Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu
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Die Grünen zwischen den Wahlen
HEMDENZERREISSEN, SÄUBERN, "NORMALISIEREN" -
ALLES IM DIENSTE AM WÄHLER
Die Wahlniederlage hat die Grünen ins Mark getroffen. Nicht im
ersten gesamtdeutschen Parlament vertreten zu sein, ist strö-
mungs- und flügelübergreifend - so ziemlich das größte Unglück,
das sie sich vorstellen können. Und der Einzug der Ost-Grünen mit
Hilfe eines Gnadenaktes unterstreicht die Schmach nur noch. Also
standen im Hinblick auf den als "Schicksalswahl" beschworenen Ur-
nengang in Hessen an:
1. Eine "K r i s e": Der Wähler hat den eingeübten Sprung über
die 5-Prozent-Hürde verweigert.
2. Ein "K a m p f u m s Ü b e r l e b e n": Womöglich gewöhnt
sich der Wähler daran, und dann ist mit der grünen Partei Sense,
denn ohne diese 5 + x % ist sie nicht überlebensfähig.
3. Eine "S u c h e n a c h n e u e n P e r s p e k t i-
v e n": Dem Wähler ist das Schauspiel einer verbissen um
"Reform" ringenden Partei zu bieten, damit 1. und 2. außer Kraft
gesetzt werden.
Gerechterweise retteten am 20. Januar die grünen Politiker die
parlamentarische Erfolgsperspektive der Partei, die "Realos" hei-
ßen und immer schon die jedem Grünen geläufige Weisheit als
"Flügel" herausposaunt haben, daß ohne Wähler das grüne
(Partei-)Leben nichts wert ist. Sie hüten sich, die Partei ein-
fach bloß so zu einer "normalen" Partei machen zu wollen, denn
weder wollen sie als Wendehälse erscheinen, noch sind sie blöd:
Soviel wissen sie nämlich auch, daß es wohl der S c h e i n
d e r D i s t a n z i e r u n g v o m "N o r m a l e n" war,
der den Grünen bislang ihre Erfolge bescherte. Ihr Argument lau-
tet: Dieses E r s c h e i n u n g s b i l d ist durch die Wahl-
niederlage desavouiert, heißt: hat nicht genügend Wähler gekeilt;
deswegen wird es aber nicht einfach weggeschmissen, sondern der
kunstvollen Methode der D i s t a n z i e r u n g v o n d e r
D i s t a n z i e r u n g unterworfen:
Die "Realos" stellen sich dem Wähler als Opfer einer parteiinter-
nen Unvernunft vor; man soll es ihnen hoch anrechnen, daß nur ihr
aufopferungsvolles, den Wähler immer wieder versöhnendes Dazuhal-
ten das eigentlich schon längst fällige Desaster hinausgeschoben
hat. Jetzt spricht der Wähler im allgemeinen gerecht (bezüglich
der Partei), im konkreten aber ungerecht (bezüglich
"realistischer" Individuen) die Strafe aus. "Leider" haben die
"Realos" jetzt das Oberwasser, auf dem sie schon längst hätten
schwimmen müssen, also haben alle anderen gefälligst die Schnauze
zu halten. Die haben nämlich die Partei in die Scheiße geritten
und den Wähler um die liebenswerte Alternative "Grün" betrogen,
weil sie sich für ihn unwählbar gemacht haben. Die neuen Retter
der Partei veranstalten eine Säuberung, die aber so sehr gar
nicht sie wollen, sondern die der Wähler in Auftrag gegeben hat;
wenn die "Realos" sie durchführen, beweisen sie damit wieder die
Einzigartigkeit der Partei und bieten dem Wähler den Genuß des
Eindrucks, daß trotz "Normalisierung" die Grünen keinesfalls mit
den gewöhnlichen Parteien in einen Topf geworfen werden können.
Sie erzählen dem Wähler, was ihn an der Partei gestört haben muß,
und wollen ihn mit dem Versprechen, alle Anhaltspunkte für diesen
erfundenen Unmut auszumerzen, aufs neue betören.
