Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 12, 12.05.1982
Ostermarsch '82: Die Friedensbewegung geht weiter!
PROTEST ZUM FEST
Spätestens jetzt ist klar, daß schon im Herbst '81 zur Zeit der
großen Demonatration in Bonn keiner der Friedensbewegten daran
geglaubt hat, daß mit dem vertrauensseligen Appell an die Bun-
despolitiker die Nachrüstung verhindert werden könnte oder
sollte. Inzwischen nämlich hat Bonn absolut klargestellt, daß
sich weder die sozialliberale, noch eine andere deutsche Regie-
rung von ihren militärischen Plänen gegen den Osten abbringen
lassen wird - ohne daß dies zu einem wütenden Aufschrei und einer
Selbstkritik der Friedensbewegung geführt hätte.
Obwohl der demokratische Appell die Bonner Politiker ganz offen-
sichtlich kalt läßt, denkt keiner der Organisatoren der Friedens-
bewegung an den fälligen Kampf gegen die große Koalition der Bon-
ner Aufrüster, sondern stellt sich lieber die Frage, wie es mit
der Friedensbewegung weitergeht - gerade wenn sie sich etwaige
Illusionen über Rüstungsverhinderung abschminkt. Unseren Verdacht
vom Herbst bestätigen die Organisatoren des Ostermarsches: sie
sind in das öffentliche Herumtragen ihre persönlichen Friedens-
liebe so verliebt, daß sie dieses Treiben explizit vom ursprüng-
lich vorgegebenen politischen Anliegen abtrennen und als Selbst-
zweck weiterführen. Das geht so:
1. Wir machen die Friedensbewegung zum Ritual!
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Zum Demonstrieren braucht es normalerweise einen Gegner und einen
Anlaß - sonst könnte man ja zuhause bleiben. Letzten Herbst war
es noch die deutsche Haltung zum Nachrüstungsbeschluß. Ein poli-
tischer Anlaß soll es nicht mehr sein. Also legt man die Frie-
densdemonstration auf den Ostersonntag, an dem die Christen den
"Sieg über die Mächte des Todes feiern" (Aufruf). Baut den Pro-
test sozusagen fest in das Kirchenjahr ein und schafft sich mit
dem Ostermarsch '82 gleich einen Anlaß für den von 1983, '84 und
so weiter bis zum Krieg und hinterher wieder.
2. Wir verschaffen der Bewegung eine Tradition!
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Leute, denen etwas stinkt und die das bekämpfen, brauchen keine
Tradition und pflegen auch keine. Eine Bewegung aber, die sich
selber lieb hat, schmückt sich gerne mit dem "Argument", daß es
ihr Anliegen schon lange gibt, also auch völlig unabhängig von
bestimmten politischen Anlaß ist - gewissermaßen eine
ü b e r z e i t l i c h e Haltung der verantwortungsbewußten
Menschen.
Zurecht berufen sich die heutigen auf die trostlosen Ostermar-
schierer der Sechziger, welche munter neben der Wiederaufrüstung
in Deutschland und der Ausstattung der NATO-Verbände mit Atomwaf-
fen herliefen. Auch den alten ist es nur um die Demonstration ih-
rer Friedensliebe und nicht um die Verhinderung der Atomrüstung
gegangen, sonst hätten sie an ihrem Treiben doch verzweifeln müs-
sen, anstatt es den Heutigen zur Nachahmung zu empfehlen und sel-
ber die Aushängeschilder für Ostermarsch-Tradition zu spielen.
3. Wir gehen mit der Zeit und setzen uns neue Ziele!
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"Immer wieder entzünden sich Diskussionen an der Frage, ob über
die Verhinderung der Nachrüstung hinaus weitere Forderungen ge-
stellt werden sollen. Mehrere Friedenskämpfer befürchten, daß die
Luft sehr schnell heraus ist, wenn 1983 doch Atomwaffen statio-
niert werden. Ihre Ziele gehen deshalb (!) weiter: Atomwaffen-
freie Zone Europa..."
Da dreht sich doch alles um! Da gibt es nicht ein politisches
Ziel, für das sich Leute bewegen, sondern eine Bewegung und damit
da die Luft nicht rausgeht, muß sie sich immer neue Ziele setzen,
und zwar nicht deshalb, weil die alten verwirklicht und abgehakt
sind, sondern weil man da nichts erreicht und sich noch weiter
bewegen will! Und weil man den konkreten Punkt der Nachrüstung
hinnimmt, geht man ins Allgemeinere und Visionäre, da kann man
sich ewig bewegen.
Bis 1983 hin aber ist die Fortentwicklung der Ziele höchst real-
politisch:
Neben die ursprünglich genannte Verhinderung der Nachrüstung ist
im Aufruf zum Ostermarsch 82 eine Forderung nach "Sofortigen
Stillstand der atomaren Mittelstreckenrüstung" als Einstieg in
Abrüstungsverhandlungen, sowie 3. die Sorge um die Genfer Ver-
handlungen getreten: "Doch ihr Erfolg ist ungewiß."
