Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       A. Mechtersheimer: Friedensforschung und Politik
       

WAFFEN PROBLEMATISCH - POLITIK GUT

Im Rahmen des "politikwissenschaftlichen Kolloqiums", in dem die Fachschaft Politologie an der Universität Stuttgart in diesem Se- mester das Verhältnis von "Politik und Politikwissenschaft" zum Thema gemacht hat, referierte jüngst A. Mechtersheimer, Politiker und (!) Friedensforscher, über "Friedensforschung und Politik". Die Friedensforschung kriegte ein dickes Lob für ihre "Politikrelevanz", die, so Mechtersheimer, darin besteht, fol- gende "Erkenntnisse" deutlich gemacht zu haben. 1. "Die Friedensforschung weckte eine Allergie gegen Nuklearwaffen. ... Mit ihnen kann man keinen Krieg zur Landesverteidigung füh- ren. Sie sind keine militärischen, sondern politische Waffen, d.h. man kann sie nicht einsetzen. Das ist gesellschaftliches Allgemeingut geworden. Sie hat jedoch nicht nur kritisiert, sondern auch eine Alterna- tive geboten: die nur zur defensiven (?) Verteidigung (?) einsetzbaren konventionellen Waffen." Die (Nuklear-)Waffen zum Grund für die "Kriegsgefahr" zu erklä- ren, also eine "Allergie" gegen s i e zu wecken und nicht gegen Bush, Kohl, Thatcher & Co., die sie entwickeln lassen, besitzen und ihren Einsatz befehligen, ist eine Dummheit. Es ist doch sonnenklar, daß es keine Waffe gibt ohne die Absicht ihres Be- stellers und Besitzers, sich ihrer zu bedienen. Waffen aller Art sind Mittel für den politischen Zweck, die eigenen nationalen In- teressen gegen andere Staaten durchzusetzen und einen erklärten Feind im Krieg zu besiegen. Deshalb rüsten die NATO und in ihr die friedenserforschte BRD heute wie eh und je atomar und konven- tionell. Daß Krieg mit A t o m waffen nicht (mehr) geht, ist eine ver- kehrte Behauptung, die die Friedensforschung nicht der stattfin- denden Rüstungspolitik und der ihr zugrundeliegenden Feind- schaftserklärung gegen den Ostblock entnommen hat. Die Behauptung lebt vielmehr von der Kenntnis der zerstörerischen Wirkung von Atomwaffen und dem auch und gerade angesichts dessen unerschüt- terlichen Glauben in die guten Zwecke der eigenen politischen Herrschaft. Daß die Politik, die die umfangreiche Zerstörung von Land und Leuten im Krieg zweckgemäß kalkuliert und plant, diese ihre Absicht eigentlich gar nicht wollen kann - angesichts der dabei einkalkulierten Zerstörung -, ist die widersprüchliche Le- benslüge der Friedensforschung. Deshalb und nur deshalb gelangt sie zu der absurden Behauptung, Atomwaffen seien nicht einsetz- bar, also nur "politische Waffen" und als solche eigentlich über- flüssig. Dabei lebt die politische Nutzung atomaren Kriegsgeräts in Friedenszeiten gerade von seiner m i l i t ä r i s c h e n Qualität: mit seinem vernichtenden E i n s a t z wird diploma- tisch gedroht, um weltweit die Unterwerfung unter das eigene Na- tionalinteresse zu erpressen. Friedensforschung kritisiert am Atomkrieg das A u s m a ß der Zerstörung. Daß ein Staat für seine nationale Größe seine Bevöl- kerung an der Heimatfront wie im Schützengraben verheizt, gilt ihr angesichts der "Vernichtung der Menschheit" als ein - relativ - gering einzuschätzendes Übel. Im übrigen hält sie, bei aller politischen Ignoranz, "nationale Sicherheit" und "Landes- verteidigung" für derart selbstverständlich, daß sie ihren obersten Kriegsherrn dafür nicht nur nicht kritisiert, sondern ihm militärstrategische Alternativen präsentiert. 