Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu
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MSZ aktuell, Februar 1980
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IST EINE GRÜN-BUNTE ALTERNATIVE DIE ZUKUNFT DER LINKEN?
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Die Ökologie ist eine moderne Weltanschauung. Wo immer Abwässer
in einen Fluß geleitet werden, Atomkraftwerke grüne Wiesen an-
greifen, leere Bierdosen die Landschaft verunzieren oder durch
Krieg wie in "Vietnam... weite Gebiete durch Chemikalien vernich-
tet wurden", meldet sie sich zu Wort: "Das ökologische Gleichge-
wicht der Natur wurde zerstört". So unterschiedliche Dinge wie
Müllhalden in landschaftlich reizvollen Gegenden und durch
Kriegshandwerk vernichtete Baumbestände - die Menschen kommen
erst gar nicht vor! - fallen dem Ökologen in einem Atemzug ein,
weil beide gegen seine Erfindung verstoßen haben: die Natur steht
und liegt nicht einfach nur so herum, sondern sie hat, wie sonst
nur Subjekte, einen Zweck, nämlich ihr Gleichgewicht zu halten.
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Mit der Erkenntnis der Naturgesetze und der Nutzung der Natur für
die Zwecke des Menschen haben alle Sorten von Naturreligionen
ausgespielt: daß in Bäumen und Bergen Götter ihr Dasein fristen
und sich am Menschen rächen, wo er sich an ihnen zu schaffen
macht, glaubt heute niemand mehr. Der Ökologe irgendwie schon:
Daß die F o r m kapitalistischer Nutzung der Natur zwar nicht
die Natur, wohl aber eine ganze Reihe von Leuten um ihre Gesund-
heit und Existenz bringt, nimmt er zum Anlaß für die Klage,
d a ß der Mensch sie überhaupt benutzt, wofür sich die Natur an
ihm schon bald rächen wird: alles ist knapp, menschlicher Ver-
brauch von Naturgütern letztlich ein unverantwortlicher Raubbau
an den kostbaren Ressourcen. Ein Schuldiger ist auf jeden Fall
gefunden für diese "Mißachtung der Natur": die Unersättlichkeit
des Menschen, der dem Dogma "Macht euch die Erde untertan!"
frönt, statt sich der Erde untertan zu machen. Aggressiv ist
diese Kritik der Welt nur gegen ihre Anhänger und solche, die
keine sein wollen, und die moralische Berechtigung dieser
falschen Kritik dokumentiert man durch die Demonstration an der
eigenen Person: durch Radfahren oder Komposthaufen im Vorgarten.
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Diese Sorte Verantwortungsbewußtsein für Mensch, Natur und über-
haupt den Planeten will sich öffentliche Anerkennung erwerben,
indem sie sich wählbar macht, als Programm einer grünen Partei,
die im Unterschied zu den "etablierten Parteien" noch ganz uneta-
bliert ist. Das imitiert die Linken allerdings ganz erheblich,
weil ihr Glaubenssatz, daß der Kapitalismus schon das Kräftever-
hältnis von selbst in ihrem Sinne entwickeln wird, vor dem un-
glaublichen Resultat stutzt, daß dieses Verhältnis nicht hinter
ihnen, sondern mehr daneben aufblüht. Die Grünen "stehen für ihr
Gefühl weder links noch rechts, sondern vorne." Aber bei einer
Strömung "vorne" mitzumischen, die "Bewegung" heißen darf, das
möchte so leicht keiner missen. Deswegen sind die meisten Linken
inzwischen längst alternativ oder anders bunt geworden - oder
werden es auf der nächsten Vereinsfeier beschließen.
Mit "fliegenden Fahnen" überzulaufen, ist verständlicherweise ein
echtes Problem für Gegner des Kapitalismus, weil die angepaßte
grüne Heimat aus ihrem Antikommunismus keinen Hehl macht. Da
heißt's interpretieren! Irgendwie wird man aus dem grünen Pro-
gramm der "Partnerschaft von Mensch und Natur" schon die passende
antikapitalistische Note herausdestillieren, wie auch die grüne
"Evolution" "grundsätzlich" umwälzend sein kann, wenn man sich
das "R" davor denkt.
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Ach ja, Wahlen stehen auch an, und nicht nur die Grünen, auch die
bunten, alternativen K-Vereine möchten bei ihrer Kritik am
"Modell Deutschland" eine frei, gleich und geheim zusammenge-
wählte eigene Vertretung in dessen Parlament nicht missen. Nur
machen hier die Grünen Schwierigkeiten: wer dafür sein will
u n d vor der Wahl erst noch beweisen muß, wie sehr er dafür
ist, kann sich Linke in den eigenen Reihen, die immer nur dagegen
sind, eben nicht leisten. "Unvereinbarkeitsbeschlüsse" sind das
mindeste, was sie ihrem Erfolg schuldig sind. Das wiederum nimmt
ihnen der ausgeschlossene demokratisch gesinnte Teil der Linken
sehr übel: ihren grünen Freunden mit den "braunen und schwarzen"
Flecken heften die Roten die beinharte Kritik ans Revers, daß sie
sie nicht mitmachen lassen.
6
Es wäre natürlich falsch, das gegenwärtige Ansinnen der Linken
für eine Rechtsentwicklung zu halten. Es ist vielmehr so, das ju-
stament zu einer Zeit, da es im KB bröselt und die KPD öffentlich
auseinanderfällt, die grüne Bewegung dagegen aufblüht, die Linken
aus ihrer bejammerten Krise eine solche des Marxismus herausgele-
sen haben. Auch eine Form von Selbstbezichtigung, die sicher die
Beseitigung auch der letzten Differenz zu den grünen Missionaren
als "Ausdruck widersprüchlicher Entwicklungen" rechtfertigen
wird.
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