Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 01.02.1984
Falsche Kriegstheorien
Wenn Demokraten Kriege besprechen, die von demokratischen Politi-
kern geführt werden oder wurden, herrscht in einem Punkt Einig-
keit: Niemand hat den Krieg g e w o l l t, sondern der ist ein-
fach "ausgebrochen", und die Politiker konnten diesen "Ausbruch"
trotz bester Absichten nicht verhindern.
Angetreten als Opposition gegen die Vorbereitung des nächsten
Kriegs, hat nun die Friedensbewegung dieser bürgerlichen Ideolo-
gie eine neue Variante hinzugefügt, den
COMPUTERFEHLER
Wenn schon kein Mensch, am allerwenigsten ein Politiker, den
Krieg will, so könnte er doch immer noch ausbrechen, weil ein
Computer spinnt.
- Mal unterstellt, ein Computer würde wirklich das Spinnen anfan-
gen und eine Pershing Richtung W e s t e n losjagen. Ein Krieg
aus technischer Zwangsläufigkeit? Das behauptet niemand, weil je-
der weiß, daß ein solcher Fall als technisches oder menschliches
Versagen behandelt würde.
Ganz anders, wenn ein Computer so spinnt, daß er die Rakete zu
früh nach O s t e n schickt. Äußerst wahrscheinlich, daß damit
der Dritte Weltkrieg angefangen hat. Aber aus Zufall? Es war eben
die r i c h t i g e Richtung, weil die Gründe für den Krieg ge-
gen den Ostblock längst feststehen. So kann ein technischer Feh-
ler zum Anlaß genommen werden. "Ausbrechen" tut ein Krieg, wenn
die Kriegsherren dies beschlossen und alle Mittel für ihr Vorha-
ben bereitgestellt haben - ein Anlaß wird sich dann schon finden:
1914 Sarajewo, 1939 Sender Gleiwitz und womöglich demnächst ein
kaputter Computer. Den Zufall gibt es bei solchen Kriegserklärun-
gen immer, nur durchkreuzt er nicht die ansonsten friedlichen Ab-
sichten der politischen Führung, sondern wird zum Moment in deren
Siegeskalkulation.
Computer als schwer zu kontrollierende Schwachstellen westlicher
Friedenssehnsucht? Wer glaubt, sich mit diesem herben "Vorwurf"
mit seinen Raketenpolitikern gemein machen zu müssen, der wird
von diesen noch längst nicht akzeptiert. Als sei der 'Krieg aus
Versehen', den doch keiner wollen kann, ein unwiderlegbarer Ein-
wand gerade vom militärischen Standpunkt aus. Von wegen!
1. Ist es für einen Friedensfreund typisch zu bemängeln, daß die
Kriegsmaschinerie nicht auf Vordermann sei. Der 'Computerfehler'
interessiert ausgerechnet gemessen am Maßstab perfekter Kontrolle
über das Kriegsgerät.
Und von diesem Standpunkt aus wird er auch
2. von Politik und Militär zurückgewiesen: Die, die praktisch das
Gerät einsetzen, führen die Pannen gerade als Beleg dafür an, wie
wunderbar "unsere Sicherungssysteme" gegen falschen Alarm funk-
tionieren.
Aber auch wir können euch beruhigen: Einen Krieg w e g e n ei-
nes Computerfehlers wird es sicher nicht geben. Dieser Zufall
ist, wenn schon Anlaß, den echten Krieg zu erklären. Wenn es wei-
ter nichts ist, als zufällige Kriege abzustellen!
Südbayerische Regionalkonferenz der Friedensbewegung
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Ganz in der Nähe der ehemaligen SS- und jetzigen Bundeswehrka-
serne im Norden Münchens, in einem Wirtshaus am Hart, versammel-
ten sich letztes Wochenende die lieben Friedensfreunde in be-
trächtlicher Zahl, um gleich zu Beginn eine "Einigungs-
kommission"" zu bilden, die den Aufruf zum geplanten österlichen
Traditionsfest ausarbeiten sollte.
In dem zwischenzeitlich eingeschobenen Programmteil "Perspekti-
ven" ging es - wie der Titel schon sagt = um Möglichkeiten und
Hindernisse des Fortschreitens. "Man muß mit eingefahrenen
Denkmustern brechen", oder: "Solange wir in strategischen
Kategorien den denken, kommen wir nicht weiter", signalisierten
dem erfahrenen Friedensfreund, daß hier ein Vertreter der Grünen
seine Anwesenheit unter Beweis stellte, worauf sofort die Leute
aus der deutschen kommunistischen Ecke mit dem Argument zurück-
schlugen, daß sie vor "Zukunftsmodellen" warnten und "für unser
Land" einen anderen als den "Rüstungskurs" verlangten. "Die Her-
ren da oben", sagte schließlich ein älterer Herr, der sich als
SPD-Mitglied auswies, "ist die Resignation" (ein Reizwort, das
auszusprechen bislang jeder tunlichst vermieden hatte) "gerade
recht. Die Friedensbewegung hat auf keinen Fall versagt: Wir müs-
sen das Bewußtsein bis zur 87er Wahl wachhalten." Warum eigent-
lich? Gegen "Resignation" kämpfen, "das Bewußtsein wachhalten",
nicht rückwärts, sondern vorwärts, bloß nicht aufhören - solche
Aufmunterung zieht eh bloß bei jemand, der schon entschlossen
ist. Bloß wozu? Daß die Friedensbewegung in der nächsten Wahl
entscheidend zuschlägt, glaubt eh keiner. Aber darauf als Mög-
lichkeit zu setzen, doch 'etwas zu tun', das tun einige. Eine
Perspektive, bei der es eben egal ist, ob man etwas erreicht, ist
sowas schon.
Dann zog sie endlich ein, die Kommission, und der Osteraufruf war
da. Ausgerechnet die Ehrentitel, die sonst fürs Sterben in staat-
lichem Auftrag gut sind: "der deutsche Boden", "unser Land",
"unsere Heimat" sind den Ostermarschierern inswischen soviel
wert, daß sich dafür ihr Einsatz als Oppositionelle lohnen soll.
Lächerlich ist das gar nicht: Wer immer die Nation gegen ihre
falsche Verwendung in Schutz nimmt, wer vor einem falschen Ge-
brauch der Machtmittel warnt ("So kann man unser Land nicht ver-
teidigen") - der wirbt ganz ungezwungen für den richtigen Ge-
brauch; der hat als Maßstab seines Urteils über die Welt die
deutsche Nation und daher für sich die Kampfparole parat:
"Entscheidet euch für das Leben!": Leben zu dürfen - was für eine
Forderung.
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