Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Zur Rede von Prof. Flitner am 19.1. auf dem Tübinger Holzmarkt
Flitners Lektion für den friedensbewegten Protest:
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STOP DEM PAZIFISMUS!
Die folgende öffentliche Verurteilung der Friedensbewegung zi-
tiert Flitner, emerierter Tübinger Professor für Pädagogik, weil
er sie voll und ganz teilt:
"Nun wird der Friedensbewegung ja immer und immer wieder vorge-
worfen, sie sei so naiv wie ihre Transparente. Das Böse und den
Krieg schafft man nicht durch Beschwörungen aus der Welt. Und wer
nicht teilnehmen wolle, der wolle sich eben drücken vor der ge-
fährlichen und kostspieligen Aufgabe, die Welt in Ordnung zu hal-
ten und die Räuber, die Hitlers und Husseins, nicht einfach zur
Weltherrschaft (!) kommen zu lassen. Liebe Freunde, es gibt unter
uns auch den konsequenten Standpunkt des reinen Pazifismus... Ich
habe großen Respekt vor dieser Position, es gehört sehr viel in-
nere Stärke dazu. Ich selbst will sie für mich nicht in Anspruch
nehmen..."
Gut geheuchelt! Erst den Pazifisten Respekt bezeugen, um ihnen
dann mitzuteilen, daß ihre Auffassung völlig "naiv" sei und
letztlich nur den Husseins zur "Weltherrschaft" verhelfe. Wenn es
um Hussein geht, ist Flitner offenbar kein "primitives Bild" pri-
mitiv genug, um den Feind des Westens zu beschimpfen - als
"Räuber", der die schöne Welt in Unordnung bringt. Kritik an Bush
dagegen zitiert Flitner bloß und will damit schon ihre totale
Naivität und Blödheit aufgezeigt haben.
"Es wäre in der Tat naiv, wenn wir Präsident George Bush einfach
als den Kriegstreiber ansähen, der seine Ölinteressen, die seines
Landes oder die seiner Familie (?) hier verfolgt und die UNO nach
seiner Pfeife tanzen läßt. Ein so primitives Bild sollten wir uns
nicht gönnen... Kann man den Irak einfach weitermachen lassen?
Kann man die unendlichen Reichtümer der kuwaitischen Ölquellen
einfach fließen lassen in den Aufbau von ABC-Waffen, in den Wil-
len zur Vernichtung Israels, in die Ausrottung der Kurden mit
Giftgas und so weiter? Wer das alles ignorieren oder beschönigen
wollte, den müßte man für gefährlich naiv oder einseitig blind
halten."
Statt einer Kritik an den USA "gönnen" wir uns da doch lieber die
offizielle Verurteilung des Irak. Offenbar hält Flitner das in
jeder Bild-Zeitung breitgetretene F e i n d b i l d schon für
so einleuchtend, daß er es dem Protest noch einmal schön vorbuch-
stabiert. Jede Unterscheidung der Kriegspropaganda des Westens
und der tatsächlichen Kriegsgründe wäre da schlichtweg
"beschönigend und gefährlich naiv". Nicht beschönigend ist es da-
gegen, wenn man alle unglaubwürdigen und noch in jedem Krieg er-
folgenden Schuldzuweisungen a n d e n F e i n d unbesehen
Glauben schenkt:
Nach dem Kriterium, daß verwerflich ist, wer Reichtümer in den
Aufbau von ABC-Waffen fließen läßt, könnten einem durchaus noch
ein paar andere Staaten einfallen. Zum Beispiel die Lieferanten
des Irak. Oder die USA, die nicht nur ihr A- und C-Arsenal schon
in etlichen Kriegen erfolgreich getestet haben. Welcher Sauber-
staat die "unendlichen Reichtümer" Kuwaits hinterher besitzen
soll, wollen wir Flitner erst gar nicht fragen.
Sehr unglaubwürdig als Feindschaftserklärung an den I r a k ist
auch die Ausrottung der Kurden. Denn erstens betrieb er diese
schon zu Zeiten, wo er noch der liebe Kunde und Freund des We-
stens war. Und zweitens ist unser Kriegs- und NATO-Partner
T ü r k e i ja auch nicht gerade bekannt als Freund des kurdi-
schen Volkes, ohne deswegen gleich als Feind des Westens dazuste-
hen.
Flitners "Argumente" müßte man glatt als "naiv und einäugig" zu-
rückweisen, wenn man nicht wüßte, daß die P a r t e i n a h m e
für den Westen mit besseren Argumenten eben nicht zu haben ist.
Fragt sich bloß noch, wieso Flitner dann überhaupt gegen die Be-
seitigung des Hitlers von Bagdad durch freiheitliche Bombenge-
schwader protestiert?
"Nicht daß der Irak endlich gestoppt wird, kann uns zornig ma-
chen, sondern daß nicht alle Mittel ausgeschöpft worden sind,
dies ohne Krieg zu tun..."
Das Kriegsziel des Westens geht also voll in Ordnung, bloß daß
deswegen j e t z t schon Krieg nötig war, will Flitner bezwei-
feln. Bei einem u n n ö t i g e n Krieg wird er glatt zornig.
