Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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WOVON DIE FRIEDENSBEWEGUNG NICHTS WISSEN WILL

Nicht daß die Friedensbewegung nicht wüßte, daß es D e m o- k r a t i e n waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer ansehnlichen Zahl von Kriegen für ihren Einfluß in der Welt gesorgt haben. Daß Belgien im Kongo, Frankreich im vorderen Ori- ent, in Indonesien, in Afrika, Großbritannien am Suez und auf den Falklands, die USA in Vorderasien, Korea, Vietnam, Mittelamerika und wo sonst noch lauter Kriege angezettelt haben, die Stellvertreterkriege und CIA-Einsätze noch gar nicht mitgerech- net. Es waren vom Volk gewählte Regierungen, Präsidenten, die ge- schworen hatten, zum Wohle des Volkes zu regieren: die haben es als Gebot der demokratischen Verfassung und der Menschenrechte angesehen, die politische Handlungsfreiheit ihrer freiheitlichen Nation mit Krieg durchzusetzen. Von demokratisch gewählten Füh- rern, im Namen des Volkes und zum Wohle des Vaterlandes werden auch jetzt die militärischen Machtmittel und mächtigen Bünd- nispartner beschafft, die es für einen Krieg gegen den Osten braucht. Das alles bringt demokratische Herrschaft zustande. Nein, diese Zusammenhänge sind der Friedensbewegung nicht unbe- kannt. Sie legt sie sich aber zurecht, als ob sie sich trotz al- lem den Glauben an die ideale Demokratie nicht nehmen lassen wollte: an einen Auftrag demokratischer Politik, in schöner Ein- heit mit dem Volk nur dessen Willen zu erfüllen und deshalb nie zum Mittel des Kriegs zu greifen. Zu Kriegen käme es, weil die wahre Demokratie zu wenig realisiert wäre; weil selbstherrliche Führer sich vom Willen des Volkes isoliert hätten; weil undemo- kratische und reaktionäre Machtpolitiker das Volk täuschten und zur Kriegshetze bliesen; oder auch weil die Politiker Opfer von Waffenfanatikern oder der Logik der Rüstungsspirale würden; schließlich weil demokratische Länder durch die schlechten Eigen- interessen anderer Mächte oder gar wegen "erhöhter Spannungen in der Weltpolitik" in Kriege "hineinschlittern" oder hineingezogen wurden. Gegen jeden Augenschein hält man unerschütterlich an dem Ideal fest: Wirkliche Demokratien führen keine Kriege. * Nicht daß die Friedensbewegung nicht wüßte, daß H u n g e r u n d T o d i n d e n L ä n d e r n d e r D r i t t e n W e l t deshalb etwas Alltägliches sind, weil die ökonomisch er- folgreichen und politisch einflußreichen westlichen Demokratien in Europa und Nordamerika diese Länder ziemlich einseitig benut- zen. "Entwicklungshilfe" soll diese Länder gar nicht zu gleichbe- rechtigten Geschäftspartnern machen, schon gar nicht der Bevölke- rung dort zu Wohlstand verhelfen: sie dient allein dazu, die Be- nutzbarkeit dieser Gegenden zu erhalten. Für die westlichen Demo- kratien, diese Heimatländer der Menschenrechte, ist es daher auch kein Widerspruch, sondern ein selbstverständliches Gebot des na- tionalen Interesses, Milliarden für Aufrüstung auszugeben und für die "Hungerhilfe" an die 'Dritte Welt' kein Geld mehr locker zu machen. Statt Trockenmilch und Traktoren werden Waffen in diese Länder geschickt, denn das ist allemal das geeignetere Gerät, um den politischen Dienst der Souveräne dort zu sichern und sie zu Unterbastionen des Westens auszugestalten. Dabei entscheiden im- perialistische Regierungen sich noch nicht einmal g e g e n einen karitativen Kampf gegen Hunger und Tod: Zu ihrer weitweiten Sicherheitspolitik ist das von vornherein gar keine Alternative. Nein, diese Zusammenhänge sind der Friedensbewegung nicht unbe- kannt. Trotzdem läßt sie nicht von dem Ideal, eine moralisch gute und im Sinne der Menschenrechte handelnde demokratische Politik müßte doch die Menschenwürde vor Hunger schützen und Negern und Indios das Überleben sichern. Da wird "Entwicklungshilfe" als guter Zweck einer moralisch sauberen Politik der weltweiten Auf- rüstung als moralischer Entgleisung gegenübergestellt und vor- wurfsvoll gefragt: Wieviele Millionen Menschenleben hätte man mit den Rüstungsmilliarden retten können? - so als hätten S t a a t e n und ihre verantwortlichen Macher bei ihrer Durch- setzung jemals die moralischen Skrupel, die ihren U n t e r- t a n e n so wohl anstehen. Nicht einmal daran mögen friedens- bewegte Idealisten das wirkliche Verhältnis zwischen Politik und Moral bemerken, daß ein Staat seiner Aufrüstungspolitik noch immer eine