Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 10, 22.1.1980
       
       Zum Gründungsparteitag der 'Grünen' in Karlsruhe:
       

PROTEST HEUTE

Eine halbe Generation nach der legendären APO strebt das bundes- deutsche Protestpotential aus verantwortungsbewußten kritischen Intellektuellen und Unzufriedenen aller Stände und Bildungsgrade einem neuen Höhepunkt zu: Als "Grüne Partei" will man ins höchste deutsche Parlament, und die Wahlprognosen liegen nicht einmal sehr weit unter den ominösen 5%. Das Anliegen ------------ Die Idee, unter der der deutsche Protest heute angetreten ist, für die er wirbt und mit der er für sich wirbt, heißt "ökologisches Gleichgewicht". Zuständig, nämlich als kritische Instanz anwendbar ist diese Idee, wann und wo immer "der Mensch" sich an, in und mit der Natur zu schaffen macht - also eigentlich immer und überall. Denn stets gerät, am Maßstab dieser Idee ge- messen, menschliches Wirken und Werkeln zu einem Beispiel dafür, daß es in seiner grobschlächtigen Rohheit das subtilste aller Gleichgewichte zerstört, die es gibt, nämlich eben das "ökologische" - Wenn Tanker zerbrechen, gerät das Meer durchein- der, Atomkraftwerke machen grünende Wiesen und den seit der Eis- zeit eingespielten Wärmehaushalt der Flüsse kaputt, die Verwen- dung von Brennstoffen bringt die Natur ihrem ohnehin unausweich- lichen Wärmetod näher und hat außerdem die Konsequenz, daß sie danach unwiederbringlich dahin sind; überhaupt ist alles knapp und menschlicher Verbrauch von Naturgütern auf die Jahrtausende gesehen ein unverantwortlicher Raubbau an den kostbaren Reasour- cen. Nun ist es eigentlich nicht schwer zu merken, daß alle derartigen Beispiele das Gegenteil von dem beweisen, wofür sie stehen sol- len: Mit Rohöl bedeckt wird das Meer zwar untauglich zum Schwim- men und Fischefangen, aber nicht für s i c h, weil das Meer in sich weder einen Zweck noch einen Maßstab enthält, wie es ausse- hen s o l l t e, deswegen auch kein Kriterium für "sein Gleich- gewicht" und folglich auch nicht "aus dem Gleichgewicht geraten" oder "umkippen" kann. Künstlich erwärmte und leicht radioaktive Flüsse sind zwar der menschlichen Gesundheit abträglich, deswegen aber nicht minder ein Stück funktionierender Natur und verbrannte Brennstoffe sind zwar für die erneute Verbrennung verloren, aber sonst für gar nichts: die Natur heizt ja schließlich nicht mit Kohlen. Wann immer die "Zerstörung der Natur" beklagt wird, wäre das einzig Rationale an solchen Klagen also die Feststellung, daß etwas potentiell Nützliches für gewisse menschliche Zwecke verdorben ist - einem Fluß ist es egal, ob er sauber oder "tot" ist, und wenn niemand sein Wasser trinken will, kann es der Menschheit, auch egal sein. Genau so "einfach" will der ökolo- gisch aufgeklärte Naturfreund es sich aber nicht machen. Wann im- mer die Benutzer der Natur, z.B. eine Kohlenzeche bei Erschöpfung ihrer Flöze, oder die Leidtragenden dieser Benutzung, z.B. die Anrainer einer Chemiefabrik - ein Unterschied, der in dieser Betrachtungsweise ruhig vernachlässigt werden darf: auf ihm her- umzureiten, wäre wirklich zu einfach! -, mit der benutzten Natur ein Problem bekommen, greift ein Ökologe den Casus auf, um sich entschlossen auf einen Standpunkt zu stellen, den es einzig und allein in seiner Phantasie gibt, nämlich den der in Mitleiden- schaft gezogenen N a t u r. Am "ökologischen Gleichgewicht" eben, so seine Auskunft, hätten die Menschen sich vergangen; und deswegen die gelegentlich sogar ausgesprochene Schlußfolgerung, geschieht es ihnen ganz recht, wenn sie unter den Konsequenzen der, mutwillig heraufbeschworenen "Ungleichgewichts" zu leiden haben. Auf jeden Fall ausgesprochen und laut verkündet wird diese Schlußfolgerung in ihrer positiven Form: Bei aller Benutzung der Natur