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Nach der Hessenwahl
WAS FÜR SORGEN QUÄLEN DIE GRÜNEN?
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Erst waren sie sauzufrieden. Stolz beglückwünschten sie sich sel-
ber vor den Fernsehkameras der demokratischen Hofberichterstatter
- Dafür, daß diesmal mehr denn je das hessische Stimmvieh seinen
politischen Willen an die grüne parlamentarische Kraft abgetreten
hat. Trampert prophezeite gar in der Bonner Runde den Beginn ei-
ner historischen "Polarisierung" zwischen seiner "Sieger"-Partei
und der christlichen Kohl-Strauß-Gruppe, so daß SPD-Elefant Rau
sich den Versuch verbitten mußte, seinen Traditions-Verein vor-
schnell zur Splitterpartei zu degradieren. Was den grünen Spre-
cher nur zu einem weiteren bemerkenswerten Kompliment an sein
Wählerklientel animierte. Das Schöne an der Perspektive der Grü-
nen sei, so freute er sich, daß sie machen könnten, was sie wol-
len - auf Realo mit der SPD gehen oder auf Fundi in Distanz -:
gewählt würden sie auf jeden Fall und immer mehr.
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Dann würde man unzufrieden. "Betroffenheit" machte sich breit.
Nicht wegen der Politik, die ab jetzt von der Wiesbadener Filiale
bundesdeutscher Staatsgewalt ausgeht. Trotz gelegentlich geheu-
chelter Besorgnis in dieser Richtung weiß schließlich auch ein
grüner Realist, daß "Plutoniumminister Wallmann" das Werk der
grün gestützten "Dachlatte Börner" (auch wenn letzterer mittler-
weile zum grün geschätzten "Parteisoldaten" mit "Ecken und Kan-
ten" plus männlichem Herz avanciert ist) fortsetzt. Als da wäre
die Förderung der kapitalistischen Wirtschaft, der Schutz von
Firmen wie Hoechst vor ungesetzlichen Einschränkungen ihrer ge-
setzlich garantierten Freiheit zur Vergiftung der natürlichen Le-
bensbedingungen, die Verwaltung der unvermeidlichen Arbeitslosen-
armut und des sonstigen Elends sowie die polizeilichen Aufrech-
terbaltung des Bürgergehorsams zugunsten von Ruhe und Ordnung im
Lande. "Betroffenheit" wird präsentiert, weil mit dem "Verlust
der rot-grünen wilden Ehe" die Beteiligung der Grünen an eben
diesem Regierungsgeschäft ihr vorläufiges Ende gefunden hat. Die-
ser Machtverlust "droht, unsere politische Phantasie zu lähmen."
(Cohn-Bendit) Na logisch! Wenn die ganze Phantasie in der Kalku-
lation auf die eigene Regierungsfähigkeit aufgeht. Und wenn man
nur noch auf die Logik der demokratischen Ermächtigung setzt, wo-
nach der faktische Besitz von Amt und Würden das glaubwürdigste
'Argument' im Streit um zukünftige Wahlerfolge darstellt. Grüner
Originalton: "Wir haben kein vorzeigbares Modell mehr."
(Kleinert)
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Folgerichtig sind die paar tausend Stimmen, die zum rot-grünen
Glück in Hessen fehlten, zum Anlaß für die sattsam bekannte Übung
geworden, welche Streit um die erfolgsträchtigste Selbstdarstel-
lung der Partei heißt. Dieser Streit ist ein einziges Theater,
weil über keinen einzigen Inhalt gestritten wird. Mittlerweile
hat jeder namhafte Realo das Schreckgespenst an die Wand gemalt,
daß wegen Hessen jetzt womöglich alle Grünen zu Fundis "im Sek-
tierghetto" (Kleinert) werden und frustriert "vom Parlament" wie-
der "auf die S t r a ß e" (zurück)kehren. Das hat zwar sowieso
kein Grüner vor. Abgesehen davon, daß der ohnmächtige Protest auf
der Straße erstens sowieso noch nie ein wirklicher Gegensatz ge-
gen die Macht des Parlaments war, ist die Straße der Weg unzähli-
ger sozialer Bewegungen ins Parlament hinein. Aber was soll's.
