Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Korrespondenz
"WER LEIDET UNTER DER DEUTSCHEN TEILUNG? ZUM BEISPIEL: ICH!"
Sehr geehrter Herr Ebel,
ich fand Ihre Adresse auf dem Flugblatt "Argumente zum 17. Juni"
(der MARXISTISCHEN GRUPPE), das ich kürzlich in München erhielt.
Nach einer ersten Durchsicht entschloß ich mich, Ihnen kurz zu
schreiben. Sie überschreiben einen der Artikel mit "Wer leidet
unter Deutschlands Teilung?". Als Antwort: "z.B. ich". Nicht nur,
daß es mir durch den Zwangsumtausch als Student nicht möglich
ist, die DDR wie jeden anderer Staat der Welt ausführlich zu be-
reisen, sondern auch dadurch, daß ich zu einem internationalen
Jugendtreffen, bei dem über 100 Jugendliche aus 7 Nationen teil-
nehmen, und für das ich verantwortlich zeichne, niemanden aus dem
östlichen Teil Europas einladen konnte. Und das nicht, weil es an
Geld oder Interesse gefehlt hätte, sondern vielmehr, weil die Re-
gierungen eine Ausreise nicht erlaubt haben würden. Vor was haben
sie Angst?
Sie sprechen in Ihrem Flugblatt weiter viele Probleme der BRD an,
die auch ich kritisiere. Es fällt mir allerdings sehr schwer, Ih-
nen folgen zu können, wenn Sie in dem Kasten "Ein bißchen System-
vergleich" die fehlende Anerkennung einer DDR-Staatsbürgerschaft
durch die BRD, die für mich ein formales, Problem ist, und vor
allem auf dem formalen Fehlen eines Friedensvertrages beruht (wer
dafür verantwortlich ist, das zu untersuchen überlasse ich Ih-
nen), gegen die Mauer aufrechnen.
Der Bau der Mauer war eine offensichtliche Angstreaktion von
Funktionären, die die Befürchtung haben mußten, bald allein zu
sein. Die zahlreichen Fluchtversuche und die vielen Toten an der
Grenze widerlegen Ihre Behauptung von der Minderheit und stützen
die These vom totalitären und brutalen, weil politisch unfähigen
Staat. Was befürchtet die DDR? Doch wohl, daß jemand, dem nicht
mehr vorgeschrieben wird, was er denken soll, selbst damit be-
ginnt. Wer das auch in dem Klima der DDR schafft, der bekommt ja
die Fahrkarte in den Westen, (siehe Jena).
Es ließe sich noch manche Korrektur im Detail anbringen, ich will
es dabei bewenden lassen.
Eines jedoch noch zum Abschluß: auch wenn Gegenstände, Argumente
und Zielrichtung eine andere ist, die Wortwahl, der Satzbau und
die Argumentationsstrukturen weisen äußerst große Ähnlichkeiten
mit Veröffentlichungen auf, die sich vor nun gut 50 Jahren in
Deutschland zu verbreiten begannen. Wer das erkennt, kann Sie
nicht ernst nehmen. Wann werden wir Menschen endlich lernen zu
denken?
Mit sehr kritischen Grüßen, Bernhard Z. (Passau)
Keine Argumente für die Vorzüge der BRD
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Sehr geehrter Herr Z.,
zu Ihren beiden Problemen mit der "deutschen Teilung", bei denen
wir eine "persönliche Betroffenheit" nachvollziehen können, zwei
Gegenfragen:
1. Von irgend etwas müssen doch auch Sie in der DDR leben. Glau-
ben Sie im Ernst, da Sie von den Tagessätzen des Mindestumtauschs
Ihren Unterhalt als Tourist z.B. in Frankreich bestreiten könn-
ten? Angesichts der Nicht-Anerkennung der Mark Deutscher Noten-
bank und des damit verbundenen o f f i z i e l l e n Schwarz-
marktkurses im Westen, können wir eine s c h ä d i g e n d e
Betroffenheit nur auf Seiten der DDR feststellen.
