Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION IWF-KAMPAGNE - Für humanen Imperialismus
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Elmar Altvaters Sachzwang Weltmarkt:
VERLIEBT IN "DIE KRISE"
Elmar Altvater erweist sich in seinem neuesten Buch erneut als
Großmeister des "Krisen"-Gedankens. "Krise", das ist für ihn
nicht etwa eine Phase im Konjunkturzyklus des sich verwertenden
Kapitals; nämlich die Phase, in welcher vorhandenes Kapital und
lohnende Kapitalanlagemöglichkeiten a l l g e m e i n auseinan-
dertreten, wobei mit dem Durchstreichen einiger Werte einiges an
Gebrauchswerten und ziemlich viel Menschenschrott - auf der
Strecke bleiben, aber genau so Kapitalverwertung wieder zu der
ungemein lohnenden Sache wird, die mit viel Kredit rücksichtslos
gegen jede selbstproduzierte Schranke des zahlungsfähigen Bedürf-
nisses solange flott läuft, bis sich erneut das Wertgesetz zu
Wort meldet. Dies meint Altvater nicht. Für ihn ist die Krise
vielmehr eine Art Universalkategorie, mit der er sich alles, was
er auf der Welt an "Störungen" registriert, erklären kann.
Bereits im Buchtitel - "Sachzwang Weltmarkt. Verschuldungskrise,
blockierte Industrialisierung, ökologische Gefährdung - Der Fall
Brasilien." (VSA 1987, 382 Seiten) - stellt Altvater klar, daß
für ihn die Leistungen der imperialistischen Ordnung der Welt-
wirtschaft ein einziges "Blockieren" und " Gefährden" sind, das
vor keiner Unterabteilung des Weltmarkts halt macht. Nichts
klappt. Der "Krise" kann nichts und niemand entrinnen.
Wer die Vollendung des Weltmarktes bisher begriffen hatte als die
Eröffnung neuer Freiheiten für Warenexport und Kapitalanlage; wer
bisher in der Internationalisierung und Aufblähung des Kreditge-
werbes das Bedürfnis des Bankkapitals erfüllt sah, zur rentablen
Bedienung der gesamten kapitalistischen Geschäfts- und Staaten-
welt auf die Finanzmittel sämtlicher Geldbesitzer auf dem Globus
zurückgreifen zu können, und wer in der chronischen Verschuldung
der Drittweltländer bisher den Beleg für - staatlich und supra-
staatlich verbürgte - Erfolge der Welt des produktiven und des
Bankkapitals sah, der hat es sich mal wieder zu einfach gemacht
und muß mit Altvater umlernen; was ohne einen Grundkurs in seiner
Krisentheorie nicht geht.
I. Die Krise: Logik einer Universalkategorie...
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1. Scheitern an erfundenen Zwecken
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Über die "Krise des modernen Sozialstaates", die bei Altvater für
das angeblich vollständig zerrüttete Innenleben der kapitali-
stisch verfaßten Industriestaaten seit den 70er Jahren typisch
ist, vermeldet er etwa:
"Den begrenzten Mitteln (des Sozialstaates) ist das
f u n k t i o n a l e S c h e i t e r n geschuldet; Einkommen
aus Erwerbsarbeit für alle Erwerbstätigen zu gewährleisten." (28)
Der "moderne Sozialstaat" befindet sich folglich in einer Krise,
weil er es wegen begrenzter Mittel nicht (mehr) schafft,
"Arbeitsgesellschaft" zu sein, also eine Gesellschaft auf die
Beine zu bringen, in welcher die Bedingungen dafür gegeben sind,
daß die Industrie nicht nur akkumuliert, sondern in der auf diese
Weise allen Erwerbsfähigen auch Erwerbsmöglichkeiten offen ste-
hen, die ihnen den Lebensunterhalt sichern. Der B e l e g für
das Scheitern des Sozialstaates sind für Altvater die Arbeitslo-
sen, die bei ihm "strukturelle Massenarbeitslosigkeit" heißen.
Erklärt ist mit dem Verweis auf angebliche
U n t e r l a s s u n g e n des Sozialstaats natürlich die Exi-
stenz keines einzigen Arbeitslosen. Denn dadurch, daß der Sozial-
staat n i c h t für B e s c h ä f t i g u n g sorgt, werden
bekanntlich die Leute nicht a r b e i t s l o s. Der Auftrag,
den Altvater dem Sozialstaat anträgt, setzt bereits jene Arbeits-
losen voraus, die bei Altvater das Produkt seines zum Scheitern
verurteilten Sozialstaats sind. Der Z w e c k, an welchem Alt-
vater den Sozialstaat scheitern läßt, hat dabei mit dem, was der
Sozialstaat ist und leistet, nichts, viel aber mit dem, was ihm
Altvater als sein I d e a l von Sozialstaat unterstellt, zu
tun. Dabei möchte Altvater sein Ideal einer "Arbeitsgesellschaft"
nicht nur im und durch den Sozialstaat realisiert sehen, er geht
zudem davon aus daß die R e p r ä s e n t a n t e n des Sozial-
staates sich seinem Ideal g l e i c h f a l l s v e r-
p f l i c h t e t haben.
Den Beleg für sein Urteil, der Zweck des Sozialstaats sei Vollbe-
schäftigung, bleibt Altvater dabei nicht nur schuldig, er tritt
ihn erst gar nicht an. Er leistet es sich, bereits dort mit der
Diagnose einzusetzen, wo nicht einmal der Befund redlich benannt
ist. Denn ob Arbeitslosigkeit f ü r d e n S o z i a l-
s t a a t überhaupt jenen Mißstand darstellt, der sie f ü r
d i e A r b e i t s l o s e n ist; ob die Arbeitslosen ein
"M i ß l i n g e n" von Z w e c k e n anzeigen, die der
Sozialstaat s i c h s e l b s t gesetzt hat; ob die Ar-
beitslosigkeit also ein "S c h e i t e r n" belegt, ob sie ein
i n K a u f g e n o m m e n e s Resultat bei der Verfolgung
ganz anderer Anliegen oder ob sie gar ein sehr bezwecktes Ergeb-
nis darstellt, das ist der Arbeitslosigkeit so nicht zu entneh-
men. Dem Altvater reicht das: Wo M i ß s t ä n d e angeprangert
werden, da ist irgendwelchen Verantwortlichen ein
M i ß l i n g e n anzukreiden. Den öffentlichen Krokodilstränen
über einige Millionen Bürger ohne Einkommen muß man dafür nicht
nur auf den Leim gehen, sondern jene Tränen als unerschütterli-
chen Beleg dafür nehmen, daß hier zugleich die Politiker des So-
zialstaats ihr eigenes V e r s a g e n beweinen. Schon gelten
die albernsten Sprüche der sozialkundlichen Indoktrination des
Nachwuchses als wissenschaftlich geprüfte Wahrheiten. Und ab so-
fort läßt sich nach der Logik, daß ein Fahrrad irgendwie ein zum
Scheitern verurteiltes Flugzeug sei, über "Leistungen" des Sozi-
alstaats fabulieren, die allein dem Reich frommer Wünsche ent-
lehnt sind. Die tatsächlichen Leistungen, wie etwa die der Sozi-
alversicherungen - Kernstück des Sozialstaats -, passen in dieses
Bild nicht hinein: Bekanntlich sehen diese Versicherungen erstens
den Fall der Erwerbslosigkeit als massenhaftes Schicksal vor und
erteilen zweitens mit ihren "Hilfen" den Erwerbslosen den Auf-
trag, sich als Glied der Reservearmee in Bereitschaft und fit zu
halten. Der Sozialstaat entdeckt nämlich in der Arbeitslosigkeit
kein nationales Unglück, sondern eine ökonomische Lage, die
b e n u t z t wird und deswegen staatlich v e r w a l t e t
gehört. Die sozialstaatliche Betreuung der Reservearmee, die vom
Kapital als Arbeitsreserve und als Lohndrücker eingesetzt wird,
kennzeichnet die Leistung des Sozialstaats. Aber weil die
B e t r e u u n g der Reservearmee deren A b s c h a f f u n g
nicht leistet, also nicht leistet, was sie gar nicht leisten
soll, entdeckt Altvater ein einziges Versagen des Sozialstaats.
