Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


       zurück

       Bremer Hochschulzeitung Nr. 80, 01.11.1983
       
       Sachdienliche Hinweise  zum Thema:  "Was kommt  nach  dem  heißen
       Herbst?"
       

FRIEDENSBEWEGUNG ODER WIDERSTAND?

Die Friedensbewegung bewegt Millionen Bürger zu ihren Aktionen. Sie hat also Erfolg, sagen die Akteure in der Regel so begei- stert, daß sie schon gar nicht mehr angeben wollen, worin eigent- lich der Erfolg besteht. In der Verhinderung der "Nach"rüstung? Das glauben selbst Friedensbewegte immer weniger. Höchste Zeit also, einmal Zwischenbilanz -------------- zu ziehen und die Frage zu beantworten: Wie weiter? Breite der Bewegung durch Glaubwürdigkeit ----------------------------------------- heißt die eine Maxime der Friedensbewegten. Was hat die Glaubwürdigkeit, mit der die Bewegung breiter wurde, dem Raketenprotest genutzt? * Wer Pershing sagt, muß auch SS-20 sagen! Unglaubwürdig fanden Schmidt und Kohl an der Kritik der "Nach"rüstung, daß sie westlichen s t a t t östlichen Raketen galt. Ihrer eigenen Glaubwürdigkeit wegen protestierte die Frie- densbewegung auch gegen die Waffen des Hauptfeindes. Für deren Beseitigung aber hat die BRD die Pershing als unerläßliches Mit- tel verordnet. Fazit: Glaubwürdigkeit und Protest gegen Pershing schließen sich aus! * Wer äußeren Frieden will, muß im Innern friedlich sein. Unglaubwürdig fanden die Politiker, daß überhaupt für den Frieden p r o t e s t i e r t wurde. Sie bestanden auf ihrer alleinigen Zuständigkeit, Frieden zu schaffen, und zwar mit neuen Waffen für einen Sieg gegen die Sowjetunion. Ihrer eigenen Glaubwürdigkeit wegen beteuerte die Friedensbewegung ihre "Gewaltfreiheit" und schenkte den Aufrüstungspolitikern ihr Vertrauen für Abrüstungs- maßnahmen. Fazit: Glaubwürdigkeit und Protest gegen die Kriegsherren schlie- ßen sich aus! In dem Maße, wie sich die Friedensbewegung um die von oben ver- ordnete Glaubwürdigkeit bemühte, hat sie den P r o t e s t ge- gen die w e s t l i c h e A u f r ü s t u n g ersetzt. Und zwar durch eine Anklage gegen die Rüstung des Ostens und durch ein Bekenntnis zum inneren Frieden mit der westlichen Staatsge- walt. Wer jedes Bedenken gegen westliche Raketen unter diese bei- den Bedingungen stellt, meint der es eigentlich noch ernst mit seinem Protest? Er verpflichtet sich doch damit selbst auf die Maßstäbe der politischen Gewalt, die ohne Raketen zur Beseitigung des Ostens nicht Frieden geben will. Vorläufiger Höhepunkt dieser Bewegung: Auf einer Volksversammlung in Bonn erhält Willy Brandt Applaus. Er bekennt sich zur kriegsträchtigen Friedenspolitik der NATO und legt den Friedenswunsch der anwesenden "Straße" gleich mit darauf fest: "Die Angst der Menschen läßt sich nicht wegkommandieren, sie läßt sich auch nicht mit Raketen beseitigen. Doch sie läßt sich bün- deln... Wir sollten wissen, wie in der parlamentarischen Demokra- tie entschieden wird." (Brandt in Bonn) Das Parlament der Raketenpolitiker ist die einzige zuständige In- stanz. Wer dagegen die Schnauze aufreißt, kriegt es also nicht nur mit Zimmermann, sondern auch mit Brandt zu tun. D a s ist ein Erfolg für die Friedensbewegung? Kein Wunder, daß Friedensfreunde selbst Zweifel an ihrer eigenen Bewegung bekommen. 