Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Korrespondenz
"Im islamischen Staat ist der Staat das Mittel der Religion."
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Ich wollte euch was zu Iran schreiben - die Diskussion bewegt
sich immer noch um die Frage: war die persische Revolution eine
soziale oder religiöse.... Beide Antworten sind ebenso falsch,
wie es die Frage schon ist. Um das aufzuzeigen, will ich kurz den
Charakter des Islam darlegen. Dabei geht es nicht darum, daß er
eine Religion des Elends ist in dieser allgemeinen Bestimmung
trifft das auf den Buddhismus auch zu -, sondern wie er das ist,
wie die Armut im Islam auftaucht.
Kap. 30 Nr. 32 (im Koran): "Wenn den Menschen ein Leid wider-
fährt, dann rufen sie ihren Herrn an." (Also, die weltliche Ver-
zweiflung ist der Grund der Religiosität.)
Kap. 30 Nr. 35: "...wenn sie aber ein Übel für das, was ihre
Hände vorausschickten, trifft, dann verzweifeln sie."
Nr. 36: "Sahen sie denn nicht, daß Allah reich oder bemessen ver-
sorgt, wen er will?"
Hier taucht die Verzweiflung gerade als ständiger Grund des Ab-
falls von der Religion auf. Der Koran agitiert gegen die Haltung,
die er dauernd unterstellt: sich von Allah loszusagen, weil er
keine Hilfe sandte - und die besteht darin, nicht zu bemessen zu
leben. Entsprechend folgt der Appell an die Reichen, die Religion
dadurch zu erhalten, daß sie dem Elend das Überleben garantieren:
Kap. 30 Nr. 37: "So gib dem... seine Gebühr, wie auch dem Armen
und dem Sohn des Weges. Solches ist gut für jene, welche das An-
gesichts Allahs suchen."
Dem Koran geht es also um die Verwaltung des Elends, gegen das er
nichts hat, es sei denn, es geht so weit, daß aus weltlicher Ver-
zweiflung der religiöse Abfall droht. Er unterstellt die Macht
der Reichen und macht sie für die Religiosität der Moslemgemein-
schaft verantwortlich. Den Reichen kommt der Islam dabei ganz mo-
ralisch, innerlich; gegenüber ihnen verliert er den Charakter ei-
ner Religion, die bloß auf die Befolgung der Gesetze beruht.
Die Welt betrachtet der Islam so, wie sie ihm die beste Grundlage
für seine Religion abgibt; deshalb wird es zum religiösen Akt,
Reichtum und Elend zu erhalten.
Aus der Judenfrage: Die Religion wird ihm (dem christlichen
Staat) daher notwendig zum Mittel. Im islamischen Staat ist der
Staat das Mittel der Religion.
Khomeini im Spiegel: "Nun gilt das Ziel, die materielle Tätigkeit
als Bereitschaft für den moralischen Aufstieg der Menschen aufzu-
fassen. Damit wird der Mensch zur Religion zurückkehren, und der
Islam ist die Religion für diesen Fortschritt." Der Islam als
Voraussetzung und Resultat des wirklichen Staates. Umgekehrt: si-
chert der Staat das Elend nicht, läßt die Armen also verrecken,
so ist er selbst ein Staat des Unglaubens - aber nur dann.
Eine islamische Revolution verweist also gerade auf Grund des
Charakters dieser Religion darauf, daß ein Zusammenbruch des
Elends stattgefunden haben muß.
Daß die Armen in den Slums von Teheran, die heute sittenstreng
Khomeini folgen, auch aus "Armut sittenstreng" bleiben - das war
das Problem der Profitheologen, der Mullahs vor der Revolution.
Die Bedingungen der Slums in der Stadt ließen nämlich die Reli-
giosität der Armen in der Tendenz flöten gehen. Aus einer Disser-
tation (über Teheran): "Abgesehen von den Slums bilden Bordell-
viertel im Südwesten der Stadt den Kern asozialen Verhaltens".
Was sagt der Koran dazu? Kap. 24 Nr. 3: "Die Hure und den Hurer,
geißelt jeden von beiden mit 100 Hieben."
