Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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DER GRÖSSEN-WAHN
"Ehemalige Wortführer der APO bereiten ein Treffen vor 16 Jahre
nach der Auflösung des ursprünglich sozialdemokratischen Sozia-
listischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wollen sich 'geistige
Väter' der 'Außerparlamentarischen Opposition' (APO) - ehemalige
Studentenführer und andere '68er'- in Frankfurt treffen, um über
die Rolle der 'linken Intelligenz' in der aktuellen politischen
Situation zu beraten. Nach den Vorstellungen der Organisatoren
sollen zu der Tagung vom 11. bis 13. November mehrere hundert
Alt-Linke und andere Interessierte kommen. Nach den Worten des
SDS-Vorsitzenden der Jahre 1964 bis 1966, Helmut Schauer, soll
das Treffen 'Diskussionszusammenhänge herstellen', aus denen
heraus eine Analyse der 'Krise der industriellen Zivilisation'
entwickelt werden kann. Mehrere Vorbereitungstreffen verzeichne-
ten nach einem Bericht der Berliner Tageszeitung (taz) eine gute
Resonanz. Zu Wort meldeten sich Hochschulprofessoren wie Elmar
Altvater, Jürgen Habermas, Oskar Negt, Claus Offe, Peter von
Oertzen, Ulrich Preuss und Ursel Schmiederer, laut Frankfurter
Rundschau aber auch SPD-Mitarbeiter wie Tilmann Fichter (aus der
Bonner SPD-Baracke) oder Christian Semler (heute Berater von Eu-
ropaabgeordneten der Grünen). Die Gewerkschaftsbewegung ist durch
Schauer vertreten, der beim IG-Metall-Vorstand in der Abteilung
Tarifpolitik arbeitet." (Süddeutsche Zeitung, 22.7.)
Liebe ehemalige Wortführer,
eure Nostalgie ist zwar menschlich gesehen überhaupt nicht ver-
ständlich, aber sie zeugt immerhin vom verkorksten Zustand eures
Gemüts. Das waren noch Zeiten, als eure Fehler Konjunktur hatten
und mit dem Schein des Erfolgs zu verkaufen gingen, oder? So ähn-
lich denkt ihr doch, wenn ihr an der Rolle der "linken Intelli-
genz" herumselbstelt, gell! Nein, das versteht ihr nicht? Dann in
aller Güte eins nach dem anderen.
Erstens ist es eine der billigsten psychologischen Übungen, über
seine eigene Rolle zu beraten. Das können heute Parteien und
Frauen, Manager und geschiedene Eheleute, Kinder so und Fußbal-
ler. Wenn ihr nichts besseres zu tun habt als öffentlich eure ei-
gene Bedeutung breitzutreten, dann wird wie bei allen anderen
Selbstbespiegelungen unserer Tage eines ganz sicher herauskommen:
Ihr h a b t eine Bedeutung und dazu P r o b l e m e mit ihr.
Das Ergebnis ist garantiert, weil manche Fragen einfach schon
ihre Antworten sind. Dazu braucht man noch nicht einmal zu wis-
sen, was man selbst für einer ist. Das ergibt sich ohnehin nur
aus einer objektiven Beurteilung der eigenen Werke, und zu der
seid ihr nicht in der Lage, weil nicht willens.
Zweitens fragt ihr euch sicher, woher wir das wissen. Auch das
können wir noch anders erklären als eben, obwohl das schon
reicht. Ihr scheut euch nämlich nicht, das methodische Geister-
ziel anzusteuern, zu dem sich kein vernünftiger Mensch von zu
Hause nach Frankfurt bewegt - "Diskussionszusammenhänge herstel-
len" wollt ihr. Und damit ihr solche "Diskussionszusammenhänge"
kriegt, trefft ihr euch zum Diskutieren? Das kann ja heiter wer-
den, wenn sich die versammelten Honoratioren alle nichts sehnli-
cher wünschen als miteinander im Gespräch zu bleiben!
