Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu
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BESUCH AUS BONN
erhielten letzte Woche die Sowis. Als Vertreter der "Alternativen
Bewegung und parlamentarischen Repräsentation in der Bundesrepu-
blik" beehrte sie auf Einladung von Herrn Schultze MdB E. Strat-
mann, Grüner aus Bochum, ökologischer Sozialist und in kariertem
Hemd und Jeans (man ist ja kein normaler Politiker!) unverkennbar
Politiker. Als solcher hatte er in zweijähriger parlamentarischer
Arbeit gar nicht erst lernen müssen, daß auch zur Alternativen
Ausübung dieses Berufs vor allem der gekonnte Einsatz der Metho-
den und Techniken der Selbstdarstellung gehört. Also belästigte
er das Auditorium eingangs ausführlich mit seinem Streß: Gestern
noch bei der Basis in Witten vorgesprochen (auf die man als Ba-
sisdemokrat ja nicht verzichten kann, so daß sie zum ganz schönen
Klotz am Bein wird "unheimlich arbeitsaufwendig...", besonders,
wenn die rechte Würdigung der Amtsträgers ausbleibt - "TOP Be-
richt aus Bonn erst am Schluß, als schon alle weg waren"), heute
früh schon wieder in Bonn gewesen, Gesetzentwurf eingebracht,
Pressekonferenz, "anderthalb Stunden Zug gefahren und pünktlich
mit fünfzehn Minuten Verspätung an der Uni eingetroffen. Und das
alles für eine Handvoll Studenten, denen kaum mal eine gescheite
Frage eingefallen ist, anhand derer er sich so richtig schön mit
seinem ganzen basisverbundenen Verantwortungsbewußtsein hätte
profilieren können. Stratmann: "Die politische Kultur an der RUB
ist auf einem erschreckenden Tiefstand."
Das mußte der gute Eckard fast ganz ohne fremde Hilfe selbst be-
werkstelligen - mit Plaudereien aus dem Alltag eines grünen Oppo-
sitionsmenschen zum Beispiel: Im Wirtschaftsausschuß ist er tä-
tig, und da hat er es nun mit Dingen zu tun, von denen die Bewe-
gung wahrscheinlich noch nicht einmal träumt. Z w e i Leute
mußten sich in die Probleme einer ganzen
W e l t w i r t s c h a f t einarbeiten wegen dem Gipfel. Bleibt
nur die Frage, wie man aus dem normalen politischen Geschäftsgang
eine alternative Reklame verfertigt. Dafür kam die scheinheilige
Frage des Herrn Schultze - "Wie schaffen es die Grünen eigentlich
ständig mit Problemen konfrontiert zu sein, die in ihrer Program-
matik gar nicht vorgesehen sind?" ganz gelegen. Bedächtiges Kopf-
nicken: Ja, einfach ist das nicht, was wir uns da aufgehalst ha-
ben. Während eben gewöhnlich "Unfähigkeit" unter Politikern ein
Vorwurf ist, mit dem man den Konkurrenten um die Macht ausstechen
will, geht das Verfahren auf grün einfach andersrum: Ein bißchen
Kokettieren mit der eigenen Inkompetenz und etwas Angabe mit den
angeblichen Schwierigkeiten des Amtes, da werden sich doch ein
paar Punkte als unverbrauchte und dennoch aufgeschlossene Partei
sammeln lassen. Den heimlichen Vorwurf der Programmabweichung
brauchte sich der Stratmann übrigens zurecht nicht gefallen zu
lassen. Das basisdemokratische Betriebskonzept wird um die Phrase
erweitert, daß "auch alternative Betriebe in weltwirtschaftliche
Zusammenhänge eingebettet sind", und mit der so aufgemachten Kom-
plexität des "ökologischen Sozialismus" nebenbei noch klarge-
stellt, daß man das ganze Konzept sowieso nicht anders denn als
ungeheuer problematische A u f g a b e verstanden wissen will.
Idealistische Spinner hätten in der Politik auch nichts zu su-
chen. Politiker mit hehren Idealen machen sich aber gut.
Zum Schluß gab' s noch das Stichwort Rotationsprinzip. Dazu er-
klärte Stratmann öffentlich, daß er zu seinem Beschluß von vor
zwei Jahren nicht mehr steht (wie ehrlich!), was er "öffentlich
aber nie sagen würde", weil er steht auch hinter der Partei
(anständig!). Die Grünen sollten doch - politischer Anstand hin,
Korruption durch die Macht her - endlich zugeben, "daß wir alle
Menschen sind". Auf die Tour läßt sich schließlich auch Sympa-
thiewerbung betreiben. Und die Garnierung des normalen politi-
schen Alltags mit ein bißchen geheuchelter Selbstkritik macht
seinen Ablauf doch viel bequemer. Vor allem aber fliegen dadurch
nicht Leute vorzeitig aus dem Amt, die es sehr stört, wenn s i e
es nicht ausüben dürfen.
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