Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 28, 26.10.1983
       
       Vergangenen Donnerstag an der Uni
       

EIN TAG FÜR DEN FRIEDEN

Der Senat der Universität hatte "empfohlen, den 20. Oktober zu nutzen, innerhalb der Hochschule intensiv über die Verantwortung der Wissenschaftler für den Frieden zu diskutieren", und diesen Beschluß und seine Verwirklichung haben etliche Narhrüstungsgeg- ner als Erfolg im Kampf gegen die Raketenstationierung verbucht. Dabei sind es zwei recht verschiedene Vorhaben, ob man die Ver- antwortlichen der NATO und deren Aufrüstung kritisiert und als eingeplanter Betroffener der zielstrebigen westlichen Mobilma- chung darüber berät, wie denen das Handwerk zu legen ist, oder ob man sich auf die Suche nach der e i g e n e n Verantwortung für Krieg und Frieden macht und alsbald entdeckt, welch wichtigen Beitrag zum Erhalt des Weltfriedens man gerade in Ausübung des eigenen Berufs zu erbringen hat. Wie sehr sich beides aus- schließt, das haben diejenigen Universitätsdozenten vorgeführt, die zum 'Tag des Widerstands an den Hochschulen' ihre verschie- denen Antworten auf ihre Frage "Was kann ich für den Frieden tun?" vorgelegt haben: Naturwissenschaftler warnen --------------------------- Als PHYSIKER ist DR. POLLMANN am Donnerstagmittag auf der Univer- sitätskundgebung aufgetreten und hat fachmännisch dargestellt, mit welchen Folgen im Falle eines Atombombenabwurfs zu rechnen sei. In der Terminologie seiner Wissenschaft und in Raum- und Zeitangaben demonstrativ exakt hat er die Greuel ausgemalt, die ein Nuklearkrieg für Land und Leute bedeutet. Nun wird sicher niemand bestreiten, daß die neuen Waffen genau die fürchterlichen Wirkungen haben, die der Physiker da lang und breit beschrieben hat, aber wozu ist es gut, solches mitgeteilt zu bekommen? So wenig es nämlich den Bürger gibt, der sich den Krieg als eine gemütliche Angelegenheit vorstellt, so wenig unbekannt sind die Effekte der Atomraketen denen, die sie anschaffen und benutzen wollen. Und doch lebt die ganze gruselige Schilderung des In- fernos von der Unterstellung, daß "das doch niemand wollen kann", daß also die Grausamkeit des nächsten Kriegs die Politiker und Militärs davon abhalten müßte, ihn zu führen. Eine Unterstellung, die POLLMANN keinem Physik-Lehrbuch entnommen hat und die die einschlägigen Oberbefehlshaber noch stets dementiert haben: wenn sie ihre Kriege auch nicht führen, u m ein Blutbad anzurichten, so waren und sind die Leichenberge, die ein Krieg produziert, aber für sie umgekehrt nie ein Grund, auf den Einsatz militäri- scher Gewalt zu verzichten - weil es im Krieg noch stets um Hö- heres geht als den Schutz von Menschenleben. Wozu ist also so ein Einwand gegen die Rüstung gut? Ausgerechnet dazu, den guten Glau- ben an eine oberste moralische Instanz bei den Herren über Krieg und Frieden gerade dann zu demonstrieren, wenn die vorführen, daß ihnen über die Verfolgung kriegsträchtiger Staatsinteressen nichts geht... Als INFORMATIKER war auf derselben Veranstaltung DR. FRIEDRICH zur Stelle und hat berichtet, was er über die Wirkungsweise der Computer in den militärischen Kriegsszenarios weiß. Gleich seinem Kollegen von der Physik diente auch dem Informatiker der reich- lich gebrauchte Jargon seiner Disziplin zur wissenschaftlichen Ausstaffierung eines geläufigen Urteils: die Computer und ihre Programme seien eine einzige Fehlerquelle, produzierten ein Kriegsrisiko immer größeren Ausmaßes. Auch dieses Bild von Macht- habern, die ihrer Machtmittel nicht mehr Herr wären, mag eine Kritik an der Aufrüstung nicht vortragen ohne eine Vertrauenser- klärung in die guten Absichten der Aufrüster, die alles andere als angebracht ist: wenn es schon so sein soll, daß ein Raketen- abschußprogramm v e r s e h e n t l i c h losgehen kann, dann muß es da doch immer jemanden gegeben haben, der es ganz a b s i c h t l i c h hat erstellen lassen. Und ausgerechnet da- von, daß diese Kriegsplaner, die immer perfektere Kriegsführungs- strategien in Auftrag geben und programmieren, ihr Geschäft ganz fehlerfrei beherrschen, soll man sich eine Minderung der "Kriegsgefahr" versprechen... Geisteswissenschaftler denken weiter ------------------------------------ Während die "Naturwissenschaftler für den Frieden" sich die Kriegsträchtigkeit der Gegenwart nur durch einen Mangel an natur- wissenschaftlicher Kompetenz bei der