Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
zurück
Zeitgeist
FRIEDENSLIEBE IST MODERN
Pacem te poscimus omnes!
Es ist schon ein sonderbares Schauspiel: In ziemlich regelmäßigen
Abständen fällt den engagierten Intellektuellen hierzulande auf,
daß Frieden und Krieg offenbar so sehr zusammengehören, daß man
sich trotz einiger Jahre relativen Friedens (bei uns hat's immer-
hin nicht gekracht) immer noch Sorgen um den nächsten Krieg ma-
chen muß. Und mit derselben Routine entnehmen dieselben Intellek-
tuellen ihrer Beobachtung das genaue Gegenteil: Eigentlich sollte
es nicht auf den Krieg, sondern auf den Frieden ankommen, lautet
das schon betagte, aber immer wieder ungeheuer mutige Glaubensbe-
kenntnis.
Der ungeheure Mut dieses Bekenntnisses zum Frieden läßt sich dar-
aus ersehen, wer es alles teilt - nämlich einfach jeder! In allen
Parteiprogrammen steht's drin, Schmidt legt es in jeder Rede
zehnmal ab, und (nicht Kriegs-, sondern nur) Verteidigungsmini-
ster Apel bringt keine anständige Rekrutenvereidigung über die
Bühne, ohne aus diesem Anlaß auf den nicht zu unterschätzenden
"B e i t r a g d e r B u n d e s w e h r z u m F r i e d e n"
hinzuweisen. Wer demgegenüber als "e c h t e r" Friedensfreund
dies alles als Wortgeklingel abtut, irrt sich nicht nur, sondern
handelt sehr im Sinne des Erfinders der Friedensidee: Die Herren
Politiker wissen es nämlich so und so zu schätzen, wenn Krieg und
Frieden fein säuberlich a u s e i n a n d e r g e h a l t e n
werden - die entschiedene Abwehr der Fiktion, andere, verfolgten
mit ihrer Politik den Zweck eines Kriegs (als ob irgendein Staat
schon jemals einen Krieg u m d e s K r i e g s w i l l e n
geführt hätte!), verhilft noch stets zu dem falschen Schluß, für
den e i g e n e n Staat könne es im Frieden jedenfalls keine
G r ü n d e für einen Krieg geben. Dieser bricht dann herein,
man weiß nicht wie, Hauptsache, der andere hat angefangen.
Man braucht sich also gar nicht zu wundern, daß sich an Veran-
staltungen wie einem Schweige(!)marsch zum 35jährigen Geburtstag
der Nachkriegszeit oder gleich ganzen "Friedenswochen" lässig
auch Vertreter jener Parteien beteiligen, deren Häuptlinge im
Fall des Falles die Mobilmachung anordnen. Schließlich sind Frie-
densfeste ganz exquisite Staatsfeierlichkeiten, gerade weil der
Staat gar nicht vorkommt. Der Umstand, daß in der BRD kein Fa-
schismus am Werk ist, beweist doch zur Genüge, daß eine demokra-
tische Armee eigentlich gar keine Armee ist. Und bei rhetorischen
Fragen der Art "F r i e d e n j a, - a b e r w i e?" oder
"D u r c h N a c h r ü s t u n g z u m F r i e d e n?" weiß
eh jeder, wie's gemeint ist: Der Frieden ist eben ein
P r o b l e m, und die Politiker müssen es l ö s e n, wobei
"wir" ihnen helfen müssen! Eine schöne Verdrehung des Umstands,
daß es o h n e Politiker das ganze "Problem" nicht gäbe - und
s i e es ganz gewiß nicht "lösen"...
In der Vorkriegszeit bereits an die Nachkriegszeit denken!
----------------------------------------------------------
Es gibt ein wissenschaftlich (= empirisch) erhärtetes Urteil, das
der Intelligenz bescheinigt, Sie würde sich durch ihre Fähigkeit
zu langfristigem Denken und Planen von jenem anderen Menschen-
schlag unterscheiden, der ohnehin wenig Grund und Gelegenheit
hat, über das laufende Arbeitsjahr hinaus zu kalkulieren. Dieses
Urteil fanden wir jüngst eindrucksvoll bestätigt. Innerhalb der
Intelligenz, die sich ihre Linkslastigkeit gerne immer wieder
einmal selbst bescheinigt, kursiert derzeit ein "Appell gegen die
Kriegsgefahr". Den sollen nach Erstunterzeichnern wie Pfaffe Al-
bertz, den Professoren Gollwitzer, Narr, Negt, Schriftstellern
wie Wallraff, einigen Gewerkschaftsfunktionären usw. möglichst
viele langfristig denkende, intelligente Menschen unterschreiben.
