Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION IWF-KAMPAGNE - Für humanen Imperialismus
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Seit geraumer Zeit haben die Dritt-Welt Komitees ein wesentliches
"Problem" entdeckt, dessen Bewältigung es vorrangig zu fordern
gelte: die Schuldenkrise. Wieso die Armen und Hungernden der "3.
Welt" ausgerechnet an der Uneinbringlichkeit der Schulden ihrer
Staatsgewalten leiden sollen, weiß niemand so recht zu beantwor-
ten. Dafür dient diese Sorge der Verbreiterung der Bewegung, ist
ungeheuer realistisch und agitatorisch lohnend, weil die Krise
alle b e t r i f f t, vor allem die für Not und Elend verant-
wortliche Geschäftswelt. Mit der Parole: Für umfassende Strei-
chungen der Schulden der Dritten Welt! hat man sich der Absurdi-
tät einer internationalen Finanzstrategie zugunsten hungernder
Slumbewohner verschrieben!
Eine Warnung anläßlich der 3. Weltwochen an der Wiener Uni:
HUNGER UND SCHULDEN SOLL MAN NICHT VERWECHSELN
Verwechselt nämlich muß man einiges haben, ehe man ganz ohne
große Theorie mit dem bloßen Vorzeigen der Zahlen schon alles ge-
sagt haben will: 1200 Milliarden (am überzeugendsten, wenn mit
den 11 Nullen ausgeschrieben!) US-Dollar Auslands-Schulden haben
die Länder der 3. Welt, im wesentlichen bei den kapitalistischen
Hauptmächten USA, BRD und Japan. Da sieht jeder sofort, daß es
sich um eine S c h u l d e n k r i s e,
S c h u l d e n b o m b e oder ähnliches handelt, was alle sehr
bedenklich stimmen muß:
"Nach vorläufigen Zahlen der Weltbank belaufen sich die gesamten
Auslandschulden der Dritten Welt Anfang 1988 auf rund 1.200 Mil-
liarden US-Dollar. Damit hat sich dieser Betrag seit 1980 mehr
als verdoppelt, seit 1910 sogar mehr als verzehnfacht. ... Eine
Gesamtrückzahlung dieses Betrags erscheint ausgeschlossen. Gibt
es eine Lösung?" (Jean-Marie Krier, Schuldenkrise der 3. Welt,
Entwicklungspolitische Nachrichten 4/88)
Nun, das soll vorkommen, daß Schulden nicht zurückgezahlt werden
können - schließlich sind sie ja Schulden, aber warum soll das 1.
eine Krise und 2. ein Grund zu kritischer Anteilnahme an derlei
Kreditschwindel sein? Die Auslandsschulden der USA (größter
Schuldner der Erde!) können auch nicht zurückgezahlt werden,
ebensowenig wie die Staatsverschuldung Österreichs - das hat mit
Krise nichts zu tun. Und wenn sich bei den großen Finanzkapitalen
bisweilen Illiquidität einstellt, dann befällt die Warner vor der
katastrophalen "Schuldenkrise" manchmal sogar eine klammheimliche
Freude - warum soll die Zahlungsunfähigkeit der Nationalbank von
Mexiko oder Brasilien mehr krisenhaften Sprengstoff beinhalten
und mehr ernste Anteilnahme verdient haben?
Hungern an Staatsschulden?
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Selbstverständlich wegen der M e n s c h e n in der dritten
Welt, die leiden und hungern. Nur hungern die Menschen im Süden
nicht an staatlicher Zahlungsunfähigkeit und nicht nach einem
größeren Finanzrahmen des Staatshaushalts! Es ist vielleicht
nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß auch in den Gläubiger-
ländern gehungert wird (oder auch nicht, aber nicht wegen der So-
lidität der Nationalbank). Der Zusammenhang wird auch nicht da-
durch wahrer, daß wieder einmal mit dem Finger auf eine Schweine-
rei gedeutet wird, bei der der Zusammenhang von Hunger und Schul-
den unübersehbar sein soll.
