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Warum wählen Wähler Grüne? (2. Teil)
12 SCHLECHTE GRÜNDE, MIT DENEN DIE GRÜNEN FÜR DIE WAHL WERBEN.
1. "Tschernobyl droht überall!", 2. Grüne sind "anders", 3.
"Nicht Altes verwalten, sondern Neues gestalten!", 4. "Nie wieder
CäSiUm!", 5. "Was tun!", 6. Sie zeigen es denen mal!, 7. "Bei uns
ist jede zweite Abgeordnete ein Mann!", 8. Diesmal geht's ums
Ganze!, 9. "Farbe bekennen!", 10. Klein, aber fein, 11. "Grün
wächst - trotz allem!", 12. "Die Grünen in den Bundestag!".
5. "Was tun!"
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Ratlos sind sie nicht, die Grünen. Die Frage "Was tun?" haben sie
hinter sich gelassen. Aber nicht, weil sie sie beantworten könn-
ten oder auch nur wollten. Einerseits scheint ihnen ihre Partei
mit ihren Fortschritten im Mehr- und Minderheitengefüge der Demo-
kratie so etwas wie eine Antwort zu sein auf die beiden Hauptü-
bel, die grüne Gemüter bestürzen, Krieg und Umweltzerstörung. An-
dererseits scheinen sie von der Glaubwürdigkeit dieser Antwort
selbst nicht so recht überzeugt zu sein. Sie nehmen sich die
Zweifel ihrer Kritiker, das Mißtrauen von Leuten zu Herzen, die
nicht einsehen mögen, was sich durch die Grünen geändert haben
soll. Sehr geläufig ist diesen Gewissenswürmern der landesübliche
Antrag an jeden Kritiker, er solle erst einmal zeigen, daß er
besser ist als die andern. Und dieses Problem eines Nachweises,
wie ernst man es selbst mit dem Umdenken und einem garantiert al-
ternativen guten Benehmen hier und jetzt meint, haben die Grünen
genial und lächerlich zugleich gelöst. Sie leben ihre Verbesse-
rungsvorschläge zumindest im Kleinen vor, zeigen so, was möglich
ist, und konfrontieren 10 Rheinkatastrophen mit ihrem vorbildli-
chen Verhalten. Mehr steckt nicht hinter dem Ausrufezeichen der
Aufforderung "Was tun!".
Der Minister geht mit gutem Beispiel voran, läßt seine Freundin
den Abwasch machen und zeigt mit seinem Verzicht auf scharfes
Spüli, zu welchen Opfern er bereit ist, damit ihm seine Sanft-
heit, wohinter sein Veränderungswille zum Vorschein kommt, abge-
nommen wird:
"Und was tun Sie Für die Umwelt?
'Mein Dienstwagen hat einen Katalysator und privat gehe ich so-
viel wie möglich zu Fuß. Der Abfall wird nach Glas, Papier usw.
getrennt. Ich mache derzeit noch große Umwege, um den sortierten
Müll wegzuschaffen, weil in meinem Stadtteil erst im Herbst Recy-
cling-Tonnen aufgestellt werden. Auf scharfe Spül-, Wasch- und
Putzmittel verzichte ich ganz.'" (Brigitte-Umfrage 9.7.)
Dem Minister ist seine knappe Zeit nicht zu schade für den Be-
weis, daß "was tun" keine Frage ist. Wo ein Wille ist, ist auch
ein Weg und irgendwas kann jeder tun, selbst ein Minister mit be-
schränkten Möglichkeiten. Nur wer alle Welt mit der Mitteilung
beglücken will, daß an der Ernsthaftigkeit des eigenen Verände-
rungsbestrebens nicht zu rütteln ist, wer also die Verfertigung
des sich selbst ausgestellten Charakterzertifikats, f ü r Ver-
änderung zu sein, für ungefähr dasselbe hält wie die Veränderung
selber, wird diesem Sauber- und Fachmann für ordentliche Müllver-
nichtung seine "großen Umwege" abnehmen - und allen Ernstes daran
festhalten, sie seien Wege z u was auch immer h i n.
Solche vorbildlichen Aktivitäten stellen offenbar einen höheren
Auftraggeber namens Gewissen ziemlich zufrieden; und dafür werden
sie auch unternommen. Mit ihnen der Atomlobby und der chemischen
Industrie einen Stein in den Weg gelegt zu haben, dürfte auch
kein Grüner glauben. Die lächerliche Veranstaltung will wo ganz
anders Eindruck machen, nämlich bei all den Mitmenschen, denen
ihr Umweltbewußtsein zu Kopf gestiegen ist und dort eine riesige
Gewissensblase bildet. Tauglich ist die Vorführung des "Bei-sich-
selbst-Anfangens", des "Wir kritisieren nicht nur, wir unterneh-
men auch schon e t w a s" auch für die Blamage der Leute, die
nicht wie jedes Christenschaf Kritik mit Selbstläuterung, Buße
und einem guten Werkchen in der Müllfrage verwechseln.
Grüne machen keinen Hehl daraus, daß und wie sie mit ihrer linken
Vergangenheit abrechnen. Was sich heute links von ihnen bewegt
fällt für diese Softspüler unter das Generalurteil: Parteilose
Raucher, die bloß reden!
Die Grünen haben, als sie sich noch im linken Zirkelwesen rum-
trieben, die Bequemlichkeit dieses Totschlägers schätzen gelernt.
