Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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DIE RECHTFERTIGUNG DES KRIEGES AUS DEM GEIST DES HUMANISMUS
Die Intellektuellen haben den Krieg nicht erfunden. Er ist Mittel
der Politik. Schon in den gelobten Friedenszeiten wissen die
Staatenlenker aller Herren Länder lauter gute Gründe auf ihrer
Seite, Kriege zu planen, vorzubereiten, für jeden denkbaren Fall
das nötige Gerät ranzuschaffen, Waffenbrüderschaften zu schmieden
und mit militärischen Drohungen dem nationalen Interesse, dem sie
dienen, zur Durchsetzung zu verhelfen. Das ist offenbar so be-
schaffen, daß es ohne überlegene Gewaltmittel, mit denen man
Feinde abschrecken und gegebenenfalls niederringen kann, nicht zu
haben ist.
Auch die Rechtfertigung des Krieges ist keine genuin wissen-
schaftliche Erfindung. Hussein und Bush, Kohl und Genscher, Mit-
terrand und Shamir beherrschen auch ohne Studium wissenschaftli-
cher Bildungsgüter die Übersetzung ihres Staatsinteresses in ein
höheres Recht, dem sie als dazu Beauftragte Geltung verschaffen
müssen. In dieser Übung steht keiner der Herrschaften dem anderen
nach. Dennoch fällt die Glaubwürdigkeit der vorgebrachten Rechts-
gründe recht unterschiedlich aus. Sie entscheidet sich nämlich an
der Fähigkeit eines Staates, seinem Interesse in der Staatenwelt
den gebotenen Respekt zu verschaffen - spätestens also am Ergeb-
nis eines Waffengangs, der fällig wird, wenn dieser Respekt aus-
bleibt, und der die internationale Rechtslage klarstellt.
Von solchen Rechtsgründen leben auch ganze Abteilungen der Wis-
senschaft und die geistige Heimat der Intellektuellen ist voll
davon. Die Menschenrechte und das Völkerrecht, die Stabilität des
internationalen Gleichgewichts und die nationalen Lehren aus der
Geschichte, die Verantwortung der Mächtigen und das demokratische
Kulturleben, den Frieden und den Schutz der Umwelt - all das zäh-
len die klugen Köpfe der bürgerlichen Gesellschaft zu ihren groß-
artigsten Ideen. Denen wissen sie sich verpflichtet und ihren
Auftrag sehen sie darin, diesen Ideenhimmel ausgiebig zu pflegen.
So manches Jahr geht da ins Land, in dem die professionellen
Kopfarbeiter überhaupt keinen Fuß mehr auf den Boden der Realität
bekommen; in dem sie angestrengt über die Frage nachdenken, wie
diese Ideen zu interpretieren seien; in dem sie Modelle dafür
entwickeln, wie die Verwirklichung dieser Ideen denkbar wäre; und
in dem sie sich anschließend das Scheitern ihrer ehrenwerten Be-
mühungen eingestehen müssen, weil sich an ihre schönen Einfälle
einfach keine Sau halten mag. So kommt der wissenschaftlich ge-
bildete Geist seiner Verantwortung nach, all die edlen Zwecke und
übergeordneten Anliegen zu betreuen, mit denen die wirklichen
Mächte ihre Zwecke und Anliegen zu heiligen pflegen.
Kriege sind in dieser Geisteswelt idealiter eigentlich nicht vor-
gesehen. In der nach unten offenen Werteskala der Wissenschaft
rangieren sie ungefähr bei minus fünf. Übertroffen nur noch von
der Vorstellung noch größerer Übel, zu deren Vermeidung der Krieg
dann eventuell letztlich doch wieder in Betracht gezogen werden
muß. Realistisch ist der humanistisch denkende Verstand nämlich
auch noch, will heißen: Vom Standpunkt all der schönen Ideen aus
leuchtet ihm so ziemlich jede nationale Großtat als Beitrag zu
deren Verwirklichung ein. Das ist dann aber andrerseits beim
Krieg ziemlich problematisch, weil an dem bekanntlich das Humanum
leidet, dem sich die Wissenschaft verpflichtet weiß. Ein schier
unauflösbares Dilemma für den humanistisch denkenden Verstand -
aber auch wieder scheißegal, weil der ja eh nichts zu entscheiden
braucht.
In dieser Problemlage schafft eine Nation, die im Namen aller
Werte, die dem zivilisierten Abendland heilig sind, einen Krieg
führt, endlich letzte Klarheit auch im Reich des Geistes und be-
seitigt dort sämtliche Zweifel. Wie ihre Ideen zu verstehen sind
und was aus ihnen für die Wirklichkeit folgt, wissen nun alle
Geistesgrößen eindeutig anzugeben. Die Gelehrten, die es gelernt
haben, die Welt zu betrachten, wie sie moralisch auf dem Kopf
steht und wie sie im Licht ihrer Rechtfertigungsgründe ausschaut,
haben aus dem Golfkrieg ihre Lehre gezogen: Alles, was sie vereh-
ren, spricht für diesen Krieg. Gewalt ist der Weisheit letzter
Schluß, wo es um die Verwirklichung der hehren Ideale des Huma-
nismus geht, und dieser Krieg ist so gut wie all die humanisti-
schen Ideale zusammengenommen.
Dann muß aber auch das Umgekehrte gelten: Die humanistischen
Ideale der freien Wissenschaft können auch keine feinere Ware
sein als der Krieg, den sie rechtfertigen; es müssen Totschläger-
argumente von der erlesensten Art sein, die diese immer mensch-
lich gesonnenen Denker vertreten. Wer bislang einen sympathische-
ren Eindruck von ihnen hatte, wird von ihnen eines besseren be-
lehrt. Vielleicht kommt der Eindruck ja auch nur daher, daß die
deutsche demokratische Intellektuellenmannschaft bloß noch nicht
die Gelegenheit hatte, einen fraglos gerechten Krieg mit deut-
scher Beteiligung gutzuheißen.
Tugendhat, Apel Enzensberger und Co.
Krieg wg. Menschlichkeit
-------------------------
I.
Abscheu vor "diktatorischer Gewaltherrschaft" und "Tyrannei", vor
"Ökoterror und Massenmord"; tiefes Empfinden von "Betroffenheit",
von "Sympathie mit den Opfern" sowie von "Mitgefühl" in allen
Fällen von "Schmerzen, Leid, Alter (?) und Tod"; hohe "Ziele wie
Gerechtigkeit und Menschlichkeit"; die "Entschlossenheit in der
Suche nach lebensrettenden Auswegen", "die menschlichen
Tugenden", allen voran die Bereitschaft zur "Hilfe für die
Opfer", zur "Solidarität" mit der leidenden Kreatur, mit Frauen
und Kindern, zumal mit unschuldigen - all das ist dem
humanistischen Geist der Wissenschaft selbstverständlich.
Der hat sich anläßlich des Golfkriegs kräftig zu Wort gemeldet,
und wie zu erwarten, ist vor lauter Edelmut kein Auge trocken
geblieben. Mit der tiefen Menschlichkeit der eigenen Empfindun-
gen, die aus allen Zeilen trieft, öffentlich anzugeben, gilt auch
in der Wissenschaft weder als lächerlich noch als obszön. Sowas
weist vielmehr die philosophische Kompetenz von Denkern aus, die
sich mit den Menschen unbesehen ihrer Nationalität, Hautfarbe und
Vereinszugehörigkeit verbunden wissen, und sich damit das Recht
herausnehmen, stellvertretend für alle Menschen diesen etwas vor-
zudenken. Bedenken, sich dabei übernehmen zu können, wenn sie die
Verantwortung für nichts Geringeres als das Wohl aller Menschen,
um welches es in der Welt bekanntlich nicht immer gut bestellt
ist, zur Maxime ihres Denkens erheben und für jedermann zur ver-
bindlichen Pflicht erklären, sind solchen Geistern offensichtlich
fremd. Kein Zweifel also, die humanistischen Denker haben von
sich eine ausnehmend gute Meinung. Ansonsten ist ihre Parteinahme
für das Humanum so verlogen ausgefallen, wie sie ausfallen mußte.
Mit der unglaublich tiefsinnigen Einsicht, welche die Anwendung
ihres Maßstabs allenfalls zu Tage bringt, daß Kriege kein Beitrag
zur Förderung menschlichen Wohlbefindens sind, wollen sich die
gelehrten Humanisten nämlich keineswegs begnügen. Ein wenig wei-
tergehend verstehen sie ihren Auftrag schon. Die Menschlichkeit
auf ihren Fahnen, steuern sie alle zielsicher auf die Frage zu,
wer ihr schönes Gebot verletzt hat. Gut und böse wissenschaftlich
kompetent und allgemeinverbindlich an einem unwidersprechlichen
Maßstab zu scheiden, macht überhaupt erst den Reiz der Richter-
rolle aus, die die humanistischen Denker beanspruchen. Von dieser
Warte aus pflegen sie ihre allumfassende Menschenliebe, indem sie
die Menschheit unter die dem menschelnden Verstand einzig zugäng-
lichen Rubriken "menschlich" und "unmenschlich" sortieren. Ihre
ganze Leistung besteht so in der Begründung eines abstrakten
Feindbildes. Dabei könnten sie ohne die wirklichen Feindschaften,
die in der Welt ausgetragen werden, noch nicht einmal angeben,
wofür das gut ist. Solche Feindschaften unterstellt, bewähren sie
sich allerdings prächtig als ideologische Eingreiftruppe. Mit ih-
rem Feindbild ergreifen sie in jedem wirklichen Gegensatz Partei,
allerdings nicht im Namen des Interesses, das sich gerade gegen
ein anderes schlägt. Daran hindert sie schon ihre Ignoranz. Die
Warte des Richters, der im Namen der Menschlichkeit urteilt, ge-
fällt ihnen besser.
