Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Marxistische Gruppe München, Oktober 1981
       

DEMO-STARS

Erhard EPPLER, alternativer SPD-Politiker, hat entdeckt, daß der NATO-Doppelbeschluß mit Sicherheit kein Weg aus der von ihm ent- deckten Gefahr ist. Die Rüstungspolitik der Reagan-Administration hält er für einen neuen Sachzwang, der sozialdemokratische Poli- tik daran hindert, v e r n ü n f t i g u n d b e s o n n e n den Leuten M u t f ü r d i e Z u k u n f t zu machen. So wie er sich zum Sachwalter der Ängste kleiner Leute erklärt, zeigt er jetzt auch immer mehr öffentliches Verständnis für die Angst der Sowjetunion vor Pershing II. Beides will er fruchtbar machen für eine neue SPD-Politik: Bescheidene S e l b s t g e n ü g s a m- k e i t statt Wachstum und selbstgenügsamer Nationalismus statt nukleare Erpressung. Bei alledem betont der Mann, daß er und die Demonstration schon gleich gar nicht "die Bundesregierung treffen wollen." Natürlich nicht: Herrn EPPLER schwebt eine SPD-Regierung vor, die sich mit seinen Vorstellungen trifft. EPPLER macht sich bei den Demonstranten dadurch unverdächtig, daß er auf Sachen besteht, die garantiert nicht gehen: Marktwirtschaft o h n e "soziale Härten"; kapitalistische Industrie o h n e "Umweltzerstörung" und jetzt gleich gar Bundeswehr & NATO ohne "nukleare Bedrohung"! Bei der Regierung macht er sich durch diese persönliche Marotte allerdings verdächtig. Die Friedensbewegung rechnet ihm das so hoch an, daß sie eines dabei vergißt: Der Mann macht mit ihr Politik und zwar im Präsidium der SPD. Daß das wirklich zusammengeht, müßte eigentlich weniger die Regierung als vielmehr die Opposition nachdenklich stimmen. Der Herr Eppler jedenfalls hat seine Chance erkannt: Den Par- teifreunden gegenüber macht er die Regierung, "die diese Demon- stration so hochgespielt hat, daß sich die Teilnehmerzahl mögli- cherweise verdoppeln wird", als Störenfried verantwortlich, und auf der Kundgebung wird er eben dieses Resultat nicht zuletzt sich selbst und den seinen als Erfolg gutschreiben. Einerseits verbreitet er den "Eindruck, daß hier einige Leute übernervös ge- worden sind", andererseits trumpft er auf mit einer "Veränderung der politischen Landschaft am 11. Oktober". Und die versammelte Friedensbewegung im Hofgarten hoffiert diesen ökologischen Gartenzwerg, weil sie sich schmeichelt, durch einen SPD-Präsidialen in ihren Reihen an demokratischem Ansehen zu ge- winnen. Alfred MECHTERSHEIMER, CSU-Wehrtheoretiker, hat irgendwann einmal bei seinen verteidigungspolitischen Studien entdeckt, daß es der Tornado nicht bringt. Seitdem treibt diesen Mann das Problem, ob Bundeswehr und NATO nicht über ein falsches Konzept verfügt die Russen Fertigzumachen, bis zum Parteiausschlußverfahren. Sogar als Konservativer und aus rein strategischen Erwägungen kann man also in einen Dissens zu den geistigen Waffenbrüdern und zu den amerikanischen Brüdern mit den neuen Mittelstreckenwaffen gera- ten. Daneben noch ein paar flotte Sprüche gegen die Verwässerung der Vaterlandsverteidigung durch den Kommerz (MECHTERSHEIMER- Stammwitz; "Die deutsche Rüstungindustrie hält die Hand und nicht den Feind auf"), mit denen schon vor mittlerweile genau 47 Jahren in Deutschland alternative Verteidigungspraktiker die ideologi- sche Auseinandersetzung bestritten haben - und fertig ist der Friedenskämpfer 1981. Die Liebhaber seiner alternativen Wehrkunde halten es keineswegs für eigenartig, daß ein Rechter mit ihnen gemeinsame Sache macht, sondern im Gegenteil für ausgesprochen sachdienlich. Vor der vaterländischen Sache verschwinden eben die ideologischen Differenzen. Gert BASTIAN, Bundeswehrgeneral a.D., hat sich zu der Überzeugung durchgerungen, daß die Stationierung von Raketen drei Minuten vor Moskau kaum der Abwehr eines russischen Panzerüberfalls in der Oberpfalz dient. Für einen Berufsoffizier ist dies schon aller- hand, und daß er sich deswegen auch noch rausschmeißen läßt, macht ihn jenseits aller Argumente glaubwürdig. Dabei ist er auch ohne Epauletten ein demokratischer, deutscher Offizier geblieben und rechnet den ehemaligen Kollegen nebst ihrem Dienstherrn vor, Bundeswehr und NATO versündigten sich an ihrem Verteidigungsauf- trag. Diese I d e o l o g i e des demokratischen Kriegs von ge- stern nimmt er ernst, noch dazu als S o l d a t. Die Friedensbewegung sollte sich mit ihm fragen, ob nicht die Of- fensivstrategie von heute die Wahrheit aller alten Abschreckungs- ideologien ist. Udo LINDENBERG und sein Panikorchester lassen sich die einmalige Gelegenheit nicht entgehen, vor hunderttausend Musikhörern zu te- sten, ob ihr neuer nuklearer Rocksound mit der heißen Weltunter- gangsthematik bei den Texten die alten Fans antörnt und viel- leicht gar der eben erschienenen LP ganz neue Käuferschichten er- schließt. Wie z.B. den 87jährigen Altliberalen William BORM, der als einziger Redner zwei deutsche Friedensbewe- gungen samt den dazugehörigen Kriegen überlebt hat und jetzt seine reichen Erfahrungen in die dritte mitbringt. Da muß es ja auch diesmal klappen ... zurück