31ofä; was für welche? Breite der Bewegung durch Radikalisierung ----------------------------------------- heißt die Maxime des anderen Teils der Friedensbewegung: "Die Legitimität der Bundesregierung und des Parlaments sollten angezweifelt werden. Unabsehbare Folgen hätte so etwas haben kön- nen. Aber die Leute haben nicht mitgemacht, Gehorsam und Ver- trauen in den Staat waren stärker. Und sie haben auch in Frieden ihre Friedenstauben backen können, Tot-stell-Spiele und Fastenak- tionen mußten nicht verboten werden - und die vielen Bittbriefe an den Bundeskanzler kamen nicht zuletzt den Einnahmen der Bun- despost zugute." (Krieg dem Krieg, im Treibsand) Mit einer Ironie, die der Marxistischen Gruppe niemals wieder verziehen wurde, stellen diese Kritiker klar: ein Großteil der Bewegung ist von Vertrauen in diesen Staat beseelt. Und das ist ja wohl das glatte Gegenteil von Widerstand gegen seine waffen- starrende Friedenspolitik. Bloß: als diese Kritik will das keiner ihrer Wortführer gelten lassen. Das würde ja auch die Frage auf- werfen, ob eigentlich das Ziel der Bewegung in Ordnung ist, wenn sie sich beim Kanzler mit Bittschriften gut aufgehoben weiß. Das zu fragen, ist in der Friedenbewegung verboten. Mit dem Argument "Einheit" wird der eigene Einwand sofort wieder für nichtig be- funden. Als wäre es ein Ausweis guten Geschmacks und ein Mittel für Einheit dazu, wenn man anderen so kommt: Ihr seid zwar Idio- ten, aber ehe wir uns von euch abspalten lassen, sagen wir das lieber nicht zu laut am falschen Ort! So aber verstehen sich die "Radikalen" als Ergänzung zu den "Glaubwürdigen", die sich im gemeinsamen Anliegen nun doch wieder einig sein sollen. Und da ist leider etwas dran. * Die Bundesregierung und ihre Raketenpolitik ist nicht legitim! heißt der Einwand gegen vertrauensselige Appelle in Richtung Bonn. Das heißt doch wohl umgekehrt: eigentlich und legitimer- weise m ü ß t e sich jeder Regierungsbeschluß in der Demokratie mit den Interessen der Untertanen decken. Dann aber wäre Regie- rung, H e r r s c h a f t über ein Volk so überflüssig wie ein Kropf. Warum also eine Illusion über den eigentlichen Nutzen der Demokratie ins Feld führen, die man keinem Politiker mehr abneh- men will - nur noch sich selbst? Dann doch lieber gleich gegen die Politik und ihre Maßnahmen angehen, statt ihre Rechtmäßigkeit bezüglich eines Nutzens für alle anzuzweifeln, den die Politik nicht zum Ziel hat, sondern der höchstens als frommer Wunsch der Untergebenen für die Zustimmung zu ihr gefragt ist. * Symbolische Blockaden vor Hafenanlagen für Waffentransporte und Kasernen verhindern die Aufrüstungspolitik eingestandenermaßen nicht. Sie sind nicht einmal eine ernsthafte Behinderung. Was sollen sie dann leisten? Dem Volk soll gezeigt werden, daß es mit lauter Werkzeugen staat- licher Gewalt umgeben ist, die eigentlich zu seinem friedlichen Werk- und Familienalltag nicht passen sollen. D a ß in Garl- stedt Panzer und durch den Bremer Hauptbahnhof Waffentransporte rollen, w e i ß jeder. Für unpassend wurde allerdings der Pro- test dagegen befunden. Bevor man also ein Z e i c h e n für einen gar nicht vorhandenen Widerstandswillen im Volk setzt, das der Regierung die Legitimität absprechen soll, sollte man lieber etwas für die Herstellung des Widerstandswillens tun. Hilfreich wäre da die Auskunft: Für Bombenzüge und Kasernen samt neuen Ra- keten liefern die Allermeisten täglich ihre Arbeit ab und teilen sich zu Hause ins "Sparprogramm" ein. Der