Von der aus muß ein Enzensberger beispielsweise schon mal sagen,
was Saddam für einer ist. Ohne jede Absicht der Verteufelung, die
einem Menschenfreund ja fremd ist, muß er feststellen:
"Die Parallele zu Hitler ist evident... Nennen wir ihn also, ohne
dämonisierende Absicht und eher deskriptiv, einen Feind der
Menschheit."
Das hat Enzensberger daran gemerkt, daß er, rein "deskriptiv",
versteht sich, diesem "Monster" jedes "kalkulierbare Interesse"
abspricht und stattdessen die besonders verwerfliche Absicht un-
terstellt, sich und möglichst viele Mitglieder "des Menschenge-
schlechts" vom Leben zum Tode zu befördern. Genau so, von einem
"Todestrieb" getrieben, muß nämlich einer beieinander sein, den
sich die ganze imperialistische Welt zum Feind gemacht hat und
dennoch keine Bereitschaft dazu erkennen läßt, sein Interesse zu-
rückzunehmen. So schließt Enzensherger von der Chancenlosigkeit
dieses Interesse darauf, daß es dieses dann wohl gar nicht gibt.
Er erspart sich jedes Urteil über das irakische Staatsinteresse,
und von dem bleibt der rein negative Wille des Dagegenhaltens ge-
gen eine fraglos gute, weil überlegene Sache übrig: Saddams
"Feind ist die Welt."
Wer bei der moralischen Sortierung in die Rubrik "menschlich
wertvoll" rutscht, und wer mehr in die Abteilung "unmenschlich"
gehört, ist also prinzipiell und vor jeder Prüfung beteiligter
Interessen entschieden. Und das geht auch gar nicht anders. Wer
nur Menschen kennen will und sich selbst als lebende Meßlatte für
menschliches Benehmen versteht, dem müßte sonst bei Gelegenheit
auch mal auffallen, daß sein Kriterium auf nichts paßt - schon
gleich nicht auf eine Gewaltaffäre zwischen Staaten. Die Anwen-
dung dieses Kriteriums würde da ziemlich notwendig zu der er-
staunlichen Feststellung führen, daß einerseits alle Beteiligten,
hat man von den Interessen, die sie verfolgen, erst einmal gründ-
lich abgesehen, irgendwie Menschen sind; und daß andererseits
keiner von ihnen das Wohl aller Menschen befördert.
Wenn beim Scheiden von gut und böse dennoch keine Unsicherheit
aufkommt, so liegt das daran, daß die Anwendung des Maßstabs
e i n e n Unterschied allemal hergibt: Derjenige, der den edlen
Maßstab zur Anwendung bringt, und derjenige, auf den er angewen-
det wird, sind einfach nicht zu verwechseln. Auch in der Realität
nicht. Den Standpunkt des Richters, den die humanistischen Denker
ideell einnehmen, kann schließlich glaubwürdig nur der vertreten,
der die Zuständigkeit für die Geschicke der Menschheit durch
seine überlegene Macht reklamieren kann. Die erhält von allen hu-
manistischen Geistern deswegen das Prädikat menschlich - also
noch nicht einmal dafür, daß sie bei der Produktion von Leichen
zurückhaltender wäre. Eher schon umgekehrt.
So schafft der Humanismus Klarheit in seinem Feindbild. Der einen
Seite werden die guten Absichten zugutegehalten, was manche
Schlächterei rechtfertigt, der anderen die bösen Taten angela-
stet, was den Ausschluß aus dem erlesenen Kreis der Menschheit
nach sich zieht.
II.
Eine "Kapitulation des Geistes vor der Gewalt" kommt also für die
wahren Humanisten schon aus Gründen der Menschlichkeit nicht in
Frage. Gute Absichten sind
"gewiß nicht das Ganze einer vernünftigen Reaktion. Bewahren sie
doch niemals vor Kriegen, und darum sind sie nicht schon der ver-
läßliche Kern für eine friedfertige Politik. Zwar muß der Krieg
der Vernichtungsapparate (?), und also der Krieg überhaupt, von
dem kleinen blauen Planeten der Menschen verschwinden: das setzt
aber voraus, daß die Geschäfte von politischen Gewalttätern aus-
sichtslos gemacht werden." (Henrich)
Wer sich denen nicht "unterwerfen" "will", darf "Menschlichkeit"
nicht als "Privatsache" mißverstehen, erfährt man. Und insbeson-
dere der "starken Neigung zum Pazifismus" muß in Kriegszeiten von
humanistischer Seite immer wieder entschieden entgegengetreten
werden.
"Bei dieser Orientierung stellt sich nur die Frage: ob nämlich
das, was den Einsatz des Lebens nicht lohnt, dann überhaupt das
Leben lohnt." (Zehnpfennig)
Die "Abwehr des Unrechts" verlangt nämlich klar und eindeutig
nach "kriegerischen Gegenmaßnahmen", gemäß dem Gebot der Mensch-
lichkeit:
"Ein Land darf nicht ein anderes überfallen. Wenn das geschieht,
muß es gezwungen werden, sich wieder zurückzuziehen, notfalls mit
Krieg. Das ist ein gutes Prinzip." (Tugendhat)
Immer eingedenk der humanistischen Jahrtausendforderung: "Die
Ächtung des Krieges muß weitergehen."
Die humanistischen Geister haben also die Frage "Was tun?" aufge-
worfen und unisono mit "Krieg" beantwortet. Wie haben sie die
Antwort alle nur so schnell herausgefunden? Immerhin ist ein
Krieg als Akt der Menschlichkeit ja irgendwie auch was Neues.
Klar, daß der Krieg von politischer Seite schon auf die Tagesord-
nung gesetzt war, wird dabei hilfreich gewesen sein. Aber warum
der fällig war und die Zustimmung aller Menschenfreunde verdient,
haben die sich schon selber erklären müssen. Auch daß sie bei der
Beantwortung dieser Frage von der fertigen Definition des Übels
und dem darin enthaltenen Auftrag zu seiner Bekämpfung ausgehen
konnten, wird die Sache erleichtert haben. Aber wieso d u r c h
K r i e g? Das erste Argument, mit dem sie sich dieses die
Menschlichkeit praktisch befördernden Mittels versichert haben,
ist ein Bestehen auf Konsequenz. Sentimentalen Spinnern, die kein
Blut sehen können und das mit Humanismus verwechseln, haben die
wahren, durch Amt und Würden ausgewiesenen Vertreter dieser Gei-
steshaltung in Zeitungen und Interviews tausendfach vorgerechnet,
daß eine gute Absicht, die nicht zur Tat schreitet, auch nichts
ist. Recht haben sie. Soll also in Zukunft niemand mehr behaup-
ten, daß Humanismus nichts mit Krieg zu tun hat. Das zweite Argu-
ment, welches in der Frage endgültig Klarheit stiftet, haben alle
professionellen Humanisten im Schlaf beherrscht. Ein ums andere
Mal wurde einem praktisch gar nicht in Erscheinung tretenden, ex-
tra zu diesem Zwecke herbeizitierten und mit enormer Bedeutung
aufgeblasenen Ungetüm namens Pazifismus die nötige Einsicht in
Form einer kleinen Ableitung dargeboten. Auf der Grundlage der
Einigkeit aller Menschenfreunde in der Definition des Verbrechens
- Saddam = unmenschlich - wurde jedem, der seine Bedenken gegen
den Krieg nicht über Bord werfen wollte, die rhetorische Frage
gestellt: Hast Du die Macht, das Übel zu verhindern?
Warum diese Frage jeden Pazifisten wehrlos macht, wurde aller-
dings nicht dazugesagt. Der Hinweis, daß Menschlichkeit keine
"Privatsache" ist, sondern zu ihrer Exekution der Staatsgewalt
bedarf, ist nämlich nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte be-
steht darin, daß es der Humanismus ist, der den Gegensatz zwi-
schen Staaten in seiner betont ignoranten Art erst einmal ins
menschlich Private übersetzt und seine Entscheidung so jedermann
als persönliches Anliegen anempfiehlt. Erst nicht zwischen einer
kriegerischen Auseinandersetzung und einem Streit unter Nachbarn
unterscheiden wollen, um dann mit der erstaunlichen Entdeckung
anzugeben, daß die Zuständigkeit für das Wohl aller Menschen, in
deren Namen man die Entscheidung einer Gewaltaffäre zwischen
Staaten zur persönlichen Sache erklärt hat, etwas viel für den
einzelnen ist, das ist die ideologische Spitzenleistung humani-
stischen Denkens! In höflicher Form wird so dem Untertan bedeu-
tet, daß er an dem Krieg in seiner "menschlichen Tragik" Anteil
zu nehmen hat, daß er sich aber dabei nicht darüber täuschen
soll, damit an den Anliegen der kriegführenden Staaten Anteil zu
nehmen. Großzügig wird ihm das Angebot an seine Vorstellung offe-
riert, sich in freier Wahl die Frage zu beantworten. welchem der
Kriegsherren er sich lieber unterordnen möchte, um ihm die Ant-
wort auch gleich noch mitzuteilen, daß er es mit seiner Nation,
die auf der richtigen, der menschlichen Seite steht, gut getrof-
fen hat.