moralische Begründung hinzufügt, die nicht in Zweifel gezogen werden darf: das Überlebensinteresse der Nation. * Nicht daß die Friedensliewegung nicht wüßte, daß die c h r i s t l i c h e R e l i g i o n die Ideologie der Knechtsnatur des Untertanen ist, die dazu anhält, aus Glauben an und Liebe zu Gott mit aller irdischen Unbill seinen Frieden zu schließen. Deshalb ist das Christentum ja auch mitten in der mo- dernen Gesellschaft so nützlich und daher wohlgelitten: für den inneren Frieden. Die Friedensbewegung weiß auch, daß evangelische Pastoren und katholische Pfaffen bis zum Papst aus Bibel und Bergpredigt entweder ziemlich umstandslos die NATO-Strategie oder aber einen moralischen Vorbehalt gegen die menschheitsgefährdende Überrüstung herausinterpretieren, auf jeden Fall aber immer für ein Bekenntnis zur gottgefälligen westlichen politischen Ordnung gut sind und mit göttlicher Autorität dazu mahnen, den gewaltigen Waffen der Freiheit dürfe der gläubige Mensch auf keinen Fall unfriedlich gegenübertreten. Jeder weiß: Die Kirchen haben, wenn es dann soweit war, die Verteidigung des Vaterlandes noch allemal als gerechten Krieg abgesegnet. Sie beten, daß der Herr uns vor Krieg bewahren möge, so als wären nicht Kohl und Reagan in Ausübung ihrer demokratischen Politik die Macher von Kriegen, sondern das Böse im Menschen. Betend und gläubig macht man so seinen (inneren) Frieden auch noch mit dem Krieg. Nein, diese Zusammenhänge sind der Friedensbewegung nicht unbe- kannt. Trotzdem zählt sie die religiöse Moral zu ihren wichtig- sten "geistigen Kraftquellen" - so als wäre es eine Behinderung der Herrschaft, die gerade die Raketen aufstellt, wenn Tausende auf Kirchentagen sich im Gebet für Frieden und im Bekenntnis zur Friedlichkeit zusammenfinden und "Umkehr zum Leben" versprechen! Im Namen Jesu nimmt sie dort und nicht nur dort die amtierenden Rüstungspolitiker nicht als die Funktionäre, die sie sind, son- dern als gleichfalls "Menschen guten Willens", mit denen man sich allenfalls um die hochinteressante Frage streitet, ob Gott der Herr und sein eingeborener Sohn eher für oder gegen die Nachrü- stung gewesen wären. Statt NATO-Vertrag und Doppelbeschluß wird die Bergpredigt durchstudiert - mit vielen unterschiedlichen Er- gebnissen und immer dem einen: Ungehorsam, gar Widerstand gegen eine rechte Obrigkeit hat der Herr Jesus auf alle Fälle nicht ge- predigt. Und wenn auch am Ende auf die neuen Atomwaffen ein schiefes göttliches Licht fällt: was kann einer christlich-libe- ralen Aufrüstungsmannschaft eigentlich Besseres passieren, als wenn ihre "Kritiker" sich um das gute Gewissen und die ewige Se- ligkeit ihrer Befehlshaber sorgen?! * Nicht daß die Friedensbewegung nicht wüßte, daß F r i e d e n kein gemütlicher Zustand ist und deshalb auch nicht ohne Grund immer wieder zu Kriegen führt. Im derzeitigen Weltfrieden finden da und dort Kriege statt - nur gerade noch nicht in Europa. Im Frieden krepieren auch ohne Schießerei Millionen, weil die Bilan- zen stimmen müssen. Im Frieden gehören Not und Armut (nicht nur in Afrika), Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe, Rentensenkung und Steuererhöhung, Invalidität und sinkende Lebenserwartung zu den selbstverständlichen Begleiterscheinungen des freien Ausbeutungs- verhältnisses namens Lohnarbeit. Im Frieden werden um der Ord- nung, der freiheitlichen, willen nicht wenige eingekastelt oder ganz ausgeschaltet. Im Frieden lassen gar nicht demokratisch ver- faßte Herrschaften, aber Freunde der NATO ziemlich viel Volk per Polizei oder "Todesschwadron" verschwinden. Usw.. Unbekannt ist auch nicht, daß im Frieden die einen Staaten die anderen mehr oder weniger erfolgreich erpressen. Sie achten eifersüchtig dar- auf, überall mit ihrem Interesse vertreten zu sein, und verlassen sich dabei nicht auf den guten Willen der anderen Nationen. In ihrem Bestreben, den Geschäftserfolg ihrer wichtigeren Bürger zu mehren und den politischen Einfluß dafür zu vergrößern, sind sie sich auch von vornherein im Klaren darüber, daß so etwas ohne Streitmacht nicht zu haben ist. Deshalb steht das Militär im Grundgesetz, damit die Friedenspolitik, wenn sie diplomatisch nicht mehr geht, mit den Mitteln des Militärs fortgesetzt werden kann. Schließlich gibt es das Grundgesetz und die danach einge- richtete westdeutsche Republik nur, weil die FriedensPolitik der NATO von Anfang an ihren erklärten Haupt-Kriegs-Feind