Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION GRUENE - Alternative - wovon und wozu
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Thomas Ebermann, Rainer Trampert: Die Zukunft der Grünen, Ein re-
alistisches Konzept für eine radikale Partei; Konkret Literatur
Verlag
ABSCHAFFUNG DES KAPITALISMUS WG. MENSCHHEIT
2 grüne Politiker haben sich als Theoretiker profiliert und ein
Buch geschrieben: Zu den längst feststehenden Inhalten und Prin-
zipien grüner Politik lieferten sie einen programatischen Über-
bau. Dieses Verfahren haben sie von der Sozialdemokratie gelernt
- E und T sind schließlich "Ökosozialisten" -, deren politische
"Alltagsarbeit" sich für den Sonntag gerne eine Perspektive zur
Kontemplation zulegt. E/T "weisen nach", daß das bekannte grüne
Weltverbesserertum letztlich d i e Kapitalismuskritik ist, wenn
es nur "radikal" genug vorangetrieben wird.
Der Kapitalismus als Versager
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"1. Die Menschheit zerstört gegenwärtig ihre natürlichen Lebens-
grundlagen." Es ist eine Unsitte, neuen Ideologien alte Erkennt-
nisse zu opfern - z.B. die, daß die Parole "Wir sitzen alle in
einem Boot" überhaupt nur dort aufkommt, wo ein
G e g e n s a t z d e r I n t e r e s s e n herrscht. Insofern
ist natürlich der Kapitalismus ganz der alte geblieben. Geändert
haben sich allerdings E/T. Sie haben sich die Lüge einleuchten
lassen, es gäbe so etwas wie "die Menschheit" als handelndes Sub-
jekt der Welt(-politik).
"Ein Chemiekonzern wie Boehringer läßt von 250 Arbeitern in 20
Jahren 500 Millionen Profit für sich erwirtschaften und hinter-
läßt der Allgemeinheit über 10 Milliarden Deponieschaden, Chlo-
rakne, krebsbefallene Arbeiter und eine vergiftete Großstadt mit
2 Millionen Einwohnern." (S. 30)
Wir wissen nicht, mit welcher Summe E/T die "krebsbefallenen Ar-
beiter" veranschlagt haben - aber eines wird darin klar: Um einen
Hinweis, wie rücksichtslos das Kapital mit den Arbeitern und al-
len natürlichen Lebensbedingungen umspringt, handelt es sich nur
insofern, als damit die "roten Zahlen" veranschaulicht werden
sollen, die der Kapitalismus in der Bilanz der Menschheit
schreibt. Eine durch und durch fiktive Bilanz, die die Menschen
über dessen Tauglichkeit aufstellen k ö n n t e n, wenn sie
seine Meister und Auftraggeber wären. Lohnt sich der Kapitalismus
noch, so soll man sich fragen, als wäre der Kapitalismus je so
etwas wie ein Projekt zum Zwecke der Beförderung der "Gattung
Mensch" gewesen. Man sieht, im Unterschied zu Marxens Kapitalis-
muskritik wird geschichtsphilosophischen Flausen ihr Alter ver-
ziehen, dienen sie nur einer guten Sache. Und die Sache, um die
es hier geht, heißt grüne Katastrophenideologie. In dieser
"Katastrophe", auf die sich die Erde und ihre Bewohner zubewegen
sollen, soll die Gemeinsamkeit aller Menschen nämlich objektiv
existieren in Form einer Betroffenheit, der keiner auskommt. In
der üblichen grünen Weltanschauung ist dies die Aufforderung, ein
jeder solle sein "partikulares Interesse" hintanstellen und sich
bewußt machen, daß ohne gemeinsame "Verantwortung für die Zu-
kunft" überhaupt nichts mehr läuft; eben die Propganda von Wer-
ten, für die man einfach sein muß, ganz egal ob man Kapitalist
oder Arbeiter, Politiker oder Stimmvieh, Militärstratege oder Ka-
nonenfutter ist, weil man ja schließlich Mensch ist. Daß dies die
Aufforderung zur Abstraktion von durchaus lebendigen Gegensätzen
ist, also ein Harmonieideal innerhalb des Kapitalismus, das fällt
E/T noch auf, und dennoch denken sie nicht im Traum an eine Kri-
tik der diversen Untergangsszenarios, mit denen ihre Partei "die
Probleme unserer Zeit" an die Wand malt. E/T wollen den Katastro-
phengedanken als Kapitalismuskritik gedacht haben. Und sie ver-
fallen auf die Lösung, dem Kapital die Unfähigkeit zum Verzicht
auf Kalkulationen, die auch nach seinen Kriterien nicht aufgehen
können, zur Last zu legen.