2. "Gegenwärtig muß Friedensforschung den Schwerpunkt darauf legen, die strukturelle Nichtführbarkeit von Krieg in Industriestaaten deutlich zu machen. Die Bundeswehr ist im Rahmen der NATO - auch mit konventionellen Waffen - nicht zur Landesverteidigung fähig. Die zahlreich vorhandenen Atomkraftwerke beispielsweise stellen ein sicherheitspolitisches Problem dar, das bei militärstrategi- schen Planspielen nicht berücksichtigt wird. ... Krieg als Mittel der Sicherheitspolitik kann man sich nur noch denken, wenn man unrealistische Annahmen macht." Die Friedensforschung hat schon immer die von der Politik propa- gierte Lüge geglaubt und vertreten, daß nationale Sicherheit und Landesverteidigung dem Schutz der Bevölkerung diene oder zumin- dest eigentlich dienen solle. Diesbezüglich hat sie der Politik "unrealistische" Fehlkalkulationen und Versagen vorgeworfen. Des- halb hat sie den Kriegsplanern stets die Anzahl der Opfer ver- schiedener Kriegsszenarien vorgerechnet, im festen Glauben, sie dadurch zu beeindrucken. Daß die sich nicht hat beeindrucken lassen, liegt in der Natur der Sache: Verteidigung nationaler Interessen ist das Gegenteil von Schutz der Bevölkerung. Deren Leben und Besitz werden als M i t t e l für die Landesverteidigung eingesetzt und gehen des- halb massenhaft drauf! Der Erfolg der Nation fällt mit Soldaten- friedhöfen und zerbombten Städten durchaus zusammen. Die Explosi- onskraft angeschossener AKWs ist deshalb ebensowenig wie die Be- völkerungsdichte der "Industriestaaten" ein Beweis dafür, daß der "Krieg sich selbst (?) ad absurdum geführt" hat. Im Interesse der nationalen Sicherheit werden Opfer an Land und Leuten ebenso militärstrategisch kalkuliert wie der Schaden, den ein geglückter Treffer auf ein AKW im Feindesland anzurichten vermag. Landesver- teidigung einer Weltmacht vom Schlage der BRD heißt eben nicht, daß bundesdeutsche Grenzschützer unter bundesdeutschen Grenz- pfählen sitzen und keinen Angreifer reinlassen. Bundesdeutsche Interessen reichen inzwischen mindestens bis zur polnischen West- grenze und werden da - oder besser noch östlich davon, ungefähr auf der Höhe von Moskau - verteidigt. Daß die NATO und in ihr die Bundeswehr keineswegs ihren Zweck darin haben, bundesdeutsche Vorgärten vor russischer Invasion zu sichern - es also ausgesprochen blöde ist, sie daran zu messen -, das wird schon daran deutlich, daß Abrüstung im Osten allemal mit westlicher Aufrüstung beantwortet wurde und wird. 3. "Veränderung von Sicherheitspolitik ist nicht möglich mit besse- ren Argumenten. Sie ist Resultat von politischen und ökonomischen Interessen. Veränderung erfolgt nur durch Stellen der Machtfrage, d. h. durch Wahl. Eine Chance zur Veränderung besteht nur durch Beeinflussung der Bevölkerung als Wähler." Die Lebenslüge der Demokratie, das die Staatsgewalt identisch sei mit dem Willen der Bevölkerung, wird zwar allgemein geglaubt, das macht sie jedoch nicht wahrer. Die politischen und ökonomischen Interessen, die für ihre Durchsetzung ein weltweit schlagkräfti- ges Militär mit sämtlichen Massenvernichtungswaffen benötigen, stehen auf dem Wahlzettel gerade nicht zur Disposition. Kein Wäh- ler darf sich dazu äußern, ob e r Atomraketen benötigt, die Er- oberung des Ostblocks wünscht oder ablehnt und den Geschäftser- folg bundesdeutscher Firmen für nützlich f ü r s i c h hält. Die Staatszwecke sind der Wahl als gültig vorausgesetzt, und der Wähler darf die Herrschafts f i g u r e n bzw. Parteien ankreu- zen, die Regierungsgewalt über ihn ausüben sollen. Parteien, die sich als Gegner des politischen und ökonomischen Systems betäti- gen, stehen als verfassungsfeindliche nicht zur Wahl. Alle Parteien, die zur Wahl stehen, inzwischen auch die Grünen, bekennen sich eindeutig zum weltweiten bundesdeutschen Interesse, der Bundeswehr und der westlichen Kriegsallianz namens NATO. Daß daran per Wahl etwas in Frage zu stellen sei, ist ein Witz. Die "Relevanz" der Friedensforschung besteht nicht darin, prakti- sche Politik in die Welt zu setzen oder zu "beeinflussen". Frie- densexperten wie Mechtersheimer propagieren die verlogenen Ideale genau der Politik, gegen die sie Einwände erheben. Sogar noch an- gesichts von Massenvernichtungswaffen und Militärpolitik 20 Jahre lang den guten Glauben in die - eigentlich - menschenfreundlichen Absichten demokratischer Herrschaft breitzutreten, darin liegt ihre Leistung. zurück