Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION IWF-KAMPAGNE - Für humanen Imperialismus
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IWF-Tagung in Westberlin
3 TAGE NATIONALE AUFREGUNG ANLÄSSLICH DER
ROUTINEMÄSSIGEN VERWALTUNG VON RUIN UND KREDIT
Dreimal hat sich Westberlin um den Kongreß von Internationalem
Währungsfonds (IWF) und Weltbank bemüht. Jetzt hat es endlich ge-
klappt, und im Fernsehen präsentiert sich ein stolzer Bürgermei-
ster Diepgen: Höchste Finanzchefs und Bankiers aller Herren Län-
der geben der Hauptstadt Deutschlands - pardon, der (noch) ver-
hinderten Hauptstadt Deutschlands die Ehre.
Allenthalben wird großes Aufsehen um diese "mächtige Organisation
" gemacht. Ein nationales Großereignis, sozusagen die Olympiade
des Geldes, wirft Glanz auf die Frontstadt, hebt "die Bedeutung
Berlins" hervor. Entsprechend lassen die Zuständigen und ihre
Ordnungskräfte nicht mit sich spaßen: Weil es doch tatsächlich
Leute gibt, die diesem Kongreß gegenüber kritisch eingestellt
sind, und weil sich darunter ein paar sogenannte "Autonome " und
"Chaoten" befinden, geht der Staat mal gleich von einem riesigen
Anschlag auf Berlin, wenn nicht auf die Fundamente des Staates
selbst aus. Das in Westberlin besonders gut ausgebaute Kontroll-,
Überwachungs- und Einschüchterungswesen und was dergleichen
"Präventivmaßnahmen" sind, tritt voll in Aktion, aus der ganzen
BRD werden "Schutzkräfte" eingeflogen. Aber auch in der übrigen
Republik wird jede Veranstaltung überwacht und unterliegt dem
prinzipiellen Verdacht, ziemlich in der Nähe des "terroristischen
Sumpfes" angesiedelt zu sein.
Ihr gutes Gewissen beim Säubern und Zuschlagen unterstreichen die
Damen und Herren Politiker zugleich dadurch, daß sie eine demon-
strativ verwunderte Ungläubkeit über die Kritiker an den Tag le-
gen: Ist es denn nicht jedermann einsichtig, daß diese interna-
tionalen Finanzinstitutionen eine ganz wichtige Aufgabe bei der
"Bewältigung schwierigster Probleme" erfüllen; muß man ihnen
nicht dankbar sein, wenn sie sich um die Entschärfung der berühm-
ten "S c h u l d e n k r i s e", auch "Schuldenbombe" genannt,
bemühen; und schließlich - geht es nicht ausdrücklich darum,
"Wachstum und Entwicklung" in den Ländern der sogenannten
"Dritten Welt" zu fördern? Die Stoltenbergs und Pöhls lassen sich
also auch die moralische Butter nicht vom Brot nehmen: Allen Ern-
stes behaupten sie, daß die Änderung von ein paar Zinssätzen, das
Hin- und Herschieben von ein paar Krediten, die Erhöhung des IWF-
Kredittopfes und der eine oder andere Schuldenerlaß die Mittel
seien, um Hunger und Elend zu bekämpfen. Den Organisationen, die
jetzt einen Anti-IWF-Kongreß begonnen haben - von den Kirchen
über Gewerkschaften bis hin zu kritischen Professoren und Grünen
- leuchtet genau das schwer ein. Mit einem besonders dicken mora-
lischen Zeigefinger versehen begutachten sie teilnahmsvoll die
Tagung in Berlin daraufhin, ob es dem IWF gelingt, dieses dro-
hende Desaster in der "3. Welt" in den Griff zu bekommen, und äu-
ßern Zweifel, ob er sich auch unabhängig und selbständig genug
dieser hohen Aufgabe widmen kann.
In dieser vertrauensseligen Dummheit, daß arme und reiche Länder
unter den Schulden zu leiden hätten, daß ein Drehen an den Kre-
ditmodalitäten Wohlstand auch noch für den hinterletzten Hunger-
neger bewirken würde, erschöpft sich auch schon die ganze Kritik.
