Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION IWF-KAMPAGNE - Für humanen Imperialismus


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       Elmar Altvaters Sachzwang Weltmarkt:
       

VERLIEBT IN "DIE KRISE"

Elmar Altvater erweist sich in seinem neuesten Buch erneut als Großmeister des "Krisen"-Gedankens. "Krise", das ist für ihn nicht etwa eine Phase im Konjunkturzyklus des sich verwertenden Kapitals; nämlich die Phase, in welcher vorhandenes Kapital und lohnende Kapitalanlagemöglichkeiten a l l g e m e i n auseinan- dertreten, wobei mit dem Durchstreichen einiger Werte einiges an Gebrauchswerten und ziemlich viel Menschenschrott - auf der Strecke bleiben, aber genau so Kapitalverwertung wieder zu der ungemein lohnenden Sache wird, die mit viel Kredit rücksichtslos gegen jede selbstproduzierte Schranke des zahlungsfähigen Bedürf- nisses solange flott läuft, bis sich erneut das Wertgesetz zu Wort meldet. Dies meint Altvater nicht. Für ihn ist die Krise vielmehr eine Art Universalkategorie, mit der er sich alles, was er auf der Welt an "Störungen" registriert, erklären kann. Bereits im Buchtitel - "Sachzwang Weltmarkt. Verschuldungskrise, blockierte Industrialisierung, ökologische Gefährdung - Der Fall Brasilien." (VSA 1987, 382 Seiten) - stellt Altvater klar, daß für ihn die Leistungen der imperialistischen Ordnung der Welt- wirtschaft ein einziges "Blockieren" und " Gefährden" sind, das vor keiner Unterabteilung des Weltmarkts halt macht. Nichts klappt. Der "Krise" kann nichts und niemand entrinnen. Wer die Vollendung des Weltmarktes bisher begriffen hatte als die Eröffnung neuer Freiheiten für Warenexport und Kapitalanlage; wer bisher in der Internationalisierung und Aufblähung des Kreditge- werbes das Bedürfnis des Bankkapitals erfüllt sah, zur rentablen Bedienung der gesamten kapitalistischen Geschäfts- und Staaten- welt auf die Finanzmittel sämtlicher Geldbesitzer auf dem Globus zurückgreifen zu können, und wer in der chronischen Verschuldung der Drittweltländer bisher den Beleg für - staatlich und supra- staatlich verbürgte - Erfolge der Welt des produktiven und des Bankkapitals sah, der hat es sich mal wieder zu einfach gemacht und muß mit Altvater umlernen; was ohne einen Grundkurs in seiner Krisentheorie nicht geht. I. Die Krise: Logik einer Universalkategorie... ----------------------------------------------- 1. Scheitern an erfundenen Zwecken ---------------------------------- Über die "Krise des modernen Sozialstaates", die bei Altvater für das angeblich vollständig zerrüttete Innenleben der kapitali- stisch verfaßten Industriestaaten seit den 70er Jahren typisch ist, vermeldet er etwa: "Den begrenzten Mitteln (des Sozialstaates) ist das f u n k t i o n a l e S c h e i t e r n geschuldet; Einkommen aus Erwerbsarbeit für alle Erwerbstätigen zu gewährleisten." (28) Der "moderne Sozialstaat" befindet sich folglich in einer Krise, weil er es wegen begrenzter Mittel nicht (mehr) schafft, "Arbeitsgesellschaft" zu sein, also eine Gesellschaft auf die Beine zu bringen, in welcher die Bedingungen dafür gegeben sind, daß die Industrie nicht nur akkumuliert, sondern in der auf diese Weise allen Erwerbsfähigen auch Erwerbsmöglichkeiten offen ste- hen, die ihnen den Lebensunterhalt sichern. Der B e l e g für das Scheitern des Sozialstaates sind für Altvater die Arbeitslo- sen, die bei ihm "strukturelle Massenarbeitslosigkeit" heißen. Erklärt ist mit dem Verweis auf angebliche U n t e r l a s s u n g e n des Sozialstaats natürlich die Exi- stenz keines einzigen Arbeitslosen. Denn dadurch, daß der Sozial- staat n i c h t für B e s c h ä f t i g u n g sorgt, werden bekanntlich die Leute nicht a r b e i t s l o s. Der Auftrag, den Altvater dem Sozialstaat anträgt, setzt bereits jene Arbeits- losen voraus, die bei Altvater das Produkt seines zum Scheitern verurteilten Sozialstaats sind. Der Z w e c k, an welchem Alt- vater den Sozialstaat scheitern läßt, hat dabei mit dem, was der Sozialstaat ist und leistet, nichts, viel aber mit dem, was ihm Altvater als sein I d e a l von Sozialstaat unterstellt, zu tun. Dabei möchte Altvater sein Ideal einer "Arbeitsgesellschaft" nicht nur im und durch den Sozialstaat realisiert sehen, er geht zudem davon aus daß die R e p r ä s e n t a n t e n des Sozial- staates sich seinem Ideal g l e i c h f a l l s v e r- p f l i c h t e t haben. Den Beleg für sein Urteil, der Zweck des Sozialstaats sei Vollbe- schäftigung, bleibt Altvater dabei nicht nur schuldig, er tritt ihn erst gar nicht an. Er leistet es sich, bereits dort mit der Diagnose einzusetzen, wo nicht einmal der Befund redlich benannt ist. Denn ob Arbeitslosigkeit f ü r d e n S o z i a l- s t a a t überhaupt jenen Mißstand darstellt, der sie f ü r d i e A r b e i t s l o s e n ist; ob die Arbeitslosen ein "M i ß l i n g e n" von Z w e c k e n anzeigen, die der Sozialstaat s i c h s e l b s t gesetzt hat; ob die Ar- beitslosigkeit also ein "S c h e i t e r n" belegt, ob sie ein i n K a u f g e n o m m e n e s Resultat bei der Verfolgung ganz anderer Anliegen oder ob sie gar ein sehr bezwecktes Ergeb- nis darstellt, das ist der Arbeitslosigkeit so nicht zu entneh- men. Dem Altvater reicht das: Wo M i ß s t ä n d e angeprangert werden, da ist irgendwelchen Verantwortlichen ein M i ß l i n g e n anzukreiden. Den öffentlichen Krokodilstränen über einige Millionen Bürger ohne Einkommen muß man dafür nicht nur auf den Leim gehen, sondern jene Tränen als unerschütterli- chen Beleg dafür nehmen, daß hier zugleich die Politiker des So- zialstaats ihr eigenes V e r s a g e n beweinen. Schon gelten die albernsten Sprüche der sozialkundlichen Indoktrination des Nachwuchses als wissenschaftlich geprüfte Wahrheiten. Und ab so- fort läßt sich nach der Logik, daß ein Fahrrad irgendwie ein zum Scheitern verurteiltes Flugzeug sei, über "Leistungen" des Sozi- alstaats fabulieren, die allein dem Reich frommer Wünsche ent- lehnt sind. Die tatsächlichen Leistungen, wie etwa die der Sozi- alversicherungen - Kernstück des Sozialstaats -, passen in dieses Bild nicht hinein: Bekanntlich sehen diese Versicherungen erstens den Fall der Erwerbslosigkeit als massenhaftes Schicksal vor und erteilen zweitens mit ihren "Hilfen" den Erwerbslosen den Auf- trag, sich als Glied der Reservearmee in Bereitschaft und fit zu halten. Der Sozialstaat entdeckt nämlich in der Arbeitslosigkeit kein nationales Unglück, sondern eine ökonomische Lage, die b e n u t z t wird und deswegen staatlich v e r w a l t e t gehört. Die sozialstaatliche Betreuung der Reservearmee, die vom Kapital als Arbeitsreserve und als Lohndrücker eingesetzt wird, kennzeichnet die Leistung des Sozialstaats. Aber weil die B e t r e u u n g der Reservearmee deren A b s c h a f f u n g nicht leistet, also nicht leistet, was sie gar nicht leisten soll, entdeckt Altvater ein einziges Versagen des Sozialstaats. 