Daß die dann aber auch das unternimmt und unternehmen muß, was
sie für zweckmäßig hält, ist irgendwie logisch und hat auch allen
gebildeten Humanisten gleich eingeleuchtet. Der Inhalt von
Menschlichkeit schließt dann, wenn Staaten sie exekutieren, na-
turgemäß eben so Sachen ein wie Völkerrecht, eine Weltfriedens-
ordnung und ein Kriegsbündnis namens UNO, die in der nunmehr wis-
senschaftlich nachgewiesenen Nachfolge Kants mit ihrer Kapitula-
tionsforderung an den Irak den kategorischen Imperativ neu ausge-
deutet hat.
"Die neue weltpolitische Machtkonstellation, die hinter dem UNO-
Beschluß in Sachen Kuwait steht, hat jetzt erstmals die Chance
eröffnet, daß so etwas wie eine weltbürgerliche Rechts- und Frie-
densordnung, wie sie schon Kant für erstrebenswert hielt, auch
mit Hilfe von Sanktionen durchgesetzt wird. Diese Einschätzung
der Aktionen gegen den Irak gilt jedenfalls solange, als die be-
teiligten Streitkräfte nicht Anlaß dazu geben, ihre Aktionen als
ungeeignetes Mittel zur Durchsetzung der UNO-Beschlüsse zu be-
trachten." (K.O. Apel)
Was nicht zu erwarten ist. Daß die Menschlichkeit nicht in Ver-
gessenheit gerät, wenn die größte Militärmacht aller Zeiten sie
auf ihre Weise befördert, darauf haben schließlich alle beteilig-
ten Humanisten schwer acht gegeben. Die Auskunft, wir gehen über
Leichen, wurde jedenfalls von keinem von ihnen ohne den Hinweis
gegeben, daß sie darin die konsequente Befolgung ihrer Gesinnung
sehen.
III.
Den Krieg "siegreich zu beenden" ist daher auch nur der eine Her-
zenswunsch einer humanistisch gesonnenen Mannschaft. Der andere
lautet: "Mit einem Minimum an Opfern". Das "leider" ist nämlich
ebenso wichtig wie das "unvermeidlich". Und deswegen wurde auf
der feststehenden Grundlage, daß praktizierter Humanismus in die-
sem Fall Krieg heißt, noch einmal gewissenhaft geprüft, ob den
sittlichen Prinzipien der Kriegsführung genüge getan wurde, auf
welche die philosophische Betrachtung die größtmöglichen Bedenken
gegen den Krieg festlegt:
"1. Auch ein an sich gerechtfertigter Krieg ist nur dann gerecht-
fertigt, wenn alle nichtkriegerischen Mittel zur Beseitigung des
Übels ausgeschöpft worden sind. 2. Die Übel, die der Krieg selbst
mit sich bringt, dürfen nicht voraussichtlich außer Proportion
stehen zu dem zu beseitigenden Übel." (Tugendhat)
Humanisten sind nämlich auch kritisch. Bedenken gegen den Krieg,
die sie in ihrer Verbundenheit mit dem Humanum allemal hegen,
wurden von ihnen eifrig diskutiert. Und zwar genau an der Stelle,
an der sie ihrer Auffassung nach hingehören. Nachdem das Prinzip
von ihnen klargestellt war, daß dieser Krieg erstens notwendig
und zweitens menschlich ist, haben sie ihre knallharten Bedingun-
gen gestellt. Geführt werden darf dieser Krieg im Namen des Huma-
nismus nur, wenn er erstens notwendig ist und wenn er zweitens
menschlich ist.
Die erste Prüfung ist ein Spaß für sich gewesen. Philosophische
Gemüter, überzeugt von der humanistischen Mission der Kriegsalli-
anz unter Führung der USA, beheimatet in der verlogenen Welt
rechtfertigender Ideale, sichtlich desinteressiert an den gel-
tendgemachten Kriegszwecken, tun angestrengt so, als würden sie
sachkundig die alternativen, in Frage kommenden Mittel gegenein-
ander abwägen. Und alles nur, um jedermann zu bedeuten, daß sie
nur unvermeidbare Kriege unterschreiben. Sie sind zu folgenden
kontrovers diskutierten Ergebnissen gelangt: a) Niemand weiß, ob
nicht vielleicht auch mit dem Embargo das Kriegsziel erreicht
worden wäre; was eindeutig für oder gegen diesen Krieg spricht.
b) Jetzt, wo der Krieg schon mal geführt wird, kann man jeden-
falls den Sieg nicht Hussein überlassen. c) Das Embargo hätte
wahrscheinlich nicht gelangt, so daß der Krieg leider unvermeid-
lich war.
Die zweite Prüfung ist nicht minder witzig ausgefallen. In einer
Güterabwägung wurden Zweck und Mittel unter dem Gesichtspunkt der
Menschlichkeit miteinander verglichen, um festzustellen, was mehr
auf der Seele eines Humanisten lastet, der Krieg oder den Krieg
zu lassen. Die Ergebnisse: a) Die voraussichtlichen Leichen ohne
Krieg wären voraussichtlich weniger gewesen als die voraussicht-
lichen Leichen mit Krieg. b) Möglicherweise aber auch mehr, wenn
man die böse Absicht Saddams in Rechnung stellt. c) In welcher
Proportion steht überhaupt ein Bruch des Völkerrechts zu den men-
schlichen Kosten des Krieges? d) Krieg ist nicht das schlimmste
Übel, was dem Menschen zustoßen kann.
Nach solch gewissenhaften Bemühungen mußte es einfach noch dem
letzten Idioten einleuchten, daß der humanistische Geist leider
unvermeidlich einen leider unvermeidlichen Krieg unterschreiben
mußte.
Hondrich
Krieg, wg. Kultur und Zivilisation
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Ob er nicht etwas Kleines zum Titel "Krieg und Frieden" verfassen
möchte, wurde der Soziologe Hondrich vom "Spiegel" gefragt. Einen
Versuch vielleicht, der vom reflektierten Standpunkt der Wissen-
schaft aus die moralischen Dimensionen des Konfliktfalls aus-
leuchten und die Frage beantworten könnte, weshalb die westlichen
Kulturnationen, die gewöhnlich ihres zivilisierteren Benehmens
wegen geschätzt werden, einen Krieg führten. Der Mann der Wissen-
schaft hat gerne eingewilligt, und herauskam ein "Spiegel-Essay"
mit dem Titel
"Lehrmeister Krieg"
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in dem soziologisch die Botschaft vom höheren Auftrag erhärtet
wird, dem der westliche Krieg verpflichtet sei. Der Beweisführung
erster Teil führt in die Gedankenwelt eines Soziologen ein. In
der finden Nationen, Staaten also, die Politik nach innen wie
nach außen treiben, unter dem leicht verfremdenden Gesichtspunkt
der "Modernität" Betrachtung, welche sie in den Leistungen so an
den Tag legen, die sie für ein Gut namens Kultur erbringen. Von
Staaten und ihrer Politik, ihren Interessen, Machtmitteln und de-
ren Einsatz, der ihren Verkehr untereinander bestimmt, ist mithin
nicht die Rede. Dafür davon, was Staaten nach wissenschaftlicher
Auffassung zu solchen von "Kultur" macht - im Unterschied zu an-
deren, denen diese Wertschätzung eher nicht gebührt. Und diesbe-
züglich ist von Hondrich zunächst einmal zu hören, daß von einer
"modernen Kulturnation" der Krieg einfach nicht wegzudenken ist:
"Man braucht nicht den Freudschen Todes- oder Destruktionstrieb
zu bemühen, der, als ewiger Kontrapunkt, die historische Kul-
turentwicklung begleitet und sie zu einem prinzipiell spannungs-
und risikoreichen Prozeß macht. Auch aus sich selbst heraus er-
zeugt der Prozeß seine Kriegsgründe: Die Interessen am Öl und an
der Wahrung des westlichen Wohlstands gehören dazu, aber ebenso
der Kampf für Menschenrechte und für ein Völkerrecht, das die
Schwachen gegen die Starken schützt - mit Hilfe anderer Starker."
Dem Mann ist alles sonnenklar. Er weiß zwar nicht anzugeben, was
an einem Interesse "am Öl" und an "Wohlstand" liegen mag, daß es
sich so umstandslos in eines an der Zerstörung von Reichtum über-
setzt. Ebensowenig ist von ihm etwas über die - offenbar ziemlich
kriegsträchtige - Qualtität jener hohen Werte zu vernehmen, für
die seitens ihrer Anwälte ein Waffengang stets geboten scheint.
Mit der Erwähnung von Materialismus und Idealismus, die zu Krieg
führen, gibt der Theoretiker seinen ungemein abgeklärten Realis-
mus zu Protokoll, daß auch die "Kulturnationen" der "zivi-
lisierten Welt", ob so oder so und warum auch immer genau,
jedenfalls laufend "Kriegsgründe" auf ihrer Seite wissen. Aber
was macht das schon. Das Totschlägergemüt eines abendländischen
Wertefreundes, dem die interessante Perspektive eines Krieges zum
Wohle des "Menschen-" bzw. des "Völkerrechts" ein Aber immer! "
und sonst nichts entlockt, schafft von da aus nämlich locker den
Übergang zu der Behauptung, daß der Krieg einen gewissen
"Kontrapunkt" zu Kultur und Zivilisation darstellt und in der
zivilisierten Welt irgendwie der Vergangenheit angehört:
"Daß in Europa, und in Deutschland zumal, niemand mehr zustimmend
antwortet, wenn ein Kriegsruf ertönt, haben wir niemand mehr zu
verdanken als den von uns geführten und vom Zaun gebrochenen
Kriegen selbst. Nicht die Tugendhaftigkeit, der Krieg hat uns ge-
lehrt, und nicht der Kriegserfolg, sondern das Scheitern. Alle
kollektiven Tugenden, die wir uns heute zugute halten: Friedlich-
keit und Freiheit, Rechtsstaat und demokratische Verfahren, na-
tionale Gelassenheit und europäische Gesinnung - wie stünde es
darum in Deutschland, hätte es den Krieg gewonnen? Ist der Krieg,
nach Heraklit der Vater aller Dinge, so ist die Niederlage ihre
Mutter. Das Kriegstabu ist, in Europa, so groß, daß es diese Ein-
sicht nicht mehr erlaubt."