Außerdem soll sich jeder Unterzeichner mit einer 25.- DM-Spende
daran beteiligen, daß der Appell in großen deutschen Tageszeitun-
gen erscheinen kann. Daß sich der "Appell" an niemanden genau
richtet, wird daraus ersichtlich, daß er sich streckenweise wie
eine Rede Willy Brandts vor dem SPD-Parteitag, damit strecken-
weise wie eine Rede Richard von Weizsäckers vor der Jungen Union,
streckenweise aber auch wie eine Fernsehansprache von Kanzler
Schmidt oder die Imitation derselben durch Franz-Josef Strauß
liest:
"Es fehlt und fehlt immer noch eine Eigeninitiative der Bundesre-
publik..., die den Teufelskreis des Rüstungswettlaufs durch-
bricht. Die Bundesrepublik als eine der Hauptmächte der NATO und
führende Wirtschaftsmacht kann und muß mehr tun als abwarten oder
die USA - wenn auch halben Herzens - unterstützend in der frie-
denspolitischen" (Ich glaub', mein Schwein pfeift!) "Ecke ste-
hen... Es ist an der Zeit, daß wir uns alle aktiv um den Frieden
- kümmern, damit eine Politik der realen Friedenssicherung end-
lich begonnen wird."
Als "Appell" ist die Aktion aber auch gar nicht gedacht. Die Un-
terzeichner wollten "frühzeitig warnen", weil ihnen nämlich noch
rechtzeitig eingefallen ist, daß sie nach dem nächsten Weltkrieg
auf keinen Fall so blöd dastehen wollen, wie ihre Väter - denen
damit übrigens das Gestammel von "So haben wir das damals nicht
gewollt!" oder: "Ich war aber nicht dabei!" auch noch abgenommen
wird. Unsere Intelligenz ist eben cleverer: sie sagt
d a s s e l b e v o r h e r. Dann kann ihr niemand nachher sa-
gen, sie habe es vorher n i c h t gesagt.
Das Dumme ist nur, daß selbst diese widerliche Exkulpationsstra-
tegie nicht aufgeht. Das Vorher des Jahres 1980 unterscheidet
sich eben gewaltig vom Vorher des Jahres 1935. Es muß nämlich
Gründe haben, warum sich dem Friedensgeseiche dieser Brüder alle
Tageszeitungen lässig öffnen und die Friedensmahner aus dem Lager
der Intelligenz sicherlich sogar von denen noch ein dickes Lob
einheimsen können, die den Frieden so sicher machen, daß alle
Welt den nächsten Krieg erwartet. Das Friedensgerede und die öf-
fentlich zur Schau gestellte Kriegsangst gelten eben gegenwärtig
weder als "Wehrkraftzersetzung" noch als "undeutsch". Umgekehrt
gehört heute beides zur d e m o k r a t i s c h e n Kriegsvor-
bereitung dazu! Statt auf Kriegsbegeisterung ("Volk ohne Raum")
wird heute auf Friedensglocken und Kriegsangst gesetzt, und jede
außenpolitische Initiative gilt ab sofort als Teil der umfassen-
den Friedenspolitik, die bekanntlich vom Olympiaboykott über das
Weizenembargo bis hin zum Nachrüstungsbeschluß reicht. Und für
den Fall, daß die damit in die Welt gesetzten Kriegsgründe ir-
gendwann einmal zum Anlaß genommen werden, dann ist eben eine
"Friedenspolitik gescheitert", woran bekanntlich nie die Frieden-
spolitiker schuld sind, sondern diejenigen Staaten, die sich die
Friedenspolitik nicht länger gefallen lassen wollten.
