Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 33, 28.04.1981
Zum "Hamburger Forum" am 24. und 25.4.
DIE NEUE FRIEDENSBEWEGUNG - MILITANT FÜR'S VATERLAND!
Das 'Hamburger Forum' unter dem Motto "Der Atomtod bedroht uns
alle! Keine neuen Atomraketen in die Bundesrepublik Deutschland!"
hat mit einem Mißverständnis gründlich aufgeräumt. Die Ansicht,
die bewegten Friedensfreunde hätten sich - in welcher Form auch
immer - vorgenommen, der laufenden Kriegsplanung durch die sozi-
alliberalen Machthaber Hindernisse in den Weg zu legen, geht an
deren Anliegen völlig vorbei. Treuebekenntnisse zu jenen Figuren,
die den Ausbau deutscher Wehrkraft hier und anderswo (in Saudi-
Arabien wird gerade sondiert!) zielstrebig voranbringen, füllten
den Abend des Forums aus. Zwei Indizien sprechen untrüglich da-
für, daß die neue Friedensbewegung mit diesem Unterfangen tat-
kräftig voranschreitet.
1. "Diese Friedensbewegung will der Bonner Politik den Rücken
stärken, und ihr nicht in den Rücken fallen!" (G. v. UEXKÜLL)
2. Die auf dem Forum an den Tag gelegte Militanz, die jeder zu
spüren bekommt, der seine Kritik am Bekenntnis zur Nation vor-
bringt, mit dem die Friedensfreunde die politischen Macher der
Aufrüstung zum nächsten Waffengang beehren.
Freitag: Im Audi-Max der Hamburger Uni tagt die neue Friedensbe-
wegung. Auf dem Podium: G. v. UEXKüLL, Prof. FRIED aus Amerika,
Pfaffen ohne Talar und mit Akademikertitel, ein ausgemusterter
Kriegsstratege, THÜSING u.a. stellvetretend für die SPD-linken
Wasserträger des Kanzlers, Gewerkschafts- und Jugendvertreter -
ach ja, und ein BBU-Vertreter, der 7 Minuten lang für das Schwei-
gen plädierte. Um das Podium herum: eine militante Jungschar aus
DKP, MSB, Jusos und SHB, zuständig für Saalschutz und -reinigung.
Der Verlauf der zweitägigen Veranstaltung ist wie folgt zu cha-
rakterisieren: Die Bekenntnisse der 14 Redner des Podiums für den
Frieden und seinen Kriegskanzler wurden umrahmt von Ausfüllen ge-
gen all die Anwesenden, die die Einladung zur Diskussion damit
verwechselten, ihre Einwände gegen die demokratische Kriegsvorbe-
reitung ebenso vorzutragen wie gegen eine Friedensbewegung, die
den obersten Bonner Aufrüstungsexperten SCHMIDT und GENSCHER
"nicht in den Rücken fallen will". So sehr treibt die Friedens-
freunde die offizielle Kundgabe ihres Gewissens in den Belangen
der Nation, daß sie sich mitten im Frieden dagegen verwahren,
sich h i n t e r h e r den Vorwurf des Vaterlandsverrats gefal-
len lauen zu müssen. Bloß - was will eine Friedensbewegung gegen
Nachrüstungsraketen, die deren politischen Urhebern nachdrücklich
ihre Unterstützung andienert und Einwänden dagegen mit Prügel
kommt? Die Entdeckung der p o l i t i s c h e n G r ü n d e
für die beschlossene Anschaffung der Pershings und der anderen
Dinger kann es ja wohl nicht sein, daß sich die Friedensbewegung
veranlaßt sieht, den Führern der Nation alle guten Absichten zu
unterstellen, damit sie das Vertrauen wert sind, das man ihnen
unbedingt entgegenbringen will. Prof. FRIED hat in seinem Beitrag
bündig zusammengefaßt, warum UEXKÜLL und die Friedensfreunde
SCHMIDT und APEL das Rückgrat stärken wollen, statt es zu bre-
chen:
"Unsere Staatsmänner sprechen über einen atomaren Krieg und nen-
nen nur noch Erstschlagsstrategien. Abgesehen davon, daß sie
nicht darauf achten, nur den nach den Konventionen des Völker-
rechts rechtmäßigen Krieg zu führen - diese Unterscheidung gibt
es im atomaren Krieg nicht - gibt es bei den atomaren Erst-
schlagsstrategien weder Sieger noch Besiegte."
Da setzen Politiker nicht nur mit dem Entschluß zur "Nachrüstung"
ihr Volk ganz offiziell in Kenntnis über die Offensive der Poli-
tik, die gegen den Osten ansteht - prompt entwickeln die Frie-
densfreunde ihr besorgtes Mißtrauen in die Offensivstrategie. Der
nuklearen Bewaffnung einschließlich der NachrÜstungsraketen darf
nämlich nicht vorgeworfen werden, daß sie zum Arsenal eines west-
lichen Angriffsblitzkrieges gehört, in dem wie üblich jede Menge
Landser und Iwans für die Hardthöhenchefs ins Gras beißen müssen.