Die Mullahs hatten also was gegen das Übertreten des Islams durch
die Armen, und in ihrer Agitation knüpften sie an den Rest der
Religiosität an - an die Angst vor Allahs Strafe. Daß dabei nicht
nur eine Selbstreinigung herauskam, sondern die Massen gegen den
Unglauben im ganzen Reich kämpften - diejenigen, die in die Kinos
gingen, haben die Kinos später zerstört -, hängt wieder am Islam
selbst. Der kennt nicht die Haltung: ich mit meinem Gewissen bin
religiöses Subjekt. Nein: der ganze Staat ist Objekt und Betäti-
gungsfeld meiner Religiosität. Und endlich: daß die Mullahs mit
ihrer Agitation Erfolg hatten, die religiös schwankenden Massen
zu ihnen überliefen, lag tatsächlich daran, daß der materielle
Jammer der Massen, den sie ohne Islam hatten, im Islam aufgehoben
war ganz in der doppelten Bedeutung des Wortes.
Es stimmt also nicht, wenn der "Spiegel" schreibt: "Ich kann mir
nicht vorstellen, daß die Massen plötzlich wieder zur richtigen
Religion gefunden haben". Dafür hatte die "Frankfurter Rundschau"
recht (geschrieben Ende 78): "das politische Ziel der Mullahs,
die Re-Islamisierung, kommt den sozialen Forderungen der Ent-
täuschten entgegen." Noch mal: ohne den sich entwickelnden Zusam-
menbruch des Elends, hin zum Verrecken, gibt es keine islamische
Revolution und auch keinen Kampf mit den Mullahs zusammen gegen
den Unglauben. Warum die religiöse Revolution gerade jetzt, hat
ökonomische Gründe. Warum die Revolution eine religiöse ist, hat
ideologische Gründe, liegt am Charakter des Islams, der die Ideo-
logie der Armen ist (bzw. aufgefrischt wurde). Entsprechend las-
sen sich bestimmte Phasen der persischen Revolution erkennen:
1. Die Mullahs alleine gegen den Sittenverfall. 1963 gegen das
Gesetz, das den Schleierzwang aufhebt. Die Mullahs hatten damals
religiöse Probleme mit den Reichen in der Stadt. Die Landbewohner
trugen sowieso ihren Schleier.
2. Die selbständige Forderung nach mehr Lohn etc. durch Arbeiter
und Angestellte. Diese Schichten hatten auf Grund ihrer ökonomi-
schen Stellung materielle Ansprüche, die sie ohne Religion vor-
trugen. Die Armen hatten nur den Jammer.
3. April 78: Die erste Demo der Armen in Teheran, 15 Mullahs an
der Spitze von 20.000. Die Armen befolgten den Islam, was ihnen
ihr Existenzminimum garantiert, wenn der Krieg gegen den Unglau-
ben gewonnen ist. Er ist gewonnen, und in Teheran hat jeder was
zu essen. Die Basars werden gezwungen, 20% ihrer Einnahmen in den
öffentlichen Fonds zu geben etc.
Das Spektakel geht weiter, mit der Aufopferung im Kampf gegen die
Amis wird geliebäugelt. Der Unglauben ist auf allen Ebenen zu
schlagen, auch da, wo sich daraus nichts zu Beißen ergibt. Diese
Verrücktheit ist der einzige Gegenstand der Presse, weil sie sich
zu Gunsten der Amis ausschlachten läßt - tatsächlich ist das aber
die Endphase der islamischen Revolution und wird immer mehr zum
Problem der Mullahs. Ein Zyklus ist durchlaufen.
T.F., Wiesbaden
Es braucht bei allem Elend noch längst kein Mullah
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einen Aufstand machen
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Lieber T., Dein Brief ist schon ein bißchen merkwürdig, da tobt
sich in dem Erdenwinkel, aus dem Du kommst, ein wüster Nationa-
lismus an den Interessen des Imperialismus aus - die religiösen
Führer vorweg, das Massenelend wie verrückt gleich hinterher,
während Du Dir das doch etwas aparte Problem machst, wie so etwas
in der Religion m ö g l i c h ist: "'W i e taucht die Armut
im Islam auf?'" Na, wie denn wohl? Sie ist den Gläubigen, die ihr
Glück auf dieser Erde weder haben noch suchen, einfach gleichgül-
tig - und darum erhält sie sich auch. Als dieses "Opium d e s
Volks" (Marx) ist der Islam "eine Religion des Elends" wie andere
auch.
