Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Rudi Dutschke: "Mein langer Marsch"
DIE LEGENDE VOM GUTEN RUDI
"Lieber Rudi, es mag bombastisch klingen, dein Leben, dein Kampf,
dein Tod verlangen unsere Verantwortung für das gemeinsame Ziel"
(Bernd Rabehl)
Es konnte ja kaum ausbleiben, dieses Buch über Rudi Dutschke, in
dem Gretchen, sowie "alte und junge Freunde" des Toten alles zu-
sammengetragen haben, was zur Erinnerung an einen guten Menschen
gehört. Auszüge aus Reden und Tagebüchern, Lebensgeschichte und
Nachrufe runden das Bild eines linken Musterdeutschen ab. Weniger
bombastisch als Rabehl kann man kaum ausdrücken, daß die Leichen-
feier am Grabe Dutschkes einem Vorbild galt.
Heinz Brandts Wort vom "menschlichen Menschen", der "unser aller
Rudi" war, kennzeichnet die Dutschke-Gemeinde als eine Vereini-
gung von Menschenfreunden, deren edle Gesinnung jeder Infantili-
tät spottet, weshalb das Lob aus bekannt-unschuldigem Kindermund
nicht fehlen darf:
"Ich selber glaube, da ich ja ein bißchen fromm bin daß Gott Rudi
hat sterben lassen, weil es Ihm auf der Erde zu schlecht ging"
(eine Ulrike, 9 Jahre),
Wenn Dutschke einem Heinz Brandt
"der lebendige Beweis bleibt (unzählige sind es schon seit dem
Nazarener), daß Sozialismus geht", (Rudi als Christdemokrat!)
"denkbar ist, erreichbar",
oder sich eigens für Habermas im Grab vom Saulus eines Sozialfa-
schisten zum Paulus eines Organisators "kommunikativ-verflüssig-
ter Öffentlichkeit" gewandelt hat, so dient das Lob jedes Mal der
Feier der eigenen fortschrittlichen Gesinnung, die in der Person
dieses fast schon übermenschlichen Sozialisten fleischgeworden
und von uns gegangen ist.
Menschlicher Anstand = Sozialismus
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Eines kann man den Nachrufen deswegen nicht nachsagen: sie hätten
sich am Sinn, dem der "Revolutionär mit der Kugel im Kopf" (noch
einmal Heinz Brandt) nachgelebt ist, vergangen. Den chronologi-
schen Lebenslauf so aufhören zu lassen:
"Rudi Dutschke starb am 24. Dez. 1979 in Aarhus/Dänemark.
Am 16. April 1980 wird Rudis Sohn Rudi-Marek Dutschke geboren",
hätte von ihm, der sein Leben als Beweis seiner lebendigen Bot-
schaft gelebt hat, nicht besser erfunden werden können.
Diese Botschaft soll ihre Überzeugung nicht aus Gründen und Argu-
menten gewinnen, sondern mit der Wucht eines vorgelebten morali-
schen Rigorismus erschlagen, den eben so alles auszeichnet, was
zu einer Moral gehört: penetrante Selbstdarstellung und ein nicht
zu geringes Einverständnis mit Verhältnissen, die nach einem Mo-
ralapostel rufen.
"Sich selbst zu verändern, glaubwürdig zu werden, Menschen zu
überzeugen und den verschiedensten Formen von Ausbeutung und Ter-
ror entgegenzuwirken, das mag in manchen Augenblicken ungeheuer
schwer erscheinen. Und dennoch gibt es dazu keine Alternative."
Das billigste Angebot, sich ein kritisches Bewußtsein zu ver-
schaffen, über das heute schon ein Oberschüler verfügt, noch be-
vor er die universitäre Ausgestaltung dieser moralischen Haltung
genossen hat, soll beweisen, wie schwer es sich Dutschke gemacht
hat. Wer ist denn für Ausbeutung und Terror, zumal man sich unter
den "verschiedensten Formen" alles und nichts zurechlegen kann.
Und erst die Alternative! Das Schielen darauf, wie leicht man
sich das Leben ohne diese verantwortlichen Sprüche machen könnte,
nur um zu betonen, wie ganz, ganz ernsthaft es einem damit ist!
