Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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OSTERMARSCHIEREN IST VERKEHRT
"Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird
leben, auch wenn er stirbt." (Jo. 11,25)
"NRW darf nicht zum Schlachtfeld der ersten Stunde werden."
"Unser Land würde das erste sein, das endgültig und total zer-
stört würde." "Von deutschem Boden kann nie wieder ein Krieg aus-
gehen." "Europa atomwaffenfrei." "Weg mit den Atomraketen." "Die
Regierung hat keine Mehrheit und kein Mandat." "Die Bundesregie-
rung hat den Rahmen der verfassungsmäßig zulässigen Verteidigung
verlassen." "Rüstet ab. Schafft neue Arbeitsplätze." "Aufstehen
für das Leben." "Das Revier muß leben."
Dies einige der gängigen Parolen, mit denen zu den diesjährigen,
regionalen Ostermärschen aufgerufen wird. Gerade diesmal soll die
Demo besonders wichtig sein, "um zu zeigen, daß die Friedensbewe-
gung nicht tot ist". Wir möchten dagegen die Fragen diskutieren,
ob diese Forderungen nicht schon je totgeborene Produkte verkehr-
ter oppositioneller Gesinnung sind; ob sie zur Gegnerschaft gegen
diese Raketen-Nation taugen; wer und wofür damit eigentlich mobi-
lisiert wird.
1.
Was ist, wenn genau diese Forderungen erfüllt werden? Wenn Europa
atomwaffenfrei gemacht, mit konventionellen Waffen ausgerüstet
den Osten bedroht? Die Atomwaffen in Grönland, Japan und sonstwo
stationiert sind? Wenn der Atomkrieg woanders stattfindet? Er ga-
rantiert nicht von deutschem Boden l o s geht? Wäre es gesünder,
wenn der Staat sein Geld in eine verfassungsmäßige Verteidigung
steckt? Wenn die Waffen d e u t s c h e wären? Ein souveräner
deutscher Krieg ohne US-Patronat, den die Bundesregierung garan-
tiert nur aus Gründen deutscher Vaterlandsverteidigung erklärt -
ist d a s euer Wunschtraum vom "Verteidigungsfall"? Und wenn
Kohl dafür die Mehrheit hätte, wärt ihr zufrieden? Welches Land,
bitteschön, könnt ihr euch denn als das erste vorstellen, das
zerstört sein soll? Welches Land sollte denn das Schlachtfeld der
ersten Stunde sein - wenn nicht Hessen, NRW - unsere Heimat? Was
wäre denn gewonnen, wenn eure Forderungen zum Ostermarsch 84
buchstabengetreu in Erfüllung gingen?
2.
Euren Einwand kennen wir schon:
"So haben wir das gar nicht gemeint!" Nur: Warum formuliert ihr
denn dann eure Forderungen und Parolen gerade so? "Sonst sind wir
nicht mehrheits- und konsensfähig?" Verstehen wir euch richtig:
Ihr wollt die gehorsame Mehrheit im Lande nicht verändern, um
Gottes willen nicht kritisieren, sondern so gehorsam, wie sie
ist, für euch gewinnen -? Ihr wollt den "Konsens" gar nicht auf-
kündigen, sondern euren abweichenden Standpunkt dem herrschenden
"Konsens" anpassen und genehm machen -?
"Wir müssen realistisch sein und können nicht gleich alles for-
dern, sondern müssen Schritt für Schritt vorgehen." Ach so: Wenn
man einem Wörner- und NATO-Fan klarmacht, daß es inzwischen für
Atomraketen längst g l e i c h w e r t i g e n E r s a t z
gibt, dann hat man ihn, eurer Meinung nach, auf den Weg zur
Kriegsgegnerschaft gebracht?! Die nationalistische Feindschaft
gegen die Sowjetunion wollt ihr dem Publikum des bundesdeutschen
Frontstaats nicht gleich madig machen - aber daß d a f ü r viel
weniger Waffen nötig wären und schon gar keine US-Armee, das sol-
len eure Adressaten plausibel finden - und das ist dann die re-
alistische Methode für erfolgreiche Opposition?! In eurem
"Realismus" pflegt ihr die Illusion, die "schweigende Mehrheit",
auf die ein Kohl sich verläßt, könnte doch gar nicht wirklich das
wollen, was die von ihr gewählte Regierung mit Land und Leuten
anstellt. Merkt ihr denn nicht, daß genau die "Mitbürger", mit
denen ihr euch verbrüdern und verschwestern wollt, euch die Poli-
zei auf den Hals wünschen und jede Prügel gönnen oder euch damit
"in Schutz nehmen", i h r hättet die Dresche nicht
v e r d i e n t, weil ihr doch ach so friedfertig seid?!