ganze schöne innere Frieden an den Arbeitsplätzen, in den Kirchengemeinden und an der Sozialfront ist gar nicht ein schreiender Gegensatz zur bemerkten Aufrüstung. Er ist das von oben verordnete Mittel für ihre Her- stellung und Durchsetzung. Auch diesem, nach eigenem Selbstverständnis "radikalen" Teil der Friedensbewegung sind Zweifel an der eigenen Wirksamkeit gekom- men: vor Ort ist immerzu der Widerstandswille der breiten Bevöl- kerung ausgeblieben, auf den man sich berufen wollte. Also haben einige Friedensbewegte die von der Staatsgewalt gegen jeden Pro- test eröffnete Konfrontation angenommen - leider an einem Punkt, wo sie nicht zu gewinnen ist. Ein paar hundert Menschenleiber werden seitdem von der versammelten Staatsgewalt zusammengeprü- gelt, damit der Protest "gewaltfrei" bleibt. Der Erfolg derer "da oben" hat eben auch noch den Zynismus der Moral auf seiner Seite. *** Was tun? -------- In Sachen Frieden Nicht mehr sagen: Wir sind für Frieden. Denn Frieden ist das höchste Gut! Sondern: Wir sind gegen den Frieden westlicher Politik. Sie diktiert ihn aller Welt unter dem Titel "Frieden, aber nur in Freiheit". Mit dieser Bedingung gibt sie ihren Weltkriegsgrund bekannt: wer sich der Benutzung durch die westliche Freiheit entzieht, wird als Ge- fährdung des Friedens mit Krieg überzogen. Siehe Grenada, Nicara- gua, Libanon. Und jeder weiß, gegen wen es im Letzten geht: gegen die Sowjetunion. In Sachen Nachrüstung Nicht mehr sagen: Unser Protest gegen Pershing ist glaubwürdig, weil wir die SS20 nicht vergessen. Sondern: Die Nachrüstung dient dem Weltkriegsprogramm des Westens. Dafür sind von oben die SS20 zum Ärgernis erklärt worden. Wer gegen die Kritik der Nachrüstungsraketen "SS20!" brüllt, verlangt, daß sich jedermann der Feindschaftserklärung seines Staates anschließt und die Kritik an seinen Kriegsmitteln deswegen unterläßt! In Sachen innerer Frieden Nicht mehr sagen: Wir sind für Frieden nach außen. Dafür geben wir im Innern durch unsere Friedfertigkeit ein Beispiel. Sondern: Den Krieg befehlen immer noch Kohl, Wörner und Co. Der innere Frieden am Arbeitsplatz, in den geistigen Schulen der Nation ist das Mittel für die Kriegsvorbereitung der Nation. Deshalb wird er auch immer von den Kriegsherren befohlen. In Sachen Friedenswillen des Volkes Nicht mehr sagen: Das gute Volk will lieber seinen täglichen Frieden als die Rake- ten der Rüstungspolitiker. Die Nachrüstung ist daher nicht legi- tim. Sondern: Der innere Frieden, der dem Volk täglich abverlangt wird, ist al- les andere als ein Zuckerschlecken. Viel Arbeit für wenig Geld. Damit Kapital und Staat ihr Wirtschaftswunder haben. Auch für die Anschaffung von Raketen. Warum soll man lieber für "soziale Dienste" statt Raketen sein, wenn sie bloß dazu taugen, den Aus- schuß an Armut und Elend in die Ecke zu kehren, der bei dieser Sorte Wirtschaft und innerem Frieden anfällt? Soll man der Poli- tik bestreiten, daß ihre Schädigung der Leute nicht im Namen die- ser Leute geschieht (= nicht legitim)? Oder ist es nicht vielmehr richtig, dieser Politik die Freiheit zu bestreiten, durch ihre Indienstnahme des Volkes die Allermeisten zu Opfern zu machen? Sicher, das wäre Klassenkampf. Na und? Wenn man schon als Frie- densbewegter mit bloß "symbolischern" Protest von Zimmermann wie ein Kommunist behandelt wird, dann kann man auch gleich einer werden. zurück