Das zeichnet freilich den Moralpinsel Dutschke aus: diese Stel-
lung zur Welt war ihm wirklich so ernsthaft, daß er sie zur ein-
zigen Realität der Welt erklärt und damit Politik gemacht hat.
Daß sich das Treiben der Politiker tatsächlich an so hehren
Idealen wie Menschlichkeit zu messen hätte, meint ja normaler-
weise niemand, der diesen Vergleich anstellt. Er dient ja auch
einem anderen Nachweis: Politik ist ein ziemlich unzulängliches
Geschäft, das aber von einem höheren Anspruch getragen wird.
Aus der funktionalen Ergänzung der Politik, ihr einen moralischen
Anspruch anzudichten, machte Rudi eine wirkliche Grundlage, die
er als Politik der "Beleidigten und Erniedrigten" - dieses Lieb-
lingswort Dutschkes ist kein mißglückter Marx, sondern ein konge-
nialer Dostojewski - zum Leben erweckte und in eigener Person als
"aufrechten Gang" vorlebte.
Da dabei alles etwas auf den Kopf zu stehen kommt, sind Gedanken-
blüten folgender Art unumgänglich:
"Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht
und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer, komplizier-
ter Prozeß, wo der Mensch anders werden muß."
Also weil nicht schnell oder irgendwas, sondern kompliziert, gibt
es keine objektiven Gründe oder Schwierigkeiten. Die einzige
Frage ist: Zeigen sich die Menschen der Revolution gewachsen? Es
ist tatsächlich an den Menschen überhaupt gedacht, jenseits be-
stimmter Zwecke, die hier Proleten auf den Gedanken bringen könn-
ten, nicht mehr auf Kapital und Staat zu setzen. So wird aus den
hiesigen Verhältnissen ein einziges Angebot, "die Möglichkeit der
Erfüllung eines uralten Traums der Menschheit".
"Die Menschen müssen sich dauernd ihrer selbst verunsichern" (zu
viel Sicherheit am Arbeitsplatz?),
"damit sie fähig werden, alle sich neu ergebenden Möglichkeiten -
Reduktion von Arbeit, Entwicklung sinnlicher Phantasie, Abschaf-
fung von Elend und Krieg - zu verwirklichen. Der biblische Garten
Eden ist die phantastische Erfüllung des uralten Traums der
Menschheit."
Auch hier gilt, daß das Angebot, das die 'Verhältnisse machen,
nur abgeholt zu werden braucht, wofür die kleine Anstrengung,
sich selbst zu ändern, wohl nicht zu viel verlangt ist. Die Aus-
malungen der bereits möglichen besseren Welt passen zwar wie
Kraut und Rüben zusammen, demonstrieren jedoch damit um so über-
zeugender den pfäffischen Glauben Dutschkes ans Paradies.
Dutschke ist eben antiautoritärer Revisionist, dem an der objek-
tiven Moral des Histomat, das Handeln der Menschen als reaktiven
Nachvollzug des weltbistorischen Fortschritts von Naturgesetzen
der Geschichte zu erklären und zu behandeln, ein gewisser Mangel
an Menschlichem aufgestoßen ist, weshalb er ihn mit einer subjek-
tiven Moral gleichen Kalibers ergänzt. Daß der reale Sozialismus
sich einfach zum höchsten Ergebnis, zu dem es die Weltgeschichte
gebracht hat, erklärt, ohne dem sozialistischen Menschen die An-
strengung abzuverlangen, sich höchst eigenständig, selbstverant-
wortlich und autonom den über sie waltenden Gesetzen gewachsen zu
zeigen, war der Vorwurf, der den Antikommunismus Dutschkescher
Prägung ausmachte.
Der Sozialismus als Angebot zur moralischen Läuterung der Men-
schennatur war damit auch befreit von einer dogmatischen Auffas-
sung des menschheitlichen Fortschritts, die von Verweisen auf die
Ökonomie lebte. Ausgemalt wurde der Kampf um den "aufrechten
Gang" des inneren Schweinehunds mit einer Welt, deren einzige Re-
alität höchst phantasiereiche infältige Gesetze sind, die das
Gute im Menschen herausfordern.
