Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 54, 11.05.1982
Der Veranstaltungskommentar
"FRIEDENSINITIATIVEN"
stellten sich zur Diskussion in der Auftaktveranstaltung der Vor-
tragsreihe "Frieden - Gegenstand und Aufgabe der Wissenschaften"
der Friedensinitiative Bremer Hochschulen. Auf dem Podium saßen
G. Stuby für den "Krefelder Appell", D. Albers für den
"Bielefelder Appell", M. Freyhold für "Russell-Peace", J. Beck
("Ausbruch aus dem Irrenhaus") und Frau Gallwitz für das
"Frauenbündnis gegen Militarismus und Krieg". Das Motto des Dis-
kussionsleiters, des scheidenden Rektors Wittkowsky: man möge
"über dem Trennenden in den Wegen das Gemeinsame in der Initia-
tive für den Frieden" betonen. Von "Kriegsgefahr" reden nur noch
"nicht zur Friedensbewegung gehörende", z.B. MG-Redner, klagte
Sandkühler, nicht über die Friedensfreunde, sondern die besagten
Redner. Die Friedensfreunde bewegt längst anderes.
Die politische Zielrichtung des Krefelder Appells fand G. Stuby
kaum der Rede und schon gar nicht des Streits wert. Die Kritik,
wer die planmäßige Aufrüstung des Westens als "verhängnisvolle
Fehlentscheidung" anklage, gebe sich einem verhängnisvollen Ver-
trauen in die eigentlich guten Absichten der Führer des Westens
hin, irritierte ihn nicht weiter. Er wollte sich gerade gegen den
entgegengesetzten Vorwurf rechtfertigen. "antiamerikanisch" und
"prosowjetisch" zu sein. Nein, er ist f ü r die Freeze-Amis,
die Reagan damit kritisieren, sein Programm sei auch billiger und
risikoloser zu haben. (Vgl. S. 3: Amerik. Friedensbewegung) Von
der SU "erwartet" er, daß sie "defensiv" bleibt. Ähnliches erwar-
ten die westlichen Friedenspolitiker, die sich für das ihnen ent-
gegengebrachte Vertrauen bedanken und es auf ihr Programm ver-
pflichten, den Osten mit immer neuen Bedingungen für den Frieden
in die Defensive zu zwingen. Für Frau v. Freyhold ist die
"Loyalität gegenüber einem blockfreien, neutralen Europa"-Bedin-
gung, um sich zum Kreis der Friedensfreunde zählen zu dürfen.
Dieses Ideal hat es in sich. Erstens will es niemanden, sondern
"die Logik der Blockkonkurrenz" dafür verantwortlich machen, daß
ein III. Weltkrieg vorbereiten wird. Ganz neutral entschuldigt
sie die Politiker in West und Ost, sie seien in besagter "Logik"
verheddert - und ist dabei so parteilich, zwischen westlichem Ur-
heber und östlichem Adressaten der Kriegsdrohung keinen Unter-
schied zuzulassen. Dafür schreckt sie auch vor offenen Lügen
nicht zurück: der mit den Polensanktionen z.B. geltend gemachte
westliche Anspruch, die Souveränität der Oststaaten zu schädigen
und zu reglementieren, sei bloßes "Propagandagerede". Zweitens
wird ihre Entschuldigung der Politik gegenüber den europäischen
Herrschaften in der Tat zur "Loyalität". Ausgerechnet das
"Beispiel des gaullistischen Frankreich" - der Aufbau einer na-
tionalen Atomstreitmacht n e b e n der NATO-Einbindung, der bei
den Genfer Verhandlungen ein westlicher Trumpf in der Hinterhand
ist - belegt ihren Glauben, im Unterschied zu den "Supermächten"
seien die europäischen Souveräne ein einziges Friedenspotential.
Vom Falkland-Krieg hat die gute Frau sicher nichts gehört, in dem
England ganz ohne "Druck" der Blöcke freihändig die Argentinier
versenkt. Das paßt eben nicht in ihr Konzept. Drittens sei Ziel
der Friedensbewegung, was nicht zufällig der NATO-Vorstellung von
der Auflösung der Blöcke gleicht: das Verschwinden der SU in ei-
nem Europa von "Portugal bis zum Ural". Das möchte Russell-Peace
freilich nicht den Amis, sondern europäischen Nationalisten zu
Füßen legen. Nicht mit den Waffen der NATO, sondern denen der
Friedensbewegung:
"Das Wort Frieden gehört nicht mehr der Ostblockpropaganda, son-
dern der Basisbewegung gegen das Wettrüsten, zumal in Westeuropa,
aber nicht nur dort.
"Das Wort Freiheit gehört nicht mehr der NATO-Propaganda, sondern
dem sozialrevolutiondren Aufbegehren (wo?, genau:) gegen den
Staatsmonopolismus, zumal in Osteuropa, aber nicht nur dort."
Verzinkt formuliert, aber die Botschaft ist eindeutig. Die Frie-
denskämpfer bekämpfen den Ostblock als Friedensheuchler und im
Westen das Wettrüsten, nicht etwa den Westblock. Die Freiheit ist
ja schon im Westen in Gestalt der Basisbewegung für "Frieden in
Freiheit" und will mit genau derselben zynischen Kalkulation mit
Solidarnozs in den Osten exportiert werden, die auch der NATO ge-
läufig ist. Nur sollen sich die Polen nicht für die NATO, sondern
für die Friedensbewegung in die Bresche werfen.
Die einzige Opposition, die von der Friedensbewegung hierzulande
ohne Scham und von Herzen ausgeht, ist gegen "die Agentur des an-
deren Blocks" gerichtet, die DKP. Die aber will's nicht glauben,
um auf jeden Fall dabeibleiben zu dürfen: "Warum wollt Ihr das
bewährte Prinzip aufgeben, daß in der Friedensbewegung Antikommu-
nisten und Kommunisten zusammengehören?" Weil sich der Anti-
kommunismus für die Glaubwürdigkeit der Friedensbewegung in der
Nation bewähren will. Diese Antwort eines MG-Redners hielt natür-
lich ausgerechnet die DKP für einen Skandal. Nicht, weil sie
stimmt, sondern weil er es wagte, sie auszusprechen.
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