"Die Gewährung eines solchen IWF-Kredits war aber immer an die
Erfüllung von harten wirtschaftspolitischen Auflagen (sogenannte
IWF-Konditionalität) gebunden. Die wichtigsten Forderungen des
IWF gingen (und gehen weiterhin) in Richtung Reduzierung des
Haushaltsdefizits sowie Abwertung der einheimischen Währung.
Durch eine Einsparung öffentlicher Mittel einerseits und eine
verbesserte Handelsbilanz (mehr Exporte, weniger Importe) andrer-
seits soll so die Wirtschaft des betreffenden Landes saniert wer-
den, um eine problemlosere Rückzahlung der ausstehenden Schulden
(zumindest aber der Zinsen dafür) zu garantieren. Um die mit die-
sen Maßnahmen verbundene Inflationsgefahr in Grenzen zu halten,
bestand der IWF zumeist auf einer Senkung der Reallöhne. Die Fol-
gen dieser bitteren IWF-Medizin waren für die Armen in der Drit-
ten Welt fatal: Höhere Arbeitslosigkeit, geringere Löhne, ein
kleineres Warenangebot auf Grundnahrungsmittel, dies alles bedeu-
tete noch mehr Hunger und noch größere Armut für immer mehr Men-
schen." (ebd.)
Immerhin wird mit den Austerity-Programmen vom IWF S t a a t e n
u n d N a t i o n a l b a n k e n weiterer Zugang zu weltweit
tauglichem Geld dafür geboten, daß sie Lebensmittelsubventionen
streichen und noch mit den armseligen einheimischen Lebensmitteln
(Hirse z.B.) exportwirtschaftliche Versuche machen. Weil es da
geldmäßig aber kaum etwas zu holen gibt, stellen die Regierungen
im Süden für Zugang zu Geld gerne ihre Produktion auf die am
Weltmarkt gefragten Rohstoffe und Agrarprodukte um, verschulden
sich für diese Projekte vermehrt und ruinieren die Subsistenz-
wirtschaft weiter. Der fordert nur ausdrücklich das Verhältnis
ein, das Staat und Volk sowieso - und nicht nur in der 3. Welt
verbindet. Nebenher eröffnet der Fond den Herren Alfonsin und
ähnlichen auch noch ein bißchen den ausländischen Sündenbock für
die Aussaugereien der Massen, die dem argentinischen Staat wieder
Kredit verschaffen. Wäre das mit dem "Aufzwingen" so ernst, dann
könnten die 3. Welt-Staaten die gutgemeinten Vorschläge des IWF
gar nicht als Vorschläge für sich ansehen - die Alternative zu
den IWF-Vorschlägen: über keine Dollar und DM-Konten mehr zu ver-
fügen, erscheint den Staaten der 3. Welt als entschieden größere
Katastrophe im Vergleich mit einer politisch kontrollierten Hun-
gersnot daheim.
Der Satz von Marx, daß National r e i c h t u m auf Massenarmut
beruht, verliert den ausgesprochenen Gegensatz auch dann nicht,
wenn in manchen Staaten die Träume vom Nationalreichtum nicht
aufgehen und sich trotz aller Anstrengungen auch noch Natio-
nal a r m u t einstellt. Staat und Slumbewohner sitzen noch
lange nicht in einem Boot, bloß weil es dem Staat nicht gelingt,
aus der Armut seiner Massen weltweit gültiges Kapital zu schla-
gen. Daß diese Staaten mit ihrem Einstieg in den Weltmarkt keinen
international anerkannten Nationalkredit akkumulieren, sondern
nur Schulden, ist das Pech ihrer Staatschefs, macht aus dem Kapi-
tal aber noch lange nicht ein Lebensmittel der Massen - bloß weil
es fehlt!
