Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Bremer Hochschulzeitung Sonderausgabe, 12.05.1980
DIE REIHEN FEST GESCHLOSSEN
Mitten im finstersten Frieden ist in Bremen nach offiziell bestä-
tigten Meldungen ein Krieg ausgebrochen. "Das ist ja wie im
Krieg!", kommentierten die Friedensberichterstatter aller Zeitun-
gen die Ereignisse am 6. Mai. Gemeint war nicht die öffentliche
Vereidigung der 1200 Rekruten für den Ernstfall gleichen Namens,
sondern der Protest einiger Demonstranten dagegen, der sich nicht
auf Transparente und Parolen beschränkte. Pflastersteine und ein
paar Latten gegen 500 000 Mann unter Waffen, mit Panzern und Ra-
keten, und eine zu allem entschlossene politische Führungsgarni-
tur machen einen Krieg aus? Da lachen ja selbst die im Stadion
anwesenden Feldjäger, wenn sie nicht wüßten, wozu die Kriegsmel-
dung lanciert wurde. Weder wurde die allgemeine Mobilmachung an-
geordnet, noch ist es aufgrund der Bremer Ereignisse zu nennens-
werten Hamsterkäufen gekommen. Die Urheber dieser Meldung wie ihr
Publikum waren sich eben ganz sicher, daß es sich (noch) nicht um
eine ordnungsgemäße Kriegserklärung handelte, wie sie sich
S t a a t e n normalerweise wechselseitig zukommen lassen, wenn
sie ihre Völker nach allen Regeln des Völkerrechts ins Feld
schicken, Ein paar Zivilisten vor dem Stadion die zweifelhafte
Ehre anzutun, sie stunden im Range einer kriegführenden Macht auf
dem gegnerischen, d.h. BRD-Territorium, ist also eine Erfindung,
die, je blöder, desto ernster gemeint ist in ihrer unüberhörbaren
Drohung. Denn die Titulierung einer Lederjacke samt Schutzhelm
als Kriegswerkzeuge verspricht ihrem Träger nichts Geringeres,
als ihn auch als Kriegsgegner zu behandeln. Und wie in jedem
Krieg sind ehrenvolle Gegner nur die toten Gegner. Erschossen
wurde am Dienstag allerdings niemand. Das hat schon seine Rich-
tigkeit, denn jeder Politiker aus Bonn und dem NATO-Hauptquar-
tiert weiß ja, warum ein paar "Politrocker" zu einer
"Kriegsgefahr" h o c h s t i l i s i e r t wurden. Hinter die
Ohren schreiben soll sich nämlich der R e s t der Menschheit,
welche Urteile die Staatsgewalt über Leute in die Welt setzt, die
nicht nur auf sie schimpfen, sondern auch mal Steine werfen. Da
hört eben der Spaß schon längst auf, und jedes Mißverständnis
hier kann tödlich werden.
Meinungsfreiheit ist zum Schützen da!
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Der Mehrzahl der "friedlichen Demonstranten" ist damit zunächst
einmal vorgeführt, daß ihnen ihre "friedliche Absicht" überhaupt
nichts nutzt, sobald und solange es die andere Abteilung der De-
monstranten, die kriegführenden "Politrocker" gibt:
"Noch ist nicht klar zu erkennen, wer die Antreiber der Aus-
schreitungen in Bremen waren und wer bloß Mitläufer. D o c h
d a r a u f k o m m t e s n i c h t a n!..." (DIE ZEIT)
Beziehungsweise: noch einmal kommt es auf diese Unterscheidung
g e r a d e an, weil in Zukunft sich niemand mehr als
"Mitläufer" von den "Läufern" absetzen und damit aus der Klemme
juristischer Verfolgung ziehen kann. Ab sofort gehört folglich
jeder, der aus seiner kritischen Gesinnung nicht nur ein Gewis-
sen, sondern einen Protest machen will, automatisch zu den
"Steinewerfern", wenn er nicht i n seiner Kritik zunächst ein-
mal eine Distanzierung davon mitformuliert, sprich eine unmaßgeb-
liche Meinung zum besten gegeben haben will.
Die Zeit fährt in ihrer Klarstellung fort:
"...Der demokratische S t a a t hat das Recht (blöd zu fragen,
wer es ihm gibt; das beantwortet er selbst jeden Tag) auf Selbst-
behauptung (jedem Tierlein und Pflänzlein wird es zugestanden, da
darf es doch wohl unser Staat ein wenig für sich beanspruchen!),
den Anspruch auf Bewahrung seiner Existenz. Dazu gehört auch die
Bundeswehr. Der Staat darf von seinen B ü r g e r n fordern,
daß sie für diese Selbstverständlichkeit eintreten. Dagegen wurde
demonstriert - wogegen sonst." (DIE ZEIT)
Das 'Unerhört' spart sich der Schreiber, weil sowas in die BILD
gehört. Also: gegen die "Selbstbehauptung des Staates" und alles,
was an Nuklearsprengköpfen und Einsatzbefehlen so dazugehört,
darf niemand mehr sein - weil Selbstverständlichkeiten eben
Selbstverständlichkeiten sind. Auch die Kritik am Bürger, der
diese Selbstverständlichkeiten auszubaden hat, muß unterbleiben,
weil jeder gegen den Umstand, daß Bürger für den Staat da sind
und nicht umgekehrt, vorgebrachte Gedanke eine freiheitsfeindli-
che und friedensbedrohende Wehrkraftzersetzung ist.