hatte; zu- fällig denselben wie Hitlers 3. Reich. Die schöne Entspannungs- phase hat mit dieser Feindschaft keineswegs Schluß gemacht, was schon an der gewaltigen Aufrüstung zu bemerken ist, die in diesem Jahrzehnt stattgefunden hat. Nein, diese Zusammenhänge sind der Friedensbewegung nicht unbe- kannt. Trotzdem meint sie, den Frieden, in dem Geschäft und Ge- walt wenigstens in Europa noch nicht zum letzten Mittel gegriffen haben, als erhaltenswerten Zustand bewerten zu müssen - im Ver- gleich zur "Vernichtung der Menschheit". Die könne doch niemand wollen, meint und beteuert sie und übersieht dabei glatt, daß das tatsächlich niemand will, schon gar nicht die Politiker und Stra- tegen, die für die Verteidigung der Freiheit ein Waffensystem nach dem anderen in Auftrag geben. D i e wenden Milliarden für ihren Militärapparat auf und planen und proben dessen Einsatz, weil sie sich die zweckmäßige Kontrolle der Staatenwelt nicht streitig machen lassen wollen; und was sie planen, ist die Ver- nichtung der Souveränität ihres Feindes, nicht die Zertrümmerung des Erdballs. Als n o t w e n d i g e s M i t t e l d e r S t a a t e n k o n k u r r e n z mögen Friedensbewegte sich Rü- stung und Krieg aber nicht erklären; da müßten sie ja irre werden an der Abstraktion "Frieden", an die sie so innig glauben, und die Zwecke der Politik zur Kenntnis nehmen, statt die Welt der bürgerlichen Heuchelei um ihre gerechte Entrüstung zu bereichern. Lieber glauben sie daran, der Fortgang des Weltfriedens müßte doch auch ohne Krieg zu haben sein, und rufen ihre Politiker auf, den billigen I d e a l e n d e r S t a a t e n k o n k u r- r e n z: "Völkerverständigung" und "Entspannung", mehr treu zu bleiben. Als wäre nicht noch jede Kriegserklärung im Namen des Friedens- und Entspannungswillens ergangen - an dem es nämlich die Gegenseite unverantwortlicherweise fehlen läßt. * Nicht daß die Friedensbewegung nicht wüßte, daß die verantwortli- che Macht in Bonn alles tut, um jeden, der seine Bedenken gegen die Rüstungspolitik der Bundesrepublik anmeldet, als H e l f e r d e s H a u p t f e i n d s zu verteufeln und ihn so in die kommunistische Ecke zu stellen. Die Bundesregierung beansprucht die Zuständigkeit und das Recht auf wirkliche Friedenspolitik für sich allein. Schon eine andere Gesinnung als die, in deren Namen sie handelt und die sie von jedermann verlangt, bekämpft sie als unanständig und gefährlich. Bedingt zulässig sind Bedenken höchstens dagegen, ob die freiheitliche "Verteidigungs"-politik auch immer über die bestmöglichen Mittel verfügt, und auch das nur unter der Voraussetzung, daß man sich bedingungslos zur Ver- teidigungswürdigkeit dieser Republik bekennt. Ohne "Weg (auch) mit den SS 20!", ohne "Auf alle Fälle Freiheit statt Sozialis- mus!", ohne "Was mich betrifft: Lieber tot als rot!" macht der ehrlichste Friedensbewegte sich als "5. Kolonne des Feindes", be- stenfalls als "nützlicher Idiot der Kommunisten" verdächtig - was nicht einmal heißt, daß derartige Beteuerungen ihm diesen Ver- dacht ersparen. Nein, diese Zusammenhänge sind der Friedensbewegung nicht unbe- kannt. Der Offizielle Antikommunismus macht sie aber überhaupt nicht irre in der schlechten Gewohnheit, den Adressaten der west- lich-freiheitlichen Weltkriegsdrohung, die Sowjetunion, moralisch zu begutachten und, statt die in der Welt; verfochtenen politi- schen Zwecke zu überprüfen, sich von jeder Parteilichkeit für den Feind nachdrücklichst zu distanzieren. Um ihrer "Glaubwürdigkeit" bei den eigenen Herren und deren öffentlicher Meinung willen mag sie um keinen Preis mit Roten und Russen verwechselt werden und kann wirkliche oder vermeintliche Kommunisten in den eigenen Rei- hen überhaupt nicht leiden. Recht unfriedlich führt sie sich schon gegen jeden auf, der sie von ihrem so passend weltfremden Moralismus ab- und zu einem Urteil über die maßgeblichen politi- schen Zwecke hinbringen möchte. Mit SPD-Politikern, die gewählt - werden wollen, mit DGB-Funktionären, die als Säule der demokrati- schen Ordnung geehrt sein wollen, mit Pfarrern und Philosophen, die das öffentliche geistige Sorgerecht um Frieden und Freiheit übertragen bekommen möchten: von denen mag die Friedensbewegung sich schon viel lieber "aufklären" lassen; die sollen sich bei ihr heimisch fühlen. Und, nicht zu vergessen: die Liedermacher. Denn das ist am Ende noch von jeder Friedensbewegung so gerne ge- lauscht hat... zurück