Dabei ist den Ankündigungen des IWF zu entnehmen, daß er wegen
dieser "Schuldenkrise" lang nicht so aufgeregt ist wie das be-
sorgte Publikum und der Hunger sowieso nicht zur Debatte steht.
Schon jetzt steht fest, daß einigen Ländern - nach gründlicher
Prüfung - S c h u l d e n erlassen und anschließend n e u e
K r e d i t e herausgegeben werden. Der IWF hat seine "Mittel"
also schon parat, und - im Kontrast zur öffentlichen Aufregung -
ist das für ihn auch gar n i c h t s N e u e s. Dieses Verfah-
ren praktiziert er schon seit vielen Jahren. Tatsächlich ist ja
auch nicht einzusehen, was an einem Anwachsen der Gesamtschulden
auf mittlerweile 1,2 Billionen Dollar besonders schlimm sein
soll: Wenn man sich nicht von der angeblich großen Zahl beein-
drucken läßt - allein der amerikanische Staat ist mit ziemlich
derselben Summe verschuldet -, fällt auf, daß diese Milliarden
halt im Lauf der Jahre schön gleichmäßig aufgelaufen sind, daß es
das "Problem" der Nicht-Rückzahlung immer schon gegeben hat, daß
die Kreditgeber damit aber ganz gut zurechtgekommen sind und sich
sogar erlauben, wie gerade von der Bundesregierung lauthals ver-
kündet, den "Ärmsten der Armen" 4 Milliarden DM zu erlassen und
günstigere Kreditbedingungen zu gewähren.
Diesen in den 70er Jahren erprobten Dreh der Sozialdemokratie,
die W i r k u n g der von ihr gegebenen Kredite als unumgäng-
lich zu befinden und sich anläßlich eines punktuellen "Verzichts"
auf Rückzahlung lauthals einer schier übermenschlichen Großzügig-
keit zu bezichtigen, beherrscht auch eine "Birne" Kohl. Vor der
denkbar besten Öffentlichkeit putzt er sich als imperialistisches
V o r b i l d heraus: Das erwiesenermaßen mehr als lukrative
Schmarotzertum der BRD an der "Weltwirtschaftsordnung" tritt auf
als ein untypischer, eigentlich unimperialistischer Staatszweck
der vorteilhaft gegen andere Staaten abstechenden BRD. An ihr
kann man studieren, daß Berechnung und Realismus durchaus nicht
in einem Gegensatz zu Hilfe und Weiterentwicklung zu stehen brau-
chen, daß sich - bei richtiger Gestaltung die Interessen von
"Geber- und Nehmerländern" durchaus unter einen Hut bringen las-
sen. Prompt ist den Kritisch-Alternativen dazu auch nichts einge-
fallen, keinen einzigen hat man zumindest mal die mißtrauische
Frage stellen hören, ob da nicht was faul ist, wenn ein Kohl sich
als Gönner der Menschheit aufführt. Statt dessen war zu verneh-
men, eben in diese Richtung müsse man sich die "Lösung der Schul-
denkrise" vorstellen, allerdings handele es sich dabei nur um
einen ersten, bescheidenen Schritt. Dafür muß man sich freilich
auch gänzlich der Frage entschlagen, warum sich die BRD so etwas
l e i s t e t und leisten k a n n: Nicht nur haben ihre priva-
ten Banken aus den Geschäften mit den Staaten der "3. Welt" so
blendende Profite geschlagen, daß sie ohne Beeinträchtigung ihrer
Bilanzen regelmäßig "Wertberichtigungen" (mit Steuerbefreiung na-
türlich) vornehmen konnten - was mit unverhüllter Schadenfreude
gegen die US-Konkurrenz angeführt wird, die unter den stockenden
Rückflüssen tatsächlich mehr leidet -, auch der bundesdeutsche
Staat kann für seine Geschäftswelt im gesamten auf eine positive
Bilanz verweisen, die durch Forderungsverzicht nicht im gering-
sten geschmälert wird - im Gegenteil.