War man letzten Herbst wenigstens verbal noch gegen die Nachrü-
stung der NATO, so freundet man sich mittlerweile mit dem Fort-
schritt der Politik an: Das Moratorium für die Dauer der Genfer
Verhandlungen hat die SPD-Linke aufgebracht, und so ihr Ja zum
Doppelbeschluß ausgedrückt: Das militärische Ziel der Pershing-
Raketen-Ausschalten der SS 20 - soll nach Möglichkeit mit Raketen
erreicht werden, die es noch gar nicht gibt. Mit der Anteilnahme
an den Genfer Verhandlungen, daß die Russen ihre Mittelstrecken-
raketen allesamt wegschmeißen und die NATO dafür nichts auf-
stellt, was sie nicht schon hat! Und auf solche Kapitulationsver-
handlungen hoffen deutsche Friedensmenschen. Dafür werden die
Verhandlungen ja auch gemacht: Ihr Scheitern ist beabsichtigt und
liefert gerade den Friedensfreunden den Beweis, daß Verhandeln
mit den Russen nicht geht.
4. Wir verbreitern die Bewegung!
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Das machen wir dadurch, daß wir gegen niemanden und nichts etwas
sagen. Wir sind für Frieden - und wer ist das nicht; und gegen
Rüstung - und versehen mit einem "leider", ist das auch jeder.
Wir sagen gegen die Rüstung alles, was auch Reagan, F. J. Strauß
und die Bundeswehr (in ihrer Werbebroschüre) gegen Rüstung sagen:
Daß sie Geld vom Sozialhaushalt, Umweltschutz und Entwicklungs-
hilfe abzieht. Wozu gerüstet wird, wollen wir lieber gar nicht
wissen, da müßte man sich um Politik streiten und jede politische
Aussage schmälert die Breite unserer Einheit.
Auch ob wir uns gegen die NATO und/oder/mehr gegen den Ostblock
richten brauchen wir nicht zu entscheiden. Gleichgültig, wer die
"Kriegsgefahr" in die Welt setzt, wurscht wer was von wem will.
Wir sind gegen keine politischen Ziele, wir sind nur gegen Waffen
und die haben beide Seiten; also sollen sie sie bitte
wegschmeißen, wir können uns sowieso nicht vorstellen wozu sie
die brauchen.
5. Mit diesem billigen, politisch neutralen Ideal hat man sich
die richtige Basis geschaffen, um neben und unbehelligt vom all-
täglichen Gehorsam, mit dem man die Regierung stärkt und ihr alle
Gelder und Freiheiten für ihre außenpolitischen Ambitionen läßt,
die Einheit der sonntäglich versammelten Friedensfreunde zu
schmieden.
5. Mit Politik wollen wir nichts zu tun haben!
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"Wir wollen keine Politik bekämpfen und auch selber keine Politik
sein!" So müssen die Organisatoren des Ostermarsches denken und
selbstbewußt bloß die Rolle der Moralsoße zur Politik anstreben.
Damit Antikommunisten auch solche bleiben können, dürfen politi-
sche Oraganisationen nicht am Ostermarsch teilnehmen sondern nur
Menschen - und wenn sogar Kommunisten von der DKP nur als Men-
schen auftreten, dann geht mancher Pfarrer und SPD-Fritze mit ih-
nen.
So kommt das herrliche Bündnis zustande in dem DKP-Vertreter, die
die DDR für das bessere Deutschland halten und genau merken, daß
für den großen Schlag gegen den Osten gerüstet wird, zusammen mit
SPD-Politikern, die dem Rüstungekanzler im Bundestag bisher noch
alle nötigen Mehrheiten verschafft haben, im "Trägerkreis für den
Ostermarsch" prominente Menschen spielen. Hinzu kommen Gewerk-
schafter, die die Bonner Parole von den schweren Zeiten für die
Arbeiter wahrmachen, rüstungsbedingte Steuererhöhungen vor den
Gewerkschaftsmitgliedern vertreten und durch Tarifabschlüsse un-
ter der Inflationsrate verhindern, daß die Arbeiter ihre gestie-
genen Kosten wie alle anderen Geschäftsleute weitergeben.
Schließlich kommen als Hauptrepräsentanten des Ostermarsches noch
die Pfarrer hinzu, die die Aufrüstung der NATO für einen Ausdruck
der Gottferne und des inneren Unfriedens von uns allen halten und
auch nach dem Ostergottesdienst noch gegen den alten Adam demon-
strieren wollen. Sie zielen von vornherein nicht auf die Politik,
sondern auf die Rüstung in uns allen!
6. Alles ist Friedensbewegung!
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Der Eindruck einer Opposition, die der Rüstungspolitik feindlich
gesonnen ist, soll also nicht erweckt werden. Die selbstgerechte
und selbstgenügsame Demonstration der eigenen Friedensliebe, an
der die Welt sich ein Beispiel nehmen kann, wenn sie will, hat
ihre eigenen Formen:
- Die Fahrradfahrer machen Radtouren, nennen sie Fahrraddemon-
strationen, sonst für mehr Radwege, jetzt für den Frieden.
- Die Kultivierten gehen ins Schauspielhaus und hören Frie-
denskultur: Brecht, Lieder gegen den Krieg.
- Die anderen gehen ins Metropolis und schauen sich die Filme an,
die dort auch sonst gezeigt werden - jetzt für den Frieden.
- Wer will, kann auf ein "Fest mit Getränken, Essen Musik und
Tanz" gehen, welches nicht wegen Fasching, nicht wegen des Früh-
lings oder der Auferstehung; nein, welches ganz allein für den
Frieden gefeiert wird.
- In den Schulen wird für den Frieden gebastelt, gemalt und ge-
backen: Ein Friedenskuchen nämlich - zur Kriegsverhinderung!
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