2. Scheitern kommt vom Scheitern -------------------------------- Mit dieser idealistischen Konstruktion der Welt ist nur der erste Schritt zur Entfaltung der wahren Größe der Universalkategorie "Krise" gemacht. Altvaters b e s o n d e r e Leistung, mit der er sich aus der Welt des gewöhnlichen Idealismus a b s e t z t, ist s e i n e E r k l ä r u n g des Scheiterns. So liegt etwa das Scheitern des Sozialstaates für ihn in der "Entkoppelung von Wachstum und Beschäftigung" begründet: "Aufgrund der geringen Investitionsneigung ist der reale Akkumu- lationsprozeß ins Stocken geraten, und daher sind in allen Indu- strieländern, wenn auch mit zum Teil beträchtlichen Unterschie- den, der Beschäftigungsgrad rückläufig und die Arbeitslosigkeit strukturell verfestigt. Man kann daher auch von einer E n t k o p p e l u n g v o n W a c h s t u m u n d B e s c h ä f t i g u n g sprechen, die für die 'Krise der Ar- beitsgesellschaft' v e r a n t w o r t l i c h ist." (228) Wenn eine Erklärung, die doch den Grund des konstatierten Phäno- mens 'Arbeitslosigkeit' angeben soll, mit dem Urteil endet, daß Wachstum sie n i c h t v e r h i n d e r t habe, dann ist man genauso schlau wie zuvor. Erfahren hat man keinen p o s i t i v e n Grund für die Arbeitslosigkeit, sondern ein neues Ideal von Altvater. Wachstum, so unterstellt sein Gedanke, habe eigentlich Beschäftigung zu schaffen: Wachstum und Beschäf- tigung, so behauptet er, sind aneinander g e k o p p e l t. Wenn sie e n t k o p p e l t werden, dann - logo - kann nicht dasselbe Resultat herauskommen, welches bei Koppelung zu erwarten gewesen wäre. Altvaters "Erklärung" des Scheiterns des Sozial- staates besteht folglich darin, daß er nun die A k k u m u l a t i o n an gleichfalls erfundenen Zwecken schei- tern läßt. Den Sozialstaatsvollbeschäftigungsidealismus dichtet er jetzt der Akkumulation an, so daß der Sozialstaat scheitern m u ß t e, weil schon die Akkumulation an ihrem Beschäftigungs- auftrag gescheitert ist. Müßig ist auch hier der Hinweis, daß jede Akkumulation, die eine Rationalisierung der Produktion ins Werk setzt, den angeblichen Beschäftigungszweck von Investitionen widerlegt. Altvater weiß das, aber dieses Wissen interessiert ihn an dieser Stelle nicht, weil er es nicht gebrauchen kann. Das Krisen-Karussell hat sich weitergedreht und dabei einen neuen Befund erbracht, auf welchen es ALTVATER sehr ankommt: Wenn näm- lich dem Scheitern des Sozialstaats das Scheitern der Akkumula- tion zugrundeliegt, dann liegt es für ALTVATER auf der Hand, daß das Scheitern des Sozialstaats n o t w e n d i g ist. Sein theoretischer Anspruch, nicht Schuldfragen zu wälzen, son- dern E r k l ä r u n g e n anzubieten, führt ihn zu einer Ver- dopplung seiner idealistischen Konstruktion: er bietet keinen p o s i t i v e n Grund an, der die Arbeitslosigkeit erklärt, sondern setzt den Zirkel der Negativ-Begründungen weiter fort. Das Spielchen läßt sich weiter treiben und wird von ALTVATER wei- tergetrieben: Warum mußte notwendig die Akkumulation an ihrem Be- schäftigungszweck scheitern? Klar doch, "aufgrund der f e h l e n d e n Investitions n e i g u n g"! Hier läßt sich die Dummheit des Gedankens wirklich nicht mehr hinter dem theore- tischen Gestus verbergen: G r u n d für die "stockende Akkumu- lation" soll die "fehlende Neigung" zur Akkumulation sein. Wer hätte gedacht, daß es denen an N e i g u n g zum Investieren gefehlt haben muß, die b e s c h l o s s e n haben, sie zu stoppen! Die Verdoppelung desselben Phänomens in die (unterlassene) ökonomische Maßnahme und den (fehlenden) Willen zu ihr erklärt nichts. Nach Altvaters Krisenlogik jedoch alles, denn wahrscheinlich ist im Gefolge der Akkumulation auch die (Akkumulations-) Neigung in ihre Krise geraten. 3. Krise ist Schicksal ---------------------- Wenn jetzt noch alle Länder "ähnliche Krisenindikatoren aufweisen, dann ist offenbar das k a p i t a l i s t i s c h e W e l t s y s t e m in der Krise; dann ist die zu untersuchende Einheit nicht die einzelne Nation, komparativ zu anderen in Beziehung gesetzt, sondern das kapitali- stische Weltsystem insgesamt. ... Seit Mitte der 70er Jahre ist die Krise auch in dem Sinne a l l g e m e i n, daß sie alle Na- tionen und Regionen in ihren Bann gezogen hat." (228 f) Der Zirkel der unentrinnbaren Krisenhaftigkeit des "kapitali- stischen Weltsystems" ist g e s c h l o s s e n. Krise ist jetzt ein notwendig sich selbst bedingender und alles erfassender "Sachzwang". Damit hat Altvater den Übergang von d e n Krisen zu d e r Krise vollzogen. Konnte man bei der Krise des Sozialstaats und der Krise der Akkumulation noch davon ausgehen, daß es d i e s e jeweils zu e r k l ä r e n galt, so hat sich Altvater jetzt umgekehrt zu "der Krise" als dem A l l g r u n d aller (Krisen-)Phänomene, wie er sie auf der Welt entdeckt, vor- gearbeitet. "D i e K r i s e" zieht alles in ihren Bann, lau- tet die Auskunft, mit der Altvater den m e t h o d i s c h e n B e g r i f f der von ihm zusammengetragenen Phänomene (von der Arbeitslosigkeit bis zum Umweltschutz) für ihre Erklärung aus- gibt. Wirken müßte demnach so etwas wie eine allgegenwärtige K r i s e n h a f t i g k e i t, die g e t r e n n t von den Gesetzmäßigkeiten der nationalen Akkumulation oder des Welt- markts, in den Drittweltländern oder im entwickelten kapitalisti- schen Sozialstaat i m m e r für "Krise" verantwortlich ist. "Krise" ist damit S c h i c k s a l: drohend, allumfassend, un- entrinnbar und ziemlich u n erklärlich. Dies ist die Konsequenz des zu Ende geführten Zirkels, in welchem die eine Krise aus der nächsten Krise erklärt wird oder diese erklären soll. Krise taucht darin zwangsläufig immer d o p p e l t auf: Einmal ist sie d a s z u E r k l ä r e n d e, u n d d a n n i s t s i e z u g l e i c h d i e E r k l ä r u n g, sie ist immer Tatbestand und sein eigener Grund, sie ist die Summe von als Stö- rung definierten Phänomenen und zugleich die Wahrheit über sie; so etwa, wenn die "Krise des Sozialstaats" aus der "Krise der Ak- kuulation" erklärt wird, diese wiederum aus der "Krise des kapi- talistischen Weltsystems", welches seinerseits auf "Krise allge- mein" verweist. Diese Tautologien-Kette, die ihre Plausibilität als Erklärung ausgerechnet dadurch gewinnen soll, daß jedes wei- tere Kettenglied dünner und leerer wird, hebt letztendlich den ganzen Krisen-Gedanken auf: Wenn immer die Krise aus der Krise erklärt wird, dann f e h l t letztlich j e d e r Grund für sie. Es sei denn, sie ist sich selbst ihr eigener Grund: Die Kri- sen h a f t i g k e i t von diesem und jenem führt notwendig zur Krise. In diese letzte bombastische Tautologie löst sich Altva- ters Krisengeschwafel auf, das damit endgültig nicht mehr mit ei- ner Kritik des Kapitalismus verwechselt werden kann. Entsprechend fallen seine Urteile über den Kapitalismus aus: 4. Kapitalismus: ein Nicht-Funktionieren-Können ----------------------------------------------- Wenn Altvater die Krise des Sozialstaats ausruft, beklagt er we- der die Arbeitslosigkeit, noch will er ihre B e h e b u n g durch den Sozialstaat e i n k l a g e n, wie dies der gemeine Idealismus tut. Er ist nämlich kein Parteigänger der Arbeitslo- sen, sondern