Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...


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       "Biermann, Gremliza etc."
       
       Ein stupider Materialismus
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       macht natürlich  blind für  Regungen eines  kollektiven deutschen
       Unterbewußtseins,  dessen   sichtbarster  Ausdruck  die  Regungen
       friedensbewegter Linker  hierzulande  waren.  Das  solipsistische
       Gemüt derselben ist so strukturiert, daß der Krieg gegen den Irak
       angesichts  des  verlorenen  Zweiten  Weltkriegs  als  bedrohlich
       empfunden  wurde,   und  darüber   hinaus  wieder   ein  latenter
       Antisemitismus zum Vorschein kommen konnte. Letzterer steckt z.B.
       in der  Vorstellung, die Juden müßten, da sie Opfer des Holocaust
       waren, durch Leiden gewissermaßen geläutert und deshalb als Staat
       besonders tugendhaft sein.
       
       W. P., z. Zt. in Bremen
       
       Antwort der MSZ-Redaktion
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       Wir entnehmen  Deiner Zuschrift,  daß Du unsere Kritik an Linken,
       die sich  selbst und  ihresgleichen während  des  Golfkriegs  vor
       Antisemitismus gewarnt  haben, nicht  eingesehen hast  und schwer
       mißbilligst. Wir  haben ein  paar  Zeilen  darauf  verwandt,  das
       Verfahren  und  die  Argumente  zu  charakterisieren,  die  linke
       Zeitgenossen zu  dem Schluß  führen, daß  eine  Befürwortung  des
       Krieges, den die USA im Namen der Völkergemeinschaft durchgezogen
       haben, in  Ordnung geht. Wir haben Gründe für unsere Verwunderung
       aufgeschrieben  darüber,   daß  die   Ablehnung  dieser   flotten
       Freiheitstat  von   Antisemitismus  zeugen   soll  bzw.  auf  ihn
       zurückgeht. Und  was müssen  wir uns  jetzt, lieber W.P., von Dir
       sagen lassen? Daß wir das gar nicht  s e h e n  k ö n n e n,  was
       Du entdeckt hast!
       Nun ist  "Ich sehe  was, was  Du nicht siehst" ein unterhaltsames
       Gesellschaftsspiel für  minderjährige  Freizeitgestalter  -  aber
       recht unergiebig  für den  Nachweis, daß  sich andere  bei  einem
       Gedanken vertan  haben. Über die Wiederholung Deiner Entdeckung -
       um die  sich andere  Linke auch  verdient gemacht  haben geht die
       Botschaft erst  einmal gar nicht hinaus. Zusätzlich teilst Du uns
       diese Bekräftigung Deines Standpunkts in der Weise mit, daß unser
       Standpunkt den Tatbestand einer ernsten Behinderung erfüllt. Aber
       als Entschuldigung  scheinst Du  das gar  nicht gelten zu lassen;
       vielmehr kommt  uns die  Sache mit dem Stupiden Materialismus wie
       eine Beschimpfung  vor. Liegen  wir da  richtig? Dann verrate uns
       aber auch das alternative Vorurteil, mit dem wir sehend werden!
       Es kommt  uns so  vor, als  wolltest Du  uns  zumindest  in  zwei
       Belangen auf die Sprünge helfen. Einmal sollen wir uns mit Deinem
       intakten   Gesichtssinn   an   die   Optik   gewöhnen,   die   in
       B e w u ß t s e i n s ä u ß e r u n g e n   -    richtigen   oder
       falschen      -       anderer       Leute       allemal       ein
       U n t e r b e w u ß t s e i n   feststellt.  Das  würde  uns  die
       Unterscheidung von  Einsichten und  Fehlern ersparen, weil es die
       Frage der  gestörten Wahrnehmung aufwirft. Zum anderen sollen wir
       uns besagte  Hintergrundmacht  doch  wieder  als  eine  nationale
       Parteilichkeit vorstellen, aus der sich die guten Leute aber eben
       nicht schlicht  ihre Meinungen  zurechtlegen, sondern  der sie  -
       ohne es  zu merken - ausgeliefert sind. Das ist uns, mit Verlaub,
       wieder ein  wenig zu zuvorkommend gegenüber den nationalistischen
       Ansichten,  die   von  Genscher   bis   zum   Stammtisch,   unter
       wohlgeratener Vermittlung von "Spiegel" und "Bild", so kursieren.