2. Scheitern kommt vom Scheitern
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Mit dieser idealistischen Konstruktion der Welt ist nur der erste
Schritt zur Entfaltung der wahren Größe der Universalkategorie
"Krise" gemacht. Altvaters b e s o n d e r e Leistung, mit der
er sich aus der Welt des gewöhnlichen Idealismus a b s e t z t,
ist s e i n e E r k l ä r u n g des Scheiterns. So liegt etwa
das Scheitern des Sozialstaates für ihn in der "Entkoppelung von
Wachstum und Beschäftigung" begründet:
"Aufgrund der geringen Investitionsneigung ist der reale Akkumu-
lationsprozeß ins Stocken geraten, und daher sind in allen Indu-
strieländern, wenn auch mit zum Teil beträchtlichen Unterschie-
den, der Beschäftigungsgrad rückläufig und die Arbeitslosigkeit
strukturell verfestigt. Man kann daher auch von einer
E n t k o p p e l u n g v o n W a c h s t u m u n d
B e s c h ä f t i g u n g sprechen, die für die 'Krise der Ar-
beitsgesellschaft' v e r a n t w o r t l i c h ist." (228)
Wenn eine Erklärung, die doch den Grund des konstatierten Phäno-
mens 'Arbeitslosigkeit' angeben soll, mit dem Urteil endet, daß
Wachstum sie n i c h t v e r h i n d e r t habe, dann ist man
genauso schlau wie zuvor. Erfahren hat man keinen
p o s i t i v e n Grund für die Arbeitslosigkeit, sondern ein
neues Ideal von Altvater. Wachstum, so unterstellt sein Gedanke,
habe eigentlich Beschäftigung zu schaffen: Wachstum und Beschäf-
tigung, so behauptet er, sind aneinander g e k o p p e l t.
Wenn sie e n t k o p p e l t werden, dann - logo - kann nicht
dasselbe Resultat herauskommen, welches bei Koppelung zu erwarten
gewesen wäre. Altvaters "Erklärung" des Scheiterns des Sozial-
staates besteht folglich darin, daß er nun die
A k k u m u l a t i o n an gleichfalls erfundenen Zwecken schei-
tern läßt. Den Sozialstaatsvollbeschäftigungsidealismus dichtet
er jetzt der Akkumulation an, so daß der Sozialstaat scheitern
m u ß t e, weil schon die Akkumulation an ihrem Beschäftigungs-
auftrag gescheitert ist. Müßig ist auch hier der Hinweis, daß
jede Akkumulation, die eine Rationalisierung der Produktion ins
Werk setzt, den angeblichen Beschäftigungszweck von Investitionen
widerlegt. Altvater weiß das, aber dieses Wissen interessiert ihn
an dieser Stelle nicht, weil er es nicht gebrauchen kann.
Das Krisen-Karussell hat sich weitergedreht und dabei einen neuen
Befund erbracht, auf welchen es ALTVATER sehr ankommt: Wenn näm-
lich dem Scheitern des Sozialstaats das Scheitern der Akkumula-
tion zugrundeliegt, dann liegt es für ALTVATER auf der Hand, daß
das Scheitern des Sozialstaats n o t w e n d i g ist.
Sein theoretischer Anspruch, nicht Schuldfragen zu wälzen, son-
dern E r k l ä r u n g e n anzubieten, führt ihn zu einer Ver-
dopplung seiner idealistischen Konstruktion: er bietet keinen
p o s i t i v e n Grund an, der die Arbeitslosigkeit erklärt,
sondern setzt den Zirkel der Negativ-Begründungen weiter fort.
Das Spielchen läßt sich weiter treiben und wird von ALTVATER wei-
tergetrieben: Warum mußte notwendig die Akkumulation an ihrem Be-
schäftigungszweck scheitern? Klar doch, "aufgrund der
f e h l e n d e n Investitions n e i g u n g"! Hier läßt sich
die Dummheit des Gedankens wirklich nicht mehr hinter dem theore-
tischen Gestus verbergen: G r u n d für die "stockende Akkumu-
lation" soll die "fehlende Neigung" zur Akkumulation sein. Wer
hätte gedacht, daß es denen an N e i g u n g zum Investieren
gefehlt haben muß, die b e s c h l o s s e n haben, sie zu
stoppen! Die Verdoppelung desselben Phänomens in die
(unterlassene) ökonomische Maßnahme und den (fehlenden) Willen zu
ihr erklärt nichts. Nach Altvaters Krisenlogik jedoch alles, denn
wahrscheinlich ist im Gefolge der Akkumulation auch die
(Akkumulations-) Neigung in ihre Krise geraten.
3. Krise ist Schicksal
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Wenn jetzt noch alle Länder
"ähnliche Krisenindikatoren aufweisen, dann ist offenbar das
k a p i t a l i s t i s c h e W e l t s y s t e m in der Krise;
dann ist die zu untersuchende Einheit nicht die einzelne Nation,
komparativ zu anderen in Beziehung gesetzt, sondern das kapitali-
stische Weltsystem insgesamt. ... Seit Mitte der 70er Jahre ist
die Krise auch in dem Sinne a l l g e m e i n, daß sie alle Na-
tionen und Regionen in ihren Bann gezogen hat." (228 f)
Der Zirkel der unentrinnbaren Krisenhaftigkeit des "kapitali-
stischen Weltsystems" ist g e s c h l o s s e n. Krise ist
jetzt ein notwendig sich selbst bedingender und alles erfassender
"Sachzwang". Damit hat Altvater den Übergang von d e n Krisen
zu d e r Krise vollzogen. Konnte man bei der Krise des
Sozialstaats und der Krise der Akkumulation noch davon ausgehen,
daß es d i e s e jeweils zu e r k l ä r e n galt, so hat sich
Altvater jetzt umgekehrt zu "der Krise" als dem A l l g r u n d
aller (Krisen-)Phänomene, wie er sie auf der Welt entdeckt, vor-
gearbeitet. "D i e K r i s e" zieht alles in ihren Bann, lau-
tet die Auskunft, mit der Altvater den m e t h o d i s c h e n
B e g r i f f der von ihm zusammengetragenen Phänomene (von der
Arbeitslosigkeit bis zum Umweltschutz) für ihre Erklärung aus-
gibt. Wirken müßte demnach so etwas wie eine allgegenwärtige
K r i s e n h a f t i g k e i t, die g e t r e n n t von den
Gesetzmäßigkeiten der nationalen Akkumulation oder des Welt-
markts, in den Drittweltländern oder im entwickelten kapitalisti-
schen Sozialstaat i m m e r für "Krise" verantwortlich ist.
"Krise" ist damit S c h i c k s a l: drohend, allumfassend, un-
entrinnbar und ziemlich u n erklärlich. Dies ist die Konsequenz
des zu Ende geführten Zirkels, in welchem die eine Krise aus der
nächsten Krise erklärt wird oder diese erklären soll.
Krise taucht darin zwangsläufig immer d o p p e l t auf: Einmal
ist sie d a s z u E r k l ä r e n d e, u n d d a n n i s t
s i e z u g l e i c h d i e E r k l ä r u n g, sie ist immer
Tatbestand und sein eigener Grund, sie ist die Summe von als Stö-
rung definierten Phänomenen und zugleich die Wahrheit über sie;
so etwa, wenn die "Krise des Sozialstaats" aus der "Krise der Ak-
kuulation" erklärt wird, diese wiederum aus der "Krise des kapi-
talistischen Weltsystems", welches seinerseits auf "Krise allge-
mein" verweist. Diese Tautologien-Kette, die ihre Plausibilität
als Erklärung ausgerechnet dadurch gewinnen soll, daß jedes wei-
tere Kettenglied dünner und leerer wird, hebt letztendlich den
ganzen Krisen-Gedanken auf: Wenn immer die Krise aus der Krise
erklärt wird, dann f e h l t letztlich j e d e r Grund für
sie. Es sei denn, sie ist sich selbst ihr eigener Grund: Die Kri-
sen h a f t i g k e i t von diesem und jenem führt notwendig zur
Krise. In diese letzte bombastische Tautologie löst sich Altva-
ters Krisengeschwafel auf, das damit endgültig nicht mehr mit ei-
ner Kritik des Kapitalismus verwechselt werden kann. Entsprechend
fallen seine Urteile über den Kapitalismus aus:
4. Kapitalismus: ein Nicht-Funktionieren-Können
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Wenn Altvater die Krise des Sozialstaats ausruft, beklagt er we-
der die Arbeitslosigkeit, noch will er ihre B e h e b u n g
durch den Sozialstaat e i n k l a g e n, wie dies der gemeine
Idealismus tut. Er ist nämlich kein Parteigänger der Arbeitslo-
sen, sondern er ist allein P a r t e i g ä n g e r d e s
K r i s e n g e d a n k e n s. Die Welt unter seine methodische
Krisenkonstruktion gezwungen, führt er den Nachweis, daß die
K r i s e n o t w e n d i g ist; und darunter versteht er, daß
der K a p i t a l i s m u s n i c h t f u n k t i o n i e-
r e n kann. Es mögen sich die Repräsentanten des Sozialstaats
noch so sehr abmühen; ihren Auftrag, Beschäftigung zu sichern,
müssen sie notwendig verfehlen, weil eben die Akkumulation in der
Krise ist usw.