er ist allein P a r t e i g ä n g e r d e s K r i s e n g e d a n k e n s. Die Welt unter seine methodische Krisenkonstruktion gezwungen, führt er den Nachweis, daß die K r i s e n o t w e n d i g ist; und darunter versteht er, daß der K a p i t a l i s m u s n i c h t f u n k t i o n i e- r e n kann. Es mögen sich die Repräsentanten des Sozialstaats noch so sehr abmühen; ihren Auftrag, Beschäftigung zu sichern, müssen sie notwendig verfehlen, weil eben die Akkumulation in der Krise ist usw. Die Notwendigkeit einer Sache zu erfassen, heißt eben bei Altva- ter nicht, nach einem positiven Grund für das eine oder andere Ärgernis zu suchen, sondern dieses als u n g e w o l l t e, a b e r u n a u s w e i c h l i c h e W i r k u n g eines an- deren Sachverhalts zu behaupten. So gerät ihm jede Erklärung der Arbeitslosigkeit (der Drittweltverschuldung, des sinkenden Dol- lars usw.) zum Nachweis, daß der Kapitalismus "seit den 70er Jah- ren" einfach nicht mehr i n d e r L a g e sei, so zu funktio- nieren, wie es Altvaters Begriff von Wachstum und Sozialstaatstä- tigkeit entspricht. Das merkwürdige Interesse am N a c h w e i s d e s N i c h t - F u n k t i o n i e r e n - K ö n n e n s ersetzt damit den theoretischen Standpunkt, den Kapitalismus erklären zu wollen, durch die Verrücktheit einer n e g a t i v e n P a r t e i n a h m e für ihn. Theoretische Sorgen um das Funk- tionieren des Kapitalismus sind nämlich selbst dann noch sehr am Kapitalismus interessierte Sorgen, wenn dessen Funktionieren theoretisch blamiert werden soll. Die Frage, ob der Kapitalismus funkionieren könne, die muß man sich schon gestellt haben, auch wenn man sie negativ zu beantworten gedenkt. 5. Kapitalismus ohne Verlierer ------------------------------ Der Idealismus, der bei ALTVATER jede Krise dadurch konstituiert, daß sich an ihm vergangen wird, sorgt für die Fiktion eines Kapi- talismus, in welchem eigentlich die Interessen a l l e r in ihm zur Geltung kommen könnten, wenn es eben nicht "die Krise" gäbe. Das Vollbeschäftigungsideal der Akkumulation etwa behauptet die prinzipielle Verträglichkeit des Anliegens der Kapitalisten, In- vestitionen als Mittel des Geschäfts zu tätigen, mit dem der Ar- beiter, sich von dem Geschäft ihre Scheibe abzuschneiden. So wer- den Unternehmergewinn und Arbeitereinkommen verträgliche Größen, auch wenn jede die andere beschneidet. Und erst die Dazwischen- kunft der Krise zerstört das Bild einer einträchtigen Gemein- schaft von Ausbeutern und ihrem Material im Kapitalismus. Verwun- dern darf das nicht mehr, ist doch Altvaters theoretisches Inter- esse, das Nicht-Funktionieren-Können des Kapitalismus nachzuwei- sen, nur die Konsquenz eines u m g e d r e h t e n H a r- m o n i e i d e a l s. Es muß das Bild eines Kapitalismus ohne Verlierer erst einmal entworfen sein, damit der Krisentheoretiker sich daran begeben kann, in der Krise den Allgrund dafür zu entdecken, warum seine schöne Idealität d e s K a p i- t a l i s m u s nicht W i r k l i c h k e i t w e r d e n k a n n. Es muß erst einmal behauptet sein, daß Lohnarbeiter hierzulande die potentiell erfolgreichen Teilhaber an jener Ausbeutung sind, der sie unterliegen, ehe dem Kapitalismus durch "die Krise" das "Scheitern" in dieser Frage artiger Aufteilung des produzierten Reichtums attestiert wird. Genaugenommen bringt deswegen die Krise für Altvater auch nicht etwa jene G e g e n s ä t z e zutage, die den Kapitalismus aus- zeichnen, sondern nur S t ö r u n g e n des unterstellten Funk- tionierens. 6. Kapitalismus scheitert an Konkurrenz --------------------------------------- Im Aufspüren von O p f e r n ist Altvater deswegen auch nicht kleinlich. Auf seiner Opferliste stehen nicht nur die Arbeitslo- sen, die verelendeten Massen in der "Dritten Welt", sondern alle, die irgendwo auf der Welt einen Verlust zu beklagen haben: Der Schuldner, der wegen fehlender Einnahmen in Zahlungsverzug gekom- men ist, ebenso wie der Gläubiger, der schon mal einen Kredit bschreiben muß; der Arbeiter, der keine Beschäftigung hat, ebenso wie der industrielle Kapitalist, dessen Akkumulation ins Stocken gerät oder der seine Gewinne einfach nicht mehr gescheit anlegen kann. Kein Wunder, ist doch die Krise a l l g e m e i n. Die systematische Verwandlung eines jeden wie auch immer gearte- ten Verlustes in Zeichen für Krise steht letztlich nicht nur für das Ideal eines Kapitalismus ohne den Gegensatz zwischen Ausbeu- tern und Ausgebeuteten, sondern für das I d e a l e i n e s K a p i t a l i s m u s o h n e K o n k u r r e n z, welches der Kapitalismus bloß eben nie verwirklichen kann. Ö k o n o m i s c h v e r w e c h s e l t A l t v a t e r a l s o K o n k u r r e n z m i t K r i s e: Überall dort - in der Konkurrenz der Kapitale, in der Konkurrenz von Industrie- und Bankkapital, in der Konkurrenz von Staaten usw. -, wo die K o n k u r r i e r e n d e n s e l b s t oder die Konkur- renz o b j e k t e Schaden nehmen - sei es weil sie in der Kon- kurrenz verloren haben, oder sei es, weil sie in der Konkurrenz erfolgreich als Material benutzt worden sind -, entdeckt Altvater das Scheitern des Kapitalismus. Als Fanatiker eines (umgedrehten) Harmonieideals tilgt er folglich am Kapitalismus die Form, in der es ihn überhaupt nur gibt: als Konkurrenz der Privateigentümer einerseits und Gegeneinander ihrer politischen Herren anderer- seits. Nach diesem Grundkurs in Krisenlogik verfügt man über ein Instru- mentarium, das so universell angewandt werden kann, wie "Mißstände" auf der Welt in die Schlagzeilen gebracht werden. Dazu muß man nur (1) die "Mißstände" als ein "Mißlingen", als ein "Scheitern" definieren, wozu es unumgänglich ist, dem "Scheiternden" Zwecke anzudichten, die dieser nicht verfolgt; hat dann (2) das "Scheitern" hier mit einem "Scheitern" dort zu er- klären, womit dann die "Krise" ausgerufen wäre; diese muß (3) als unausweichlich, weil als Resultat einer alles umfassenden "Krise des Weltsystems" vorgestellt werden; wodurch der Gegenstand ziem- lich komplex, dafür aber die Botschaft (4) umso einleuchtender wird, daß der Kapitalismus einfach nicht funktionieren kann; was höchst bedauerlich ist, wo doch (5) eigentlich alle, die ihr Scherflein oder Scherf zur weltweiten Akkumulation beitragen, ei- gentlich gleichermaßen Gewinner dieser Wirtschaftsordnung sein könnten, wenn es eben nicht "die Krise" gäbe; weshalb folglich (6) alle, die irgendwie zu Verlierern von Konkurrenz zählen - egal, ob sie Konkurrenten sind oder überhaupt nur als Verlierer der Konkurrenz vorgesehen -, gleichermaßen zu den bedauernswerten Opfern des weltweiten Wirkens des in "die Krise" geratenen Kapi- tals zählen. II. ...und ihre universelle Anwendung ------------------------------------- Was dem Altvater an öffentlich angeprangerten Mißständen vor die Flinte kommt, wird jetzt mit der "Krise" abgeschossen. Das mag der Sozialstaat, die Akkumulation weltweit oder die Verschuldung der "Dritten Welt" sein. Dabei bleibt er nicht in seinem Revier, sondern beharkt auch die Ökologie nach diesem