Es stimmt, diese Staaten sind arm - an Kapital; dieses aber fehlt
nicht den armen Bauern; die hungern vielmehr, weil es auch in ih-
rem Land um Kapital geht, weil ihre Nationen Geschäfte erlauben
oder gleich selber machen, mit denen durch Exporte der Reichtum
der kapitalistischen Welt erworben werden soll - das Geld, wel-
ches die erfolgreichen Nationen schon haben. Die ersatzlose Zer-
störung der Subsistenzwirtschaft, Elend und Hunger im Gefolge,
sind Produkte der Einbindung der Dritten Welt in den Weltmarkt,
der Ausrichtung ihrer Produktion auf Gelderwerb und den Export -
und nicht etwa Resultat eines v e r w e i g e r t e n Z u-
g a n g s z u d e n i n t e r n a t i o n a l e n M ä r k-
t e n. Das Elend ist eine Folge der "Entwicklungshilfe" genann-
ten, Kreditierung sowohl bezüglich dessen, was die Staaten an
Exportwirtschaft mit dem importierten Geld hingestellt haben, wie
bezüglich dessen, was sie dafür verzinsen müssen; - nicht aber
Resultat einer Verweigerung von Entwicklungshilfe.
Gerade der "Entwicklungs"idealismus ist unfähig, den IWF zu kri-
tisieren: dessen Funktion ist es ja gar nicht, Kredite zu verwei-
gern und stattdessen auf Schuldentilgung zu bestehen, die gar
nicht geht, sondern umgekehrt: der IWF ist die finanztechnische
Einrichtung der vereinigten kapitalistischen Mächte, die der
merkwürdigen Sorte Handel, die mit den Ländern der dritten Welt
stattfindet, überhaupt ihre Dauerhaftigkeit verleiht. Zunächst
verschafft er seinen Kunden im Süden das Geld, das sie brauchen,
damit sie überhaupt Geschäftsbeziehungen herstellen, Waren am
Weltmarkt anbieten und das geliehene Geld verdienen können. Kön-
nen diese Staaten dann die Schulden nicht zurückzahlen, weil sie
in ihren Verkaufspreisen vielleicht noch die Kosten der privaten
einheimischen und internationalen Kapitale, nie aber die Kosten
der Staatsausgaben erlösen können, dann tritt der IWF immer neu
auf den Plan und sorgt durch neue Kredite dafür, daß "es" weiter-
geht: Die mögliche Ausfuhr von Rohstoffen, Agrar- und Halbproduk-
ten soll nicht wegen Geldmangels der Nationalbank unterbleiben;
Die notwendigen Regierungsfunktionen, Importe an Ersatzteilen,
Transportmaschinen und Waffen für die Polizei sollen nicht aus-
fallen. Den IWF gibt es nur, weil die Gläubigerstaaten nicht wie
Privatbanken unbedingt auf Verzinsung und Tilgung der Schulden
bestehen, sondern als Preis für den Abtransport der natürlichen
Reichtümer ihren Kreaturen die Akkumulation von Schuldenkonten
erlauben - nach dem Motto: Zahlungsunfähigkeit darf doch nicht
den Handels- und Kapitalverkehr behindern. So können die Nachfol-
gestaaten der alten Kolonien sich am Weltmarkt betätigen, auch
wenn ihre Bilanzen immerzu negativ ausfallen. Wenn der IWF immer
neue Kredite gewährt und immer mehr Schulden anschreibt, achtet
er freilich darauf, daß diese auch n u r für die förderungswür-
digen Weltmarktgeschäfte verausgabt werden; die Schuldenakkumula-
tion also nicht größer ausfällt, als für die weitere Teilhabe am
und Einbindung in den Weltmarkt unbedingt nötig. Diese interna-
tionale Schuldenvermehrungs Institution des Beharrens auf Rück-
zahlung und der Verweigerung von neuen Krediten zu bezichtigen,
geht erstens völlig an ihrer Wirklichkeit vorbei und fordert vom
zweitens, haargenau das verstärkt zu tun, was er sowieso tut. Ge-
tragen ist diese Kritik vom dümmsten aller bürgerlichen Idealis-
men: Geld ist gut, wenn man es hat, und schlecht, wenn nicht;
Kredit ist eine Wohltat für die Menschen, wenn man ihn kriegt,
und schlecht, wenn man ihn zurückzahlen muß und nicht kann. Als
ob beides zu trennen wäre. Kredit ist eine Kapitalanlage, die nur
stattfindet, weil der Kreditnehmer das Geld vermehrt zurückzahlt;
- und nur der IWF macht davon die unumgänglichen Ausnahmen.
