen dem DDR-Anschluß und einem faschistischen
"Reichskommissariat Ost", sondern bezeugt nur das beleidigte
Selbstbewußtsein ostdeutscher Nationalisten, die sich in ihrer
über alles begehrten Eigenschaft a l s D e u t s c h e nicht
genügend gewürdigt finden, vielmehr "gezwungen" sehen, sich
weiter mit dem Status eines Ex-DDR-Bürgers abzufinden, den
niemand so heftig als minderwertig verachtet wie sie selber. Und
dieser Ruf nach mehr deutscher Nationalehre für Zonis: das ist
doch wohl kaum Dein Anliegen?!
Was die schlechte Meinung über die Treuhandanstalt betrifft, so
stellt sich uns die breite Übereinstimmung der Betroffenen auch
etwas anders dar als ausgerechnet so, daß alle Welt sich an die
NS-Politik der "Arisierung" jüdischen Vermögens erinnert fühlen
würde. Nach allem, was man hört, kommen sich die Opfer des neu
eingeführten Kapitalismus nicht wie enteignete Juden, eher als
die nach wie vor von "Stasi-Seilschaften" Drangsalierten und
Verfolgten vor - sind also mit einer ganz anderen "geschicht-
lichen Parallele" zufriedengestellt, die freilich auch den festen
Willen verrät, keinen einzigen sachlichen, politökonomischen
Gedanken über die eigene beschissene Lage zu fassen. Statt dessen
versuchen sie, sich bei allem Elend wenigstens moralisch ins
Recht zu setzen. Insofern, das müssen wir Dir zugeben, ist es
auch schon egal, ob sie ihr Gejammer über unberechtigt schlechte
Behandlung mit der Selbstdarstellung als Stasi- oder als so etwas
Ähnliches wie NS-Opfer aufpeppen - sie könnten sich demnächst
auch als die "Kurden Deutschlands" vorstellen: Das alles ist
gleichermaßen verkehrt, berechnend, hoffnungslos, wirkungslos,
erbaulich und bescheuert.
Das Schlimmste kommt aber erst noch: Ganz ohne historische
Parallele, außer der sehr allgemeinen mit einer verschiedentlich
probierten militärischen Rückzugs-Strategie, diagnostizierst Du
im Osten Deutschlands eine "Politik der verbrannten Erde", die
letztendlich einen neuen, besseren Sozialismus verhindern soll.
Wir können Dir diese Verschwörvngstheorie schwer widerlegen, weil
Du keine diskutablen Gründe dafür anbietest, sondern einfach -
vermutungsweise, wie sich das für den Gestus der Aufgeklärtheit
gehört - daran glaubst. Vielleicht hilft es aber zu ermitteln,
wie Du darauf verfallen bist.
Tatsache ist, daß die Treuhandanstalt die Mehrzahl der Ost-
Betriebe im Endeffekt schlicht liquidiert: Sie "knipst das Licht
aus" ein Scherz, über den Treuhand-Mitarbeiter sich wahrschein-
lich totlachen können. Warum, wozu macht sie das? Du glaubst
einfach nicht, daß dieses Zumachen einen ö k o n o m i s c h e n
Grund und Zweck haben kann - obwohl die Sache so schwierig
eigentlich nicht ist: Die DDR-Wirtschaft ist zur Unterabteilung
des bundesdeutschen Kapitalismus herabgesetzt worden - und der
hat weder für so eine Unterabteilung, also für den realsozia-
listischen Laden als ganzen irgendeine, noch für seine
vereinzelten Trümmer sonderlich viel Verwendung. Die
Hinterlassenschaft des DDR-Sozialismus ist nicht kompatibel mit
dem Kapitalismus deutscher Nation; sie läßt sich nicht einfach
umwandeln und erhalten, sondern geht zugrunde, mit all ihrem
produktiven Inventar; und das heißt in unserem ordentlichen
Staat: Sie wird säuberlich "abgewickelt". Da wundert sich dann
mancher Ex-DDRler, weil er meint, so schlecht wären die alten
VEBs doch auch wieder nicht gewesen; immerhin war doch auch das
Treuhand-Konzept ursprünglich einmal davon ausgegangen, irgendwie
wäre das DDR-Wirtschafts-"Potential" doch erhaltenswert. Ist es
aber nicht: Die kapitalistischen Erfolgsmaßstäbe verlangen
anderes, und eine fertige kapitalistische Nationalökonomie wie
die bundesdeutsche läßt nichts anderes zu. Das ist der ganze
Grund für die "Zerstörungspolitik", die Du in Deiner alten Heimat
entdeckst.