"Es gibt nicht nur ein geschichtliches Gesetz des gegenseitigen
Kampfes, sondern vielleicht auch ein geschichtliches Gesetz der
gegenseitigen Hilfe und Solidarität", was er an den Delphinen be-
wies.
So und nicht anders hat Dutschke über den Kapitalismus geredet
und dabei den reaktionärsten Ideologien recht gegeben, um vor
dieser dunklen Folie zur Nachfolge des historischen Gesetzes So-
lidarität aufzurufen. Der Belesenheit des Moralpinsels entging
dabei kein verwertbarer Spruch auch nur einer der gängigen Welt-
anschauungen, ebenso keine Gelegenheit, einen davon an den Mann
zu bringen.
Jeden konkreten Anlaß, den er damit gleich zum Verschwinden
brachte, sprach er als Aufforderung aus, sich mit so handfesten
Gesetzen wie Freiheit, Demokratie, Sozialismus, Brüderlichkeit,
Gattung oder auch - und der Übergang ist nahtlos - Leben und Na-
tur eins zu machen. Daß dabei der Verstand auf der Strecke blieb,
die Sätze Dutschkes sich wie das Gefasel eines in Extase gerate-
nen Sozialphilosophen lesen und es auch sind, entspricht die Höhe
der Botschaft, die zwar nichts anderes als Rechtfertigung aller
praktizierten und geglaubten Maximen der laufenden Politik zum
Ausgangspunkt hat, sich aber von deren Realität vollständig eman-
zipierte.
"Ohne Annäherung der beiden deutschen Staaten, noch viel mehr:
ohne reale Annäherung der Menschen wird die Zurückgewinnung der
Identität und Geschichte schier unmöglich werden."
Das nationale Wiedervereinigungsgebot, von den Politikern mit
Aufrüstung und geschäftlicher Erpressung vorangetrieben, ist dem
Rudi einfach zu banal. Die Ideologie von den "Brüdern und Schwe-
stern drüben" hat es ihm angetan und wofür? Um endlich das Eins-
sein und die irgendwo verlorengegangene Geschichte den Menschen
in Ost und West wieder zu verschaffen - so verquer und dennoch
eindeutig kann man ausdrücken, daß das Beste am deutschen Men-
schen immer noch ist, Deutscher zu sein.
Da Rudi seine "Hoffnung auf den besseren Menschen" ad personam
demonstrieren und vorleben wollte, was ihm in aller Peinlichkeit
gelang, machte er nicht wie viele seiner APO-Genossen den Über-
gang in die Welt der Wissenschaft, sondern blieb zeitlebens der
politische Moralapostel, zu dem er sich berufen fühlte. Die
selbst auferlegte Verpflichtung, durch das eigene Beispiel über-
zeugen zu wollen, daß der Mensch solidarisch und brüderlich sein
kann, war diesem Charakter einiges an Charakterlosigkeit wert.
Mit der eines Christus würdigen Kraft der Vergebung sprach
Dutschke so seinem Attentäter den Willen, ihn zu ermorden, ab,
erklärte ihn zu einem "Opfer des Systems" und bot ihm deswegen
einen Platz an seiner Seite für die Revolution an.
Als die Zeitschrift "Capital", deren Name schon sagt, welche
Sorte von Gelderwerb sie als einzig legitim betrachtet, Dutschke
die übliche Gretchenfrage stellte, ob der SDS seine Gelder aus
dem Osten bekomme, bewies er den Bibelspruch: "Habet Verständnis
mit euren Feinden" - was ihm überhaupt nicht schwerfiel. Die Le-
ser dieses Magazins werden den Hinweis, wie asketisch ein
Dutschke lebt, gerührt zur Kenntnis genommen und dessen Aussage:
Gelder von Augstein, ja, von der DDR - niemals! schon in ihrem
Sinne gewürdigt haben. Immerhin gab es danach im SDS noch einen
Streit darüber, wieso eigentlich Geld aus dem Osten dreckiger
sein soll als Geld vom Spiegel.
