Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu


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       Besuch aus Bonn
       
       H.Ch. Ströbele (MdB/Grüne) an der RUB,
       Thema: Sicherheitsgesetze
       

DIE ARROGANZ DER MACHT - IN GRÜN

Man kennt das noch von seiner Schulzeit: Klassenfahrt zum Bundes- haus, der Abgeordnete des heimatlichen Wahlkreises empfängt die Besucher und zeigt, daß er sich hier, an den Schaltstellen der Macht, auskennt, mitten drin ist. Ein bißchen Plauderei über In- terna, ein paar Seitenhiebe auf die Konkurrenz, ein bißchen Klop- fen auf die eigene Schulter, - das gehört zur Pflege des Ver- trauens der Bürger in ihre Politiker nun mal dazu. So hielt's auch Ströbele mit seiner Klientel: "Bei der letzten Sitzung des Innenausschusses (er ist darin Mitglied) hörten wir bis tief in die Nacht (!) Experten an." Die anderen Fraktionen waren nur noch formell anwesend. Deren Abgeordnete kennen die Materie im übrigen gar nicht, "höchstens 6% wissen überhaupt, was da drinsteht", bei Abstimmungen "schauen die nur auf ihren Fraktionsvorsitzenden, ob der die blaue oder die rote Stimmkarte hebt"... Ströbele hatte dagegen - nach gründlichster Beschäftigung mit der Frage - eine geniale Idee, die er auch gleich als Antrag in den Bundestag ein- brachte: Statt maschinenlesbaren Personalausweis "Identitätspa- piere auf freiwilliger Basis". - Toll, was? Der Mann ist fleißig und hat auch noch Phantasie - schade, daß der nicht mehr zu sagen hat! Warum Ströbele sich so sicher war, daß diese Angeberei mit seinem Antrag vom studentischen Auditorium nicht gleich als kindische Verharmlosung Zimmermannschen Anspruchsdenkens in Sachen law und order kritisiert wurde, lag einfach daran, daß Ströbele weiß, wie hierzulande Politik beurteilt wird. Nach deren Zwecken fragt ein anständiger Deutscher und Spiegelleser nämlich nicht, erst recht nicht, was er denn davon hat; interessant ist einzig die Frage, ob das, was die in Bonn machen effektiv, klug und/oder geschickt ist. Und auf d e r Ebene wollte Ströbele punkten. Seiner Mei- nung nach seien "die Sicherheitsgesetze zu einer effektiven Ver- brechensbekämpfung überhaupt nicht nötig", "wir (!) brauchen sie nicht". Er halte sie für eine Ausgeburt "eines Verfassungsschüt- zerdenkens", das sich da "verselbständigt" habe. Die ganzen Maß- nahmen seien verfehlt, weil sie "den mündigen Bürger vor den Kopf stoßen". Also erstens sind die Sicherheitsgesetze eine Ge- schmacksfrage und zweitens - das müssen v.a. junge Intellektuelle zugeben - hat Ströbele wohl einen besseren als die verknöcherten C-Fritzen, die, ohne Not, dem mündigen Bürger einfach nicht trauen wollen. Natürlich verfügte er auch über gewichtigere Einwände gegen die Gesetze: Sie können z.B. "durch andere Staaten (Diktaturen) miß- braucht werden", "Begehrlichkeiten bei Privaten wie Behörden wer- den möglicherweise geweckt" und schließlich seien sie der Anfang, "das Trennungsprinzip von Polizei und Verfassungsschutz des GG auszuhöhlen". Nur was ist der gemeinsame Nenner dieser Kritik? Vor Gefahren warnen, die (auch noch durch Mißbrauch - natürlich - anderer Staaten) entstehen können, ist schon eine lustige Kritik, aber sehr passend für einen Oppositionspolitiker. Denn erstens zeigt er damit, wie mächtig er dagegen ist, zweitens aber ohne auch nur ein Fitzelchen an dem hier und heute vom Staat tatsäch- lich verfolgten Zweck kritisieren zu müssen (was ihn als Politi- ker ja wiederum disqualifizieren würde). - Zwar steht das Maß der Kontrolle durch die staatlichen Behörden durchaus in einem soli- den Zusammenhang mit den Zwecken, die sich unsere bombige Nation nach innen wie nach außen vornimmt - wenn Politiker eine univer- selle Kontrolle ihres Staatsvolks ins Werk setzen und die Leute sortieren in garantierte Mitmacher und unsichere Kantonisten, dann kommt's ihnen eben sehr auf die bedingungslose Dienstbarkeit ihrer Untertanenmannschaft an -, aber was interessiert das schon einen grünen MdB. - So falsch die Zurufe der Zimmermänner bei Ströbeles Reden im Bundestag auch sind ("Sie wollen ja nur die Terroristen decken!" "Sie wollen den Staat chaotisieren"), so we- nig läßt sich Ströbele davon in seiner Liebe zur Demokratie und in seinem Mitmachenwollen bei der Politik irritieren. Im Gegen- teil, er verkauft lieber die Leute für dumm, indem er alle Zumu- tungen des Staates als bloße A b w e i c h u n g e n der Regie- rungsmannschaft vom eigentlich guten Zweck bundesdeutscher Poli- tiker darstellt. Das Vertrauen in Kohl, Zimmermann, Genscher und Rau soll also ru- hig ein bißchen erschüttert werden, aber - bitteschön - so, daß man sich nicht gegen diesen Staat richtet, sondern für mehr Ein- fluß von Ströbele und Co in Bonn einsetzt. Als U n t e r t a n soll man sich schwer nützlich machen, und für "gute" Politik sor- gen anstelle der "schlechten", und da hat Ströbele gar nichts ge- gen ein bißchen Radikalität: Volkszählung boykottieren, Personal- ausweise verbrennen. "Macht das ruhig!" rät er der Bewegung. Der Rechtsstaat wird dann zwar zuschlagen, aber derartige Zivilcou- rage dient da immerhin einem guten Zweck: Die Grünen werden sich jedenfalls vorbehalten, "dabei anfallende Fälle im Bundestag zur Sprache zu bringen", wenn sie mal wieder damit der Bundesregie- rung ans Bein pinkeln und der eigenen Klientel beweisen wollen, wie gut es ist, "ein Standbein im Parlament" zu haben. zurück