Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Philosophischer Zivilschutz
MIT 100 DM SIND SIE DABEI
Es ist durchaus kein Widerspruch zur gepredigten Verantwortung
des Geistesschaffenden - wie ein besorgter Frager Prof. C. F.
WEIZSÄCKER auf einer Veranstaltung, Universität und Gesellschaft
in München heimlich unterstellte -, daß er "ausgerechnet in der
gegenwärtigen Weltkrise die Schließung seines Starnberger Insti-
tuts tatenlos" über sich ergehen läßt. Erstens war er der ein-
zige, der diesem Friedensinstitut mit dem erforderlichen Geist
vorzustehen verstand, zweitens nutzt er den für Friedensforscher
günstigen Lauf der Welt, um gegenüber den Verantwortlichen und
sich für alles verantwortlich Aufspielenden die praktische Bedeu-
tung seiner keineswegs nur philosophisch abgehobenen Frie-
dens'arbeit'unter Beweis zu stellen.
Humanität und nationale Verteidungskraft
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Denn gerade jetzt läßt sich aufs schönste die H a r m o n i e
mit den friedliebenden Verantwortlichen demonstrieren - wo früher
der eine oder andere Weizsäcker-Adressat noch fälschlicherweise
geglaubt haben mag, dessen Appell an die Zuständigen, doch die
möglichen Kriegsfolgen zu bedenken, enthalte einen wie immer ge-
arteten G e g e n s a t z zu den Initiatoren der bundesdeut-
schen Aufrüstung. Und zweitens gibt es auf dieser Basis für einen
Friedensforscher mit Zukunftsorientierung ein schönes neues Auf-
gabenfeld über die laufend den Politikern zur gefälligen Betrach-
tung unterbreiteten 'Verteidigungswaffen'-Umrüstungs-Studien hin-
aus. Während früher, als die BRD als Kriegsschauplatz noch nicht
ausgesprochener Gegenstand diplomatischer Händel war, die
W a r n u n g vor dem Krieg von sehr viel verantwortlichem Weit-
und Durchblick zeugte, eröffnet sich heutzutage die interessante
Perspektive der Sorge um die Menschheit n a c h dem nächsten
Krieg. "Falls es doch Krieg gibt... Ein Plädoyer für den Bevölke-
rungsschutz" ist der Titel, unter dem sich WEIZSÄCKER in altbe-
kannter Integrität in der "Zeit" das Gehirn zermartert über die
brutale Frage einer möglichen "Humanisierung" des durch die lei-
digen "technischen (!) Mittel unseres Jahrhunderts fortschreitend
barbarisierten Kriegs", Folgende Punkte sind für WEIZSÄCKER im
"Fall" des Krieges also schon so klar, daß sie keiner
'Problematisierung' für wert befunden werden:
- Kapitulation vor dem Feind, nämlich vor den Russen, ist ein
"Extremfall", mit dem der Friedensforscher nicht zu rechnen
braucht - warum auch sollte ausgerechnet der Experte in Sachen
negativer Kriegsfolgen etwas anderes als die Kampf-Devise "lieber
tot als rot" vertreten: wer vom "Frieden" spricht, den es zu
"sichern" gilt, meint schließlich, auch wenn er mit der Vorstel-
lung kokettiert, von vornherein nicht, daß es um das Leben von
Menschen geht, sondern daß der Staat seine Grenzen, wo sie auch
liegen mögen, sichern soll.
- Deswegen ist auch klar, daß das Draufgehen der kampffähigen
männlichen Bevölkerung im Dienste des Vaterlands einkalkuliert
ist und die WElZSÄCKERsche "Humanisierung des Krieges" nur die
betreffen soll, deren Tod für das Vaterland keinen Sinn hat.