Vom Nutzen der "Verschuldung"
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Ein großzügiges G e s c h e n k, soll man denken, und an nicht
wenigen Stamm- und Küchentischen wird die Frage gewälzt, ob "wir"
weiterhin "denen da unten" das Geld nachschmeißen sollen. Haben
sie sich nicht als unfähig erwiesen, mit dem Geld anständig zu
wirtschaften, und sollte man ihnen nicht endgültig den Hahn zu-
drehen: Obwohl dieser Standpunkt so normal klingt - wer einen
Kredit aufnimmt, muß ihn auch zurückzahlen, wenn nicht, wird man
gepfändet und kriegt keinen neuen hinterhergeschmissen -, teilen
ihn Regierung und TWF in diesem Falle offensichtlich nicht. Die
geschäftsmäßige und politische Begutachtung dieser Länder, die
nicht zufällig R o h s t o f f l ä n d e r heißen, folgt
e i g e n e n M a ß s t ä b e n. Einem Schuldenerlaß sieht man
auf den ersten Blick an, daß der Schuldner ruiniert ist. Ebenso
sieht man aber auch dem neuen Kredit das Interesse an, die Ge-
schäftsbeziehungenfortzusetzen.
Offensichtlich ist der Ruinierte weiterhin nützlich, genauer: Als
Ruinierter ist er nützlich. So nützlich offenbar, daß dieses
großspurige "Geld spielt keine Rolle" ausgerechnet im Verkehr
zwischen Staaten hin und wieder mal gilt, und zwar genau deshalb,
weil Geld die Hauptrolle spielt. Die Schulden haben ihren Dienst
getan: Unterhalb der Ebene des Staatenverkehrs sind lauter nütz-
liche Geschäftsbeziehungen eingerichtet, mit dem dauerhaften Er-
gebnis, daß die einen Geschäfte und die anderen Schulden machen.
Diese Geschäfte sollen trotz der Zahlungsunfähigkeit fortgesetzt
werden. Anderes hat die segensreiche Einrichtung namens Weltmarkt
für die "Drittweltländer" auch gar nicht vorgesehen. Wenn es nur
ums Geldverdienen geht, was haben sie denn vorzuweisen?
Anfangen könnte ein "3.-Welt"-Land solche Geschäfte von sich aus
erst einmal gar nicht. Womit denn? Es hat ein paar Rohstoffe, die
aber zunächst mal gehoben, notdürftig bearbeitet und transpor-
tiert sein wollen. Die dafür notwendigen Produktionsmittel be-
sorgt sich ein Souverän in Mali oder Indonesien bei den Ländern,
die über Industrie verfügen. Davon profitieren gute deutsche Fir-
men wie Siemens, Daimler und andere, die Eisenbahnen, Lastwagen
und Förderanlagen liefern. Und der dafür nötige Kredit kommt
schon wieder aus den Industrieländern und fließt in dem Maße, wie
sich diese Länder als günstige A n l a g e s p h ä r e anbieten
und zurechtmachen lassen. Dabei mag sich ein solcher Souverän al-
lerhand optimistische Vorstellungen darüber machen, daß er aus
dem Verkauf seiner Rohstoffe soviel Geld herausschlägt, daß nicht
nur der Kredit (mit Zins) zurückgezahlt werden kann, sondern auch
ein Überschuß entsteht, mit dem neue Geschäftssphären im Land er-
öffnet werden können.
