Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Diskussionsveranstaltung
       

GEGEN DEN KRIEG ZU SEIN, IST ETWAS ANDERES, ALS FÜR DEN FRIEDEN EINZUTRETEN

1 Unter dem Motto "Den Frieden sicherer machen" rüstet der freie Westen auf, mit dem erklärten Ziel, den Ostblock als den Weltstö- renfried wegzuputzen, "als ein trauriges und bizarres Kapitel der Menschheitsgeschichte auf(zu)fassen, dessen letzte Seiten gegen- wärtig geschrieben werden" (Reagan). Daß zur Sicherung des Frie- dens ein Waffengang kalkuliert wird - "Wir wollen keinen Frieden um jeden Preis" (Haig) -, darauf bereiten die Politiker ihre Un- tertanen derzeit öffentlich vor. 2 Gegen solche "starken Worte", gegen die "das Gleichgewicht ver- zerrende" Aufrüstung wendet sich die F r i e d e n s b e w e g u n g. Die geht davon aus, daß diese Absichtserklärungen und Maßnahmen der Politiker geeignet sind, die Kriegsgefahr" nur noch größer werden zu lassen. Gerade wenn sie feststellt, daß die Politiker diese "Gefahr" heraufbeschwö- ren, fragt sie sich, ob diese Maßnahmen auch dazu taugen, die "Gefahr" abzuwenden. Eine saubere Kritik! Nicht die westlichen Politiker sind es, die einen Krieg als Mittel ihrer politischen Ziele ins Auge fassen, sie selbst sollen mit einer - weiß Gott woher kommenden - Gefahr fertig werden müssen. Der Ost-West-Ge- gensatz wird nicht von den Staatsmännern aufgemacht, sondern ist eine politische Gegebenheit, die man "realistischerweise" als P r o b l e m der Politik zu betrachten hat. Den westlichen Po- litikern ist darum zu unterstellen, daß ihr Zweck die Sicherung des Friedens ist (bei den östlichen sieht das schon etwas anders aus - hier ist man genauso parteiisch, wie es sich gehört). Am Ideal der Außenpolitik "Friedenssicherung" werden also die Nato- politiker gemessen. Und aus dieser idealistischen Betrachtungs- weise ergibt sich eine Kritik an unseren Staatsmännern: Sie sind ungeschickt, falsch informiert, wahnwitzig. 3 Freilich wird hier sauber unterschieden: Die Amis übertreiben es und heizen die politische Situation unnötig an, gefährden "uns Europäer" mit ihrem "Rüstungswahnsinn". Unsere Regierung - und da kann Schmidt tausendmal sagen, daß das Interesse der BRD untrenn- bar mit dem der USA verbunden ist, und "wir" unseren Bündnis- pflichten nachkommen w o l l e n - ist das Opfer amerikanischen Überlegenheitsstrebens. Schon daß das bundesdeutsche Territorium am härtesten von einem 3. Weltkrieg betroffen sein wird, gilt als Beleg, daß Schmidt nur den Frieden wollen und keine aggressiven Absichten gegen den Osten haben kann. Darin ist er auch die rich- tige Adresse für Friedensapelle; weil er nicht mitmacht, sondern "genötigt" wird, will man ihm untertänigst den Rücken stärken. 4 Weil man den Idealismus pflegt, der Zweck der Politik hätte die Sicherung des Friedens zu sein, fühlen sich brave Bundesbürger verpflichtet, verantwortlich zum Frieden zu mahnen. Dabei handelt es sich um die, billigste Tour, mit der Politik, die den Krieg auf die Tagesordnung setzt (Aufrüstung und diplomatische Offensi- ven am laufenden Band) und dafür schon jetzt den Bürgern einige Opfer ("Sparmaßnahmen" und Steuererhöhungen) abverlangt, kritisch Frieden zu schließen. Solange es keinen Krieg gibt, ist man noch mit jeder Abteilung der Politik einverstanden, nur darf auch wirklich dabei, nicht der Friede aus den Augen verloren werden. Daß Kriege immer im schönsten Frieden vorbereitet werden, und die Politik der Natoverbündeten in Friedenszeiten dieselben Ziele verfolgt, die einen Waffengang plötzlich nötig machen, davon will die Friedensbewegung nichts wissen. Stattdessen hält sie sogar Entspannung und Abrüstung, ja Einhaltung des D o p p e l be- schlusses hoch, als wenn sich nicht gerade in der Entspan- nungsphase