Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Der Höhepunkt des "heißen Herbstes":
EINE MILLION STATISTEN FÜR DEN INNEREN UND ÄUSSEREN FRIEDEN
"Friedlich, diszipliniert und engagiert" sei letzten Samstag in
Bonn und anderswo demonstriert worden. So lautet das Fazit, das
quer durch die Republik, von der Tageschau bis BILD am Sonntag,
von Heinrich Böll bis Innenminister Zimmermann gezogen wird, als
was "dieser Tag in die Geschichte" eben dieser Republik eingehen
wird. Und das soll wirklich niemandem zu denken geben, warum wohl
dieselben Leute, die der Friedensbewegung wochen- und monatelang
eine Bürgerkriegsdiskussion über die Gewaltfrage aufgehängt ha-
ben, sich nun öffentlich dazu beglückwünschen, in welchem famosen
Land wir leben, wo jeder "seine Meinung" sogar "auf der Straße"
sagen darf. Warum wohl dieselben Politiker und Kommentatoren, die
den unseligen "heißen Herbst" erst zu der Bürgerkrieggvokabel ge-
macht haben, gegen die sich die Friedensbewegung mit dem Hinweis
auf die eigenen Gewaltlosigkeit dann immerzu nur noch verwahrt
hat, nunmehr die "Besorgnis" um diesen Altweibersommer mit der
gleichen Lässigkeit dementieren können, mit der sie daraus eine
Hetzkampagne gemacht haben? Aber offenbar t e i l t die Frie-
densbewegung jenes Beurteilungskriterium, nach dem der 22. Ok-
tober als "Erfolg" zu werten sei, weil dieser Samstag "friedlich,
diszipliniert und engagiert" verlaufen sei. Sonst würde nämlich
auch jenen "Lehrern für den Frieden", die montags Schule abhal-
ten, jenen "Frauen für Frieden", die montags wieder ganz Frau
sind, und all den andern auffallen, daß ihnen da zu ihrer demon-
strierten H a r m l o s i g k e i t gratuliert wird.
Dies und nichts anderes wurde demonstriert
- mit einem bunten folkloristischen Programm, das bewies, welche
unwiederbringlichen Kulturgüter ein Krieg zerstören würde. Das
können die "Männer am roten Knopf" unmöglich wollen;
- mit "phantasievollen Aktionen", die den "Einfallsreichtum" ei-
ner Bewegung dokumentierten, die deshalb unmöglich als 5. Kolonne
eines bekanntlich völlig phantasielosen Feindes "diffamiert" wer-
den kann;
- mit einem aus einem Ruderboot auf den Rhein gehaltenen Spruch-
band "Wir sitzen alle im gleichen Boot", das in Form einer origi-
nellen Symbolik die "Regierenden" darauf aufmerksam machte, wel-
ches "menschheitsgefährdende Risiko" sie verwalten, (das es ohne
sie gar nicht gäbe.) Diesem Appell an ihre "Verantwortung" können
sie sich unmöglich entziehen;
- mit dem tausendfach bebilderten Hinweis, daß "Massenvernich-
tungswaffen", wie ihr Name schon sagt, nichts, aber auch gar
nichts von Deutschlands Fabriken, Behörden, Kasernen und
Kindergärten übriglassen. Das kann auch Helmut Kohl unmöglich
wollen, der doch auch weiß, daß "ohne Frieden alles nichts ist";
- mit Menschenketten von Botschaft zu Botschaft, die zeigten, daß
die Friedensbewegung "im Angesicht des Holocaust" entschlossen
ist, keinen Unterschied zwischen "Pershings" und "SS 20" zu ma-
chen, also sich die Parole "Wer demonstriert in Moskau?" zu Her-
zen genommen hat;
- und überhaupt mit dem geballten Hinweis, daß hier doch "die
Menschen" gegen den "Rüstungswahnsinn" angetreten sind und daher
von ihrer Herrschaft nur verlangen, "als Menschen" respektiert,
kurz: am Leben gelassen zu werden. Solcher Demut kann sich die
Herrschaft unmöglich verschließen, da sie doch sowieso weiß, daß
ihr ein Volk von arbeitenden Arbeitern, studierenden Studenten
und sozialarbeitenden Sozialarbeitern lieber ist als ein totes.
Das perfide öffentliche Lob der Friedfertigkeit der Demonstratio-
nen hält also der Friedensbewegung, ohne daß von dem Urteil, sie
nütze dem Feind, irgendetwas zurückgenommen wäre, die Maßstäbe
des erlaubten Protestes vor, denen sich diese längst anbequemt
hat: den Politikern nichts zu verweigern und stattdessen unbeirr-
bar positiv für "den Frieden" zu sein. Deshalb ist der bekundete
Respekt vor dem "Engagement" der einen Million Friedensdemon-
stranten durch und durch geheuchelt: pocht er doch nur auf die
hierzulande genehmigten Bedingungen einer Parteinahme für "den
Frieden", die den inneren Frieden nicht aufkündigt. Erlaubt ist
hingegen, den Kriegskurs der NATO als "Sorge um "Befürchtung
von..." und "Warnung vor..." mit einer massenhaften Fußnote zu
versehen.