Sortiert man die Mitglieder des IWF, so kann man die Resultate
dieses Optimismus besichtigen: Neben einer Handvoll sogenannter
Industrieländer steht der ganze große Rest, bei dem sich mehr als
die Ausbeutung einiger "natürlicher Reichtümer" und das ständige
Anwachsen der Schulden einfach nicht einstellen will. Das ist
auch von vornherein schon sonnenklar. Kredite werden ja nur
v e r g e b e n - Staat und Banken gehen da einträchtig Arm in
Arm - berechnet auf diese Rohstoffe; die man dort herausziehen
und dem eigenen "Wirtschaftswachstum", sprich: den Kapitalisten,
zur Verfügung stellen will; und auch Kapitalisten, die dort mal
eine Filiale eröffnen, denken nicht daran, sich in den Dienst ir-
gendeines"nationalen Aufbaus" zu stellen, sondern beuten genau
die zwei oder drei günstigen Geschäftsbedingungen aus, die es
dort gibt - und schauen sich dann um, was sie sonst in aller Welt
mit ihren Profiten anstellen können. Der "natürliche Reichtum",
den sich ein afrikanischer Souverän als günstige Startbedingung
für einen Wirtschaftsaufbau in seinem Land vorstellt, ist für
westliche Staaten und Kapitalisten nichts anderes als e i n e
g ü n s t i g e P r o d u k t i o n s v o r a u s s e t z u n g
- an der sind sie interessiert, an mehr aber auch nicht. Das
heißt aber auch, daß der Verkäufer des Rohstoffs gänzlich
a b h ä n g i g ist vom G e s c h ä f t s g a n g d e r
K ä u f e r: D i e b e s t i m m e n d e n P r e i s und die
M e n g e des abgenommenen Rohstoffs.
Dieses Angewiesensein auf eine Reichtumsquelle, deren Ertrag ganz
von Kalkulationen der Kapitalisten abhängig ist - wenn z.B. die
Konjunktur schlecht ist, stellt sich manchmal überhaupt kein Er-
trag ein -, führt dazu, daß die Rohstoffe immer billiger und die
Schulden immer höher werden. Scheinheilig wird sich hierzulande
verwundert, wenn ihre Exporterlöse immer gleich für die Schulden-
tilgung draufgehen und nicht einmal dafür reichen - als ob es an-
ders hätte kommen können.
Daß im Kapitalismus "natürlicher Reichtum" eher ein Pech als ein
Glück ist und sich immer nur in fremder Hand in kapitalistischen
Reichtum verwandelt, hat zu einer merkwürdigen Kritik an der
"Entwicklungshilfe" geführt. Ganz im Sinne des verhimmelnden Na-
mens dieser Sorte Staatskredit, wird der "Entwicklungshilfe" zu-
gute gehalten, sie hätte "eigentlich" die Befreiung der Länder
aus dieser Abhängigkeit zum Ziel. Wenn die Resultate diesem Idea-
lismus nicht gerecht werden wollen, wird nach Verstößen geforscht
- und dabei werden immer die zwei gleichen zutage gefördert:
- Die "Entwicklungshilfe" sei an Lieferaufträge gebunden worden.
- Sie habe leichtfertig "industrielle Prestigeobjekte" gefördert.
Z u m e i n e n: Unter einer "Entwicklungshilfe", deren Verwen-
dung ganz in die Freiheit des Empfängers fällt, scheinen sich die
Freunde dieses Instruments eine national- und damit volksnützli-
che Wirkung zu versprechen. Nun betrachtet ein Souverän dieses
Geld aber nicht unter dem Gesichtspunkt, wie er es möglichst mas-
senfreundlich an seine Bauern und Slumbewohner verteilen kann.
Schließlich handelt es sich um harte Devisen, die dafür viel zu
schade sind, weil sich mit ihnen unabdingbar scheinende Produkti-
onsvoraussetzungen kaufen lassen. Er kommt schon selber darauf,
dieses Geld in die Länder zurückzirkulieren zu lassen, wo diese
Produktionsvoraussetzungen einzukaufen sind. Wenn ein bundesdeut-
scher Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ganz sicher ge-
hen will, daß dieses Geld wieder in der BRD und nicht bei deren
Konkurrenten landet, tut er einem Souverän der "3. Welt" auch
keinen übermäßigen Tort an. Außerdem könnte man sich ja mal fol-
genden "Teufelskreis" einleuchten lassen: Ein Staat wie die BRD,
dessen Ökonomie am Weltmarkt eine führende Rolle spielt, hat eben
deswegen den finanziellen Handlungsspielraum, sich in aller Welt
mit dem Angebot der "Entwicklungshilfe" beliebt zu machen - da
seine Ökonomie sich am Weltmarkt hervorgetan hat, wird es dann
auch sie sein, die mit ihren Angeboten diese umverteilte Kauf-
kraft quasi automatisch wieder an sich zieht. Das klappt auch
ganz gut ohne "Auflagen".