"Gerade mit der chemischen Produktion hat eine auf kurzfristigen,
privaten Gewinn ausgerichtete Wirtschaftsweise einige Vorausset-
zungen dafür geschaffen, daß es schließlich zu einem Ende der
Ökonomie, des Wirtschaftens überhaupt kommt."
So wird der Profit zu einer "unvernünftigen" Form von Wirtschaf-
ten überhaupt - weil die Kapitalisten so "kurzfristige" Interes-
sen haben, graben sie sich das Wasser selber ab. Und warum sollte
jemand etwas so Sinnloses tun? Die Kapitalisten sollen ihren ei-
genen Zwecken einfach a u s g e l i e f e r t sein:
"Der... Zwang zum Wachstum, zur gegenüber dem Menschen und der
äußeren Natur rücksichtslos vorangetriebenen Kapitalakkumulation
entspringt nicht dem - mehr oder minder beeinflußbaren - Willen
der kapitalistischen Unternehmer und der ihre Interessen vertre-
tenden Politiker, sondern den Erfordernissen der kapitalistischen
Konkurrenz."
Ein Rückfall in marxistisch-dogmatischen Ökonomismus, der den
"subjektiven Faktor" vernachlässigt? Ökonomismus ja, Rückfall
nein. Die Marx'sche Erklärung, daß die Vermehrung des kapitali-
stischen Reichtums in der Konkurrenz der Kapitalisten untereinan-
der vorangebracht wird, indem die Höhe ihres Gewinns sich nicht
nur danach bemißt, wie hoch der Ausbeutungsgrad der Arbeiter
ihres Unternehmens ist, sondern sich mit dem Erfolg der feindli-
chen Brüder auf demselben Gebiet vergleichen muß, wird in die
Vorstellung verwandelt, beim Gewinn - "Zwang zum Wachstum" laut
E/T - handele es sich um eine Nötigung, der keiner auskommen
kann. Zwar dürften auch sie die 'Argumente' eines Strauß u.a.
nach demselben logischen Strickmuster 'Wir müssen Waffen nach
Saudi-Arabien liefern, weil es sonst die Franzosen und Engländer
tun' - unschwer als Rechtfertigung eines Interesses durchschauen,
mit der man dieses als erzwungenes darstellt. Den Konkurrenten
zuvorkommen m u ß man schließlich nur, wenn man selbst an Waf-
fengeschäften interessiert ist. Die kapitalistische Ökonomie
kennzeichnen E/T deswegen mit eben dieser Absurdität - es bliebe
ihr nichts anderes übrig, als zu sein, was sie ist.
"Die Verwertung und Vermehrung des Werts ist der einzige Zweck,
der die gesamte gesellschaftliche Produktion beherrscht. Hieraus
gibt es im Kapitalismus kein Entrinnen..." (S. 210)
Weil sie dem Kapitalismus nicht die Schädlichkeit seines Zwecks
für das benutzte Menschenmaterial vorwerfen wollen, sondern not-
wendiges "Unvermögen", einen aus grüner Sicht unbedingt gebotenen
guten Zweck zu realisieren. Geradezu sinnfällig wird ihr Befund
über den Kapitalismus, so meinen E/T, am "Weltfinanzsystem":
"Das Bankensystem ernährt sich bald nur noch selbst, um nicht zu-
sammenzubrechen." (S. 101)
G e g e n w ä r t i g "ernährt" es aber das Kapital der imperia-
listischen Demokratien und damit auch deren Machtansprüche. Daß
einige der Schuldforderungen, die westliche Banken an Drittwelt-
länder stellen, tatsächlich nicht auf Tilgung berechnet sind,
aber trotzdem als Aktiva, also als fungierendes Kapital auf-
rechterhalten werden, trifft zu. Daraus folgt jedoch nicht, wie
E/T in ihrer Diagnose von der Selbstzweckhaftigkeit finanzkapita-
listischer Ausbeutung behaupten, daß der ganze weltweite Aufwand
an Not und Gewalt, den der Imperialismus über seine Institutionen
wie den IWF ins Werk setzt, "nur" dem Verschleiern oder Hinauszö-
gern des eigentlich längst eingetretenen, zumindest aber unmit-
telbar "bevorstehenden Kollapses" (S. 98) dienen würde. Führt der
Schuldendienst der verschuldeten Länder dazu, daß auch wirklich
der letzte verfügbare und verwertbare Reichtum seinen Weg in die
Metropolen findet, oder nicht? Und wenn der US-Staat "durch eine
immense Liquiditätsspritze in Höhe von 7,5 Milliarden US-Dollar"
(S. 96) den Konkurs einer Bank verhindert, dann ist das kein Be-
weis dafür, daß die US-Regierung "gar nicht anders (k a n n),
als in Fragen des Weltmarkts im Schlepptau der großen und wahr-
haften Regierer zu schwimmen" (S. 108); es weist vielmehr darauf
hin, wie ein imperialistischer Staat seinen Nationalkredit dafür
verwendet, die Entwertung von Kreditkapital zu verhindern, weil
die von ihm akkumulierten Ansprüche sich bewährt haben als
R e c h t s t i t e l und Z u g r i f f s m i t t e l auf
a u s w ä r t i g e n R e i c h t u m.