       Umgekehrt wünschen wir uns auch kein Unterbewußtsein, daß uns wie
       Deines  selbst  in  Affären,  wo  es  nun  einmal  nicht  um  die
       "Judenfrage"  geht,   in  hemmungslosen  Philosemitismus  stürzt.
       Angesichts   der   heutigen   Weltlage   wäre   uns   auch   eine
       Gemütsstruktur samt  Unterbewußtsein äußerst  lästig, die uns bei
       allen Schlachten,  die Geld  und Gewalt schlagen, immerzu auf den
       Jammer mit  dem Zweiten  Weltkrieg festlegt.  So können  wir auch
       ohne Beeinträchtigung  durch eine  uns befangen  machende Instanz
       mit stupidem  Materialismus eines unterscheiden: den herrschenden
       Nationalismus  und   ein  paar   von  ihm  zur  Raison  gebrachte
       "friedensbewegte Linke",  auf die  Du ein so erstaunlich scharfes
       Auge geworfen hast.
       Aber das  ist eben  die Kluft,  die zwischen uns klafft. Der eine
       macht sich  überall an  das Studium der  l a t e n t e n  Boshaf-
       tigkeiten, die  anderen widmen sich - stupide - den  e v i d e n-
       t e n   politischen Geistesleistungen  ihrer Zeit.  Mit der  Ent-
       schuldigung des  S t a a t e s  Israel für alle seine inneren und
       äußeren Großtaten  wg.  Auschwitz  haben  es  letztere  natürlich
       nicht,  schon  gleich  gar  nicht  in  Form  einer  unterbewußten
       Erwartung; wie  sollten die  Opfer von  damals denn das bewirken,
       daß ihr   S t a a t   t u g e n d h a f t   gerät?  Du  sagst  ja
       selbst, daß  das  gar  nicht  geht,  es  sei  denn  mit  latentem
       Antisemitismus. Bloß  warum kämpfst  Du so  selbstgerecht und  in
       Kennerschaft fremder  Unterbewußtseine so  forsch für jene Nation
       und einen  speziell deutschen  Respekt vor  ihr? Seltsam, was die
       Konstruktion  eines  nationalen  Gewissens  einem  gewissenhaften
       Nationalismus  entgegensetzt.  Und  als    l i n k e (!)    Sünde
       anprangert!
       
       
       Licht aus...
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       Die  Geschichte   bietet  in   ihrem  Verlauf  bekanntlich  keine
       Wiederholungen, wohl  aber Parallelen.  Was sich gerade in Zeiten
       bewahrheitet, wie  sie über  die DDR-Bürger hereingebrochen sind,
       als die weiter sich zu fühlen die meisten von uns gezwungen, weil
       vom Status eines Bundesbürgers meilenweit entfernt sehen. Berufs-
       und Amateurhistoriker,  Parteivorsitzende  und  RepräsentantInnen
       von  Bürgerbewegungen,  Schriftsteller  und  Journalisten  unter-
       schiedlicher  politischer  Couleur  haben  mit  unterschiedlichen
       Intentionen ein  beachtliches  geistiges  Potential  in  Bewegung
       gesetzt,  um  solche,  meist  heftig  umstrittene  Parallelen  zu
       verdeutlichen. Unrechtshandlungen unter der SED-Herrschaft werden
       mit  den   NS-Verbrechen  verglichen   oder  gleichgesetzt,   die
       Ereignisse des Herbstes 1989 mit der Französischen Revolution von
       1789,  der   Anschluß  der  DDR  an  die  BRD  mit  der  Annexion
       Österreichs und  des Sudetenlandes durch Hitler, die Wahlbetrüger
       vom 2.  Dezember 1991  mit den Wahlfälschern des 7. Mai 1989, der
       Trenchcoat des  Bundeskanzlers mit dem Mantel der Geschichte. Ein
       SPD-Bürgermeister  gibt  im  "extra  MAGAZIN"  vom  7.3.1991  die
       Ungeheuerlichkeit von  sich, 1945 hätten die Menschen auch nichts
       gehabt, und  trotzdem wäre es weitergegangen, weshalb er sich von
       dem  "Medienspektakel"   über  Arbeitslosigkeit   und  gebrochene
       Wahlversprechen nicht  verrückt  machen  lasse.  Auch  Querdenker
       melden sich  zu Wort,  die  an  den  von  den  Nazis  spektakulär
       angekündigten, jedoch  aus allgemein  bekannten Gründen  (Görings
       Blamage bei  der Kontroverse  mit  Dimitroff  vor  dem  Leipziger
       Reichsgericht!) niemals  stattgefundenen  Prozeß  gegen  Thälmann
       erinnern  und   daran  die   Frage  knüpfen,   warum  das  ebenso
       spektakulär angekündigte  Verfahren gegen Honecker nicht eröffnet
       wurde, als  man seiner  noch habhaft  werden konnte. - Parallelen
       wie gesagt, die heftig umstritten sind.
