Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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VDS-Demonstration in Bonn
"BAFÖG STATT PERSHING"
"Bafög statt Pershing II. Warum diese Losung? Wenn wir Forderun-
gen stellen, müssen wir auch sagen, wo das Geld dafür herkommen
soll. Wir wollen es ja nicht der anderen Bevölkerung wegnehmen.
Apel hat kürzlich mal eben 850 Mio für den Sprit von Leos und
Luftwaffe bekommen. Das Geld ist also da. Nur erscheint den Herr-
schenden/Verantwortlichen Rüstung profitabler als Bildung zu
sein." (Demo-Aufruf, Uni Bonn)
Diese Neuauflage der alten Studentenvertreterparole "Bildung
rauf, Rüstung runter", mit der schön damals das Interesse an mehr
Geld beim Studieren mit demonstrativem 'Realismus' (der Staat hat
genug davon) und Idealismus (es stünde ihm besser zu Gesicht,
mehr für die Bildung = Gutes zu tun) vorgebracht wurde, hat es in
sich. Um ausgerechnet heutzutage, wo die zuständigen Bonner Poli-
tiker keinen Zweifel daran lassen, nicht nur, daß ihnen keine Ko-
sten zu hoch sind, um die Bundeswehr für die Erledigung des NATO-
Endzwecks aufzurüsten, sondern auch, daß diesem Oberziel sämtli-
che sonst im Haushalt aufgeführten Aufgabenbereiche unterzuordnen
sind, mit der alternativen Losung auf die Straße zu gehen, die
Pershing-Raketen seien "Verschwendung" staatlicher Mittel, die im
Bildungsbereich "sinnvoller" angelegt werden könnten, muß man
seine altgehegten Staatsillusionen schon mit sehr viel inszenier-
ter Blauäugigkeit demonstrieren.
Und das wollen sie, die Jungs vom VDS, ohne dabei auf zeitgemäße
nationalistische Untertöne zu verzichten. Mit Statements wie dem
folgenden - "Amerikanische Pershing II-Raketen und Cruise Missi-
les gefährden nicht nur unsere Sicherheit, sie kosten auch noch
was: Stationierungsbeiträge" (MSB) - wird den Bonner "Nach"-
Rüstungsbeschlüssen vorgeworfen, sie gefährdeten den eigentlichen
edlen Auftrag einer anständigen deutschen Regierung, im Namen der
Unversehrtheit der Bevölkerung ohne Wenn und Aber für Frieden zu
sorgen (Wie wär's denn mit Rüstungsmaßnahmen, sofern sie a)
"unserer" Sicherheit dienen und nicht nur der der Amis und b)
nicht zu teuer sind?). Auf letzteren Einwand (wie wär's denn mit
Pershings, für die Bonn amerikanische Stationierungsprämien
kassiert?), den schon nicht mehr die Aufrüstung stört, sondern
die damit verbundenen staatlichen Auslagen, kommen die VDS-Leute
natürlich deswegen, weil sie im Haushalt vorhandene und falsch
angelegte Gelder ausfindig machen wollen, die sich in ihr
Lieblingsressort umleiten ließen. Mit diesem Ausweis der Ver-
antwortlichkeit des eigenen Anliegens (gibt der Haushalt auch
her, was ich will, bzw. bringt es ihm auch wieder ein, was er
braucht?) ist es ihnen so ernst, daß sie die regierungsamtliche
Ideologie, es gäbe derzeit ganz unabhängig von den für die Aufrü-
stung verfügten Umschichtungen des Haushalts eine generelle Fi-
nanzklemme; die überall zum Sparen zwinge, mit einem kleinen
schadenfrohen Zusatz übernehmen - "anhaltende, weltweite Krise
des kapitalistischen Wirtschaftssystems" (LHV und MSB unisono).
Weil der Staat sich jedoch an sein eigenes "Sparprogramm" nicht
halte (siehe Rüstungsausgaben) und von wegen Gerechtigkeit (als
Student zählt man zu den eh benachteiligten "kleinen Leuten"),
genehmigt sich der VDS seine Forderungen nach mehr Bafög, dem
Ausbau der Hochschulen, Einstellung von mehr Lehrpersonal u. dgl.
...
Daß staatliche Maßnahmen zur Förderung des Bildungswesens im ge-
raden Gegenteil zur Rüstungspolitik äußerst menschenfreundlicher
und gesellschaftsnützlicher Natur sein sollen, dieses Vorurteil
hätte sich der VDS auch längst abschminken können. Gerade die
"neuen Prioritäten" der Politik, die von den Ministern gemeinsam
festgelegt werden, zeigen ja keine Abkehr von bisherigen Prinzi-
pien der Bildungspolitik, sondern bestätigen, daß der Staat sich
sein Bildungswesen je nach aktueller Zielsetzung einrichtet und
es keineswegs erfunden hat, um irgendwelche humanitären oder
sonst kritischen Absichten zu befördern, mit deren Pflege manch
einer seine Universitätszeit absolviert. Bafög wurde eben nie ge-
zahlt, damit Arbeiterkinder zu was kommen, sondern damit in ef-
fektiver Auslese die gewünschten Akademiker zustandekommen. Und
daß die Bildungstaten vergangener Jahre, die in den Augen derer,
die überall Streichungen, Kürzungen etc. beklagen, im nachhinein
recht rosig dastehen, just all die Sorten staatlicher Funktionäre
produziert haben, die zur Abwicklung der auf die Tagesordnung ge-
setzten "härteren Zeiten" vonnöten sind, gibt den Fans der
"Volksbildung" natürlich nicht zu denken. Man sollte also damit
aufhören, bloß weil dort keine Raketen gebastelt werden, sich für
Deutschlands Universitäten lauter - zumindest eigentlich -
hübsche Aufgaben einzubilden und diese den Herrn Politikern als
ihre demokratische Pflicht vorzuhalten und damit dem Staat als
eigentlichen Zweck seines Ausbildungswesens zugute zu halten.
Raus kommt da einerseits ein typisch revisionistischer Trick der
Agitation: Weil einem überfüllte Seminare stinken, soll man gegen
Aufrüstung sein (gibt's keinen besseren Grund?); w e i l man
vor einem Krieg Angst hat, soll man für 750.- DM Bafög eintreten
(hilft das beim Atomschlag?). Andererseits bestärkt eine Demo mit
diesen Parolen die Öffentlichkeit nur in ihrem Urteil, daß die
"Sparmaßnahmen" des Staates gerecht sind, weil sie auch die jun-
gen Akademiker treffen, und daß die Risiken der Aufrüstung ausge-
rechnet durch eine bessere Alimentierung der Studenten verringert
wurden, glaubt ohnehin niemand - nicht einmal die VDS-Strategen,
die lediglich einen aktuellen Aufhänger für ihre alte Politik
"studentischer Interessenvertretung" gefunden haben.
Also nix mit Kampferfolgen. Aber dafür viel zu viele Mitmarschie-
rer, die vor lauter gutem Gewissen, das sie demonstriert haben,
immer pessimistischer oder optimistischer werden.
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