Von der "Basisdemokratie" zur "Basokratie"
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Letztere Sprachschöpfung stand urplötzlich im Raum, und jeder
wußte sofort, was damit gemeint war: Das elaborierte Getue, als
ob die Parteimitglieder den Kurs der Partei festlegen würden, ist
von Übel und führt zur "Selbstlähmung" (J. Fischer). Das ist ge-
konnt. Unterstellen wir einmal, es hätte ein paar naive grüne
Parteigründer gegeben, die an die Banalität glaubten, eine Partei
würde zunächst einmal aus ihren Mitgliedern bestehen; für ihr ge-
meinsames Interesse bauen sie die Partei auf und benutzen sie für
die Durchsetzung des Interesses. Tatsächlich handelt es sich da-
bei um eine völlig undemokratische Vorstellung, die die Grünen
spätestens mit dem Beschluß, "parlamentarisch" zu werden, auf den
Misthaufen geworfen haben. Erster und einziger Zweck einer Partei
ist das Einsammeln von Stimmen wofür sich die Grünen einen eige-
nen Clou ausgedacht hatten. Sie veranstalteten ein Parteiinnen-
als -außenleben, bei dem alle so tun mußten, als ob die "Basis"
schwer auf die Repräsentanten aufpassen würde; diese wiederum
vorrangig die Bundestagsabgeordneten - boten das Schauspiel müh-
sam in Ketten sich bewegender Sprachrohre, einerseits "der Basis
verpflichtet", andererseits um die "Notwendigkeiten des politi-
schen Alltagsgeschäfts" bemüht. Keineswegs sei es mit der Stimm-
abgabe getan; die Wähler müßten schwer aktiv werden, damit das
Überspringen der Hürde auch immer wieder klappt und sie nicht ih-
ren verschenkten Stimmen nachtrauern müssen; die Bundestagsfrak-
tion sei grad so viel wert, wie "Druck von der Basis" komme; die
"außerparlamentarische Bewegung" habe in den grünen Abgeordneten
auch nicht mehr als ein paar Repräsentanten, die an höchster
Stelle für die "Durchsetzung von Basisanliegen" hilfreich sein
können. Andererseits mußte dem (Basis-)Wähler auch klar sein:
Ohne seine Repräsen achtet und verdient sich den abschreckenden
Beinamen "Druck der Straße"; den Abgeordneten muß also auch mög-
lich sein, von sich aus zu definieren, wo die "Basis" aufhört und
die "Straße" anfängt. Wenn grüne Parlamentarier ihrer "Basis" den
Gefallen tun, deren Anliegen im Parlament vorzutragen, dann muß
sich die "Basis" im Zweifelsfall auch mal sagen lassen, was ihre
Anliegen sind.
Dieses wunderschöne Mit- und Gegeneinander von "Basis" und
"Führung" reichte den Grünen aber noch nicht. Die "Basis" rannte
selber noch mal zweigeteilt herum, nämlich als eigentliche Unter-
stützermannschaft, die so etwas wie die naive, demokratieabsei-
tige Absicht einer Partei symbolisierte, und als Wähler, auf die
es letztlich doch ankommt. Tja, da konnten nun wirklich kunst-
volle Bündnisse, Konstellationen und Berufungsinstanzen konstru-
iert werden, und in jeder Diskussionsrunde wurde das Kunstwerk
mit noch mehr künstlichem Leben gefüllt, indem immer neue Gegen-
sätze, Unterschiede, aber- auch Gemeinsamkeiten "auftauchten".
(Unvergessen die Fischer'sche Entdeckung des "konsumorientierten
Citoyen". Was war er nun? Der Wähler; die "Basis" im Grunde ihre
Herzens; ein parteiinternes Ideal; durch die Führung per Anspra-
che zu schaffende Wählerschicht? Fragen über Fragen.)
So gestalteten die Grünen liebevoll das aus, was sie ihre
"S t r e i t k u l t u r" nannten. Es gehörte selbstverständlich
dazu, daß sich darüber dauernd beschwert wurde, was Endlosigkeit
garantiert, über die dann wieder extra lamentiert werden durfte.
Es etablierte sich die Partei mit dem durchaus eigenen Touch der
Doppelbehauptung, die Führung (Fraktion) würde die Gefolgschaft
entrechten, und eine unverantwortliche Gefolgschaft würde täglich
die Führung entmachten und als Hampelmänner/frauen vorführen.