Die Notwendigkeit einer Sache zu erfassen, heißt eben bei Altva-
ter nicht, nach einem positiven Grund für das eine oder andere
Ärgernis zu suchen, sondern dieses als u n g e w o l l t e,
a b e r u n a u s w e i c h l i c h e W i r k u n g eines an-
deren Sachverhalts zu behaupten. So gerät ihm jede Erklärung der
Arbeitslosigkeit (der Drittweltverschuldung, des sinkenden Dol-
lars usw.) zum Nachweis, daß der Kapitalismus "seit den 70er Jah-
ren" einfach nicht mehr i n d e r L a g e sei, so zu funktio-
nieren, wie es Altvaters Begriff von Wachstum und Sozialstaatstä-
tigkeit entspricht.
Das merkwürdige Interesse am N a c h w e i s d e s N i c h t -
F u n k t i o n i e r e n - K ö n n e n s ersetzt damit den
theoretischen Standpunkt, den Kapitalismus erklären zu wollen,
durch die Verrücktheit einer n e g a t i v e n
P a r t e i n a h m e für ihn. Theoretische Sorgen um das Funk-
tionieren des Kapitalismus sind nämlich selbst dann noch sehr am
Kapitalismus interessierte Sorgen, wenn dessen Funktionieren
theoretisch blamiert werden soll. Die Frage, ob der Kapitalismus
funkionieren könne, die muß man sich schon gestellt haben, auch
wenn man sie negativ zu beantworten gedenkt.
5. Kapitalismus ohne Verlierer
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Der Idealismus, der bei ALTVATER jede Krise dadurch konstituiert,
daß sich an ihm vergangen wird, sorgt für die Fiktion eines Kapi-
talismus, in welchem eigentlich die Interessen a l l e r in ihm
zur Geltung kommen könnten, wenn es eben nicht "die Krise" gäbe.
Das Vollbeschäftigungsideal der Akkumulation etwa behauptet die
prinzipielle Verträglichkeit des Anliegens der Kapitalisten, In-
vestitionen als Mittel des Geschäfts zu tätigen, mit dem der Ar-
beiter, sich von dem Geschäft ihre Scheibe abzuschneiden. So wer-
den Unternehmergewinn und Arbeitereinkommen verträgliche Größen,
auch wenn jede die andere beschneidet. Und erst die Dazwischen-
kunft der Krise zerstört das Bild einer einträchtigen Gemein-
schaft von Ausbeutern und ihrem Material im Kapitalismus. Verwun-
dern darf das nicht mehr, ist doch Altvaters theoretisches Inter-
esse, das Nicht-Funktionieren-Können des Kapitalismus nachzuwei-
sen, nur die Konsquenz eines u m g e d r e h t e n H a r-
m o n i e i d e a l s. Es muß das Bild eines Kapitalismus ohne
Verlierer erst einmal entworfen sein, damit der Krisentheoretiker
sich daran begeben kann, in der Krise den Allgrund dafür zu
entdecken, warum seine schöne Idealität d e s K a p i-
t a l i s m u s nicht W i r k l i c h k e i t w e r d e n
k a n n. Es muß erst einmal behauptet sein, daß Lohnarbeiter
hierzulande die potentiell erfolgreichen Teilhaber an jener
Ausbeutung sind, der sie unterliegen, ehe dem Kapitalismus durch
"die Krise" das "Scheitern" in dieser Frage artiger Aufteilung
des produzierten Reichtums attestiert wird.
Genaugenommen bringt deswegen die Krise für Altvater auch nicht
etwa jene G e g e n s ä t z e zutage, die den Kapitalismus aus-
zeichnen, sondern nur S t ö r u n g e n des unterstellten Funk-
tionierens.
6. Kapitalismus scheitert an Konkurrenz
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Im Aufspüren von O p f e r n ist Altvater deswegen auch nicht
kleinlich. Auf seiner Opferliste stehen nicht nur die Arbeitslo-
sen, die verelendeten Massen in der "Dritten Welt", sondern alle,
die irgendwo auf der Welt einen Verlust zu beklagen haben: Der
Schuldner, der wegen fehlender Einnahmen in Zahlungsverzug gekom-
men ist, ebenso wie der Gläubiger, der schon mal einen Kredit
bschreiben muß; der Arbeiter, der keine Beschäftigung hat, ebenso
wie der industrielle Kapitalist, dessen Akkumulation ins Stocken
gerät oder der seine Gewinne einfach nicht mehr gescheit anlegen
kann. Kein Wunder, ist doch die Krise a l l g e m e i n.
Die systematische Verwandlung eines jeden wie auch immer gearte-
ten Verlustes in Zeichen für Krise steht letztlich nicht nur für
das Ideal eines Kapitalismus ohne den Gegensatz zwischen Ausbeu-
tern und Ausgebeuteten, sondern für das I d e a l e i n e s
K a p i t a l i s m u s o h n e K o n k u r r e n z, welches
der Kapitalismus bloß eben nie verwirklichen kann.
Ö k o n o m i s c h v e r w e c h s e l t A l t v a t e r
a l s o K o n k u r r e n z m i t K r i s e: Überall dort -
in der Konkurrenz der Kapitale, in der Konkurrenz von Industrie-
und Bankkapital, in der Konkurrenz von Staaten usw. -, wo die
K o n k u r r i e r e n d e n s e l b s t oder die Konkur-
renz o b j e k t e Schaden nehmen - sei es weil sie in der Kon-
kurrenz verloren haben, oder sei es, weil sie in der Konkurrenz
erfolgreich als Material benutzt worden sind -, entdeckt Altvater
das Scheitern des Kapitalismus. Als Fanatiker eines (umgedrehten)
Harmonieideals tilgt er folglich am Kapitalismus die Form, in der
es ihn überhaupt nur gibt: als Konkurrenz der Privateigentümer
einerseits und Gegeneinander ihrer politischen Herren anderer-
seits.
Nach diesem Grundkurs in Krisenlogik verfügt man über ein Instru-
mentarium, das so universell angewandt werden kann, wie
"Mißstände" auf der Welt in die Schlagzeilen gebracht werden.
Dazu muß man nur (1) die "Mißstände" als ein "Mißlingen", als ein
"Scheitern" definieren, wozu es unumgänglich ist, dem
"Scheiternden" Zwecke anzudichten, die dieser nicht verfolgt; hat
dann (2) das "Scheitern" hier mit einem "Scheitern" dort zu er-
klären, womit dann die "Krise" ausgerufen wäre; diese muß (3) als
unausweichlich, weil als Resultat einer alles umfassenden "Krise
des Weltsystems" vorgestellt werden; wodurch der Gegenstand ziem-
lich komplex, dafür aber die Botschaft (4) umso einleuchtender
wird, daß der Kapitalismus einfach nicht funktionieren kann; was
höchst bedauerlich ist, wo doch (5) eigentlich alle, die ihr
Scherflein oder Scherf zur weltweiten Akkumulation beitragen, ei-
gentlich gleichermaßen Gewinner dieser Wirtschaftsordnung sein
könnten, wenn es eben nicht "die Krise" gäbe; weshalb folglich
(6) alle, die irgendwie zu Verlierern von Konkurrenz zählen -
egal, ob sie Konkurrenten sind oder überhaupt nur als Verlierer
der Konkurrenz vorgesehen -, gleichermaßen zu den bedauernswerten
Opfern des weltweiten Wirkens des in "die Krise" geratenen Kapi-
tals zählen.