haben die Menschen d e r e n "Unversehrtheit" als, ober- sten Maßstab anzuerkennen. Nun schafft auch die gläubigste Ökologengemeinde nicht die Wahr- heit aus der Welt, daß die Natur keinen Zweck hat, jedoch nicht einmal den "unversehrter" Selbsterhaltung; und umgekehrt: daß es, mit der Zweckfreiheit und der N u r-Natürlichkeit der Natur prinzipiell vorbei ist, seit es Menschen gibt, die sie ihrer Willkür d i e n s t b a r machen. An der praktizierten Verwendung der Natur, die zwar die Zwecke und das Leben einer Menge Leute zugrunde richtet, aber nie und nimmer "die Natur" - weil die nämlich überhaupt kein Subjekt ist, folglich auch nichts, dem man z u w i d e r handeln könnte! -, blamiert der grüne Standpunkt sich daher auch, im Grunde, genommen, als rührselige Spinnerei, die den Standpunkt kindischer Pferdebücher - "Mein Freund Fanny" - zur Weltanschauung erhebt. Für beträchtliche Teile der bundesdeutschen Intelligenz ist das aber offenkundig kein Hindernis, dem moralischen Prinzip dieser Spinnerei zuzustimmen. Und das heißt kurz und bündig: D e r M e n s c h in seinem schrankenlosen Drang, sich auf und mit der Erde ein gutes Leben zu machen, ist ein einziges Problem. "Marxistische" Gedankengänge werden zur Illustration dieses moralischen Dogmas durchaus nicht verschmäht - beispielsweise der, "daß der Wirtschaftautomatismus unseres gegenwärtigen Systems überwunden werden muß" (Dr. Kaub in Die Grünen Nr. 5); auch von der Verwerflichkeit des "Profitstrebens" ist regelmäßig die Rede. Noch viel regelmäßiger gelingt aber der Übergang von der bei Marx anstehenden Kritik der gesellschaftlich Herrschenden Zwecke und der Formen ihrer Durchsetzung zu einer Kritik der men- schlichen Bedürfnisse als unersättlich und in ihrer Unersättlich- keit schuld an allem Mangel und Unheil. Der vulgärökonomische und demokratiekritische Einfall, die staatliche Politik des Wirt- schaftswachstums aus der Abhängigkeit demokratischer Regierungen von garantierter Fettlebe des Proletariats abzuleiten - "Wenn aber zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit" (die sich "der demokratische Staat... aus politischen Gründen" nicht "leisten kann") "fortlaufende Zuwachsraten für erforderlich gehalten wer- den, auf der anderen Seite die zunehmende Ausbeutung der Natur an Grenzen stößt, die schließlich zum Untergang der ganzen Mensch- heit führen müssen, bleibt keine andere Wahl, als diesen Mecha- nismus zu beseitigen" (ebd.) - ist da als Eselsbrücke zur Bedürfniskritik ebenso willkommen wie der alte psychologische Kalauer von der Gier, die der Kapitalis- mus in seinen Geschöpfen erweckt - "Die psychologische Revolution, die wir alle für dringend halten. geht eben gegen die vom Kapitalismus erzeugte Art zu konsumie- ren"; "Wir Sozialisten... müssen unsere Ohren öffnen für den Sinn des Wortes: 'Ihr sollt Euch nicht Schätze sammeln auf Erden.'" (R. Bahro beim Programmkongreß der 'Grünen' in Offenbach) Hauptsache, man landet, mit weichem "theoretischen Lieblingsge- danken" auch immer, bei dem Schluß, daß "ein jeder von uns" in seiner Eigenschaft als egoistischer Konsument letztinstanzlich verantwortlich ist für alles, worunter die, Menschheit heute oder in wenigen 100 Jahren zu leiden hat, und daß ein jeder sich die- ser Verantwortung stellen muß, indem er, die fällige moralische Reform der Gesellschaft bei sich selbst beginnen läßt: "Wo es je in der Geschichte echten kulturellen Umbruch gab, ging es niemals ab ohne Mobilisierung bis in diese innerste Sphäre menschlicher Motivation. Und unstrittig war Christus in dieser Zivilisation der erste Lehrer unseres letzten Ziels..." (der Kom- munist Bahro, ebd.). Die Bündnispartner ------------------ Ein so weitgespannter moralischer Dogmatismus läßt, wie man sieht, ganz undogmatisch freien Raum für jede Sorte