Muster oder nimmt sich die Hegemonie der westlichen Führungsmacht vor. An Material fehlt es ihm nicht. Und je offenkundiger der Imperialismus "Mißstände" - bei wem auch immer und welche auch immer - produ- ziert, desto mehr fühlt sich Altvater in seinem Element und be- stätigt: Das mit dem Imperialismus, das kann einfach nicht klap- pen! Beispiel 1: Wie aus der Verschuldung ------------------------------------ der "Dritten" bei der "Ersten Welt"... -------------------------------------- Wenn sich als Umgang mit den Milliarden-Schulden der Drittwelt- oder Schwellenländer die sogenannten Umschuldungsverfahren regel- recht eingebürgert haben, wenn diese Umschuldungen längst nicht allein die ursprünglich geliehene Summe, sondern jene Kredite be- treffen, welche für die Zahlung von Zins und Zinseszins aufge- bracht werden müssen, wenn überdies jede solcher Umschuldungs- aktionen eine konzertierte Aktion von privaten, staatlichen und suprastaatlichen Geldinstituten wie der Weltbank ist, und wenn schließlich solche Aktionen die geschäftliche Seite immer mit po- litischen Auflagen verbinden, in denen der IWF gänzlich ungeniert dem verschuldeten Souverän seine Wirtschaftspolitik und manchmal noch mehr diktiert, dann sind all jene Klagen über die Schulden- nöte, mit denen Gläubiger und Schuldner die Weltöffentlichkeit rühren möchten, auf dem Konto Heuchelei abzubuchen. Um die Ret- tung von zerrütteten Finanzen, um Abwendung von Staatsbankrotten, um die pure Verteilung von Verlusten geht es dann nämlich nicht. Und schon gar nicht haben solche internationalen Kreditoperatio- nen die Beseitigung jener Hungersnöte im Auge, die nicht das Pro- dukt fehlender Lebensmittel, sondern das Resultat einer Erpres- sung sind, jede Erdfrucht, mit der sich auf dem Weltmarkt eine Devise erzielen läßt, keinesfalls ökonomisch sinnlos in hungrige Mäuler zu stecken. Längst ist der Stand der Erpressung mit Schul- den, die nie zurückgezahlt werden können, so weit gediehen, daß mehr als nur Dollar- oder DM-Gewinne bilanziert werden. Die Un- terwerfung dieser Drittwelt- und z.T. auch der Schwellenländer unter die Kalkulationen der imperialistischen Geschäftswelt ist dermaßen vollständig, daß sie und die konkurrierenden politischen Sachwalter des Weltmarkts sich nicht mehr der Frage widmen, wie aus diesen Weltgegenden für Industrie- und Bankkapital ein Ge- schäft g e m a c h t werden kann, sondern sie sich längst um die Aufrechterhaltung der B e d i n g u n g e n kümmern unter denen objektiv bankrotte Staaten weiterhin für j e d e s ö k o n o m i s c h e u n d p o l i t i s c h e I n t e- r e s s e d e s "f r e i e n W e s t e n s" b e n u t z b a r s i n d. Dafür müssen dann auch schon mal Staats- und Privatbanken Kredite in den Wind schreiben, also auf ihren Konten Verluste verbuchen. Die erstaunliche Lässigkeit, mit der sie das tun, verweist auf das Ausmaß jener Geschäfte, die sich unter pfleglicher politischer Betreuung sowieso weiter ergeben! ...eine "Verschuldungskrise" wird. ---------------------------------- Wenn Altvater mit seiner Krisenlogik diesem Teil des segensrei- chen Wirkens des Imperialismus zu Leibe rückt, dann steht zwangs- läufig alles auf dem Kopf: Die "Verschuldungskrise" der Staaten der "Dritten Welt" soll e r s t e n s darin bestehen, daß diese ihre Schulden nicht zu- rückzahlen können: "Die Tilgung der aufgenommenen Kredite ist selbst den 'Musterländern' unter den Schuldnern n i c h t m ö g l i c h." (247) Der Sachverhalt trifft zu, doch was heißt da eigentlich Verschul- dungs k r i s e"? Besteht denn der kapitalistische Witz am Kre- dit darin, daß er z u r ü c k g e z a h l t werden soll? Wäre dann nicht jede Kreditausgabe geradezu eine fahrlässige Angele- genheit wenn doch der Rückfluß prinzipiell eine so unsichere Sa- che ist, daß noch jede Bank S i c h e r h e i t e n verlangt? Die Unterscheidung zwischen dem Anpumpen eines Kumpels und dem Kredit als Geschäftsartikel scheint Altvater nicht recht geläufig zu sein. Entweder nämlich ist die Finanzwelt verblödet, daß sie ständig Kredite, die nie getilgt werden können, ausgibt, oder das G e s c h ä f t mit dem Kredit läuft b e i abgeschriebenen Krediten. Die Logik der Erpressung, die jedem Kreditgeschäft - übrigens auch dem, das zur beiderseitigen Zufriedenheit ausgeht - zugrundeliegt, soll ausgerechnet dort nicht greifen, wo der Schuldner nicht etwa nur am kürzeren, sondern an gar keinem Hebel sitzt. Dabei gibt es natürlich keine schönere "Sicherheit" für die internationale Gläubigermannschaft, als wenn ihr bzw. dem IWF und der Weltbank quasi die gesamte Wirtschaftspolitik dieser Staaten zur freien Bedienung ausgehändigt wird. Doch ausgehend von der albernen Vorstellung, daß "Schuldenkrise" herrscht, weil nicht zurückgezahlt werden kann, wird von Altvater nur danach gefahndet, w a s j e t z t a l l e s n i c h t g e h t. So geht z.B. die "nachholende verschuldete Industriali- sierung" (40 f.) dieser Staaten n i c h t mehr. Für Brasilien schreibt Altvater: "Auch mit der Einräumung weiterer tilgungsfreier Jahre im Zuge von Umschuldungsvereinbarungen wäre die brasilianische Zahlungs- bilanz bis an das Ende des Jahrtausends mit Zinszahlungen bela- stet, die die ökonomischen und gesellschaftlichen Bewegungsspiel- räume drastisch einschränken." (AdN, 26) Das mag schon sein, aber vielleicht kommt es darauf in dem Kre- dit-V e r h ä l t n i s dem Gläubiger und seinen politischen Freunden gerade an? Was ist das für ein Unfug, der Erpressung mit Schulden eine Krise anzudichten, für die als Beleg nur Phänomene angeführt werden, die den E r f o l g der Kre- dit e r p r e s s u n g belegen? Nach wessen Pfeife sich inzwi- schen Brasilien "bewegt", ist wirklich kein großes Geheimnis. Eine "nachholende Industrialisierung" per Schulden zu befördern, das mag das Interesse der brasilianischen Führer gewesen sein, und es mag der politischen Verwaltung der brasilianischen Staats- finanzen schon Kopfschmerzen bereiten, daß ihre Träume für ein kapitalistisch industrialisiertes, auf dem Weltmarkt konkurrenz- fähiges Brasilien nicht aufgehen - aber was hat das mit einer K r i s e d e r S c h u l d e n zu tun? Wenn ein Wucherer die Zahlungsunfähigkeit seiner Schuldner dazu ausnutzt, bei diesen die Daumenschrauben stärker anzuziehen, würde wohl selbst ein Altvater nicht die "Verschuldungskrise" ausrufen. Zu sicher wäre selbst er sich, daß es in diesem Kreditverhältnis dem Wucherer genau auf diese Erpressung ankommt. Doch Altvater nimmt teil an den - durchaus auszuhaltenden - Kopf- schmerzen der Drittweltführer, denen so manches ehrgeizige Pro- jekt - "Finanziert wurden z.T. ehrgeizige Industrie-Projekte giganti- schen Ausmaßes, aber auch Nepotismus, klientelistische Bereiche- rung, Kapitalflucht und der Ausbau des militärischen und polizei- lichen Repressionsapparates, mit dem die herrschenden Klassen ihre Macht zu sichern hofften." (AdN, 20f.) - durch die Lappen, in die Binsen ging oder vom IWF unterbunden wurde. So finden sich denn die Führer der Drittweltstaaten ebenso unter den "Opfern der Verschuldungskrise" wie diejenigen Bevölkerungs- teile, welche von ihnen permanent zu Opfern gemacht werden. Wenn die nationalistischen Träume der Führer der Drittweltländer nicht Wirklichkeit werden, ist das ebenso ein Beleg für die "Krise" wie das Elend derjenigen, auf die die Pinochets die Gewehrläufe rich- ten, um sich ihre Träume oder um die IWF-Auflagen zu erfüllen: Es bedeutet nämlich "der Transfer des Schuldendienstes in jedem Fall eine Verminderung des möglichen Konsumniveaus, was in einem Land mit Unterernährung und Unterversorgung mit privaten und öf- fentlichen Dienstleistungen nur um den Preis von Hunger und Elend machbar wäre." (147) Was heißt hier "wäre"!? Auf diese Weise lassen sich denn auch alle Unterschiede zwischen Brasilien und Nicaragua aus der Welt schaffen: Die Staatslenker Brasiliens w o l l e n gar nicht, woran Altvater sie scheitern läßt; die Sandinisten möchten lieber heute als morgen ihre Bevöl- kerung besser versorgen, aber sie k ö n n e n aus bekannten Gründen nicht. Und da z w e i t e n s im Gefolge dieser Sorte Konkurrenz im Kreditgeschäft mit den Drittweltländern bei Banken immer mal wie- der Wertberichtigungen fällig sind, schon mal die eine oder an- dere Bank gegenüber den Mitkonkurrenten das Handtuch werfen muß, oder die Nationalbanken sich zum Eingriff genötigt sehen, gibt es für Altvater natürlich nicht nur i n n e r h a l b d e r "B e u t e" selbst, sondern auch bei den K o n k u r r e n- t e n u m d i e B e u t e jede Menge O p f e r: "Die Umschuldungen sind eine Methode, um in den Industrieländern die Wirtschaftskrise, die sich insbesondere als strukturelle Mas- senarbeitslosigkeit zeigt, nicht noch bis zu einer Kreditkrise wie vor fünfzig Jahren zuzuspitzen. Es handelt sich also um eine ausgesprochene K r i s e n v e r m e i d u n g s s t r a- t e g i e. Bislang ist es gelungen, die Lasten der Schuldenkrise vor allem die Schuldner tragen zu lassen..." (GMH, 15 f) Wenn das nicht mehr läuft, dann "gibt es nur noch die politisch moderierte Aufteilung der Abschreibungsverluste zwischen Gläubigern und Schuldnern." (250) Man soll Altvater nicht dafür schelten, daß er die Hungerleider in den Ländern der "Dritten Welt" als "g e l u n g e n e Kri- senvermeidungsstrategie" bespricht. Er ist sich selbst sehr treu, wenn er den Standpunkt des (Nicht-)Funktionierens nun auf die B a n k e n anwendet, warnend den Zeigefinger hebt und Zeiten kommen sieht, in denen die Banken doch tatsächlich Verluste in höherem Maße selbst zu tragen hätten. Nun mag es ja sein, daß sich als Wirkung eines Bankeinbruchs Entwertungen in großem Stil in der imperialistischen Finanzwelt nicht vermeiden lassen, doch wessen Sorge soll das denn sein? Altvater teilt halt p r i n z i p i e n l o s p r i n z i p i e n t r e u die" Sor- gen " a l l e r am Kreditgeschäft mit der "Dritten Welt" betei- ligten Subjekte. Will er ihnen doch nachweisen, daß ihre "Krisenvermeidungsstrategie" nie die "Krise" vermeiden könne. Über den Kredit hat man nebenbei bei Altvater gelernt, daß er e i g e n t l i c h die Quadratur des Zirkels zu leisten hätte, wenn nicht immer was dazwischen käme: Er wird ausgegeben, um zu- rückzukehren, soll dem Schuldner alle seine Wünsche erfüllen und darf natürlich dem Gläubiger keine Verluste zufügen. So geht die politische Ökonomie der Heinzelmännchen! Beispiel 2: Wie aus der universellen Benutzung des Dollar... ------------------------------------------------------------ Die "Währung" des Weltmarktes, das weiß der Leser des 1. Bandes des "Kapital", ist eben keine Währung, sondern Gold; also reine Wertmateriatur; im Verkehr zwischen Staaten der Beleg dafür, daß niemand einfach so den Banknoten des Konkurrenten traut, sondern in tatsächlichem Geldreichtum seine Geschäfte mit den Nachbarn bilanzieren will. Damit ist eigentlich schon alles Wichtige über den D o l l a r gesagt. Wenn der an die Stelle des Goldes tritt, wenn also eine n a t i o n a l e W ä h r u n g darauf bestehen kann, daß in ihr ab sofort alle Geschäfte des Weltmark- tes abgewickelt zu werden haben, kann dies nicht das Resultat ei- ner Abstimmung zwischen Staaten und auch kein Zeichen von Gold- mangel sein. Wenn jedes Geschäft auf der Welt, mit oder ohne Be- teiligung amerikanischer Geschäftsmenschen immerzu zugleich Nach- frage nach dieser bestimmten Währung darstellt, wenn jeder Staat genötigt ist, sich um Reserven in der Form des Weltgeldes (Dollar) zu kümmern, die ja auch erst einmal als Resultat eines Geschäfts erworben sein wollen, wenn schließlich jeder Staat sorgfältig die Schwankungen des Werts des Dollars beobachten muß, weil davon abhängt, wie teuer oder billig sein Import und Export ist, wieviel Wert seine Weltgeld-Reserven haben und was er tun kann, um all dies möglichst zum Vorteil der eigenen Nationalöko- nomie zu gestalten, dann muß jener Nationalstaat, dessen Natio- nalwährung Weltgeltung hat, über eine beträchtliche "Überredungs- gabe" verfügen. Es ist eigentlich kein Geheimnis, daß die USA - der militärische, politische u n d einzige ökonomische Sieger des 2. Weltkrieges - mit dem gar nicht zimperlichen Verweis auf ihre ökonomische und militärische Macht ihren Dollar zum Weltgeld erklärt, schließlich sogar mit eben demselben Verweis eine Golddeckung für eine Fessel ihres weltweiten Geschäfts und das ihrer Konkurrenten erachtet und sie kurzerhand abgeschafft haben. An dem System hat sich bis heute prinzipiell nichts geändert. Ge- ändert haben sich die Paritäten der Währungen der imperialisti- schen Konkurrenten zum Weltgeld; dies nicht zuletzt aufgrund er- folgreicher Benutzung des Dollars, so daß die USA in letzter Zeit genötigt sind, ihr Monopol in Sachen Weltgeld-Regulierung zu re- lativieren. ...eine "Krise des Weltgeldes" wird. ------------------------------------ Für Altvater ist natürlich das Weltgeld Dollar auch nicht mehr das, was es m a l war bzw. f ü r i h n war, also n o c h n i e war. Er beobachtet einen ständigen Niedergang des Weltgel- des. Die Aufhebung der Golddeckung, die Ersetzung der fixen durch die freien Wechselkurse, die Verschuldung der USA, die Aufblähung des internationialen Geld- und Kreditmarktes, die zunehmende Spe- kulation auf den Dollar und die sich ändernden Notierungen des Dollars signalisieren ihm folgendes: "Die 70er Jahre sind Zeuge der Umkehrung der Funktionen, die der Dollar als Weltgeld einmal hatte: von einem politischen Regulie- rungsinstrumentarium zu einem ausschließlich privaten Kapitalan- lageobjekt. Die Krise ist unvermeidlich." (234) Altvaters "Krise des Weltgeldes" lebt von dem erfundenen Gegen- satz zwischen "politischer Regulierung" und "privater Kapitalan- lage" (43), sprich: Geschäft. Die Ausstattung von Nachkriegs-Eu- ropa mit Dollars war für Altvater "politische Regulierung". Wenn jetzt der internationalen Finanzwelt das Angebot gemacht wird, sich am billionen-schweren Aufrüstungsprogramm durch die Faktu- rierung von Dollar-Staatsschulden eine goldene Nase zu verdienen, dann ist dies für ihn gleichbedeutend mit "privater Kapitalan- lage" und