Bankiers-Idealismus mit leisen Zweifeln
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Die engagierten Freunde der "Dritten Welt" bemerken die imperia-
listische Gewalt des IWF - aber nicht an den Krediten, die er
gibt und mit denen er ein Produktionsverhältnis exportiert, son-
dern an den Krediten, die er verweigert oder nur unter verschärf-
ten Konditionen herausrückt. Auch echte Empörung über die Folgen
des Wirkens dieser Internationale des Kredits - Hungersnöte -
führen zu keinem klaren "Weg damit!" Die Gewalt, die mittels Kre-
dit über Wohl und Wehe ganzer Völkerschaften ausgeübt wird, will
man nicht beseitigen, sondern auf die eigene, humane Seite ziehen
und für lauter gute Werke nutzen. Das Gute, das Leuten vor-
schwebt, die ausgerechnet bei den Milliardenbergen von Staats-
schulden an die Völker denken und die raffiniertesten Finanztech-
niken der freien Welt - gut eingesetzt - für eine Sorte Milch-
speisung für Hungernde halten, dieses Gute ist genau das, was
auch ein Bankier für die Spitze der Rücksicht hält:
1. globaler Schuldenerlaß.
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" Eine neue Entwicklung ist nicht möglich, wenn die Länder der
Dritten Welt weiterhin in der Schuldenfalle gefangen bleiben.
Deshalb fordern wir, daß die Schulden der Entwicklungsländer aus
privaten und öffentlichen Krediten gestrichen werden." (AG
"Dritte Welt" der BRD-Grünen)
Wozu? Damit die "Entwicklung" dann wieder mit neuem Schwung los-
gehen kann, die zu der jetzigen Schuldenakkumulation geführt hat?
Soviel muß doch klar sein, daß die Schulden nicht der Grund der
Verschuldung sind, sondern Resultat einer eigentümlichen Preis-
bildung auf dem Weltmarkt, die dafür sorgt, daß die Länder der 3.
Welt trotz und sogar wegen größter Exportanstrengungen nie soviel
Geld einnehmen, wie sie an Kosten aufwenden müssen. Dagegen soll
Schuldenstreichung helfen - vielleicht von Zeit zu Zeit?
Das genügt natürlich nicht, deshalb fordert man
2. neue billigere Kredite:
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"Die Enhwicklungsländer werden auch nach einer Streichung der
Schulden weiterhin auf Kapitalzuschüsse aus den Industrieländern
angewiesen sein.... Der Kreditverkehr zwischen den Industriestaa-
ten und den Entwicklungsländern muß daraufhin kontrolliert wer-
den, ob er dem Ziel der Entwicklungsfinanzierung dient." (AG
"Dritte Welt" der BRD-Grünen)
Die Lösung der jetzigen Misere sollen ausgerechnet die Mittel
bringen, die von ebendenselben Autoren als Grund der Verschuldung
angegeben werden:
"Ihre (der Großbanken) Kreditpolitik Ende der 70er Jahre gegen-
über der 3. Welt war jedoch alles andere als seriös. Den Groß-
banken der Welt flossen in dieser Zeit Hunderte von Milliarden
US-$ aus den vermögenden Ölexportländern und aus den Gewinnen
multinationaler Konzerne zu. Um an dieser Dollarflut zu verdie-
nen, 'mußten' sie diese in grandiose Kreditgeschäfte mit dem
'kreditunwürdigen' Teil der Welt umleiten. ... Den Kreditnehmern
aus der 3. Welt erschien die Aufnahme von Krediten zu günstigen
Bedingungen wie das Sesam-öffne-dich zu den Schätzen der 40 Räu-
ber. Die Kredite waren billig. Mit ihnen ließen sich Prestigeob-
jekte autoritärer Regime und der Luxuskonsum der herrschenden
Klassen finanzieren." (Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen)
Man mag gar nicht mehr fragen, was Radjiv Ghandi, Brasiliens Sar-
ney oder Pinochet wohl mit den neuen günstigen Schulden anstellen
würden, die die Verschuldung überwinden sollen. Ernährungspro-
gramme und der Aufbau landwirtschaftlicher Versorgung, die bloß
Lebensmittel und nie Geld bringt? Doch wohl kaum - die Autoren
kennen die Geschichte ja aus den 70ern!