Z u m a n d e r e n:
"... die Errichtung industrieller Komplexe bevorzugt wurde. Si-
cherlich mögen da oft die Wünsche der Industrieländer Pate ge-
standen haben. Das als hochmoderne Anlage gelieferte Stahlwerk
Rourkela ist ein frühes Symbol für diesen falschen, inzwischen
verlassenen Weg. Er war damals freilich auch von den auf Stahl-
werke, Staudämme, Fluglinien und ähnliche Prestigeobjekte erpich-
ten jungen Staaten bevorzugt worden. Auch sie sind inzwischen
klüger geworden, zumal Hungersnöte ein bitteres Lehrgeld sind."
(Franz Thoma in der Süddeutschen Zeitung, 24.9.)
Um einen "falschen Weg", einen Irrtum sozusagen soll es sich also
gehandelt haben. Einfach vertan haben sich Krediteure und Kredi-
tierte, und das "bittere Lehrgeld" von Hungersnöten konnte nicht
ausbleiben. Gegenfrage: Worin besteht denn jetzt die Lehre? Daß
sich Länder dieser Kategorie mit solchen Projekten einfach über-
nehmen, deswegen heißen sie jetzt "Prestigeobjekte". Auch eine
berauschende Art, den schlichten und harten Sachverhalt zu um-
kleiden, daß für solche Länder "Entwicklung" eben genauso geht,
wie sie jetzt zu besichtigen ist. Verkauft hat man ihnen die
Stahlwerke gern, und es auch gern gesehen, daß sie den Reichtum
ihres Landes dafür bedenkenlos anspannten (deshalb reine Heuche-
lei, das zur Zeit besonders gepflegte Entsetzen über die
"Umweltzerstörung"). Zugleich: Worauf sollten die Souveräne der
"3. Welt" denn setzen wo sie sich schon zum Teilnehmer des Welt-
marktes aufschwingen wollten -, wenn nicht auf die Beschaffung
der e l e m e n t a r s t e n V o r a u s s e t z u n g e n
eines nationalen Wirtschaftswachstums? Dafür haben sie ihre Ex-
porterlöse verwendet und sich Kredite beschafft. Mittlerweile hat
sich die Illusion von der "nationalen Entwicklung" als eben sol-
che herausgestellt und sehr abgeklärt wissen die
N u t z n i e ß e r dieser gigantischen "Pleite", daß ein
"falscher Weg" eingeschlagen wurde und sie dem Ehrgeiz der Neger-
fürsten nicht hätten "nachgeben" dürfen. Sehr weit entfernt von
diesem Zynismus sind die linken Kritiker übrigens nicht, wenn
auch sie plötzlich entdeckt haben wollen, daß für solche Staaten
ein "Aufbau in bescheidenem Rahmen" das genau Angemessene wäre.
Was wollen sie denn damit gesagt haben? Für solche Staaten ist
ein Ü b e r l e b e n s p r o g r a m m mit Handpumpen in der
Wüste und Lastenfahrrädern in der Stadt schon das höchste Glück -
mehr, als daß sie nicht gleich verrecken, kann sich auch ein Lin-
ker anscheinend nicht vorstellen. So ist es schließlich kein Wun-
der, daß die Parole "Hilfe zur Selbsthilfe" mittlerweile partei-
übergreifender Konsens ist.