       In einem  indes bestand  bei allen  Beteiligten bzw.  Betroffenen
       weitgehend Übereinstimmung:  daß die  Herren Kohl  und Waigel  im
       Reichskommissariat Ost  eine Besatzungspolitik betreiben, wie sie
       im (Geschichts-)Buch  steht, und  das Wirken der allerdings nicht
       von   ihnen,   sondern   noch   von   DDR-"Experten"   erfundenen
       Treuhandanstalt mit  der  Abwicklung  jüdischen  Vermögens  unter
       Hermann Göring  durchaus gleichzusetzen  sei.  Alles  Schnee  von
       gestern. Heute  liegt die  Vermutung nahe,  daß in Ostdeutschland
       eine Politik  der verbrannten  Erde betrieben  wird, um  im Falle
       eines  (freiwilligen   oder  erzwungenen)   Rückzuges   aus   dem
       Besatzungsgebiet, nachdem  es restlos ausgeplündert wurde, dessen
       Bewohnern nach  bewährten historischen  Vorbildern ein  Chaos  zu
       hinterlassen, den Wiederaufbau zu erschweren und die Wiederholung
       des  sozialistischen  Experimentes  nach  einem  dann  vielleicht
       besser durchdachten  Konzept unmöglich zu machen. Diese Vermutung
       haben keine SED-/Stasi-Seilschaften aufgebracht, wie man annehmen
       sollte, sondern  die Rohwedderschen Truppenteile selber, in deren
       Rostocker Niederlassung  laut "Berliner  Zeitung" vom 25.3.91 der
       Spruch kursiert: Einer muß da sein, der das Licht ausknipst: wir,
       die Treuhand.
       Postscriptum für Redaktionen aus dem Alt-Bundesgebiet:
       Der Titel der Glosse und der Inhalt des Treuhandspruches beziehen
       sich auf  den zu Erich Honeckers Zeiten wohl populärsten DDR-Witz
       in welchem der Landesvater bei der nächtlichen Rückkehr von einem
       Staatsbesuch beim  "Großen Bruder" eine zwar taghell erleuchtete,
       ansonsten aber  verödete, völlig  menschenleere Hauptstadt und am
       weit geöffneten  Brandenburger Tor  einen mit  Spucke befestigten
       Zettel vorfindet,  auf dem  zu lesen  ist: Erich, knips das Licht
       aus. Du bist der letzte! "
       
       K.-H. R., Berlin
       
       Antwort der MSZ-Redaktion
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       Du willst  die gesamtdeutsche  Anschlußpolitik gegen die alte DDR
       bzw. für  die neue  Ostzone schlechtmachen  und bietest dafür ein
       herzlich schlechtes  "Argument":  die  Idee  der  geschichtlichen
       Parallele. Ereignisse  und Errungenschaften  der Gegenwart sollen
       sich daran  blamieren, daß  sie so etwas Ähnliches - "parallel" -
       wären wie  anerkannt abscheuliche  Geschichten der Vergangenheit.
       Die Blamage  klappt unweigerlich  - für  jeden, der die schlechte
       Meinung  sowieso  teilt  und  deswegen  der  herbeizitierten  und
       logischerweise "meist  heftig umstrittenen"  Parallele  zustimmt.
       Wer anderer,  besserer Meinung  über das  neue  Deutschland  ist,
       sucht sich  - und  findet  mit  derselben  Leichtigkeit  -  seine
       Parallelen.  Das   Verfahren  klappt   immer.  Seine  Beweiskraft
       allerdings ist  gleich Null;  und  beides  aus  demselben  Grund:
       Wirklich gleichartige Vorgänge sind es ja sowieso nie, die da für
       ziemlich gleichgelagert  - erklärt werden, bloß um den Konsens in
       der Wert-  oder Unwertschätzung  von dem einen Vorkommnis auf das
       andere zu  übertragen. Der  Wunsch, den guten oder schlechten Ruf
       früherer Ereignisse  auszunutzen, ist  allemal der  Leitfaden für
       das "beachtliche geistige Potential", das sich aufmacht, um deren
       prinzipielle Übereinstimmung  mit  gegenwärtigen  Ereignissen  zu
       behaupten.