Auf Basis des strategischen Kalküls eines Krieges unter Einsatz
der Pershings und cruise missile erscheint vielmehr der Erfolg
dieser Offensive wegen dem möglichen "Preis" der "Vernichtung un-
seres Landes" dem FRIEDensfreund höchst ungewiß - und deswegen
"rational nicht legitimierbar". Da das Interesse einer
k r i e g f ü h r e n d e n Nation mit dem Sieg über den Feind
zusammenfällt, plädiert der alte Ami angesichts einer möglichen
Niederlage im 3. Weltkrieg im nationalen Interesse für eine
"Achtung" atomarer Kriegsführung. Die mit dem Hinweis auf den
drohenden "Selbstmord" "unserer Nation" geführten Einwände gegen
den Aufrüstungsbeschluß gelten der nationalen Verantwortlichkeit
der Politiker, denen die Friedensbewegung ihre Bedenken über
s i n n l o s e militärische Ziele der Nation nahelegt, ganz so,
als ob die politischen Macher des nächsten Krieges ihre Friedens-
freunde in die Planungszentren der Verteidigungsfront berufen
wollten. Diese Bewegung für den Frieden ist also eine für die
N a t i o n, die den Krieg vorbereitet. Was für d i e s e zum
Vorteil gereicht, sollen die Bonner Politiker nach Kräften tun,
politisch, ökonomisch und militärisch. D a r i n ist sich die
Friedensbewegung mit SCHMIDT und APEL einig - jede Menge Leos,
Handgranaten und Tornados sind unter diesem Klientel als beste
Friedensware, weil im nationalen Interesse liegend, anerkannt.
Und umgekehrt: Unter der "militärstrategischen" Schwelle der
"n e u e n amerikanischen Mittelstreckenraketen" ist für die
neue Friedensbewegung Kritik am Vernichtungsarsenal unserer NATO-
Frontmacht unstatthaft. Eine Friedensbewegung, die ihren Einwand
gegen die "eurostrategischen" Waffensysteme mit ihrer Kalkulation
des Ge- oder Mißlingens der nationalen Offensive mit solchen Din-
gern führt, ist aufgeklärt über die unabdingbaren Notwendigkeiten
des nationalen Sicherheitsbedürfnisses -
"Wir wenden uns gegen jede Maßnahme, die für die nationale Ver-
teidigung nicht n o t w e n d i g ist" (stellvertretend für an-
dere HBV-Gewerkschaftsfunktionär MEYER) -
und läßt noch jede Schlächterei mit Aussicht auf Erfolg als re-
spektables Interesse der Nation gelten. Nur die Pershing und
cruise missile gelten der Friedenstruppe als Mißgriff der kämp-
fenden Truppe, der diesen nationalen Interessen nicht angemessen
ist. Dem erwähnten Meister in der Unterscheidung von völkerrecht-
lich zulässigen = humanen und unrechten = inhumanen Kriegen, dem
die Rolle als Sprecher des "Weltgewinens" auch auf die Nationali-
tät zugeschnitten war, blieb es vorbehalten, das 'letzte' Argu-
ment der Friedensbewegung gegen den möglichen Mißerfolg der Na-
tion infolge der Stationierung "neuer Atomraketen auf deutschem
Boden" darzulegen. Mit der Vorstellung vom "Schmutz im Computer",
der den atomaren show-down auslösen könnte, erhält man sich nicht
nur den Glauben an die redlichen Zwecke der Politik, die sich daß
Arsenal an Kriegsgeräten bestellt. Der Gedanke, daß dieses
u n g e p l a n t zum Einsatz kommen könnte, plädiert für eine
Handhabung des Vernichtungspotentials, die ausschließlich den
Zwecken der Politik gehorchen soll.
Patriotismus als veredelter Nationalismus
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Die Friedensbewegung faßt ihre Kritik an der stattfindenden
kriegsstrategischen Offensive für die e r f o l g r e i c h e
F ü h r u n g des Krieges gegen den in dem trostlosen Einwand
zusammen, daß diene der N a t i o n zum Schaden gereiche. Sie
gekullert vorn Standpunkt ihrem fiktiven Nationalinteressens über
alternative Modelle einer Verteidigungsrüstung einzig zu dem
Zweck, sich gegenüber den fahrlässigen Politikern als die wirk-
lich fürs Interesse der Nation Verantwortungsbewußten ins rechte
Licht zu rücken. Jede Aufzählung von Maßnahmen der Politiker bil-
det den Auftakt für die Bekundung, daß man die eigene Kritik
nicht als Einwand gegen die Taten der Politiker verstanden wissen
will, sondern als Herausstreichen der eigenen Friedensliebe, die
sich in ihrem wahren Patriotismus zu Recht als Gewissen der Poli-
tik fühlt: Song: "Friede unseren Hütten..., Friede unserem
Land,... dem Brandenburger Tor,... dem Lincoln-Denkmal,... der
deutschen Fabrik... dem deutschen Bauern auch. " (Früher sang
man: "Krieg den Palästen").
