Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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H.-E. Richter in Wien:
WIE ICH LERNTE, MIT DER BOMBE ZU LEBEN
Horst-Eberhard Richter war hier. Der Friedenspsychologe erläu-
terte die aktuelle Sichtweise einer Welt mit Pershings und einer
ungehemmt voranschreitenden Aufrüstung. Als deren erste Opfer hat
er die H o f f n u n g und die Z u v e r s i c h t der
M e n s c h e n ausfindig gemacht. Dagegen hat Richter Strate-
gien anzubieten, wie die Friedenshoffnung beim Leben mit der
Bombe hilft. So rettet die Friedensbewegung wenigstens das See-
lengleichgewicht.
Seelenfrieden durch Friedensarbeit
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Daß eine Bewegung, die an der kriegerischen Austragung
s t a a t l i c h e r Gegensätze Anstoß nimmt, sich ausgerechnet
einen S e e l e n forscher als Frontmann nimmt, war leider nie
ein Widerspruch. Schon in ihren Hochzeiten war die Friedensbewe-
gung eine Veranstaltung gutgläubiger Menschen, die die Politiker
immerzu an ihre guten Absichten erinnerte und den Krieg für so
abgrundtief abscheulich hielt, daß eine verantwortungsvolle Poli-
tik niemals mit diesem Mittel kalkulieren könnte. Im Schatten im-
mer neuer Atomraketen war man daher für Theorien nur allzu emp-
fänglich, die einem angesichts der waffenstarrenden Realität an
die "Friedensmöglichkeiten" einer menschenfreundlichen, verant-
wortungsvollen Politik glauben halfen. Dafür tat die Psychologie
gute Dienste, und darüber bezogen Leute wie Richter ihre frie-
densbewegte Konjunktur. Ob "Rüstungswahnsinn", "Allmachts-" oder
"Gotteskomplex" - immerzu wurde die Psyche von Politikern und
"Menschen" im allgemeinen als Erklärung der "Kriegsgefahr" und
zugleich mit den nötigen Korrekturen als Hoffnungsträger von
"Friedensmöglichkeiten" vorgestellt. Damit ließ sich zwar wenig
gegen die Stationierung von Raketen unternehmen, dafür half es
ungemein bei der Versöhnung des schönen Ideals von Politik mit
ihrer schlechten Realität. Statt einer Gegnerschaft gegen die po-
litischen Kriegstreiber war ein Einwirken auf die
"Verantwortungsträger" und ein Erinnern an ihr besseres Mensch-
sein angesagt.
Was Richter seinen Anhängern auf seiner Wintertournee 86/87 an-
bietet, ist eine Kritik an der i n k o n s e q u e n t e n
Übernahme der psychologischen Haltung zu Politik und Krieg. Daß
Leute, inklusive seiner selbst, die auf die Verhinderung der Eu-
roraketen hofften, nach der Stationierung für Enttäuschung und
Desillusioniertheit anfällig sind, hält er nicht für eine Konse-
quenz, sondern für einen M a n g e l an psychologischer Gesin-
nung. Dagegen bietet er eine Immunisierunysstrategie an, wobei
die Person des Wissenschaftlers für die Qualität seiner Gedanken
bürgt, indem Horst-Eberhard seine moralische Aufrüstung vorlebt.
"Aber in meinem letzten Buch 'Chancen des Gewissens' habe ich be-
schrieben, daß Angst und selbst pessimistische Gedanken nicht
lähmen müssen. Ich habe gelernt, daß das jedenfalls für mich bes-
ser ist, mir Bedrücktheit über die echten Bedrohungen zuzugeste-
hen, unter denen wir leben... Man kann dem eigenen theoretischen
Pessimismus durch optimistische Praxis widersprechen. So nutze
ich die Chance, in der Friedensbewegung intensiv mitzuarbeiten.
