Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION IWF-KAMPAGNE - Für humanen Imperialismus
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Brock: Die Politik von Weltbank und IWF gegenüber der Dritten
Welt
DIE WISSENSCHAFTLICHE ENTSCHULDIGUNG
DES INTERNATIONALEN SCHULDENSYSTEMS
Darin sind sich so ziemlich alle einig: daß die "ungeheure" Ver-
schuldung der Dritten Welt 1. ein "Problem" ist, welches 2. ei-
gentlich gar nicht sein müßte, weshalb sich 3. "automatisch die
Frage, was im Sinne einer Verbesserung möglich wäre"
(Semipapier), stellt, also 4. darüber Überlegungen anzustellen
sind, wie ein alternativer Umgang mit den Schulden dazu beitragen
könnte, die Schulden weltweit wieder wegzuzaubern. Denn auch dar-
über ist man sich bei Herrn Brock mehrheitlich einig: "Ohne Kre-
dit ist aber auf keinen Fall ein Ausweg aus der Misere zu erwar-
ten" (ebd.) Es ist also jede Menge Kredit in dem internationalen
Kreditsystem vorhanden - trotz dessen unübersehbarer Bedingung am
entdeckten "Problem" namens "Schuldenkrise". Fragt sich nur, wo-
her dieses Ur-Vertrauen in die gar nicht vorhandenen Segnungen
der weltweiten Schuldenmacherei rührt?
1. Die Fassung des "Problems"
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will allerdings auch wenig bis gar nichts davon wissen, wer denn
von den am Kreditgeschehen Beteiligten w e l c h e s "Problem"
mit "der Verschuldung" hat. Stattdessen marschieren die unter-
schiedlichsten bis gegensätzlichsten Charaktere (ökonomische wie
politische) unterschiedslos als B e t r o f f e n e des
"Problems Verschuldung" auf: zuallererst natürlich die moralisch
einwandfreien H u n g e r l e i d e r allerorten; daneben na-
tional gesonnene K a p i t a l i s t e n, die auch in Cruzeiros
u.ä. ein geschäftstüchtiges Unternehmen aufziehen möchten, wegen
mangelnder Erfolgsbedingungen aber "nicht können"; dann die
S t a a t s g e w a l t e n in der Dritten Welt, die an dem Um-
stand "laborieren", daß ihre Souveränität eine ("nur") kredi-
tierte, also beschränkte ist; zuguterletzt aber auch noch die
G l ä u b i g e r n a t i o n e n incl. deren Kreditinstitute,
die "langfristig" den völligen Ruin "der Kuh, die sie melken wol-
len", doch irgendwie "nicht wollen können" (Brock). Doch dazu
später mehr.
Diese Betroffenheit ist also sehr umfassend und indem sie Geschä-
digte aller Art sowie Nutznießer einschließt, ist sie der Beleg
für das 'eigentliche Problem': die Weltwirtschaftsordnung ist
(auch) nicht (mehr) das, was sie im Grunde sein sollte. Die ge-
wußte, recht eindeutige Verteilung von Nutzen und Schaden, von
Erfolg und Mißerfolg beim weltweiten Wirtschaften und Handeln
fungiert da als Widerspruch zum I d e a l einer Weltwirt-
schaftsordnung, in der a l l e Interessen - vom südamerikani-
schen Rinderhirten über deren Nationalgewalten bis hin zur Chase
Manhatten Bank - sich nicht in die Quere (wie es nun einmal der
Fall ist), sondern g l e i c h e r m a ß e n zum Zuge kommen.
Ein Ideal, das für sich als gewichtigsten Zeugen die
"Zielsetzungen" des IWF in Anspruch nimmt:
"...freie Entwicklung und Ausweitung eines ausgeglichenen, welt-
wirtschaftlichen Handels auf der Grundlage nicht diskriminieren-
der, geordneter Zahlungsbedingungen, Wechselkursstabilitäten...
multilaterales, freies Währungssystem... Beseitigung von Fehlent-
wicklungen in den Zahlungsbilanzen..." (Seminarpapier)
Diesen "Zielsetzungen" des IWF - sie mögen ja "idealistisch" for-
muliert sein, verraten aber gerade darin ihren "harten Kern" -
will niemand entnehmen, daß die jüngst von Bretton Woods 1. eine
weltweite F r e i s e t z u n g d e r K o n k u r r e n z be-
schlossen hatten, also jeden Flecken Erde dem Maßstab der Ge-
schäftstüchtigkeit unterordneten, dabei 2. sehr wohl sofort ge-
wußt haben, daß damit die Zahlungsbedingungen überall und immerzu
in Frage gestellt werden und die Zahlungsbilanzen laufend "sich
fehlentwickeln", weshalb sie sich 3. auf einen Umgang mit diesem
"Problem" "geeinigt" haben: es werden die Mittel geschaffen, die
jeden auf die Fortsetzung der Konkurrenz v e r p f l i c h-
t e n, auch wenn und weil sie dem einen oder anderen an ihr
Beteiligten gar nichts (mehr) bringt - außer der Vergrößerung
seines Schadens. (Das Verlangen nach bzw. die Schaffung von
Liquidität ist ja dann das Gebot der Stunde, wenn eine Nation
nicht mehr "flüssig" ist, also im Handel mit Waren und Devisen
den Kürzeren gezogen hat.) Daß sich diese "neue Weltwirt-
schaftsordnung" mit ihren Institutionen IWF, Weltbank und GATT
dem D i k t a t einer überlegenen Macht verdankt(e), wird von
allen, namentlich auch von Herrn Brock gar nicht verschwiegen:
"Die USA haben allen anderen ihre Vorstellungen und Pläne und da-
mit ihre Interessen aufgezwungen." Aber schließlich wollten die
USA ebenfalls "aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 Lehren zie-
hen" und eine Neuauflage "verhindern"... Was für den Sachverstän-
digen Lothar B. der ausreichende Anlaß ist, die Zielsetzungen des
IWF zumindest theoretisch zu retten, indem er deren unzulängliche
Umsetzung bemängelt.