Umgekehrt kann der Kapitalismus "drüben" nicht viel erben; er muß
schon mit seinen eigenen Mitteln "nach drüben" gehen - und die
kriegt er dafür ja auch: -zig Milliarden für ein Ding namens
"Aufschwung Ost" zeugen von dem unerbittlichen Willen der
Regierenden im größeren Deutschland, ihre Ostzone zum Standort
lohnender Weltmarktgeschäfte und so zur erweiterten Basis ihrer
entsprechend wachsenden Macht herzurichten. Diesen Z w e c k
des ganzen Unternehmens siehst Du aber schon gar nicht mehr;
wahrscheinlich hättest Du daran auch so wenig auszusetzen, daß
Dir darüber Deine schlechte Meinung von der Bonner
Anschlußpolitik gleich vergehen würde. Du hältst Dich lieber an
die negative Seite, die absichtsvolle Beseitigung der alten DDR-
Nationalökonomie, nimmst sie als E n d z w e c k der ganzen
Sache und machst Dir einen Reim auf die schlechte Absicht, die Du
damit dingfest gemacht haben willst: Wenn die Treuhänder und ihre
Auftraggeber bloß alles "ausknipsen", dann - so folgerst Du -
rechnen sie gar nicht damit, daß sie dableiben; dann bereiten
sie, kaum angekommen, ihren " (freiwilligen oder erzwungenen)
Rückzug" vor. Ein Staat der frisch angegliederte Provinzen gar
nicht haben will (und dafür mit aller Macht und Gewalt in sie
hineingeht... ): Kommt Dir diese Vorstellung nicht doch ein wenig
seltsam vor? Oder meinst Du das mit dem "unfreiwillig" etwa so,
eine Bevölkerung, die kein, höheres Anliegen als die
Gleichstellung mit den Alt-Bundesbürgern kennt und jetzt
tatsächlich derselben Obrigkeit gehorchen darf wie diese, wäre
womöglich bereit (von der Fähigkeit ganz zu schweigen), ihre neue
Gesamt-Staatsmacht wieder hinauszuwerfen?
Du weigerst Dich einfach, zur Kenntnis zu nehmen, daß die
staatliche Zweiteilung unwiderruflich weg und gar kein
Staatsgebiet zweiter Klasse mehr vorhanden ist, aus dem die neu
zugeschnittene deutsche Staatsgewalt sich zurückziehen könnte
(ganz zu schweigen davon, daß sie es wollte). Du siehst die Lage
lieber so, als wäre - irgendwie, untergründig - die DDR doch noch
da, bloß besetzt, und als wäre die bundesdeutsche Politik immer
noch ihrer Beseitigung gewidmet. Oder noch nicht einmal ihrer
Beseitigung, sondern ihrer "Plünderung" - ein bizarrer Einfall,
wo die Kapitalisten in all ihrer Profitgier die
Hinterlassenschaft der DDR-Wirtschaft noch nicht einmal geschenkt
haben wollen (scharf sind sie ausgerechnet auf Grundeigentum, das
sich nun wirklich schlecht davontragen läßt). Und eine böse
Absicht dazu kannst Du Dir auch schon wieder vorstellen, die
damit verfolgt würde; nämlich die, einen Schlag zu führen gegen
den "Wiederaufbau" von was eigentlich: Für Dich ist die DDR
anscheinend einfach nicht totzukriegen; sie überlebt ihr eigenes
Ende - als Wiederaufbauprojekt, dem die Bösen aus dem Westen die
Bedingungen kaputtmachen wollen. Oder, noch besser: als neu
aufzulegendes "sozialistisches Experiment nach einem vielleicht
besser durchdachten Konzept", das "unmöglich" gemacht werden
soll. Es tut uns leid: So ein Opfer der neuen Aufschwung-Politik
im Osten können wir beim besten Willen nicht entdecken.
Eins muß man Dir lassen: Ein geistiger Überläufer bist Du nicht.
In Dir hat die DDR-Staatsideologie so tiefe Wurzeln geschlagen,
daß Du selbst die brutale Herrichtung der neuen deutschen Ostzone
zum Standort kapitalistischen Geschäfts und gesamtdeutscher Macht
wie eine besonders schwierige Phase in der Geschichte der DDR
auffassen willst - und das ausgerechnet deswegen, weil die
Herrichtung so brutal vonstatten geht und die Ex-DDR-Bürger in
ihrem Nationalstolz beleidigt. Oder, noch besser: Du nimmst die
Gegenwart als Zwischenphase in der Geschichte sozialistischer
Experimentierfreude, als deren Werk die letzten Freunde der DDR
diesen Staat noch rechtfertigen möchten. Darüber kriegst Du gar
nicht mehr mit, was wirklich gespielt wird und worum es
tatsächlich geht im neuen Deutschland - eine sehr schlechte
Bedingung für das "bessere Durchdenken" eventueller neuer
"sozialistischer Konzepte"!
Aber wir wollen Dir nicht Unrecht tun: Du hast mit Deinen
"historischen Parallelen" ja sowieso ganz andere Sorgen.
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