Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu
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MSZ Schule aktuell, Februar 1980
DIE GRÜNE VERKEHRTE WELT:
DAS "ÖKOLOGISCHE GLEICHGEWICHT"
D i e Idee, unter der die Grünen angetreten sind und für die sie
werben, heißt "ökologisches Gleichgewicht". Anwendbar ist diese
Idee, wann und wo immer "der Mensch" sich an, in und mit der Na-
tur zu schaffen macht - also eigentlich immer und überall. Und
stets gerät, am Maßstab dieser Idee gemessen, menschliches Wirken
und Werkeln zu einem Beispiel dafür, daß es in seiner grob-
schlächtigen Rohheit das subtilste aller Gleichgewichte zerstört,
die es gibt, nämlich eben das "ökologische": Wenn Tanker zerbre-
chen, gerät das Meer durcheinander, Atomkraftwerke machen grü-
nende Wiesen und den seit der Eiszeit eingespielten Wärmehaushalt
der Flüsse kaputt, die Verwendung von Brennstoffen bringt die Na-
tur ihrem ohnehin unausweichlichen Wärmetod näher und hat außer-
dem die Konsequenz, daß sie danach unwiederbringlich dahin sind;
überhaupt ist alles knapp und menschlicher Verbrauch von Naturgü-
tern auf die Jahrtausende gesehen ein unverantwortlicher Raubbau
an den kostbaren Ressourcen.
Nun ist es eigentlich nicht schwer zu merken, daß alle derartigen
Beispiele das Gegenteil von dem beweisen, wofür sie stehen sol-
len: Mit Rohöl bedeckt wird das Meer zwar untauglich zum Schwim-
men und Fischefangen, aber nicht für s i c h, weil das Meer in
sich weder einen Zweck noch einen Maßstab enthält, wie es ausse-
hen s o l l t e. Allein die Existenz von Naturkatastrophen,
Überschwemmungen, Erdbeben und dergleichen mehr, macht klar, daß
die Natur aus sich heraus kein Kriterium für "i h r Gleichge-
wicht" hat, und folglich auch nicht "aus dem Gleichgewicht gera-
ten" oder "umkippen" kann. Wenn sich infolge von Erdbeben die
Schichtung des Gesteins v e r ä n d e r t, so ist die neue For-
mation deshalb nicht weniger Natur, z.B. eben mit teilweise ver-
änderter Bodenbeschaffenheit. Alle Urteile über angebliche Abwei-
chungen von einem angeblichen Gleichgewichtszustand der Natur er-
geben sich also nicht aus der Natur, sondern verdanken sich viel-
mehr dem Kriterium, was der Mensch mit irgendeinem Stück Natur
anfangen will. Künstlich erwärmte und radioaktiv verseuchte
Flüsse sind zwar der menschlichen Gesundheit abträglich, deswegen
aber nicht minder ein Stück funktionierender Natur. Und ver-
brannte Brennstoffe sind zwar für die erneute Verbrennung verlo-
ren, aber sonst für gar nichts: die Natur heizt ja schließlich
nicht mit Kohlen. Wann immer die "Zerstörung der Natur" beklagt
wird, wäre deshalb das einzig Rationale an solchen Klagen die
Feststellung, daß etwas potentiell Nützliches für gewisse men-
schliche Zwecke verdorben ist - einem Fluß ist es egal, ob er
sauber oder "tot" ist, und wenn niemand sein Wasser trinken will,
kann es der Menschheit auch egal sein. Genau so "einfach" will
der ökologisch aufgeklärte Naturfreund es sich aber nicht machen.