Die aufgeblasenen Warnungen sollen ja nur bekräftigen, daß für
die Grünen jeder Protest, der nicht im Hohen Hause endet, "jetzt
erst recht" eine Sackgasse ist. Außerparlamentarische Kritiker
sollen weiterhin als nützliche Idioten der Grünen fungieren, wenn
sie wollen, aber zu erwarten haben sie sich von diesen gefälligst
nichts!
"Selbstredend bleibt die grüne Fraktion ein privilegierter An-
sprechpartner für außerparlamentarischen Dissens... Aber sie han-
delt nicht im Bewußtsein eines notwendigen Opportunismus diesen
Bewegungen gegenüber, sondern aus der Überlegung heraus, daß eine
grüne parlamentarische Politik sich vor jeder politischen Öffent-
lichkeit... legitimieren und erklären muß." (Cohn-Bendit im Pfla-
sterstrand, Nr. 260)
"Notwendig" ist ein Opportunismus, der sich an den herrschenden
Kriterien des politisch diktierten Zeitgeistes der Wenderepublik
orientiert. Kein Zugeständnis an eine politische Unzufriedenheit,
woran das Image der Partei und damit ihre Wählbarkeit Schaden er-
leiden könnte! Folglich stimmen grüne Stadträte für die kommunale
Freigabe von 250.000,- Märkern zugunsten eines Papst-würdigen
Rummels, auch wenn sie den eigentlich nicht leiden können. "Wenn
wir da nicht mitmachen, kriegen wir politisch keine Schnitte
mehr", lautet die schlagende Begründung. Und flugs wird unter Ge-
zeter ein Plakat zurückgezogen, in welchem das Christentum der
Frauenfeindlichkeit bezichtigt wird. Originelle Begründung in
diesem Fall: Das sei christenfeindlich - pfui! Und außerdem seien
die göttlichen Zitate (à la "Das Weib sei dem Manne untertan!")
aus dem Zusammenhang gerissen.
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Die "nervöse Unruhe" (FR), die ein fehlender hessischer Parla-
mentssitz in "die junge Partei" hineintrug, hat deren Sprachrohre
zu kreativen Analysen ermutigt. Auf die ebenso saudumme wie be-
liebte Frage "Wie konnte es dazu kommen?", "obwohl (im Wahlkampf)
eher eine Meinungsführerschaft von SPD und Grünen vorlag",
sprich: obwohl uns eigentlich die Mehrheit gebührt hätte, findet
man derzeit bemerkenswert kritische Antworten:
Erstens: "Krollmann... war wenig Gelegenheit gegeben worden,
'Führungsstärke' zu beweisen." (Sellner im Pflasterstrand, Nr.
260) Im Klartext: Krollmann war eine Flasche - "gegen die, bei
den Grünen immer noch völlig unverstandene (!), Popularität Wall-
manns" (ebd.). Wahre Führer braucht das Land!
Zweitens: "Die SPD - eine sterbende Formation" (Jo Müller). Sie
hat dem deutschen Untertanenbedürfnis nach geistig-moralischer
Führung nichts mehr zu bieten. Das aber gehört von der Politik
bedient, wo sie von der Mehrheit schon nichts als Dienst und Op-
fer fordert. Die natürliche deutsche Volksseele braucht nun mal
hohe Werte, wer bietet mehr?
"Die Schwachen, die unter die Fittiche der Starken flüchten. Das
hat wenig (!) mit faschistoiden Autoritätsinstinkten, aber viel
mit Realitätssinn (!) und Lebenserfahrung (!) zu tun...
Die große Bevölkerungsmajorität orientiert sich nicht trotz, son-
dern wegen der ökologischen, militärischen und ökonomischen Be-
drohungen an konservativen Werten." (ebd.)
Was tun? Wie die Diagnose, so das Rezept. "Die Grünen können in
der Tat keine optimistische Perspektive anbieten, diese Bedrohun-
gen zu meistem" (ebd.) - weil die ja aus lauter 'Sachzwängen' be-
stehen, die Grüne am liebsten realpolitisch mitverwalten und mit
menschenfreundlichen Idealen versehen, d.h. versöhnen wollen.
Also bleibt die Frage, ob die hessische und sonstige SPD über
"überzeugende Führungspersönlichkeiten" verfügt, die eine so
"bedeutende plebiszitäre Attraktivität ausstrahlen" wie Strahle-
mann Wallmann -, auf daß die Grünen als Steigbügelhalter wieder
Koalitionsperspektiven und damit "vorzeigbare Modelle" bekommen.