Daß sich auch der Staat inzwischen verstärkt seine Gedanken über
den Zivilschutz macht, nämlich daß er wohl zweckmäßig ist - ohne
Volk ist schließlich nach einem Krieg kein Staat zu machen -,
aber andererseits teuer, weshalb es am besten ist, die Bevölke-
rung versorgt sich selbst, begeistert WEIZSÄCKER so sehr, daß er
die Ideologie, mit dem dieser die Einrichtung von Bunkern beglei-
tet - sie dienen, wie sollte es anders sein, durch Abschreckung
dem Frieden - ernst nimmt und zu einer vollständigen Doppelstra-
tegie von Humanität und nationaler Verteidigungskraft ausbaut:
"Diese Politik darf also nicht so handeln, als käme nur ein unbe-
grenzt dauernder Friede oder eines Tages die sofortige Kapitula-
tion in Betracht. Abschreckung kann nicht glaubwürdig, also nicht
wirksam sein, wenn vorweg klar ist, daß die Bereitschaft zu kämp-
fen nicht besteht. Dies ist das militärpolitische Argument für
Bevölkerungsschutz, den man unter diesem Aspekt als Zivilvertei-
digung im Rahmen der Gesamtverteidigung bezeichnet.
Friedensforscher, der er ist, kann er jedoch nicht umhin, dem mi-
litärpolitischen Anliegen, das schon human genug ist, noch eine
"humanitäre Begründung (!) des Bevölkerungsschutzes" hinzuzufü-
gen:
"Der Planer des Bevölkerungsschutzes ist hier in derselben Lage
wie der Arzt, der dem hippokratischen Eid verpflichtet ist. Wenn
ich Mittel zur Hilfe habe, so ist es nicht in mein Ermessen ge-
stellt, sie dem Mitmenschen, dem sie helfen können, vorzuenthal-
ten... Ich spreche von der Hilfe für Menschen, deren Leben noch
die Chance einer echten Zukunft hat, auch wenn der Weg dahin ein
Weg durch vorhersehbare Leiden ist. Dies aber ist voraussichtlich
die Lage der Menschen nach einem Krieg."
Zivilmilitärische Staatsvorsorge
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Voller Verantwortung für 'die Menschheit', der er jetzt national-
gesinnt seine unverfrorene Rechnung mit einem Krieg aufmacht,
konkretisiert deshalb der philosophische Charakterkopf und Zu-
kunftsmahner seine Sorge um das Überleben unserer menschheitsbe-
glückenden Herrschaft in einer konsequenten Analyse der zivilmi-
litärischen Staatsvorsorge für die nächste Friedenszeit in ein
paar h u m a n e n F o l g e r u n g e n:
Nr. 1: "Eine der wichtigsten Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz ist
die Sicherstellung eines Existenzminimums an längerfristiger Ver-
sorgung durch Vorräte und die Ermöglichung einer partiell autar-
ken Binnenwirtschaft. Schon der erste Schritt zur Formulierung
praktischer Konsequenzen führt uns in die Versuchung der Resigna-
tion zurück... Aber wir haben der Resignation zu widerstehen...",
womit wir zur
zweiten Folgerung kommen: "Etwas vom Wichtigsten für den Neube-
ginn nach dem Krieg ist aber körperliche Gesundheit der Arbeiten-
den... Gegen Radioaktivität abgeschirmte Schutzräume in möglichst
großer Zahl sind notwendig... 100 DM pro Kopf der Bevölkerung
bleibt unter dem durchschnittlichen heutigen Alkoholkonsum. Of-
fenkundig würden die Kosten für ein solches Schutzraumprogramm
sogar von der Bevölkerung allein aus ihrer eigenen Tasche getra-
gen werden, wenn die Menschen in unserem Lande den Eindruck ge-
wännen, dies sei vernünftig ausgegebenes Geld. Eben dann würde
aber auch die Bewilligung der entsprechenden Mittel in den
Staatshaushalten keine Schwierigkeit machen. Ich überlasse die
Details der Expertendiskussion und ziehe, um diese Diskussion
herauszufordern, die
dritte Folgerung: Eine Verzehnfachung der heutigen jährlichen
Ausgaben für Zivilschutz ist möglich und notwendig. Auch dieses
Programm ist für die akuten Gefahren zu langfristig... sehr große
technische und organisatorische Schwierigkeiten... innenpolitisch
Panik, außenpolitisch gefährliches Mißtrauen...
Vierte Folgerung: Improvisierbare Maßnahmen sind vordringlich.
Hier sind zu nennen: Abdichtung vorhandener Kellerräume... Dies
kann, bei vernünftiger Anleitung, in seinem Haushalt in wenigen
Wochen realisiert werden, in einem Jahr in wenigen Jahren. Für
mögliche staatliche Maßnahmen liegen unter anderem die folgenden
Vorschläge bereit...
