Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Korrespondenz
"WARUM SOLL MAN VOR SOLCHEN BEWEISEN NICHT ERSCHRECKEN DÜRFEN?"
Betr.: "Rekrutenvereidigung in Bremen" (MSZ Nr. 3/80 S. 12)
Es gibt in der Tat das ziemlich weltfremde Urteil in der linken
Szene, daß "vor den Toren des Weserstadions der eigentliche Krieg
stattgefunden habe", und daß die absehbaren Folgen des 6. Mai
unbedingt darin bestehen müßten, die eigene sorgfältig gepflegte
friedensliebende Würde zu bewahren, indem man die Welt vor den
wahren, echten Gewalttätern - und das sind eben die
Steineschmeißer - schützt und von ihnen gründlich s ä u b e r t,
was sicherlich ohne praktische Argumente wohl kaum gehen dürfte.
Okay, diesen Punkt habt Ihr in dem Artikel zu Recht aufs Korn
genommen.
Aber soll diese Reaktion der Linken auch schon gleich der Grund
sein, von einer k o r r e k t e n K r i t i k an denen Abstand
zu nehmen, die versichern, durch einen sehr hautnahen Dialog mit
den Hütern der Ordnung etwas gegen die Rekrutenvereidigung
ausrichten zu können? Wir meinen: nein. Wenn Ihr hinschreibt, daß
stets "das Erschrecken vor einem fliegenden Pflasterstein von
einem einzigen Aufruf an die Gewalt begleitet ist, endlich
aufzuräumen mit allen Kritikern von Staat und Armee", dann wird
so getan, als ob ein Erschrecken vor der Rekrutenvereidigung
u n d ein Erschrecken vor fliegenden Pflastersteinen g a r
n i c h t z u s a m m e n p a s s e n. In den Artikel will
offenbar dank des Hinweises auf die "kleine (soll wohl heißen:
große) Differenz zwischen einem Pflasterstein und dem Militär"
irgendwie keine rechte Kritik an der falschen A r t u n d
W e i s e zustandekommen, wie die 'Krawallmacher' ihren
Gegensatz zum militärischen Gepränge vorgeführt haben. Es ist
doch so, daß angesichts des Zwecks der Vereidigung, die
B ü r g e r moralisch fit zu machen für die kommenden
Scharmützel, wirklich nichts anderes ansteht als Agitation der
Bevölkerung. An der Frankfurter Iran-Demo wurde in Eurer Zeitung
noch immerhin Kritik daran geübt, daß ein Teil der Demonstranten
das Ansinnen des Protests erfolgreich vereitelte, indem dieser
Teil ein p r a k t i s c h e s K r ä f t e m e s s e n mit der
Gegenseite ins Werk setzte, um so der Menschheit den ebenso
blöden wie zynischen Beweis zu liefern, daß Widerstand doch
tatsächlich möglich ist. Den Meinungsbildern in der
Öffentlichkeit war dies in der Regel ein willkommener Anlaß, die
Besprechung des Zwecks der Demo durchzustreichen und ihn qua
Gleichsetzung mit unrechtmäßiger Gewalt zu ächten. Warum soll man
vor solchen Beweisen nicht erschrecken dürfen?
Mit marxistischen Grüßen Heidrun F. und Ulrike P.
Erschrecken, wo es angebracht ist
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Ihr stimmt uns zu, daß die Vorgänge im und vor dem Stadion nicht
in einen Topf zu schmeißen oder gar auf den Kopf zu stellen sind,
landet dann aber auf Umwegen doch wieder bei der Gleichsetzung -
über die Wirkung auf Euch: Ihr seid über beides erschrocken und
verlangt deshalb nach dem Grundsatz 'Kritik gerecht nach allen
Seiten verteilen!' unbedingt auch eine Absetzung von den
Vorgängen vor dem Stadion. Angesichts einer von öffentlicher wie
linker Seite so sauber geführten Gewaltdebatte, halten wir es
allerdings für nicht richtig, u n b e d i n g t auch an den
Vorgängen vorm Weserstadion eine 'korrekte Kritik' anzubringen.
Agitation heißt nämlich nicht, zu allen das Richtige sagen,
sondern mit richtigen Argumenten die jeweils ins Feld geführten
Ideologien der Adressaten zu bekämpfen. Und Adressaten waren bei
dem MSZ-Artikel Studenten, die bestenfalls Euer Problem wälzen,
ob man mit solchen Formen des Protestes nicht die Bürger
'unnötig' gegen sich aufbringt und richtige Agitation
diskreditiert.
