Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu


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       Wahlveranstaltung "Grüne Regierungsverantwortung" von und mit FI-
       SCHER, SCHILY, SCHOPPE und HAIBACH im Volksbildungshain
       

DIE NATION BRAUCHT GRÜN - KEINE DISKUSSION!

Wie der Veranstaltungstitel belegt, ist für die Grünen die Gleichsetzung von politischer Herrschaft mit dem noblen Ehrenti- tel 'Verantwortung' alles andere als eine professionelle Befür- wortung und Beschönigung von Gewalt, sondern eine gediegene Selbstverständlichkeit. Daß und wofür es mit Macht ausgestattete Figuren braucht, welche über die Lebensbedingungen der anderen Leute kommandieren, war für sie denn auch keine Frage. Was die grünen "Promis" aus Bonn und Wiesbaden hingegen erklärtermaßen bewegte, war die genuin staatsmännische Frage, wie man aus der nachhaltigen "Betroffenheit" des Menschenmaterials durch die Ta- ten der über es verfügenden Christenregierung ein Mittel macht, eine "möglichst große grüne Fraktion in Bonn" zu etablieren, da- mit sich "die Möglichkeit einer T e i l n a h m e an der Regie- rungsverantwortung" - an der Seite der SPD, versteht sich - end- lich bietet. Minister FISCHER bedauerte zutiefst, daß Cernobyl "zu schnell verdrängt" worden sei und malte die "Konsequenzen eines GAU in Biblis bei Westwind" für das "dicht bevölkerte Rhein-Main-Gebiet" aus, damit sich die 1000 Zuhörer "der Betroffenheit versichern" konnten. Die pure Vorstellung einer solchen 'Katastrophe' mitsamt des dann drohenden "chaotischen Sofortausstiegs" (statt eines "jetzt noch möglichen" geregelten Verzichts!) sollte wie von selbst für grüne Wahlstimmen sprechen. Davon hat der geneigte Stimmbürger dann womöglich irgendwann einen grünen Umweltminister unter Rau in Bonn, wie jetzt den FISCHER unter Börner in Wiesba- den. Daß der weder Biblis "innerhalb eines Jahres" ab-, noch die tags zuvor ergangene Genehmigung der fortgesetzten Alkem-Plutoni- umproduktion durch Kabinettskollegen Steger nebst dessen Dachlat- ten-Chef ausgeschaltet hat, darf natürlich kein Einwand sein. Wie Joschka aufklärte: Solche "Erwartungen" sind "eine hoffnungslose Überforderung"! Und die spricht natürlich nicht gegen eine Anti- AKW-Opposition aus Ministersesseln heraus, sondern gegen die Il- lusionen der "Basis". Nicht gegen grüne Kreuze am 25.1., sondern für noch mehr davon und für eine (noch) realistischere Delegation der womöglich vorhandenen politischen Gegnerschaft gegen AKWs an grüne Parlamentarier und Sozi-Steigbügelhalter. Die dann leidigen 'Sachzwängen' und Kräfteverhältnissen ausgeliefert sind - und die dafür nicht Kritik, sondern ganz viel Mitgefühl verdienen. Dabei zeigte sich erneut, wie sehr dieser Alternativ-Minister die ebenso alte wie perfide sozialdemokratische Manier, außerparla- mentarische, "idealistische" Kritiker der staatlich ins Werk ge- setzten Zumutungen auf den "einzig realistischen Weg der Verände- rung" zu verpflichten, zu seiner persönlichen Masche der Einsei- ferei gemacht hat, wobei ihm seine eigene Sponti-Vergangenheit gute Dienste leistet: "Wenn wir uns nicht einmischen, dann läuft alles ohne uns so weiter, wie wir es garantiert nicht wollen. Wir sind doch immer bloß bis zum Bauzaun gekommen." Ergänze: statt in die Landesregierung, in der ich heute sitze! Die ist zwar keine Institution, die für die Fortsetzung des erfolglosen "Kampfes am Bauzaun" mit anderen, gar effektiveren Mitteln zuständig ist, sondern für E n t s c h e i d u n g e n der Art, daß die Ge- schäfte und Produkte der Atomindustrie genau so lange politisch erwünscht, rechtlich einwandfrei und deshalb durch Polizeiein- sätze gegen Bauzaundemonstranten zu schützen sind, wie "wir" - d.h. die ambitionierte unvollendete Nation mit dem provisorischen Namen BRD - unabhängige Energieressourcen und nuklearen Bomben- stoff brauchen. Für solch abgebrühte Sorte Stimmenfängerei, die aus dem sog. "Scheitern" der friedlich bis militanten Protestbewegungen, für das schließlich die Staatsgewalt durch Nichtbeachtung plus Poli- zei zielstrebig gesorgt hat, die Einsicht in die Notwendigkeit des konstruktiven M i t mischens i n d e r m a ß g e b l i c h e n P o l i t i k ableitet, erhielt FISCHER den Beifall der Mehrheit im Saale. Die war also wie verlangt re- alistisch und will Leute wie ihn ins Hohe Haus wählen, damit sol- che drinnen sind. Nicht mehr und nicht weniger. Ex-'Flick-Ausschuß'-Beisitzer Otto Graf SCHILY hielt ein mit abenteuerlichen Expertisen durchsetztes Plädoyer für eine nach innen und außen moralisch saubere Bundesrepublik Deutschland und klagte die amtierende Regierung wegen unerhörter Verfehlungen ge- gen dieses