Überhaupt braucht man den Vordenkern der Dritt-Welt-Solidarität
derlei nicht erst zu erklären. Das alles wissen sie nur zu gut -
es darf sie nur nicht von ihrer eminent praktischen und hilfrei-
chen Idee des Schuldenerlasses abbringen:
"Die Streichung der Schulden bedeutet nicht die Lösung der Ent-
wicklungsprobleme. Sie bildet nur den Einstieg in eine neue Dis-
kussion (!) über verändert weltwirtschaftliche Strukturen. Wenn
die Ordnung der Weltwirtschaft nicht eine grundsätzliche Umstruk-
turierung erfährt, wird sich auch bei aller Streichung der Schul-
den in wenigen Jahren die gleiche Misere wiederholen."
Und nicht nur den Weltmarkt muß man schnell ein bißchen revolu-
tionieren, damit der Schuldenerlaß seine segensreiche Wirkung
tut, sondern auch die Machtverhältnisse in den Ländern der 3.
Welt selber:
"Damit die innenpolitischen Spielräume, die durch eine Streichung
der Schulden geschaffen werden, nicht von autoritären Regimen zum
eigenen Nutzen und zu Lasten der Bevölkerung genutzt werden, muß
die Forderung nach Schuldenstreichung Hand in Hand gehen mit ei-
ner politischen Unterstützung der Emanzipations- und Demokrati-
sierungsprozesse im betreffenden Land." (AG "Dritte Welt" der
BRD-Grünen)
Bei so weitgehenden Rahmenbedingungen kommt es auf den Schul-
denerlaß selbst doch überhaupt nicht mehr an: eine revolutionäre
1. Welt hat kein Interesse an den Schulden, und eine revolutio-
näre 3. Welt erkennt sie nicht an. Einen Aufruf zur Revolution
hier und dort vollen die eminent realistischen Verantwortungs-
idealisten des imperialistischen Weltmarkts aber gar nicht vom
Stapel gelassen haben, ebensowenig wie die Forderung an den nach
bedingungsloser und zinsfreier Kreditierung aller Befreiungsbewe-
gungen samt Kreditsperre für die NATO. Das fänden sie auch wieder
nicht realistisch, von den Hauptagenturen des Imperialismus ihre
Selbstabschaffung zu verlangen. Was aber dann? S c h u l-
d e n e r l a ß a l s e r s t e r S c h r i t t, der nichts
ist, wenn als f l a n k i e r e n d e M a ß n a h m e n nicht
eine kleine g r u n d s ä t z l i c h e U m s t r u k t u-
r i e r u n g d e r W e l t w i r ts c h a f t + U m w ä l-
z u n g d e r M a c h t v e rh ä l t n i s s e i n d e n
S t a a t e n d e r 3. W e l t hinzukommt; - was soll das?
Und wer soll das wollen? Wir alle! tönt's zurück.
3. Wieder einmal eine Gemeinsamkeit stiftende Weltkrise:
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Die Schuldenbombe bedroht auch "unser" Finanzsystem
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Der Wahnsinn des Realismus, der sich in der Forderung nach Schul-
denerlaß samt einiger flankierender Maßnahmen austobt, lebt da-
von, daß hier wieder einmal ein Revolutionsruf nicht an die Opfer
und Kritiker der ganzen Scheiße, sondern an die verantwortlichen
Mächte der alten Welt ergehen soll: in ihrem eigenen Interesse
sollten sie die Ausbeutung der 3. Welt lassen, sonst...