Warum reicht Dir "das in dieser allgemeinen Bestimmung" nicht?
Was für einen "sozialen" Aspekt der religiösen Bewegung suchst Du
noch? Es braucht nicht den b e s o n d e r e n, den sozial-re-
ligiösen Charakter des Islam, auf den Du mit Deiner Eingangsfrage
abzielst, um nachzuweisen, warum die Perser einen
r e l i g i ö s e n Aufstand und eine "I s l a m i s c h e Re-
publik Iran" fabrizieren. Dazu reicht hin, daß die Mullahs sich
mit der Regierung in irgendwelchen blödsinnigen Fragen wie der
des Schleierzwangs anlegen und die Massen diesen Wahnsinn mitma-
chen. Ihre Armut ist dabei allemal unterstellt und gehört daher
durch aus nicht als "Problem" der Islamischen Führer mit dem Volk
aufgeworfen.
Du solltet uns deshalb ersparen, die besondere Erbärmlichkeit der
Massenverelendung im Iran als Bedingung, unter der die Religions-
führer tätig werden mußten, soziologisch auszumalen. Erstens
braucht es sowieso keinen Soziologen, um Armut zu registrieren,
zweitens entdecken diese Burschen eh immer nur Unausgewogenheit
sozialer Beziehungen, drittens "muß" bei allem Elend noch längst
kein Mullah einen Aufstand machen (da hätte er viel zu tun!),
viertens haben wir deshalb die entsprechende Stelle in Deinem
Brief kurzerhand gestrichen. Überhaupt verbreitest Du nichts als
einen frommen Wunsch, wenn Du dem Islam als Aufgabe zuschreibst,
daß er den Armen "ihr Existenzminimum g a r a n t i e r t". Das
tut er weder dadurch, daß er "die Reichen" dazu anhält, mit Almo-
sen ihr soziales Gewissen zu erleichtern, noch dadurch, daß er
den Massen, wie Du schreibst, "Aufopferung" im Kampf gegen die
Amis auferlegt, von der kein Mensch leben kann. Du erfindest Dir
den Islam als eine organisierte c a r i t a t i v e Veranstal-
tung zur "Verwaltung des Elends", um zu beweisen, daß das persi-
sche Volk doch achtbare G r ü n d e hat, dem sozialen Angebot
der Mullahs hinterherzulaufen (Als ob jemand wegen einem Teller
Suppe religiös würde!). Die Zitate, die Du zu diesem Zweck aus
dem Koran bemühst, belegen auch etwas ganz anderes als die so-
ziale Verantwortung des Islam gegenüber dem, der sich ihm in der
Not zuwendet - nämlich die allen Religionen eigene langweilige
Agitation gegen den Zweifel der Gläubigen, der im G l a u b e n
selbst liegt: "Sahen sie denn nicht, daß Allah reich und bemessen
versorgt, wen er will:" (Koran, 30,36) Daß sich daraus kein Ver-
sorgungsanspruch drechseln läßt, wenigstens "dem Elend das Über-
leben (zu) garantieren", zeigt auch der religiöse Appell an die
Reichen, zur Beruhigung i h r e s G e w i s s e n s, hin und
wieder etwas springen zu lassen. Solche Caritas ist F o l g e
des Glaubens, nicht sein verlockender Grund, wie Du behauptest,
weil Du auf die K o n s t r u k t i o n des Widerspruchs aus
bist, der Islam fordere Opfer, "auch da, wo sich daraus
n i c h t s zum Beißen ergibt." Daß der Sinn des Opfers doch
wohl nicht das Beißen ist, hätte Dir noch jeder "Profitheologe"
lässig nachgewiesen.