Daß Kohl und Konsorten die Bedürfnisse dieses Kapitalreichtums
nur widerwillig vertreten würden -
"Wenn Helmut Kohl also auf einen Weltwirtschaftsgipfel fährt, muß
er dort das öffentlich verkünden, was die Banken vorher schon für
sich entschieden haben."
- glauben nicht einmal E/T selbst:
"Würde Kohl auf dem Weltwirtschaftsgipfel etwas anderes wollen
als die Banken und das dann etwa auch durchzusetzen versuchen,
müßte er die Banken verstaatlichen. Genau hier liegt ein weitver-
breiteter Irrtum darüber, wie autonom die Regierung eines Staates
überhaupt handeln kann, solange sie nicht diese Herrschaftsstruk-
turen selbst durchbricht." (S. 91)
K ö n n e n tät sie also schon, die Regierung, wenn sie nur
w o l l e n täte, was sie aber unbedingt müßt - meinen E/T. Aber
im Ernst: Obwohl E/T gar keine Interessendifferenz zwischen Re-
gierung und Banken anzugeben wissen, bei welcher überhaupt erst
rationellerweise von Abhängigkeit die Rede sein kann, wollen sie
genau diese behauptet haben. Und zwar deshalb, weil sie es für
erklärungsbedürftig halten, wieso Staaten, denen sie die Aufgabe
an den Hals gehängt haben, sich und die Menschheit vor ihrem Ka-
pitalismus zu retten, dieser Aufgabe nicht nachkommen,
o b w o h l sie doch nichts von ihm haben. Diese Lüge ergibt das
Bild von der Verfangenheit demokratischer Politiker im "Laufrad"
des "Weltfinanzsystems", d a f ü r wird der Nutzen, den die
Bundesregierung (ob mit Kohl oder mit Rau) aus den weltweiten Ge-
schäften ihres Kapitals für ihre Souveränität zieht, geleugnet.
Auf daß die Lage so richtig dramatisch werde:
"Wäre das Kapital zu dieser Art von Vernünftigkeit in der Lage,"
(gemeint ist die auf Dauer gelingende Profitmacherei durch maß-
volle Preisgestaltung) "dann hätte es doch die bestehende aus-
weglose Situation gar nicht erst gegeben." (S. 103),
Die Menschheit Abt. 2: Betroffenheit durch Komplizenschaft
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Die Ideologie von der Menschheit als dem Subjekt des "Raumschiffs
Erde" erwiese sich auf der Stelle als haltlos, würde man den Ver-
such unternehmen, auch nur an einem Werk von Staat und Kapital,
den wirklichen Subjekten der bürgerlichen Gesellschaft, eine kol-
lektiv zu planende und handelnde Gemeinschaft "der Menschen" aus-
findig zu machen. Wie aber wird sie dann nichtsdestotrotz ge-
dacht: Indem man das M i t m a c h e n der Leute bei dem, wozu
sie gezwungen werden, als D u l d u n g der veranstalteten
"Untaten" interpretiert, so daß die Vermutung naheliegt, daß sie
bei aller Betroffenheit etwas davon haben müssen.
B e t r o f f e n sind sie dieser Weltsicht zufolge davon, von
all dem abgebracht zu werden, was ihnen als Gegenstand ihres ver-
antwortungsvollen Engagements ans Herz gelegt wird - hauptsäch-
lich solch erhabene Anliegen wie die Sorge um die Enkel und was
sonst für das "Überleben der Menschheit" zu tun ist;
w o d u r c h sie davon abgebracht werden bzw. sich abbringen
lassen, ist da natürlich keine Frage - wer sonst als "der Mate-
rialismus" käme dafür in Betracht.