Die "Kulturnationen des Westens" sollen sich also dadurch aus-
zeichnen, daß sie ihren Bedarf an Kriegen im wesentlichen in der
Vergangenheit erledigt haben. Es wird ein Bild von Nationen ge-
zeichnet, die in ihrer Geschichte noch ein unbefangeneres Ver-
hältnis dazu hatten, zu ihrer Durchsetzung "Kriege vom Zaun zu
brechen"; die auch ewig so weitergemacht hätten, wären sie dabei
nicht auf für sie unüberwindliche Schranken gestoßen; und die
sich schließlich nur durch Gewalt belehren ließen. Wenn Staaten,
die "Europa" oder kurz: "Wir" heißen, einzig die Sprache der Ge-
walt verstehen, dann soll das zweifelsfrei für sie und ihren nun-
mehr friedlichen Charakter sprechen. Daß sie nicht anders als
durch Krieg zivilisiert werden konnten, das soll dann im Resultat
soviel bedeuten wie eine freiwillige Anerkennung eines
"Kriegstabus".
Wenn diese Staaten"kriegsfähig, kriegsbereit, ja kriegslüstern"
sind, was gar nicht verschwiegen wird, so hat das für den Freund
westlicher Zivilisation seinen guten Sinn. Schließlich weiß er
auch noch von gewissen unzivilisierten Bestandteilen der Staaten-
welt zu berichten, die den sprichwörtlichen "Pazifismus" des We-
stens auszunutzen suchen und denen das auf keinen Fall gelingen
darf. Daß die Scheidelinie zwischen "Zivilisation" und Barbarei,
zwischen der "Angst und Aggressionshemmung der Industrieländer"
einerseits und jenen Teilen der "Weltgesellschaft" andererseits,
die noch ganz unbefangen und ehrlich in der Tradition altgriechi-
scher Dummsprüche zum Krieg stehen, heute ziemlich exakt entlang
der Frontlinie des Golfkriegs verläuft, ist wahrscheinlich reiner
Zufall:
"Der kulturell konstituierte Pazifismus des Westens - kluge Dik-
tatoren wie Hussein und vor ihm Hitler stellen ihn in Rechnung.
Sie nutzen das Problem der modernen Weltgesellschaft, die Un-
gleichzeitigkeit der Kulturentwicklung und damit der Aggressions-
hemmung, um eigene politische Ziele mit Gewalt zu verfolgen."
Nicht recht mitgekommen ist Saddam in der welthistorischen Kul-
turentwicklung, ein Sonderling in der Weltgesellschaft der Zivi-
lisierten, die sich durch ihre verbriefte Aggressionshemmung aus-
zeichnen - hat also er den "Lernerfolg", den die schon vorzuwei-
sen haben, erst noch nachzuholen. Ihm mit einem siegreichen Krieg
zu der Niederlage zu verhelfen, aus der ja die Kultur und mit der
der Pazifismus kommt - gewissermaßen die Fortsetzung des Goethe-
Instituts mit anderen Mitteln -: das ist im Verständnis des So-
ziologen die Mission des Westens, die die Weltkultur endlich auf
den Stand bringt, den der an sich schon fertig repräsentiert.
"Zivilisation" bezeichnet danach etwas ganz. anderes als die Ab-
stinenz in Sachen Krieg. Angesprochen ist vielmehr eine Stellung
zum Kriegführen, die jenen erlesenen Staaten vorbehalten ist,
welche mit Krieg immer gleich eine ganze Weltordnung verteidigen.
Auf der, übrigens immer im letzten Krieg erzwungenen Definition
dessen, welches Staatsinteresse wo gegen wen wieviel zählt, be-
stehen zu können, ist das Privileg dieser Staaten. Ihr ziviler
Charakter verdankt sich dem Umstand, daß sie die Anerkennung
ihres Interesses durch den Rest der Staatenwelt durchgesetzt
h a b e n und deswegen mit Krieg "nur" mehr die Verstöße gegen
schon geltende Prinzipien ahnden müssen. Friedlich ist das inso-
fern, als Krieg in diesem Programm wirklich nur als Mittel dafür
vorgesehen ist, andere, dazu gar nicht befugte Staaten von dem
Versuch abzuhalten, durch den Einsatz ihrer Gewaltmittel Korrek-
turen an der famosen Weltordnung vorzunehmen. Das setzt den Krieg
freilich laufend auf die Tagesordnung. Davon und von sonst nichts
redet der Soziologe Hondrich, wenn er im Namen der Zivilisation
den Krieg als den moralischen Auftrag deutet, weltweit das Verbot
durchzusetzen, "politische Ziele mit Gewalt zu verfolgen".
Dieser erlesenen Stellung zum Krieg verdankt sich die in wissen-
schaftlichen Kreisen des öfteren vertretene Auffassung, die
Kriegsallianz unter Führung der USA führe zwar einen im Namen al-
ler moralischen Rechtstitel "gerechtfertigten", aber keinesfalls
einen "gerechten Krieg". Irgendwie scheinen auch diese gewöhnlich
nicht so gut unterrichteten Kreise mitbekommen zu haben, daß der
Standpunkt eines Missionars, der seine "gerechte" Sache in die
Welt trägt, nicht auf Mächte paßt, die wie von selbst davon aus-
gehen, daß diese Welt schon ihre ist, sie also "nur" das in ihr
im Prinzip schon geltende Recht exekutieren.
Aber das so einfach hersagen, daß man einfach für den Krieg ist,
weil ihn die imperialistischen Staaten des Westens führen, also
auch für die Leichen, die den Erfolgsweg dieser schönen
"Zivilisation" pflastern - das traut er sich dann doch wieder
nicht.
"Den Krieg wegen möglicher "guter" unbeabsichtigter und unvorher-
sehbarer Folgen zu wollen, wäre intellektuell absurd und mora-
lisch monströs."
Dasselbe aber als Gesetz ausgedrückt, das hinter dem Rücken der
beteiligten Akteure waltet und ihnen ihre Taten diktiert, hält er
für intellektuell naheliegend. Und wenn er seine Sinngebung des
Krieges nicht als Kriegsaufruf gestaltet, sondern unter Berufung
auf dieses Gesetz und seine segensreichen Wirkungen abwickelt, so
ist das für ihn moralisch einwandfrei. Denn dann liegt der Krieg
- ob sie's wissen oder nicht - ganz im wohlverstandenen Interesse
der Völker; schließlich wollen die auch weiterkommen, mit ihrer
"Entwicklung", bei der sie sich verfranst haben, und bereinigen
mit Krieg den stockenden Erziehungsprozeß:
"Aber man kann nicht die Augen davor verschließen,... daß die Be-
teiligten den Krieg wollen, weil sie keinen besseren Ausweg se-
hen. Sie suchen, für die Gesellschaften, für die sie handeln, die
fürchterlichste und riskanteste Belehrung - ohne wissen zu kön-
nen, was sie lernen werden. Krieg löst die in Diktaturen, aber
auch in Beziehungen zwischen Gesellschaften blockierten Lernme-
chanismen aus... Vielleicht gibt es eine untergründige, von den
Handelnden selbst uneingesehene Interessengemeinschaft der gegne-
rischen Gesellschaften am Krieg; die Lernblockaden zu zerschla-
gen, in die sie sich mit ihren jeweiligen Problemen verstrickt
haben."
Von pädagogischen Effekten eines Bombenteppichs pflegen auch
Kriegsstrategen zu träumen; andere setzen auf die Didaktik des
Gasangriffs, um die Botschaft dem Feind nahezubringen, daß sich
für ihn das weitere Kriegführen nicht auszahlt - ein westlicher
Kulturkämpfer setzt auf a l l e s, was gut ist für den Kriegs-
erfolg des Westens, und beruft sich dabei noch auf das Interesse
der unterlegenen Partei, endlich ins richtige Lager hineingebombt
zu werden. Und das gilt keinesweges bloß im Fall des Diktators am
Golf, sondern kündigt auch schon die demnächst wohl fälligen
Schlachten für die Zivilisation
-------------------------------
an:
"Der Krieg am Golf macht auch den Europäern eine Zwangslage klar:
entweder den nichtindustialisierten souveränen Staaten das Recht
einzuräumen, ihre eigenen Vormachtkriege zu führen und Vernich-
tungswaffen zu produzieren und zu kaufen, die auch auf uns ge-
richtet werden oder in einer neuen Pax americana et europea die
Welt kommerziell und militäisch mitzukontrollieren. Das Entsetzen
über den Krieg hilft aus dem Dilemma nicht heraus. Wir sind zur
Dominanz verurteilt."
Wenn auf der Welt jemand "Vormachtkriege" führt, dann sind "Wir"
das. "Wir" haben nämlich nicht nur "das Recht", sondern auch die
überlegenen "Vernichtungswaffen", die es so unanfechtbar machen.
Daneben haben "wir", die industrialisierten Staaten, auch kommer-
ziell alles in der Hand, anderen, die 'nichtindustrialisiert'
sind, die Grenzen ihrer Souveränität "mitzukontrollieren". Bei-
des, ökonomische Erpressung und überlegener Kriegsterror, ist die
schöne "Pax" der entwickelten Kultur, die "wir" den Barbaren
schuldig sind. Und dieser Verpflichtung beugen "wir" uns aus Ein-
sicht in eine Notwendigkeit, an der nun einmal nichts zu ändern
ist. Zur Weltherrschaft sind "wir" einfach berufen. Da kommt
Freude auf, dabeizusein.