II. ...und ihre universelle Anwendung
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Was dem Altvater an öffentlich angeprangerten Mißständen vor die
Flinte kommt, wird jetzt mit der "Krise" abgeschossen. Das mag
der Sozialstaat, die Akkumulation weltweit oder die Verschuldung
der "Dritten Welt" sein. Dabei bleibt er nicht in seinem Revier,
sondern beharkt auch die Ökologie nach diesem Muster oder nimmt
sich die Hegemonie der westlichen Führungsmacht vor. An Material
fehlt es ihm nicht. Und je offenkundiger der Imperialismus
"Mißstände" - bei wem auch immer und welche auch immer - produ-
ziert, desto mehr fühlt sich Altvater in seinem Element und be-
stätigt: Das mit dem Imperialismus, das kann einfach nicht klap-
pen!
Beispiel 1: Wie aus der Verschuldung
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der "Dritten" bei der "Ersten Welt"...
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Wenn sich als Umgang mit den Milliarden-Schulden der Drittwelt-
oder Schwellenländer die sogenannten Umschuldungsverfahren regel-
recht eingebürgert haben, wenn diese Umschuldungen längst nicht
allein die ursprünglich geliehene Summe, sondern jene Kredite be-
treffen, welche für die Zahlung von Zins und Zinseszins aufge-
bracht werden müssen, wenn überdies jede solcher Umschuldungs-
aktionen eine konzertierte Aktion von privaten, staatlichen und
suprastaatlichen Geldinstituten wie der Weltbank ist, und wenn
schließlich solche Aktionen die geschäftliche Seite immer mit po-
litischen Auflagen verbinden, in denen der IWF gänzlich ungeniert
dem verschuldeten Souverän seine Wirtschaftspolitik und manchmal
noch mehr diktiert, dann sind all jene Klagen über die Schulden-
nöte, mit denen Gläubiger und Schuldner die Weltöffentlichkeit
rühren möchten, auf dem Konto Heuchelei abzubuchen. Um die Ret-
tung von zerrütteten Finanzen, um Abwendung von Staatsbankrotten,
um die pure Verteilung von Verlusten geht es dann nämlich nicht.
Und schon gar nicht haben solche internationalen Kreditoperatio-
nen die Beseitigung jener Hungersnöte im Auge, die nicht das Pro-
dukt fehlender Lebensmittel, sondern das Resultat einer Erpres-
sung sind, jede Erdfrucht, mit der sich auf dem Weltmarkt eine
Devise erzielen läßt, keinesfalls ökonomisch sinnlos in hungrige
Mäuler zu stecken. Längst ist der Stand der Erpressung mit Schul-
den, die nie zurückgezahlt werden können, so weit gediehen, daß
mehr als nur Dollar- oder DM-Gewinne bilanziert werden. Die Un-
terwerfung dieser Drittwelt- und z.T. auch der Schwellenländer
unter die Kalkulationen der imperialistischen Geschäftswelt ist
dermaßen vollständig, daß sie und die konkurrierenden politischen
Sachwalter des Weltmarkts sich nicht mehr der Frage widmen, wie
aus diesen Weltgegenden für Industrie- und Bankkapital ein Ge-
schäft g e m a c h t werden kann, sondern sie sich längst um
die Aufrechterhaltung der B e d i n g u n g e n kümmern unter
denen objektiv bankrotte Staaten weiterhin für j e d e s
ö k o n o m i s c h e u n d p o l i t i s c h e I n t e-
r e s s e d e s "f r e i e n W e s t e n s" b e n u t z b a r
s i n d. Dafür müssen dann auch schon mal Staats- und
Privatbanken Kredite in den Wind schreiben, also auf ihren Konten
Verluste verbuchen. Die erstaunliche Lässigkeit, mit der sie das
tun, verweist auf das Ausmaß jener Geschäfte, die sich unter
pfleglicher politischer Betreuung sowieso weiter ergeben!
...eine "Verschuldungskrise" wird.
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Wenn Altvater mit seiner Krisenlogik diesem Teil des segensrei-
chen Wirkens des Imperialismus zu Leibe rückt, dann steht zwangs-
läufig alles auf dem Kopf:
Die "Verschuldungskrise" der Staaten der "Dritten Welt" soll
e r s t e n s darin bestehen, daß diese ihre Schulden nicht zu-
rückzahlen können: "Die Tilgung der aufgenommenen Kredite ist
selbst den 'Musterländern' unter den Schuldnern n i c h t
m ö g l i c h." (247)
Der Sachverhalt trifft zu, doch was heißt da eigentlich Verschul-
dungs k r i s e"? Besteht denn der kapitalistische Witz am Kre-
dit darin, daß er z u r ü c k g e z a h l t werden soll? Wäre
dann nicht jede Kreditausgabe geradezu eine fahrlässige Angele-
genheit wenn doch der Rückfluß prinzipiell eine so unsichere Sa-
che ist, daß noch jede Bank S i c h e r h e i t e n verlangt?
Die Unterscheidung zwischen dem Anpumpen eines Kumpels und dem
Kredit als Geschäftsartikel scheint Altvater nicht recht geläufig
zu sein. Entweder nämlich ist die Finanzwelt verblödet, daß sie
ständig Kredite, die nie getilgt werden können, ausgibt, oder das
G e s c h ä f t mit dem Kredit läuft b e i abgeschriebenen
Krediten. Die Logik der Erpressung, die jedem Kreditgeschäft -
übrigens auch dem, das zur beiderseitigen Zufriedenheit ausgeht -
zugrundeliegt, soll ausgerechnet dort nicht greifen, wo der
Schuldner nicht etwa nur am kürzeren, sondern an gar keinem Hebel
sitzt. Dabei gibt es natürlich keine schönere "Sicherheit" für
die internationale Gläubigermannschaft, als wenn ihr bzw. dem IWF
und der Weltbank quasi die gesamte Wirtschaftspolitik dieser
Staaten zur freien Bedienung ausgehändigt wird.
Doch ausgehend von der albernen Vorstellung, daß "Schuldenkrise"
herrscht, weil nicht zurückgezahlt werden kann, wird von Altvater
nur danach gefahndet, w a s j e t z t a l l e s n i c h t
g e h t. So geht z.B. die "nachholende verschuldete Industriali-
sierung" (40 f.) dieser Staaten n i c h t mehr. Für Brasilien
schreibt Altvater:
"Auch mit der Einräumung weiterer tilgungsfreier Jahre im Zuge
von Umschuldungsvereinbarungen wäre die brasilianische Zahlungs-
bilanz bis an das Ende des Jahrtausends mit Zinszahlungen bela-
stet, die die ökonomischen und gesellschaftlichen Bewegungsspiel-
räume drastisch einschränken." (AdN, 26)
Das mag schon sein, aber vielleicht kommt es darauf in dem Kre-
dit-V e r h ä l t n i s dem Gläubiger und seinen politischen
Freunden gerade an? Was ist das für ein Unfug, der Erpressung mit
Schulden eine Krise anzudichten, für die als Beleg nur Phänomene
angeführt werden, die den E r f o l g der Kre-
dit e r p r e s s u n g belegen? Nach wessen Pfeife sich inzwi-
schen Brasilien "bewegt", ist wirklich kein großes Geheimnis.
Eine "nachholende Industrialisierung" per Schulden zu befördern,
das mag das Interesse der brasilianischen Führer gewesen sein,
und es mag der politischen Verwaltung der brasilianischen Staats-
finanzen schon Kopfschmerzen bereiten, daß ihre Träume für ein
kapitalistisch industrialisiertes, auf dem Weltmarkt konkurrenz-
fähiges Brasilien nicht aufgehen - aber was hat das mit einer
K r i s e d e r S c h u l d e n zu tun? Wenn ein Wucherer die
Zahlungsunfähigkeit seiner Schuldner dazu ausnutzt, bei diesen
die Daumenschrauben stärker anzuziehen, würde wohl selbst ein
Altvater nicht die "Verschuldungskrise" ausrufen. Zu sicher wäre
selbst er sich, daß es in diesem Kreditverhältnis dem Wucherer
genau auf diese Erpressung ankommt.
Doch Altvater nimmt teil an den - durchaus auszuhaltenden - Kopf-
schmerzen der Drittweltführer, denen so manches ehrgeizige Pro-
jekt -
"Finanziert wurden z.T. ehrgeizige Industrie-Projekte giganti-
schen Ausmaßes, aber auch Nepotismus, klientelistische Bereiche-
rung, Kapitalflucht und der Ausbau des militärischen und polizei-
lichen Repressionsapparates, mit dem die herrschenden Klassen
ihre Macht zu sichern hofften." (AdN, 20f.) -
durch die Lappen, in die Binsen ging oder vom IWF unterbunden
wurde.