Dies ist letzten Samstag geschehen, und so bietet sich die Frie-
densbewegung, eben indem sie ihre "Friedlichkeit" als ihren
"Haupterfolg" (Böll) beklatscht, als Manövriermasse der Opposi-
tion an, die es gibt - der SPD.
Willy Brandt: "Ich stehe zur Bundeswehr und zur NATO"
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Mit der von niemandem geglaubten, dennoch ausführlich kolportier-
ten Lüge, er spreche hier "als Bürger" und vor allem als Frie-
densnobelpreisträger, wie besonders Jo Leinen beteuerte, trat der
SPD-Vorsitzende an, um den einkalkulierten paar Pfiffen auf seine
Weise zu begegnen. Offensiv gegen den Opportunismusverdacht, die
SPD wolle sich an die Friedensbewegung "anhängen", - rechnete
Brandt den Leuten im Hofgarten vor, sie hätten doch wohl nicht im
Ernst erwartet, er, der SPD-Friedenswilly, würde hier etwas an-
deres erzählen als anderswo. Und das heißt eben: für einen star-
ken Nationalismus, eine starke Bundeswehr und eine starke NATO,
die dann keine neuen Raketen mehr brauchte. So lautet der Vorbe-
halt einer demokratischen Opposition gegen die Stationierung: ein
anderes Mittel tauge besser zum gemeinsamen Zweck, in diesem Fall
sei das bisherige Mittel noch nicht genügend ausgereizt gegen die
Russen, kurz: "Nachverhandeln statt nachrüsten!" Klar und voraus-
berechnet, daß bei dem offensiven Bekenntnis zur NATO auch gep-
fiffen wurde. An dieser Stelle aber, wo Brandt erklärte,
v o r e r s t nicht stationieren zu wollen, konnte er sich des
Beifalls sicher sein. Denn auch hier ging seine Rechnung auf, daß
die Friedensbewegten jeden, und sei es den erlogensten Anhalts-
punkt dankbar begrüßen würden, "die Menschheit" könne "vor der
Vernichtung gerettet" werden, wenn nur ein dafür geeigneter Poli-
tiker erfolgreich heuchelt, d i e s sei auch s e i n e Sorge.
Dabei bekundet die Alternative, die die SPD seit einiger Zeit an-
bietet: es soll e r s t e i n m a l "ernsthaft" verhandelt
werden, das genaue Gegenteil, indem hier offensiv mit den Resul-
taten einer gelungenen und noch weiter zu treibenden Erpressung
der lieben "Sicherheitspartner" kalkuliert wird.
Es handelt sich um ein eindeutiges "Ja" zur Nachrüstung, das sich
nur deshalb als "Nein" vortragen will, weil sie nicht in der
"Verantwortung" steht, in die sie wieder kommen will. Statt je-
doch diesen Schluß zu ziehen, deutet die Friedensbewegung noch
jede Lüge eines Brandt in den Beweis dessen um, ihr unabhängig
und jenseits jeder wirklichen Politik gedachter und gepflegter
Friedensgedanke erfahre endlich die gerechte und unaufhaltbare
Ausbreitung und Anerkennung. Die Friedensbewegung begrüßt also
ihre Vereinnahmen durch die SPD - um d a n n, ohne einen Ge-
danken daran, warum wohl dieses SPD-Manöver überhaupt funktio-
niert, das Problem zu bekommen, sie werde ja "nur" vereinnahmt.
Petra Kelly: "Für die NATO und gegen
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die Raketen zu sein, ist absurd."
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Stimmt. Aber warum dann die demonstrative "Enttäuschung" über die
Rede Brandts, warum das Gejammer über einen "verratenen Vertrau-
ensvorschuß", um den sich Petra Kelly nun betrogen sehe? Soll man
wirklich für bare Münze nehmen, sie habe bis Samstag mittag fest
daran geglaubt, der gute Willy würde ein "Nein ohne Wenn und
Aber" verkünden, um sich dann so bitter "enttäuscht" zu sehen?
Hier die Auflösung, ein paar Sätze weiter in der Rede:
"Wir hoffen, daß die SPD ihre Wende in der Sicherheitspolitik als
Wiedergutmachung eines atomaren Irrweges versteht und nicht als
Strategie der Integration einer eigenständigen Bewegung, um sie
anschließend wieder einmal zu verraten."
Das ist also das Problem, das die Friedensbewegung mit der SPD
hat. Sie ist nach wie vor fest entschlossen, jede Lüge und takti-
sche Wendung dieser Partei wie die von der "Wende in der Sicher-
heitspolitik" zu glauben und fürchtet allein um die
"E i g e n s t ä n d i g k e i t" der Bewegung, meldet also
gegen die v o l l z o g e n e Umarmung durch die SPD den
Vorbehalt an, daß es ohne die Friedensbewegung niemanden gegeben
hätte, an den die SPD sich hätte anschleimen können.
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