3.
Nein, wahrscheinlich merkt ihr das wirklich nicht! Denn irgendwo
habt ihr andererseits ja auch recht mit euren Illusionen über die
"wahre Meinung der Volksmehrheit": Die teilt zwar nicht eure
"Kritik" - aber i h r teilt sämtliche F e h l e r einer schon
ziemlich kriegsbereiten bundesdeutschen Öffentlichkeit:
- Ihr verlangt vom Staat eine grundgesetzmäßige V e r t e i d i-
g u n g. Und: Steht in der Verfassung etwas davon, daß Vater
Staat seine Kinder verteidigt? Oder verteidigt sich nicht im
Ernstfall die Staatsgewalt, die verfassungsgemäße, ganz grund-
gesetzlich durch Einsatz des Lebens ihrer Bürger?!
- Ihr hängt an eurer H e i m a t. Glaubt ihr denn im Ernst, die
Bundesländer Hessen, Bayern usw. wären extra dafür eingerichtet
worden, damit ihr euch dort wohlfühlt? Der Zwang, in anderer
Leute Firma Geld zu verdienen, in anderer Leute Häusern zur Miete
zu wohnen, mit jedem Stück Arbeit fremdem Reichtum zu dienen
usw.: ist dieser Zwang nicht ein bißchen realer als die schönen
heimatverbundenen Idealbilder von Niedersachsens Küsten oder Nie-
derbayerns Fluren?
- Ihr versteht euch auf die Abwägung: Der atomare Holocaust wird
wirklich nichts mehr übriglassen". Waren oder sind konventionelle
Kriege und Waffen unterhalb der "nuklearen Schwelle" etwa gemüt-
licher, nur weil sie eventuell noch ein paar Leute, Fabriken, Ar-
beitsämter, Kasernen und Politiker übriglassen? Muß man eigent-
lich jede Alternative mitmachen, die die eigenen Gewalthaber ei-
nem aufmachen? Soll man sich sein Lebtag und sogar noch fürs
Sterben immerzu f ü r e i n Ü b e l entscheiden, bloß weil es
noch ein g r ö ß e r e s gibt?
- Bei jeder NATO-Kritik fällt euch immer gleich die
S y s t e m f r a g e aufs Gewissen: Hier d a r f man doch im-
merhin "dagegen" sein... In der Tat: Leute, die sich immer zual-
lererst danach erkundigen, was sie d ü r f e n, haben es hier-
zulande gut getroffen. Solange die Freude übers Dagegen-Sein-Dür-
fen größer ist als der Ärger über den kriegsbereiten Staat, gegen
den man protestiert - genau so lange darf man hierzulande nach
Herzenslust protestieren!
- Ihr besteht auf eurem "Recht auf L e b e n". Und das soll ein
Einwand dagegen sein, daß der Staat - der seine Untertanen ja
nicht umbringen will! - das gesamte "gesetzlich geschützte" Leben
seiner Bürger für seine Zwecke v e r p l a n t?! Für gar nichts
anderes mehr als für diese letzte Abstraktion: "das Leben"
"aufzustehen" läuft das nicht auf die äußerste S e l b s t-
l o s i g k e i t hinaus: auf ein Opfer sämtlicher eigener
Lebens z w e c k e?!
4.
Die Lügen von der Verteidigung und der Schwindel mit der Heimat,
der Zynismus mit der "Atomschwelle" und die Knechtstugend der
Freude am Erlaubten, die demokratische Freiheit, das Gnadengesuch
ums nackte Überleben-Dürfen - all diese Ideale sind die ideologi-
schen Waffen einer Regierung, die ihr Volk auf Krieg vorbereitet.
Sie werden nicht dadurch besser, daß sie ein alternativ-ideali-
stisches Echo bei den Betroffenen finden. Wer mit diesen Phrasen
protestiert, macht sich zum bloßen Stichwortgeber für die Kriegs-
agitation seiner Obrigkeit.
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