Die öffentliche Heuchelei zum Zwecke der Beruhigung eines ganz
und gar nicht schlechten Gewissens weiß sich also so einig mit
den besseren Absichten der Politiker, daß sie auch gar nicht wei-
ter aktiv zu werden braucht, außer mit einer Zeitungsanzeige und
einer Wahlstimme für die SPD.
Die Lehren der Vergangenheit
----------------------------
Das "Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit" hat sich
um eine kurze und prägnante Zusammenstellung aller Ideologien
verdient gemacht, mit denen der R e v i s i o n i s m u s die
K r i e g s g r ü n d e als Schritte zum F r i e d e n feiert
und jeden alten Fehler linker Kriegsgegner der neuen Friedensbe-
wegung als Strategie verordnet. Da heißt es dann:
"35 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945
müssen wir uns erinnern: Nie wieder Krieg und Faschismus - das
waren unter dem unmittelbaren Eindruck der unermeßlichen Leiden
und Opfer des Krieges die Hoffnung und der gemeinsame Wille un-
seres Volkes."
Daß in der BRD j e d e r Antifaschist ist und nicht einmal die
Generalität der Bundeswehr sich eine Neuauflage des II. Welt-
kriegs wünscht, diese E i n h e i t mit dem Gegner, gegen den
sich die Kampagne richtet, stört ihre Initiatoren mitnichten. Im
Gegenteil: Sie bestärkt sie in der "Berechtigung" ihrer Forderun-
gen. Die Lehre, die der offizielle Antifaschismus aus dem Nazi-
staat gezogen hat, daß dieser g e s c h e i t e r t ist und je-
ner es nachher mit Demokratie und bislang ohne Krieg in Europa
w e i t e r g e b r a c h t hat, weswegen niemand daran denkt,
eine neue SA marschieren zu lassen - diese Lehre, die
S t a a t s doktrin unseres demokratischen Gemeinwesens ist,
idealisieren die linken Friedensfreunde zu einem Auftrag der Ge-
schichte, demzufolge mit dem Faschismus auch die von ihm ange-
wandten M i t t e l geächtet worden seien. Dabei hat der
"unmittelbare Eindruck der unermeßlichen Leiden und Opfer" staat-
lichen Militäreinsatzes die Staatsmänner nicht gehindert, kurz
darauf wieder eine Armee aufzustellen und die überlebenden von
damals haben akzeptiert, daß ohne Wehrmacht auch ein
d e m o k r a t i s c h e r Staat kein kompletter S t a a t
ist. "Nie wieder Krieg v o n deutschem Boden a u s" - so lau-
tet auch der "Auftrag des Grundgesetzes" und niemand zweifelt
daran, daß dies den Krieg auf deutschem Boden ausschließen wird.
Gegen den Feind im Osten marschiert die westdeutsche Demokratie
nur "im Rahmen des Bündnisses" und deshalb, so hofft sie, erfolg-
reicher als beim ersten Anlauf. Der "gemeinsame Wille unseres
Volkes" mag für das V o l k in den Trümmern des Jahres 1945
vielleicht zutreffen, für die Väter des GG schon 1949 nicht, die
extra Platz für eine Wehrverfassung ließen und heute besteht der
gemeinsame Wille von Volk und Führung darin, den "Frieden zu si-
chern", daß es nur so raucht: NATO-Aufrüstungsbeschlüsse sind
Wahlkampfmunition, mit der man Stimmen dadurch gewinnt, daß man
am überzeugendsten den Willen zu ihrer Realisierung demonstriert.
Hören wir weiter das "Komitee":
"Doch erst nach Jahren des Kalten Krieges wurde mit der Entspan-
nung und vor allem der gesamteuropäischen Konferenz von Helsinki
ein neuer Weg zur Verständigung beschritten. Mit dieser Zusam-
menarbeit der Völker ist - trotz internationalen Krisen in ande-
ren Teilen der Welt - erstes Vertrauen gewachsen. Sie brachte für
alle vorteilhafte Ergebnisse."