       Darin liegt  auch die Unehrlichkeit des Verfahrens. Der Lage, die
       man  nicht   leiden  kann,  wird  so  nämlich  eine  Verurteilung
       angehängt, die  sich aus  dieser Lage  gar nicht  mehr  begründen
       will. Statt Kritik auch nur zu versuchen, wird mit dem Gestus der
       Empörung um  den Beifall von Gesinnungsgenossen nachgesucht. Über
       die Wirksamkeit  dieser Art  von Überzeugungstätigkeit  ist damit
       übrigens auch  schon alles  gesagt: Soweit sie sich nicht sowieso
       bloß an  längst Überzeugte  richtet, findet  sie dort  am meisten
       Anklang, werden  am ehesten  solche Parallelen akzeptiert und für
       gültig befunden,  wo hinter  der Absicht, die Sache in ihrem Sinn
       zu bewerten,  der meiste  praktische Nachdruck steht. Diejenigen,
       die nicht  zu argumentieren  brauchen, deren  Wort sowieso  gilt,
       weil sie  die Macht  haben, bedienen  sich gern  dieses  billigen
       Verfahrens -  so bequem  wird die  Meinung der  Herrschenden  zur
       herrschenden Meinung.
       Du  willst  dagegen  ausgerechnet  in  einer  denkbar  schlechten
       Meinung  über   die  herrschenden  Verhältnisse  in  der  Ostzone
       "weitgehende   Übereinstimmung   bei   allen   Beteiligten   bzw.
       Betroffenen" ausgemacht  haben. Wo,  bitte, hat  es einen solchen
       breiten Konsens  in der  Frage westdeutscher  "Besatzungspolitik"
       gegeben? Bei  der Masse  der "Betroffenen"  wohl kaum:  Die haben
       sich mit  Mehrheiten wenig unter den alten SED-Ergebnissen (keine
       Parallele übrigens!  ) die  westdeutschen Parteien samt Chefs und
       Beamtenapparat herbeigewählt.  Und wenn  jetzt der Ärger über die
       "Besser-Wessies" zunimmt  und das Schimpfwort von den "Besatzern"
       aus dem  Westen ein  bißchen Anklang findet, spricht das wirklich
       nicht für  die Richtigkeit  und Überzeugungskraft  der  Parallele
       zwischen    dem    DDR-Anschluß    und    einem    faschistischen
       "Reichskommissariat Ost",  sondern  bezeugt  nur  das  beleidigte
       Selbstbewußtsein ostdeutscher  Nationalisten, die  sich in  ihrer
       über alles  begehrten Eigenschaft   a l s  D e u t s c h e  nicht
       genügend  gewürdigt  finden,  vielmehr  "gezwungen"  sehen,  sich
       weiter  mit  dem  Status  eines  Ex-DDR-Bürgers  abzufinden,  den
       niemand so  heftig als minderwertig verachtet wie sie selber. Und
       dieser Ruf  nach mehr  deutscher Nationalehre  für Zonis: das ist
       doch wohl kaum Dein Anliegen?!
       Was die  schlechte Meinung  über die Treuhandanstalt betrifft, so
       stellt sich  uns die  breite Übereinstimmung der Betroffenen auch
       etwas anders  dar als  ausgerechnet so, daß alle Welt sich an die
       NS-Politik der  "Arisierung" jüdischen  Vermögens erinnert fühlen
       würde. Nach  allem, was  man hört,  kommen sich die Opfer des neu
       eingeführten Kapitalismus  nicht wie  enteignete Juden,  eher als
       die nach  wie vor  von  "Stasi-Seilschaften"  Drangsalierten  und
       Verfolgten vor  - sind  also mit  einer ganz  anderen "geschicht-
       lichen Parallele" zufriedengestellt, die freilich auch den festen
       Willen  verrät,  keinen  einzigen  sachlichen,  politökonomischen
       Gedanken über die eigene beschissene Lage zu fassen. Statt dessen
       versuchen sie,  sich bei  allem Elend  wenigstens  moralisch  ins
       Recht zu  setzen. Insofern,  das müssen  wir Dir  zugeben, ist es
       auch schon  egal, ob sie ihr Gejammer über unberechtigt schlechte
       Behandlung mit der Selbstdarstellung als Stasi- oder als so etwas
       Ähnliches wie  NS-Opfer aufpeppen  - sie  könnten sich  demnächst
       auch als  die "Kurden  Deutschlands" vorstellen:  Das  alles  ist
       gleichermaßen verkehrt,  berechnend,  hoffnungslos,  wirkungslos,
       erbaulich und bescheuert.