Mal ehrlich: Seid Ihr nicht deswegen über die 'Krawalle' so
erschrocken, weil Ihr Euch dadurch in eine Auseinandersetzung mit
'der Bevölkerung' hineingezogen fühlt, die Ihr für vermeidbar
haltet; weil ihr meint, man brauche den Leuten mit demonstrativer
Unparteilichkeit nur das richtige Argument zu liefern, dann seien
sie auch empfänglich für Kritik. Versucht einmal Bekannte oder
Fremde damit zu gewinnen, ihr wäret über die Militarisierung
erschrocken, aber über diese Form des Protestes auch, weil Ihr
sie für unzweckmäßig hieltet. Die werden Euch ganz schnell auf
demokratischen Anstand und die schönen demokratischen Freiheiten
festlegen, in deren Schranken Protest allenfalls erlaubt ist, und
Euch vorwerfen, Euch nicht genügend zu distanzieren. Ob Ihr es
wollt oder nicht, dann habt Ihr Eure Gewaltdebatte und die
saubere Gleichung: Wer gegen militärisches Gepränge ist, der muß
zuallererst und vor allem gegen die gewalttätigen Randalierer
sein. Die Bevölkerung hält nämlich die Vereidigung höchstens für
einen unnötigen 'faux pas', wenn nicht gar für begrüßenswert, die
vereinzelten Pflastersteine und umgestürzten Autos aber auf jeden
Fall für den Beweis, daß die Kritiker die Gewalttäter sind. Und
darauf wird von der versammelten Linken auch noch selbstanklagend
und -rechtfertigend eingegangen.
Mag sein, daß sich gegen die Weise des Protestes alles mögliche
einwenden läßt - was etwas ganz anderes als eine Gewaltdebatte
ist. Aber einen Gegensatz von Protest und Agitation aufzumachen
und bei der Kritik der Öffentlichkeit und ihrer Parteinahme in
Sachen Gewalt unbedingt noch anbringen zu wollen, daß man auch
kein Befürworter der 'Bremer Krawalle' ist (als ob einen jemand
nach seinen Gründen gefragt hätte), das läuft immer auf eine
Selbstverpflichtung zur Friedfertigkeit und 'Objektivität'
hinaus, die der Öffentlichkeit den unverschämten Gefallen tut,
den sie von einem verlangt: sich ein Problem der
B e r e c h t i g u n g der eigenen Kritik zu machen.
Insofern waren unsere damaligen Ausführungen zur Frankfurter
Demonstration und der von aller Welt heuchlerisch verlangten
Distanzierung von solchen 'Exzessen' auch kein 'immerhin' sondern
die Kritik, die wir zwecks K l a r s t e l l u n g gegenüber
unseren Sympathisanten und Adressaten, nicht aber zur
A g i t a t i o n der studentischen oder sonstigen
Öffentlichkeit für nötig hielten. Weder sollte dabei den
kritisierten Demonstranten die Schuld an der öffentlichen
Reaktion gegeben werden - die bürgerliche Öffentlichkeit findet
immer Anlässe, zumal wenn sie es wie in Frankfurt, bewußt darauf
anlegt -; noch haben wir für gewaltlosen Protest und eine
Agitation in der Bevölkerung plädiert, die deren Abneigung gegen
jede Kritik mit dem Argument, gegen Randalierer habe man ja auch
was, aber..., auch noch entgegenkommt.
Wir werden uns also hüten, unabhängig von Gegnern und Adressaten
immer und überall sehr gerecht, sehr distanziert und unparteilich
jedem seine Fehler öffentlich aufzulisten. Angesichts der
allgemeinen Friedensheuchelei, die sich so blendend mit den
kriegerischen Mitteln der Friedensbewahrung verträgt, angesichts
des linken Bekenntnisses, gerade in Zeiten öffentlicher
Kalkulation der Staatsgewalt mit ihren militärischen Mitteln,
Kritik extra verantwortlich, friedfertig und streng im Rahmen des
Erlaubten vortragen zu wollen, also nur noch als Bitte, ihre
Friedfertigkeit geflissentlich zur Kenntnis zu nehmen, sehen wir
keinerlei Veranlassung, etwas anderes anzugreifen, als die
erschreckende Einigkeit in Sachen Frieden - und Gewalt.