So kann man es also auch sehen: Aus der E n t s c h e i d u n g
des Westens, die Konfrontation mit dem Osten a u c h als Ge-
schäft zu gestalten, n e b e n der ungerührt fortgesetzten
m i l i t ä r i s c h e n Dominanz, deren angebliche Gefährdung
durch ein sowjetisches Gleichziehen auch in den schönsten Tagen
der Entspannung immer ausreichendes Argument für vermehrte Rü-
stung war - aus dieser Strategie der Freien Welt wird "erstes
Vertrauen". Mehr noch: Obwohl spätestens das Handelsembargo der
USA gegen die SU auch dem hartnäckigsten Verfechter eines Ost-
West-Kommerziums im revisionistischen Lager die Augen darüber
öffnen müßte, daß ökonomischer Druck auf die SU voraussetzt, daß
diese sich wirtschaftlich a b h ä n g i g gemacht hat, im Ost-
geschäft neben Profit für Westkapital auch ein handfester Kriegs-
grund in die Welt gesetzt worden ist, entdeckt das "Komitee" für
b e i d e Seiten nur "vorteilhafte" Ergebnisse.
"Die Sicherheit und das Überleben der europäischen Völker wird
damit bedingungslos einer höchst unberechenbaren Außenpolitik der
US-Regierung überantwortet, die die Möglichkeit eines auf Europa
begrenzten Atomkriegs einkalkuliert."
Ein Lamento, das sich selbst widerspricht, indem es die Berech-
nung ausspricht, die in der angeblich unberechenbaren US-Politik
bis aufs letzte Detail kalkuliert enthalten ist. Von daher auch
der folgende "Widerspruch": "Im Widerspruch zu ihrem Beitrag zur
Entspannungspolitik hat sich die Bundesregierung mit ihrem Ein-
treten für den NATO-Beschluß und mit der Endzielen und morali-
schen Unterstützung der gegenwärtigen Politik der USA entschei-
dend mitverantwortlich gemacht für diese vor allem für unser Volk
so bedrohliche Entwicklung."
Im Unterschied zu ihren revisionistischen Kritikern, die unbeirrt
an ihren Illusionen über Entspannung gegen die reale Entspan-
nungspolitik festhalten, obwohl nach dem "Kalten Krieg" alle
Gründe für den "Heißen Krieg" geschaffen worden sind, spricht die
Bundesregierung am Beispiel Afghanistan offen aus, was Disengage-
ment heißt: Zurückdrängung des Hauptfeindes, weshalb die Vertei-
digung einer sowjetischen Einflußsphäre auf dem Globus gleich
eine "unerträgliche Provokation" ist. Wo die Bundesregierung die
Vorwärtsverteidigung des status quo durch die Carter-Administra-
tion unterstützt, weil es auch ihre Politik ist, zetern die Komi-
tee-Revis 'Verrat' und 'moralischer Verfall' und garnieren dies
mit entschieden nationalistischen Tönen: "Wie andere Staaten hat
die Bundesrepubtik Vorteile aus dem Prozeß der Entspannung gezo-
gen, mehr aber als andere würde sie vertieren, käme es zu einer
Neuauflage des Kalten Krieges."
Auf wessen Kosten hat die BRD denn diese "Vorteile" gezogen?
Denkt das "Komitee" an die Milliardengeschäfte der deutschen In-
dustrie? Meint es, Helmut Schmidt darauf hinweisen zu müssen, daß
die BRD den Löwenanteil des Ostgeschäfts eingestrichen hat? Will
es ihm den Rücken stärken bei seiner Auseinandersetzung mit Car-
ter, in der es darum geht, ob mit der "Weltkrise" auf das Ge-
schäft verzichtet werden soll, oder ob die Deutschen sie zu sei-
ner noch profitableren Gestaltung ausnützen dürfen? Das "Komitee"
drückt sich keineswegs um eine Antwort:
"Wer die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Osten nicht will,
riskiert, daß Hunderttausende ihren Arbeitsplatz verlieren."
Ungefähr so sieht es auch der BDI, dessen Mitglieder ja bekannt-
lich auch nur deshalb ihr Kapital arbeiten lassen, damit Ar-
beitsplätze geschaffen werden. Die Welt steht auf dem Kopf, wenn
die Bereitstellung östlicher Arbeitskraft zur Ausbeutung durch
westliches Kapital als "Entwicklungshilfe" für Mannesmann und
Krupp angepriesen wird. Es geht zu wie bei Karl Valentin: "Sie
sind auf mich nicht angewiesen, aber ich auf Sie. Merken Sie sich
Ihnen das!"