Wenn sie jetzt die Parole "Was tun!" im Wahlkampf salonfähig ma-
chen, hätten sie kaum einen besseren Griff tun können. Verstanden
wird es schon richtig: zwei Worte - ein Kreuz! Ein schöner Ausweg
aus der Gefahr, sich zeitlebens den Tunix-Vorwurf gefallen lassen
zu müssen.
Der allemal fälligen Frage, ob dadurch auch schon die guten
Kräfte ihren Sieg errungen hätten, begegnen die Grünen dann auch
noch. Für ihre Wähler ist die Stimmabgabe ein bloßer Auftakt,
eine leichte Übung, der die großen Taten erst noch folgen. Mit
dieser verpflichtenden Perspektive werden die erlesensten Ansprü-
che an ein bewußtes Wählen bedient.
"Jeder, der über analytische Einsicht verfügt und die Notwendig-
keit tiefgehender Veränderungen sieht, leidet darunter, daß recht
viele Menschen, auch Wähler der Grünen, sich einen
b e q u e m e n Weg der Veränderung erhoffen. Sie wählen und
überlassen den Grünen den Rest. Dieses Verhalten kollidiert mit
meiner Erkenntnis, daß zur Durchsetzung von Veränderungen viel
mehr Radikalität, mehr Mut zum Kampf und ein Bruch mit persönli-
cher Bequemlichkeit notwendig sind." (Ebermann: "Ich will mich
mit dem durchschnittlichen Deutschen anlegen", In: Von der Mach-
barkeit des Unmöglichen, Seite 93 f. - Hervorh. v. Verf.)
Bleiben noch zwei Fragen:
Was tut man, wenn man die Grünen wählt?
"Wilhelm Grillenberger, Pfarrer in München:
'Ich gebe Gymnasialunterricht über das verantwortliche Handeln
von Christen, meine Entscheidung basiert nicht zuletzt auf der
Nachfrage von Schülern: Tun Sie denn auch etwas? Reden Sie nicht
nur?'" (Bavaria Grün, Zeitung der bayerischen GRÜNEN zur Land-
tagswahl '86)
Man macht ein Kreuz und hat dabei ein saugutes Gefühl. Wenn
selbst das reine Gewissen eines Religionslehrers sich noch stei-
gern läßt, haben die Grünen offensichtlich was zu bieten: Man
kann dieselben Reden schwingen wie jeden Tag - z.B. im Religions-
unterricht - und braucht sich von niemandem mehr - außer den Grü-
nen - deshalb ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen.
Was tun die Grünen, damit man sie wählt?
Sie festigen nach Kräften den Glauben, daß man was tun k a n n:
"Wir leuchten den Atompolitikern heim! ... - Sofortige Stillegung
aller Atomanlagen! Keine WAA in Wackersdorf!
Für dieses Ziel kann und soll man sich mit allen und mit ver-
schiedenen Mitteln einsetzen: Mit Unterschriftensammlungen, mit
Großdemonstrationen wie kürzlich in München und im Hunsrück, mit
Sonntagsspaziergängen zum Bauzaun in Wackersdorf, mit Blockadeak-
tionen usw. Wir wollen diesmal auch unsere Kinder demonstrieren
lassen, auf ihre Art: Laternenumzug..."
Kinder haben auch so "ihre Art". Auf jeden Fall hat jeder ein
Mittel, wenn es ihm wirklich um Veränderung zu tun ist und er
seine Phantasie nur lang genug spielen läßt. Und wer keine La-
terne hat, der malt ein grünes Kreuz im Wahllokal.
6. "Zoagt's es eane, dene Schwarze!"
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"'Zeigt es ihnen, den Schwarzen!' Diesen Rat hatte eine ältere
Passantin den grünen Abgeordneten mit auf den Weg gegeben, als
sie mit Kind und Kegel, Freunden und Freundinnen vom Marienplatz
aus zum Maximilianeum zogen. Der Rat wird befolgt." (Bavaria
Grün, Zeitung der bayerischen GRÜNEN zur Bundestagswahl '87)
Bei der "älteren Passantin" dürfte es sich unseren Nachforschun-
gen zufolge um "Hartmut Bäumer, 38, Arbeitsrichter, Spitzenkandi-
dat der GRÜNEN für Oberbayern" gehandelt haben, der aufgrund des
"tollen Wahlergebnisses" bereits Wochen vor jener Begegnung den
Grünen in einer Begegnung mit der "taz" folgenden"Rat" erteilte:
"Wir wollen es der CSU einfach schwerer machen, ihre arrogante
Linie durchzuziehen." (14.10.)
Vielleicht kam aber auch gerade Christa Nickels, Bundestagsabge-
ordnete, ledig, 3 Kinder, des Wegs, die in Bonn die
"p e r s ö n l i c h e Empörung" von 2,2 Millionen bundesdeut-
schen Wählern r e p r ä s e n t i e r t. Oder war es Joschka
Fischer (Jahrgang 48), Hessens Umwelt- und Energieminister, der
sich wie kein zweiter durch "Abbügeln" auf die Bedürfnisse des
älteren weiblichen Wählerpersonals versteht?
"Unabhängig davon, ob 'der Fischer' da in Wiesbaden tatsächlich
'was erreicht' hat, wird er geschätzt, vor allem von den Frauen
über 50. Daß er noch immer keinen 'Schlips' umbindet, haben sie
ihm inzwischen ebenso verziehen wie den etwas 'schiefen Mund'
beim 'breiten Grinsen'.