(Alle Zitate aus: "Spiegel" Nr. 4/91 )
Friedensforscher, Senghaas und Co.
Krieg wg. Frieden
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Was machen die berufsmäßigen deutschen "Friedens- und Konflikt-
forscher", wenn der Westen am Golf Krieg führt? Sie forschen wei-
ter nach Frieden. Und ganz nebenbei stellen sie klar, aus welchen
überhaupt nicht friedlichen Prämissen ihr Forschen das hohe Ethos
bezieht, das mit "Frieden" einherzugehen pflegt. Ihre Leistung
besteht darin, hartnäckig von einem Gegensatz zwischen friedli-
cher Politik und Krieg, der dann bei ihnen konsequenterweise
"Versagen der Politik" heißt, auszugehen, um aus diesem Gegensatz
abzuleiten, daß dieser Krieg in der Verteidigung des Friedens
seinen Grund und seine tiefste Rechtfertigung hat.
Dabei ist ihnen überhaupt nicht unbekannt, daß der Einsatz krie-
gerischer Gewalt in die Zuständigkeit derselben Politiker fällt,
denen sie so edle Zwecke wie "Kriegsvermeidung" und "Konflikt-
lösung" zutrauen. Die faktische Blamage ihrer moralischen
Teleologie der Politik fassen sie allerdings recht eigentümlich
auf. Sie sehen sich nicht in ihrer Weltfremdheit widerlegt,
sondern mitten im laufenden Krieg ihren Auftrag bestätigt,
sachkundig nach alternativen, eben friedlichen Methoden
der"Konfliktlösung" zu forschen.
Ihr ganzes Forschungsinteresse gilt der Frage, ob sie nicht auch
ohne Krieg erreicht werden könnte. Sie, das ist besagte
"Konfliktlösung", welche die Friedensforscher in ihrer Suche nach
alternativen Methoden erst einmal auch dem Krieg als moralisch
betrachtet ziemlich gelungenen Zweck unterstellen müssen. Daß die
Zerstörung der Machtbasis eines zum Feind erkorenen Staats, die
dazu ins Werk gesetzte Dezimierung von Soldaten wie Bevölkerung,
Militärgeräten wie ökonomischem Potential, dem menschlich ver-
ständlichen und letztlich irgendwie im gemeinsamen Interesse
aller Beteiligten liegenden Wunsch der Kriegsallianz dient, ihren
Gegensatz gegen Saddam beizulegen, übersteigt offenbar nicht die
Vorstellungskraft so eines Forscherhirns. Das hat sich nunmal
dazu entschieden, den Inhalt des "Konflikts" gar nicht erst zur
Kenntnis nehmen zu wollen und stattdessen im Namen seiner
"Lösung" nach anderen Wegen zu sinnen, das zu erreichen, was der
Krieg seiner Auffassung nach bezweckt. So ist, noch bevor die
Forschung so richtig losgeht, schon mal das Kriegsziel unter-
schrieben und eine bemerkenswerte, völlig korrekte Definition von
"friedlich" aufgestellt, in deren Namen sie dann stattfindet:
"Friedlich", das ist die Kunst, das Kriegsziel ohne Krieg zu er-
reichen. Und mit dieser Definition kommen die Friedensforscher
der Wahrheit ihres eigenen Friedensideals schon ziemlich nahe.
Daß zwischen Krieg und Frieden der größtmögliche Gegensatz be-
stünde, läßt sich ihr nämlich nicht entnehmen. Vielmehr besagt
sie, daß der segensreiche Zustand namens Frieden von derselben
politischen Zweckbestimmung lebt, die Staaten immer wieder mal
auch einen Waffengang ins Auge fassen läßt. Wo sollen sie auch
sonst herkommen, die Kriegsgründe, als aus den Interessen, die
Staaten im Frieden gegeneinander geltendmachen.
Daß die eifrigen Forscher andererseits nicht wissen, was sie da
unter so Titeln wie "Frieden" oder "Konfliktlösung" unterschrie-
ben haben, stimmt zwar auch. Man hält es ihnen aber besser nicht
zugute. Sie werden nämlich nie mehr Realisten gegenüber dem Staat
und seinem Kriegszweck, sondern retten die idealisierenden Maß-
stäbe ihrer moralischen Reflexion, indem sie sich von ihnen aus
alle staatlich gesetzten Fakten als Notwendigkeit der Friedens-
stiftung einleuchten lassen:
"Verurteilt man militärische Gewaltanwendung nicht prinzipiell,
müssen Kriterien entwickelt werden, die eine Entscheidung darüber
erlauben, in welchen Ausnahmesituationen Konflikte gerade noch zu
rechtfertigen sind. Ohne an die Tradition vom gerechten Krieg an-
knüpfen zu wollen, lassen sich aus diesem Denkgebäude hierfür
Kriterien entnehmen. Das wichtigste besagt, daß eine militärische
Auseinandersetzung allenfalls dann zu rechtfertigen ist, wenn da-
durch größeres Leiden verhindert werden kann. Ein zweites wichti-
ges Kriterium fordert, daß vor dem Krieg alle politischen Mittel
der Konfliktlösung ausgeschöpft sein müssen. Außerdem muß die
Verhältnismäßigkeit der Mittel während der militärischen Ausein-
andersetzung gewährleistet sein." (Beitrag der Hessischen Stif-
tung Friedens- und Konfliktforschung, Frankf. Rundschau, 12.2.91)
Das zeugt von dem angesprochenen Realismus: Nur keine Verurtei-
lung "militärischer Gewaltanwendung", wo der Staat gerade einen
Krieg führt! Damit würde man sich bloß lächerlich machen als For-
scher, der keinen innigeren Wunsch kennt, als einmal im Leben
einen echten Politiker beim "Konfliktlösen" beraten zu dürfen.
Für so einen ist es nur konsequent, seine Suche nach friedlichen
Methoden der Weltpolitik im Kriegsfall in eine nach friedliche-
ren, also wenigstens weniger kriegerischen, weiterzuentwickeln,
damit am Krieg nicht die Friedlichkeit scheitert, der die Politik
ja verpflichtet sein soll. Die Angabe von "Kriterien" für die
Kriegsführung leistet da gute Dienste.
Mit denen machen Friedensforscher ihren politischen Herrschaften
die Auflage, Kriege wirklich nur als "u l t i m a ratio" zu be-
schließen, also erst dann, wenn sie ihn für notwendig erachten.
Außerdem müssen sie die Einsätze militärischer Gewalt streng un-
ter die absurde Maxime der Leidensverhinderung stellen, also da-
für Sorge tragen, daß auf den Schlachtfeldern keine unnötigen
Fouls passieren. Dann ist nämlich für sie auch mitten im Krieg in
etwa die Humanität gewahrt; weswegen sie ihren guten Glauben in
die Politik auch dann nicht verlieren müssen, wenn die gerade mal
wieder "versagt". Und wenn dann auch noch im Krieg das
"Kriterium" der "Verhältnismäßigkeit der Mittel", mit denen er
geführt wird, zum Zug kommt, sind sie vollends zufrieden. Mit
diesem Kriterium üben sie sich in der Kunst, ihre ethische Auf-
fassung vom Kriegszweck in eine Lehre von den ethisch vertretba-
ren Kriegsmittel zu übersetzen. Die zeichnet sich dann dadurch
aus, daß der Krieg als Mittel nicht darin - und nur darin! -
"verhältnismäßig" ist, daß er den Kriegszweck, die Erledigung des
Feindes, möglichst perfekt ins Werk setzt, sondern dadurch, daß
der Kriegszweck nicht durch die unschönen Wirkungen des Mittels
diskreditiert wird, die ihn befördern. Dann geht für
"Friedensforscher" ein Krieg voll, pardon: "gerade noch" in Ord-
nung.
Aber nicht jeder, zumindest nicht ganz. Und was den betrifft, den
der Westen gegen den Irak gerade führt, müssen sie schon zu be-
denken geben, daß der etwas aus dem Rahmen fällt, den sie in Sa-
chen moralischer Unbedenklichkeit aufgestellt haben. Nachdem sie
die grundsätzliche Berechtigung des Krieges aus humanitär-völker-
rechtlichen und politisch-hygienischen Gründen abgehakt haben -
"Die Verletzung der territorialen Souveränität, ganz zu schweigen
von der Plünderung und Zerstörung Kuwaits, ist ohne Zweifel ein
schwerwiegender Tatbestand"; "Selbst wenn es Parallelen zwischen
Hussein und Hitler gibt, folgt daraus nicht automatisch, daß der
Krieg die einzige Möglichkeit ist, ihn zu stoppen" -, müssen sie
doch darauf hinweisen, daß sie gerade deswegen mit ihrem Plazet
zurückhaltend sind:
"Unser Kriterium, daß Kriege größeres Leid vermeiden sollen, ist
nicht erfüllt. Gleiches gilt für das zweite Kriterium, daß poli-
tische Mittel vor Ausbruch (?) des bewaffneten Konflikts ausge-
schöpft sein müssen. Hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit der
Mittel ist... derzeit keine endgültige Bewertung möglich... Nor-
mativ gesehen war der Krieg nicht gerechtfertigt; situationspoli-
tisch war er vermeidbar."