Im Friedensprogramm der Revisionisten taucht der Materialismus
nur auf als A p p e l l an denjenigen des kapitalistischen
Staates! In diesen schweren Zeiten darf man gerade als Revi in
der Wahl seiner Bündnispartner nicht kleinkapitalistisch sein.
Der Rest des Papiers sind die alten Kalauer der Sozialstaatsideo-
logie in ihrer Stamokap-Variante, am Material der "Weltlage" auf-
bereitet:
"...zusätzliche Rüstungen..., das bürdet der Bevölkerung untrag-
bare soziale Lasten auf und verhindert dringende Reformen, die
wir in unserer Gesellschaft nötig haben... Wer letzt dem Druck
der Rüstungslobby und der sie fördernden Entspannungsgegner nicht
entschieden widersteht, schafft innenpolitisch ein Klima, in dem
neofaschistische Tendenzen und jene Kräfte neu erstarken, die mit
neu belebten Feindbildern auf den Abbau der Demokratie zielen."
Angesichts des rasanten Ausbaus der Demokratie, deren Wehrhaftig-
keit nach innen um die bedingungslose Wehrbereitschaft nach außen
erfolgreich ergänzt wird, befürchten die Revis ausgerechnet "neo-
faschistische Tendenzen". Dabei sieht die NPD nicht nur alt, son-
dern tot aus, wo die demokratischen Parteien unisono alle jene
Ideale und Tugenden rehabilitieren und feierlich zur Schau stel-
len, die von einem falschen Staat "mißbraucht" worden sein sollen
und in ihrer Neuauflage beweisen, daß sie keineswegs mißbraucht,
sondern lediglich in heute nicht mehr aktueller Weise gebraucht
worden sind. Fern jeder Realität der BRD 1980 meint das Komitee,
die Bevölkerung ächze unter den "sozialen Lasten", wo ein ganzer
Wahlkampf mit dem Versprechen der Herrschaft bestritten wird,
"unser Volk" müsse für "unsere Sicherheit Opfer bringen".
Aktionen für die Zukunft
------------------------
La Paloma ohe...
Neben Professoren und der linksintellektuellen Prominenz, die den
Friedenskampf per Zeitungsannonce ausfechten, um sich damit per
"Frankfurter Rundschau" gleich an vorderster Front aufzustellen,
haben sich auch diejenigen mittlerweile zu Wort gemeldet, die ihr
politisches Engagement für die Verteidigung von Pflanzen- und
Tierwelt und andere bunte Exotika wie Frauen, Homosexuelle, und
derartiges alternatives Gewächs in die Waagschale werfen. In der
Frontstadt Westberlin ("Wir aber, gerade in West-Berlin, wollen
nicht in die Eskalation der Gewalt reingezogen werden.") kam es
zu einem breiten Bündnis, mit dem von der "Alternativen Liste"
über das "Sozialistische Büro" bis hin zum "Netzwerk Selbsthilfe
e.V." und der "Zentrumsfraktion" des KB unter dem Motto "Wir wol-
len der Kriegsgefahr nicht tatenlos zusehen!" demonstriert wurde.
"Wir sind tief betroffen und wir haben Angst vor der zunehmenden
Kriegsgefahr und den militärischen Aktionen der Großmächte."
Ausgehend von diesem Gefühl, das man hier öffentlich äußert,
kommt es zu der erschütternden Forderung
"Wir wollen leben - Nie wieder Krieg!"
Die Einbildung, über Krieg und Frieden habe letztlich der Bürger
zu entscheiden - als ob dieser überhaupt gefragt würde! -, bringt
messerscharf die Konsequenz hervor, ihm müßte nur die richtige
Einstellung zum Frieden vermittelt werden, um den Krieg unmöglich
zu machen:
"Wir wenden uns gegen die Einstimmung der Bevölkerung auf den an-
geblich unvermeidlichen Krieg, die über Presse, Fernsehen und
Rundfunk betrieben wird."