Wann immer die Benutzer der Natur, z.B. eine Kohlenzeche bei Er-
schöpfung ihrer Flöze, oder die Leidtragenden dieser Benutzung
der Natur, z.B. die Anrainer einer Chemiefabrik, mit der benutz-
ten Natur ein Problem bekommen, greift ein Ökologe den Fall auf,
um sich entschlossen auf einen Standpunkt zu stellen, den es ein-
zig und allein in seiner Phantasie gibt, nämlich den der in Mit-
leidenschaft gezogenen N a t u r. Dabei vernachlässigt diese
grüne Weltanschauung geflissentlich einen nicht unwesentlichen
Unterschied: Wenn nämlich die Besitzer einer Kohlenzeche ein Pro-
blem damit bekommen, daß die Kohle in ihren Flözen vollständig
abgebaut ist, an dieser Stelle der Natur das für die Besitzer
nützliche Kohlevorkommen erschöpft ist, dann besteht ihr grandio-
ses Problem schlicht darin, mit dem von ihnen bewerkstelligten
Abbau auf diesem Fleck der Erde fürderhin keinen Reibach mehr ma-
chen zu können. Ein ganz anderes Problem also als es die Leidtra-
genden dieser Art Benutzung der Natur haben: die z.B. durch die
ständige Immission aus den Schornsteinen einer Chemiefabrik oder
durch die giftigen Abwässer, die selbige Chemiefabrik in die Ge-
wässer laufen läßt, aus dem die Leute ihr Trinkwasser bekommen,
unweigerlich gesundheitliche Schäden davontragen. Für einen Grü-
nen, der nur den einen komplizierten Gegensatz kennt, nämlich den
von Natur und Mensch, stehen derartige Fälle u n t e r-
s c h i e d s l o s dafür, daß sich eben "d i e Menschen" am
"ökologischen Gleichgewicht" vergangen haben. Deswegen, so die
gelegentlich sogar ausgesprochene Schlußfolgerung, geschieht es
ihnen ganz recht, wenn sie unter den Konsequenzen des mutwillig
herauf beschworenen "Ungleichgewichts" zu leiden haben. Auf jeden
Fall aber wird diese Schlußfolgerung in ihrer positiven Form
ausgesprochen und laut verkündet: Bei aller Benutzung der Natur
haben die Menschen d e r e n "Unversehrtheit" als obersten
Maßstab anzuerkennen.
Nun schafft auch die gläubigste Ökologengemeinde nicht die Wahr-
heit aus der Welt, daß die Natur keinen Zweck hat, noch nicht
einmal den unversehrter Selbsterhaltung; und umgekehrt: daß es
mit der Zweckfreiheit und der N u r - Natürlichkeit der Natur
prinzipiell vorbei ist, seit es Menschen gibt, die sie ihrer
Willkür dienstbar machen. An der praktizierten Verwendung der Na-
tur, die zwar die Zwecke und das Leben einer Menge Leute zugrunde
richtet, aber nie und nimmer "die Natur" - weil die nämlich über-
haupt kein Subjekt ist, folglich auch nichts, dem man
z u w i d e r handeln könnte! -, blamiert der grüne Standpunkt
sich daher auch, im Grunde genommen, als rührselige Spinnerei,
die den Standpunkt kindischer Pferdebücher - "Mein Freund Fanny"
- zur Weltanschauung erhebt. Für beträchtliche Teile der bundes-
deutschen Intelligenz ist es aber offenkundig kein Hindernis, dem
moralischen Prinzip dieser Spinnerei zuzustimmen. Und das heißt
kurz und bündig: D e r M e n s c h in seinem schrankenlosen
Drang, sich auf und mit der Erde ein gutes Leben zu machen, ist
ein einziges Problem. Um dieses reaktionäre Prinzip zu beweisen,
benutzen die Grünen durchaus ganz linke Argumente: Wenn aller-
dings regelmäßig von der Verwerflichkeit des
"P r o f i t s t r e b e n s" die Rede ist, so deshalb, weil man
den Ü b e r f l u ß, den diese Gesellschaft auf Kosten der Ar-
mut derjenigen, die den Überfluß erarbeiten, zustandebringt,
gleichsetzt mit d e n unersättlichen menschlichen Bedürfnissen,
die schuld an allem Raubbau an der Natur sein sollen. Noch jeder
Grüne landet demgemäß bei dem Schluß, daß "ein jeder von uns" in
seiner Eigenschaft als egoistischer Konsument letztinstanzlich
verantwortlich ist für alles, worunter die Menschheit heute oder
in wenigen 100 Jahren zu leiden hat, und daß ein jeder sich die-
ser Verantwortung stellen muß, indem er die fällige moralische
Reform der Gesellschaft bei sich selbst beginnen läßt:
"unstrittig war Christus in dieser Zivilisation der erste Lehrer
unseres letzten Ziels: 'Ihr sollt Euch nicht Schätze sammeln auf
Erden!'" (der Kommunist Bahro, auf dem Gründungskongreß der GRÜ-
NEN)
Wie man mit solch pfäffischen Verzichtsappellen eine Partei grün-
den kann, um wen mit dieser Partei geworben wird, ob die GRÜNEN
tatsächlich die Zukunft der Linken sind und was die Linken sind,
denen dies eine Zukunftsperspektive ist..., all dies wird auf dem
Teach - In der MARXISTISCHEN GRUPPE zur Sprache kommen.
TEACH - IN
IST EINE GRÜN-BUNTE-ALTERNATIVE DIE ZUKUNFT DER LINKEN?
- Vom ökologischen Gleichgewicht zur 5 % Klausel -
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