So kommt ein neues Gesellschaftsspiel in Mode. Gesucht sind: ge-
eignete Charaktermasken Marke SPD zum Wählereinseifen. Gemessen
am vorbildlichen, weil erfolgreichen Walter schauen die Kandida-
ten der Verliererpartei naturgemäß alle schlecht aus:
"Der Import des schwäbischen Zauderers (!) Hauff... wird da nicht
reichen... Wiesbadens OB..., ist wohl zu sehr Provinzexzentriker
(!)... Kassels erfolgreicher (!) OB, der... Intelligenz (!), In-
tegrationskraft (!) und Führungsstärke (!) bewiesen hat... Heide
Wieczorek-Zeul... müßte es erst einmal gelingen, die immer noch
(!) sichtbaren (!) keifig-larmoyanten Juso-Eierschalen abzustrei-
fen. Führung, das ist auch die symbolische Inszenierung von inte-
grativen Gefühlen (!!). Und daran hapert es ihr." (ebd.)
So gelangt ein grüner Fürsprecher aus partei"strategischem" Kal-
kül heraus zur Sehnsucht nach dem perfekten Demagogen, diesem fa-
schistischen Ideal aller anständigen Demokraten. Als Bedingung
der Möglichkeit einer grünen Teilhabe an der Ausübung der Staats-
gewalt.
5
Lukas Beckmann hat indessen weiter gedacht. Angesichts der aktu-
ell-fehlenden SPD-Erfolge fordert er die Öffnung der Partei für
Koalitionen auch mit den Wendechristen. Er plädiert für eine
"inhaltliche Auseinandersetzung" mit dem Regierungsprogramm der
CDU als der aktuell-erfolgreichsten Partei, um dieses an ihren
eigenen "christlichen und liberalen Werten" zu blamieren und so
zu "ändern" oder zu spalten. Schließlich seien die Grünen eine
"wertkonservative Partei", als solche müsse sie sich jetzt nur
vollständig von ihrer "linken Tradition befreien". Dieser
'Denkanstoß' ist durchaus konsequent. Und keineswegs ein den
"grünen Inhalten" fremder Opportunismus. Diese Protest-Wählerver-
einigung lebt seit jeher von der Idiotie, die "katastrophen"-
trächtigen Folgen bundesdeutscher R e a l politik, das nationale
Kalkül mit Krieg und Gau, als unverantwortliche Abweichungen von
den e i g e n t l i c h e n = menschenfreundlichen Zielen demo-
kratischer Herrschaft zu kritisieren. Für diese Sorte Opposition,
welche vom Vertrauen in die bessere Natur des bundesdeutschen
Staatswesens lebt und die aus jeder politischen Sauerei sowie aus
jeder Unzufriedenheit der "Betroffenen" einen Anlaß zur entspre-
chenden Vertrauensstiftung macht, pflegen sich die Grünen immer
schon - ausgerechnet - auf die ideologischen Titel und Werte zu
berufen, mit welchen die "etablierten Parteien" noch die härte-
sten Maßnahmen legitimieren, also in ein versöhnliches Licht tau-
chen. Warum also nicht in Zukunft vermehrt auf das hohe C setzen,
wenn man sich eh schon als Sammelbecken a l l e r Ehrentitel
versteht, zu denen es die professionellen Alternativen bürgerli-
cher Herrschaft gebracht haben!
Wenn Ebermann und andere Kollegen Beckmanns "Strategievorschlag"
mit dem ironischen Hinweis zurückweisen, man hätte Blüm, Süßmuth
und Biedenkopf schon quasi rübergezogen gehabt, hätte Lukas bloß
nicht öffentlich so auf die Pauke gehauen, dann paßt dies nur zu
gut ins Bild. Solch eine Ablehnung greift die Intention ja gar
nicht als r e a k t i o n ä r an, sondern als u n r e a-
l i s t i s c h, und das ist etwas ganz anderes.
Der Streit, welche aktuelle Fortsetzung des Opportunismus die
glaubwürdigste, realistischste, konjunkturgerechteste, also er-
folgversprechendste ist, kann also munter geführt werden. Wer
vorläufig recht hatte, entscheidet dann vorläufig die nächste
Wahl... Viel Spaß!
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