2. Der "Lösung" erster Teil:
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Beseitigung von Fehlern und der Ruf nach Modernisierung
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Die Idee der Vereinbarkeit aller ökonomischen wie politischen Ge-
gensätze, deren Resultate (was den 'Stand' der Nationen betrifft)
und Wirkungen (was die 'Lage' der Massen betrifft) schlecht zu
übersehen sind, hat notwendigerweise eine reichlich alberne
Seite. Zunächst einmal ist die Sorte Kritik, die sich im Namen
des Ideals einer für alle gelingenden Weltwirtschaftsordnung vor-
trägt, pur tautologisch: die inkriminierten "Zustände" werden mit
der Abwesenheit ihres Gegenteils erklärt. Mit der 'Konsequenz',
daß dem Phänomen Verschuldung n i c h t auf den Grund gegangen
wird, indem man den Kredit und seine weltweiten Leistungen be-
stimmt, Positiv: da ist längst der Entschluß vorausgesetzt, dar-
über zu spekulieren, wie denn die Kredite (des IWF, der Weltbank,
der National- und potenten Privatbanken in den kapitalistischen
Metropolen) die g e g e n t e i l i g e n Wirkungen hervorrufen
k ö n n t e n, als sie gerade aktuell tun.
- So wird z.B. die Frage gestellt, warum um alles in der Welt die
Zinsen auf die in die Dritte Welt vergebenen Kredite "so wahnsin-
nig hoch sind" ("bis zu 30%") - und dies, wo doch jedem inzwi-
schen "klar sein müßte", daß weder die Zinsen noch erst recht die
Tilgungsraten bedient werden können? Die Frage ist freilich nicht
auf eine Antwort berechnet, sondern will Unverständnis demon-
strieren. Umgekehrt weiß natürlich niemand, wie hoch oder besser:
wie niedrig die Zinsen sein müssen, damit sie auch wirklich
"verträglich" sind.
Drittens respektiert aber auch jeder den Standpunkt der Gläubiger
und findet es "selbstverständlich", daß diese ihr "Geld nicht
einfach so verleihen, sondern davon auch etwas haben wollen".
- Ein anderes Mal wird (in Anlehnung an die Forderungen für eine
"Neue Weltwirtschaftsordnung" von der "Gruppe der 77") eine gene-
relle (manchmal "strukturell" genannte) "Entschuldigung" favori-
siert, weil in der "Teufelsspirale " der fortschreitenden Akkumu-
lation von Schulden und Schuldtiteln niemand "einen Sinn" entdec-
ken kann. Und was ist mit einem "schuldenfreien" Zustand gewonnen
bzw. anzufangen? - Eines ist jedenfalls gewiß: auch dann müssen
wieder Kredite her, allerdings "ohne die restriktiven Bedingun-
gen, die die Kreditvergabe des IWF" auszeichnen. Zwar sollen auch
diese "nicht umsonst" (s.o.) sein, andererseits aber eine
"wirkliche Hilfe" für eine "eigenständige Entwicklung" in den
Ländern der Dritten Welt... Das bringt's, aber was? Auf jeden
Fall wurden die Forderungen der "Gruppe der 77" nach mehr
"Eigenständigkeit" und mehr Mittel bzw, nach gesicherten Bedin-
gungen für diese von den "mächtigen Nationen" abgelehnt, so daß
zumindest der begründete Verdacht hängen bleibt, daß solche
"Maßnahmen" es hätten bringen können.
- Dann wiederum ist völlig klar, daß man den Ländern, denen man
so sehr die "Eigenständigkeit" wünscht, auf die Finger schauen
muß, ob sie ihre Sache auch richtig anpacken: Z.B. hatte Brasi-
lien nach dem II. Weltkrieg gar keine Schulden, sondern recht an-
sehnliche Devisenbestände aus Kriegsgewinnen - und statt nun da-
mit das Land zu "modernisieren", wurde das schÖne Geld für lauter
"unproduktive Zwecke" ausgegeben. Mit den "dann notwendig gewor-
denen Krediten" hat Brasilien ebenfalls nichts Rechtes anzufangen
gewußt: "kein innerer Markt aufgebaut"; "keine vernünftige Indu-
strialisierung eingeleitet"; "sich vom Öl abhängig gemacht" und
dann "eine Atomindustrie in den Sand gesetzt"; "die Landwirt-
schaft bloß für den Export eingesetzt"; "fast nur ausländisches
Kapital angesiedelt" statt "eine nationale Ökonomie nach einer
gesamtgesellschaftlichen Planung (Kommunismus?) aufzubauen...