Dein Versuch einer m a t e r i a l i s t i s c h e n Begründung
der V e r f ü h r u n g der Massen durch diese Profis kriti-
siert beide Seiten nicht. Er entschuldigt die vom "Kampf gegen
den Unglauben" in Ost und West (und nicht zuletzt in sich selbst)
begeisterten Massen mit dem Zuckerbrot, das die Religion ihnen
angeblich bietet, und entschuldigt die Religion mit angeblichen
sozialen Aktivitäten, die sich nicht auszahlen, weil sie irgend-
wie doch auch immer Religion bleibe, die dem Volk ideologisch
kommt. Aus all dem resultiert Dein reichlich abgeklärtes
"Zyklus"-Modell, das Volk und Islam interessiert kombiniert und
die welthistorische Perspektive eröffnet, daß bei denen da unten
"Probleme der Mullahs" herauskommen. -
Dein Brief eröffnet freilich auch noch eine allerletzte Perspek-
tive für das Subjekt der Weltgeschichte, den S t a a t, sich
aus unverschuldeten Modellzwängen zu befreien: "Der ganze Staat
ist O b j e k t für den Islam". Der arme Staat, es wird ihn
drücken, daß die Religion ihn als ihr "Mittel" "betrachtet": Als
sei nicht der Staat so ungefähr das einzige, was im Iran flott
floriert, und zwar gerade wegen der ganzen Brut von Ajatollahs,
die den "Heiligen Krieg" der Nation ausgerufen haben, von Politi-
kern, die über seine zweckmäßige Umsetzung gegenüber dem Imperia-
lismus streiten, und von sonstigen Jubelpersern, die sich dafür
einspannen lassen.
Ein letztes Wort zu Deiner mit Marx bereicherten Analyse. Was
soll die "Judenfrage" mit dem Iran zu tun haben? Wenn Marx 1843
die Sorge hatte, den preußischen Staat der "Heuchelei" zu über-
führen, wenn er sich religiös legitimierte, so ist diese Ideolo-
giekritik schon damals nicht sonderlich aufregend gewesen, und im
heutigen Persien dürfte sich mit diesem Spruch noch viel weniger
putzen lassen. Allenfalls für Dein gezieltes Mißverständnis der
im übrigen blöden Marx'schen Rede vom "unvollkommenen Staat", der
sich die Religion zum "notwendigen Mittel" seiner Existenz mache,
wirst Du dort vielleicht ein paar interessierte Staatstheoretiker
mobil machen können, die sich anstatt der A b s c h a f f u n g
der T r e n n u n g von Staat und Religion zur Vervollkommnung
beider verschrieben haben.
Dein Problem scheint uns dem Wunsch geschuldet, dem Islam eine
von anderen Religionen aparte Bestimmung zu unterstellen, um im
Glaubensfanatismus der Perser neben allen seinen auch von Dir an-
geführten Verrücktheiten - doch noch einen rationellen Kern
auszumachen. In Wahrheit ist jedoch die von Dir ausgerechnet dem
Islam als Besonderheit unterstellte Wendung gegen das Elend, wenn
es die Grundlagen der Massenreligiosität gefährdet, z.B. auch
fürs Christenstum zutreffend, was die Opposition südamerikani-
scher Bischöfe gegen die lokale Herrschaft zeigt. Auch hier rich-
tet sich das Engagement der "Profitheologen" gegen eine Staats-
macht, die es den Massen schwer macht, zu ihr ein
g l ä u b i g e s und d.h. zustimmendes Verhältnis zu praktizie-
ren.
Mit anderen Worten: Es ist ein F e h l e r, Formen des falschen
Bewußtseins so (nicht) zu kritisieren, daß man sie in einen mate-
rialistischen Kern und eine hinzukommende Portion Verrücktheit
auseinanderdividiert.
MSZ-Redaktion
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"Ungefähr das Geschmackloseste"
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"Der Präsident der Universität München
8000 München, den 16.4.1980
Geschwister-Scholl-Platz 1
Fernsprecher (089) 21802411
Lieber Herr Ebel,
seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich Ihnen schreiben muß, daß
die Notiz über die Ermordung von Erzbischof Romero in der MAZ vom
31. März d.J. so ungefähr das Geschmackloseste war, was mir seit
langem über den Tisch gekommen ist. Auch wenn man die gegen-
wärtige Welt im Un- und Ausland verachtet, ja haßt, scheint es
mir - auch aus Ihrer Sicht - nicht nötig, Ermordete zu verun-
glimpfen.