MSZ-Redaktion
"Die Kritik am realen Sozialismus
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von den bislang tönernen Füßen holen"
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(Betr.: "Warum die Weizenwaffe trifft" in MSZ Nr. 2/1980 und
Korrespondenz in MSZ Nr. 3/1980)
1. Ihr behauptet, daß "ein bißchen Naturwissenschaft und
Technologie " mehr den Skandal der unzureichenden Versorgung aus
der Welt schaffen könnte und bemeßt das "bißchen" am etliches
aufwendigeren Etat für Rüstung/Militär. Diese These scheint mir
in zweierlei Hinsicht allzu ungetrübt von näherer Tatsa-
chenkenntnis. E r s t e n s läßt sich mit ein bißchen mehr
Technologie und "entsprechenden landwirtschaftlichen Methoden"
noch lange nicht auf den Bodenertrag "vergleichbarer"
amerikanischer Farmen kommen. Schon ein Blick in den Diercke-
Weltatlas genügt, um herauszufinden, daß sich selbst die
fruchtbarsten russischen Ertragsböden - die Tschernoseme - (die
allerdings nur 10% der Fläche der SU ausmachen) in vergleichbar
ungünstiger geographischer Lage befinden, da mindestens 10 Grad
nördlicher als die amerikanische Schwarzerde; daß ansonsten die
SU mit über 33% Podsol- und Bleicherden sehr ungünstige
Bedingungen für ertragreichen Ackerbau aufweist. Da wird dann
doch mehr als ein bißchen Technologie notwendig, die Tundren in
Ackerboden umzuwandeln. Kurz, ihr handhabt mit der Entgegnung auf
das revisionistische Entlastungsargument "Klimafaktor" viel zu
lapidar, um ernsthaft aufzeigen zu können, daß und wie mit
anderen Landwirtschaftsverfahren mehr rauszuholen wäre.
Z w e i t e n s benutzt ihr im diesbezüglichen Argumen-
tationszusammenhang den Vergleich mit der Rüstungs- und
Kriegstechnologie, unternehmt damit also eine Bewertung der
Ressourcenverteilung, nach dem Motto Bildung (sprich
Technologie... Erträge) rauf, Rüstung runter. Wenn ihr
tatsächlich in der Richtung argumentieren wollt, am
Rüstungssektor sei zugunsten des Agrarsektors zu sparen, müßtet
ihr schon einige Fakten anführen, die u.a. belegen, daß die SU
betreffs militärischer Ausgabeneinsparung Spielraum hat.
Ansonsten bleibt ihr auf DKP-Niveau: soooviel Rüstung - sooowenig
für Bildung!
Eine Argumentationshilfe: Sicherlich findet im revisionistischen
Militärapparat dergestalt millionenfache "Verschwendung" statt,
daß die Armee keinen Volksmilizcharakter besitzt und nicht als
defensives Abwehrinstrument aufgebaut wurde, so daß sich ein
Mithalten im Wettrüsten erübrigte. Wäre in der SU wenigstens
annähernd der Weg zur Konsolidierung der Grundlagen des
Sozialismus beschritten und stünden nicht permanent unbefriedigte
Konsumwünsche der Bevölkerung gegen staatliches "heute für
morgen"-Sparprinzip, wäre eine allgemeine Volksbewaffnung -
nebenbei relativ kleiner Nuklearwaffenbereich - möglich und damit
tatsächlich gewaltige Mittel frei u.a., zur Technologiever-
besserung im Agrarsektor.
2. Ihr bezieht die Position, daß der niedrige Stand der Pro-
duktivität angesichts des seitens der Planer zwar nicht selbst-
kritisch als Planungsfehler reflektierten, so doch konstatierten
Mangels an Düngemitteln, Mechanisierung, Ersatzteilen, qualifi-
zierten Fachkräften etc. nicht verwunderlich sei. Diese Mängel
führt ihr darauf zurück, daß sich die sowjetische Wirtschaftspo-
litik der "Lösungsmethode verschrieben" habe, die Wachstumsindu-
strie auf Kosten der Konsumtionsmittelproduktion vorrangig auszu-
bauen.
