Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       "Entrüstet Euch" am 11.11.:
       

EIN NARRENUMZUG MIT BOTSCHAFT

Bochumer Studenten setzen am 11.11. die Aktion "Aufbruch aus dem Irrenhaus" in Szene. Durch möglichst verrückte Kostüme und ausge- flipptes Benehmen soll dem Aufruf der Veranstalter zufolge die Auffassung veranschaulicht werden, daß "wir in einem weltumspan- nenden Irrenhaus sitzen". "Oder wie anders sollen wir uns die Tatsache erklären, daß... das e i n e, allen anderen zugrundeliegende Bedürfnis, der Wille zu leben, von Minute zu Minute weniger respektiert wird?" (Aufruf Pfingsten 81) Daß der dritte Weltkrieg vom Standpunkt seiner Opfer aus gesehen ein Aberwitz ist, da er bekanntlich ihrem Interesse elementar wi- derspricht, ist hier jedoch nur der Auftakt, die tägliche Mittei- lung der Politiker, daß sich das Opfer des eigenen Lebens für die Freiheit lohnen würde, also im Namen höherer Zwecke zu erbringen sei, grundfalsch zu interpretieren. Was der Aufruf geltend machen will, ist nämlich, daß deswegen die Politik irrational sei, also jeden Grund und Zweck vermissen lasse - und diese "Einschätzung" ist barer Unsinn. Sie drückt nichts weiter aus, als daß man den politischen Zielen der Machthaber auf der Welt mit Unverständnis gegenübersteht und dabei entschlossen ist, verzweifelt am Ideal festzuhalten, der oberste Zweck der Politik solle doch eigentlich der Schutz des Lebens sein - und zwar gerade dann, wenn die Welt dieses Ideal mit Füßen tritt. Nur dann erscheint jede weitere Be- fassung mit Kriegsgründen überflüssig und das Urteil fertig - ein reiner Irrwitz ohne Sinn und Zweck ist im Gange, der die Politi- ker befallen hat und "uns alle" obendrein. Es könne doch keinen "vernünftigen" Grund für den Krieg geben, meinen die Verfasser - schließlich sind auch Politiker Menschen und, so viel Schlechtig- keiten ihnen auch sonst zuzutrauen sind: es ist unausdenkbar, daß sie Interessen hätten, die sich per Vernichtung von Millionen Menschen durchsetzen lassen. Also sind keine staatlichen Zwecke für die weltweite Aufrüstung verantwortlich, sondern der teufli- sche Wille, die Welt auf den Kopf zu stellen: die Politiker haben von jedem politischen Zweck Abstand genommen. Die Politik als Sünde wider das Leben - so klärt man nicht über den Krieg auf, sondern wird zum Missionar der eigenen moralischen Phantasien. Genscher und Haig werden "Mörder", das Verteidigungs- ministerium "Vernichtungsministerium", die Amerikaner "Geiselnehmen" genannt ("Vielleicht sind wir weniger ohnmächtig, wenn wir die richtigen Namen wissen...") - als ob irgendein Staat in der Geschichte sich je seine eigene Vernichtung, geschweige denn den Untergang der ganzen Menschheit vorgenommen hätte. Das heißt nichts anderes, als die Politik im Namen des unverbrüchli- chen Glaubens an ihre wohltätigen Ziele in Grund und Boden zu verurteilen. Was den Effekt dieses Schuldspruches betrifft: er besteht einfach darin, sich gegenüber dem Bösen in der Welt ins Recht gesetzt zu haben. Die Aktion selbst, das Kostümieren und Schminken, Auf- und Absetzen von Brettern vor dem Kopf und rosa- roten Brillen etc., dient der Selbstdarstellung als diejenigen, welche die Schlechtigkeit des "weltumspannenden Irrenhauses" er- griffen hat. Die inhaltslose Kritik an der Welt, sie sei ver- rückt, hat ihr einziges Argument darin, daß man nicht zu ihr ge- hören will. Man fahrt sich daher selbst als möglichst extrava- gante Betroffenheimer vor (und erzielt dementsprechend nicht die Wirkung, daß die Adressaten die "irre Welt" anders sehen, sondern die, daß sie den Umzug bestaunen). "Wir müssen uns am Arbeitsplatz wehren, ausbrechen aus der grauen, mysteriösen Masse, aus dem Alltag als Symbol der Normali- tät." (BSZ) Beispielgebend distanziert man sich von der Welt und dem eigenen normalen Mittun in ihr, die einen dadurch unterdrückt, daß sie einem sämtliche Sorgen abnimmt: "...ein wenig abseits zu treten und das Irrenhaus zu betrachten, statt unter dem Einfluß all der sedierenden Drogen, die das Ir- renhaus in Form von Konsum und Versorgung und Entmündigung und Entzug von Freiheitsrisiko und Verantwortlichkeit für uns bereit- hält, in Irrenhauseuphorie oder doch mindestens Gleichgültigkeit zu verfallen." (Marianne Gronemeyer: Erziehung zum Frieden, danke nein?) Wenn man politischen Protest s o praktiziert, dann ist er auch sehr leicht zu haben: man muß sich nur irgendwo irgendwie vom Alltäglichen unterscheiden... "Lieder singen ... uns in Säcke hüllen... ein Fest machen ... zusammen weinen"..., egal was. zurück