Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Marxistische Gruppe, Januar 1983, München
       

WESHALB SOLLEN UND WESHALB WOLLEN SICH FRIEDENSFREUNDE DAUERND RECHTFERTIGEN?

Es ist schon erstaunlich: Sowohl ihrem eigenen Bekunden nach, wie auch dem der Politiker sämtlicher Parteien nach, handelt es sich beim Anliegen der Friedensbewegung um eines, das jeder will, und auch um eines, das volles Recht genießt; und dennoch wird ihnen ausgerechnet von den Bonner Lobhudlern ihres Anliegens immer wie- der die eine Rechnung aufgemacht: sie hätten sich just dafür zu rechtfertigen. Bei aller prinzipiellen Anerkennung des Wunsches nach Frieden wird jeder Schritt zur Darstellung dieses Wunsches einem sehr prinzipiellen Verdacht unterzogen, und man wird sofort mit zwei Fragen konfrontiert: Seid ihr auch friedlich? Seid ihr auch für Abrüstung im Osten? Mit dieser G e s i n n u n g s p r ü f u n g, die der Staat der Friedensbewegung abverlangt, stellt er ziemlich deutlich dar, daß er hierzulande erst einmal ganz prinzipiell zu entscheiden hat, nicht nur ob er einen Wunsch erfüllt, sondern ob dieser überhaupt an ihn gerichtet werden darf! Und dafür stellt er zwei ebenso prinzipielle Kriterien auf: 1. Die Anerkennung seines Gewaltmonopols ---------------------------------------- Dabei geben ausgerechnet diejenigen den Imperativ: "Gewalt darf kein Mittel der Politik sein!" in der Gesellschaft aus, die als Politiker die einzigen in der Gesellschaft sind, die über Gewalt verfügen, die also über das staatliche Gewaltmonopol verfügen, weshalb ihr Geschäft nicht umsonst "Staatsgewalt" heißt. Sie verlangen also jedem anderen ab, daß er ihnen dieses Monopol auch überläßt, weshalb der staatliche Anspruch im Klartext lautet, daß Gewalt einzig das Mittel der offiziellen Politik zu bleiben hat! Ungeniert verbreiten die Inhaber dieser Gewalt die Lüge in der Gesellschaft, daß "ohne sozialen Frieden kein äußerer Friede" möglich sei, fast so, als ob sie bei inneren Unruhen zur Strafe einen Krieg vom Zaun brechen würden. Dabei ist es doch ziemlich umgekehrt: je weniger nach innen die Staatsgewalt bestritten wird, desto freier und unbehinderter kann sie ihren Einsatz nach außen kalkulieren. Es ist also ein ziemlicher Fehler, sich ausgerechnet auf den Prüfstein der Friedlichkeit auch noch positiv einzulassen. Viel- leicht hat man selbst in dem bloßen Wunsch nach Frieden noch ge- merkt, daß in diesem Staat nicht einmal das Leben seiner Bürger garantiert ist, daß vielmehr dessen planmäßiger Einsatz im Krieg bevorsteht. Und ausgerechnet da soll man die uneingeschränkte Ge- walt derer, denen man nicht mehr so recht traut, unangetastet lassen? Wer sich darauf einläßt und dem Staat wie ein Kind zur Mutti immer wieder kundtut: ich bin aber doch friedlich, der sollte auch nicht mehr so tun, als hätte er auch nur irgendetwas mit Widerstand im Sinn; der glaubt doch bis zum letzten Atemzug, daß sein Schicksal bei den Inhabern staatlicher Gewalt in besten Händen ist. 2. Anerkennung seiner Feindschaften nach außen ---------------------------------------------- Hier wird der Staat scheinbar bescheiden und erlaubt doch tatsächlich Kritik an seinen Waffen - w e n n man auch die der anderen kritisiert Er verlangt vom Kritiker "Ausgewogenheit" Mit dieser harmlosen Forderung ist nicht weniger verlangt, als in der Rüstung des Gegners einen guten Grund für die des eigenen Staats zu sehen - also selbst den Standpunkt der Feindschaft gegen den Osten sich zum Bestandteil seiner Gesinnung zu machen. Der Kriti- ker der Aufrüstung wird so zum Verteidiger der Berechtigung, denn schließlich muß der eigene Staat den feindlichen Raketen, die als seine "Bedrohung" anerkannt sind, etwas entgegensetzen. Wer bei aller Kritik an den Waffen des eigenen Staates also deren prinzi- pielle Berechtigung anerkennt, der ist seiner Herrschaft und de- ren Aufrüstung schon der beste Gefolgsmann. Die ganze Kritik an diesen Gewaltapparaten reduziert sich auf alternative Vorschläge, wie man dem Feind dessen Abrüstung schmackhaft machen könnte. Da hätte man gleich General werden sollen: So einer kümmert sich sein ganzes Leben um Abrüstung - beim Feind, und mit den wirksam- sten Mitteln. SPD - EINE PERSPEKTIVE? ======================= Ein Erfolg, die Anerkennung als ernst zu nehmende politische Kraft, ist der Friedensbewegung sicher. Vormals des Querulanten- tums beschuldigt und als 5. Kolonne Moskaus verdächtigt, bekommt sie mittlerweile das Prädikat "Bundesgenosse" von der SPD ver- paßt, was allerorts als Indiz für die eigene Bedeutsamkeit wohl- wollend aufgenommen wird. Bloß, soll man sich darauf wirklich et- was einbilden, wenn einem gerade diejenigen auf die Schulter klopfen, die als Regierungspartei die NATO-Offensive gegen den Osten zum A&O bundesdeutscher Politik erklärten und Einwände da- gegen heute wie damals prinzipiell zurückweisen? Die SPD macht bei einer Bewegung Punkte deren expliziter Aus- gangspunkt die Gegnerschaft zu der vom SPD-Kanzler entdeckten Ra- ketenlücke war - einfach, indem man ihren guten Willen nicht in Abrede stellt, sich mit diesem eins erklärt und seinen Entschluß bekräftigt, die "realpolitische" Umsetzung zum weiteren Fort- schritt im Ost/West-Verhältnis i m N a m e n dieser Gesinnung voranzutreiben. Wer dies als seinen Erfolg in Sachen "Frieden" interpretiert; wer glaubt, daß damit "ein Stück weit" der eigenen Vorstellung Realität in der großen Politik verliehen worden ist, der will den berechnenden Opportunismus einer auf Abruf bereiten Regierungspartei nicht zur Kenntnis nehmen, die sich der Protest- ler in der Rolle der Machtbeschaffer bedienen will, um sie für ihre personelle Alternative einer ansonsten feststehenden Politik gegen den Osten zu benutzen. zurück