Den Krieg im Prinzip gutzuheißen, seiner Durchführung gegenüber
aber, die Wahl der Waffen betreffend, Bedenken vorzubringen: so
trägt sich
Der wissenschaftliche Antrag auf "Frieden"
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vor. Wohl hätten die unwidersprechlichen guten Gründe, die man
selber für Krieg weiß und mit denen man noch jede Schweinerei
heiligen könnte, nicht vorgelegen - insofern hätte er nicht unbe-
dingt sein müssen. Andererseits ist nicht zu übersehen, daß er
doch ziemlich erfolgreich das erledigt hat, was man "normativ"
verlangt hat und "situationspolitisch" lieber der "Politik des
Friedens" in Auftrag gegeben hätte - "Hussein hat erfahren müs-
sen, daß er die Kriegsbereitschaft der Anti-Irak-Koalition mögli-
cherweise falsch eingeschätzt hat." "Für die Allianz gilt, daß
sie ein wichtiges Kriegsziel erreicht hat, nämlich die Zerstörung
des wohl größten Teils der Massenvernichtungsmittel und der Pro-
duktionsanlagen im Irak." Folglich sind zumindest weitere Kriegs-
anstrengungen total überflüssig und die Zeit ist reif für einen
"Waffenstillstand der Kriegsparteien", damit deren Vorsteher sich
endlich friedlich "treffen und miteinander sprechen". Dann kommt
auch endlich die auf "Frieden" geeichte deutsche Politik zum Zuge
und ihrer inneren Berufung nach - "Wir schlagen vor, daß zwei
bundesdeutsche Politiker mit Weltgeltung das Treffen Bush-Hussein
vermitteln" -, und der Führer der westlichen Allianz kann als
Friedenswerk vollenden, was er mit seinem Krieg so erfolgreich
auf den Weg gebracht hat:
"Bushs "Waffenstillstandsgepäck" sollte neben den bisherigen An-
geboten eine Verpflichtung enthalten, den Nahen und Mittleren
Osten zu befrieden."
So landen Friedensforscher mit ihrer moralischen Drangsal, "der
militärischen Logik ihre Dynamik zu nehmen", konsequent bei einem
"Frieden", den es gibt, weil die Kriegsziele erfüllt sind - eine
recht umständliche Art auszudrücken, daß man sich mit dem
"Frieden" ohnehin nicht mehr gewünscht haben wollte als das rei-
bungslose Gelingen aller Absichten, zu deren Durchsetzung "die
Politik" eben bisweilen auch den Krieg als Mittel vorsieht.
Habermas
Krieg, wg. Pluralismus und Toleranz
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Einer Geistesgröße wie Habermas hat der gerechte Krieg, den der
Westen am Golf führt, natürlich auch zu denken gegeben. Ob er,
mit den bescheidenen Mitteln seiner Vernunft ihn denn auch recht-
fertigen könne, hat er sich gefragt und dafür die "Argumente" ge-
sucht. Nach eindringlicher Suche ist er letztlich dann auf all
die gestoßen, die es diesbezüglich schon seit längerem gibt, und
die fand er dann nach ausgiebiger Prüfung so überzeugend, daß er
höchstpersönlich nicht ansteht, die
Wissenschaftliche "Erlaubnis zum Krieg"
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zu geben. Streng wissenschaftlich, also "unter den Bedingungen
nachmetaphysischen Denkens" betrachtet, fällt die politische Be-
schlußfassung, nach der ein Krieg erklärt wird, in etwa zusammen
mit den "diskursiven Prozessen", die Habermas aus seiner Wissen-
schaft kennt. Und wie er von der zu berichten weiß, hat da in den
letzten Jahrhunderten ein enormer Fortschritt stattgefunden:
Nicht mehr Gott oder sonst eine metaphysische Wucht hat in Wahr-
heitsdingen das letzte Wort, sondern bekanntlich die "normative
Kompetenz" derer, die sich in einem "herrschaftsfreien Dialog"
auf verbindliche Theorien zu einigen versuchen, welche dann annä-
herungsweise als verbindlich angesehen werden können. Ohne sol-
ches High-tech aus dem Reich des modernen Geistes mag sich Haber-
mas das Zustandekommen eines Kriegsbeschlusses nicht vorstellen.
Anders könnte er ihn einfach nicht rechtfertigen; so aber schon:
"Schon vor dem 15. Januar lagen alle normativen Argumente auf dem
Tisch. Der Inhalt der UNO-Resolution... ist durch Grundsätze des
Völkerrechts gedeckt und... gerechtfertigt. Niemand kann ernst-
haft bezweifeln, daß die Annexion Kuwaits und die Ankündigung des
Irak, gegen Israel einen Krieg, zumal einen mit ABC-Waffen, zu
eröffnen, Verstöße darstellen, die Sanktionen ebenso herausfor-
dern wie verdienen. Die Grundsätze, die in dieser Situation not-
falls auch einen Krieg rechtfertigen, sind (wenn ich von der Po-
sition eines unbedingten Pazifismus absehe) unbestritten." (Die
Zeit, 15.2.91)
Soweit wäre dann ja alles in Ordnung. Die gängigen Rechtfertigun-
gen des Krieges sind "unbestritten", "niemand kann sie bezwei-
feln", so lauten für Habermas die Gründe, die für diesen Krieg
sprechen. Der Mann der Wissenschaft bringt den moralischen Impe-
rativ zur Anwendung, daß, wenn sich alle bzw. die Mehrheit der
Maßgeblichen auf was einigen, man dann aber nichts mehr gegen das
sagen darf, worauf sie sich geeinigt haben. Vor diesem Maßstab
hat der Krieg Bestand. Zur Begründung dieser tröstlichen Einsicht
muß der tiefe Denker erstens nur kurz vergessen machen, worauf
die Überzeugungskraft jener "normativen Argumente" beruht, die
mit erstaunlicher Regelmäßigkeit die "überzeugenden Mehrheiten"
finden, die Habermas so imponieren. Anders nämlich als in der
pluralistischen Wissenschaft, der Habermas sein Ideal der Eini-
gung entnommen hat, haftet den "Grundsätzen", die aus Rechts-Pa-
ragraphen kommen, etwas bezaubernd Unwiderlegliches an. Freilich
muß man zweitens dafür von allen "Positionen", die nicht bloß den
Geltungsanspruch des Rechts nachdenken, einmal "absehen". Dann
erscheint einem das Kriegsbündnis namens UNO wie ein wissen-
schaftlicher Debattierklub, in dem "Argumente auf den Tisch" kom-
men und diskutiert werden und in dem sich anschließend streng
herrschaftsfrei auf gemeinsame Vorhaben geeinigt wird, unter Be-
rücksichtigung der "demokratischen Verfahren", versteht sich,
welche wie im wirklichen Leben sicherstellen, daß sich jeder Ein-
wand gegen die beschlossene Sache verbietet. Staatenlenker, wel-
che den Einsatz ihres Militärs befehligen, tun dann nicht nur
eben das, sondern versorgen darin auch noch den Wissenschaftler
mit interessanten Forschungshypothesen:
"Das stärkste Argument für die Möglichkeit eines Waffeneinsatzes
am Golf besteht darin, daß die USA und deren Verbündete... die
Chance haben, stellvertretend und vorübergehend die neutrale
Rolle einer heute noch fehlenden Polizeimacht der UNO zu überneh-
men. Unter dieser Mitterandschen Prämisse könnte ein Einsatz am
Golf den ersten Schritt zu einer effektiven weltbürgerlichen Ord-
nung markieren."
Und dann wären da noch die "Argumente", mit denen im Pentagon der
zwingende Schluß vom Verbrechen des Irakers auf die Güte aller
Gewaltmittel gelungen ist, die ihn erledigen sollen. Mit denen
beantwortet sich der autonome Geist "die Frage nach den erlaubten
Kriegszielen":
"Der unmittelbare Anlaß rechtfertigt die Forderung nach der Räu-
mung Kuwaits. Auch für das Ziel der Zerstörung der gegnerischen
ABC-Waffen... gibt es gute Gründe" - und gottlob auch die Waffen
auf unserer Seite, die das können. "Das weitergehende Ziel, das
politische Regime Saddam Husseins zu beseitigen, liegt zwar poli-
tisch nahe, wäre aber als Eingriff in die innere Ordnung des Irak
unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten problematisch",
so daß Habermas es bei seiner Erlaubnis der militärischen Zer-
schlagung dieser Ordnung bewenden lassen muß. Schuldig ist er es
sich aber doch noch, den Krieg daraufhin zu überprüfen, ob der
den Segen auch verdient, den er ihm gespendet hat:
"Um es vorweg zu sagen: Die Intervention als solche halte ich für
gerechtfertigt. Zugleich hege ich starke Zweifel, ob die Aktion
so, wie sie nun abläuft, einer skrupulösen Prüfung standhält."
