Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Marxistische Gruppe, Januar 1983, München
       
       Argumente zur Friedensbewegung
       

WER ODER WAS GEFÄHRDET DEN FRIEDEN?

Die Erfolgsmeldungen über die NATO-Aufrüstung erfolgen täglich, sind selbstverständlich und keine Schlagzeile wert: Zusätzliche Munitionslager werden angelegt; neue Panzergenerationen gebaut, Fregatten zu Wasser gelassen und die Nachschublinien geordnet. Zu den massenweise rumkutschierenden Mittelstreckenraketen sollen modernere nach NATO-Zeitplan Ende '83 verfügbar sein. Mit jeder erdenklichen Sorgfalt statten die NATO-Politiker ihr Bündnis mit der militärischen Überlegenheit aus, die im Umgang mit dem Haupt- feind jede Freiheit bis zum Kriegführen erlaubt. Mit jeder poli- tischen Äußerung zur Weltlage verweisen sie auf den ungeheuren Zweck, dem die ganze Sache dient: das Unrechtsregime im Osten "aus der Geschichte" zu tilgen. Und dafür ist ihnen nicht nur kein materieller, sondern auch kein p e r s o n e l l e r Ein- satz zu teuer! Davon ganz unbeeindruckt fragt sich die Friedens- bewegung weiter: Wer oder was gefährdet den Frieden? Und kommt zu eigentümlichen Antworten: - Die Waffen sind's! -------------------- Es ist doch sonnenklar, daß es keine Waffe gibt ohne die Absicht ihres Bestellers, der sich ihrer bedienen will. Die Waffen selbst zum Grund ihrer Anwendung zu erklären, ist eine Albernheit. Des- wegen sollen es bei der Friedensbewegung auch nicht bloß die Waf- fen sein, sondern die n e u e n Waffen, die jetzt die eigentli- che Qualität besitzen sollen, einen Krieg überhaupt gewinn- und damit führbar zu machen. Dabei sind Waffen doch immer auf S i e g berechnet: Die Friedensbewegung soll sich doch nicht zum letzten Sektierer der veralteten Waffengeneration machen, ganz so als waren die vorherigen Waffen für etwas ganz anderes gut gewe- sen. - Krieg aus Versehen! --------------------- Die Waffen konnten sozusagen von ganz alleine losgehen? Computer- fehler? Kurzschluß im Modul? - Das ist doch billige Science-fic- tion! Politisch macht mit diesem Argument Reagan schon Punkte, wenn er gleichzeitig zur Aufstellung der neuen MX, die Einrich- tung eines 2. Roten Telefons als wesentliches Element der Frie- denssicherung verkauft. Wenn die Dinger losgehen, dann soll der Feind auch wissen, daß das so gemeint ist! Macht euch also nichts vor: Die Vorstellung eines Atomkrieges aus Versehen zehrt von dem Glauben, die Vernichtung des Gegners durch Kriegführen könne nie und nimmer die Absicht eines Staatsmannes sein. Mit dieser Auf- fassung sind die Herrschaften, die ganz ohne Kurzschluß ihren Einsatz befehlen aus der Schußlinie: Sie können ihren Einsatz gar nicht wollen. Dabei verweist noch jede Rüstungsmaßnahme - sei sie atomar, konventionell oder im Bereich der zivilen Logistik - im Gegenteil darauf, daß politisch mit dem Einsatz der militärischen Mittel kalkuliert wird. Es ist schon komisch: Da stellt man fest, daß die NATO Waffen hat, die den Krieg gewinnbar machen sollen und will partout nicht wahrhaben, daß dieser Verein damit be- schlossen hat, ihn zu führen. - Der militärisch-industrielle Komplex! --------------------------------------- wird ebenfalls haftbar gemacht als Kriegsgrund nach der Milch- Mädchenrechnung: Wenn die keine Waffen produzieren würden, wäre mangels Gerät auch kein Krieg möglich, die Rüstungsbosse stellen aber wegen des Profits die Dinger her und machen so die Welt un- sicher. Nein, der Staat ist nicht das Anhängsel der Rüstungsindu- strie, die ihm ihre Waffen aufdrängt - ohne staatliche Interes- sen, die universell einsetzbare Gewaltmittel brauchen, wäre das Geschäft mit dem Tötungsmaterial nie in Gang gekommen oder wäre - wie andere Geschäfte auch, an denen der Staat kein Interesse hat - längst wieder zum Erliegen gekommen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Rüstungsindustrie ist so sehr abhängig - als Auftra- gnehmer -, daß sie in munterer Konkurrenz immer besseres Kriegs- gerät anbietet, technologische Innovationen zur Steigerung der Vernichtungsqualitäten ihrer Produkte vorantreibt, um den Staat als Abnehmer zu befriedigen. Der Grund für den Boom der Rüstungs- industrie mitten in der Wirtschaftsflaute liegt also darin, daß unsere Politiker in Sachen Gründe, die einen Krieg möglicherweise "unvermeidbar" machen, in den letzten Jahren gewaltig zugelegt haben. Und diese "schwere Verantwortung" in Sachen Krieg und Frieden läßt sich keiner dieser Typen nehmen. Damit ist aber noch lange nicht - Der machtbessene Politiker! ----------------------------- zum Kriegsgrund erklärt. Dieser Einfall lebt von der Vorstellung, daß die Politiker lauter Inhaber eines ganz speziellen Wahnsinns wären: Machtbesessenheit und Waffennarrentum. Wie kommt man ei- gentlich darauf, die Macht, die jemand qua Amt ausübt, ihm als seinen Charakter nachzusagen? Ernstlich für klinische Fälle hält sie doch keiner - das Argument zielt offenbar auf etwas anderes: den gewaltsamen Charakter des Amtes zu leugnen, um sich den Glau- ben an das Märchen von der bedingungslosen eigentlichen Menschen- freundlichkeit des politischen Amtes zu bewahren. Ist es nicht ein falsches Bedürfnis, sich bei staatlichen Ämtern die Gewalt ganz prinzipiell wegzuphantasieren und auf die Realisierung durch einen vernünftigen Politiker zu hoffen? - Der aggressive Mensch! ------------------------ Selbst wenn ein kriegslüsterner Landser am liebsten gleich wieder gen' Osten ziehen würde, muß auch er immer noch auf seinen Marsch b e f e h l warten, und der richtet sich nicht nach sei- nem Bedürfnis, wäre es auch noch so "aggressiv". Umgekehrt: Auf ein aggressives Potential in der Menschennatur verläßt sich doch kein Staat. Dazu gehört immer noch ein 15monatiger Drill, der die nötigen Soldatentugenden mit Sicherheit vermittelt. In die Verle- genheit zu schießen und erschossen zu werden, versetzt einen der Staat dann schon: und da stehen sich die Soldaten nicht einfach als Menschen, sondern als Menschen mit staatlichem Auftrag gegen- über. Feindbilder? Auf die Feinde und Freunde käme doch keiner von sich aus - wo er John Miller und Iwan Iwanowitsch noch nicht einmal kennt. Der Grund der Zu- oder Abneigung liegt also an dem Zustand der staatlichen Beziehungen. Und hat man mit denen etwas zu schaffen? - Der Ost-West-Gegensatz! ------------------------- In diesem Argument wird der Grund nur die Aufrüstung des einen Staates in eine notwendige Reaktion auf die Rüstung des jeweils anderen verlegt. Die offizielle Verwendung dieses Zirkels besteht darin, dem Gegner immer den Grund nur die Rüstung in die Schuhe zu schieben: "Nach"gerüstet wird, weil der Feind "vor"gerüstet hat. Mit dieser ganz neutral vorgetragenen Ideologie hält man beiden Seiten ihre Rüstung zugute, vor allem der eigenen. Die keineswegs geheimgehaltenen Ansprüche der Machthaber werden in einem Teufelskreis verwandelt, aus dem sie angeblich nicht mehr ausbrechen können. Einen solchen kostspieligen Irrtum leistet sich kein Staat. Diese perfekte Idee des Teufelskreises, mit der die ganze Welt der Politik entschuldigt wird, widerlegt sich doch schlicht damit, daß der Staat sehr genau zwischen Feinden, gegen die er eine militärische Überlegenheit aufbaut, die er dann Gleichgewicht nennt und den Freunden, vor deren Waffen er sich gar nicht ängstigt, zu unterscheiden weiß. Die Zielstrebigkeit, mit der die NATO-Staaten da vorgehen, beantwortet doch ganz ein- hellig die Frage: - Wer oder was gefährdet den Frieden nun wirklich? -------------------------------------------------- Der Grund ist die durchgesetzte Weltfriedensordnung, die keines- wegs durch die Abwesenheit von Kriegen sondern durch sehr be- kannte und eindeutige imperialistische Interessen bestimmt ist. Wer hier Ansprüche an den Rest der Welt stellt, wer weltweite Ge- schäfte "sichert" und "verteidigt", wer überall legitime Interes- sen stört und wen daher die festgesetzten Grenzen der Weltordnung stören, wer also das Subjekt der so gestalteten Friedensordnung und wer der Störenfried ist - das ist kein Geheimnis. Und die NATO, in dessen Konzert die BRD eine gewichtige Rolle spielt für deren Ansprüche der maßloseste Overkill noch zu klein ist und für die am Ende schon die bloße Möglichkeit, sich an einer Stelle nicht durchsetzen zu können, ein Sicherheitsproblem wird. Warum zieht man daraus nicht den Schluß: Weil die NATO überall schon i s t, alles b e a n s p r u c h t (was im We- sten auch jeder sagt!), erklärt sie die sie störenden Staaten zu d e r Bedrohung! Wer will eigentlich wem die letzten Kapitel seiner Geschichte ins Lehrbuch schreiben? zurück