Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Der Veranstaltungskommentar
       
       Ringvorlesung "Aufrüstung  und Friedenssicherung";  diesmal: "Die
       Überlebenden werden  die Toten beneiden - Schutzmöglichkeiten und
       medizinische Hilfe im Falle eines Atomkrieges" mit Dr. G. Stempel
       (Arzt)
       

DIE OPFER DEMONSTRIEREN SICH

Was ist der politische Wert einer Veranstaltung, die - in kriti- scher Absicht gegen den Krieg - die schrecklichen Folgen eines Atombombeneinsatzes vorführt, medizinisch analysiert oder gar symbolisch darstellt? Der Aufklärungswert solcher Bemühungen ist gleich Null. Zwar mag man danach genau(er) darüber Bescheid wis- sen, auf welche Art und Weise man versaftet werden soll, wie das, was von einem noch übrig ist, anschließend ausschaut, welche Tode einen noch erwarten, falls man dem Druck-, Feuer- oder Strahlen- tod entgangen sein sollte, etc. - unterm Strich bleibt stets nur das eine hängen: wer von einer A-Bombe getroffen wird, hat so gut wie keine Chancen zum Entkommen. Bloß: Wem teilt man damit ei- gentlich etwas Neues mit? Muß noch irgendein Mensch in diesem Lande, selbst wenn er sich "für Politik nicht interessiert", im Ernst darüber informiert werden, daß Atombomben keine Knallerbsen sind und ihre Detonation kein Konfetti, sondern meilenweise Zer- störungen und radioaktive Strahlung produziert? Bestimmt nicht! D a ß Krieg tot macht (und der nukleare ganz besonders viele, flott und gründlich), weiß wirklich jedes Kind. Und doch: es wird von den Veranstaltern solcher Vorträge (die als Aktionsform "die-in" heißen) ja darauf gesetzt, daß so etwas Wir- kung erzielt. Wer so tut, als müßte man der Menschheit die all- seits bekannten Wirkungen atomaren Kriegsgerätes noch eigens de- monstrativ vor Augen führen, der setzt auf einen Lerneffekt, des- sen m o r a l i s c h e r Wert zwar enorm ist, dessen Überzeu- gungswert aber genau deshalb nicht nur nichtig, sondern grundver- kehrt ist, weil damit eine ungeheuer naive U n t e r s t e l- l u n g getroffen ist: die Ausradierung ganzer Städte, diesen W a h n s i n n, kann doch keiner w o l l e n! Davon muß man nämlich schon ausgehen, wenn die vorweggenommene Darstellung der atomaren Vernichtung irgendjemanden beeindrucken soll: niemand, auch und gerade die zuständigen Aufsteller und Befehlshaber der Nuklear-Waffen nicht, hat ein irgendwie geartetes I n t e r e s- s e an diesen Knallbonbons; nur dann wäre es ja plausibel, an ein gemeinsam vorhandenes Interesse zur Abschaffung dieser Tötungsinstrumente zu appellieren; und nur dann wäre die Demonstration der eigenen Betroffenheit ein Argument, das wirk- lich zieht, wenn die tonnenweise Existenz von Vernichtungsmitteln auf eine U n t e r l a s s u n g, einen I r r t u m der ver- antwortlichen Politiker zurückginge, deren eigentliche Aufgabe im Schutz des Lebens der Menschen bestünde, die sie gerade mal "vergessen" haben... Nur: d a s alles muß man in der Tat g e g e n jede Wirklich- keit "unserer" Raketenrepublik unterstellen, ja g l a u b e n - und damit ist ein solches Ansinnen von vornherein ein ziemlicher Rohrkrepierer. Da gehen "unsere Politiker" gerade daran, sich atomare "Enthauptungswaffen" - so der ehrliche NATO-Jargon - zuzulegen, um der von ihnen seit dem letzten Weltkrieg zum Weltstörenfried erklärten Sowjetunion "das letzte Kapitel zu schreiben". Sie kal- kulieren dabei mit ihrer eigenen und mit der Bevölkerung des Ost- blocks als ihnen selbstverständlich zur Verfügung stehende M a n ö v r i e r m a s s e e i n e r e r f o l g r e i c h e n K r i e g s f ü h r u n g - US-Politiker haben bekanntlich be- reits ausrechnen lassen, wieviele US-Bürger (nämlich so um die 30 Millionen herum) ein Sieg "ihres" Landes über die SU das Leben kosten würde: ein für die Politiker des imperialistischen Natio- nen also durchaus nicht zu hoher Preis! S i e stellen damit doch klar, daß Atomraketen (wie alles Kriegsgerät) eben noch nie zum Schutz der Bürger im Lande angeschafft wurden, sondern um die - offenkundig ziemlich maßlosen! - Ansprüche eines NATO-Staates wie der BRD auf Zuständigkeit überall auf der Welt auch entspre- chend schlagkräftig zu machen! Und d a z u soll man sagen bzw. so tun: das d a r f doch ein- fach nicht wahr sein? Ist es nicht ziemlich kindisch, vor solchen Vorhaben der eigenen Obrigkeit quasi den Kopf in den Sand zu stecken und den "Wahnsinn" zu beschwören? Nur, weil man sonst den guten Glauben an die menschenfreundliche Bestimmung von Vater Staat über Bord werfen müßte? Gerade Politikern erzählt man doch echt nichts Neues, wenn man ihnen die verheerende Wirkung von Atombomben vorführt: die be- stellen sie doch - wegen dieser Wirkung! Sollte man nicht stutzig werden, wenn der Weit oberster Kriegs- herr, Ronald Reagan, nach der Premiere des (Anti-)Kriegfilms 'The day after' der Menschheit verkündet: "Genau das wollen wir ver- hindern", - wenn er also mit den Schrecken des Atomkrieges (die es o h n e die Politik eines weltumspannenden Exports von "Frieden in Freiheit" nicht mal der Möglichkeit nach gäbe) - aus- gerechnet für die unwidersprechliche Notwendigkeit der "pax ame- ricana" wirbt? Und so jemand, der ganz sicher darum weiß, daß seine Politik ohne den Einsatz massiver Waffengewalt nicht zu haben ist und sie ent- sprechend betreibt, soll beim filmischen Szenario eines Atomblit- zes zusammenzucken und zerknirscht von seinen Vorhaben ablassen? Oder soll es darauf schon gar nicht mehr ankommen, und man gibt sich damit zufrieden, sein m o r a l i s c h e s G e w i c h t in die Waagschale geworfen zu haben - ein "Gewicht", das man üb- rigens aus nichts anderem bezieht, als O p f e r der eigenen Herrschaft zu sein. D a s nämlich führt man vor und fügt gleich hinzu: mehr als die Demo, ein solches zu s e i n, will uns gegen diejenigen, die einen dazu m a c h e n, auch nicht einfallen! Stattdessen macht man sich allen Ernstes Gedanken darüber, ob und wie ein Leben nach dem "atomaren Holocaust" nicht doch noch mög- lich sei oder ob man für die Überlebenden nicht eine Überdosis Morphium bereithalten solle. Irgendwie keine Alternative: also weiterhin brav seine Bürgerpflichten erledigen (und sich in die Nachttischschublade den Strick legen)! zurück