Praktischerweise wurde diesem "Dilemma" durch Doppel- und Mehr-
fachführungen sinnfällig Ausdruck verliehen, die aber immer - wie
gesagt: jedermann durchschaute das Spiel im Groben und hielt sich
an die Regeln - sorgfältig ausgesucht und zusammengesetzt waren,
so daß jede Menge "Streitigkeiten" über die Bühne gehen konnten,
die letztendlich doch ein einigermaßen zufriedenstellendes Bild
der "Geschlossenheit" der Partei abgaben. Der Revoluzzer im Bür-
ger kam auf seine Kosten, denn immer wurde irgendwo "der Aufstand
geprobt"; methodisch besonders geschulte Pfiffikusse der Partei,
die es in allen "Strömungen" gab, belebten den "Streit" regelmä-
ßig mit dem Aufschrei, daß ihre "Strömung" mal wieder/jetzt end-
gültig/wie noch nie zuvor unterrepräsentiert sei; und selbstver-
ständlich schmetterte immer irgendeiner ein "Wo bleiben die In-
halte!" dazwischen, zumeist einer von der Gruppe, die gerade
einen Posten zu wenig abgekriegt hatte. Gerade dieser Einwurf
wurde allgemein willkommen geheißen, weil damit erstens das geho-
bene Diskussionsniveau unter Grünen bewiesen war, und zweitens,
weil sich das für eine anständige Partei sowieso gehört. Was gibt
es an dieser schönen Sache zu meckern? Ja eben bloß das, das aber
ganz entschieden: Nur noch 4,9% der Wähler fanden das interes-
sant. Ab sofort heißt das Ding "Basokratie" und zeugt - wer hätte
das gedacht - von "mangelnder innerparteilicher Demokratie". Ge-
fragt ist jetzt eine "klare Vorsitzendenstruktur", eine
"organisatorische Straffung" selbstverständlich, "ohne dabei die
politische Vielfalt zu verlieren". Anständige Parteidemokratie
geht nämlich so, daß die Partei den Wähler durch große Einmütig-
keit und Geschlossenheit beeindruckt, so daß der um den Eindruck
nicht herumkommen kann, daß die da auf jeden Fall recht haben
müssen. Egal womit. 10 Jahre lang sind die Grünen mit der Vor-
spiegelung gut gefahren, ihre Partei wolle die demokratisch er-
forderliche Trennung von Parteiführung und Parteivolk nicht so
umstandslos nachvollziehen; die "Basis" durfte so tun, als sei
sie nicht bloß ein Akkumulationshaufen; 10 Jahre wollten die Grü-
nen vorspiegeln, sie seien erst in zweiter Linie eine Wahlkampf-
maschine, in erster Linie ginge es um die "Umsetzung von Basisan-
liegen in die offizielle Politik". Kaum halten das x + 0,1% der
früheren Wähler nicht länger für eine Bereicherung der Parteien-
landschaft, schon wissen die Reformer, daß man das Parteileben
gründlicher nicht "lähmen" kann und daß lauter "unlegitimierte
Strömungszirkel" ihr Unwesen treiben - "Legitimation" holt man
sich nämlich von oben ab. Die demokratische Antwort geht "dahin,
daß die Kreisebene mit der Landesebene zusammenarbeitet, die Lan-
desebene mit der Bundesebene" (Fischer). Als ob das in dieser
Allgemeinheit nicht immer schon der Fall gewesen wäre! Was er uns
sagen will, ist aber deutlich: Eine klare Befehlsstruktur muß
her. Oder anders: Eine "neue Integrationskultur...".
Vom "Promi" zur "Persönlichkeit"
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Das ist bekannt, daß den heutigen Großkotzen die "Rotation " im-
mer schon gestunken hat. Aus einem einfachen Grund: Politische
Urviecher wie sie, die die Gründung der Partei von Anfang an mit
ihrem eigenen Beschluß gleichgesetzt haben, Politiker zu werden -
weswegen die Partei sie ja auch gleich in vorderster Linie einge-
setzt hat -, mußten doch tatsächlich befürchten, aufgrund eines
methodischen Prinzips Karriereknicks erleiden zu müssen. Dieses
"Rotationsprinzip" organisierte prächtig das schreckliche
"Abgehobensein" der Führung. Jeder Unmut konnte sich dahingehend
artikulieren, daß entweder die Repräsentanten den "Kontakt zur
Basis" verloren und die Sau in sich hatten laufen lassen oder daß
die Repräsentanten - kaum hatten sie sich mal "eingearbeitet" und
kaum hatten sie angefangen, "etwas zu bewegen" - von unsachlichen
Neidgefühlen blockiert wurden. Einerseits wuchsen die Chancen,
mal selber ganz vorne mitmischen zu dürfen, obwohl das Postenaus-
schüttungsreservoir der Grünen naturgemäß kleiner ist als bei an-
deren Parteien. Andererseits entstand so die Institution des
"Promi", der das Rotationswesen einigermaßen unbeschadet über-
stand, zugleich aber der "Basis" das gute Gefühl gab, sie würde
sich ganz instrumentell ein paar Zugpferde halten, die jederzeit
wieder ausgeschirrt werden könnten.
