Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Der Veranstaltungskommentar
       
       Friedenspolitiker und Friedensforscher im Volksbildungsheim.
       

REGLER UND SPRACHREGLER

Sogar das Fernsehen war da, als die Hessische Stiftung für Frie- dens- und Konfliktforschung (HSFK) sich die Außen- und Militärpo- litiker Hans-Gert Pöttering (CDU), Karsten Voigt (SPD) und Olaf Feldmann (FDP) (Schily von den Grünen fehlte, weil er "im Stau" steckenblieb) zu einer Diskussion "Europa - ohnmächtige Kraft zwischen den Weltmächten?" eingeladen hatte. Damit war der Abend eigentlich schon fast gerettet: Erstens saßen doch die Repräsentanten des sicherheits- und militärpolitologi- schen Geistes tatsächlich mit politischen Machern, deren Tun sie mit friedenspolitischen Alternativmodellen zu begleiten pflegen, g e m e i n s a m auf einem Podium! Und zweitens ("Wann wird denn das gesendet?") auch noch im Fernsehen! Is ja irre! In der ersten Abteilung gingen Politiker wie Wissenschaftler - wie auch im Titel der Veranstaltung bereits angedroht - von der überhaupt keines Nachdenkens für Wert befundenen Überzeugung aus, daß Europa, gemessen am Ideal seiner konkurrenzlosen Weltmacht, ein armes Würstchen sei, das nichts zu melden habe. HSFK- und Mann Ropers erläuterte an drei "Denkmodellen", warum deren jewei- liger Ansatz zur Überwindung dieses Zustands unzureichend sei: a) "Eine stärkere europäische Säule innerhalb der NATO "komme nicht in Betracht, da dann die USA wieder den nuklearen Kern der Verteidigung stellten, was zu einer "Verfestigung des östlichen Bündnisses" führen könne: Scheiße! b) Eine eigenständige europäische Nuklearmacht würde infolge ih- rer "Schwäche" die "Glaubwürdigkeit der Abschreckung" gefährden: Auch Scheiße! c) Eine "Neutralisierung Europas" sei so lange undurchführbar, wie es nicht "auch im Osten zur Demilitarisierung kommt": Also erst recht Scheiße! Was war hier im Kopf von Herrn Ropers zuerst vorhanden? Die Mo- delle oder das Muster ihrer Widerlegung? Einerlei. Jedenfalls stellte Friedensforscher Rogers damit von vorneherein klar, daß sich die heutige Friedens- und Konfliktpolitologie - bei ihrem Erfindungsreichtum strategische "Konfliktlösungs"-Modelle betref- fend - realitätstüchtig an den Vorgaben der NATO-Politik orien- tiert: Eine glaubwürdige Abschreckungsperspektive zur Destabili- sierung des östlichen Bündnisses müssen diese Denkkonzepte schon liefern, damit sie in den Augen akademischer Friedensfreunde Bil- ligung finden können. Was von den "Ansätzen" immerhin übrig- bleibt, wenn man sie erstmal des militärstrategischen Idealismus überführt hat, ist der "Beweis", daß man sich die europäische NATO-Macht auch jederzeit als strukturellen "peacemaker" v o r s t e l l e n kann. So meinte Herr Ropers, Europa bliebe eben nichts anderes übrig, als sich als "zivile Macht weiterzuentwickeln". Wieviel "Macht" er für dieses "zivile" Gebilde für nötig hielt und was genau das "Zivile" an einer dritten Weltmacht sein soll, die sich vor den Supermächten nicht zu fürchten braucht, darüber ließ sich Herr Friedensforscher nicht weiter aus. Seine Vorlage jedenfalls ließen sich die Herren Politiker natür- lich nicht entgehen: Sie brachten lauter lupenreine Bekenntnisse zur Stärke Europas, zur Überwindung der "unerträglichen" Spaltung etc. unter dem verlogenen Obertitel 'Weiterentwicklung Europas als Friedensmacht' zur Sprache. Woran man sehen kann, daß die Ge- hirnakrobatik von Leuten, die akademische Modelle entwerfen, diese selbst des Idealismus bezichtigen und zugleich auf ihrer Denkbarkeit beharren, nicht ganz nutzlos sind: Zur ideologischen