Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 33, 28.04.1981
       
       Wochenschau
       

MIT DEM GG GEGEN PERSHING II

Die Grünen haben beim Bundesverfassungsgericht gegen den Bundes- kanzler und die drei Fraktionen im Bundestag Anklage erhoben. Die Beschuldigung: "Beihilfe zur Vorbereitung eines Angriffskriegs". Das Beweisstück: die Pershing II-Raketen, deren Aufstellung die Angeklagten zugestimmt haben. Das ist schon verrückt! Im Gegensatz zu allen üblichen Ideolo- gien, wie Gleichgewicht, Verteidigung, mit denen die hiesige Auf- rüstung legitimiert zu werden pflegt, wird da die Bundesregierung der aggressiven Kriegsvorbereitung bezichtigt. Und dieselben Leute, die diesen Vorwurf erheben, sprechen damit ausgerechnet bei Herrn Rebmann vor, dem vom selben Staat beauftragten Oberhet- zer gegen die "inneren Feinde", und bitten um juristische Beguta- chung. Wer auf eine solche Idee kommt, der hat offensichtlich et- was ganz anderes vor, als eine Gegnerschaft zu den politischen Machthabern in diesem Lande aufzumachen. Im Gegenteil: den eige- nen Protest als demonstrativen Appell gegenüber diesen Instanzen vorzutragen, zeugt geradezu von dem unerschütterlichen Willen, sich auch und gerade angesichts des wahrgenommenen Gegensatzes zu dieser Politik den Glauben an die Lauterkeit des bundesrepublika- nischen Staatswesens nicht nehmen zu lassen. Daß das Einreichen einer Klage gegen die Regierung bei ihrer eigenen Unterbehörde nichts anderes ist als eine genuine Ausgeburt linkem Nationa- lismus, wird an der Begründung für die erhobenen Vorwürfe offensichtlich, die allesamt Entschuldigungen derer darstellen, die die Aufrüstung zielstrebig beschlossen haben. Wenn die Grünen verlauten lassen, "die neuen US-Raketen schätzten nicht vor den sowjetischen Mittelstreckenraketen, 'gegen die sie angeblich aufgestellt werden sollen'" (SZ), so beglückwünschen sie die Bundesregierung zu dem von ihr propagierten Prinzip des militärischen Gleichgewichts und tun dabei so, als ob die bisherige Rüstungspolitik ohne Pershing II sich dem Streben nach friedlichem Ausgleich verdankt hätte. Mit den Pershing II sehen die Grünen die Gefahr, daß die angeblich so hübsch friedenssichernde Abschreckung ins Gegenteil umschlage. Dabei kann getrost unterschlagen werden, daß die Ideologie der Abschreckung nichts anderes ist als eine schöne Umschreibung für den vormilitärischen Einsatz des militärischen Erpressungs- und Bedrohungspotentials. Der mit dem Gestus des um die nationale Zukunft besorgten Warners gegen den Kurs der Bundesregierung vorgetragene Einwand lautet nämlich: "Vielmehr würden diese amerikanischen Raketen Moskau geradezu zu einem Präventivschlag gegen das westdeutsche Stationierungsgebiet zwingen." Weil die Russen die Pershing II nicht als Abschreckung nehmen würden - ja, wenn sie das täten, wäre die Welt weiterhin in Ordnung! -, meinen die grünen Linken, die Hüter des deutschen Staatswesens vor einer Fehlkalkulation bewahren zu müssen. So wird aus der "Vorbereitung des Angriffskriegs" ein dummes Mißverständnis einer Außenpolitik der besten Absichten! Doch damit nicht genug. Den Gipfel der Anbiederung an die bundes- deutschen Macher bildet die folgende Vision, mit der die Grünen der Regierung wegen deren Kalkulation mit dem Schutz der USA Kurzsichtigkeit bescheinigen wollen. Der amerikanische Verbündete habe nach dem russischen Angriff "kaum" noch "Veranlassung", den "westdeutschen NATO-Partner unter dem Risiko eigener Vernichtung zu rächen (!)." Soweit geht derweil bei deutschen Linken die Va- terlandsliebe, die man früher im Hinblick auf die "deutsche Ver- gangenheit" wenigstens noch ein bißchen kritisch betrachtete, daß sie sich vor dem Krieg angesichts seiner planmäßigen Vorbereitung durch die bundesrepublikanischen Politiker die ungeheuerliche Sorge machen, wie souverän der deutsche Staat nachher dastehe. Dem amerikanischen Verbündeten ist dabei nicht zu trauen, nicht weil er sich im Verein mit der eigenen Regierung als imperia- listischer Scharfmacher in der Welt aufführt, sondern weil er sich im Ernstfall auf Kosten Deutschlands heraushalten würde! Eines ist für die Grünen bei ihrer "großangelegten Kampagne gegen den sogenannten Nachrüstungsbeschluß der NATO" keine Frage: mit Helmut Schmidt sind sie der Meinung, daß der Feind im Osten sitzt. Im übrigen spekuliert die Klage gegen die Regierung kei- neswegs damit, daß den staatlichen Auf- und Totrüstern per Posi- tivem Gerichtsentscheid das Handwerk gelegt wird. Ihr Erfolg be- steht voll und ganz darin, daß sie formen korrekt erhoben wurde und sich ihre Vertreter damit in der Öffentlichkeit als sauberes Gewissen des deutschen Nationalismus vorgestellt haben. So bleibt man als grüne Partei im Gespräch und fühlt sich als Linker in Deutschland sauwohl. zurück