Der logische Umkehrschluß dieser These: diese Probleme hätte der
real-sozialistische Staat nicht, wäre er nicht so geil auf
Förderung der Wachstumsindustrie, verursacht mir Kopfschmerzen,
da damit eine grundsätzliche, tieferliegende Frage berührt wird:
Welche praktikablen Alternativen bieten sich industriell
unterentwickelten Ländern nach antiimperialistischem Befreiungs-
kampf - als solcher gilt mir die Oktoberrevolution -, wenigstens
so nachholend zu industrialisieren, daß im Resultat eine
weitgehende Unabhängigkeit bzw. Selbstständigkeit gegenüber dem
imperialistischen Weltmarkt rauskommt?
Also das Problem als Kritik an Eurem Artikel auf den Nenner
gebracht: Entweder nehme ich die Position ein zu sagen, es gibt
generell keine Möglichkeiten für unterentwickelte Länder, aus der
unmittelbaren Abhängigkeit vom Weltmarkt freizukommen, dann
dürfte ich nicht - wie im Artikel - eine industrielle
Akkumulation, die sich auf Kosten der agrarischen Produktion
vollzieht, kritisieren, da es eh Jacke wie Hose wäre, ob sich die
dortigen Machthaber über kurz oder lang in den Widersprüchen der
einseitig vollzogenen Industrialisierung oder in Widersprüchen
der zu langsamen agrarischen Akkumulation verheddern.
Oder ich gehe davon aus zu sagen, es gibt für solche Länder
durchaus Möglichkeiten des Aufbaus der ökonomischen Grundlagen
des Sozialismus... im Falle der SU ist diese Chance vertan
worden... daran ist die Politik der vorrangigen Wachstums-
industrieakkumulation schuld... stattdessen hätte in stärkerem
Maße die Konsumgüterproduktion ausgebaut werden müssen.
In dem Maße, wie Ihr hier nicht Stellung bezieht, wird die
Quintessenz Eures weiteren theoretischen Vorgehens bezüglich
Analyse und Kritik des realen Sozialismus unbegründet bleiben:
Ihr kritisiert den realen Sozialismus, als gäbe es für diese
Länder tatsächlich die sozialistische Perspektive, die aber
mangelhaft realisiert worden sei, so daß das heutige Dilemma
nicht verwunderlich ist. Von Eurem theoretischen background her -
gerade in den "Resultaten" über Imperialismus nehmt ihr aber
eigentlich die Position ein, aufzeigen zu wollen, daß der
antiimperialistische Befreiungskampf bestenfalls eine
Angelegenheit von äußerst geringem Antiimperialismus ist,
demzufolge - egal was die bedauernswerten Brüder in solchen
Ländern auch anstellen - am Ende immer Yankee-go-home lachend
Rückkehr hält und dann sogar noch zeitgemäß verbesserte
Ausbeutungsbedingungen vorfindet.
Ich wäre der Denker-Riege des MSZ-Kollektivs - der ich auf diesem
Wege meine nie ganz ungeteilte Wertschätzung übermitteln möchte -
sehr verbunden, wenn Ihr den Schleier dieses Geheimnisses
gelegentlich etwas lüften könntet und die Kritik am realen
Sozialismus von den bislang noch tönernen Füßen holtet.
Mit sozialistischen Grüßen Gerald M.
Kein Problem von "Unterentwicklung"
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1. Trotz unseres inzwischen sehr erweiterten Horizonts in der MSZ
möchten wir doch lieber nicht mit Dir eine Debatte über mögliche
Landwirtschaftsverfahren für Podsol- und Bleicherdeböden
anfangen, da wir der Auffassung sind, daß auch für die
Landwirtschaft im realen Sozialismus immer noch die
P r o d u k t i o n s w e i s e das entscheidende Argument ist.
Zudem bist Du ja selbst der Meinung, daß der "Klimafaktor" - für
die Bodenqualität trifft dasselbe zu - ein "revisionistisches
Entlastungsargument" ist.
2. der von Dir als DKP-mäßig gerügte Verweis auf den
Rüstungssektor besagt ausschließlich, daß der Grund für die
unzureichende Versorgung der Bevölkerung ebensowenig wie in
schlechten Böden in einer "unterentwickelten" Naturwissenschaft
und Technologie zu suchen ist. Ein Staat, der es in der
Naturbeherrschung so weit gebracht hat, daß er Astronauten
monatelang im Weltraum experimentieren läßt und seine Biologen
mit so interessanten Forschungen wie der Züchtung von
Seuchenerregern beauftragt, könnte sich durchaus auch für seine
Bleicherden etwas einfallen lassen - wenn er es darauf
a n l e g t!