       Das Schlimmste  kommt  aber  erst  noch:  Ganz  ohne  historische
       Parallele, außer  der sehr allgemeinen mit einer verschiedentlich
       probierten militärischen  Rückzugs-Strategie, diagnostizierst  Du
       im Osten  Deutschlands eine  "Politik der  verbrannten Erde", die
       letztendlich einen  neuen, besseren  Sozialismus verhindern soll.
       Wir können Dir diese Verschwörvngstheorie schwer widerlegen, weil
       Du keine  diskutablen Gründe  dafür anbietest,  sondern einfach -
       vermutungsweise, wie  sich das  für den Gestus der Aufgeklärtheit
       gehört -  daran glaubst.  Vielleicht hilft  es aber zu ermitteln,
       wie Du darauf verfallen bist.
       Tatsache ist,  daß die  Treuhandanstalt  die  Mehrzahl  der  Ost-
       Betriebe im  Endeffekt schlicht liquidiert: Sie "knipst das Licht
       aus" ein  Scherz, über  den Treuhand-Mitarbeiter sich wahrschein-
       lich totlachen  können. Warum,  wozu macht  sie das?  Du  glaubst
       einfach nicht, daß dieses Zumachen einen  ö k o n o m i s c h e n
       Grund und  Zweck haben  kann -  obwohl  die  Sache  so  schwierig
       eigentlich nicht  ist: Die  DDR-Wirtschaft ist zur Unterabteilung
       des bundesdeutschen  Kapitalismus herabgesetzt  worden -  und der
       hat weder  für so  eine Unterabteilung,  also für  den realsozia-
       listischen  Laden   als  ganzen   irgendeine,  noch   für   seine
       vereinzelten   Trümmer    sonderlich   viel    Verwendung.    Die
       Hinterlassenschaft des  DDR-Sozialismus ist  nicht kompatibel mit
       dem Kapitalismus  deutscher Nation;  sie läßt  sich nicht einfach
       umwandeln und  erhalten, sondern  geht zugrunde,  mit  all  ihrem
       produktiven Inventar;  und  das  heißt  in  unserem  ordentlichen
       Staat: Sie  wird säuberlich  "abgewickelt". Da  wundert sich dann
       mancher Ex-DDRler,  weil er  meint, so  schlecht wären  die alten
       VEBs doch  auch wieder  nicht gewesen; immerhin war doch auch das
       Treuhand-Konzept ursprünglich einmal davon ausgegangen, irgendwie
       wäre das  DDR-Wirtschafts-"Potential" doch  erhaltenswert. Ist es
       aber  nicht:   Die  kapitalistischen   Erfolgsmaßstäbe  verlangen
       anderes, und  eine fertige  kapitalistische Nationalökonomie  wie
       die bundesdeutsche  läßt nichts  anderes zu.  Das ist  der  ganze
       Grund für die "Zerstörungspolitik", die Du in Deiner alten Heimat
       entdeckst.
       Umgekehrt kann der Kapitalismus "drüben" nicht viel erben; er muß
       schon mit  seinen eigenen  Mitteln "nach  drüben" gehen - und die
       kriegt er  dafür ja  auch: -zig  Milliarden für  ein Ding  namens
       "Aufschwung  Ost"   zeugen  von  dem  unerbittlichen  Willen  der
       Regierenden im  größeren Deutschland,  ihre Ostzone  zum Standort
       lohnender Weltmarktgeschäfte  und so  zur erweiterten Basis ihrer
       entsprechend wachsenden  Macht herzurichten.  Diesen    Z w e c k
       des ganzen  Unternehmens siehst  Du aber  schon gar  nicht  mehr;
       wahrscheinlich hättest  Du daran  auch so  wenig auszusetzen, daß
       Dir   darüber    Deine   schlechte   Meinung   von   der   Bonner
       Anschlußpolitik gleich  vergehen würde.  Du hältst Dich lieber an
       die negative  Seite, die absichtsvolle Beseitigung der alten DDR-
       Nationalökonomie, nimmst  sie als   E n d z w e c k   der  ganzen
       Sache und machst Dir einen Reim auf die schlechte Absicht, die Du
       damit dingfest gemacht haben willst: Wenn die Treuhänder und ihre
       Auftraggeber bloß  alles "ausknipsen",  dann -  so folgerst  Du -
       rechnen sie  gar nicht  damit, daß  sie dableiben;  dann bereiten
       sie, kaum  angekommen, ihren  " (freiwilligen  oder  erzwungenen)
       Rückzug" vor.  Ein Staat  der frisch  angegliederte Provinzen gar
       nicht haben  will (und  dafür mit  aller Macht  und Gewalt in sie
       hineingeht... ): Kommt Dir diese Vorstellung nicht doch ein wenig
       seltsam vor?  Oder meinst  Du das mit dem "unfreiwillig" etwa so,
       eine  Bevölkerung,   die   kein,   höheres   Anliegen   als   die
       Gleichstellung  mit   den  Alt-Bundesbürgern   kennt  und   jetzt
       tatsächlich derselben  Obrigkeit gehorchen  darf wie  diese, wäre
       womöglich bereit (von der Fähigkeit ganz zu schweigen), ihre neue
       Gesamt-Staatsmacht wieder hinauszuwerfen?