Der Hochachtung des Wählers vor Politik(ern) wurde so auf beson-
dere Weise Rechnung getragen: Der ideelle grüne Gesamtpolitiker
war eine ganz und gar unanfechtbare Persönlichkeit, weil er durch
Austausch vor den Niederungen der individuellen Launen wie Ver-
führbarkeit durch Macht, Gewohnheitsbedürfnis, Kreativitätsver-
schleiß, Anpassungsverhalten, und was es sonst noch an durch-
gestylten Triebkräften geben mag, geschützt wurde. Er machte
reine, gute Politik, was ihn natürlich sehr adelte. Allerdings
war der Widerspruch nicht zu übersehen, daß der Wähler ein Ge-
wohnheitstier ist und die so von höherem Glanz beschienenen Per-
sonen behalten möchte. Wenn sie sich mal längere Zeit gehalten
und ein "Identifikationspotential" aufgebaut haben, versteht der
Wähler nicht mehr, warum ihn die Partei mit dem methodischen
"Promi"-Zweifel belegt und ausgewiesene F ü h r e r unters
Prinzip beugt. "Promis" machen den Wähler sozusagen das Maul
wässrig und stiften ihm anschließend nicht die nötige Verhaltens-
sicherheit. Die "Basis" war denn auch zumeist einsichtig genug,
den Verlängerungsanträgen zuzustimmen oder die "Rotation" gleich
auszusetzen.
Kein Wunder, daß die "Realos" in der Regel die prominenteren
"Promis" waren. Für sie folgt nun aus der jetzigen echten Karrie-
rebedrohung zwingend: Die Konkurrenten aus dem "linken" Lager,
die sich - zugunsten der Unterscheidbarkeit der Partei - immer
mehr für das methodische Prinzip starkgemacht haben, müssen weg.
Die doch zweifellos nachgewiesene Wählbarkeit der Fischers, Voll-
mers und Co. wurde durch die Prinzipienreiter immer wieder unter-
graben, was sie viel Schweiß und Einfühlungskraft "an der Basis"
gekostet hat, um die Nominierung immer wieder sicherzustellen.
Darüber wurde nicht nur so manch' "inhaltliche Arbeit" versäumt,
sondern sogar schreckliches Versagen - eine politische Persön-
lichkeit mit so hohen Prinzipien wie Otto Schily zur SPD getrie-
ben; diese "selbstmörderische Personalpolitik" kann sich die Par-
tei nicht länger erlauben, weil
"wir aufgrund der nicht vorhandenen Persönlichkeiten auf Bundese-
bene nicht mehr darstellungsfähig waren. Und deshalb konnten wir
auch unsere (!) Wählerschaft nicht mehr mobilisieren." (Fischer)
Das ist hübsch gesagt. Man mobilisiert den Wähler nur, wenn das
Parteivolk seine Führung demonstrativ liebt und verehrt, am be-
sten ihr die Pfründe gleich lebenslang vermacht. A propos
Pfründe: Die wollen die "Realos" endlich für sich behalten kön-
nen, was ihnen natürlich auch am Wähler klar geworden ist, der
nie ganz verstanden habe, warum sich die Abgeordneten ihre Diäten
für irgendwelche "unlegitimierten Strömungszirkel", die dann un-
kontrolliert irgendwelche "Solidaritäts-Fonds" verwalten, kürzen
lassen mußten. Ist der Politiker nicht eine Respektsperson, die
verdient, mehr zu verdienen? Dem Wähler wird jetzt der besondere
Genuß geboten, sozusagen in Reinkultur miterleben zu dürfen, wie
die neo-kritischen Reformer "selbstkritisch und reflexiv" das
vorexerzieren, was in anderen Parteien als Routine daherkommt:
den Aufbau von "Persönlichkeiten"; die Demonstration, daß das be-
kannte Gewäsch von der "grundsätzlichen Erneuerung von innen her-
aus" nichts anderes beinhaltet als den demokratischen Führerkult.