"Die Eintreibung der Auslandsschulden sei nur um den Preis der
Doppelkrise zu haben: Die einen müßten hungern um ihre Schulden
zu bezahlen, in Wahrheit um die Fiktion ihrer "Kreditwürdigkeit"
zu retten, die anderen auf mögliche Vollbeschäftigung verzichten,
bloß um die "Liquidität" des eigenen Bankensystems weiterhin si-
chern zu können. Daher sei es billiger (finanziell, ökonomisch
und sozial), auf die Eintreibung der uneinbringlich gewordenen
Auslandsschulden gänzlich zu verzichten. Denn was kostet diese
Streichung? In Wahrheit und bei exakter Rechnung: nichts! Denn
worauf verzichtet man denn wirklich? Auf nichts anderes als auf
die Krise, in Schuldner- wie Gläubigerländern!" (Boris, Schulden-
krise und Dritte Welt, 47)
Ja wenn den Geschäftssubjekten der Schädigung der 3. Welt ohnehin
nichts verloren geht, sie sich glatt auch noch die eigene Krise
ersparen, dann wäre ein Beharren auf den Rückzahlungsforderungen
wirklich bescheuert. Das Mitleid für die Hungernden nicht als
feindliche Parteilichkeit gegen die heimischen Geschäfts- und Be-
nutzungsstandpunkte ausdrücken und für etwas Partei ergreifen zu
müssen, wofür in der Welt nichts spricht (nicht einmal ein macht-
volles Aufbegehren der Hungerleider, das die zu Hoffnungsträgern
europäischer Hoffnungssucher machen würde!) - dies muß den Soli-
daiitätsgruppen wie ein sehr starkes Argument, wie ein entschei-
dender Vorteil ihrer Position erscheinen. Man meint sich die
feindliche Frontstellung ersparen zu können, wie früher schon bei
den Themen Öko und Frieden, wo man sich zum Warner und Künder von
Sachzwängen machte, an denen auch die Aufrüster und Umweltvergif-
ter im ureigensten Interesse nicht vorbei konnten. Den Wider-
spruch ihrer Lieblingsrolle wollen sie dabei nicht bemerken: Den
Propagandisten einer sachzwangmäßigen Vernunft, der sich keiner
entziehen kann, kann es nicht geben. Entweder man muß einen
Standpunkt propagieren, oder es handelt sich um einen Sachzwang,
dem sich keiner entzieht.
Noch einen kleinen Unterschied merken sie vor lauter Begeisterung
über ihren Sachzwang zur Rücksicht auf die Staaten der Hungerlei-
der nicht: Soweit mit der Zahlungs- und der Schuldentilgungsunfä-
higkeit der 3. Welt tatsächlich Risiken für die Zentren des Kre-
dits verbunden sind, braucht es keine moralische Entrüstung und
Forderungen nach mehr Sanierungsverantwortung bei IWF und den
westlichen Kreditinstituten. Soweit kümmern sich die Banker schon
selber um das Problem: Nichteinbringbare Schulden können auch sie
nicht eintreiben: die Techniken der Stundung (Moratorium), der
Bezahlung alter Schulden durch neue Kredite (Umschuldung) und
auch des Schuldenerlasses - damit der Schuldner die nicht erlas-
senen Schulden wieder bedienen kann - sind sogar im privaten Kre-
ditgeschäft üblich - im Schuldenverkehr zwischen Nationen, die
man ja nicht pfänden kann, ist derlei schon gleich nicht übermä-
ßig neu. Dergleichen schlagen die Bankiers, die neuen Bünd-
nispartner, nicht nur tagtäglich vor, sie tun es auch.
Soweit die internationalen Banken Schulden erlassen, tun sie es,
damit "es" weitergeht: - alles, was zur Verschuldung und zum
Elend führte; soweit kann sich die Bewegung auf einen über ihre
blöden guten Absichten hinausgehenden Sachzwang berufen.
Das sind aber doch wohl nicht die sozialen Wohltaten, die sie vom
IWF gerne geleistet sähe. Soweit sie freilich an diesen Idealen
festhält, liegt für sie überhaupt kein über ihre guten Absichten
hinausgehendes Bedürfnis der Weltwirtschaft vor und sind diese
ihr genau so unversöhnlich entgegengesetzt wie die Revolution
selber. Nur mit einem Unterschied: Der Appell richtet sich an die
kapitalistische Weltwirtschaft, nicht an ihre Opfer. Ihre Mächti-
gen sollen umkehren und Buße tun, weil es angeblich n i c h t
s o w e i t e r g e h e n k a n n. Warum eigentlich nicht? Nur
deshalb, weil kritische Christen und andere 3. Welt-Freunde ihren
Glauben an die möglichen segensreichen Wirkungen von Geld, Kredit
und Welthandel nicht aufgeben wollen. Nur deshalb soll es mit
Hunger und Schulden nicht einfach immer so weitergehen können!