So finden sich denn die Führer der Drittweltstaaten ebenso unter
den "Opfern der Verschuldungskrise" wie diejenigen Bevölkerungs-
teile, welche von ihnen permanent zu Opfern gemacht werden. Wenn
die nationalistischen Träume der Führer der Drittweltländer nicht
Wirklichkeit werden, ist das ebenso ein Beleg für die "Krise" wie
das Elend derjenigen, auf die die Pinochets die Gewehrläufe rich-
ten, um sich ihre Träume oder um die IWF-Auflagen zu erfüllen:
Es bedeutet nämlich "der Transfer des Schuldendienstes in jedem
Fall eine Verminderung des möglichen Konsumniveaus, was in einem
Land mit Unterernährung und Unterversorgung mit privaten und öf-
fentlichen Dienstleistungen nur um den Preis von Hunger und Elend
machbar wäre." (147)
Was heißt hier "wäre"!?
Auf diese Weise lassen sich denn auch alle Unterschiede zwischen
Brasilien und Nicaragua aus der Welt schaffen: Die Staatslenker
Brasiliens w o l l e n gar nicht, woran Altvater sie scheitern
läßt; die Sandinisten möchten lieber heute als morgen ihre Bevöl-
kerung besser versorgen, aber sie k ö n n e n aus bekannten
Gründen nicht.
Und da z w e i t e n s im Gefolge dieser Sorte Konkurrenz im
Kreditgeschäft mit den Drittweltländern bei Banken immer mal wie-
der Wertberichtigungen fällig sind, schon mal die eine oder an-
dere Bank gegenüber den Mitkonkurrenten das Handtuch werfen muß,
oder die Nationalbanken sich zum Eingriff genötigt sehen, gibt es
für Altvater natürlich nicht nur i n n e r h a l b d e r
"B e u t e" selbst, sondern auch bei den K o n k u r r e n-
t e n u m d i e B e u t e jede Menge O p f e r:
"Die Umschuldungen sind eine Methode, um in den Industrieländern
die Wirtschaftskrise, die sich insbesondere als strukturelle Mas-
senarbeitslosigkeit zeigt, nicht noch bis zu einer Kreditkrise
wie vor fünfzig Jahren zuzuspitzen. Es handelt sich also um eine
ausgesprochene K r i s e n v e r m e i d u n g s s t r a-
t e g i e. Bislang ist es gelungen, die Lasten der Schuldenkrise
vor allem die Schuldner tragen zu lassen..." (GMH, 15 f) Wenn das
nicht mehr läuft, dann "gibt es nur noch die politisch moderierte
Aufteilung der Abschreibungsverluste zwischen Gläubigern und
Schuldnern." (250)
Man soll Altvater nicht dafür schelten, daß er die Hungerleider
in den Ländern der "Dritten Welt" als "g e l u n g e n e Kri-
senvermeidungsstrategie" bespricht. Er ist sich selbst sehr treu,
wenn er den Standpunkt des (Nicht-)Funktionierens nun auf die
B a n k e n anwendet, warnend den Zeigefinger hebt und Zeiten
kommen sieht, in denen die Banken doch tatsächlich Verluste in
höherem Maße selbst zu tragen hätten. Nun mag es ja sein, daß
sich als Wirkung eines Bankeinbruchs Entwertungen in großem Stil
in der imperialistischen Finanzwelt nicht vermeiden lassen, doch
wessen Sorge soll das denn sein? Altvater teilt halt
p r i n z i p i e n l o s p r i n z i p i e n t r e u die" Sor-
gen " a l l e r am Kreditgeschäft mit der "Dritten Welt" betei-
ligten Subjekte. Will er ihnen doch nachweisen, daß ihre
"Krisenvermeidungsstrategie" nie die "Krise" vermeiden könne.
Über den Kredit hat man nebenbei bei Altvater gelernt, daß er
e i g e n t l i c h die Quadratur des Zirkels zu leisten hätte,
wenn nicht immer was dazwischen käme: Er wird ausgegeben, um zu-
rückzukehren, soll dem Schuldner alle seine Wünsche erfüllen und
darf natürlich dem Gläubiger keine Verluste zufügen. So geht die
politische Ökonomie der Heinzelmännchen!
Beispiel 2: Wie aus der universellen Benutzung des Dollar...
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Die "Währung" des Weltmarktes, das weiß der Leser des 1. Bandes
des "Kapital", ist eben keine Währung, sondern Gold; also reine
Wertmateriatur; im Verkehr zwischen Staaten der Beleg dafür, daß
niemand einfach so den Banknoten des Konkurrenten traut, sondern
in tatsächlichem Geldreichtum seine Geschäfte mit den Nachbarn
bilanzieren will. Damit ist eigentlich schon alles Wichtige über
den D o l l a r gesagt. Wenn der an die Stelle des Goldes
tritt, wenn also eine n a t i o n a l e W ä h r u n g darauf
bestehen kann, daß in ihr ab sofort alle Geschäfte des Weltmark-
tes abgewickelt zu werden haben, kann dies nicht das Resultat ei-
ner Abstimmung zwischen Staaten und auch kein Zeichen von Gold-
mangel sein. Wenn jedes Geschäft auf der Welt, mit oder ohne Be-
teiligung amerikanischer Geschäftsmenschen immerzu zugleich Nach-
frage nach dieser bestimmten Währung darstellt, wenn jeder Staat
genötigt ist, sich um Reserven in der Form des Weltgeldes
(Dollar) zu kümmern, die ja auch erst einmal als Resultat eines
Geschäfts erworben sein wollen, wenn schließlich jeder Staat
sorgfältig die Schwankungen des Werts des Dollars beobachten muß,
weil davon abhängt, wie teuer oder billig sein Import und Export
ist, wieviel Wert seine Weltgeld-Reserven haben und was er tun
kann, um all dies möglichst zum Vorteil der eigenen Nationalöko-
nomie zu gestalten, dann muß jener Nationalstaat, dessen Natio-
nalwährung Weltgeltung hat, über eine beträchtliche "Überredungs-
gabe" verfügen.
Es ist eigentlich kein Geheimnis, daß die USA - der militärische,
politische u n d einzige ökonomische Sieger des 2. Weltkrieges
- mit dem gar nicht zimperlichen Verweis auf ihre ökonomische und
militärische Macht ihren Dollar zum Weltgeld erklärt, schließlich
sogar mit eben demselben Verweis eine Golddeckung für eine Fessel
ihres weltweiten Geschäfts und das ihrer Konkurrenten erachtet
und sie kurzerhand abgeschafft haben.
An dem System hat sich bis heute prinzipiell nichts geändert. Ge-
ändert haben sich die Paritäten der Währungen der imperialisti-
schen Konkurrenten zum Weltgeld; dies nicht zuletzt aufgrund er-
folgreicher Benutzung des Dollars, so daß die USA in letzter Zeit
genötigt sind, ihr Monopol in Sachen Weltgeld-Regulierung zu re-
lativieren.
...eine "Krise des Weltgeldes" wird.
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Für Altvater ist natürlich das Weltgeld Dollar auch nicht mehr
das, was es m a l war bzw. f ü r i h n war, also n o c h
n i e war. Er beobachtet einen ständigen Niedergang des Weltgel-
des. Die Aufhebung der Golddeckung, die Ersetzung der fixen durch
die freien Wechselkurse, die Verschuldung der USA, die Aufblähung
des internationialen Geld- und Kreditmarktes, die zunehmende Spe-
kulation auf den Dollar und die sich ändernden Notierungen des
Dollars signalisieren ihm folgendes:
"Die 70er Jahre sind Zeuge der Umkehrung der Funktionen, die der
Dollar als Weltgeld einmal hatte: von einem politischen Regulie-
rungsinstrumentarium zu einem ausschließlich privaten Kapitalan-
lageobjekt. Die Krise ist unvermeidlich." (234)
Altvaters "Krise des Weltgeldes" lebt von dem erfundenen Gegen-
satz zwischen "politischer Regulierung" und "privater Kapitalan-
lage" (43), sprich: Geschäft. Die Ausstattung von Nachkriegs-Eu-
ropa mit Dollars war für Altvater "politische Regulierung". Wenn
jetzt der internationalen Finanzwelt das Angebot gemacht wird,
sich am billionen-schweren Aufrüstungsprogramm durch die Faktu-
rierung von Dollar-Staatsschulden eine goldene Nase zu verdienen,
dann ist dies für ihn gleichbedeutend mit "privater Kapitalan-
lage" und signalisiert den Niedergang des Dollars als Weltgeld.