Stellen Sie sich vor, daß auch nur eine einzige deutsche Zeitung
beim Tode von Ohnesorg etwas Ähnliches geschrieben hätte.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Nikolaus Lobkowicz"
Mit Befremden und Sorge
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Sehr geehrter Herr Präsident, Ihren Brief habe ich mit Befremden
und in Sorge zur Kenntnis genommen. Mit Befremden, weil Sie die
MAZ und nicht die B i l d z e i t u n g der Geschmacklosigkeit
zeihen. Erzbischof Romero einen "Engel der Armen" zu nennen, wie
das die Bildzeitung tut, ist erstens eine unziemliche Vorwegnahme
des Entschlusses des Allerhöchsten - Sie müßten doch wissen, daß
es selbst bei einem Erzbischof nicht sicher ist, ob der in die
Gemeinschaft der Heiligen eingeht; und zu einem Engel kann ihn
selbst der Allmächtige nicht machen. Zweitens bedeutet es eine
klammheimliche Verunglimpfung, den Bischof, den die Bildzeitung
für einen umstürzlerischen und damit uneigentlichen Kirchenmann
gehalten hat, nach seinem Hinscheiden, also wenn er nicht mehr
stört, in den Himmel zu loben. Er ist übrigens auch nicht ermor-
det worden, weil er für die Armen gebetet hat oder sich um sie
gekümmert hat, damit sie weiter an den lieben Gott glauben kön-
nen. - Warum regen Sie sich nicht über die B i l d z e i t u n g
auf; was hat sie denn beim Tode Benno Ohnesorges geschrieben?
In Sorge las ich Ihren Brief, weil ich mir - seien Sie mir nicht
böse - ernstlich Sorge um Sie mache. Wie wollen Sie denn als Prä-
sident der größten deutschen Universität mit ihren schwierigen
und hohen Aufgaben zurande kommen - Ihr lange angekündigtes Buch
über Aristoteles ist auch immer noch nicht fertig -, wenn Sie
schon morgens um 5 Uhr vor BMW auf die neueste MAZ (die Sie au-
ßerdem gar nichts angeht - sie ist nämlich für Arbeiter geschrie-
ben) warten? Als guter Christ - erlauben Sie mir zum Schluß die-
sen Rat - sollten Sie daran denken, daß auch Sie nicht über Ihren
Schatten springen können.
Mit freundlichen Grüßen, Theo Ebel
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Betr.: Sozialistische Konferenz
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MARXISTISCHE GRUPPE München, den 26. März 1980
Werter Genosse Steinke,
leider haben wir von Eurem Projekt einer "Sozialistischen Konfe-
renz" nur durch linke Publikationen, also gewissermaßen aus
'Zweiter Hand' erfahren, weil der diesbezügliche Brief des West-
berliner Bahro-Komitees uns nicht erreichte. Wir entnehmen unse-
ren Quellen, daß "sowohl die undogmatischen Linken als auch die
marxistisch-leninistischen Gruppen als auch die interessierten
Kräfte aus der SPD teilnehmen sollen" und daß die Konferenz "eine
offene Beratung aller Sozialisten" werden soll. Ungeachtet der
Umstände - ob als MARXISTISCHE GRUPPE nun direkt oder indirekt
angesprochen - sind wir an einer Teilnahme an dieser Beratung in-
teressiert und meinen, zu den von Rudolf Bahro vorgeschlagenen
Dikussionsgegenständen durchaus etwas bei und auch nach Hause
tragen zu können.
Von der ersten Vorbereitungskonferenz in Frankfurt/Main haben wir
wiederum und leider erst hinterher durch den "Arbeiterkampf"
Kenntnis erhalten. Dennoch hoffen wir zuversichtlich, daß es noch
nicht zu spät ist:
Für die MARXISTISCHE GRUPPE teile ich Euch hiermit Wunsch und Be-
reitschaft mit, an der geplanten Sozialistischen Konferenz teil-
zunehmen und schließe die Bitte an, uns über den erreichten Stand
der Vorbereitungen zu informieren bzw. über die Bedingungen einer
Teilnahme und die Möglichkeiten, unsere Auffassungen aktiv in das
Projekt einzubringen.