Wenn es wirklich stimmen würde, was da konstruiert wird - "Runter
vom Pulverfaß! Menschen wollen Frieden - Staaten rüsten!" -, die
Menschen würden gegen Presse, Funk und Fernsehen immun sein, und
statt der Kampagne "Kein Kriegsspielzeug unterm Weihnachtsbaum"
wären die Losung "Keine FAZ in die Hand des friedliebenden Bür-
gers" und die Aktion "Keine Sendezeit für die Tagesschau" nicht
nur zur Weihnachtszeit brandaktuell. Bei den Bundestagswahlen
gäbe es 3% Wahlbeteiligung, und die Stimmen kämen ausschließlich
von den Rüstungsindustriellen:
"Diese Großindustrie hat die 'Nach'-Rüstungsbeschlüsse der NATO
gefördert."
Dieser "ökonomischen" Kriegsbegründung zufolge, die wahrschein-
lich von der Gruppe "Christen für den Sozialismus" in den Demon-
strationsaufruf bugsiert wurde, ist die Rüstungsindustrie das
wahre Subjekt der Rüstung. Wer verleitet unsere Politiker nur
dazu, ausgerechnet diesen Herrn ihr Zeug abzukaufen? Es ist
"die Politik der Stärke",
die wiederum
"eine Politik der Aufrüstung ist."
Womit sich der Kreis schließt, denn diese Politik
"ist vor allem eine Begründung für die Atom- und Rüstungsindu-
strie, ihre Waffen zu produzieren und zu verkaufen."
Fürwahr, ein Teufelskreis! Im Unterschied zu den Revis, die mit
nationalsozialistischen Parolen die Fortsetzung der Entspannungs-
politik mit der Sowjetunion fordern, lassen sich die ganz neuen
Linken vom alten Antikommunismus zum Appell ans nationale Gewis-
sen deutscher Staatsmänner inspirieren.
"Statt die Unabhängigkeit der Staaten zu achten, erklärt die Re-
gierung der USA bestimmte Regionen zu ihrem Interessengebiet. ...
Sie stellt'sich somit auf die gleiche Stufe mit der Sowjetunion."
Mit den "bestimmten Regionen" meint man alternativerseits weniger
den Iran und so ziemlich den größeren Teil Asiens und Afrika bzw.
Lateinamerika insgesamt, sondern unser schönes Westdeutschland,
dessen "Berliner Abgeordnetenhaus" das Vaterland verkauft und
schamlos
"eine Dankes- und Solidaritätsresolution für die Regierung der
USA (verabschiedete), die einer Unterwerfung gegenüber der west-
lichen Supermacht gleichkommt."
So ging das Friedensbündnis am 8. Mai mit einer alternativen
Hallsteindoktrin auf die Straße und verkündete:
"Wir erkennen die sogenannten Führungsmächte nicht an."
Als ob man im Weißen Haus und im Kreml auf nichts sehnlicher war-
tet, als auf den ersten Botschafter der "Freien Republik Wend-
land"!
Zu erwähnen wäre noch eine Demonstration "von ca. 1.000 Leuten"
("Diese Demonstration wird nicht von einer Organisation veran-
staltet!"), die sich dagegen aussprach, daß Carter sein Kommando
im Iran "ohne Wissen der Verbündeten" landen ließ", begrenzte
Konflikte zu einem weltweiten Krieg aufbaut" und dabei die Rück-
sichtslosigkeit besitzt, auch "Deutschland wieder (als) Kriegs-
schauplatz" in Erwägung zu ziehen. Anstatt nun aber die parolen-
mäßigen Konsequenzen zu ziehen und "Begrenzte Konflikte außerhalb
Deutschlands mit Konsultationen der Verbündeten!" zu fordern, ge-
hen diese Friedenskämpfer nicht einmal soweit und verlangen nur
die "Sofortige Distanzierung von jeder Kriegsvorbereitung!". Die
"Grünen" in Bayern lassen einen Dr. Walter Harless zum Thema
"Abrüstung trotz Kriegsgefahr" sprechen und begründen das "trotz"
mit folgendem naturverbundenen Syllogismus:
"Die Sicherung des Lebens ist Hauptanliegen grüner Politik. Die
Erhaltung des Friedens ist hierfür Voraussetzung. Deshalb ist
grüne Politik Friedenspolitik."