2. Ihre Schwierigkeiten bei der internationalen Besetzung eines
Jugendseminars können wir ebenso wenig mit der "deutschen Tei-
lung" zusammenbringen wie im übrigen Sie selbst: Daß Beziehungen
des Westens mit dem "östlichen Teil Europas" politischen Vorbe-
halten auf b e i d e n Seiten unterliegen, können Sie unschwer
der Tagespresse entnehmen, bei denen sich Meldungen über die Ver-
weigerung von Ausreisevisa in Ost-Staaten und Einreiseverbote für
Ost-Delegationen, ausgesprochen von West-Staaten, ungefähr die
Waage halten.
Zu I h r e m "Systemvergleich" gegen den unseren:
Nichts liegt uns ferner, als die Unannehmlichkeiten staatlicher
Gewalt für ihre Untertanen in Ost und West gegeneinander
"aufzurechnen". In dem von Ihnen inkriminierten Artikel unserer
"Argumente zum. 17. Juni" wurde ausschließlich Wert gelegt auf
das Festhalten von Ursache und Wirkung. Die Gegenüberstellung von
Maßnahmen beider Seiten sollte die H e u c h e l e i d e r
w e s t l i c h e n kenntlich machen, für die alle mit der Wahr-
nehmung eigener Souveränität verbundenen Verfügungen fraglos be-
rechtigte s t a a t l i c h e H o h e i t s a k t e sind, wäh-
rend noch jeder Staatsaktion im Osten die Normalität bestritten,
sie vielmehr als "widerrechtliche" Schikane eines
"Unrechtsregimes" denunziert wird. Auch das von uns nicht be-
strittene Faktum, daß Bürger der DDR unter bisweilen hohem per-
sönlichen Risiko ihren Staat als Flüchtlinge verlassen, taugt
nicht für den Beweis, den Sie damit führen wollen: über 100.000
"wetbacks", die pro Jahr den Rio Grande del Norte unter dem Feuer
von Grenzschutzhubschraubern in Richtung USA durchschwimmen, be-
weisen weder die "politische Unfähigkeit" des mexikanischen
Staats, noch die "These", daß es sich etwa bei den USA um ein
"totalitäres" Regime handelt.
Was Leute betrifft, die "selbst mit dem Denken beginnen", so hal-
ten wir deren Ausweisung aus der DDR für eine Schwäche der dorti-
gen Obrigkeit, die es für zweckmäßig befindet, Dissens nicht öf-
fentlich durch Kritik zu w i d e r l e g e n, sondern ihn statt
dessen per Schub außer Landes schafft. Daraus kriegen wir aller-
dings kein Argument für die V o r z ü g e der BRD zustande, nur
weil sie Kritik sich als M e i n u n g äußern läßt und "nur"
die Kritiker mit Berufsverboten belegt. Damit keine Mißverständ-
nisse aufkommen: Hier wird ebenfalls nicht "aufgerechnet", son-
dern klargestellt, daß Staatsgegnerschaft in keinem Staat zu den
von der Obrigkeit geschätzten und geförderten staatsbürgerlichen
Tugenden zählt. Ihre Bemerkung "zum Abschluß" nehmen wir sehr
ernst, weil Sie uns wieder einmal zeigt, wohin "wir Menschen"
kommen, wenn sie gelernt haben, so "zu denken" wie z.B. Sie: Un-
sere Kritik an Grundlagen der BRD-Politik gemahnt Sie "in Wort-
wahl, Satzbau und Argumentationsstrukturen" an den Nationalsozia-
lismus. Es wundert uns nicht, daß Ihnen dieser V e r g l e i c h
nie und nimmer bei "G e g e n s t ä n d e n, A r g u m e n-
t e n u n d Z i e l r i c h t u n g" unserer Politiker ins Auge
sticht.
MSZ-Redaktion
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