signalisiert den Niedergang des Dollars als Weltgeld. Altvater ist so vernarrt in seinen Krisengedanken, daß er sich das Weltgeld als uneigennützig-segensreichen Stabilisator des Währungssystems ausmalen muß, um es dann an diesem Maßstab bla- mieren zu können. Daß die "politische Regulierung", welche der Dollar weltweit bewirkte, überhaupt nur als Angebot an heimisches Kapital und an "befreundete" Nationalstaaten wie die BRD zu ver- stehen war, mit dem Dollar ein Geschäft zu machen, daß "politische Regulierung", sprich: Herstellung von Dollar-Abhän- gigkeiten, irgendwie etwas mit dem I n s t r u m e n t zu tun haben muß, das da "r e g u l i e r t", kann Altvater ziemlich gleichgültig sein. So vergißt er fürs erste, daß das "Regulierungsinstrument" eben Zirkulations-, Zahlungsmittel und Kapital, also das gewaltsam durchgesetzte G e s c h ä f t s- m i t t e l und der G e s c h ä f t s a r t i k e l N r. 1 für alle, die auf dem Weltmarkt mitmischen wollten, zu sein hatte. Und er kramt erst für die 70er und 80er Jahre die andere Seite des Dollars hervor, wo diese selbst ihm nicht mehr verborgen bleiben konnte, weil die Dollar-Geschäfte so erfolgreich verlaufen waren, daß es davon erstens ziemlich viele gab, diese zweitens in ziemlich vielen Händen lagen und drittens keinesfalls allein eine Verschuldung b e i den USA, sondern auch Verschuldung d e r USA signalisierten. Damit sei die "Existenz eines regulierten Währungssystems verunmöglicht" (235), sagt Altvater und verwechselt den Umstand, daß die USA inzwischen ihre sechs imperialistischen Konkurrenten regelmäßig zu "Währungsgipfeln" einladen, mit einer U n f ä h i g k e i t zur "R e g u l a t i o n". Nun mag in der Tat einem US-Finanzminister oder -Präsidenten be- reits ein Gipfel deswegen ein Greuel sein, weil er sich da die "Sorgen" seiner Konkurrenten anzuhören und sie von Fall zu Fall zu berücksichtigen hat; etwa jene über das US-amerikanische Ent- schuldungsprogramm via Dollarentwertung. Doch solange einerseits die internationale Geldmafia dem Angebot der USA, ihr Aufrü- stungsprogramm gegen Zinsen zu finanzieren, folgt, solange damit andererseits das politische Programm der USA vom restlichen We- sten seiner Geschäftswelt als Gelegenheit "erlaubt" wird, solange also die Währungshüter der sieben Großen an einer politischen Priorität, die bekanntlich in ihrem NATO-Bündnis sichtbaren Aus- druck gefunden hat, festhalten, muß sich Altvater um die "Regulierungsfunktion" des Weltgeldes wirklich nicht sorgen. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß es ihn wirklich besänftigt, da gemessen am Ideal eines Monopols auf "politische Regulierung", das nach dem 2. Weltkrieg identisch war mit dem Monopol der USA auf Geschäft mit dem Dollar, das U S - I n t e r e s s e an konkurrenzlosem Herumfuhrwerken auf dem Globus in der Tat be- schränkt ist. Für Altvater ein Grund, die "Hegemoniekrise der USA" auszurufen. Beispiel 3: Wie die vom Osten gebremsten ---------------------------------------- imperialistischen Ansprüche der USA... -------------------------------------- Den Vereinigten Staaten von Amerika ist es stets eine Selbstver- ständlichkeit gewesen, mit ihren Segnungen die Welt zu beglücken. Daß sich - vor allem nach dem 2. Weltkrieg - die Welt dem Dollar zu unterwerfen hatte, daß sie eine einzige große Geschäftsgele- genheit für das US-Kapital zu sein hatte, war und ist dermaßen gültige Maxime der Außenpolitik, daß für dieses Menschheitsbe- glückungsprogramm die Zustimmung der dafür ausersehenen Souveräne gar nicht erst eingeholt werden mußte. Selbstverständlich ist es der "pax americana" bis heute, daß Widerstand gegen solche Seg- nungen U n r e c h t ist und deswegen notfalls mit Gewalt un- terbunden werden muß. Das entsprechende militärische Monopol be- saßen die USA und mochten von ihm Gebrauch. Zum k a l k u l i e r e n d e n Umgang damit wurden die USA erst durch die sowjetische Verfügung über Atomwaffen genötigt. Wollten sie nicht kurz nach dem 2. gleich den 3. Weltkrieg begin- nen, dessen Ausgang angesichts der Atomstreitmacht der UdSSR durchaus nicht vorhersehbar gewesen wäre, dann hatten die USA bei allen militärischen Operationen ab sofort zu bedenken, daß das Hindernis des US-Imperialismus zugleich über entscheidende mili- tärische Mittel verfügte. Abgehalten hat dies die USA nicht von militärischen A k t i o n e n, geändert haben sie ihre außenpo- litischen M a ß s t ä b e schon gleich gar nicht. Umgekehrt ha- ben sie ihren Ehrgeiz darein gesetzt, militärisch wieder einen gehörigen Vorsprung zu bekommen, die Welt um die Sowjetunion herum zu strategischen Basen auszubauen und auch sonst auf keinem Kontinent etwas 'rot' anbrennen zu lassen. Leider ist ihr dabei einiger Erfolg beschieden, an dem ihre NATO-Freunde durchaus ih- ren Anteil hatten und die deswegen auch diese Erfolge keineswegs den USA allein überlassen wollen. ...die "Hegemoniekrise" der Vereinigten Staaten belegen. -------------------------------------------------------- Bei Altvater werden die USA zum bedauernswerten Opfer ihrer eige- nen Segnungen: - Erst haben sie nach dem 2. Weltkrieg Europa mit ihrem System eines - nach Altvater - höllisch gut funktionierenden Kapitalis- mus beglückt; mit dem sogenannten "Fordismus" (24 ff.), was sich aber schwer gerächt hat, denn das hat irgendwie ihre Ökonomie nicht verkraftet (221 ff.). - Dadurch geriet das Weltgeld in eine Krise, mit dem die USA doch nur weltweit für "Stabilität" sorgen wollten. - Ihre "Hegemonie" m u ß t e dadurch erheblichen Schaden nehmen: "die Niederlage in Vietnam, das Debakel von Watergate (und Iran- gate 10 Jahre später) und vor allem: die Erosion der Mittel, mit denen Hegemonie ausgeübt werden kann. Die Machtlosigkeit zeigte sich in ihrer schäbigen Nacktheit beim unrühmlichen Abzug aus Vietnam und fünf Jahre später beim Desaster in der Wüste des Irans. Aller Welt wurde demonstriert, daß die USA nicht mehr in der Lage waren, mit begrenzten Mitteln der iranischen Herausfor- derung zu begegnen (so sehen das die US-Ultras und Khomeini auch; MSZ) und - was noch mehr ins Gewicht fiel - für eine ungefährdete Energieversorgung der hochentwickelten kapitalistischen Welt zu sorgen." (230 f) Es fehlt in dieser Liste eigentlich nur noch "die Niederlage" der USA in Nicaragua, "der würdelose Sieg" über Grenada oder die "ohnmächtige" Okkupation des Persischen Golfs. Nicht daß Altvater ein unbedingter Freund imperialistischer Welt- herrschaft wäre, nicht daß ihn Sorgen um "unser Öl" irgendwie nicht schlafen lassen würden. Aber wenn Altvater für das US-Hege- moniestreben die "Krise" ausruft, dann mißt er die Hegemonie der USA an "Leistungen" eines S t a b i l i t ä t s f a k t o r s, der "uns" vor "iranischen Herausforderungen schützt" und "unser Öl sichert". Der imperialistische Maßstab der USA, daß jedes mi- litärische Kalkulieren bereits eine Niederlage sei, daß die mili- tärische Potenz einer anderen Großmacht für die "Erosion" der e i g e n e n Mittel steht und daß der Verzicht auf den v o l l e n Einsatz der