3. haben wir keine "Bewertung der Ressourcenverteilung "
abgegeben, sondern der Organisation der Landwirtschaft in der
UdSSR einige Hinweise auf das politische Programm dieses
Staatswesens entnommen. Die Sowjetunion hat nicht das Problem,
das Du aufwirfst, sich gezwungenermaßen vor die Alternative einer
"einseitigen Industrialisierung" bzw. "einer zu langsamen
agrarischen Akkumulation" gestellt zu sehen, das ist eine
apologetische Erfindung revisionistischer Ökonomen - die
Vergangenheit ist nämlich heute vorbei. Die in der UdSSR
betriebene ökonomische Planung beruht gar nicht auf der
Überlegung, was wird gebraucht an Traktoren, Konsumtionsmitteln,
Wohnungen usf. usf. und wie läßt es sich herstellen, sondern
verpflichtet die Betriebe mit der "wirtschaftlichen
Rechnungsführung" darauf, Gewinne für die Staatskasse zu
erwirtschaften. Diese Politik bezweckt also gar keine
Organisation der Produktion gemäß dem Bedarf der individuellen
und produktiven Konsumtion, sondern erwartet sich die
Bedarfsdeckung als automatisches Abfallprodukt einer Planung, die
die Betriebe zuerst einmal als Einnahmequelle des Staates
herrichtet, auf daß dieser mit den Gewinnen ein Steuerungs- und
Gestaltungsinstrument, ganz viele "ökonomische Hebel-", in der
Hand hat, um das revisionistische Gerechtigkeitsprogramm in Szene
zu setzen. (Es ist dies der in die Tat umgesetzte Wunsch auch der
Revis hierzulande, wenn sie sich darüber beschweren, daß der
Staat zu wenig Einflußmöglichkeiten auf Konzerne und Multis
besitzt, oder daß umgekehrt die Multis ihn 'unterjochen', und
dabei die staatliche B e t e i l i g u n g an der Ausbeutung
fröhlich übersehen)
Eine unmittelbare Konsequenz dieser ökonomischen Planung ist die
Tatsache, daß in diesem sogenannten Arbeiterstaat die Konsumtion
der Leute als Lohn, also als die Gewinne beschränkender
Kostenfaktor berechnet wird und daß auf der anderen Seite im
staatlichen Budget die "Sozialausgaben" ebenso mit den anderen
Posten konkurrieren. Selbst das von Dir so bezeichnete "heute-
für-morgen-Sparprinzip" ist Ideologie -: eingeschränkt werden muß
sich nicht für morgen, denn dann ist es wieder genauso, sondern
zugunsten des staatlichen Programms. Zweitens bewirkt die
Unterwerfung der Produktion unter den Zweck der
Gewinnerwirtschaftung für den Staat alles andere als eine
zielstrebige Entwicklung der Produktivität der Arbeit samt der
Erleichterung der Arbeit; beides geschieht nur b e d i n g t,
gemäß der staatlich vorgegebenen R e n t a b i l i t ä t s-
k a l k u l a t i o n und die hat es in sich: Sie schreibt
nämlich eine Kostenminimierung vor, im Interesse größerer
Abführungen an den Staat, die ein dauerhaftes Hindernis für die
staatlich befohlene Erhöhung der Arbeitsproduktivität mit Hilfe
technologisch entwickelter Maschinerie bildet. Resultat ist eine
Akkumulation "neuen Typs": es wird industrialisiert, aber so, daß
daneben immer wieder und immer wieder auf neuer Stufe Mangel
erzeugt wird. Es ist ein eigentümlicher Mangel - in einer
komplett industrialisierten Gesellschaft - in Kombination mit und
als Folge von Verschwendung: wie z.B. diejenige, an veralteten
Maschinen ganz viel Arbeit zu vergeuden, weil es für die Betriebe
durch die staatlichen Vorschriften unrentabel g e m a c h t
wird, sich bessere Maschinen zu leisten; Verschwendung von
Gütern, mit denen der Betrieb sein Gewinnsoll erfüllt, die aber
als Gebrauchswerte nichts taugen; Verschwendung von Gütern, die