Da möchten wir aber doch mal wissen, an welche anderen Mittel
dieser Kriegsgegner gedacht hat, um Saddam aus Kuwait zu vertrei-
ben. Ein bißchen Hungersnot in Irak durch Handelsembargo, wäre
das recht? Und dafür soll man auch noch protestieren, daß die
Kriegsherren vor ihren Kriegen doch bitte all ihre feinen anderen
Erpressungsmittel ausspielen sollen? Und was, wenn Flitners men-
schenfreundliches Ideal der Erreichung von Kriegszielen ohne
Krieg dann doch nicht hinhaut?
*
Nachdem Flitner die offiziellen Kriegs g r ü n d e samt und son-
ders geteilt bzw. den Pazifisten hinter die Ohren geschrieben hat
- d a n a c h läßt er es an aufrüttelnd-besinnlichen Worten des
Protests gegen den Krieg nicht fehlen. Er führt gleich selber
vor, wie ein Protest sich formuliert, der kein "Anti..." ist -
durchaus radikal, moralisch engagiert, bloß gegen nichts und nie-
manden gerichtet.
Wo er eben noch vorwurfsvoll fragte, ob man den "Irak so weiter-
machen lassen kann", verfabelt er nun den Krieg in das ungewollte
Ergebnis althergebrachter geistiger Dispositionen bzw. hochmoder-
ner Systeme -
"Aber das Furchtbare, was sich (?) hier entlädt, entstammt der
doch immer noch vorhandenen Bereitschaft, Kriege zu führen; und
entstammt dem einen, übergreifenden Rüstungssystem..."
- dabei wird Flitner sowohl von sich selber als auch von den De-
serteuren wissen, wie es um die menschliche "Bereitschaft" zum
Kriegführen bestellt ist, als auch, wie wenig "Rüstungssysteme"
sich selber abfeuern! Eines ist damit aber geleistet: die Verant-
wortlichen in Sachen Kriegswillen und -führung sind zu anonymen
Mächten geworden - und der Protest wird zum moralischen Finger-
zeig, was passiert, wenn man d i e leichtfertig entfesselt.
Als hätte er nicht eben erst den Krieg - im Vergleich zu anderen
Erpressungsmitteln - als politisches Instrument erwogen, stellt
er sich nunmehr naiv und führt sich und allen anderen, Produzen-
ten und Anwender der Waffen inklusive, als ganz und gar unvorher-
gesehenes, deshalb um so aufrüttelnderes Ereignis vor Augen, daß
Waffen eben vernichten:
"Der Krieg mit dem Irak bringt der westlichen Welt das grausige
Erschrecken, wohin sie es gebracht hat mit Waffen- und ihrer Men-
schenvernichtungstechnik, die sie selber so munter entwickelt und
auch noch in politische Systeme hineinpumpt, die für uns völlig
unberechenbar sind."
Angesichts von "Waffen- und Menschenvernichtungstechnik" will
Flitner, daß jedermann erschrickt, wie er. Und weiter nichts. Ihm
genügt es jedenfalls, nur dieses moralische Gefühl zu zeigen: daß
er, Flitner, die Augen nicht verschließt! Um dieses und den Grad
der eigenen Erschrockenheit über so etwas Verwerfliches wie Krieg
zu zeigen, ist ihm kein Bild drastisch genug. Was als politischer
Vorwurf gegen die Bundesrepublik und ihre Freunde nicht in die
Tüte kam - als moralische Anmache an uns alle ist es gerade
recht:
"Der Reichtum der Bundesrepublik ist mit Blut beklebt. Der Krieg
im Irak und in Kuwait wird auch dafür geführt, daß die Waffen-
Wirtschaft und die Verschwendungswirtschaft auf der Basis billi-
gen Öls so fortgeführt werden kann wie bisher..."
Also weg mit einer Wirtschaft, die über Leichen geht? Schluß mit
den Verhältnissen, wo Wohlstand nur mit Krieg zu haben ist? Also
doch: Blut für Öl?
Nein. Solche Worte heißt es, richtig zu verstehen. Nämlich als
Selbstanklage:
"Unser Tübinger Friedensfreund Volker Nick ... hat mit seinen
Freunden das Cabat-Haus in Mutlangen so umgebaut, daß es ebenso-
viel Energie durch Solartechnik gewinnt wie es zum Heizen und
fürs Wasser braucht - ein Friedensbeitrag auch zur Golfkrise zum
Kampf der Mächte um das Öl."
Wenn schon alle "bereit" sind für den Krieg, wenn schon der We-
sten die Welt mit Waffen "vollpumpt" und wenn die Bundesrepublik
ihre Hände in Blut wäscht - dann können wir alle doch wenigstens
Sonnekollektoren kaufen. Wir können's aber auch lassen, darauf
kommt es Flitner gar nicht an. Sondern: daß der Protest kein
"gegen" kennt, das politisch aneckt, keine Politiker und keine
Politik kritisiert. daß der Protest vielmehr verkommt zur öf-
fentlichen Selbstanklage und -zerknirschung:
" 's ist leider Krieg, und ich begehre, nicht schuld daran zu
sein!" (Schlußwort von Flitner).
Traurig, wenn nur noch das Gewissen beißt!
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