Weltverbesse- rer, deren Weltverbesserungsdrang sich nur in dem einen Punkt dem Glaubensbekenntnis der zu verbessernden alten Welt anbequemt, daß nämlich jeder, der an ihr etwas auszusetzen hat, zuallererst ein- mal bei sich selbst den alten egoistischen Adam zu verabschieden und die Lauterkeit seines Idealismus unter Beweis zu stellen hat. Die G r ü n e n treten den Beweis für ihre ganz dem großen Gan- zen zugewandte Gesinnung mit allerlei Verzichtsübungen an: Ver- zichtsübungen mehr ideeller Natur im Bereich der Phantasie, etwa in der Zurückweisung eines Energieprogramms, das weder für den "kleinen Mann" gemacht ist noch von ihm abhängig gemacht wird ("Atomkraft? Nein danke!"); aber auch materiellen Leistungen wie vermehrter Benützung des Fahrrades oder kleinerer Autos - Welt- verbesserung an der eigenen Person muß man sich halt auch erst mal l e i s t e n können. In solcher Praxis treffen sie sich mit allen, die in sich das Be- dürfnis verspüren, das, was man in der bürgerlichen Gesellschaft nun einmal zu bringen hat, irgendwie ganz anders zustande zu, bringen; also mit jenem l i n k e n Bewußtsein, das sich ein- bildet, die Veränderung der Gesellschaft gewollt zu haben oder sogar noch zu wollen, dabei sich selbst als sehr hinderlichen "subjektiven Faktor" entdeckt hat und zu dem Schluß gelangtest, Linken verlange zuallererst ein ausdauerndes Herumprobieren mit "alternativen Lebensformen", bis man endlich erst mal mit sich selbst im Reinen ist. In dem Maß, in dem so die Grünen um aller- lei Bunte und Alternative - oder diese um jene - zu einer richti- gen großen "Protestbewegung" herangewachsen sind, werden sie schließlich auch für jene Gruppen attraktiv, die sich nur durch, das "Kräftevehältnis" gehindert sehen, die große revisionistische Umwälzung der BRD in Angriff zu nehmen: die linke Welt unter 1% findet sich durch den wenn Auch sehr relativen, so doch relativ sehr gewaltigen! - Massenerfolg der Naturdemokraten darüber be- lehrt, daß sie mit der Arbeiterklasse offenbar auf das falsche Pferd gesetzt hat. Als gediegene Opportunisten des Erfolgs deuten diese Organisationen sich den Weltverbesserungsmoralismus der Grünen um in systemkritische Massenbedürfnisse, deren sträfliche Vernachlässigung sie sich selbst vorwerfen, kaufen sich mit lau- ter Selbstkritik in die "Bewegung" ein und erfinden sich als da- zugehörige Ideologie die "Krise des Marxismus", weil der ihnen nicht gebracht hat, was sie mit ihm wollten, nämlich Erfolg bei ihrer Anwanzerei bei den "Volksmassen". So zum breiten Protestbündnis angewachsen, schreitet man nun voran zu demokratischer Anerkennung und parlamentarischer Macht. Doch ach: der demokratische Weg zu Ruhm und Einfluß fordert sei- nen Preis. Der Machtkampf um den Machtkampf -------------------------------- Es gibt ein wesentliches Grundgesetz der Demokratie, das auch diejenigen praktisch respektieren, die sich dabei lauter ideali- stische Illusionen über die Demokratie machen, und das heißt: In der Demokratie wählt das Volk seine Herrschaft; und dafür gibt es nur ein "Argument", nämlich die Qualitäten des zu Wählenden als M a c h t h a b e r. Wer demokratisch gewählt werden will, muß also beweisen, daß ihm das Herrschen gut ansteht; dieser Beweis wiederum ist nur dann demokratisch als gelungen zu bezeichnen, wenn der Kandidat gewählt wird: der Erfolg ist in der Demokratie der einzige W e g zum Erfolg. Diesem Prinzip gehorchen die Vä- ter und Mütter der neuen Grünen Partei, indem sie ihr Bündnis um jeden Gutwilligen v e r b r e i t e r n; dasselbe Prinzip ver- langt jedoch, das breite Bündnis von all denen zu e n t l a s t e n, die mit Wahlergebnissen unter 1% je für sich bereits den Beweis ihrer E r f o l g l o s i g k e i t geführt haben. Und so ist es keineswegs etwas Besonderes, sondern im Ge- genteil