herrschender Politik erklä- ren wollen, weil sich ihnen offensichtlich jeder Gedanke an un- friedliche politische Ziele ihrer obersten Dienstherren verbie- tet, verabschieden sich einschlägig engagierte Geisteswissen- schaftler mit Vorliebe gleich ganz von der Politik als Grund für den vorbereiteten dritten Weltkrieg und lokalisieren die Frage Krieg oder Frieden in "uns allen". Die SOZIALPSYCHOLOGIN METZ- GÖCKEL assoziiert mit Frieden gleich folgendes: "Für den Frieden am Arbeitsplatz und an der Hochschule ist täg- lich neu zu sorgen mit Interessenausgleich?! Freundlichkeit?! Nachsicht?! Umsicht?!... Hat der Krieg überhaupt aufgehört, ist der Frieden nicht immer noch eine Utopie?" (unizet, Was tun die Angehörigen der UniDo für den Frieden?) und Kollege HOLTERSHINKEN von der PÄDAGOGIK verweist auf sein langjähriges Engagement in Sachen Reduktion des "Gewaltpo- tentials": "Friedenserziehung ist für mich nicht saison- und modebedingt. Sie ist eine Aufgabe, das 'Gewaltpotential' der Menschen unter- einander zu verringern. Als Pädagoge sehe ich seit nunmehr 20 Jahren vor allem innerhalb des Deutschen Kinderschutzbundes meine Aufgabe darin..." (ebenda) - Wie sie sich den Zusammenhang von menschlicher Unfriedfertigkeit und Krieg auch immer zurechtlegen mögen: er lebt von der absurden Annahme, Einstellung und Verhalten der Staatsbürger wären der Grund für das Kriegführen von Staaten und deswegen würde der Kriegsgefahr überhaupt nur dadurch begegnet, daß man den Kindern einen tiefen Friedenswunsch anerzieht und den Erwachsenen viel Nächstenliebe beibringt. Eine Vorstellung, die sich durch den Hinweis auf die bedingungslose Art und Weise, wie der Staat seine Bürger zur Vorbereitung und Durchführung des Krieges in die Pflicht nimmt, gewiß nicht beirren läßt, weil sie viel zu schön ist: mit ihr bekommt doch noch jeder pädagogische und psychologi- sche Gedanke seine weltbewegende Wichtigkeit und 20 Jahre bei den Kinderschützern avancieren zur Arbeit an der Friedenssicherung. Diese Manier beherrschen die Kollegen von den anderen geisteswis- senschaftlichen Fakultäten nicht minder. KOMMUNIKATIONSWISSEN- SCHAFTLER WÜRZBERG gelingt ohne Mühe der Bogen vom Video zum Atomkrieg und damit auch gleich von seinem Seminar zur Friedens- bewegung in vier Sätzen: "Längst ist deutlich geworden, daß Massenmedien, daß gesell- schaftliche Kommunikation unter den Einfluß derjenigen Kräfte zu geraten drohen, die die Konsequenz von Rüstung und Militarismus zumindest in Kauf nehmen. Dies gilt natürlich für Inhalte von Magsenkommunikation (Videospiele sind da nur die Spitze des Eis- bergs!); dies gilt aber - und das ist das eigentlich Brisante - für die technologischen Strukturveränderungen, die dem Informati- ons- und Kommunikationsgefüge dieser Gesellschaft drohen. Die "Neuen Informationstechnologien", die bevorstehende Computerisie- rung unseres Alltags sind einerseits Abfallprodukte militärtech- nologischer Infrastruktur für Hochrüstung und - letztlich - Atom- krieg. Diese Zusammenhänge deutlich zu machen - dafür engagiere ich mich, und darin sehe ich meinen Beitrag innerhalb der Frie- densbewegung." (ebenda) Dem RAUMPLANER ZLONICKY schließlich ist der moralisch eindruck- vollste Auftritt auf der Kundgebung im Universitätsforum gelun- gen, als er - noch bevor der Staat ein solche Ansinnen an ihn ge- stellt hat - mit allem Nachdruck sich öffentlich geweigert hat, ein Szenario von Dortmund nach Abwurf der Atombombe im voraus zu designen. Auch das ein mutiger Kämpfer für den Frieden. Wir haben nicht geschwiegen --------------------------- So sind sie angetreten, die hiesigen friedensbewegten Hochschul- lehrer, um passend zu der Kriegsgefahr, die in den Metropolen der NATO in genau dem Maße diagnostiziert wird, wie die eigene Aufrü- stung voranschreitet, ihre Stimme zu erheben: sie warnen und mah- nen, alles und noch mehr für den Erhalt des Friedens zu tun. "Wir können nicht schweigen", dieses erste Motto der Rede von PROREK- TOR OBENDIEK am Donnerstag war nicht nur Auftakt, sondern auch schon die ganze inhaltliche Zusammenfassung der gelehrt-besorgten Meinungsäußerungen. "Das haben wir vom vergangenen Weltkrieg ge- lernt", lautete Motto Nr. 2 seines Beitrags. Beim 3. Weltkrieg ist man offensichtlich darauf aus, sich schon vorher für hinter- her das gute Gewissen zu verschaffen, daß man selber sich hat nichts zuschulden kommen lassen. zurück