all die schönen Resultate (Ausbau der militärischen überlegenheit, ökonomische Erpreßbarkeit des Ostens) ergeben und die Abrüstungsverhandlungen nicht die Festlegung neuer Aufrüstungsprogramme zum Gegenstand gehabt hätten, schließlich der Doppelbeschluß nicht der Entschluß zur Aufrüstung Europas wäre, und die Politiker nicht deutlich machten, daß Verhandlungen nur noch aus dieser "Position der Stärke" heraus in Frage kommen, also als Unterwerfung der SU. 5 Doch die Friedensfreunde bleiben nicht einfach auf dem Standpunkt eines Pazifismus stehen, sondern nehmen sich den Vorwurf der In- haber der Macht sehr zu Herzen, realistische Alternativen bieten zu müssen. Da sind ehemalige Generäle sehr geschätzt, die meinen, die bisherige Rüstung reiche bereits aus, ebenso alternative Strategien, die atomaren Schutz nicht für wirksam erachten und die phantasievollsten Volksverteidigungskonzepte erarbeiten - möglichst große Schonung von Industrie- und Bevölkerungspotential -, die das Durchhalten ermöglichen sollen, bis die Amis auf den Plan treten. Nachdem man sich so erst einmal mit den Machthabern geeinigt hat, daß es "uns allen" ja um unsere Sicherheit gehen muß, und die Politiker dafür sehr viel Verantwortung tragen und ihr Bestes tun, beteiligt man sich munter an der Strategiediskus- sion, wie man "sinnvoll" einen Krieg zu führen hätte, ohne daß die N a t i o n allzu großen Schaden nähme. Daß sie dabei als Utopisten ge- und verachtet werden, nehmen die Friedensfreunde als Kompliment, das sie nur darin bestärkt, wie recht sie haben, die Politiker zu größter Verantwortlichkeit aufzurufen. 6 Die Debatte um den "Kriegsschauplatz Deutschland" ist eine natio- nalistische. Eine Karte mit atomaren Waffenlagern in der BRD bringt nur einen Gedanken zur Anschauung: Ungeheuer - das bei u n s! Wo sollte denn der Kriegsschauplatz liegen? Vielleicht weiter im Osten? Mit dieser Überlegung nähert man sich sehr dem spezifisch deutschen Beitrag zur NATO-Strategie der Vorne-Vertei- digung. Man muß dabei nur vergessen, daß es auch für das Schlach- ten im Osten vieler Soldaten bedarf. Vielleicht will man die Ra- keten aber auch aufs Meer verbannen, eines steht in jedem Fall fest, die Aufrüstung hat man vom Standpunkt der militärischen Z w e c k m ä ß i g k e i t aus zu betrachten, und dabei darf die eigene Nation nicht Spielball anderer nationaler Interessen werden. 7 Es zeigt sich, Kriegsvorbereitung - auch in ihren ideologischen Abteilungen - geht in einer Demokratie sehr gut. Dazu braucht es nicht unbedingt eines Hurra-Patriotismus, der auf die hiesigen Politiker nichts Schlechtes kommen läßt und ihnen laufend beste Absichten bescheinigt. Keiner der Friedensfreunde nimmt nämlich die Absichtserklärungen der demokratischen Führer ernst, sondern legt sie sich genau wie ihre Taten - gemäß seinen moralischen Vorstellungen über die große Politik zurecht. So interpretieren kritische Intellektuelle das "Sparprogramm" als Ausdruck der "Wachstumskrise des Spätkapitalismus" - obwohl ja weder zu über- sehen ist, daß gar nicht gespart, sondern anders ausgegeben wird, noch der Zweck, für den der Staat nicht genug ausgeben kann, im Dunkeln läge. Da meinen Linke, dem Staat vorhalten zu müssen, er solle sein Geld besser (Rüstung muß ja auch sein, aber ...) für Bildung, Soziales oder die "Dritte Welt" ausgeben, wo der doch gerade seinen Zweck gesetzt hat, dem sich jeder Haushaltsposten unterzuordnen hat. Um die eigene gute Absicht zu bezeugen und seiner moralischen Pflicht als kritischer Staatsbürger Genüge zu tun, mahnt man diejenigen, die laufend die Friedenssicherung im Munde führen, zum Frieden, oder klopft sogar an seine eigene Brust, daß man ja auch nicht immer friedlich sei. So geht kriti- sches Mitmachen! zurück