wegen des ungenügenden - weil wieder Kosten verursachenden -
Ausbaus des Transportwesens einfach verrotten; Verschwendung
schließlich von beträchtlichen Teilen der Ernte, weil zur
Erntezeit nicht genügend Traktoren vorhanden sind (u.a. auch
Folge der seltsamen, weil e r z w u n g e n e n Rentabilitäts-
rechnung der Kolchosen), was wiederum durch Sondereinsätze von
Komsomolzen etc. ausgebügelt werden soll, eine sozialistische
Form der Zwangsarbeit, die bei den Zwangsverpflichteten die
entsprechende Widerspenstigkeit hervorruft. Du liegst also
ziemlich daneben, wenn Du diese Ökonomie unter dem Gesichtspunkt
knapper Ressourcen betrachtest, weil die spezifischen Knappheiten
in der Sowjetunion noch allemal aus ihrer ökonomischen Politik
resultieren und keineswegs aus dem Widerspruch ungenügend
entwickelter Produktivkräfte gegenüber den Erfordernissen einer
außenpolitisch notwendigen Selbstbehauptung. Im übrigen ist dort,
wo es der Staat darauf anlegt, von Knappheit nichts zu bemerken:
Fürs Militär ist alles Erforderliche vorhanden und sogar für
solchen Mist wie eine Olympiade ist der Staatsetat zu haben. Was
so an Produktivkräften in der Sowjetunion mittlerweile
herumsteht, w ü r d e lässig für eine ziemlich komfortable
Versorgung der Sowjetbürger genügen - w e n n nicht ihr
Staatswesen a n d e r e Absichten hätte.
4. Diese sind auch am Militär auszumachen. Was Du als
"Verschwendung" bezeichnest, folgt nicht aus innenpolitischen
Gegensätzen, aufgrund derer der Sowjetstaat es sich nicht leisten
könnte, seiner Bevölkerung ein Gewehr in die Hand zu geben. Das
kann er - seine Soldaten in Afghanistan benutzen die Schußwaffen
ja auch nicht zur Revolution, sondern führen getreulich Krieg.
Der sowjetische Militärapparat stellt auch keine Verschwendung
dar gemessen an den Kriterien, die ihm zugrundeliegen, nämlich
denen der sowjetischen Außenpolitik, die mit den USA um den
Spielraum einer Weltmacht k o n k u r r i e r t.
Ein Staat, der sich U-Boote in sämtlichen Weltmeeren leistet, der
sich mit dem gesamten Waffenaufgebot von konventionell bis
nuklear auf eine Strategie der K r i e g s f ü h r u n g in
allen Stufen der Eskalation vorbereitet, hält sich sein Militär
nicht zur V e r t e i d i g u n g einer antiimperialistischen
Revolution. Für diesen Zweck würde ein Minimum davon genügen,
nämlich genau so viele und so wirksame Zerstörungsmittel - also
gerade keine "Volksmiliz" -, um den USA gegenüber die Drohung
glaubhaft zu machen und das heißt, notfalls auch realisieren zu
können, daß sie einen Angriff auf die Revolution bitter bezahlen
müßten. Was die Sowjetunion aber mit ihrem Militär anstellt, ist
alles andere: Im Vietnamkrieg (Genaueres Resultate Nr. 5) hat sie
weltpolitisch taktiert und ist n u r d a r i n den USA ein
Hindernis gewesen. Was Afghanistan betrifft, sagen ja inzwischen
zumindest führende Politiker der Sowjetunion die Wahrheit, daß es
sich nicht um eine aufopferungsvollen Feldzug zugunsten des
afghanischen Volkes gehandelt hat, sondern um einen rein
strategischen Einsatz. Auch die "Zwänge" des Militärs sind also
welche, in die sich die Staatsmänner der Sowjetunion sehr
freiwillig hineinbegeben haben, weshalb es grundfalsch ist, sich
in Anbetracht dieses Staats die Unmöglichkeit einer
"sozialistischen Perspektive" einfallen zu lassen, anstatt die
Politik zu erklären und zu kritisieren, die sie betreibt und die
sich dabei immerzu auf die "sozialistische Perspektive" beruft,
die Du Dir vorstellst.