ein Musterfall demokratischer Folgerichtigkeit, daß der vorbereitende wie der jüngste definitive Gründungsparteitag der Grünen nur e i n Thema hatte - Schaden uns die Linken bei der Wahl? Das Prinzip, nach dem dieses Thema diskutiert und schließlich mit einem zögernden: Ja, sie schaden uns! entschieden wurde, ist ebenfalls sehr einfach. Ihre Mißerfolge, deren Erbe die Grüne Partei nicht antreten will, haben die organisierten Linken dem Umstand zu verdanken, daß ihr Weltverbesserungsprogramm ihnen als Gegnerschaft gegen die bestehenden demokratischen Verhältnisse ausgelegt worden ist, womöglich sogar so gemeint war; denn mit Dagegensein empfiehlt man sich, und im Modell Deutschland schon gar, nicht f ü r die M a c h t. Um noch einmal Rudolf Bahro zu Wort kommen zu lassen, der mit seiner penetranten DDR-Blauäu- gigkeit die grünen Positionen noch immer am trefflichsten ins Vulgäre verdolmetscht: "Verneinen und verweigern ist da kein Programm." Umgekehrt gilt es das Wahlvolk davon zu überzeugen, daß niemand aus vollerem Herzen "bejaht" und "zustimmt" als ein rechter Grüner. Und gerade weil ihr Moralismus den Charakter des P r o t e s t e s und das Moment der Kritik nie los werden kann, ist es um so nötiger, durch einen klaren und demonstrativen Tren- nungsstrich zu den "Nein-Sagern", denen sich dadurch erst recht das Odium des bloßen Dagegenseins aufladen läßt, der kritischen Öffentlichkeit und dem wahlberechtigten Volk unbedingt das Kon- struktive des eigenen Standpunkts praktisch vor Augen zu führen und ihm dadurch die M ö g l i c h k e i t eines Erfolges als Wahlargument an die Hand zu geben. Daß die Ausarbeitung und Verabschiedung eines Partei- und Wahl- programms hinter dieser Notwendigkeit einer Abgrenzung einstwei- len zurücktritt, ist ebenfalls gerecht und richtig. Denn was kann und was sollte die Arbeit an einem solchen Programm überhaupt an- deres sein als die fortgesetzte Werbung für d i e s e s Argu- ment, daß die Grüne Partei, obwohl die universelle Sammlung jeg- lichen P r o t e s t e s, für die Macht genausogut in Frage kommt wie die drei großen Parteien. Die demokratische Öffentlich- keit wird sich ohnehin nicht dabei aufhalten, zu welchen Stilblü- ten und zu welchen theoretischen Brutalitäten die Erstreckung des ökologischen Standpunkts auf sämtliche Gegenstände staatlicher Politik führt - unter dem Gesichtspunkt des N a t u r schutzes kann man nämlich sogar im Namen des Biorhythmus (und nicht etwa des Vergnügens) gegen Arbeitshetze und Schichtarbeit, im Namen des "Planeten Erde" gegen außenpolitische 'Abhängigkeit' von den Ölscheichs und im Namen der Energieersparnis und des Schutzes seltener Biotope gegen Aufrüstung, Manöver und Kriege sein -, sondern, wie schon jetzt, nur und dafür um so sorgfältiger regi- strieren, ob und wie die "echten" Grünen sich gegen die verkapp- ten Kommunisten durchsetzen und mit einem solchen i n t e r n e n Erfolg als potentielle Erfolgsmenschen bei der Wahl und damit als w ä h l b a r erweisen. Die Grünen ihrer- seits handeln als ob sie das wüßten - jedenfalls w e r b e n sie für sich mit der praktischen Demonstration, daß es weder in ihrem Programm irgendeinen Punk noch unter ihren Bündnispartnern irgendeinen Kompagnon gibt, den sie nicht dem Kriterium des Wahl- erfolgs, und das heißt, als dessen Voraussetzung - dem Erfolg bei, der Einigung ihrer Partei unter der Fahne eines schlechthin p o s i t i v e n P r o t e s t s, opfern würden. Das Ganze hat nur einen gewaltigen Haken: Welche demokratische Partei, oberhalb der Seitengrenze, hat schon das Problem, immerzu ihre Wähl b a r k e i t nachweisen zu müssen? Aber wie dem auch sei: zu versuchen, damit wenigstens einmal in den Bundestag zu kommen, ist in der bundesdeutschen Demokratie doch schließlich auch ein schöner Zweck! zurück