"Wie 'der Fischer' - in der Fernsehdiskussion nach Tschernobyl -
etwa 'den Riesenhuber', diesen 'dummen Arroganzling' abgebügelt
habe, das sei schon 'beeindruckend' gewesen, meinte zum Beispiel
Käthi K. aus Rüsselsheim (Jahrgang 1931)." (taz, 14.10.)
Die deutschen Wähler/innen sind eine abgeklärte Mannschaft. Sie
geben sich mit wenig zufrieden, so man nur ihren Geschmack
trifft. Die "erstaunlichen Einbrüche" in Wählerreservoirs, die
den "Alt"-Parteien vorbehalten schienen, sind den Grünen ein
Leichtes. Sie müssen den Wählern ja nicht erst beibringen, Poli-
tik u n a b h ä n g i g von ihren Taten zu beurteilen. Politik
als reine S t i l frage zu begutachten, hat Tradition in einem
Land, das sich auf seine Kultur etwas zugutehält. Wem der Sinn
nach einer Politik steht, die die Politiker zur Raison ruft, und
wer bislang den kritischen Gestus im Parlament zu wenig vertreten
sah, wird nun von den Grünen bestens bedient. Sie verschreiben
sich den Sehnsüchten des kleinen Mannes, der alles mit sich an-
stellen läßt und daher bezüglich der Politik nur noch den Wunsch
kennt, die Politiker sollten sich gefälligst auch so anständig
benehmen wie er. Wegen der glaubwürdigen Demonstration seiner
Aufschneiderei, wie er's denen zeigen täte, wenn man ihn mal
ließe - sind ihm die Grünen sympathisch. Und wer sich von den
Grünen "mehr" erwartet hatte, braucht sich bei aller Enttäuschung
nicht von ihnen abzuwenden: "Immerhin" bringen sie "frischen
Wind" ins Parlament, "entlarven" nach Kräften und lassen sich
"nicht alles" gefallen.
Die Grünen haben es also geschafft, den P r o t e s t ganz in
seiner stimmenträchtigen P r ä s e n t a t i o n aufgehen zu
lassen. Auf der einen Seite verflüchtigt er sich so im
A n s t a n d. Sie bringen den anderen Parteien R e s p e k t
bei vor Recht und Gesetz und fordern den Einzug von sittlichen
Werten und demokratischen Selbstverständlichkeiten in die Poli-
tik. Keine politische Entscheidung der Grünen wird ohne die Heu-
chelei verkauft, sie sei der "Achtung vor dem Wähler" entsprun-
gen. Auf der anderen Seite bedeutet dieses nicht-selbstherrliche
un-arrogante Getue
Die Auflösung allen Protests in methodische Überlegungen
Daß "es" auch "anders" ginge, wird zum einzigen Beweiszweck ihrer
Politik. Weil man das glauben kann oder auch nicht, stehen die
Grünen mit ihrem andersgearteten Charakter für die Verwirklichung
der von ihnen angepriesenen Möglichkeiten. Und damit man den
sieht, kommen sie lässig in Turnschuhen, in brav selbstgehäkelten
Pullis daher - und können gar nicht oft genug betonen, wie sie
sind: mutig sind sie, denn sie scheuen sich nicht, ihren Hang zum
Kindischen vorzuzeigen; aber auch listig und frech - und bei al-
ler Emanzipiertheit keineswegs verbiestert.
7. "Bei uns ist jede zweite Abgeordnete ein Mann."
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Die Grünen sind die Erfinder von so Ungetümen wie "Landtags-
frauschaften" und Bundestags-"Feminaten". Wenn sie auch sonst
über allerlei mit sich reden lassen: In der Frage, wer die werten
Damen/Herren Wähler/innen vertreten d a r f, verstehen sie
keinen Spaß. Ausgerechnet hiermit machen sie ernst und stellen so
sicher, daß an keinem einzigen I n h a l t der Politik
gerüttelt wird. Nicht einmal, was den dem Wähler "angebotenen
Renner Frau" (Grüne Zeiten) angeht, können Mißverständnisse dar-
über aufgekommen sein, daß sich mit der "Besetzung" dieses Themas
durch die Grünen irgendetwas an der Lage der Frauen ändern
sollte:
"Es gibt einen Spruch, der heißt: Alle reden von Frauenpolitik,
bei den Grünen machen Frauen Politik. Das ist der Punkt. In kei-
ner anderen Partei haben Frauen ähnliche Möglichkeiten, sich
einzumischen und wichtige Positionen zu besetzen." (Nickels, Von
der Machbarkeit des Unmöglichen, S. 24)
Politik f ü r Frauen ist, wenn F r a u e n sie machen. Die
Frauenfrage ist per Sitzverteilung bereits einer Lösung zugeführt
- und zwar ganz gerecht entweder fifty-fifty: "Wir Frauen sind
die Hälfte der Menschheit." oder aber, nicht minder gerecht, mit
einer 100%-igen Okkupation der freien Stellen: "Wir Frauen sind
mehr." Wenn mit der adäquaten Repräsentation der Frauen durch
ihre Geschlechtsgenossinnen schon alles rum ist und gar keine
weitergehende Veränderung bezweckt ist, fragt sich doch, warum
Frauen auf keinen Fall die politische Karriere von Männern beför-
dern helfen dürfen sollen und auch Männer eigentlich besser von
Damen vertreten wären. Neben der Mehrheit, die sowieso recht hat,
haben die Grünen für die Damenwahl einen noch härteren Klops auf
Lager, der über jeden Widerspruch erhaben ist.