Verbrämung der aktuellen Aufrüstungspolitik taugen sie allemal. Die Eröffnung des zweiten Teils der Diskussion behielt sich Lothar Brock vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften selbst vor, und zwar mit der folgenden genialen Frage: "Ist strukturelle Nichtangriffsfähigkeit (strukturelle Angriffs- fähigkeit) als Begriff im politischen System konsensfähig?" Diese Frage offenbart vor jeder Antwort einiges über den, der sich traut, sie zu stellen: 1. Über den Geisteszustand der HFSK-Politologen. Die pflegen of- fenbar mit diesem unaussprechlichen Gedankenprodukt die Vorstel- lung, daß unter bewußter Abstraktion von allen kriegsträchtigen politischen Zwecken in den dafür angeschafften Kriegs m i t- t e l n der friedliche (= rein defensive) Charakter der Militärblöcke garantiert werden könnte. Und was sind das für Waffen, denen die Fähigkeit abgehen soll, nach vom zu schießen?! 2. Aber so "konkret" wird da natürlich nicht gedacht: Explizit soll dieser Ungedanke ja nur dazu dienen, den Politikern ein An- gebot zu machen, wie sie ihre Politik mit einer neuen wissen- schaftlich verschraubten Sprachregelung versehen könnten. Von we- gen also Friedensforschung 1986 sei (wie ihr einst einmal vorge- worfen wurde) "besserwisserische Kritik" - sie erkundigt sich höflich beim Politiker, ob er als M a c h e r der Politik mit ihren Denkprodukten nicht etwas Produktives anfangen könne. Für den ist dies natürlich eine willkommene Angelegenheit: Wo Po- litiker ohnehin täglich ihre Maßnahme mit den Weihen einer höhe- ren Idee versehen, die den "Konsens" aller einfordern, nehmen sie dankbar Sprachregelungen der Wissenschaft auf, wenn deren vor Subalternität triefendes Anliegen darin besteht, einen "im poli- tischen System konsensfähigen" Kalauer entwickelt zu haben, zur "politischen Unterfütterung" geradezu herausfordert: Und so fällt dem liberalen Feldmann dazu ein, daß strukturelle Angriffsunfähigkeit zwar sehr schön sei, aber "beiderseits" stattfinden müßte, also müssen erstmal die drüben... Der christ- liche Pöttering beharrt darauf, daß der NATO-Gewaltapparat prak- tisch nichts anderes als verwirklichte "strukturelle Angriffsun- fähigkeit" sei, denn: "Die NATO ist als Verteidigungsbündnis nie zum Angriff in der Lage". Das überzeugt! Der soziale Voigt schließlich ließ es sich nicht nehmen, als dankbarer Gast selbst wissenschaftlich zu werden: Er entwarf eine militärpsychologische Prämisse, nach der eine jeweils verzerrte Wahrnehmung militä- rischer Bedrohung selbst zu einem Grund der Rüstung geworden sei, und ließ sich davon zu dem Vorschlag animieren, daß vor Abrü- stungskonferenzen ein "wissenschaftlich-politischer Dialog" dar- über zu führen sei, was man wechselseitig unter "struktureller Angriffsunfähigkeit" eigentlich verstehen müsse. Wofür der Dialog gut sei, daran ließ er im Lauf der Diskussion weder Zweifel noch erntete er Widerspruch: "Man muß die SU zur Veränderung bringen, sie ist noch nicht so, wie ich sie möchte"... Es war also ein gelungener Abend: Die Politiker hatten Gelegen- heit, ihre imperialen Ansprüche mittels der wissenschaftlichen Stichworte als Suche nach Gewaltlosigkeit, Bedürfnis nach Ver- ständigung etc. darzustellen. Die Wissenschaftler waren sturzzu- frieden, daß sie ihre Einfälle den Politikern andienen konnten und diese damit argumentierten. Fazit: Je unnachgiebiger und be- dingungsloser die Staatsmänner an der Kapitulation ihres Feindes arbeiten, desto beflissener arbeiten Friedensforscher an Begrif- fen, die diese Politik als Suche nach Ausgleich und Gewaltlosig- keit erscheinen läßt, ohne deren Ziele dabei zu verleugnen. zurück