Eine Person, die sich selbst zum Argument einer Menschheitsidee
macht, kommt ohne den Nachweis, sie sei dazu auch moralisch legi-
timiert, nicht aus, und diese Anstrengung ist etwas anderes, als
einfach die Welt nach den Kriterien des Anstands, was auch schon
blöd ist, zu beurteilen. Wer käme sonst auf die Idee, ausgerech-
net die Tatsache, aus der DDR zu stammen und Mitglied der Jungen
Gemeinde gewesen zu sein, zum kennzeichnenden Persönlichkeits-
merkmal zu machen, es sei denn, es ginge ihm um die Demonstration
der eigenen Glaubwürdigkeit. Für den "Abhauer-Rudi", wie er sich
selbst bezeichnete, war der Grenzwechsel der Nachweis, "jenseits
und über den Systemen" zu stehen, und aus dieser Warte gelangen
ihm Urteile, deren kritischer Charakter der Phantasie alles er-
laubt, weil nichts mehr benannt wird:
"In der DDR ist alles real, bloß nicht der Sozialismus; in der
BRD ist alles real, bloß nicht 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlich-
keit'."
Die Verhältnisse - eine Beleidigung des guten Menschen
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Rudi Dutschke war ein Radikaler in Menschheitsfragen. Weil er die
Welt in Gut und Böse einteilte, entdeckte er das Heil auch in
jenem: Um die Antwort zu geben:
"Durch Atomkraftwerke und Atombomben werden wir weder den Frie-
den, noch das 'Licht der Freiheit' erreichen",
muß man das Gegenteil erst einmal in Erwägung gezogen haben. Für
was diese Dinger taugen, war ihm offensichtlich kein Problem, da
er selbst an ihnen "die Menschheitsfrage stellen" wollte, um sie
in diesem Fall abschlägig zu entscheiden. Diesem Anspruch gemäß
war die radikale Gegnerschaft: Alle "Verhältnisse", die ihrem und
dem eigens für sie erfundenem Ideal nicht entsprachen, waren als
Beleidigung ihres höheren Zwecks zu bekämpfen.
Die Kritik der APO an den Parteien, sie hätten sich als anonymer
Apparat von den Bürgern entfremdet, führte bei Dutschke nicht zur
Bereicherung der Wissenschaft um die Manipulationstheorie, son-
dern zum Aufruf, im Namen der beleidigten "Solidarität und
Selbsttätigkeit der Massen" aktiv und "konkret" zu werden, seien
doch Staat und Gesellschaft unfähig, etwas zur Utopie des Men-
schen beizutragen. Die Formulierung der Vorwürfe läßt sich leicht
mit durchaus gängigen und von Politikern und Journalisten ge-
pflegten Vorurteilen verwechseln was sie davon unterscheidet, ist
der Anspruch, mit dem sie gestellt werden: Die Politik hat für
den Menschen da zu sein, basta!
So beklagt Dutschke
"die Unfähigkeit der Parteien, das, was sie als Politik bezeich-
nen, als etwas herauszuarbeiten, was die Menschen betrifft. Warum
sind die Wahlversammlungen so langweilig? Warum gibt es Wahlen,
die sich in nichts unterscheiden von stalinistischen Parteitags-
wahlen? Warum ist da etwas da in den Wahlen, was eigentlich nur
bedeutet: Na, ja, man geht halt an diesem Tag hin."
Daß nichts für sein edeldemokratisches Gemüt abfällt, reicht ihm
doch tatsächlich, mit dem Zauber bürgerlicher Politik auch durch
Straßenaktionen aufräumen zu wollen.
Die Politik muß eben zur Identität mit dem Menschen gezwungen
werden, was auch an den Politikern zu studieren ist, die von der
Politik zu Opfern der Entfremdung gemacht werden:
"Wir haben einen Punkt der gesellschaftlichen Entwicklung er-
reicht, wo man einen Menschen nicht mehr hassen kann. Ich kann
nicht einmal Strauß und Kiesinger hassen, sie sind bürokratische
Chraktermasken..."
Als gäbe es keine Gründe zur Gegnerschaft gegen die T a t e n
von Politikern, sondern nur menschliche Gefühle in einem Bereich,
wo der normale Mensch als Steuerzahler, Arbeitsvolk und gegebe-
nenfalls als Kriegsvieh gefordert wird.