Frausein ist Programm, wie Schwarzsein in Südafrika oder Schwul-
sein." (Nickels in: "Spiegel", 3.11.)
Frausein als Programm bedeutet: Diese von der Natur zu Opfern
Prädestinierten Wesen sind die besseren Menschen; gerade das Aus-
halten dieser Opfer adelt sie zu
Persönlichkeiten erster Klasse
und berechtigt sie dazu, aller Welt mit der Forderung auf den
Nerv zu gehen, ihnen für ihre aufopferungsvollen Dienste die ge-
bührende A n e r k e n n u n g zu zollen. Mit der Frau im Pro-
gramm können sich die Grünen mitsamt ihren "Grüninnen" genauso
unverschämt aufführen wie israelische Staatsmänner, die als
"Verfolgte des Naziregimes" bis an ihr Lebensende jede Kritik an
ihren faschistischen Taten von sich ab- und auf den unmenschli-
chen Charakter des Kritikers zurückprallen lassen. Mit der Frau,
diesem S y m b o l für Betroffenheit schlechthin, im Programm
ist grüne Politik über jeden Verdacht erhaben:
"Frauen denken anders, gucken anders und haben andere Wertmaß-
stäbe. ... Wie würden Frauen Straßenführung, Gebäudesanierung,
Gebietsbebauung planen? Wie würden wir Supermärkte, Fabriken,
Produktion planen und gestalten? Wir glauben: menschlicher, weil
direkter betroffen." (Goehler in: "Spiegel", 14.4.)
Von Logik nicht betroffen zu sein, darauf bildet sich diese
Zierde der Demokratie im Stolz auf ihren weiblichen Glauben noch
was ein: Betroffenheit mitsamt ihren Gründen soll - in Form von
Männern und Frauen - nach wie vor bestehen bleiben und dabei ein
prima Ratgeber für Planer sein, die alles anders - irgendwie viel
fraulicher - machen wollen. Wenn dabei nicht mehr als das ent-
sprechende Geschau rausschaut, so weil die Damen ihre Dämlichkeit
fürs Politikmachen bei den Grünen einsetzen. Sie wollen Politiker
- "Gesellschafts- und Produktionsgestalter" heißt das bei Leuten,
die das Wort Kapitalismus wahrscheinlich für eine Männererfindung
halten sein: Dieser Menschenschlag ist hierzulande nun mal nicht
fürs Betroffen s e i n, sondern fürs Betroffen m a c h e n vor-
gesehen.
Man darf bei den Damen aber auch nicht zu pingelig sein. Wenn sie
auf der Bildfläche erscheinen, ist sowieso nicht wichtig, was sie
sagen. Sie sind der lebende Vorwurf an alle Parteien, und der
lautet kurz und vernichtend: von M ä n n e r n g e m a c h t.
Und sie sind die aufdringliche Hoffnung für alle, die nach einem
k l e i n e r e n Ü b e l Ausschau halten: Frauen sind keine
Männer - also wenigstens nicht so brutal, so gewalttätig, so
männlich. Frauen sind witzig, spritzig, frech und putzmunter. Ih-
nen macht es Spaß, mit irre viel Kreativität und Phantasie Poli-
tik als Veranstaltung von Männern lächerlich zu machen. Dohnanyi
steht mit seiner "Nadelstreifen-Kultur" am Pranger - und schon
fühlt sich der grüne Geschmack im Recht und damit sauwohl. Als
Frau oder Verehrer ihrer andersbeschaffenen Wertigkeit, die sich
durch Originalität hervortut, muß man sich eben nur eines nicht
gefallen lassen: Die Brutalität von Busengrapschern, Bauknecht,
Beton und Bomben - hier duldet Xanthippe Goehler weder Wider-
spruch noch Unterschied:
"Wir können sie nicht mehr ertragen, diese 50- bis 60-jährigen
Anzüge, die unterschiedslos Bauknechtküchen, Autobahnabschnitte
und Atommeiler einweihen." (Spiegel, 3.11.)
Männer als Grund für alles, was Frauen nicht paßt
Da gilt ein häßlicher Schlips glatt soviel wie der tägliche Gang
ins Büro - damit haben die Grünen und mit ihnen ihre Wäh-
ler(innen) zwar die Genugtuung, sich alle Politiker als minder-
wertige Kreaturen und somit als Witzfiguren zu Gemüte zu führen.
G e g e n die Politik, die sie treiben, und das
G e s c h ä f t, dem sie den Weg bahnen, ein Wort zu verlieren,
ist unter ihrer weiblichen Würde: Damit sind sie ein für allemal
fertig; sie sehen ihren Vertretern schon an der Nasenspitze an,
was sie für welche sind.
"Die Angst vor gewalttätigen Übergriffen von Männern bestimmt un-
ser Leben und Verhalten, selbst wenn wir noch nie vergewaltigt
worden sind." (Bundestagswahlprogramm '87, S. 18)
Ein Fall von Verfolgungswahn? Oder machen hier politische Routi-
niers sehr zweckmäßig Reklame für eine Sicht der Welt, die alle
tatsächlich erfahrenen Beschränkungen und Belästigungen durch
Männer (es soll ja auch Frauen in Vorstandspositionen geben - und
zwar scharenweise), die über die M i t t e l verfügen, Frauen
und ihren Männern das Leben schwer zu machen, für belanglos be-
findet angesichts der M ö g l i c h k e i t von Vergewaltigung,
"die unser Leben bestimmt" - weil man an nichts anderes mehr den-
ken möchte.