Auch hier legen E/T Wert darauf, diese Ideologie um eine spezifi-
sche Differenz zu ergänzen. Die Interessen, die die Leute haben,
sollen nicht einfach als die schlechtere, nämlich materialisti-
sche Seite "des Menschen" gelten, sondern wiederum als "Produkt
des Systems":
"Betrachten wir... den Zusammenhang von Bedürfnissystem und Pro-
duktionsverhältnis: Zunächst einmal werden vergegenständlichte
Bedürfnisse in einem sich ständig wiederholenden Prozeß dort er-
zeugt, wo die Produktion von Massenwaren allein von den folgenden
Gesichtspunkten geleitet ist: Was bringt den größten Profit? Was
erlaubt die rentabelste Nutzung der Arbeitskraft? Was läßt sich
wie absetzen? Selbst wenn diese Bedürfnisse und ihre Befriedigung
dem einzelnen Menschen als Ziel erscheinen (!) mögen, so wird die
charakteristische Bedürfnissammlung im Kapitalvermehrungsprozeß
geschaffen, sie ist demnach nur Mittel zur Zweckerfüllung einer
den Individuen fremden Kraft, des Drangs des Kapitals, sich be-
ständig zu vermehren." (S. 219)
Wie sollte aus "dem Drang des Kapitals, sich ständig zu vermeh-
ren", die Notwendigkeit folgen, die Ausrichtung von Bedürfnissen
auf Gegenstände ihrer Befriedigung erst zu erzeugen? Es kann sich
da voll und ganz auf den Umstand verlassen, daß zur Bedürfnisbe-
friedigung Mittel und Gegenstände vonnöten sind; oder sollte das
bei E/Ts "gemeinsamem, konkurrenzfreiem Erleben und Genießen" (S.
225) anders sein? Was genießt ihr denn - etwa eure I d e e n von
"lust- und genußvollen Bedürfnissen"?
So werden also, folgt man E/T, die Leute im Kapitalismus durch
die Erfüllung der Bedürfnisse, die sie haben, geschädigt. Ihre
Beschränkung soll nicht darin liegen, daß sie sich einiges ver-
kneifen müssen, was für ein lustvolles Leben gut zu gebrauchen
wäre, sondern darin, sich nicht andere Bedürfnisse zulegen zu
können als die, die sie haben:
"Wenn jemand sein Haus oder Auto verkaufen muß, beginnt nach die-
sen Wertvorstellungen der gesellschaftliche Abstieg, ganz gleich,
ob er zur Miete oder ohne Auto eigentlich genausogut leben könnte
und dabei zugleich ein angenehmer Mensch wäre." (S. 188)
An diesen "Wertvorstellungen" soll es jetzt hängen, wenn die Er-
pressung des Kapitals, das den auf Lohn Angewiesenen die Alterna-
tive zwischen Lohnarbeit und Arbeitslosigkeit aufmacht und sie
auch noch selbst entscheidet, gelingt. Ein bißchen zynisch ist
dieser Ratschlag schon: 'Wenn es euch auf die Bedürfnisse, die
ihr euch als Arbeitslose abschminken müßt, auch gar nicht an-
kommt, dann seid ihr nicht mehr zur Arbeit erpreßbar!' Und voll-
endet wird dieser Zynismus durch das Argument, das gegen diese
Bedürfnisse sprechen soll:
"Wie sehr die Überhäufung mit individuellen Konsumgütern, wo ein
Artikel den anderen ablöst, selbst, wenn der alte noch gut
brauchbar und immer noch schön ist, wie sehr das Streben nach ei-
nem möglichst quantitativ wachsenden Besitz dieser Güter und die
einseitige Ausrichtung der Bedürfnisse in diesem Sinne zu einem
Hemmnis für die freie Zeit wird, die einer persönlichen und ge-
sellschaftlichen Entfaltung zur Verfügung steht, zeigen bei-
spielsweise die freiwilligen Überstunden, die Samstags- und Sonn-
tagsschichten vieler Arbeiter, die allein darüber in den Besitz
neuer Artikel zur Befriedigung von Konsumwünschen gelangen - in-
dem sie aber ihren Freiraum für deren Genuß zugleich drastisch
beschneiden. So schuften sie für einen neuen Mittelklassewagen,
für eine geringfügig modernere Küche oder eine Eigentumswohnung
über zwei Jahrzehnte soviel, bis sich schließlich das Erleben
dieser dinglichen Werte vor Müdigkeit auf den bloßen Knopfdruck
am Fernseher reduziert." (S. 219)
Einmal abgesehen davon, daß Arbeiter immer dann "freiwillige
Überstunden" schieben, wenn diese von der Firma angesetzt werden,
bietet der beschriebene Sachverhalt Material für die Einsicht,
wie sehr die Lohnarbeit alle Kalkulationen blamiert, die in ihr
ein Mittel für ein halbwegs brauchbares Leben sehen wollen. E/T
sehen das anders: Für sie blamieren sich an der Mickrigkeit der
Befriedigung und dem hohen Preis, den das Kapital selbst dafür
abverlangt - die Bedürfnisse! (2 Jahrzehnte Maloche für einen
Mittelklassewagen = "Überhäufung mit individuellen Konsumgü-
tern"!)