Alles technisch Sinnvolle kann getan werden, wenn wir, die Men-
schen dieses Landes, es als sinnvolle Vorsichtsmaßnahme erkennen;
nichts Sinnvolles wird geschehen ohne diese Erkenntnis. Ich ende
mit meinem Anfangssatz - der
fünften Folgerung: Dringend not tut heute ein Wandel des öffent-
lichen Bewußtseins in Fragen des Bevölkerungsschutzes."
Ein verdienter Bunkerplatz
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Der scheidende Leiter des "Instituts zur Erforschung der Lebens-
bedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt", der bei sei-
nem jüngsten Blick in dieselbe als Lebensbedingung lauter präpa-
rierte Tiefgaragen ausgeforscht hat, ist also selbst in seiner
brutalen Verrücktheit, sich die Rettung des Staatswesens mit al-
lem nötigen Zubehör an Menschen- und sonstigem Material im Bunker
vorzustellen, einerseits ganz Philosoph, der für eine eingebil-
dete reine Staatsvernunft plädiert, andererseits deswegen aber
auch ganz Realist, der praktische Urteilskraft nicht vermissen
läßt. Philosoph, weil er sich eine eigene Kriegs- und Nachkriegs-
staatenwelt frei konstruiert, so als würden Politiker Kriege füh-
ren und ihre Macht und ihr verfügbares Material einsetzen, um
hinterher mit den vorsorglich dafür aufbewahrten Resten auf Spar-
flamme wieder ganz neu anzufangen. Philosoph auch, weil er in
schöpferischer Synthese dieses Spleens mit der humanen Frage des
menschlichen Überlebens unserer Nation den Springpunkt für das
Gelingen dieses Programms in einem Wandel des Bewußtseins zu sei-
nen Ausgeburten einer staatsbesorgten Zivilschutz-Phantasie aus-
macht. Auf der anderen Seite Realist, da er auf die Bewußtseins-
fragen deshalb stößt, weil er die Kriterien staatlicher Kriegsko-
stenkalkulation wenigstens ideel teilt und auf den Geldbeutel der
Betroffenen spekuliert. Realist schließlich auch deswegen, weil
er, der vor der Katastrophe nicht mehr warnen, sondern sie prak-
tisch philosophisch ausmalen will, das modische neue Bewußtsein
nur als theoretische Forderung in die Welt gesetzt und der ge-
flissentlichen Begutachtung anheimgestellt haben will. Denn sein
Nutzen für die Bewußtseinsbildung besteht ja nicht darin, daß
seinem originellen Plädoyer für die Gestaltung der Lebensbedin-
gungen unserer wissenschaftlich-technischen Welt Folge geleistet
würde und etwa noch aus seinen Gründen, sondern allein darin, für
die Kenner und Möchtegern-Bescheidwisser die Notwendigkeit eines
allgemeinen Umdenkens in Sachen Krieg anhand eines humanitär-mi-
litär-zivilstrategischen Hauptproblems in den geistigen Raum ge-
stellt zu haben. Der "Zeit" Leser wird bedächtig mit dem Kopf
nicken und im Bewußtsein, daß er den Wandel unter solch anspre-
chender Anleitung schon vollzogen hat, der freien und zufriedenen
Auffassung sein, daß dieser Wandel notwendig und human sein
könnte.
WEIZSÄCKER jedenfalls hat für seine stringente Ableitung der Hu-
manität und militärischer Durchschlagskraft konsequenter staatli-
cher Zivilschutzlastenverteilung einen Platz im Bunker verdient.
Auf solche Leute wie ihn kann der Staat einfach nicht verzichten.
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Der atomare Konflikt droht - was dann <<<
>>> Der Atomschlag im Falle einer bewaffneten Auseinadersetzung
zwischen den Großmächten wird herkömmliche Schutzmaßnahmen weit-
gehend wirkungslos machen.
>> Atomsichere Bunkerplätze sind nur für Wenige vorhanden.
>> Zeigen Sie Verantwortung für sich und Ihre Familie.
>> Reservieren Sie sich einen Platz in einer absolut sicheren
Bunkeranlage im Raume Augsburg - Nürnberg.
>>> Die Kapazität der Anlage ist begrenzt, wir bitten Sie daher
möglichst umgehend unsere ausführlichen Informationen anzufor-
dern.
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