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Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 25, 05.07.1983
GABI POTTHAST, GRÜNE
und Mitglied des Deutschen Bundestages, hat wieder mal ganz
grundsätzliche Kritik geübt - am offiziellen Hauptfeind der deut-
schen Bundesrepublik. Ihren Besuch bei der Tagung des
"Weltfriedensrats" in Prag wußte sie zu einem "Eklat mit der
(dortigen) Staatsmacht" (ZEIT) zu nutzen, und die so sorgsam vor-
bereitete "vorzeitige Abreise aus der Tschechoslowakei" hat dann
auch hierzulande genau die Aufmerksamkeit gefunden, auf die sie
berechnet war. In der alternativen "tageszeitung", die es sich zu
einem ihrer Spezialanliegen gemacht hat, auch unter linken Lesern
für die Verbreitung all der antikommunistischen Spruchweisheiten
zu sorgen, die ansonsten in der Bild-Zeitung erscheinen, hat sie
dann ein paar Tage später einen dankbaren Abnehmer ihrer
"Tagebuch-Notizen Prag '83" gefunden. In denen berichtet Gabi,
wie es ihr im Feindesland ergangen ist. Es kam nämlich, wie es
kommen sollte: ausgestattet mit dem (woher wohl bezogenen?) fel-
senfesten Glauben, in den Herrschaftsbereich des absolut Bösen
einzuziehen, hat sie dann auch allenthalben die Niedertracht ent-
deckt: in "jeglichem nur denkbaren Komfort", der sie im Hotel
"umgibt", enttarnt sie alsbald die heimtückische Absicht, sie "am
Nachdenken" zu hindern (hat wohl nicht geklappt?); "in einer die-
ser kleinen Gassen in Prag" wird sie ebenso der "niederdrückenden
Realität" gewahr und in Hunderten von Kindern, die "we shall
overcome" singen, macht sie umstandslos die Verlogenheit eines
"perfekt durchorganisierten Schauspiels" aus, dem sich zu entzie-
hen" schwergemacht werden soll. Daß sie schließlich das "Gefühl,
beobachtet und abgehört zu werden, nirgends loslassen" will, mit
dem sie den kommunistischen Boden betreten hat, sie auch über
"das Wetter nur im Flüsterton reden" mag, auch das muß sich das
feindliche System als Ausweis seiner abgrundtiefen Unmenschlich-
keit anrechnen lassen. Die Besonderheiten, die unserer Gabi drü-
ben aufgefallen sind, sind also einerseits komplett absurd: all-
überall hat sie Gewalt registriert, die ihr gewalttätig kommen
will - als wäre Volksunterdrückung auch schon das politische Pro-
gramm der kommunistischen Machthaber und die Gewalt des Staates
eine Erfindung des realen Sozialismus; andererseits aber auch
sehr geläufig: genau so kritisiert noch jeder Freund bundesdeut-
scher Herrschaftsverhältnisse die Zustände jenseits des Zustän-
digkeitsbereichs der Freiheit. Die Sorge, ihre Aktivitäten im
Lande des Gegners könnten "funktionalisiert" werden und "der an-
tikommunistischen Propagandahetze in den westlichen Medien entge-
genkommen", die sie vor ein paar Tagen dem antikommunistischen
Propagandamedium DIE ZEIT anvertraut hat, ist dann auch recht
apart: wo sie nichts anderes betrieben hat, als alle amtlichen
antikommunistischen Phrasen Wort für Wort nachzubuchstabieren,
meldet sie den Wunsch an, solches möchte für echt "grün" und kei-
neswegs für Kohl gehalten werden...
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