Wenn der Kapitalismus durch B e d ü r f n i s b e f r i e d i-
g u n g herrscht, dann besteht die Ausbeutung, die er betreibt,
im Raub der "w a h r e n" m e n s c h l i c h e n Bedürfnisse.
Und wie immer, wenn Verstöße gegen die Menschlichkeit registriert
werden, behalten sich die Herren Kritiker vor zu definieren, was
den Menschen als menschlichen zukommt. Das finden sie dann an
ihnen wieder, "zumindest als latente Bedürfnisse der Produzenten"
(S. 227). "Latente Bedürfnisse" sind welche, die "die
Produzenten" zwar nicht haben, aber eigentlich schon. Mit dieser
Konstruktion meinen E/T über ein Argument zu verfügen, das ihre
Verzichtspropaganda von der stinknormalen unterscheidet:
"Wir versuchen also, eine politische Position einzunehmen, die
uns zugleich die aufrichtige, untaktische Teilnahme an sozialen
Kämpfen gegen kapitalistische Spar- und Elendspolitik ermöglicht,
ohne daß wir dabei zu unkritischen Befürwortern des vom Kapita-
lismus erzeugten und zu seiner Reproduktion nötigen Bedürfnissy-
stems werden. Und wir suchen nach Momenten und Motiven in den
Menschen selbst, die gegen dieses oktroyierte Bedürfnissystem re-
bellieren. Manchmal aus ökologischen Erkenntnissen, aber - und
das ist wichtiger - weil die Unterwerfung unter dieses System der
Bedürfnisse so viel an emanzipatorischer menschlicher Entfaltung,
soviel an möglichem menschlichen Glück verhindert." (S. 215)
Wir müssen sie enttäuschen: Die aufgemachte Differenz zu den han-
delsüblichen Moralaposteln ist erschwindelt, weil es die Prediger
des Anti-Materialismus schon immer verstanden haben, ihre Kritik
der Interessen mit der Verheißung zu verknüpfen, das Abstandneh-
men von den "bloß materiellen Bedürfnissen" wäre die Befreiung zu
dem, was den "wahren Wert des menschlichen Lebens" ausmachen
soll!
Materialismus als Hindernis für ein gutes Leben - den Beleg für
diese kühne These wagen E/T in aller Ausführlichkeit:
"Als ein Arbeiter seine Kollegen auf die Gefährlichkeit des Form-
aldehyds ansprach, also auf einen Stoff, mit dem sie täglich um-
gingen, erntete er nur Hohn und Spott: 'Alles Quatsch, du siehst
doch, ich lebe noch. Du bist wohl von den Grünen angesteckt.'
Droht Abgruppierung auf eine Lohnstufe tiefer - also um etwa 50
DM weniger im Monat -, bilden sich dagegen Menschentrauben vor
dem Betriebsratsbüro." (S. 42)
Nicht die vom Kapital aufgemachte Alternative: billig entlohnte
Vergiftung bei der Arbeit oder weniger Lohn, oder gleich Arbeits-
losigkeit, wird zur Zielscheibe der Kritik; auch nicht die Moral,
mit der Proleten ihre Zerstörung mit einem lässigen "halb so
wild" hinnehmen. E/T kritisieren das ihres Erachtens
'kleinkarierte' Interesse an Lohn, das die Arbeiter davon abhal-
ten soll, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Als ob
man vom Standpunkt des Wohlergehens je auf die Idee käme, sich
für 50 DM mehr die eigene Gesundheit abkaufen zu lassen. Als ob
nicht umgekehrt der Standpunkt, der jede Zumutung des Kapitals
als Bedingung des Zurechtkommens nimmt, sich nicht aufgeschlossen
zeigen würde s o w o h l für das "Argument" von den Sachzwän-
gen, die einen Verzicht auf Formaldehyd nicht erlauben, wie für
den Wink mit dem Zaunpfahl namens 'Arbeitsplätze', deren Rettung
höhere oder auch nur gleichbleibende Löhne nicht gestattet: Und
schon sind sie aufgelöst, die "Menschentrauben vor dem Betriebs-
ratsbüro", die angeblich zur Durchsetzung "bloß materieller For-
derungen" angetreten sind. Wenn "Gesundheit" in dieser Weise als
G e g e n s a t z zu "materiellen und partikularen Interessen"
gedacht wird, geht es sowieso um Gesundheit als einen Wert, für
den man Verantwortung übernehmen soll, also ganz sicher nicht um
die eigene. An wem vergeht sich wohl folgender "VEBA-Arbeiter":
"Die herrschenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse stabi-
lisieren sich durch die Ideologie des technischen Fortschritts,
die dazu aufruft, diesem Fortschritt auch Opfer zu bringen. Und
der VEBA-Arbeiter, der heute real nur von der VEBA Arbeitsplatz
und Existenz angeboten bekommt, unterwirft sich der von dieser
Ideologie geschmiedeten Gemeinschaft, die ihm wenigstens diesen
Platz gewährt, ohne noch groß an die Opfer zu denken, die die an
diesem Platz betriebene Produktion im übrigen kosten mag." (S.