Altvater ist so vernarrt in seinen Krisengedanken, daß er sich
das Weltgeld als uneigennützig-segensreichen Stabilisator des
Währungssystems ausmalen muß, um es dann an diesem Maßstab bla-
mieren zu können. Daß die "politische Regulierung", welche der
Dollar weltweit bewirkte, überhaupt nur als Angebot an heimisches
Kapital und an "befreundete" Nationalstaaten wie die BRD zu ver-
stehen war, mit dem Dollar ein Geschäft zu machen, daß
"politische Regulierung", sprich: Herstellung von Dollar-Abhän-
gigkeiten, irgendwie etwas mit dem I n s t r u m e n t zu tun
haben muß, das da "r e g u l i e r t", kann Altvater ziemlich
gleichgültig sein. So vergißt er fürs erste, daß das
"Regulierungsinstrument" eben Zirkulations-, Zahlungsmittel und
Kapital, also das gewaltsam durchgesetzte G e s c h ä f t s-
m i t t e l und der G e s c h ä f t s a r t i k e l N r. 1
für alle, die auf dem Weltmarkt mitmischen wollten, zu sein
hatte. Und er kramt erst für die 70er und 80er Jahre die andere
Seite des Dollars hervor, wo diese selbst ihm nicht mehr
verborgen bleiben konnte, weil die Dollar-Geschäfte so
erfolgreich verlaufen waren, daß es davon erstens ziemlich viele
gab, diese zweitens in ziemlich vielen Händen lagen und drittens
keinesfalls allein eine Verschuldung b e i den USA, sondern
auch Verschuldung d e r USA signalisierten. Damit sei die
"Existenz eines regulierten Währungssystems verunmöglicht" (235),
sagt Altvater und verwechselt den Umstand, daß die USA inzwischen
ihre sechs imperialistischen Konkurrenten regelmäßig zu
"Währungsgipfeln" einladen, mit einer U n f ä h i g k e i t zur
"R e g u l a t i o n".
Nun mag in der Tat einem US-Finanzminister oder -Präsidenten be-
reits ein Gipfel deswegen ein Greuel sein, weil er sich da die
"Sorgen" seiner Konkurrenten anzuhören und sie von Fall zu Fall
zu berücksichtigen hat; etwa jene über das US-amerikanische Ent-
schuldungsprogramm via Dollarentwertung. Doch solange einerseits
die internationale Geldmafia dem Angebot der USA, ihr Aufrü-
stungsprogramm gegen Zinsen zu finanzieren, folgt, solange damit
andererseits das politische Programm der USA vom restlichen We-
sten seiner Geschäftswelt als Gelegenheit "erlaubt" wird, solange
also die Währungshüter der sieben Großen an einer politischen
Priorität, die bekanntlich in ihrem NATO-Bündnis sichtbaren Aus-
druck gefunden hat, festhalten, muß sich Altvater um die
"Regulierungsfunktion" des Weltgeldes wirklich nicht sorgen.
Es ist jedoch zu bezweifeln, daß es ihn wirklich besänftigt, da
gemessen am Ideal eines Monopols auf "politische Regulierung",
das nach dem 2. Weltkrieg identisch war mit dem Monopol der USA
auf Geschäft mit dem Dollar, das U S - I n t e r e s s e an
konkurrenzlosem Herumfuhrwerken auf dem Globus in der Tat be-
schränkt ist. Für Altvater ein Grund, die "Hegemoniekrise der
USA" auszurufen.
Beispiel 3: Wie die vom Osten gebremsten
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imperialistischen Ansprüche der USA...
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Den Vereinigten Staaten von Amerika ist es stets eine Selbstver-
ständlichkeit gewesen, mit ihren Segnungen die Welt zu beglücken.
Daß sich - vor allem nach dem 2. Weltkrieg - die Welt dem Dollar
zu unterwerfen hatte, daß sie eine einzige große Geschäftsgele-
genheit für das US-Kapital zu sein hatte, war und ist dermaßen
gültige Maxime der Außenpolitik, daß für dieses Menschheitsbe-
glückungsprogramm die Zustimmung der dafür ausersehenen Souveräne
gar nicht erst eingeholt werden mußte. Selbstverständlich ist es
der "pax americana" bis heute, daß Widerstand gegen solche Seg-
nungen U n r e c h t ist und deswegen notfalls mit Gewalt un-
terbunden werden muß. Das entsprechende militärische Monopol be-
saßen die USA und mochten von ihm Gebrauch.
Zum k a l k u l i e r e n d e n Umgang damit wurden die USA
erst durch die sowjetische Verfügung über Atomwaffen genötigt.
Wollten sie nicht kurz nach dem 2. gleich den 3. Weltkrieg begin-
nen, dessen Ausgang angesichts der Atomstreitmacht der UdSSR
durchaus nicht vorhersehbar gewesen wäre, dann hatten die USA bei
allen militärischen Operationen ab sofort zu bedenken, daß das
Hindernis des US-Imperialismus zugleich über entscheidende mili-
tärische Mittel verfügte. Abgehalten hat dies die USA nicht von
militärischen A k t i o n e n, geändert haben sie ihre außenpo-
litischen M a ß s t ä b e schon gleich gar nicht. Umgekehrt ha-
ben sie ihren Ehrgeiz darein gesetzt, militärisch wieder einen
gehörigen Vorsprung zu bekommen, die Welt um die Sowjetunion
herum zu strategischen Basen auszubauen und auch sonst auf keinem
Kontinent etwas 'rot' anbrennen zu lassen. Leider ist ihr dabei
einiger Erfolg beschieden, an dem ihre NATO-Freunde durchaus ih-
ren Anteil hatten und die deswegen auch diese Erfolge keineswegs
den USA allein überlassen wollen.
...die "Hegemoniekrise" der Vereinigten Staaten belegen.
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Bei Altvater werden die USA zum bedauernswerten Opfer ihrer eige-
nen Segnungen:
- Erst haben sie nach dem 2. Weltkrieg Europa mit ihrem System
eines - nach Altvater - höllisch gut funktionierenden Kapitalis-
mus beglückt; mit dem sogenannten "Fordismus" (24 ff.), was sich
aber schwer gerächt hat, denn das hat irgendwie ihre Ökonomie
nicht verkraftet (221 ff.).
- Dadurch geriet das Weltgeld in eine Krise, mit dem die USA doch
nur weltweit für "Stabilität" sorgen wollten. - Ihre "Hegemonie"
m u ß t e dadurch erheblichen Schaden nehmen:
"die Niederlage in Vietnam, das Debakel von Watergate (und Iran-
gate 10 Jahre später) und vor allem: die Erosion der Mittel, mit
denen Hegemonie ausgeübt werden kann. Die Machtlosigkeit zeigte
sich in ihrer schäbigen Nacktheit beim unrühmlichen Abzug aus
Vietnam und fünf Jahre später beim Desaster in der Wüste des
Irans. Aller Welt wurde demonstriert, daß die USA nicht mehr in
der Lage waren, mit begrenzten Mitteln der iranischen Herausfor-
derung zu begegnen (so sehen das die US-Ultras und Khomeini auch;
MSZ) und - was noch mehr ins Gewicht fiel - für eine ungefährdete
Energieversorgung der hochentwickelten kapitalistischen Welt zu
sorgen." (230 f)
Es fehlt in dieser Liste eigentlich nur noch "die Niederlage" der
USA in Nicaragua, "der würdelose Sieg" über Grenada oder die
"ohnmächtige" Okkupation des Persischen Golfs.
Nicht daß Altvater ein unbedingter Freund imperialistischer Welt-
herrschaft wäre, nicht daß ihn Sorgen um "unser Öl" irgendwie
nicht schlafen lassen würden. Aber wenn Altvater für das US-Hege-
moniestreben die "Krise" ausruft, dann mißt er die Hegemonie der
USA an "Leistungen" eines S t a b i l i t ä t s f a k t o r s,
der "uns" vor "iranischen Herausforderungen schützt" und "unser
Öl sichert". Der imperialistische Maßstab der USA, daß jedes mi-
litärische Kalkulieren bereits eine Niederlage sei, daß die mili-
tärische Potenz einer anderen Großmacht für die "Erosion" der
e i g e n e n Mittel steht und daß der Verzicht auf den
v o l l e n Einsatz der eigenen Militärmacht geradezu ein
"Desaster" darstellt, dieser Maßstab ist seinem Urteil über die
"Hegemoniekrise" immanent.