Nun soll allerdings niemand ankommen und die Frage nach der
"Meinungsfreiheit" stellen, und wo sie denn geblieben sei. DAS
IST SIE!, hat CARSTENS im Weserstadion klargestellt:
"Carstens wies dabei darauf hin, daß die jungen Soldaten mit ih-
rem Dienst auch die Freiheit derer gewährleisten, die die Bundes-
wehr ablehnen. Die Möglichkeit zu einer solchen freien Mei-
nungsäußerung könnte schnell ein Ende finden, wenn die Bundeswehr
unsere Sicherheit nicht mehr verbergen wurde." (WESERKURIER)
Das hier jedem Kritiker abverlangte Kunststück, zunächst einmal
ohne jede Einschränkung f ü r die Bundeswehr zu sein, um über-
haupt seine unmaßgebliche Meinung g e g e n sie äußern zu dür-
fen, ist so schwer gar nicht, wenn man sich an den Gedanken ge-
wöhnt, daß die Meinungsfreiheit ein so hohes Gut ist, daß ihr
Schutz allemal über ihren Gebrauch geht. Alles andere ist Miß-
brauch!
Ohne-Michel und Mit-Michel!
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In Anbetracht der Verantwortung, zu der heute Politiker und die
Schreibtischtäter der Journaille aufrufen, ist es für das Volk
ein Leichtes mitzuziehen. Die Bürger muß man nicht lange rufen.
Sie stehen zu d e r Verantwortung, die 'Pflicht für die Nation'
heißt. In einer Demonstration für Frieden und gegen die Vereidi-
gung sehen sie, was sie zu sehen haben, auch ohne lange dazu auf-
gefordert zu werden nämlich den verbotenen Angriff auf die Grund-
festen "unseres Staates". Es handelt sich also schon wieder um
eine gezielte Erfindung unserer studierten Politiker, wenn sie
über die angebliche Distanz des einfachen Mannes klagen, sich
"voll hinter die Bundeswehr zu stellen" (GENSCHER) und ihm den
"Ohne-Mich"-Standpunkt anhängen. überflüssig ist sie deswegen al-
lerdings nicht: es wird damit öffentlich verbindlich erklärt, was
in Zukunft auf jeden Fall n i c h t geht, nämlich auf Distanz
zur Bundeswehrmacht zu gehen. Mehr noch: einfach zu akzeptieren,
daß auch dieser Staat wie jeder andere eine Armee unterhält,
reicht nicht mehr. Ein Bekenntnis zur Wehrbereitschaft ist die
deutsche Pflicht der Stunde. Wer da kleinlich wird und daran
denkt, wie er seine Haut retten kann, ohne sie zu opfern, hat
nicht mitbekommen, was der Staat nicht erst seit heute "fordern
darf":
"Die Versuchung wächst, wenn die Hoffnung keimt, Überleben könne
sich erkaufen lassen." (DIE ZEIT)
Soldatische Moral ist heute gefragt und die Einbildung, sie hätte
sich auf den Kasernenhof zu beschränken, muß entschieden bekämpft
werden:
"Offenbar gibt es... immer noch eine Sperre gegen die Einsicht,
daß man nicht allein die Vorteile aus der Westintegration genie-
ßen kann, sondern auch bereit sein muß, die Konsequenzen dieser
Parteinahme zu tragen. Die Last läßt sich nicht auf dumme Kulis
abwälzen, die man dann mit der entsprechenden Verachtung behan-
delt." (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG)
Die Vorteile der Westintegration liegen auf der Hand: die BRD
hat, was sie für ihre imperialistische Politik braucht, also auch
der Bürger. Und wer außer ihm sollte sonst dafür bezahlen und
dankbar sein? Der "dumme Kuli" ohne Uniform soll sich an denen
mit Uniform eine Scheibe abschneiden, denn nur so sind beide Sor-
ten Kulis für Deutschland brauchbar vor und in den schweren Stun-
den der "Selbstbehauptung
Die Reihen fester schließen!
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Die Devise der Bonner Führer nach dem 6. Mai heißt "Jetzt erst
recht!". Weniger weil sie bislang mit ihrer Einstimmung der Deut-
schen auf ihre Kriegsvorbereitung k e i n e n Erfolg gehabt
hätten, sondern w e i l sie so erfolgreich damit waren. Es ist
nämlich der gelungene Nationalismus der deutschen Michels, der
ihnen die Sicherheit verleiht, aus jeder noch so kleinen Störung
der Aufrüstung der wehrhaften Nation einen Riesenskandal zu ma-
chen, der prompt und zielstrebig dazu benutzt wird, auf diesem
Weg weitere Fortschritte zu machen. Umgekehrt w i r d deshalb
auch aus dem letzten Fünkchen kritischer Distanz ein echter Skan-
dal - und sei es auch nur die blöde Friedenstaube mit ihrem Öl-
zweig. Die deutschen Führer werden also mit jeder weiteren öf-
fentlichen Vereidigung auf ihre Bürger immer stolzer werden dür-
fen, je mehr sie den ihnen abverlangten Zumutungen ihrer Herr-
schaft mit Bekundungen der Sympathie ihre Reverenz erweisen und
den Nörglern das Handwerk legen und legen lassen: in Bremen war
jede Beule auf Seiten der Ordnungskräfte der Bremer Bevölkerung
ein Angebinde mit Danksagung wert - heißt es.
Es steht zu befürchten, daß dies die Wahrheit ist.
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