Wir sind auch bereit, an weiteren Vorbereitungskonferenzen mitzu-
wirken, um das uns Mögliche fürs Zustandekommen des Projekts So-
zialistische Konferenz beizutragen.
Mit sozialistischen Grüßen, L. Fertl
Offen diskussionsbereit?
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Der undogmatisch-offene-diskussionsbereite Rudolf Steinke, Sekre-
tär des Bahro-Komitees und Organisator der "Sozialistischen Kon-
ferenz", der die Teilnahme von SPD-Politikern und rechten Grünen
wie Gruhl in Kassel durchsetzte, antwortete auf unser Ansinnen,
an der Konferenz teilzunehmen, bislang mit Schweigen. Es ist
schon so bei den Undogmatischen und ständig Diskussionsbereiten,
daß mit ihnen nur diskutieren darf, wer vorher seine Eintritts-
karte in Form der festgelegten Solidaritätseinheiten gelöst hat.
Wer reden will, weil er an den vorhandenen Standpunkten etwas
auszusetzen hat und auch nicht bereit ist, die vorgegebenen The-
men als d i e brennenden des Sozialismus zu affirmieren, ist
beim großen Palaver allem Anschein nach unerwünscht.
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"Bayern: Marxistische Gruppen am Ende?"
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München/Frankfurt, 31.3. (taz) - Das Ende der in München ansässi-
gen Gruppen "Marxistischen Gruppen" könnte drohen, nachdem es der
regierenden CSU gelang, gegen die Stimmen von SPD und FDP die
Einführung von "Bußgeldern für Bummelstudenten" durchzusetzen.
Damit fällt erstmals im kommenden Wintersemester im Freistaat die
Gebührenfreiheit für Studenten weg, die ihren Abschluß
"unangemessen hinauszögern". Der Abgeordnete Schosser (CSU) sagte
zur Begründung, an der Münchener Universität stünden 1199 Hörer
im 17. Semester, 254 im 20. und 519 im 21. Im 35. Semester seien
es immerhin noch 12 und im 42. noch 3. Ein "betagter" Hörer habe
den Rekord von 57 Semestern erreicht. Dem Vernehmen nach handelt
es sich bei letzterem um Ludwig Fertl, Chef-Theoretiker und ZK-
Vorsitzender der aus den "Roten Zellen/AK" hervorgegangenen
"Marxistischen Gruppen" (MG). Auch bei den anderen Hochsemestern
soll es sich um den engeren Führungskader der MG handeln. Selbst
Fertl-Adlatus und Linkslinguist Held sieht sich von der CSU-Maß-
nahme seiner materiellen Ressourcen beraubt. Da die MG jedoch vom
alleinigen Verkauf ihrer Broschüren und Zeitungen unmöglich ihre
"individuelle Reproduktion" sicher stellen können, bedeutet die
Gebührenschwemme eine drastische Reduktion der ihr zur Verfügung
stehenden "Revenuequellen". Inzwischen soll aus den Polit-Kommis-
sionen der MG Marburg und Erlangen zusammen mit den Münchnern ein
"kleiner Krisenstab" gebildet worden sein. "(aus: taz vom 1.
April)
Seit 1951 im Kampf
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Werte taz-Redaktion, ihr habt den Sachverhalt glasklar durch-
schaut: seit 10 Jahren ist die Hochschulpolitik der bayerischen
Staatsregierung nur noch als Reaktion auf die MARXISTISCHE GRUPPE
(vormals Rote Zellen/AK ) zu erklären. Diese Tendenz deutete sich
schon an, als ich im Wintersemester 1951 mein Studium an der
Münchner Ludwig-Maximilians-Universität begann: nach nur einem
Monat wurden die Mensapreise drastisch erhöht. Mein seitdem ge-
meinsam mit Genossen Held durchgehaltener Mensaboykott hat uns
überhaupt erst die Kraft verliehen, bis heute durchzuhalten. Auch
für die jüngste Maßnahme der CSU gilt, daß der Stein, den sie er-
hoben hat, ihr auf die eigenen Füße fallen wird! Ich überlege mir
ernsthaft, mein Studium abzubrechen und mich ganz der Politik zu
widmen. Dann scheppert's im Kanton!
Herzlichst, L. Fertl
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