43)
Diesem VEBA-Arbeiter wird nicht sein Fehler vorgehalten zu glau-
ben, die Unterwerfung unter die Geschäftskalkulationen "seines"
Betriebs könne ihn vor Schlimmerem bewahren, sondern die Verant-
wortungslosigkeit, sich "aus materiellen Interessen" ausbeuten zu
lassen, ohne die Folgen dieser Ausbeutung für die übrige Mensch-
heit zu bedenken. Die Kritik von E/T verlangt, die vom Kapital
gesetzte Kondition - Einkommen nur für Verschleiß der Gesundheit
- als Alternative aufzufassen und sich für die Seite Verantwor-
tung für die Gesundheit zu entscheiden. Die Parteinahme für die
Beseitigung der Armut, die aus einem s o l c h e n Standpunkt
folgt, ist dann auch danach:
"Wer die Produzenten alljener Produkte, die das Leben zerstören,
für eine Produktion gewinnen will, die die Menschen ebenso wie
die Natur, der sie angehören, schonend behandelt und sich dabei
zugleich von allen Militärmaschinerien abwendet, der muß in seine
Utopie eine akzeptable Grundversorgung aufnehmen und hier und
heute schon aktiv dafür eintreten." (S. 190)
Wer als konsequenter Ö k o die K l a s s e n f r a g e in ein
M e n s c h h e i t s p r o b l e m überführt hat, der "muß"
schließlich seinen S o z i a l i s t e n dadurch noch raushän-
gen lassen, daß er dem Teil der Menschheit, der in der Regel ganz
andere Sorgen hat als das Überleben der Natur, zusichert, trotz
wesentlich wichtigerer Anliegen auch noch eine "akzeptable" Ver-
pflegung bereitzustellen.
Grüne Radikalität
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Nach so viel "Kapitalismuskritik" ist es für E/T an der Zeit,
sich von dieser "weiterdenkend" zu verabschieden. Das "Problem"
des Kapitalismus hat mit ihm - "mit der bloßen Eigentumsfrage" -
ohnehin wenig zu tun, sondern soll ganz ewiglich "die Menschheit"
betreffen. Im Zuge ihrer Technologie-Kritik fragen sie, wie es
erklärbar ist,
"daß die zweite industrielle Revolution - Mikroelektronik - ma-
thematisch belegbar am rationellsten, am zeitsparendsten, am sau-
bersten, rundum am produktivsten und somit am 'vernünftigsten'
ist und gleichzeitig so viele Menschen wie noch nie die industri-
elle Produktionstechnik eher für Fluch denn Segen halten und
freiwillig unproduktiver werden." (S. 171)
und die von ihnen nahegelegte Antwort lautet: Zwar ist
"Produktivität" und der Glaube an sie kapitalistisch, der Kapita-
lismus also die produktivste und effektivste Weise des Produzie-
rens - aber dies ist nicht alles, was Menschen von der Arbeit er-
warten. Dem liegt die ebenso alte wie längst widerlegte Verwechs-
lung von Technik mit ihrer kapitalistischen Anwendung zugrunde.