Und die Katholische Hochschulgemeinde veranstaltet einen
"Gesprächskreis" zu der Frage
"Den Frieden sichern, aber wie?"
Die anvisierten "Hintergrundanalysen" stützen sich dabei u.a. auf
"theologische und kirchenamtliche Stellungnahmen", und ein erstes
Ergebnis ist dem Flugblatt bereits zu entnehmen. Es sieht so aus:
Bild ansehen
Abbildung aus Flugblatt
Konkrete Beiträge zum Frieden -
-------------------------------
Mittel gegen den Krieg: Kindergarten...
---------------------------------------
Einen Schritt weiter sind diejenigen Beteiligten am Friedenszir-
kus, die das "militärische Denken" schon als selbstverständlichen
Grund der immer wieder fälligen Kriege unterstellen, um sich von
da aus Gedanken über die Gewissens b i l d u n g der Staatsbür-
ger zu machen. Radikal, wie sie sind, fangen sie dabei gleich an
der Wurzel an:
"Friedenserziehung beginnt bereits im Kindergartenalter. Ausge-
wählte Kinderbücher sollen dem Erzieher dabei helfen, auch klei-
nen Kindern Begriffe (!) wie Toleranz, Solidarität, Verantwortung
gegenüber seinen Mitmenschen usw. verständlich zu machen."
Wir entnehmen diesem Zitat, daß staatsbürgerlich gesonnene Leute
ganz schön kindisch sind. Sie erlauben sich einmal einen Gedanken
über den Krieg, und gleich reden sie daher, als ob sie von einem
anderen Planeten kämen. Wissen die moralischen Erzieher eigent-
lich nicht, was das i s t, ein Krieg? Sie scheinen sich das ja
so vorzustellen, daß da frühzeitig verzogene Bürschchen zuhause
ihre Aggressionen nicht mehr richtig loswerden, deshalb zum Säbel
greifen und sich intolerant bis dorthinaus mal eben über die
Grenze schwingen, um in Nachbars Gärten zu wüten! Der Gedanke,
daß Soldaten im allgemeinen zu ihren staatlich legitimierten
Mordbrennereien a b k o m m a n d i e r t werden, weswegen dem
Spieß ihr "Kindergarten" auch schnurzegal ist, ist Erziehern of-
fenbar ebenso zu hoch wie der, daß die militärisch angeordnete
Verwandlung normaler Menschen in mordlustige Landsknechte neben
disziplinarischem Drill vor allem ein hinreichendes Arsenal an
T u g e n d e n voraussetzt, in deren Namen man sich einerseits
zu allerhand b e r e c h t i g t fühlt und die man andererseits
im Überlebensfall durchaus b r a u c h t, wenn man einigermaßen
heil das Schlamassel überstehen will. Und diese Tugenden sind,
wie es der Zufall will, eben jene "B e g r i f f e", die Päd-
agogen gern schon im Kindesalter greifen lassen würden: allesamt
Techniken der Selbstbeschränkung, die man deshalb (sollte man das
falsche Kinderbuch erwischt haben) auch im kostenlosen Nachhil-
feunterricht der "Schule der Nation" beigebracht erhält ver-
dienstvoll ist nur, daß Kindergärtner ihren Kleinen so süße Ver-
haltensweisen wie Toleranz (= mit anderen auskommen, weil man's
muß), Solidarität (= dem anderen beispringen, weil man ihn umge-
kehrt auch mal nötig hat) und überhaupt Verantwortung gegenüber
seinen Mitmenschen (= solidarische Toleranz, weil's auf die Ver-
antwortung gegenüber dem eigenen Interesse eh nicht ankommt)
schon im Kindergarten beibiegen möchten. So schlägt man nämlich
mit der Idee des Friedens das bißchen an Vorteilsdenken, das au-
ßerhalb von Kriegszeiten ansonsten gerade noch geduldet wird, be-
reits tot, wenn es auf seinen Ersatz durch bedingungslosen Idea-
lismus noch gar nicht so sehr ankommt!
...Camping und Wandern
----------------------
Ein "Zentrum Entwicklung und Frieden" lädt ein zum "Zeltlager für
Friedensfreunde", dessen Ortswahl bereits ein Fanal ist:
"Das Jugendlager Hochland befindet sich in einem Naturschutzge-
biet, dort ist es untersagt, Bäume zu fällen, Pflanzen auszurei-
ßen usw."