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"Debt-equity-swap": CA-Geschäfte mit brasilianischen Schulden.
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Daß Zahlungsunfähigkeit der 3. Welt-Staaten nicht die Beendigung
ihrer geschäftsmäßigen Benutzung bedeuten muß, hat die CA unter
heftiger Akklamation heimischer Medien mit ihrem jüngsten Coup
wieder einmal bewiesen. Schuldenforderungen gegen die brasiliani-
sche Nationalbank, die die CA schon zu einem Drittel in ihren Bi-
lanzen als uneinbringlich abgeschrieben hat, erwiesen sich als
geschäftstaugliches Kapital, wofür ihnen die Brasilianer eine 20
Mill. US-Dollar Beteiligung an einer Investbank überließen.
"Angenommen, die Bank hätte in ihrer Bilanz 1981 10 Millionon
Dollar Brasilien-Forderungen stehen. Diese Forderungen repräsen-
tierten nach der Pauschal-Wertberichtigung von 33 Prozent ja nur
mehr einen bilanziellen Wert von 6,6 Millionen Dollar. Wenn die
Bank nun die 10-Millionen-Forderung in eine Beteiligung innerhalb
Brasiliens umwandeln will (was in Brasilien in höchstem Maß er-
wünscht ist und gefördert wird), dann wird ihr nach Vorlage der
Forderung bei den brasilianischen Behörden ein entsprechender Ak-
tienanteil im Wert von 10 Millionen Dollar anerkannt. Die Diffe-
renz zwischen den bereits abgeschriebenen 33 Prozent und dem
vollen Forderungswert geht dann buchhalterisch gewinnwirksam in
die nächste Bilanz der Bank ein." (Profil 15/88)
Ganz im Gegensatz zu dem Gerücht, daß Banken aus ihrem Ge-
schäftsinteresse die 3. Weltschulden meiden wie der Teufel das
Weihwasser, spezialisiert sich die Investbank auf das Geschäft
mit diesen Schulden. Der Umstand, daß brasilianische Zahlungsun-
fähigkeit in investitionsträchtige Zahlungsfähigkeit verwandelbar
ist, hat zu einem munteren Aufschwung eines "second-hand Kredit-
markts" geführt. Wer will sich da noch an die eigene Sorge erin-
nern, daß z u v i e l e Schulden in der Welt sind.
"Die Geschäfte der neuen CA-Tochter werden - im Rahmen der Inve-
stmentbanking - besonders auch ein Feld einbeziehen, das sich in
den letzten drei Jahren im Entwicklungsländer-Finanzgeschäft zu
einer gewissen Blüte entwickelt hat: der Handel mit (bei den Ban-
ken im wesentlichen wertberichtigten) Forderungen an zahlungs-
schwache Länder. Solche Forderungen, die die Banken früher, bevor
sich auch die US-Banken zu Wertberichtigungen entschlossen, fest
in ihren Bilanzen "kleben" hatten, wechseln heute munter ihre Be-
sitzer. Für sie hat sich ein regelrechter blühender Zweite-Hand-
Kreditmarkt entwickelt.
Natürlich wechseln diese Forderungen nicht zum Nennwert den Be-
sitzer, sondern zu einem mit mehr oder weniger kräftigen Abschlä-
gen versehenen Kurs, dessen Höhe sich danach richtet, wie der
Markt die Bonität des Schuldnerlandes gerade einschätzt. Schuld-
titel eines Landes werden vielleicht heute mit einem Abschlag von
60 Prozent gehandelt, während sie vor Jahresfrist noch 10 Prozent
der Nennforderung, also einen Abschlag von nur 30 Prozent, wert
waren. Bei einem anderen Land mag es gerade umgekehrt sein. In
diesen Handel haben sich weltweit schon mehr als 250 Banken ein-
geschaltet, vor drei oder vier Jahren waren es erst ungefähr 50
Institute." (CA-Banker im profil)
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