Einmal im Zuge, beendet Altvater sein Krisenkaleidoskop: Es ver-
wundert jetzt schon nicht mehr, daß mit der "Hegemoniekrise" der
USA
"dann nicht nur das Regulations- und Hegemoniemodell der US-Ge-
sellschaft gefährdet ist, sondern auch das globale Regime von
Ökonomie und Politik. Das opulente Dinner auf der Titanic ist in
vollem Gange. Eisberge driften in Richtung ihrer Route..." (236)
Und da letztlich "w i r a l l e" auf der Titanic sitzen, wäre
jede Freude über den an die Wand gemalten möglichen Abgang dieses
"globalen Systems von Politik und Ökonomie" natürlich völlig fehl
am Platze. Erwünscht ist vielmehr die bange Frage, ob es aus der
drohenden K a t a s t r o p h e noch einen Ausweg gibt.
Damit hat sich Altvater zum katastrophenphilosophischen Gehalt
seiner "Krise" vorgearbeitet. Krise ist jetzt von Altvater als
m e t a physisches W e l t v e r h ä n g n i s ausgesprochen
und steht in einer Reihe mit den beliebten Weltuntergangsphiloso-
phien vom Atom, der Rüstung oder dem Frevel der Naturbenutzung.
III. Wege aus der Krise?
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Wer Katastrophe schreit und damit "die Menschheit" anspricht,
will in der Regel Reklame für einen, eben s e i n e n
A u s w e g machen. Der heißt dann, je nach drohendem Verhäng-
nis, Energiesparen, also Bescheidenheit, oder mit dem Frieden bei
sich selbst anfangen, also Demut. Altvater enttäuscht hier auf
der ganzen Linie. Weder konstruktive Um- oder Entschuldungspläne
hat er auf Lager, noch innere Enklaven der genannten untertänig-
sten Art will er anbieten.
Er t a d e l t vielmehr: z.B. den IWF für seine "Philosophie
der Einzelfallstudien und -lösungen", hält sie für grundfalsche
Wege zur "Lösung der Verschuldungskrise". Aber z u s t ä n d i g
für die "L ö s u n g der Schuldenkrise" hält Altvater den IWF
schon. Nach de Motto, wo sich die (finanziellen) Mittel befinden,
haben sich die "guten Zwecke" von allein einzustellen, verfährt
er auch in diesem Fall: Den Hauptverantwortlichen für Hungersnöte
und militärische Zerschlagung jeden Aufbegehrens in der Dritten
Welt, den imperialistischen Sachwaltern der Drittwelt-Verschul-
dung soll es obliegen, jenen Zustand zu beenden, den sie sehr be-
wußt ins Werk setzen!
Nur deswegen kann sich Altvater auch so herrlich kindisch über
den "Optimismus der internationalen Organisationen, Politiker und
Sachverständigen" (253) wundern, der sie beflügelt, wenn sie sich
zur "Verschuldungskrise" äußern: Die halten die Tatsache, daß es
verschuldete Länder geben könnte, "die in Form von Zinsen die
aufgenommenen Kredite bei internationalen Banken mehrfach bezahlt
hätten und dennoch auch weiterhin Transfers leisten müßten"
(253), offensichtlich nicht für "absurd", sondern für eine höchst
einträgliche Konsequenz der Verschuldung der Dritten Welt. Altva-
ter kann darüber nur den Kopf schütteln: Wie kann man sich nur
von der Fortsetzung der Verschuldung einen Abbau des Schuldenber-
ges versprechen? Nicht, daß er der Auffassung wäre, das könnte
überhaupt klappen! Aber daß diese Art von "Lösung der Schulden-
krise" nicht geht, sehe selbst der Blinde mit dem Krückstock,
meint er. Und so blamiert Altvater den IWF als fürchterlich
n i v e a u l o s e Einrichtung, die einfach ständig verpassen
würde, daß sie das glatte Gegenteil von dem unternimmt, was sie
eigentlich will.
Auch von der m o r a l i s c h e n Untermauerung dieses Idea-
lismus wird sich der IWF nicht so schnell erholen:
"Zweifellos hat dies" (die verheerenden Konsequenzen der Ver-
schuldung für die Drittweltländer) "auch etwas mit ethisch be-
gründeter Verpflichtung zu tun; und daher wurde im Titel" (des
Aufsatzes: "Die Schulden des Südens und die Schuld des Nordens")
"der Begriff der 'Schuld', die sich der Norden gegenüber dem
Süden der einen Welt auflädt, bewußt gewählt." (GMH, 25)
Doch hat sich der kritische Sachverständige Altvater nicht in die
IWF-Belange ideell eingemischt, um nun seinerseits Konzepte zu
präsentieren. Umgekehrt verläuft sein Anliegen. Und deswegen muß
er den IWF und andere Einrichtungen der imperialistischen Fi-
nanzwelt tadeln, weil sie seine Auffassung von der Ausweglosig-
keit der "Schuldenkrise" nicht teilen wollen. "Einzelfall-Lösun-
gen" sind doch nichts als "Flickschusterei", und es ist für Alt-
vater klar absehbar, daß diese "Flickschusterei der Umschuldungen
und Finanzinnovationen an eine Grenze gerät, jenseits derer es
'nur' noch um die Fragen geht, wie hoch der Abschreibungsbedarf
internationaler Kredite ist und wer die Verluste zu tragen hat."
(GMH, 25) Na bitte! Eine "Lösung", die auf allen Seiten nur
"Verluste" bringt, ist doch keine "Lösung" nicht.
Welche Hoffnungsträger lassen sich noch ausmachen und blamieren?
Etwas mehr Niveau und vor allem Moral hat da für ihn das brasi-
lianische Zinsmoratorium von 1987 auf seiner Seite. Brasilien
hätte einen "Bruch vorherrschender Formen" (277) eingeleitet, in-
dem es das "subjektive Argument ins Feld geführt (habe), daß es
sein ökonomisches Wachstum nicht auf dem Altar der Verwertungsim-
perative internationaler Banken opfern könne" (276). Dieses
"subjektive Argument" findet Altvater deswegen so beachtlich,
weil es der "Logik der Kreditbeziehung" eine andere Logik entge-
gensetzt: "die von Wachstum und Entwicklung, Entwicklung und
Fortschritt, Kampf gegen Elend und Hunger - ein moralischer Impe-
rativ! -, sozialem Konsens und politischer Legitimation." (276)
Allerdings muß er dem "subjektiven Argument" die "objektive Sach-
lage" entgegenhalten, "daß nämlich gar nicht genug Devisen vor-
handen waren, um die fälligen Zinsen zahlen zu können" (276).
Daß die brasilianische Staatsregierung gar nicht k o n n t e,
was sie angeblich nicht w o l l t e und was Altvater dann zu
einer Art antiimperialistischer Drittwelt-Initiative aufplustert,
macht nichts, denn eine "Lösung" stellt ein "Zinsmoratorium" auch
nicht dar. Hier muß Altvater denn gleich wieder sehr
"realistisch" werden: "Angesichts der Interdependenzen generie-
renden Strukturen auf dem Weltmarkt..." (276) Alles klar. Da muß
man nicht mehr sagen: Muß auch zwangsläufig scheitern, da irgend-
wie alles mit allem zusammenhängt, ein Moratorium hier die Krise
dort auslöst oder umgekehrt...
Eines ist also klar: Z a h l e n g e h t n i c h t, N i c h t
- Z a h l e n g e h t a u c h n i c h t, w e i l d a n n
w o a n d e r s d a s Z a h l e n n i c h t g e h t, w a s
j a n i c h t g e h t! Der Imperialismus bekommt es einfach
nicht hin, weltweit einen harmonischen Ausgleich zwischen allen
Interessen herzustellen. Das ist Altvater sonnenklar!
Die Krise als sein Weg
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Was bleibt? Altvater hat keinen, will, ja darf als Krisentheore-
tiker auch gar keinen Ausweg bieten. Böte er einen an, hätte er
doch die theoretische Pflicht und Schuldigkeit, in ihm wieder das
Wirken von Krisen, die "Interdependenz von Krisenstrukturen auf
Weltmarkt" o.ä. aufzuspüren. Der Mann ist schon geschlagen! Da
entwickelt er eine Katastrophentheorie, setzt die Frage nach dem
Ausweg damit in die Welt, und dann 'verfängt' er sich glatt in
seinem eigenen Krisenfanatismus! Nicht, daß es nicht einen Ausweg
geben k ö n n t e! Aber solch einer zeigt sich einfach nicht:
"Die gegenwärtige Krise" (dies sein, vom Gramsci geborgter Lieb-
lingssatz; MSZ) "besteht eben genau in dem Umstand, daß das Alte
stirbt, aber das Neue" (noch; Altvater) "nicht entsteht..." (23)
Und so bleibt nur eines: Da m u ß m a n e b e n w a r t e n!