Nichts von allem, was kritikabel ist, wollen die Grünen zum Ein-
sturz bringen. Aber alle möglichen Erfindungen bringen sie ins
Wanken. "Rollenverständnisse" schütteln sie unerbittlich durch-
einander, und der "Sexismus in der Sprache" gehört abgebaut. Eine
Frau kann nämlich von Haus aus auf alles verzichten, aber ohne
Würde sieht sie schrecklich aus:
"Die deutsche Amts-, Gerichts- und Gesetzessprache ist zu berei-
nigen. ... Sprache ist demnach sexistisch, wenn sie Frauen und
ihre Leistungen ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit
von Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen
zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende Interessen
und Fähigkeiten abspricht und wenn sie Frauen durch herablassende
Sprache demütigt und lächerlich macht." (Vorläufiger Entwurf ei-
nes Anti-Diskriminierungsgesetzes, S. 18 und 21)
Das haben die Frauen dann davon: Die Grünen behandeln sie garan-
tiert nicht herablassend, sondern als Politiker, die ihre eigen-
ständige Stimme nicht ignorieren und sich des unverwechselbaren
Werts der Damenwelt vollauf bewußt sind. Daß der Unabhängigkeit
der Frau das Recht auf Anerkennung in der Amtssprache gebührt,
unterstreichen sie mit radikalen Tönen -
"Frauenprogramm - Wir wollen alles!" (Bundestagswahlprogramm '87)
-
und ihren Weibermannschaften, die die Christdemokraten mit einer
in den Dimensionen vor Jahrtausenden rechnenden historischen
Wende vor Neid erblassen lassen:
"Es geht um Größeres: 'Das erste Mal in der Geschichte' über-
haupt, schwärmt Adrienne Goehler, GAL-Listenplatz 4, schicke eine
von Männern dominierte Partei ausschließlich Frauen in ein Parla-
ment. Einzelne Parteischwestern glauben gar schon, daß sich in
Hamburg eine Wende von planetarischen Dimensionen ankündigt: die
Wiedergeburt des Matriarchats, jener mythenumwobenen Mutterherr-
schaft, wie sie zur Zeit laut GAL nur noch bei den Tschambuli-In-
dianern Neuguineas' existiert." (Spiegel, 3.11.)
S p i n n e r e i und G e m e i n h e i t passen also auch bei
den Grünen bestens zusammen. Trotzdem findet es kaum jemand lä-
cherlich, daß ausgerechnet der Unterschied, an dem nichts als ein
bißchen Spaß hängt, für allerlei weltbewegende Gegensätze verant-
wortlich gemacht wird. Bei der Mühe, die sie sich bei deren Kon-
struktion geben, kommt der Geschmack voll auf seine Kosten. So
können sie auf alle Begründungen für ihre Politik verzichten.
Dann geht es voll in Ordnung, daß sich die grünen Land- und Bun-
destagsfrauschaftlerinnen das Recht und die Pflicht herausnehmen,
sich zum Politikmachen sans phrase zu bekennen:
"Es hat Spaß gemacht." (Begründung für die neuerliche Bundestags-
kandidatur von Waltraud Schoppe, in: "Süddeutsche Zeitung",
28.10.)
"Eine andere Rednerin begründete den weiblichen Alleinvertre-
tungsanspruch (der GAL-Weiber in Hamburg)...: Sie habe einfach
'Bock auf Macht'." (Spiegel, 3.11.)
Der die Unterdrückung von Jahrtausenden auf dem Buckel und seiner
Seite hat, dessen Courage und freches Auftrumpfen kann man nur
bewundern. Außerdem schätzt "der Wähler" immer schon ein frisches
Bekenntnis seiner Führer zur Macht. Das ist über jeden Zweifel
erhaben, wenn es wie hier - und überall die Richtigen ablegen.
"Alle Gründe sprechen für Grün " - heißt eine Wahlparole. Eine
andere Ausdrucksweise dafür, daß die Grünen auch nur die Nennung
eines einzigen Grundes für überflüssig, wenn nicht schädlich, be-
finden. Eine grün angepinselte Wand tut ihnen dieselben Dienste
wie die leicht erhöhte Stimmlage der ins Rennen geschickten
"unverbrauchten Kräfte".
S i e wollen unbedingt gewählt werden. Warum und wofür das wich-
tig ist, steht für sie schon längst nicht mehr zur Debatte. Also
wird auch dem Wähler die Prüfung der Gründe nicht zur Disposition
gestellt. Was ihnen wichtig ist, hat dem Wähler unmittelbar und
schlagartig einzuleuchten, dem dummerweise anderes am Herzen
liegt als gewählt werden zu wollen. Also stilisieren sie ihre
Wahl zu einem ganz b e s o n d e r e n Ereignis, das für
j e d e r m a n n von D r i n g l i c h k e i t sei:
Diese Wahl ist anders als alle anderen. Es gibt etwas
B e s o n d e r e s z u e n t s c h e i d e n. Dies zu erken-
nen, erfordert einen b e s o n d e r e n W ä h l e r mit viel
Durchblick. Die Wahl ist also diesmal ein Test auf den
C h a r a k t e r aller Beteiligten, sich des Wahlzirkus als ei-
ner schweren Bürde würdig zu erweisen.
8. Diesmal geht's ums Ganze
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"Es gibt in den kommenden Wahlen politisch etwas zu entscheiden.