Habermas ist nämlich
Für den Krieg, aber "wider die Logik des Krieges"
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welche darin besteht, daß im Krieg so manches von den Regelmäßig-
keiten abweicht, an die Habermas sich gewöhnt hat. So muß er
schon nachfragen dürfen, ob denn die Kriegsdiplomatie vor dem
Krieg nicht doch zu sehr von dem Bild abgewichen ist, das er von
diplomatischen Veranstaltungen so hat. Hat sie ihren
"Verhandlungsspielraum ausgeschöpft" ? War sie "hinreichend fle-
xibel"? Hat sie den "intellektuellen" Hammer bedacht, den ein Ul-
timatum in einer Kultur der kommunikativen Kompetenz anrichtet,
"die ihre Konflikte eher im Stil eines Palavers beizulegen ge-
wohnt ist"? Aus den Blüten seiner Wissenschaft und den ganzen
Phrasen, mit denen in der deutschen Öffentlichkeit die Distanz zu
einem Krieg markiert wird, für den man ist, drechselt Habermas
Fragen, um dann als deren Ergebnis mitteilen zu können: "Eine
schlüssige Antwort darauf weiß ich nicht." Sicher ist er sich nur
in einem: "Es kann schlimmere Übel geben als Krieg", Saddam eben;
und kein Zweifel besteht für ihn darin, daß "Wehret den Anfän-
gen!" auch noch "ein überzeugendes Argument" für den Krieg ist;
das sollte besonders "uns Deutschen" einleuchten und "uns davon
abhalten, den Golfkrieg als solchen zu verwerfen". Was den Krieg
betrifft, "müssen wir uns" nämlich ganz genau
"an beides gleichzeitig erinnern: an die Schrecken des Krieges,
mit denen wir einst Europa überzogen haben, und an den Einsatz
der Alliierten, die uns... vom NS-Regime befreit haben. Von die-
ser doppelten Erinnerung müssen Proteste zehren, die auf das
Fragwürdige der Aktion am Golf aufmerksam machen."
Deswegen ächten wir mit Habermas kompromißlos den " Atavismus
kriegerischer Mittel" und sind solange für ihren Einsatz, bis für
jedermann "die Obsolenz des Krieges als einer Kategorie (?) der
Weltgeschichte" feststeht.
Historiker
Krieg, wg. Auschwitz
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Die Lehren aus der unseligen deutschen Vergangenheit wollen ein-
fach nicht abreißen. Da haben deutsche Historiker das nationalso-
zialistische Intermezzo der Republik jahrelang so erfolgreich
"bewältigt", daß der Völkermord an den Juden als eine einzige mo-
ralische Monstrosität fest im deutschen Nationalbewußtsein veran-
kert war und allein schon die Namensnennung "Auschwitz" die fa-
schistische Variante deutscher Staatspolitik als Sündenfall in
deren guter Tradition sinnfällig machte. Sich von dem wohltuend
abzugrenzen war dann das exklusive Gütezeichen nachfaschistischer
deutscher Politik - "Nie wieder!" hieß die frühe Lehre, die das
neue Deutschland aus der Geschichte zog, und die war insofern
auch leicht zu beherzigen, als der junge deutsche Staat die Be-
kämpfung einer "jüdischen Gefahr" wirklich nicht im Programm
hatte. Insoweit stand seine humanitäre Klasse schon einmal prin-
zipiell fest. Und zwar jenseits dessen, was er nun mit seiner Po-
litik auch nicht gerade zimperlich ins Werk setzen wollte und ge-
setzt hat. Die Erinnerung an die Opfer des alten Regimes war
insofern ein gelungenes Ablenkungsmanöver. Das moralische Gemüt
wurde angesprochen, und zugleich wurde ihm mit dem Hinweis auf
die "Einzigartigkeit des Verbrechens" die Anwendung desselben mo-
ralischen Maßstabs auf die neue Republik untersagt. Die bezog da-
her aus ihrer Vergangenheit ihre über jede moralische Beurteilung
erhabene moralische Rechtfertigung, die, wie es sich gehört, ar-
beitsteilig abgewickelt wurde. Der deutsche Untertan durfte sich
auf Abruf von Bundespräsidenten und anderen wesentlichen Herr-
schaften über die vergangenen Untaten seines Staats schämen und
es als Gnade empfinden, einer neuen deutschen Herrschaft unter-
stellt zu sein, welche daraus ihre Verantwortung und das unbe-
dingte Recht deutscher Politik ableitete.
Auf dieser Grundlage konnten deutsche Historiker dann im Laufe
bundesrepublikanischer Geschichte noch ganz andere Lehren aus der
Vergangenheit ziehen. So mußten sie z.B. ihrem Staat, der als
Frontstaat gegen die Sowjetunion mittlerweile wieder zu Macht und
Ehren gekommen war, in einem extra nach ihnen benannten Streit
bescheinigen, daß der typisch deutsche Sündenfall "Auschwitz" so
deutsch und "singulär" gar nicht war, sondern eigentlich eine
"asiatische Tat". Die paßte so recht ins damalige "Reich des Bö-
sen" hinein, weil sie der deutschen Nation ideell genau die Per-
spektive wies, in der sie wirklich und schon längst als NATO-
Macht Europas stand: Weltkrieg im Namen der antifaschistischen
deutschen Mission - das war auch so eine Lehre, die aus
"Auschwitz!" zu ziehen ging.
Seitdem wurde es ein bißchen still um diesen Ort in Polen, weil
in besagtem Streit u.a. auch klargelegt wurde, daß angesichts
dessen, wie zweifelsfrei tadellos Deutschland in der Welt da-
steht, auch mal wieder Schluß zu sein habe mit dem Gestus der
Selbstbezichtung wegen der schlechten Vergangenheit - zumal der
Kanzler ja schon vorher offiziell mitgeteilt hatte, daß mit sei-
ner Regentschaft "die Gnade der späten Geburt" ausgebrochen sei.
Und dann passiert es, daß in einem Krieg u.a. auch die Bevölke-
rung des heutigen Staates der Juden "von irakischen Raketen und
Giftangriffen bedroht" ist, was u.a. auch dem Geschäftssinn
"deutscher Profiteure" zu verdanken sei - und augenblicklich
fällt" 130 deutschen Historikern" ein, was "Auschwitz!" in diesem
Fall bedeutet. Diesmal ist ihnen die exklusive Verantwortung "der
Deutschen", wenn von selbigen, von Giftgas und von den Juden in
einem Satz die Rede ist, genau recht.
Und ganz so, als ob ein faschistischer Holocaust dasselbe wäre
wie ein irakischer Kriegsversuch gegen den Staat Israel, sehen
sie Saddam auf dem Sprung, "den Mord am jüdischen Volk fortzuset-
zen" und "die Deutschen" - an die Pflicht gemahnt: "Seit
Auschwitz muß jeder wissen, es gibt Schlimmeres als Krieg." Das
ist die jüngste Lehre, die es aus der deutschen Vergangenheit für
die Zukunft der Nation zu ziehen gilt, und die faßt denn auch
alle vorhergehenden zusammen. "Die Deutschen", die sich da wieder
einmal ihrer Verantwortung gegenüber "den Juden" stellen, sind
eine Mannschaft, die sich ihr Mitgefühl für Opfer einerseits sehr
wählerisch einzuteilen weiß und die es andererseits in der Frage,
wer da im einzelnen betroffein ist und von wem, nicht so genau
nimmt. Es müssen schon Juden sein, die "den Deutschen" in diesem
Krieg menschlich leid tun. Denen wissen sich "alle Deutschen"
verpflichtet, weil der letzte deutsche Staat sich ihre Ausrottung
zum Anliegen gemacht hat. Das sollen sich die deutschen Unterta-
nen, die das faschistische Deutschland in einem Krieg verheizt
hat und die - es ist mittlerweile eine andere Mannschaft - das
demokratische Deutschland gerade für seine Weltordnungsaufgaben
in die Pflicht nimmt, als ihre bleibende Schuld zu Herzen nehmen.
Die verpflichtet bekanntlich und zwar den heutigen deutschen
Staat und zwar dazu, seine Zuständigkeit in weltpolitischen Ge-
waltfragen anzumelden. Was es einem jüdischen Opfer des Dritten
Reiches nützt, wenn das neue Großdeutschland sich durch die Pro-
duktion von Opfern an anderer Front hervortut, weiß der Kuckuck.
Die Bundesrepublik nimmt jedenfalls ihre moralische Pflicht jüdi-
schen Opfer gegenüber sehr ernst. So ernst, daß ihr die Gelegen-
heit, sich auf solche zu berufen, glatt den Nachweis wert ist,
daß ein Saddam in der Tradition Hitlers steht, auf welchen
Deutschland ein gewisses Exklusivrecht beanspruchen kann. Also
kann auch aus den toten Juden, die der Iraker mit seinen Raketen-
angriffen anfallen ließ, eine speziell deutsche Verantwortung ab-
geleitet werden. In deren Namen ist deutsche "Hilfsbereitschaft"
gefordert und zwar gegenüber dem Staat Israel. Israel ist nämlich
der Staat der Juden. Und nicht nur das. Deutsche Waffenlieferun-
gen, der Gipfel deutscher "Hilfsbereitschaft", die auch einmal
"Wiedergutmachung" geheißen hat, kann dieser Staat schließlich
nur deswegen so gut gebrauchen, weil er selbst seine Existenz auf
den Kriegen begründet, die er führt und in denen er seine Bevöl-
kerung, die jüdische, als dienstbares Menschenmaterial einspannt.
Das so zu sehen, ist allerdings verboten. Die Logik des Opfers,
das verpflichtet, darf keine Anwendung finden auf einen Staat,
der in ihr seine absolute Rechtfertigung hat und mit ihr jede
Schlächterei legitimiert, die er in die Wege leitet. Da ist nicht
nur er selbst, sondern auch der deutsche Staat vor. Der pflegt
seine Freundschaft mit Israel schließlich auch nicht ganz unei-
gennützig. Sie steht vielmehr für das höchste moralische Recht
der Bundesrepublik, sich als Weltordnungsmacht ins Gespräch zu
bringen. Zumindest an der Front, und das macht die Sache mit der
"Hilfsbereitschaft" auch wieder relativ.
"Auschwitz!" - was ein Wort alles sagen kann.
Biermann, Gremliza etc.