       Du weigerst  Dich  einfach,  zur  Kenntnis  zu  nehmen,  daß  die
       staatliche  Zweiteilung   unwiderruflich   weg   und   gar   kein
       Staatsgebiet zweiter  Klasse mehr  vorhanden ist, aus dem die neu
       zugeschnittene deutsche  Staatsgewalt  sich  zurückziehen  könnte
       (ganz zu  schweigen davon, daß sie es wollte). Du siehst die Lage
       lieber so, als wäre - irgendwie, untergründig - die DDR doch noch
       da, bloß  besetzt, und  als wäre die bundesdeutsche Politik immer
       noch ihrer  Beseitigung gewidmet.  Oder noch  nicht einmal  ihrer
       Beseitigung, sondern  ihrer "Plünderung"  - ein bizarrer Einfall,
       wo   die    Kapitalisten   in    all   ihrer    Profitgier    die
       Hinterlassenschaft der DDR-Wirtschaft noch nicht einmal geschenkt
       haben wollen (scharf sind sie ausgerechnet auf Grundeigentum, das
       sich nun  wirklich schlecht  davontragen  läßt).  Und  eine  böse
       Absicht dazu  kannst Du  Dir auch  schon wieder  vorstellen,  die
       damit verfolgt  würde; nämlich  die, einen Schlag zu führen gegen
       den "Wiederaufbau"  von was  eigentlich: Für  Dich  ist  die  DDR
       anscheinend einfach  nicht totzukriegen; sie überlebt ihr eigenes
       Ende -  als Wiederaufbauprojekt, dem die Bösen aus dem Westen die
       Bedingungen kaputtmachen  wollen.  Oder,  noch  besser:  als  neu
       aufzulegendes "sozialistisches  Experiment nach  einem vielleicht
       besser durchdachten  Konzept",  das  "unmöglich"  gemacht  werden
       soll. Es  tut uns leid: So ein Opfer der neuen Aufschwung-Politik
       im Osten können wir beim besten Willen nicht entdecken.
       Eins muß  man Dir lassen: Ein geistiger Überläufer bist Du nicht.
       In Dir  hat die  DDR-Staatsideologie so tiefe Wurzeln geschlagen,
       daß Du selbst die brutale Herrichtung der neuen deutschen Ostzone
       zum Standort kapitalistischen Geschäfts und gesamtdeutscher Macht
       wie eine  besonders schwierige  Phase in  der Geschichte  der DDR
       auffassen willst  -  und  das  ausgerechnet  deswegen,  weil  die
       Herrichtung so  brutal vonstatten  geht und  die Ex-DDR-Bürger in
       ihrem Nationalstolz  beleidigt. Oder,  noch besser: Du nimmst die
       Gegenwart als  Zwischenphase in  der  Geschichte  sozialistischer
       Experimentierfreude, als  deren Werk  die letzten Freunde der DDR
       diesen Staat  noch rechtfertigen  möchten. Darüber kriegst Du gar
       nicht  mehr   mit,  was  wirklich  gespielt  wird  und  worum  es
       tatsächlich geht  im neuen  Deutschland  -  eine  sehr  schlechte
       Bedingung  für   das  "bessere   Durchdenken"  eventueller  neuer
       "sozialistischer Konzepte"!
       Aber wir  wollen Dir  nicht  Unrecht  tun:  Du  hast  mit  Deinen
       "historischen Parallelen" ja sowieso ganz andere Sorgen.

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