Dabei schert man sich in unseren Breiten überhaupt nicht um den
Sachverhalt, daß für die Z u r i c h t u n g solcher Länder die
Bevölkerung bis auf wenige Ausnahmen ü b e r f l ü s s i g
u n d s t ö r e n d ist. Nicht nur wird sie systematisch aus
ihren gewohnten Lebensverhältnissen, wie bescheiden sie auch
sind, herausgetrieben - in den Slums der paar Großstädte findet
sie sich dann ein -, auch jede staatliche A u s g a b e für sie
stellt eine reine Verschwendung dar. Das ist der
g e m e i n s a m e S t a n d p u n k t der lokalen Herrscher
wie ihrer imperialistischen Kreditgeber. Damit sollte einmal ganz
klar sein: Das Problem der verelendeten Bevölkerung sind nicht
die S c h u l d e n ihres Staates, sondern die K r e d i t e,
die er aufgenommen hat und die ihm gewährt wurden, genauer: das
mit diesen Krediten durchgesetzte ö k o n o m i s c h e
I n t e r e s s e. Hunger und Elend verdanken sich nicht der
Tatsache, daß der Staat Kredite nicht abtragen kann oder nicht
genügend bekommt, sondern der B e n u t z u n g, der dieses
Land mit Hilfe der Kredite unterliegt.
Vom Nutzen erlassener Kredite
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Zurück zum Schuldenerlaß. Der ist also wirklich nicht verwunder-
lich: Das Kreditbedürfnis der Rohstofflieferanten nimmt ganz lo-
gisch ständig zu, ebenso nehmen auch ihre Zahlungsschwierigkeiten
ganz logisch zu. Umgekehrt wächst bei den Kreditgebern die
"Einsicht", daß hin und wieder mal ein Kredit abgeschrieben wer-
den muß. Sichergestellt ist ja, daß er sich s c h o n
l ä n g s t r e n t i e r t hat. Sei es bei der Bank, die ewige
Zeiten Zinsen kassiert und kapitalisiert hat, sei es bei ihren
industriellen Klienten, die mit den von dort bezogenen Produkti-
onsvoraussetzungen blendende Geschäfte gemacht haben. Der Staat
schließlich kann mit dieser eingerichteten
B e n u t z b a r k e i t und F u n k t i o n a l i t ä t auch
zufrieden sein. Er hat nur noch nachzuschauen, daß das Verhältnis
von Kreditvergabe und Schuldendienst geregelt ist, wozu Schul-
denerlaß und neue Kredite gleichermaßen gehören. So bekommen
diese Staaten tatsächlich Kredite, die sich vom normalen Kredit-
gebaren eigentümlich unterscheiden, aber gerade dafür, d i e
w e l t w e i t e W i r k s a m k e i t d e s K r e d i t s -
der seine Heimstatt eben in dieser Handvoll "Industrieländer" hat
- z u u n t e r m a u e r n. Der riesige Schuldenberg ist für
Gläubigerstaaten die Garantie, daß sich Schuldnerstaaten den öko-
nomischen und politischen Zumutungen ihrer Benutzer fügen müssen.
Aus dem Entwicklungsidealismus ist der Realismus geworden, daß
die Betreuung von Schuldnerstaaten die angemessene Entwicklungs-
hilfe ist.