eigenen Militärmacht geradezu ein "Desaster" darstellt, dieser Maßstab ist seinem Urteil über die "Hegemoniekrise" immanent. Einmal im Zuge, beendet Altvater sein Krisenkaleidoskop: Es ver- wundert jetzt schon nicht mehr, daß mit der "Hegemoniekrise" der USA "dann nicht nur das Regulations- und Hegemoniemodell der US-Ge- sellschaft gefährdet ist, sondern auch das globale Regime von Ökonomie und Politik. Das opulente Dinner auf der Titanic ist in vollem Gange. Eisberge driften in Richtung ihrer Route..." (236) Und da letztlich "w i r a l l e" auf der Titanic sitzen, wäre jede Freude über den an die Wand gemalten möglichen Abgang dieses "globalen Systems von Politik und Ökonomie" natürlich völlig fehl am Platze. Erwünscht ist vielmehr die bange Frage, ob es aus der drohenden K a t a s t r o p h e noch einen Ausweg gibt. Damit hat sich Altvater zum katastrophenphilosophischen Gehalt seiner "Krise" vorgearbeitet. Krise ist jetzt von Altvater als m e t a physisches W e l t v e r h ä n g n i s ausgesprochen und steht in einer Reihe mit den beliebten Weltuntergangsphiloso- phien vom Atom, der Rüstung oder dem Frevel der Naturbenutzung. III. Wege aus der Krise? ------------------------ Wer Katastrophe schreit und damit "die Menschheit" anspricht, will in der Regel Reklame für einen, eben s e i n e n A u s w e g machen. Der heißt dann, je nach drohendem Verhäng- nis, Energiesparen, also Bescheidenheit, oder mit dem Frieden bei sich selbst anfangen, also Demut. Altvater enttäuscht hier auf der ganzen Linie. Weder konstruktive Um- oder Entschuldungspläne hat er auf Lager, noch innere Enklaven der genannten untertänig- sten Art will er anbieten. Er t a d e l t vielmehr: z.B. den IWF für seine "Philosophie der Einzelfallstudien und -lösungen", hält sie für grundfalsche Wege zur "Lösung der Verschuldungskrise". Aber z u s t ä n d i g für die "L ö s u n g der Schuldenkrise" hält Altvater den IWF schon. Nach de Motto, wo sich die (finanziellen) Mittel befinden, haben sich die "guten Zwecke" von allein einzustellen, verfährt er auch in diesem Fall: Den Hauptverantwortlichen für Hungersnöte und militärische Zerschlagung jeden Aufbegehrens in der Dritten Welt, den imperialistischen Sachwaltern der Drittwelt-Verschul- dung soll es obliegen, jenen Zustand zu beenden, den sie sehr be- wußt ins Werk setzen! Nur deswegen kann sich Altvater auch so herrlich kindisch über den "Optimismus der internationalen Organisationen, Politiker und Sachverständigen" (253) wundern, der sie beflügelt, wenn sie sich zur "Verschuldungskrise" äußern: Die halten die Tatsache, daß es verschuldete Länder geben könnte, "die in Form von Zinsen die aufgenommenen Kredite bei internationalen Banken mehrfach bezahlt hätten und dennoch auch weiterhin Transfers leisten müßten" (253), offensichtlich nicht für "absurd", sondern für eine höchst einträgliche Konsequenz der Verschuldung der Dritten Welt. Altva- ter kann darüber nur den Kopf schütteln: Wie kann man sich nur von der Fortsetzung der Verschuldung einen Abbau des Schuldenber- ges versprechen? Nicht, daß er der Auffassung wäre, das könnte überhaupt klappen! Aber daß diese Art von "Lösung der Schulden- krise" nicht geht, sehe selbst der Blinde mit dem Krückstock, meint er. Und so blamiert Altvater den IWF als fürchterlich n i v e a u l o s e Einrichtung, die einfach ständig verpassen würde, daß sie das glatte Gegenteil von dem unternimmt, was sie eigentlich will. Auch von der m o r a l i s c h e n Untermauerung dieses Idea- lismus wird sich der IWF nicht so schnell erholen: "Zweifellos hat dies" (die verheerenden Konsequenzen der Ver- schuldung für die Drittweltländer) "auch etwas mit ethisch be- gründeter Verpflichtung zu tun; und daher wurde im Titel" (des Aufsatzes: "Die Schulden des Südens und die Schuld des Nordens") "der Begriff der 'Schuld', die sich der Norden gegenüber dem Süden der einen Welt auflädt, bewußt gewählt." (GMH, 25) Doch hat sich der kritische Sachverständige Altvater nicht in die IWF-Belange ideell eingemischt, um nun seinerseits Konzepte zu präsentieren. Umgekehrt verläuft sein Anliegen. Und deswegen muß er den IWF und andere Einrichtungen der imperialistischen Fi- nanzwelt tadeln, weil sie seine Auffassung von der Ausweglosig- keit der "Schuldenkrise" nicht teilen wollen. "Einzelfall-Lösun- gen" sind doch nichts als "Flickschusterei", und es ist für Alt- vater klar absehbar, daß diese "Flickschusterei der Umschuldungen und Finanzinnovationen an eine Grenze gerät, jenseits derer es 'nur' noch um die Fragen geht, wie hoch der Abschreibungsbedarf internationaler Kredite ist und wer die Verluste zu tragen hat." (GMH, 25) Na bitte! Eine "Lösung", die auf allen Seiten nur "Verluste" bringt, ist doch keine "Lösung" nicht. Welche Hoffnungsträger lassen sich noch ausmachen und blamieren? Etwas mehr Niveau und vor allem Moral hat da für ihn das brasi- lianische Zinsmoratorium von 1987 auf seiner Seite. Brasilien hätte einen "Bruch vorherrschender Formen" (277) eingeleitet, in- dem es das "subjektive Argument ins Feld geführt (habe), daß es sein ökonomisches Wachstum nicht auf dem Altar der Verwertungsim- perative internationaler Banken opfern könne" (276). Dieses "subjektive Argument" findet Altvater deswegen so beachtlich, weil es der "Logik der Kreditbeziehung" eine andere Logik entge- gensetzt: "die von Wachstum und Entwicklung, Entwicklung und Fortschritt, Kampf gegen Elend und Hunger - ein moralischer Impe- rativ! -, sozialem Konsens und politischer Legitimation." (276) Allerdings muß er dem "subjektiven Argument" die "objektive Sach- lage" entgegenhalten, "daß nämlich gar nicht genug Devisen vor- handen waren, um die fälligen Zinsen zahlen zu können" (276). Daß die brasilianische Staatsregierung gar nicht k o n n t e, was sie angeblich nicht w o l l t e und was Altvater dann zu einer Art antiimperialistischer Drittwelt-Initiative aufplustert, macht nichts, denn eine "Lösung" stellt ein "Zinsmoratorium" auch nicht dar. Hier muß Altvater denn gleich wieder sehr "realistisch" werden: "Angesichts der Interdependenzen generie- renden Strukturen auf dem Weltmarkt..." (276) Alles klar. Da muß man nicht mehr sagen: Muß auch zwangsläufig scheitern, da irgend- wie alles mit allem zusammenhängt, ein Moratorium hier die Krise dort auslöst oder umgekehrt... Eines ist also klar: Z a h l e n g e h t n i c h t, N i c h t - Z a h l e n g e h t a u c h n i c h t, w e i l d a n n w o a n d e r s d a s Z a h l e n n i c h t g e h t, w a s j a n i c h t g e h t! Der Imperialismus bekommt es einfach nicht hin, weltweit einen harmonischen Ausgleich zwischen allen Interessen herzustellen. Das ist Altvater sonnenklar! Die Krise als sein Weg ---------------------- Was bleibt? Altvater hat keinen, will, ja darf als Krisentheore- tiker auch gar keinen Ausweg bieten. Böte er einen an, hätte er doch die theoretische Pflicht und Schuldigkeit, in ihm wieder das Wirken von Krisen, die "Interdependenz von Krisenstrukturen auf Weltmarkt" o.