Selbstverständlich handelt es sich bei den Grünen dabei um einen
emanzipatorischen Akt, um die Abschaffung "starrer Strukturen"
und um die Überwindung "parteiintemer Grabenkämpfe"; das lange
unterdrückte Freiheitsverlangen der grünen Wähler kommt endlich
zum Zug.
Von "grünen Inhalten" zu "vermittelbaren Themen"
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Die Unvernunft der "Basis" und die Bezweiflung der vorzeigbaren
"Persönlichkeiten" waren schon schlimm genug. Als ganz schlimm
empfinden die Reformer aber das jahrelange "Denkverbot", das die
Partei erlassen hatte. Die sogenannten "Linken" waren in Wirk-
lichkeit "Wertkonservative", die die Partei "ideologisiert" hat-
ten. Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! -:
"Also, Christian Ströbele, gib uns Gedankenfreiheit und geh' mit
deinen Leuten zur Seite." (Udo Knapp)
Ein wenig lächerlich ist das schon: Als ob einem Knapp, einem Fi-
scher, einer Vollmer jemals das ideologische Geseiche verboten
worden wäre - waren es nicht diese Figuren, die sich die größte
Freiheit mit angeblich verpflichtenden "grünen Inhalten" erlaubt
hatten? Aber genau diese Freiheit soll nun grenzenlos werden: Die
Reformer stört eine mögliche Fehlinterpretation, wie die weltan-
schauliche Komponente der Partei schon immer gemeint war. Das Pa-
thos, mit dem ökologische Katastrophe und Weltuntergang beschwo-
ren wurden, wollte sich zwar gegen niemanden wenden - oder umge-
kehrt: immer nur gegen den Schmutzfink in uns allen - und er-
klärte keinem gültigen Interesse die Feindschaft, aber um den
S c h e i n d e s K r i t i s c h e n kam es trotzdem nie ganz
herum. Dieser Schein, der sich in unzähligen konstruktiven Anträ-
gen in Parlamenten und Stadtverordnetenversammlungen nieder-
schlug, wurde auch jahrelang eifrig gepflegt, damit der
"kritische Wähler" auf seine Kosten kam. Den Reformern ist nun
aber endgültig aufgefallen, daß die gar so unverwechselbaren
"grünen Inhalte" längst ihren Platz in allen "etablierten Par-
teien" haben und dort obendrein erfolgreicher zum Einsatz ge-
bracht werden; ein paar Umweltsprüche in den Wahlprogrammen und I
Töpfer haben genügt, die Grünen ihrer "Spezifik" zu berauben.
Wenn Grüne weiterhin auf ihrem Gründungsthema herumreiten, dann
bugsieren sie sich in die Querulantenecke. Der Wähler hat nicht
nur gelernt, daß "Umwelt" mordsmäßig wichtig ist, deswegen aber
auch besser wirtschaftssachverständigen Führungspersönlichkeiten
anvertraut wird, er hat es auch abgehakt und weiß die Prioritä-
tenliste der nationalen Anliegen richtig zu lesen. Und da steht
nun mal "Deutsche Einheit" an oberster Stelle - woraufhin sich
die "Realos" bitter beklagen, daß sich die Partei dazu tatsäch-
lich auch eine gewisse Distanz zugelegt hatte. Eine "richtige"
Partei nimmt die Themen auf, die den Wähler bewegen, und kommt
ihm nicht vormundschaftlich. Und woher weiß man, welche Themen
den Wähler bewegen? Na eben aus dem, was Bonn täglich verlaut-
bart. Dagegen mit abseitigen "Menschheitsthemen" anstinken zu
wollen, ist genau dieser "Wertkonservativismus" bzw. die-
ses"Denkverbot".