W a r t e n, b i s s i c h w a s N e u e s z e i g t! Was
anderes geht nicht. Was tun, das geht schon gleich nicht, denn
man wüßte ja nicht was, weil sich was Neues nirgendwo nicht ab-
zeichnet. Und daß der "Klassenkampf" in der Krise ist, das weiß
Altvater schon seit der Gründung seiner (fast) gleichnamigen
Zeitschrift.
Das bedeutet für den Krisenfanatiker keinesfalls, daß e r jetzt
die Hände in den Schoß legen muß. Warten müssen die, die sich
"Lösungen" aller "Krisen" erhoffen. E r hat viel zu tun, muß er
doch ständig vor falschen Hoffnungen warnen. Dabei befindet sich
Altvater mit seiner verrückten negativen Parteinahme für den Im-
perialismus nicht nur im Dauerdialog mit den "Bewegungen". Auch
die theoretischen Parteigänger des Standpunkts einer bereits
o r d e n t l i c h f u n k t i o n i e r e n d e n "M a r k t-
w i r t s c h a f t" fordern ihn zum kritischen Dialog heraus.
Mit den Theoretikern und Praktikern der Wirtschaftspolitik teilt
Altvater nämlich den Ansatz, daß der Kapitalismus auf sein
Funktionieren hin befragt werden müsse. Nur fallen die Antworten
eben verschieden aus: So bemüht sich denn Altvater auch redlich,
den Kollegen aus dem "bürgerlichen Lager" klarzumachen, daß sie
es sich zu einfach machen, wenn sie Krisen als nicht-sy-
stemspezifische Unfälle in einem ansonsten herrlich funktionie-
renden Gleichgewichtsmodell betrachten. Einfühlsam denkt er sich
in jeden bürgerlichen Schwachsinn hinein, findet überall ein
Körnchen seiner Wahrheit, nämlich das nirgendwo geleugnete Mate-
rial seiner Krisen-Theorie, und ist darüber so erfreut, daß er
sich aufmacht, alle Theorien ungeachtet ihrer Widersprüche zu ei-
nem großen Brei zu synthetisieren. So hält er Marx für die Ergän-
zung von Keynes, Max Weber für die Ergänzung von Marx, reaktio-
näre Ökologen für Interpreten der Marxschen Theorie vom Dop-
pelcharakter des kapitalistischen Produktionsprozesses (siehe Ka-
sten), bürgerliche Krisentheoretiker für Denker, die man nur zu
Ende denken, und bürgerliche Wachstumstheoretiker für Leute,
denen man den entscheidenden Tip noch geben müsse. Die theoreti-
sche Parteinahme für weltweite Ausbeutung und Ausplünderung stört
ihn deswegen ebenso wenig wie der Umstand, daß seine Dialogbe-
reitschaft von Wachstumstheoretikern und Wirtschaftspolitikern
nicht recht erwidert wird. Wenigstens denen ist klar, daß ihre
"Gedanken" überhaupt nur den einen Zweck verfolgen, nämlich die
N o t w e n d i g k e i t von Kapitalismus und Imperialismus
auszupinseln. Ihre Gleichgewichtsideale sind als gewußte und
durchschaute allemal kenntlich. Weswegen die F r a g e, ob der
Kapitalismus "krisenfrei" funktionieren könne, ihr Anliegen gar
nicht trifft. Mit oder ohne "Krise" ist er gerade so wie er funk-
tioniert, immer ziemlich in Ordnung, lautet ihre nicht kompromiß-
fähige Botschaft. Deswegen ist Altvater's Dialog mit den
"Bewegungen" für Arbeit, Natur, die Frau, Frieden und 'Müsli für
die Dritte Welt' auch etwas ergiebiger. Wenn er denen sein ewig-
gleiches, aber durchaus politik-konjunkturbewußtes "Ich-weiß-
warum!" anträgt, dann bedient er einerseits durchaus deren erstes
Bedürfnis nach fürchterlich viel P r o b l e m b e w u ß t-
s e i n. Zusammen mit ihnen kann er nicht nur die Frage des
Funktionierens von Geschäft und Gewalt aufwerfen, er kann
zugleich mit ihnen den Kapitalismus mit deren Idealen
ausgestalten. Dabei stört in diesem Dialog wenig, daß Altvater
k e i n P a r t e i g ä n g e r der Ideale der "Bewegungen"
ist, sondern diese - Frieden, Frau, Vollbeschäftigung und
Erhaltung von Mensch, Wurm und Halm - ihm allein das
M a t e r i a l seines negativen methodischen Ideals vom Nicht-
Funktionieren-Können von Kapitalismus und Weltmarkt sind. Daß es
in einem Dialog zwischen den "Bewegungen", welche immerhin noch
zwischen Tätern und Opfern unterscheiden und die von ihnen ausge-
machten Ärgernisse abstellen möchten, und einem Krisen-Theoreti-
ker, der letztlich nur einen "Täter", nämlich "die Krise", dafür
aber in der Welt des nationalen und internationalen Kapitals auch
n u r "Opfer" entdeckt, zu schrilleren Mißtönen kommt, steht
kaum zu erwarten. Zu ausgeprägt ist auch beim gemeinen Idealismus
das Vertrauen in die eigentlich guten Absichten der Herren von
Geschäft und Gewalt. U n b e f r i e d i g t läßt Altvater die
"Bewegungen" allenfalls zurück, weil er ihr zweites Interesse
nicht bedient: Auf ihre "Was-tun"-Frage kennt Altvater und darf
er keine Antwort kennen. Daß Altvater also die
p r a k t i s c h e U n g e d u l d des Idealismus der modernen
"Bewegungen" mit seinen Scenarien vom "notwendigen Scheitern" ab-
wiegelt, macht denen aber auch nicht sehr viel. Denn die "Was-
tun"-Emphase ist ohnehin nur die Eröffnung der Gewissens-Abtei-
lung ihrer moralischen Empörung. Deswegen kann sich der Über-
blicker und Amalgamierer aller linken und rechten theoretischen
Fürze, die irgendwo gelassen werden, auch vornehm zurückhalten
und doch als Durchblicker geachtet werden. Einmischen möchte er
sich nicht. Konsequente Parteinahme für irgendein Anliegen der
"Bewegungen" kommt für ihn nicht in Frage, hat er doch sein eige-
nes. Eine Kritik an den Vorhaben der antiimperialistischen In-
itiativen liegt ihm freilich auch fern, weil er als Partei seinen
Expertenstatus für sein Publikum und sein Publikum für seinen Ex-
pertenstatus verlieren würde. So schwebt er als Vertreter eines
katastrophengeschwängerten Standpunkts des ideellen Gesamtimpe-
rialismus über allem schon ziemlich zum personifizierten Orakel
geworden.
Dieser Theoretiker des Leidens des Kapitalismus an sich selbst
ist deswegen auch weit von denen entfernt, die im imperialisti-
schen Stadium des Kapitalismus überall Fäulnis entdeckt haben
wollen und - das allein ist und bleibt das Sympathische am Revi-
sionismus - b e g e i s t e r t auf den U n t e r g a n g der
"Titanic" gewartet haben. Weder möchte Altvater die Notwendigkeit
der Abschaffung seiner Katastrophenökonomie begründen - würde er
sich sonst um das Nicht-Funktionieren sorgen? -, noch kommt ihm
die Empfehlung an die Opfer über die Lippen, es müßte ihnen doch
ein Leichtes sein, sich von all dem zu trennen, was ihnen nur ihr
dauerhaftes Scheitern garantiert: Wie sollte das möglich sein, wo
zwar "das Alte stirbt, aber das Neue (noch) nicht zu sehen
ist..."
*
Literatur:
E. Altvater, Sachzwang, Weltmarkt, Hamburg 1987
E. Altvater, Die Schulden des Südens und die Schuld des Nordens,
in: Gewerkschaftliche Monatshefte 1/87 (GMH)
E. Altvater u.a., Die Armut der Nationen, Berlin (West) 1987
(AdN)
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