ä. aufzuspüren. Der Mann ist schon geschlagen! Da entwickelt er eine Katastrophentheorie, setzt die Frage nach dem Ausweg damit in die Welt, und dann 'verfängt' er sich glatt in seinem eigenen Krisenfanatismus! Nicht, daß es nicht einen Ausweg geben k ö n n t e! Aber solch einer zeigt sich einfach nicht: "Die gegenwärtige Krise" (dies sein, vom Gramsci geborgter Lieb- lingssatz; MSZ) "besteht eben genau in dem Umstand, daß das Alte stirbt, aber das Neue" (noch; Altvater) "nicht entsteht..." (23) Und so bleibt nur eines: Da m u ß m a n e b e n w a r t e n! W a r t e n, b i s s i c h w a s N e u e s z e i g t! Was anderes geht nicht. Was tun, das geht schon gleich nicht, denn man wüßte ja nicht was, weil sich was Neues nirgendwo nicht ab- zeichnet. Und daß der "Klassenkampf" in der Krise ist, das weiß Altvater schon seit der Gründung seiner (fast) gleichnamigen Zeitschrift. Das bedeutet für den Krisenfanatiker keinesfalls, daß e r jetzt die Hände in den Schoß legen muß. Warten müssen die, die sich "Lösungen" aller "Krisen" erhoffen. E r hat viel zu tun, muß er doch ständig vor falschen Hoffnungen warnen. Dabei befindet sich Altvater mit seiner verrückten negativen Parteinahme für den Im- perialismus nicht nur im Dauerdialog mit den "Bewegungen". Auch die theoretischen Parteigänger des Standpunkts einer bereits o r d e n t l i c h f u n k t i o n i e r e n d e n "M a r k t- w i r t s c h a f t" fordern ihn zum kritischen Dialog heraus. Mit den Theoretikern und Praktikern der Wirtschaftspolitik teilt Altvater nämlich den Ansatz, daß der Kapitalismus auf sein Funktionieren hin befragt werden müsse. Nur fallen die Antworten eben verschieden aus: So bemüht sich denn Altvater auch redlich, den Kollegen aus dem "bürgerlichen Lager" klarzumachen, daß sie es sich zu einfach machen, wenn sie Krisen als nicht-sy- stemspezifische Unfälle in einem ansonsten herrlich funktionie- renden Gleichgewichtsmodell betrachten. Einfühlsam denkt er sich in jeden bürgerlichen Schwachsinn hinein, findet überall ein Körnchen seiner Wahrheit, nämlich das nirgendwo geleugnete Mate- rial seiner Krisen-Theorie, und ist darüber so erfreut, daß er sich aufmacht, alle Theorien ungeachtet ihrer Widersprüche zu ei- nem großen Brei zu synthetisieren. So hält er Marx für die Ergän- zung von Keynes, Max Weber für die Ergänzung von Marx, reaktio- näre Ökologen für Interpreten der Marxschen Theorie vom Dop- pelcharakter des kapitalistischen Produktionsprozesses (siehe Ka- sten), bürgerliche Krisentheoretiker für Denker, die man nur zu Ende denken, und bürgerliche Wachstumstheoretiker für Leute, denen man den entscheidenden Tip noch geben müsse. Die theoreti- sche Parteinahme für weltweite Ausbeutung und Ausplünderung stört ihn deswegen ebenso wenig wie der Umstand, daß seine Dialogbe- reitschaft von Wachstumstheoretikern und Wirtschaftspolitikern nicht recht erwidert wird. Wenigstens denen ist klar, daß ihre "Gedanken" überhaupt nur den einen Zweck verfolgen, nämlich die N o t w e n d i g k e i t von Kapitalismus und Imperialismus auszupinseln. Ihre Gleichgewichtsideale sind als gewußte und durchschaute allemal kenntlich. Weswegen die F r a g e, ob der Kapitalismus "krisenfrei" funktionieren könne, ihr Anliegen gar nicht trifft. Mit oder ohne "Krise" ist er gerade so wie er funk- tioniert, immer ziemlich in Ordnung, lautet ihre nicht kompromiß- fähige Botschaft. Deswegen ist Altvater's Dialog mit den "Bewegungen" für Arbeit, Natur, die Frau, Frieden und 'Müsli für die Dritte Welt' auch etwas ergiebiger. Wenn er denen sein ewig- gleiches, aber durchaus politik-konjunkturbewußtes "Ich-weiß- warum!" anträgt, dann bedient er einerseits durchaus deren erstes Bedürfnis nach fürchterlich viel P r o b l e m b e w u ß t- s e i n. Zusammen mit ihnen kann er nicht nur die Frage des Funktionierens von Geschäft und Gewalt aufwerfen, er kann zugleich mit ihnen den Kapitalismus mit deren Idealen ausgestalten. Dabei stört in diesem Dialog wenig, daß Altvater k e i n P a r t e i g ä n g e r der Ideale der "Bewegungen" ist, sondern diese - Frieden, Frau, Vollbeschäftigung und Erhaltung von Mensch, Wurm und Halm - ihm allein das M a t e r i a l seines negativen methodischen Ideals vom Nicht- Funktionieren-Können von Kapitalismus und Weltmarkt sind. Daß es in einem Dialog zwischen den "Bewegungen", welche immerhin noch zwischen Tätern und Opfern unterscheiden und die von ihnen ausge- machten Ärgernisse abstellen möchten, und einem Krisen-Theoreti- ker, der letztlich nur einen "Täter", nämlich "die Krise", dafür aber in der Welt des nationalen und internationalen Kapitals auch n u r "Opfer" entdeckt, zu schrilleren Mißtönen kommt, steht kaum zu erwarten. Zu ausgeprägt ist auch beim gemeinen Idealismus das Vertrauen in die eigentlich guten Absichten der Herren von Geschäft und Gewalt. U n b e f r i e d i g t läßt Altvater die "Bewegungen" allenfalls zurück, weil er ihr zweites Interesse nicht bedient: Auf ihre "Was-tun"-Frage kennt Altvater und darf er keine Antwort kennen. Daß Altvater also die p r a k t i s c h e U n g e d u l d des Idealismus der modernen "Bewegungen" mit seinen Scenarien vom "notwendigen Scheitern" ab- wiegelt, macht denen aber auch nicht sehr viel. Denn die "Was- tun"-Emphase ist ohnehin nur die Eröffnung der Gewissens-Abtei- lung ihrer moralischen Empörung. Deswegen kann sich der Über- blicker und Amalgamierer aller linken und rechten theoretischen Fürze, die irgendwo gelassen werden, auch vornehm zurückhalten und doch als Durchblicker geachtet werden. Einmischen möchte er sich nicht. Konsequente Parteinahme für irgendein Anliegen der "Bewegungen" kommt für ihn nicht in Frage, hat er doch sein eige- nes. Eine Kritik an den Vorhaben der antiimperialistischen In- itiativen liegt ihm freilich auch fern, weil er als Partei seinen Expertenstatus für sein Publikum und sein Publikum für seinen Ex- pertenstatus verlieren würde. So schwebt er als Vertreter eines katastrophengeschwängerten Standpunkts des ideellen Gesamtimpe- rialismus über allem schon ziemlich zum personifizierten Orakel geworden. Dieser Theoretiker des Leidens des Kapitalismus an sich selbst ist deswegen auch weit von denen entfernt, die im imperialisti- schen Stadium des Kapitalismus überall Fäulnis entdeckt haben wollen und - das allein ist und bleibt das Sympathische am Revi- sionismus - b e g e i s t e r t auf den U n t e r g a n g der "Titanic" gewartet haben. Weder möchte Altvater die Notwendigkeit der Abschaffung seiner Katastrophenökonomie begründen - würde er sich sonst um das Nicht-Funktionieren sorgen? -, noch kommt ihm die Empfehlung an die Opfer über die Lippen, es müßte ihnen doch ein Leichtes sein, sich von all dem zu trennen, was ihnen nur ihr dauerhaftes Scheitern garantiert: Wie sollte das möglich sein, wo zwar "das Alte stirbt, aber das Neue (noch) nicht zu sehen ist..." * Literatur: E. Altvater, Sachzwang, Weltmarkt, Hamburg 1987 E. Altvater, Die Schulden des Südens und die Schuld des Nordens, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 1/87 (GMH) E. Altvater u.a., Die Armut der Nationen, Berlin (West) 1987 (AdN) zurück