Zu der von den Politikern mit Mittelstreckenraketen usw.
p r a k t i z i e r t e n Sorge um die Durchsetzung der Nation
tritt die Friedensbewegung in Kurrenz und verbucht die erlangte
"diplomatische Anerkennung" für die eigenen Opfer = Verdienste
ums Vaterland als den entscheidenden Erfolg - ob als Prolet, In-
tellektueller oder Jugendlicher - der Stolz auf die einem abver-
langten Leistungen wird zum Beweis, ein guter Deutscher zu sein:
"Die Jugend ist nicht unpolitisch, wie die Politiker meinen. Sie
ist in ihrer Mehrheit politisch und will sich nicht ins gemachte
Bett legen",
sondern reklamiert bei den Politikern all die "Chancen" wie
"Ausbildung und Arbeitsplatz" in denen man durch seinen anständi-
gen Dienst für die Nation das "Seine dafür tun kann, um für den
Frieden zu arbeiten" (die Sprecherin der Jugendverbände). Für so-
viel Bescheidenheit, bloß "Überleben" zu wollen, beansprucht man
die Berechtigung, in den Belangen der Nation gehört zu werden:
"Alle Bürger, ob jung oder alt, müssen in sie Diskussion und Ent-
scheidung über diese lebenswichtige Frage einbezogen werden."
(aus dem Aufruf an die Hamburger Bevölkerung)
Die von den Politikern als Schicksalsfrage der Nation auf die Ta-
gesordnung gesetzte Entscheidung über Krieg und Frieden fällt bei
den Friedensfreunden auf fruchtbaren Boden. Die Registrierung all
dessen, was die Politik mit ihnen im Interesse der Nation vorhat
und ihnen für diesen Zweck bereits im Frieden an Zumutungen be-
schert, fährt nicht dazu, der Politik die Gefolgschaft aufzukün-
digen. Im Gegenteil. Die Friedensbewegung nimmt sich die
"Überlebensfrage der Nation" so als ihre eigene Angelegenheit zu
Herzen, daß demgegenüber das Interesse am eigenen Leben ein unan-
gemessenes Kriterium zur Beurteilung der Politik abgibt.
Das Einklagen des Friedens als Lohn für die eigene Bescheidenheit
hat schon längst Abstand genommen von jeglichem Einspruch
g e g e n die gewalttätigen Beschlüsse der Politikern der Zur-
schaustellung des eigenen Patriotismus beseitigen die Friedens-
freunde an sich den letzten Makel, s e l b s t ein Hindernis
für das Wohlergehen der Nation zu sein. Die von der Bonner Regie-
rung gefaßten Beschlüsse zur Kriegsvorbereitung werden als Chance
zur Selbstbesinnung propagiert:
"Laßt uns zusammen schweigen, um in uns hineinzuhorchen, wieviel
Friedvolles in uns ist und wie wir alle zu Friedensarbeitern wer-
den können." (BBU-Sprecher)
Das Bekenntnis zum friedlichen Fortbestand der Nation - "für uns
gibt es nichts wichtigeres als den Frieden, nichts schlimmeres
als den Krieg" -, das von der ständig widerlegten Illusion lebt,
dem Staat käme es auf die Schonung seiner Untertanen an, ist den
Friedensfreunden derart zur persönlichen Tugend geworden, daß sie
jeden Angriff auf die gar nicht menschenfreundlichen Zwecke der
Politik unmittelbar als Angriff auf ihre Subjektivität nehmen.
Wer den Frieden als Herzensangelegenheit, als "Liebe zum Vater-
land" vertritt, dem gilt jede Kritik an der nationalen Mobilma-
chung der Friedensfreunde als "Kriegstreiberei".
***
Die nachfolgend abgedruckten Einwände gegen den bundesdeutschen
Militarismus sind für Nationalisten dieses Schlages Grund genug
für Ruppigkeiten bis zur Schlägerei, die sie sich gegenüber poli-
tischen Größen der Bonner Aufüstungsmafia nie einfallen ließen.
Mitten in dem schönsten Frieden, wird der nächste Krieg entschie-
den.
Friedensfreunde sind schon froh, läuft der Krieg nur anderswo.
Hört doch mit dem Frieden auf, kommen doch nur Kriege raus.
Frieden labern heut' die Pfaffen, morgen segnen sie die Waffen.
Spart Euch diesen Friedenskrampf, macht den SCHMIDTS und APELS
Dampf.
Auf Eure Liebe zur Nation, bauen SCHMIDT und APEL schon.
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