Wer die radioaktive Bedrohung noch lange haben will, muß CDU wäh-
len, wer mit dem Ausstieg solange warten will, bis die Atomwirt-
schaft selbst auf andere Techniken setzt, kann SPD wählen, wer
sich politisch für eine Stillegung stark machen will, kann nur
die Grünen wählen." (Trampert, Eröffnungsrede auf dem Nürnberger
Parteitag)
Die Lüge, der Wähler habe zu bestimmen, w e l c h e Politik ge-
macht wird, ist auch nicht gerade neu. Ebenso abgestanden der
Einfall, die "kommenden Wahlen" seien in ihrer schicksalhaften
Bedeutsamkeit unvergleichlich: d r i n g l i c h e r als je
eine zuvor, aber auch endlich einmal w i r k l i c h e Wahlen,
in denen sich jemand zur Wahl anbietet, der die Probleme ihrer
Lösung zuführt. Wer also nicht den großen Knall in Auftrag gege-
ben haben will, darf weder... noch... wählen: Durch intensives
Nachdenken wird ihm klarwerden, wohin sein Kreuz gemacht gehört.
Denn diese Wahl ist anders als alle dagewesenen, weil diesmal der
W ä h l e r zu seinem besonderen Recht kommt. Das bietet ihm nur
die grüne Partei:
9. Klein, aber fein!
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"Wir sind abhängig von der Bereitschaft der Menschen, gründlich
nachzudenken über unsere Gesellschaft, was sie uns kostet, was
sie unsere Kinder und andere Völker kostet. Abhängig sind die
GRÜNEN von der Neugier auf emanzipatorische Prozesse und von der
Bereitschaft, Alternativen in der Politik mitzutragen. Wir sind
abhängig davon, daß in der BRD über die Zukunft gestritten wird."
(Brief an unsere Wählerinnen und Wähler)
Grüne Politik ist Politik von, mit, durch und für den Wähler.
Fast könnte man zum Eindruck gelangen, bei den Grünen machten die
Wähler selbst die Politik - wenn nicht die Grünen ständig betonen
würden, der Wähler sei bei ihnen der Herr im Haus. Offensichtlich
versprechen sie sich was davon, ihre "Abhängigkeit vom Wähler"
laufend im Mund zu führen. Der einzige Punkt, an dem die Grünen
tatsächlich auf die Wähler angewiesen sind, erscheint deshalb in
seltsam verklärtem Licht. Im Appell an die elitären Instinkte ei-
nes jeden Wählers - wer möchte schon mit seiner ausgereiften und
raffiniert durchkalkulierten Entscheidung mit der dummen Stimm-
viehmasse in den großen Zetteltopf geworfen werden? - bescheini-
gen sie ihm, was er nur hören möchte. Der grüne Wähler denkt
nach. Gründlich. Über Fundamentales. Was der oberflächliche Zeit-
genosse weder wahrnimmt, geschweige denn löst, füllt ihn aus:
Warum leisten "wir" "uns" eine Gesellschaft, die uns "was" ko-
stet? Ist unsere Schizophrenie der Preis, wenn "wir" ohne Feinde
"uns" das Leben zur Hölle machen? Der grüne Wähler weicht eben
auch unlösbaren Problemen nicht aus. Stellt sich extra für ihn
erdachten Zwickmühlen. Läßt seine Partei nicht im Stich. Auf ihn
ist Verlaß. Er tut, was er soll - mit viel Anstand und Verstand.
Er wählt. Jetzt darf er stolz sein. Mit dieser schweren Prüfung
hat er Zutritt erworben zu einer verschworenen Gemeinschaft, die
ihre Mitglieder strengsten Selektionskriterien unterzieht:
"Da sind mir sechs oder sieben Prozent der Wählerstimmen mit ei-
ner ganz klaren, radikalen ökologischen und gewaltfreie Haltung
lieber als plötzlich dreizehn oder vierzehn Prozent, die den mo-
deraten Öko-Reformismus gewählt haben. Zur 'grünen FDP' werden,
um Wähler zu gewinnen und um an 'die Macht' im a l t e n Sinn
zu gelangen - das will ich nicht." (Kelly, Von der Machbarkeit
des Unmöglichen, S. 116)
Diese Wahl ist anders als alle bisherigen. Endlich eine echte Be-
kenntniswahl!
10. "Farbe bekennen!" (Motto des Nürnberger Parteitags)
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Streng m e t h o d i s c h wird hier alle Welt an die Pflicht
erinnert, sich nicht um die E n t s c h e i d u n g herumzu-
drücken. Wozu man sich zu bekennen hat: Zum Bekennen eben. Vom
V o r h a n d e n s e i n e i n e s G e w i s s e n s hat man
Zeugnis abzulegen: Das kann gar nicht anders, als für wen oder
was auch immer gegen alles Mögliche P a r t e i zu ergreifen.
In Schicksalsstunden kommt bekanntlich der Kern des Menschen zum
Vorschein. Hier zeigt sich, w e r einer ist. Hat er den Charak-
ter, zu einen Sprüchen zu stehen?
- Farbe bekennen soll "der Wähler". Nicht einfach wählen soll er.
Schon im eigenen Interesse darf er es sich nicht zu leicht ma-
chen. Wählt er nämlich die Falschen, hat er nicht einfach die CDU
gewählt, sondern bewiesen, was für ein krummer Hund er ist. Damit
er sich bei seiner Entscheidung nicht vertut, braucht er nur in
sich zu gehen und sein Gewissen zu Rate zu ziehen. An der Farbe
erkennt es, welcher Partei es die Glaubwürdigkeit glauben darf.