Krieg, wg. Glaubwürdigkeit der Linken
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Einen Erfolg kann man "der Linken", die sich zum Golfkrieg geäu-
ßert hat, nicht absprechen. Sie ist aus ihrer Isolierung heraus-
getreten und in der Presse, die bei Linken "etabliert" heißt, zu
Wort gekommen. Die "Bild-Zeitung" und die "FAZ" haben den linken
Standpunkt zum Golfkrieg beifällig zitiert, was wiederum einen
Autor der Zeitschrift "Konkret" zu dem Urteil veranlaßt hat, "die
politischen Verhältnisse hier (seien) gleichsam umgepolt, die
"FAZ" kann man lesen, die besten - und übrigens hervorragend ge-
schriebenen - Kommentare findet man in "Bild"." (Pohrt)
"Umgepolt" haben sich allerdings nicht "die Verhältnisse". "Die
Linke" hat es vielmehr, unisono wie selten, für angebracht gefun-
den, ihr Bekenntnis zu diesem Krieg und damit ein zusätzliches
Argument für ihn abzuliefern: Der muß schließlich geradezu unwi-
dersprechlich sein, wenn selbst die wegen ihres kritischen Gei-
stes berühmte Linke nichts gegen ihn einwendet.
Hervorgetan haben sich die Linken als die radikalsten Vertreter
des Arguments "Israel". Nun ist zwar Israel an und für sich kein
Argument, sondern ein Staat. Für Linke aber war mit der Nennung
von dessen Namen alles klar: An der Parteinahme für diesen Krieg
führt einfach kein Weg vorbei:
"Lieber pazifistisch gesinnter Leser, liebe friedensbewegte Le-
serin, damit wir einander von Anfang an richtig mißverstehen: Ich
bin für diesen Krieg am Golf. Sie müssen ja nicht weiterlesen.
Noch schlimmer: Ich hoffe, daß dieser Krieg das westöstlich zu-
sammengekaufte Waffenarsenal zur Vernichtung Israels ganz und gar
zerstört."(Biermann)
Wenn man dann dennoch weiterliest, wird man mit der Eigentümlich-
keit vertraut gemacht, daß diejenigen, die sich zu solchen Stel-
lungnahmen verstehen, zugleich darauf bestehen, sie w ü ß t e n
schon Gründe, die gegen diesen Krieg sprächen, wenn sie sie vor-
brächten. Es wird daran erinnert, daß Linke schon mal was gegen
Imperialismus einzuwenden hatten und den Staat Israel auch nicht
immer für den obersten moralischen Wert gehalten haben. Nur dür-
fen Einwände in diesem Fall offensichtlich nichts zählen. "Über
Amerika also kein Wort", heißt dann die kritische Parole zur
Kriegsführungsmacht. Einer dieser merkwürdigen Zeitgenossen, der
eben noch die ehrenwerten Motive der Kriegsallianz gegen den
Irak, insbesondere die der USA, anzweifeln zu müssen meinte, will
dies dann konsequenterweise als gelungene Einleitung dazu ver-
standen wissen, daß Kritik an diesem Krieg von seiner Seite nicht
erwartet werden kann:
"Das Richtige aber, das hier hoffentlich getan wird, darf nicht
gesagt werden: daß der Irak der Fähigkeit beraubt werden muß, Is-
rael - wie von Saddam angekündigt - anzugreifen und zu liquidie-
ren." (Gremliza)
Leute, die sich als kritische Geister verstehen und präsentieren,
üben keine Kritik, sondern verstehen es als ihre Aufgabe, sich
höchstpersönlich jede Kritik zu untersagen. Und nicht nur das:
"Saddam kündigt nach dem konventionellen Raketenvorspiel nun den
nichtkonventionellen großen Vernichtungsschlag gegen Israel an.
Er wird also meinen Freund Walter Grab und seine Frau Ali in Tel
Aviv das erste Mal im Leben vergasen und meinen toten Vater zum
zweiten Mal. Und ich höre schon den lapidaren Kommentar von eini-
gen besonders fortschrittlichen deutschen Friedensfreunden: sel-
ber schuld. Na dann! Bindet euer Palästinensertuch fester, wir
sind geschiedene Leute." (Biermann)
Wie praktisch, daß dieser Mann keinen Freund in Basra hat.
Mit dem Kritikverbot an diesem Krieg nehmen es Linke äußerst
ernst. So sehr, daß sie jedem der ihren, der das bedingungslose
Bekenntnis zu einer Schlächterei im Namen Israels verweigert, den
für sie größtmöglichen Vorwurf machen: Verrat an der linken Sa-
che, und der wird mit Ausschluß bestraft. Ströbele war so ein
Fall. Es kommt allerdings noch besser. Von ein paar Ausnahmen ab-
gesehen, haben sämtliche Linken anläßlich des Kriegs nicht zum
Krieg, sondern zur Position der Linken Stellung genommen. Und
zwar in dem Tenor: Die Linke ist das letzte, bekennt sich einfach
nicht zu diesem Krieg! So haben die Linken einerseits alle dieses
Bekenntnis abgelegt und andererseits sind sie alle mit der Be-
hauptung, die Linke habe es daran fehlen lassen, wieder mal aus
ihrem Verein ausgetreten:
"Diesmal steht etwas auf dem Spiel, unter anderem die Existenz
des Staates Israel, und eine Neuauflage der Friedensbewegung be-
deutet nun, daß die hiesige Linke im weitesten und im engen Sinn
wirklich für alle Zeiten moralisch erledigt ist." (Pohrt)
Und damit ist der Grund des linken Ja zu diesem Krieg auf dem
Tisch: Die Sorge um die Glaubwürdigkeit der Linken ist auch ein
guter Grund, für diesen Krieg zu sein. "Die Linke", und das
rechtfertigt diese undifferenzierte Sichtweise, eint ein Pro-
blem, und dieses ist der einzige Gegenstand, mit dem sie sich be-
faßt: Sie definiert sich als die kritische Abweichung vom natio-
nalen Konsens und bedauert es fürchterlich, daß ihr als dieser
Abweichung nicht der Zuspruch der Nation zuteil wird, der die mo-
ralische Güte eines Standpunkts ausmacht. Kritik an einem Krieg,
der anerkanntermaßen im Namen aller verlogenen humanistischen
Ideale geführt wird, hält sie daher für ganz und gar verfehlt;
sowas würde sie "für alle Zeiten moralisch erledigen". Für sie
ist so ein Krieg eine einzige Ansammlung von Gründen, keine Ein-
wände mehr gegen ihn vorbringen zu können. Die Schnauze halten,
kommt für sie freilich auch nicht in Frage. Sie hat ja ihr Pro-
blem. Also kämpft sie gegen ihren schlechten Ruf, indem sie des-
sen Quelle, ihre Abweichung vom nationalen Konsens, streicht,
sich an vorderster Front hinter all die moralischen Ehrentitel
stellt, mit denen dieser Krieg begründet wird, und diesen selbst
demonstrativ hemmungslos gutheißt. Daß sie das in anderer Hin-
sicht "erledigt", kann man ihr getrost als ihr Problem überlas-
sen.
Fazit
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Der humanistische Geist hat Stellung genommen zu einem imperiali-
stischen Krieg. Er hat im Namen all seiner Ideale Partei ergrif-
fen für diese Gewaltaktion. Eine Befassung mit deren politischen
Gründen, mit den Interessen der Kriegsparteien, die diese als
Rechte gegeneinander geltend machen, fand nicht statt. Dieser Hu-
manismus hat demonstriert, daß er gar nicht zu wissen braucht,
was er da für so grundsätzlich in Ordnung befindet. Seine Sicher-
heit, sich für die richtige Sache zu engagieren, gewinnt er nicht
aus einer Einsichtnahme in die Sache, sondern durch Beantwortung
der parteilichen Frage, wer in dieser Gewaltaffäre im Recht ist
An der Kriegsmoral, mit der beide Parteien ihre Interessen heili-
gen und welche die Wissenschaft konsequent mit der Sache verwech-
selt um die es geht, läßt sich diese Frage nicht entscheiden.
Wohl aber an den Mitteln, die die Kontrahenten aufzubieten im-
stande sind, um ihrem Interesse jene Anerkennung zu verschaffen,
die Recht heißt. - Und da war die Frage schnell entschieden. Der
humanistische Geist hat sich auf die Seite der überlegenen Gewalt
geschlagen. Daß das sein Kriterium seiner Parteinahme ist - das
einfach so hinzusagen, war er sich freilich zu vornehm. Humani-
stisch wie er ist, hat er auf der gründlichen Vertauschung der
Reihenfolge von Gewalt, Recht und Moral bestanden und das Recht
der überlegenen Gewalt aus der Überlegenheit ihrer Moral abgelei-
tet.
Das spricht weder für den Humanismus noch für die Gewalt, die er
rechtfertigt. Für den Humanismus nicht, weil er eine ebenso igno-
rante wie verlogene Veranstaltung ist; und für die Gewalt nicht,
weil die offenbar keine besseren als Gründe dieses Kalibers auf
ihrer Seite hat. Ganz nebenbei hat dieser humanistische Geist
noch eine wahre Auskunft über den "Pazifismus" erteilt, von dem
er beseelt ist. Er selbst hat den Nachweis erbracht, daß sich in
seinem Namen keine Bedenken gegen den Krieg vorbringen lassen -
und sehr absolut darauf beharrt, daß es grundverkehrt ist, dies
dennoch zu versuchen. Gegenüber jedem, der "aus menschlichen
Gründen" Bedenken gegen diesen Krieg vortragen wollte, wurde auf
K o n s e q u e n z bestanden: Wenn man schon im Namen aller hu-
manistischen Rechtstitel die Zuständigkeit der Politik unter-
schreibt, dann soll man nachher auch nicht über deren Taten er-
schrecken. Wo sie recht haben, haben sie recht.
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