5. Was den Befreiungskampf in der sogenannten 3. Welt betrifft -
und der ist objektiv mit ganz anderen Bedingungen konfrontiert
als es die Oktoberrevolution war (die es vor dem 2. Weltkrieg
noch nicht mit d e r Weltmacht zu tun hatte) u n d die
Sowjetunion heutzutage ist -, darüber gibt es wirklich nicht viel
Optimismus zu verbreiten. Das liegt zum einen an der politischen
Zielsetzung all dieser Befreiungskämpfer siehe Simbabwe (MSZ Nr.
2/80), Nicaragua (MSZ Nr. 4/80) ebenso Cuba (MSZ Nr. 32/79), die
nichts weiter darstellt als die Anpassung von Freunden einer
garantiert eigenstaatlichen Souveränität an die ökonomische und
militärische Erpressung, die der Imperialismus solchen Ländern
gegenüber ausüben kann. Zum anderen aber - deshalb ist es so
verkehrt, die heutige Sowjetunion auf der g l e i c h e n Ebene
wie 3. Welt-Revolutionen unter dem Gesichtspunkt 'Unmöglichkeit
einer sozialistischen Perspektive' zu behandeln - liegt es daran,
daß die Sowjetunion dieser Erpressung nicht so, wie es sich für
revolutionäre Politik gehören würde, entgegentritt. Stattdessen
bündelt sie mit den übelsten Staatswesen und taktiert um
Einflußsphären, wie es ihr zur Stärkung ihrer Position opportun
zu sein scheint.
Schließlich - wäre Deine Problematisierung der "sozialistischen
Perspektive" zutreffend, wäre die von Dir vorgestellte Zwangslage
wirklich existent, und gäbe es keine Alternative dazu, die
eigenen Leute so zu schikanieren, dann wären wir uns, ehrlich
gesagt, zu schade dafür, einen solchen Staat zu machen. Von denen
im Ostblock ist aber nicht einmal ein kleines 'leider' zu hören.
Ganz im Gegenteil: Die Unverschämtheit, mit der dort die Massen
immer wieder erneut dafür, hergenommen werden, die staatliche
Politik und deren Konsequenzen auszubaden, hält dem Vergleich mit
westlichen Politikern durchaus stand.
6. Zum Schluß gestatten wir uns doch noch einen kleinen Ausflug
in die Landwirtschaft, deshalb weil es der gute Leonid in seinen
Erinnerungen so schön anschaulich vorführt, wie die Revi-Politik
aussieht. Wenn er auch die Neulandgewinnung in den fünfziger
Jahren beschreibt - daß diese sogenannte "Epopöe" jetzt als
ruhmreiches Dokument herausgebracht wird ohne eine Spur von
Selbstkritik, beweist, daß der geschilderte Raubbau an
menschlicher Arbeitskraft und an der Natur nach wie vor als
legitime Methode sozialistischer Ökonomie betrachtet wird.
"Waren wir von vielen Wissenschaftlern gewarnt worden, daß
durchgängiges Aufpflügen die Steppe in eine unfruchtbare Wüste
verwandeln kann? Natürlich, und wir hatten das auch
berücksichtigt. Die agrotechnische Politik der Partei auf dem
Neuland beruhte - kurz gesagt - darauf, die negativen Folgen
eines Eingreifens des Menschen in die urwüchsige Steppennatur auf
ein Minimum zu reduzieren, höchstes Ackerbauniveau durchzusetzen
und anschließend ein dieser Dürrezone gut angepaßtes
Ackerbausystem zu schaffen. Wie dieses System jedoch konkret
aussehen sollte, wußten wir anfangs nicht und konnten (?) es auch
nicht wissen... Wir wußten, was unserer harrte, aber wissen ist
eins, und etwas anders ist es, wenn man zusehen muß, wie die
kostbare, mit so viel Schweiß und Mühe abgerungene Ernte zugrunde
geht. ... So sammelten wir Schritt für Schritt Erfahrungen. Aber
neben Erfolgen gab es Mißerfolge. Die Voraussage von
Wissenschaftlern, daß eine Winderosion eintreten könne, begann
sich zu bewahrheiten..."
Für solche "Schicksalsschläge" ebenso wie für die Beendigung der
Anlage von Waldschutzstreifen, die die Windgeschwindigkeit
bremsen und die Verdunstung verringern sollten, dafür lassen sich
nun weder die Böden noch der Wind oder der Breitengrad
verantwortlich machen. In den 50er Jahren wurden dafür jedenfalls
Kostengründe ins Feld geführt.
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