Und daß E/T diese Widerlegung kennen, macht die Sache keineswegs
besser. Denn alle Hinweise darauf, wie das Kapital durch techni-
sche Neuerungen Geschick und Qualifikation der Arbeiter überflüs-
sig macht und damit unter Umständen auch die Kampfposition strei-
kender Arbeiter geschwächt haben mag, erlauben nicht die Schluß-
folgerung, die E/T ziehen:
"Wenn in die Konstruktion der Maschinerie der Zweck der Verstüm-
melung der kreativen Fähigkeiten des Arbeiters und die Unterdrüc-
kung seines Widerstands eingeht, um dadurch seine Stellung gegen-
über dem Kapitaleigner zu schwächen, dann ist in der Tat nicht
nur deren Anwendung unter kapitalistischen Bedingungen zu kriti-
sieren". (S. 232)
Und ob. Weil es nämlich dabei bleibt, daß
"die moderne Fabrik, die auf der Anwendung von Maschinen be-
ruht,... ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, eine öko-
nomische Kategorie" (Marx, zit. von E/T, S. 231)
ist. Aber man merkt den Autoren nichts als den Willen an, sich
ihre 'Berufungsinstanz' Marx ohne die lästige Spaltung der
"Menschheit" in Arbeiter und ihre kapitalistischen Anwender zu
denken und dafür das anonyme Subjekt "Maschinerie" als Unterjo-
cher der Menschen auf die Anklagebank zu setzen. Für sich genom-
men ist es nämlich ziemlich albern, sich die
k a p i t a l i s t i s c h e Maschinerie ohne das Kapital-In-
teresse zu denken, die dann ohne jeden Auftrag und Zweck als mi-
kroelektronischer Popanz die Menschen mitten in der grünen Zu-
kunft weiter unterdrückt. Auch ein computergesteuerter Arbeits-
platz kriegt es als solcher einfach nicht hin, ein bestimmtes Ar-
beitstempo, einen bestimmten Arbeitszweck und eine bestimmte An-
zahl von Arbeitern und Arbeitsstunden zu erzwingen. Aber den Un-
terschied zwischen einer Maschinerie, die M i t t e l der kapi-
talistischen Ausbeutung ist, also nicht auf die Produktion von
Gebrauchswerten, sondern auf deren l o h n e n d e Produktion
mit möglichst wenig Arbeitern und möglichst viel Arbeit zielt,
und einer zweckmäßigen Gebrauchswertproduktion wollen E/T eben
nicht kennen. Beides fällt für sie unter das Stichwort
"Produktivität", so als wäre der Zweck der Produktion völlig
gleichgültig.
Blamieren tun sich solche Unterschiede nämlich an einem reichlich
philosophischen Bedürfnis. Die Arbeit solle bitteschön "kreativ"
sein, wünscht sich der grüne Kritiker und fordert in ihr den
Spaß, für den sie die Mittel bereitstellen soll. Ein gutes Licht
auf die grüne "Utopie" wirft das nicht: Daß der Mensch in der Ar-
beit seine "Verwirklichung" suchen soll, ist billigerweise ein
Wunsch in einer Welt, in der er von seiner Arbeit nichts hat. Nur
wo die Arbeit nicht als M i t t e l für die vorgesehen ist, die
sie verrichten, kommt das ganz und gar bescheidene "Bedürfnis" in
Mode, dann möge sie als Zweck vorstellbar sein. Und ausgerechnet
diesen affirmativen Unsinn wollen E/T zum ewigen Menschheitspro-
blem erklären mit ihrem Gegensatz einer "vernünftigen",
"rationellen" Produktion zur Arbeit als Selbstbefriedigung. Unter
der Hand hat "Ausbeutung" damit einen reichlich immateriellen
Charakter bekommen: Nicht die Schädigung der Arbeiter, der Ver-
brauch von "Hirn, Muskel und Nerven" ist der Einwand gegen die
Lohnarbeit, sondern das sind Belege dafür, daß der Mensch in der
Arbeit nicht aufgehen, mit ihr nicht befriedigt sein kann.
Wenn die Technologie-Kritik von E/T schon falsch ist, so bietet
sie immerhin den Vorzug, als politökonomische Untermauerung der
Abneigung zu dienen, die die Grünen schon immer gegen die "große
Industrie" hegen: den Verdacht, die Technik sei eine Verkörperung
des unmoralischen Wunsches, "immer mehr" haben zu wollen. Und das
ist auch schon der ganze Witz an E/Ts "realistischem Konzept für
eine radikale Partei" (und umgekehrt). Denn soviel hat der Durch-
gang durch ihre Analysen von Kapitalismus und Imperialismus, Ma-
terialismus und Moral, Arbeit und Technologie schon ergeben. Die
Fehler, die sie sich leisten, haben Methode. Warum genügt ihnen
die Erklärung dessen nicht, wie der Imperialismus die Länder der
"Dritten Welt" zu Rohstofflieferanten der Kapitalakkumulation ge-
macht hat und wie produktiv er bei der Erzeugung von Hunger und
Elend ist? Was soll die Behauptung, diese Veranstaltung sei eine
ganz selbstzweckhafte, also sinnlose Übung? Es geht eben nicht um
die Klärung von Interessen und Zwecken, die man teilen oder ver-
werfen kann, sondern um den Beleg, daß der Kapitalismus d i e
Katastrophe heraufbeschwört, die grün-apokalyptische Denker schon
längst für ein probates Mittel halten, ganz klassenübergreifende,
ganz unwidersprechliche Menschheitsanliegen zu verkünden, ange-
sichts derer niemandem etwas anderes übrigbleiben soll, als sich
am Riemen zu reißen. Warum soll die entscheidende Kritik am Pro-
fit nicht sein Erfolg sein, der dem Menschenmaterial, mit dem er
zuwege gebracht wird, teuer zu stehen kommt, sondern der "Zwang"
zum Profit, den die Konkurrenz darstellen soll? Weil die Ideolo-
gie vom Wachstum als einem Mittel, 'Umwelt- und Arbeitsplatzpro-
bleme' zu lösen, nicht widerlegt, sondern konterkariert werden
soll: ein untaugliches Instrument, das nur deshalb nicht aufgege-
ben wird bzw. werden kann, weil es sich selbst reproduziert.