Farblose Parteien kommen ebensowenig in Frage wie solche, die
ihre Farbe verraten haben. Parteien, die verbergen, was sie ei-
gentlich wollen, scheiden für ihn ebenso aus wie jene, die sich
zu keiner Entscheidung durchringen können.
- Farbe bekennen tun die G r ü n e n. Sie heißen grün und sind
auch so. Das beweist Mut und Standfestigkeit. Kein Widerspruch
zwischen Taten und Worten. Beim Politikmachen vernachlässigen sie
nicht das Bekenntnis zur unverwechselbar eigenen Farbigkeit. Sie
sind entschieden dafür, daß entschieden wird. Mit dem moralischen
Rigorismus einer Sekte hat das nichts zu tun. Daß beim Bekennen
einiger Spielraum zu bleiben hat und die Partei Neuerungen immer
aufgeschlossen gegenüber steht, verbürgt sie mit moderner Farbge-
bung:
"Von außen ziert die grauen Mauern der Frankenhalle ein großes
Plakat, mit der Aufschrift: Die Grünen, mit der gelben Sonne und
dem Wahlkampfmotto: Farbe bekennen. Diesmal auf türkis, und
nicht, wie gewohnt, auf grün. Eine neue Ästhetik kündigt sich an,
setzt sich drinnen, im großen Saale fort. 'Farbe bekennen' die
Grünen auch hier auf schönem türkis, daneben riesengroße Kunst-
werke mit abstrakten Mustern, in leuchtenden Farben." (taz,
29.9.)
Echt grell! Fast hätten wir vergessen, daß auf dem Parteitag auch
noch etwas besprochen wurde:
"...Vorrangig war die Koalitionsfrage." (taz, 29.9.)
- Farbe bekennen soll endlich die SPD. Sie soll klar zu erkennen
geben, ob sie mit oder ohne die Hilfe der Grünen an die Macht
will. Die Grünen waren nämlich so entscheidungsfreudig und ver-
antwortungsbewußt, für eine Koalition mit der SPD zu plädieren,
auch wenn die SPD auf das deutlichste zu verstehen gegeben hatte,
daß sie an ihr in keinster Weise interessiert ist. Um die eigene
Koalitionsaussage glaubwürdig zu machen, nehmen die Grünen
e r s t e n s die ablehnende Haltung der SPD schlicht nicht zur
Kenntnis. Sie entlarven sie als ein hinterhältig-opportunisti-
sches Wählertäuschungsmanöver: Die SPD mache die Koalition vom
Ausgang der Wahl abhängig und lasse sich bis dahin zu keinerlei
Auskünften bezüglich ihrer möglichen Koalitionspartner herbei.
Auf die Offenlegung der wahltaktischen Kalkulationen der Parteien
hat aber "der Wähler ein Recht". Man darf ihm die Angabe von
Wahlzielen nicht verwehren und ihn nicht darüber im unklaren las-
sen, welche Methoden eine Partei zum Einsatz zu bringen gedenkt,
um ihr Problem der Machterringung zu lösen. So beschämen sie die
SPD durch K l a r h e i t - auch wenn deren Aussagen daran gar
nichts zu wünschen übriglassen.
"Wir sind eine kleine parlamentarische Partei. Wir wollen an die
Regierung, das geht zur Zeit nur mit der SPD, also machen wir ein
zumutbares Angebot. Auf solch einfache politischen Grundsatzent-
scheidungen haben die Leute ein Recht." (Kretschmann, taz 25.9.)
Darüber hinaus warten die Grünen zweitens mit allerlei mehr oder
weniger spitzfindigen Beweisführungen auf, warum die SPD, obwohl
ihr die Grünen die tollsten Angebote unterbreiten, (noch) nicht
spurt, obwohl im Endeffekt kein Weg daran vorbeiführt.
- Die SPD k a n n n i c h t mit den Grünen zusammenarbeiten,
weil der Imperialismus, natürlich in Gestalt der USA, das Wirk-
samwerden des oppositionellen Gehalts der Grünen nicht zuläßt.
Die SPD gefesselt?
- Die SPD w i l l n i c h t mit den Grünen koalieren, weil sie
nicht an die Erringung der Macht glaubt. Das zeugt von Führungs-
schwäche.
- Die SPD s c h a d e t s i c h mit ihrer ablehnenden Haltung
- siehe Hamburg, siehe München! - so daß der mangelnde Erfolg sie
schon zum Bündnis mit den Grünen bekehren wird. Ein schöner Hin-
weis auf die Not der SPD.