Den Vogel in Sachen friedenssichernde Aktivitäten schossen aller-
dings die Genossen Wandervögel aus Nürnberg ab. Sie boten dabei
sogar zwei Alternativen an - wer zur
"Wanderung zum KZ-Außenlager Schupf (mit Informationen) - über
Ausgangspunkt zurück nach Pommelsbrunn (mit Einkehr)"
keine Lust hatte, konnte immerhin noch einen Ausflug
"zum Gelände des geplanten Bunkers bei Erlangen/Nürnberg... - mit
Informationen - Räthschlucht - Felsenkeller - Einkehr"
machen. Dazu fällt uns nur noch zweierlei ein: 1. Wer ein KZ für
eine Art touristische Attraktion hält, wo er sich ein leises
Schauern über die G r e u e l des Faschismus vermitteln läßt,
um hinterher erleichtert einzukehren, der hat sicher genausowenig
Sorgen um die O p f e r, die einem die Demokratie in Krieg und
Frieden einbringt, wie der, der die Anschauung eines bäumemorden-
den Bunkers - was anderes als gefährdete Bäume kriegt er da näm-
lich noch gar nicht zu sehen - benötigt, um sich von seiner Frie-
densliebe zu überzeugen. Da hat er ja was.
2. Wenn g e g e n den Krieg sein heute so einfach ist, daß man
sein Soll schon durch einen Sonntagsausflug absolvieren kann,
dann läßt sich ermessen, wie wenig Schwierigkeiten den Staatsmän-
nern erwachsen werden, wenn sie irgendwann die Zeit f ü r den
Krieg reif finden.
Pax vobiscum!
-------------
Man sieht allenthalben im intellektuellen Leben, daß das Angebot
der Politiker, ihr Geschäft unter dem Motto zu diskutieren:
"Vielleicht lassen wir euch leben", Zustimmung findet und Aktivi-
täten in dieser Richtung auslöst. Wo die Staatsmänner den von ih-
nen Repräsentierten bei jeder Gelegenheit versichern, daß das
L e b e n, wenn es sein muß, im Preis der Freiheit inbegriffen
ist, nutzen aufgeklärte Staatsbürger ihre Geistesfreiheit, um
ihre traditionellen Idiosynkrasien angesichts der "gefährlichen
Weltlage" weiter zu pflegen:
- Kritische Geistesschaffende inserieren ihre Vorschläge zur Lö-
sung der "Weltkrise" in den Zeitungen.
- Die Revisionisten propagieren den Realen Sozialismus als gün-
stige Bedingung, um die Ziele des Imperialismus auch ohne Krieg
zu realisieren.
- Die Alternativen appellieren an das nationale Gewissen der Po-
litiker als Alternative zum Führungsanspruch der Supermächte.
- Grüne und Wandervögel fordern einen Verzicht auf den Dritten
Weltkrieg zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts.
- Christen wittern mit sicherem Instinkt in der Angst vor dem
Sterben eine Chance für den Herrn Jesus usw.
Die Kritik am Krieg ist also nichts anderes als die Zurschaustel-
lung der eigenen Friedensliebe und die demütige Bitte an die
Staatsmänner, sie doch bitte bei ihren Entscheidungen zu berück-
sichtigen. Und so konnte es auch nicht ausbleiben, daß die Inter-
essenvertreter an den Hochschulen in diesen Tagen ihren Kampf um
Mensaessen und Bafög dem Zeitgeist angleichen:
"Deutsche Studenten sind nach Ansieht des RCDS bereit, wegen der
verschärften weltpolitischen Lage seit Afghanistan die Erfüllung
vieler eigener Wünsche zurückzustellen." (Süddeutsche Zeitung,
11.3.1980)
"Man muß den RCDS dazu beglückwünschen, daß er die Zusammenhänge
so gut erkannt hat, daß er weiß, warum das Bafög so niedrig und
die Mensapreise so hoch sind bei so vielen Raketen." (Flugblatt
der Münchner "ASten" vom Mai 1980)
zurück