Warum wird Materialismus als Mittel kapitalistischer Herrschaft
vorgeführt? Weil die Grünen schon immer davon ausgingen, daß mo-
ralische Idiotien bekömmlicher als Mittelklasseautos sind. Und
der Ertrag der theoretischen Anstrengung von E/T liegt damit auf
der Hand: Ohne auch nur eine Position der Grünen und ihrer real-
politischen Abteilung kritisieren und abschaffen zu müssen, haben
sie erläutert, worin der eigentliche, nämlich kapitalismuskriti-
sche Gehalt von "Leben, Frieden, Umwelt" besteht. Mit ihrer
Sichtweise ausgerüstet, lassen sich Leute, die keine Gegner des
Kapitalismus sind, auffassen, als wären sie welche. Denn in der
Z u k u n f t, nämlich als die P e r s p e k t i v e ihrer
M o r a l, leuchtet in der Ferne das Leuchtfeuer des Sozialis-
mus.
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Emanzipatorische Politik bei Tschibo
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Zur "akzeptablen Grundversorgung", die man dem Haufen noch zubil-
ligen muß, damit er auf die Utopie anspringt, gehört für E/T auch
die Tasse Kaffee. Aber beim Trinken soll man sich allerhand dazu
denken:
"Von der einstigen Entsendung eines Kriegsschiffes bis zur heuti-
gen finanziellen Stützung einer Diktatur zieht sich ein roter Fa-
den der ökonomischen Ausbeutung. Und das ist die wahre Geschichte
des Kaffees. Eine Geschichte, für die niemand den Kaffeetrinker
hierzulande verantwortlich machen kann. Jedenfalls ist wohl kaum
vorstellbar, daß er etwa bewußt darauf bestehen würde, seine
Tasse Kaffee mit Krieg, Diktatur und Hungersnot in den Erzeuger-
ländern zu erkaufen. Kritische Analyse und alternative Praxis im
Konsumbereich, die in der heutigen Gesellschaft aus einer emanzi-
patorischen Politik nicht mehr wegzudenken sind, müssen daher
durchaus auch den bedenkenlosen Griff nach der Kaffeetasse pro-
blematisieren." (S. 79)
Man kann dem Tschibo-Kunden ja durchaus zubilligen, daß ihn
letztlich die Gier nach Koffein treibt und nicht unbedingt die
Komplizenschaft mit der einschlägigen Kaffee-Mafia des Imperia-
lismus und seiner Gorillas vor Ort. Aber man kann ihm auch zumu-
ten, daß er sich trotzdem eben dessen bewußt ist, die ansonsten
schlappe Konsumentensau. Das Beispiel gerät E/T ganz unverhohlen
zum Prototypus ihres "realistischen Konzepts" für grünen
"Radikalismus". Dessen Programm heißt nämlich so:
"Trink nicht den Kaffee, iß weniger Fleisch, ist richtig, auch
als Moment der praktischen Kritik am hierzulande herrschenden
Konsumentenmodell. Es darf aber nicht zu einem kläglichen Rück-
zugsgefecht werden, weil vor den größeren Aufgaben einer Umwäl-
zung der Herrschaftsstrukturen längst resigniert wurde." (S. 80)
"Kolumbien
Guten Tag, Senior Juan Valdez. Zufrieden mit der Kaffe-Ernte?
Juan Valdez ist einer der dreihunderttausend Kaffeepflanzer im
Land der Anden. Die auf 1 Mio. Hektar diesen edlen milden Hoch-
landkaffee anbauen. Er tut es schon in der 3. Generation."
(Lufthansa-Info)
Buenos dias, Hans Valdez. Wir Alternativen in der BRD trinken Ih-
ren Kaffee sehr kritisch. Aber machen Sie nicht uns persönlich
für ökonomische Ausbeutung verantwortlich. Wir haben größere Auf-
gaben Gruß E/T!
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