Vom V e r s t ä n d n i s für die erfundenen "Schwierigkeiten"
der SPD bis hin zur Schadenfreude über die Wahlniederlagen des
Wunschpartners reicht die Palette der "Argumente", mit der der
Ernsthaftigkeit des grünen Koalitionsbegehrens Nachdruck verlie-
hen wird. Denn koaliert muß nun mal werden. Seit der hessischen
Entscheidung, Börner zu unterstützen, spenden die Grünen dem Wäh-
ler viel Hoffnung:
"An der Bereitschaft zur Regierungsbeteiligung hängt in dieser
Demokratie die Frage der Hoffnungsträgerschaft, ob mir das nun
paßt oder nicht." (Fischer, Von der Machbarkeit des Unmöglichen,
S. 134)
Den Vorwurf der unverantwortlichen Verweigerungshaltung und einer
aus Obstruktionsgründen geborenen Scheu vor der Machtübernahme
haben sie seitdem selbst drauf. Es gibt eben in "dieser" Demokra-
tie keinen zugkräftigeren:
"Der Mehrheitstraum des Johannes Rau ist ausgeträumt, seiner un-
verantwortlichen Verweigerungshaltung haben sich die Wählerinnen
und Wähler nicht angeschlossen." (bavaria grün zur Bundestagswahl
'87)
Und so haben sie sich seit ein paar Jahren ihre Zeit mit einer
"Tolerierungsdebatte" um die Ohren geschlagen, in der die Partei
unheimlich kontrovers ein "Tolerierungspaket" schnürte. Im Kampf
zweier Linien um den Grad der "Härte" der "Tolerierungs(!)-
forderungen" einigte man sich auf dem Parteitag auf folgende
"Minimalbedingung":
"Die Forderungen nach dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem
Abzug der Cruise Missiles und Pershing II, die für die GRÜNEN
zentral sind, werden dabei unverzichtbar sein." (Brief an unsere
Wählerinnen und Wähler)
Knallhart wird hier der SPD jeder mögliche Grund weggenommen,
sich weiterhin vor einer Kooperation mit den Grünen zu drücken.
Die wird an keine einzige noch so minimale Bedingung geknüpft:
"Ausstieg" und "Abzug" sind nämlich nicht ganz dasselbe wie deren
"Forderung" - und es wäre ja wohl noch schöner, wenn in Verhand-
lungen mit der SPD nicht einmal mehr "unverzichtbare Forderungen"
erwähnt würden, bevor sie ad acta gelegt werden.
So beendet die Partei die verspürte "Unlust, zur erfolglosen Op-
position zu gehören" (Nickels). Immer hübsch "ein Schritt nach
dem anderen" macht sie sich übers "Tolerieren" ans "Koalieren" -
nicht ohne dabei zu prüfen, ob die Rechnung aufgeht:
"Bei jedem Schritt müssen wir prüfen, ob wir damit unsere Identi-
tät aufgeben." (Nickels, Von der Machbarkeit des Unmöglichen, S.
18 f.)
Und siehe da, die Kasse stimmt.
11. "Grün wächst trotz alledem!"
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Das "trotz" ist frech. Gerade so, als ob sie pausenlos gegen
einen nicht näher als "all das" zu identifizierenden Gegner im
Einsatz wäre, brüstet sich die Partei hier ihrer schwer errunge-
nen und mühsam erkämpften Erfolge: viel Feind, viel Ehr! Dabei
verhält sich die Sache mit dem Erfolg wesentlich undramatischer.
Nicht o b w o h l, sondern w e i l "all das" passiert, haben
die Grüne Zulauf. Aber so formuliert, bliebe ja nicht einmal die
Reminiszenz daran, daß hier eine P r o t e s t partei mit ihrem
Erfolg angibt. Bezeichnenderweise ist hier auch der einzige
Punkt, an dem die Grünen so etwas wie Feinde kennen wollen: die
Verschwörung gegen ihren Wahlerfolg können sie überhaupt nicht
leiden.
Trotz aller Feinsinnigkeit recht unverschämt, wie hier die drei-
fache Bedeutung von grün zitiert wird, um mit dem für sich selbst
sprechenden E r f o l g der Partei alle Vorbehalte des Wählers
ins Unrecht zu setzen. Wer die gezielte Verwechslung von grüner
P a r t e i mit dem grassierenden U m w e l t b e-
w u ß t s e i n und der hoffnungsfroh sprießenden N a t u r
mitmacht, dem ist nicht mehr zu helfen. Er sinnt nicht auf
Abhilfe. Beim Anblick von Schneeglöckchen gerät er ob ihres
Wachstums in Verzückung und ist zufrieden, wenn nur der Um-
weltminister das Rauchen sein läßt. Ihm sind die Maßstäbe für den
Erfolg abhanden gekommen, weil er sich als Geschädigten nie ins
Spiel gebracht hat. Kein Wunder, daß so ganz viel grüne Wähler-
stimmen zusammenkommen - und das immerzu beklagte "all das" mun-
ter fortexistiert.
12. "Die Grünen in den Bundestag!"
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W a r u m? Weil sie reinmüssen. U n d e n k b a r, daß sie
nicht reinkommen. Grauenhaftes wäre dann der Fall:
"Wenn die Grünen parlamentarisch chancenlos würden, würde der
Druck, innerhalb der Partei miteinander zu diskutieren und Kom-
promisse zu finden, geringer. Damit droht der Rückfall in sektie-
rerische Politik. Wenn die Grünen aus den Parlamenten herausflie-
gen, wird das eine ungeheure Resignation zur Folge haben. Sehr
viele Menschen würden dann die Kraft für ihr weiteres Engagement
verlieren. Viele werden sich das nicht eingestehen. Mitzuerleben
wie ein relevantes Potential links von der SPD wieder zerstört
wird, das schlägt aufs Gemüt." (Ebermann, Von der Machbarkeit des
Unmöglichen, S. 104)
O h n e die Grünen geht's also nicht, weil die ohne Sitz im Par-
lament Sinn, Kraft, Zusammenhalt samt Hoffnungsträgerschaft ver-
lieren. Schon mal einen Gedanken daran verschwendet, was m i t
den Grünen alles geht? W o z u sie ihr "relevantes Potential"
benutzen? W o r a u f sie "das Engagement" verpflichten? Offen-
sichtlich schlägt die Überlegung, daß hier allerhand Unzufrieden-
heit auf "den demokratischen Weg" festgelegt wird, keinem außer
"chancenlosen Sektierern" aufs Gemüt.
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