M.a.W.: "Fehler" über "Fehler" angehäuft und ein ums andere Mal
"die Weichen falsch gestellt" anstatt eine flotte Kapitalakkumu-
lation mit einer hausgemachten Kaufkraft anzuleiern, eben ein
"vernünftiges" Wirtschaftswachstum, das das eine Land und alle
eigenen Leute b e n u t z t - und das sich mit seinem
"Bruttosozialprodukt" bei den erfolgreichen Nationen der imperia-
listischen Weltökonomie sehen lassen könnte...
3. Der "Lösung" zweiter Teil:
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Sachverständiger "Realismus" gegenüber der Ersten Welt
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Das von Brock und seinen Seminaristen gepflegt "kritisch-
konstruktive" Denken, das nach dem Motto: "Stellen wir uns einmal
vor, wir hätten 100 Mrd. Dollar Schulden, was würden wir dann
tun? Gibt es alternative Anpassungskonzepte?" funktioniert,
produziert also einerseits eine kindisch-einfältige "Phantasie",
welche die imperialistische Finanzwelt m o r a l i s c h
a n k l a g t, weil diese sich nicht so aufführt, wie es h das
Seminar zumindest als "Möglichkeit" vorstellt:
"In Anbetracht der großen Schuld, die der IWF und andere Finanz-
institutionen mit ihren ökonomischen Forderungen an dieser Misere
hat, hätte nun (in Argentinien 1983 die Möglichkeit bestanden,
durch großzügig angelegte Umschuldungen mit langen Rückzahlungs-
fristen und stark verminderten Zinssätzen der neuen Regierung
eine Chance zur Sanierung der Ökonomie zu geben.
Genau des aber tat der IWF nicht." (Seminarpapier)
Andererseits zeigt diese moralische Anklage des IWF, daß die
"Phantasie" konstruktiver Geister sehr genau "weiß", wo ihre
Grenzen liegen - und die sind durch die "Sache" definiert: der
Wunsch nach "mehr Großzügigkeit" richtet sich nämlich 1. an die
Finanzinstitutionen der Weltwirtschaftsnationen, die gerade noch
als die "Schuldigen der Misere" ausgemacht waren, und daher 2.
auf eben die ökonomischen Mittel (Kredite), ohne die es überhaupt
keine "Verschuldungsproblematik" gäbe. Diese Verrücktheit hat
sich den bezeichnenden Titel "Realismus" gegeben.
"Die Schulden gibt (!) es nun einmal, die können wir nicht weg-
diskutieren (ach was?). Zum anderen gibt (!) es die Staaten, die
über die Mittel verfügen, die in der Dritten Welt fehlen (?!) -
ob wir das nun wollen oder nicht. Mit diesen Gegebenheiten müssen
wir umgehen." (Ein Seminarteilnehmer)
"Mit ist diesen Gegebenheiten umgehen (!) müssen" ist allerdings
eine eigenartige Sorte Zwang, der da für das Denken eingeführt
wird: Die gewaltsam geltend gemachte Einrichtung des Globus als
Anlagesphäre des Kapitals in allen seinen Formen, d.h. die prak-
tische Abhängigkeit noch des unbedarftesten Volksgenossen in
Afrika, Südamerika und auch hierzulande von Eigentum, Geld und
Kredit gilt nicht als d i e miserable Existenzbedingung, die
sie ist, sondern ganz fraglos als die einzige "Chance", die Staa-
ten wie auch ihre Untertanen haben, um sich aus dem Schlamassel
wieder herauszuziehen.
"Ohne Kredit ist aber auf keinen Fall ein Ausweg aus er Misere zu
erwarten."
Es ist nur konsequent, wenn sich zu diesem Bekenntnis, daß es zu
den Institutionen und Mitteln der Macher der Weltwirtschaft keine
Alternative gibt, das Vertrauen paart, daß eben die Macher von
Weltwirtschaftsgipfeln "die Kuh, die sie melken wollen, schon
nicht schlachten werden" (Brock). Behauptet haben will der Pro-
fessor damit, daß die "Entwicklung" der Dritten Welt letztlich
auch im Interesse derer liege, die jene bislang "verhindert" ha-
ben. Fragt sich nur, ob die das rechtzeitig bemerken? Dem polit-
ökonomischen Interesse der imperialistischen Gestalter des Welt-
und Weltkapitalmarkts hat der Theoretiker auf jeden Fall Recht
gegeben: Die Allegorie von der Kuh schließt ihre Umkehrung ja mit
ein: Nur das Melken wollen hilft der Dritten Welt "aus ihrer Mi-
sere".
Der Wille zur Konstruktivität im Denken bahnt sich also allemal
einen Weg zu den wirklichen Mächten, die auf dem Globus das Sagen
haben.
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