Drittens gesteht ihr glatt, daß so etwas wie ein Ge-
sprächs s t o f f auch noch vorgesehen ist. Aber der dementiert
nun auf einen Schlag die Titulierung eures Haufens als "linke In-
telligenz", die sich gerade über ihre Rolle hermacht. Liebe
"geistige Väter", wenn ihr mit habermasoidem Jargon die
"K r i s e d e r i n d u s t r i e l l e n Z i v i l i s a-
t i o n" bequatscht, dann seid ihr weder links noch intelligent.
Es ist nämlich zwar Mode, aber dennoch saudumm, an Gegenständen
herumzudenken wie der "industriellen Zivilisation", die sich
allein dem Konstruktionswahn methodisch kontrolliert versponnener
Sozialphilosophen verdanken. Und nicht links, sondern extrem
konservativ-fürsorglich ist es, einer solchen Chimäre gleich noch
eine Krise anzudichten, deren man/frau Jahrgang kritisch '68 sich
nun diskussionszusammenhängend anzunehmen hätte. K r i t i k an
den niedlichen Zuständen der Republik und ihres freiheitlichen
Lagers wäre schon ein Zeichen fürs Links-Sein, und ihr könntet -
wenn euch danach der Sinn stünde - schön darüber nachdenken, wie
Kritik geht = was läuft und warum und was man dagegen hat. Aber
das Sorgerecht für eine K r i s e anzumelden, die ein
menschheitsmäßiges Totum betroffen haben soll - das gehört doch
eher zu erzmoralisch-verantwortlich gestimmten Gemütern, die den
Wald lieben. Und den Oswald, dessen Spenglereien sie sich ganz
gut vorlesen können. Also, entweder w i ß t ihr noch ungefähr,
was gespielt wird in der BRD und anderswo - oder es
i n t e r e s s i e r t e u c h n i c h t, wer wem unter
Anrufung sämtlicher "Sachzwänge" übel mitspielt.
Viertens also zurück zum Anfang. Das Bedürfnis von euch Seichbeu-
teln, ein Treffen zu machen, ist doch schlicht aus dem blöden und
gar nicht linken, sondern elitären Geist geboren, der euch damals
schon so wichtig vorgekommen ist. Der schließlich die SPD ins Amt
gebracht hat - und euch alle dazu. Ihr seid samt "Frankfurter
Rundschau" und "taz" und euren sonstigen publicity-Machern zu be-
scheuert, um zu merken, daß eure Karrieren unmöglich ein Gütesie-
gel für Linke sein können. So steht nun in der Zeitung eine Liste
der geistigen Prominenz aus der Welt des höheren Blödsinns - und
der Titel 'linke Intelligenz' höchst 'kontrafaktisch' dazu.
Fünftens ein Rat. Schaut euch mal mit eurem Schauer um, wenn ihr
nach Frankfurt kommt! Und tauft nicht gleich die Geld- und Kre-
ditinstitute mit dem Ehrentitel "Zivilisation", die Hoechst-Werke
auf "Industrie", um hinterher bei der Besichtigung von Türken,
Arbeitslosen und anderem Schrott des Kapitals "Krise" zu stam-
meln! Und wenn ihr am Gewerkschafts-Hochhaus vorbeikommt, dann
überlegt mal, warum so Neue-Heimat-Bank-und-Grundeigentums-mäßig
die Arbeiterbewegung geendet ist!
Sechstens hat Habermas überhaupt nicht nach seiner "Rolle" zu
fahnden. Als Ideologe von soziologischen Ungetümen, die er nicht
einmal selbst für existent = wirklich hält, hat er längst seine
Rolle. Und als Nebenbeschäftigung betreibt er bei Verlagen das
eigentümliche Geschäft, nicht nur seinen eigenen Krampf zu ver-
treiben, sondern Schriften anderer Leute zu verhindern. Wie ein
R e c h t s anwalt der Zivilisation denken, b r u n z d u m m
die Schönheiten des Kapitalismus in "K o m m u n i k a t i o n"
übersetzen - und dann ganz g e m e i n im Verlagsgeschäft dafür
sorgen, daß anders Denkende ihren Kram nicht in die Buchhandlun-
gen kriegen. Wenn das kein erfülltes Leben in einer zivilisatori-
schen Krise ist.
Siebtens und letztens: Ihr seid elende Angeber - und Kinder der
Wende, ihr "geistigen Väter"!
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