Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Nach dem 10. Oktober
       

EIN 300.000-MENSCHEN-MISSVERSTÄNDNIS

Bis zum 10. Oktober, bevor 300.000 Menschen zur größten Demon- stration in der Geschichte der Bundesrepublik zusammenkamen, mußte in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, es gäbe im freien Teil Deutschlands zwei alternative Friedensbewegungen, die sich heftig die Ehrlichkeit des gemeinsamen Anliegens streitig machen. Auf der einen Seite die etablierte Friedenspolitik der Bundesre- gierung, die sich deshalb für Mittelstreckenraketen starkmacht, um die Sowjetunion mit Drohungen zum friedlichen Verzicht auf SS20 zu läutern. Auf der anderen Seite junge Menschen und ältere Christen im Verbund mit Parteipolitikern wie Erhard Eppler, die neue NATO-Raketen für überflüssig bis gefährlich halten. Während die offizielle Friedensbewegung so weit geht, die NATO selbst als vornehmsten Weg zum ewigen Frieden zu feiern, stellte sich der "radikalste" Teil der oppositionellen Friedenspolitik die Aufgabe, Frieden zu schaffen ohne Waffen. Seit Bonn ist je- doch alles anders. Die Regierung zeigte sich stark beeindruckt vom Friedenswillen der Demonstranten, weil sie darin immer wieder nur die Ziele der eigenen Politik entdecken konnte; und die De- monstranten zeigten sich so sehr beeindruckt von ihrer eigenen Masse, daß sie seitdem diese als den Sieg feiern, auf den es an- kam. Weil es sich um die Zurschaustellung der b e s s e r e n Moral möglichst vieler friedliebender Menschen handelt, wird der m o r a l i s c h e Sieg keineswegs dadurch geschmälert, daß die Aufrüstung der NATO unbeeindruckt weitergeht. Die Zukunft der Be- wegung ist damit auch gesichert: Man erfreut sich am Andenken des 10. Oktober und macht sich bei jeder neuen Aktivität das Problem, daß sie eigentlich nicht geht, weil nichts so Schönes wie damals dabei herauskommen wird. Am 10. Oktober kommt also keiner mehr vorbei Am wenigsten die Friedensbewegung. Wiedervereinigung der Friedensbewegung... ----------------------------------------- Immer wieder betonen die Politiker ihre Genugtuung, daß die Ver- anstaltung so überzeugend friedlich verlaufen ist, daß am guten Willen der Demonstranten, die Regierung zu gar nicht zu zwingen, nicht mehr gezweifelt werden darf. Seit Bonn haben sich Friedenspolitik und Friedensbewegung in eben diesem guten Willen vereinigt; und die jüngsten Vorhaben der Be- wegung des 10. Oktober zeigen nämlich, daß es sich hierbei um eine W i e d e r vereinigung handelt. Wenn nämlich die Grünen und diverse andere Friedensinitiativen anläßlich des Breshnew-Be- suches in Bonn ein Tribunal gegen die Sowjetunion abhalten wollen mit der erklärten Absicht, den Friedenswillen des Generalsekre- tärs durch einen Aufmarsch östlicher Dissidenten zu desavouieren, dann ist sie zum Ausgangspunkt der Spaltung zwischen offizieller und alternativer Friedenspolitik zurückgekehrt. Diese trat ja nicht deshalb gegen den NATO-Doppelbeschluß auf, weil sie der Re- gierung die Notwendigkeit von Rüstung gegen den Osten bestritt, sondern weil sie mit den neuen Mitteln, die im Kampf gegen den Hauptfeind zum Einsatz kommen sollen, nicht einverstanden ist. Wenn jetzt als Ausgleich und Ergänzung zum 10. Oktober nur noch von den SS 20, von Afghanistan, Polen und den im Osten verletzten Menschenrechten die Rede ist, dann empfängt die Alternative Frie- densbewegung den Staatsgast mit haargenau den gleichen Argumen- ten, die auch Helmut Schmidt für ihn bereithält. Die Front ist geschlossen; nur tritt die grün-bunte Front in Sache und Form un- gleich härter auf, weil nicht ans diplomatische Protokoll gebun- den. Sie verstärkt sich um die inneren Gegner der Sowjetunion, während die Regierung dem Gast ganz freundschaftlich nur die au- ßerhalb seiner Grenzen gegen ihn in Stellung gebrachten Drohungen nochmal erklären wird. Die Differenz zwischen offizieller und al- ternativer Friedensbewegung festzuhalten, gelingt nur noch den "Extremisten" beider Lager mit den Mitteln der Lüge: So behauptet die CDU immer noch, die Demonstranten von Bonn seien Teil einer staatsfeindlichen Volksfront im Auftrage Moskaus; und die DKP mit ihren Alliierten sieht unverdrossen über die Tatsache hinweg, daß der Antisowjetismus Grundlage der Friedensbewegung ist und Kritik an Maßnahmen der NATO das Einverständnis mit ihrem Zweck geradezu einschließt. ...mit der Friedenspolitik -------------------------- Während die NATO sowjetische Mittelstreckenraketen zum Grund für ihre Politik der konzessionslosen Konfrontation mit dem feindli- chen Block e r k l ä r t, verwechselt die alternative Friedens- bewegung programmatisch die Existenz von Raketen in Ost und West mit den Gründen für die neue Gangart in der West-Ost-Auseinander- setzung. Die p o l i t i s c h e n A b s i c h t e n, die sich da aufrüsten, tauchen da überhaupt nicht mehr auf. Während die einen den Imperialismus m a c h e n, wollen die anderen nichts davon w i s s e n. Während Bundesregierung und NATO unter ständigem Verweis auf SS20 ihre Pershings und Cruise Missiles in Stellung bringen, um damit den Frieden zu sichern, entdecken die Friedensbewegler von unten in den sowjetischen Waffen d a s Hindernis für ihre Friedenspo- litik. W e i l die Sowjetunion überhaupt noch Raketen hat, des- halb soll es der NATO gegen ihre friedliebenden Völker leichtfal- len, das neue Gerät zu dislozieren! Die NATO von unten ist ausge- rechnet auf die Russen sauer, weil diese der NATO von oben Argu- mente liefert, ihr Rüstungsprogramm durchzuziehen. Dies führt zu identischen Forderungen. Die Regierung: Wenn ihr eure SS20 ver- schrottet, dann gibt es vielleicht eine "Null-Lösung". Die Frie- densbewegung: Wenn die Sowjetunion ihre SS20 abbaut, dann können wir endlich überzeugend gegen die "Nachrüstung" protestieren. Eine perfide Logik: Wenn die Sowjetunion freiwillig den Zustand herstellen würde, den die NATO ihr mit allen Mitteln ökonomi- scher, politischer und militärischer Erpressung aufzwingen will, dann ließe sich die "Nachrüstung" vielleicht verhindern, weil sie nicht mehr mit der Lüge von der sowjetischen Bedrohung begründet werden könnte. Dem offiziellen Antisowjetismus gibt diese Bewegung dadurch recht, daß sie sich mit Menschen aus dem Ost- block solidarisch erklärt, die den NATO-Standpunkt als interne Opposition im Lager des Feindes vertreten. Die Friedensbewegung war also nichts anderes als ein Kind der hochoffiziellen Friedenspolitik. Das Aufbegehren gegen ein "Schlachtfeld Europa" konnte nur vorübergehend den Anschein er- wecken, als würde der gemeinsame Feind aus den Augen verloren. Insofern ist dessen Empfang als Staatsgast am 22. November in Bonn willkommene Gelegenheit, diese "Diffamierungen" zu widerle- gen. zurück