"Das Thema Klimakatastrophe als rein ökologisches Thema im Wahl-
kampfwar total verfehlt. Das zum Thema zu machen, war genau so,
als hätte man die ganzen Ereignisse von 1989 und 1990 gar nicht
zur Kenntnis genommen. Es ist vielleicht global gedacht das wich-
tigste Thema, aber es ist momentan nicht das Thema gewesen, was
die Leute im Innersten bewegt. Insofern haben die Grünen jetzt
die Chance, auch über ihre eigenen Inhalte zu diskutieren. Hier
gilt es... einen neuen Ansatz zu finden. " (Werner Schulz, Ost-
Grüner)
Der Inhalt dieser Diskussion über "eigene Inhalte" liegt auf der
Hand: Mit den alten grünen Erfolgskalauern muß aufgeräumt werden,
weil sie nicht mehr zeitgemäß sind - obwohl "global gedacht viel-
leicht die wichtigsten". Aber nicht nur das: Grüne wissen inzwi-
schen Bescheid über die höchst bedingte Erfolgsträchtigkeit von
"Sachinhalten", die beim Wähler zünden sollen: '
"So wichtig die politischen Inhalte sind: Inhalte können nicht
sprechen, gehen nicht von alleine, sondern das machen Menschen."
(Fischer)
Grüne Führungspersönlichkeiten müssen sich als ganz normale Oppo-
sitionspolitiker den regierungsamtlichen Vorgaben zuwenden dür-
fen. Wieder mal eine dankenswerte Klarstellung: Opposition kann
mit Kritik nicht verwechselt werden; die Herrichtung zur normalen
Oppositionspartei verlangt darüber hinaus ein K r i t i k-
v e r b o t n a c h i n n e n - Ströbele, Tuckfeld, Ditfurth
usw. haben es zu spüren gekriegt. "Denken" im Unterschied zum
"Denkverbot" ist die vorbehaltlose Zuwendung zu allen "Themen",
die erfolgreiche Wählereinwicklung verheißen, ist also die
dezidierte Prinzipienlosigkeit. Wer dagegen, wie matt auch immer,
einwendet, die Grünen wären doch mal mit bestimmten Absichten
angetreten, der muß sich sagen lassen, daß er damit nur seine
eigentlich rechte = dogmatische Natur zu erkennen gibt. So
wohlfeil können sich also die Reformer als die eigentlichen kri-
tischen Geister der Partei, als die Fackelträger ihrer erfri-
schenden "Zukunftsorientiertheit" profilieren. Das wiederum soll
der Wähler als die neue/gerettete Unverwechselbarkeit der Grünen
goutieren.
Allerdings: Spätestens an dieser Stelle muß die Reformer ein un-
gutes Gefühl beschleichen. Was, wenn dem Wähler der Trick, sich
vom alten Erscheinungsbild der Partei loszusagen und zugleich
darauf zu deuten, daß man von dieser besonderen Partei herstammt,
schlichtweg unverständlich ist oder ihm gleich gar nicht auf-
fällt? Was, wenn der Wähler gleich die mehr Erfolg versprechende,
weil größere Oppositionspartei bevorzugt: Mit der neuen
"inhaltlichen" Bestimmung als "ökologische Reformpartei" hat man
aus durchsichtigen Gründen ja gerade mehr auf Identität mit der
SPD als auf Abgrenzung gemacht. Da haben sich die Reformer ein
Angebot einfallen lassen, das mit der im Notenbüchlein der Demo-
kratie vorgeschriebenen Dialektik daherkommt:
"Wir wollen Rot-Grün oder Rot-grün-gelb schon 1994, so vermessen
das klingt. Aber beides gibt es nicht als sozialdemokratisierten
Einheitsbrei, sondern nur als scharfgewürztes Menü." (Knapp)
Die Grünen haben also einen besonders zündenden "Inhalt" anzu-
preisen: Kaum in der (normalen) Opposition, wollen sie auch schon
wieder raus - an die Macht! Sie machen SPD und FDP Feuer unterm
Arsch, indem sie sich ihnen als Koalitionspartner aufdrängen. Der
raffinierte Wähler wählt die Grünen, damit Rot-Gelb dann auch
einen Koalitionspartner hat, und er hat den Nervenkitzel, mit
dieser "vermessenen" Tat eine unglaublich scharfe Regierung zu-
sammenzustellen. Zugleich geht er keinerlei Risiko ein: Obwohl er
sich den Luxus leistet, etwas Besonderes zu sein, muß er nicht
befürchten, seine Stimme verschenkt zu haben - sie landet ja al-
lemal bei der Regierung. Davon die Kurzfassung: Man soll die Grü-
nen (weiterhin) wählen, damit sie (m i t) r e g i e r e n kön-
nen. Das ist ja nun wirklich politischer Inhalt genug.
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