Die Verwaltung der Zahlungsunfähigkeit
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Der IWF ist dafür erst einmal nichts anderes als eine Art inter-
nationales Statistisches Bundesamt. Die Bürokraten in Washington
schreiben auf, welche Kreditverhältnisse existieren, wo wieviel
und wovon produziert wird, die Wachstumsraten, das Bruttosozial-
produkt, das Pro-Kopf-Einkommen usw., usf. Sie scheren also alle
Länder über einen Kamm und tun praktisch so, als wären im Prinzip
überall mehr oder minder gelungene Marktwirtschaften zu Gange,
die aus ihren jeweiligen Voraussetzungen das beste machen. Dann
lassen sich diese Beobachter V o r s c h l ä g e einfallen, wie
man das "Wachstum" verbessern könne. Das hat dem IWF bei gutmei-
nenden und kritischen Menschen den Ruf eingetragen, er wolle die
Völker der "3. Welt" drangsalieren, weil bei seinen Vorschlägen
ja regelmäßig vorkommt, jede ü b e r f l ü s s i g e K o s t -
und darunter rangieren natürlich immer solche Sachen wie Nah-
rungsmittelsubventionen, Kredite für Kleinbauern etc. - müßte
weggestrichen werden. Dabei handelt es sich aber eben nicht um
eine verwerfliche Gemeinheit, wenngleich der IWF zweifellos sei-
nen Teil zum Hunger in diesen Regionen beiträgt, sondern um eine
streng m a r k t w i r t s c h a f t l i c h e D e n k w e i-
s e: Für eine gelungene Kapitalakkumulation sind niedrige
Kosten, Sparen am Lohn und am Konsum der Massen, nun mal eine
nützliche Voraussetzung - was Staat und Kapital hierzulande
regelmäßig als "Sanierungsprogramme" für Arbeiter, Arbeitslose
und Rentner vorexerzieren. Der Witz ist nur. daß "dort unten" gar
keine nationale Reichtumsproduktion existiert, die sich auf dem
Weltmarkt bewähren könnte und für die eine Kostensenkung ein Ge-
schäftsmittel wäre. Wachstum stellt sich zwar nicht ein, wenn die
vom IWF beaufsichtigten Länder ihre Brot- und Fahrpreise erhöhen,
ökonomisch nutzlos ist es dennoch nicht: So ist dafür gesorgt,
daß auch noch der letzte Peso für die Erfüllung des Schulden-
dienstes herangezogen wird. Staaten, die diese Pflicht ableisten,
bekommen vom IWF ihre Folgsamkeit attestiert: Die Zuverlässig-
keitsprüfung ist abgelegt, und der IWF selbst stellt die neue
Kreditwürdigkeit fest, indem er mit s e i n e n Krediten bei
den internationalen Geldgebern für ökonomische Sicherheiten
sorgt.
Das verstockte Vertrauen in die "Weltwirtschaftsordnung"
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Dies hat dem IWF bei seinen Kritikern, die sich über seine
"harten Maßnahmen" erregen, auch einen s e h r g u t e n R u f
eingetragen. Die Tatsache, daß er bei der Neuzuteilung von Kredi-
ten mitmischt, nehmen sie glatt als seine "gute ", seine
"eigentliche" Seite: E r könnte doch, kraft seiner Hoheit über
den Kredit, für die Beseitigung von Hunger und Elend sorgen.
Diese Ideologie, sie könnten durch ganz geschicktes Haushalten,
rechtzeitiges Kreditvergeben, Veröffentlichung von guten
Ratschlägen, Anknüpfen neuer Geschäftsbeziehungen usw. die ganze
- momentan noch etwas verkorkste - Welt in Ordnung bringen, ge-
fällt diesen Weltwirtschafts-Bürokraten ausgezeichnet. Auch sie
werfen sich gern in die Pose, es wären nicht kapitalistische
G e s e t z m ä ß i g k e i t e n am Werke, sondern die überall
zu beobachtende Scheiße würde sich nur "Fehlentwicklingen " ver-
danken, die nur endlich einmal "entschlossen und weitsichtig",
das heißt durch die Anwendung von n o c h m e h r
M a r k t w i r t s c h a f t, korrigiert werden müssen - am be-
sten durch eine völlig "neue Weltwirtschaftsordnung" mit einer
"Weltwährungsreform" obendrauf.
So ähnlich denken die "Kritiker" in ihrem bodenlosen
V e r t r a u e n in das System der Freien Welt auch. Bloß
denken sie bei den Leistungen des IWF weniger an Marktwirtschaft,
sondern an ganz viele menschenfreundliche, "weiche" Kredite - am
besten ohne Verschuldung. So kommt es zu der Absurdität, daß der
IWF s o t u t und seine "Kritiker" fest g l a u b e n, daß
die internationale Finanz- und Geschäftswelt sowie ihre politi-
schen Garanten eine einzige Weltbeglückungsinstanz sein könnten,
wenn nur eine o b e r s t e P l a n u n g s b e h ö r d e,
vollgestopft mit "unabhängigen Fachleuten", die nur unabhängig
genug sein müssen, dafür sorgt, daß es nur noch gute Kredite und
keine Schulden mehr gibt.
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