Um das Unmenschliche aus dem Glauben an den Menschen heraus anzu-
prangern, brauchte es außer der Fiktion persönlicher Betroffen-
heit überhaupt nichts. Der "Marxist" Dutschke kam über Erkennt-
nisse zur Ökonomie wie
"Bewußtlosigkeit - das hat etwas mit der Länge der Arbeitszeit zu
tun" (wahrscheinlich: lang - langweilig - entfremdet)
nicht hinaus. Warum hätte er auch sollen?
Schließlich war ihm jeder moralische Ärger über die Welt, zu dem
sich genügend Anlässe einstellten - und dogmatisch hauptseitig
nur auf dem Kalauer der Klassengesellschaft herumzureiten, war
nicht Dutschkes Sache - Auftakt, die eigene Betroffenheit heraus-
zuarbeiten. Selbst noch das Bemerken der offensichtlichen Gleich-
gültigkeit gegenüber den Opfern der US-Bomben in Vietnam, genom-
men als Anlaß für das politische feeling, vermochte Rudi zum Be-
leg dafür zu machen, wie ernsthaft es ihm um die eigene Emanzipa-
tion ging.
"Wir sind hier auf einer Konferenz, auf der eine solidarische
Auseinandersetzung notwendig ist, zu der jeder bereit sein
sollte. Wir haben hier keine psycho-physische Show, um uns in
Stimmung zu bringen, sondern große wichtige Auseinandersetzungen,
die sehr ernsthaft geführt werden müssen, weil sie schwierig
sind, weil sie gefährlich (!) sind und weil sie notwendig sind zu
unserer eigenen Emanzipation. Damit spielt man nicht rum, sondern
damit arbeitet man ernsthaft."
Als Methodiker der Studentenbewegung, der den Bewegten ständig
ihren Platz in der Geschichte zuwies und sie auf ihre "historisch
offene Chance" hinwies, gleichsam die Moral von der Geschichte in
actu mitschrieb, wirkte er innerhalb des SDS "antiautoritär" ge-
gen jeden "Dogmatismus", machte sich um die Hinaussäuberung
"stalinistischer" Elemente verdient und ließ keine Gelegenheit
zum "herrschaftsfreien Dialog" mit Menschen, sprich Politikern
und Journalisten, guten Willens ungenützt verstreichen. Mit sei-
ner prophetischen Person abwechselnd im Fernsehen und im
"Spiegel" mahnte er vor einer "Personalisierung" und rettete
d i e s e Funktion seiner immer aufrecht gehenden, engagierten
Persönlichkeit auch in die siebziger Jahre hinein, wo es keine
"Bewegung" mehr gab und ihr ehemaliger"Führer" nicht zuletzt des-
halb zu einer allgemein anerkannten Figur des öffentlichen Lebens
wurde, dem selbst die ärgsten Feinde von damals die "moralische
Integrität" bescheinigten.
Daß die Studentenbewegung neben Gründern diverser Parteien der
Arbeiterklasse und Menschen, die die Wissenschaft um das Prinzip
der Demokratie belebten, auch diesen Moralphilister hervorge-
bracht hat, war nur konsequent. Ebenso konsequent war auch die
Einschätzung dieser Person im SDS: das moralische Gewissen, das
man sich selbst zuschrieb, wurde in Dutschke geachtet und das
ging bestens einher mit Urteilen, der Rudi sei ein rechter Spin-
ner. Um das Nachleben dieses Vorbilds war es schon zu seinen Leb-
zeiten schlecht bestellt: bei den Grünen wurde er als lebendige
Verkörperung seiner Legende gefeiert oder geduldet.
Und nach seinem Tod? Sich das Leben der Menschen und die Politik
psychologisch zurechtzulegen, ist bei Intellektuellen längst
durchgesetzt - ohne daß irgendjemand deswegen das darin liegende
Einverständnis mit Staat und Politikern unter solchen einzigarti-
gen Anspruch stellen müßte, den Dutschke ihm gegeben hat. Wer
will seinen aufgeklärten Antikommunismus schon allen Ernstes auf
die exotische Vorstellung von Asiaten auf dem Zarenthron im Kreml
gründen und wer seinen modernen Nationalismus als Recht auf men-
schliche Emanzipation jenseits von Ost und West ins Feld führen?
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