sein Idealbild vom Staate BRD an. Was die ästhetische Form des Vortrags anbetraf, war ein gewisser Widerspruch zwischen der genüßlichen Präsentation der Superlative des Abscheus und dem präsentierten Inhalt, dem L e i d e n Ottos an den inkriminier- ten Verwerflichkeiten, nicht zu übersehen. Im einzelnen plädierte SCHILY für ein hiesiges Staatswesen - in welchem keine so "schändliche Kampagne gegen ausländische Asylbewerber" angezettelt wird, nur um (!) die Gefahr von Cerno- byl "aus dem Bewußtsein der Bevölkerung zu verdrängen". Diese Christen "haben das C in ihrem Namen nicht verdient!" Im Unter- schied zu "den Kirchen": Die haben Gott und dem frommen AKW-Geg- ner Höffner sei Dank "eine klare Position"! Völlig absurd deshalb laut SCHILY, warum Bruder Julius Kardinal öffentlich "das Tisch- tuch zu den Grünen zerschnitten hat", "wo doch kein Mensch ein Tischtuch zerschneidet, außer wenn er es mit jemandem teilen will". Ein Witz, der sitzt! - in welchem kein Kanzler "die braune Suppe hochspielt" (KZ- und Göbbels-Vergleich), nur um (!) das Bewußtsein der Bürger "zynisch und systematisch von den skandalösen Chemieskandalen am Rhein zu entlasten". Mit solch einer "Psychostrategie" "zertrümmert Kohl in Sekundenschnelle die gesamten Beziehungen zur Sowjetunion und DDR". Wo die doch so kostbar sind! Gerade jetzt, wo Gorbatschow lauter "Signale der Hoffnung" und eine "historische Chance" für die NATO-Mission, pardon: die "Verwirklichung der Menschenrechte" bietet! - in welchem die unschuldige und gerechte Heimatverteidigung (gegen welchen F e i n d sich da wer 'verteidigen' soll, ist keine Frage) nicht durch eine "zutiefst inhumane Abschreckungs- doktrin" pervertiert wird und "die satanische Zerstörung des men- schlichen Gewissens" unterbleibt. - in welchem ehrenwerte demokratische Politiker ungeflickt von einem "ehemaligen braunen Mordgehilfen" garantiert nur ehrenwer- ten Geschäftemachern dienen und umgekehrt. Zum Wohle der Allge- meinheit, versteht sich, - in welchem kein Staatsrepräsentant mit "Polizeiwaffen im Gepäck nach Guatemala" reist, um diese der dort ansässigen Diktatur zu vermachen, wie jener Spranger von der CSU, Deutsche Polizeiwaffen gehören nur in die Hände demokratisch befehligter Ordnungshü- ter... Fazit der Rede: "Wir brauchen eine neue handlungsfähige Regie- rung!" - Ja was sollten "wir" auch sonst wohl brauchen, Persönli- ches Bekenntnis: "Man darf die Moral nicht von der Politik tren- nen!" - Na klar, "ungetrennt" gehen beide Abteilungen, die In- dienstnahme der Leute für die Zwecke von Wirtschaft und Staatsge- walt u n d deren moralische Überhöhung, voll in Ordnung! Die zwei Frauen SCHOPPE und HAIBACH hielten es für ihre natürli- che Rolle, alles Ungemach der Welt mit dem Unterschied der Ge- schlechtsmerkmale zu begründen. Die Lächerlichkeit ihrer Vorfüh- rung ("Alle 7 Minuten wird eine Ehe geschieden. Es kann also ge- wissermaßen jedem passieren...") ist allerdings nicht mit ihrer Weiblichkeit zu entschuldigen, sondern die unvermeidliche Folge eines Unsinns-Gedankens, den die Grünen für werbeträchtig halten und der es wohl auch ist. Die Stimmung jedenfalls war prächtig, bis der frauliche Conferen- cier namens Brigitte SELLACH "Fragen aus dem Publikum" zuließ. Da diese nicht dem gewünschten, sattsam bekannten Muster 'Bürger fragen - Politiker antworten' folgten, sondern statt respektvoll- konstruktiver Stichworte für die "Promis" einige Einwände an- brachten, sah sich die gute Brigitte zuerst zu der Klage veran- laßt: "Wir können das Mikrophon leider nicht selektiv abschalten, müssen also demokratisch weiterverfahren." (sollte besagen: uner- wünschte Kritik dulden), um kurz darauf den Diskutanten das Wort zugunsten "der Politikerinnen und Politiker" endgültig zu entzie- hen - wie es beste demokratische Sitte ist, Also, keine Sorge, ihr Superdemokraten! Die Demokratie war und ist nämlich keineswegs ein Hindernis der Machenschaften der Politik(er), sondern ein Instrument der Unan- tastbarkeit ihrer Souveränität und Zustimmung durch ihre Opfer, Sonst wäre sie verboten. *** Aufgeklärter Journalismus! -------------------------- Das Ende des Abends gestaltet - wie in Frankfurt so oft - das halbe Dutzend von der Marxistischen Gruppe (MG). Es stellt die Frage nach der Weltrevolution und der Wählbarkeit Fischers und beantwortet sie, ebenfalls traditionsgemäß, auch gleich selbst. Ersteres ja, das zweite nein. Die Zuhörer antworten durch Verlas- sen des Saales. taz, 15.1.87 Wie sich Veranstaltungen in Frankfurt üblicherweise durch ein halbes Dutzend (in Worten: 6) MGler beenden lassen, bleibt tradi- tionsgemäß der Phantasie des aufrechten taz-Lesers überlassen. zurück