Ich sehe aber nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen,
die praktische Friedensarbeit machen, daß diese vor Resignation
schützen kann." (Richter im profil)
Daß Friedensarbeit sich der Verhinderung des nächsten Kriegs wid-
met, diesem Mißverständnis leistet Richter keinen Vorschub. Er
kämpft ausschließlich gegen einen i n n e r e n Feind, den zer-
setzenden Pessimismus. Dementsprechend schätzt er an der Frieden-
spraxis eine sehr ideelle Qualität: die "pessimistischen Gedan-
ken" sollen durch einen unüberwindlichen praktischen Optimismus
bekämpft werden, der darüber sichergestellt wird, daß er außer
sich selbst nichts mehr will. Klar, wenn man die "praktische
Friedensarbeit" als Kampf gegen die eigene Resignation führt, hat
man von vorneherein immer schon gewonnen.
Wem an dieser Stelle einfällt, daß Pessimismus ja nun wirklich
keine Tugend der Tat ist, der hat die Dummheiten Richters schon
zur Hälfte mitgemacht: Was ist denn das für eine Kriegsgegner-
schaft, die sich ausgerechnet darüber in Zweifel zieht, daß Poli-
tiker mit immer neuer Rüstung die Gründe zum Opponieren auf-
rechterhalten? Wer deswegen pessimistisch wird, muß sich zuvor
von Leuten wie Richter die Hoffnung bestätigt haben lassen, daß
mit ein bisserl Druck von unten die politisch Verantwortlichen
trotz aller psychischen Deformiertheit ihre geheime Friedenssehn-
sucht in einer Stornierung der von ihnen angeschafften Aufrüstung
praktisch werden lassen. Indem man ausgerechnet in das Menschli-
che der politischen Instanzen der Kriegsvorbereitung seine Hoff-
nungen setzt, ist man trotz aller Kenntnisse ihrer Komplexbe-
ladenheit sehr leicht zu irritieren, wenn man die eigenen Hoff-
nungen noch an bestimmte inhaltliche Forderungen wie z.B. die
Verbinderung der Pershings bindet. Insofern sind Hoffnung und
Pessimismus nur die Kehrseiten derselben Untertanenmentalität,
die die bedingungslose Abbängigkeit von politischer Gewalt zum
Anlaß eines gutgläubigen Dafürseins nimmt. Wobei der Pessimist ja
keine Abstriche von der Hoffnung auf bessere Zeiten macht, son-
dern an dieser als enttäuschter festhält und darunter ein wenig
leidet.
Genau diesem Rat gilt die Kritik des Seelenforschers Richter. Als
Fanatiker, des Seelengleichgewichts begeistert er sich für eine
ungebrochen positive Lebenshaltung und stößt sich an deren bis-
weilen aufkommendem negativen Resultat. Wenn einem die Außenwelt
schon nicht das Material zum eigenen Lebensmut beisteuert, dann
steht für den Seelenforscher niemals die Frage nach den Gründen
und der Beseitigung des Übels an; vielmehr geißelt er es als Feh-
ler, wenn man die eigene Einstellung von irgendwelchen, nicht
steuerbaren Äußerlichkeiten abhängig macht. Also empfiehlt er an-
läßlich des "Pershing-Schocks" als zeitgemäße Friedenshaltung,
sein Seelengleichgewicht von keinen Forderungen an Politik oder
Außenwelt im allgemeinen abhängig zu machen. Genau umgekehrt hat
man es zu sehen, damit die Droge Hoffnung ihre ganze für's Aus-
halten und Mitmachen unersetzliche Wucht entfaltet: Was immer ei-
nem passiert, hat man als Auftrag zum Optimismus zu akzeptieren.
Denn: je härter die Zeiten, umso dringlicher die Hoffnung. Diese
anspruchslose Untertanengesinnung hat schon einigen Generationen
beim braven Aushalten von Entbehrung, Armut und Krieg geholfen.
Das zeitgemäße Antikriegsprogramm: Der Glaube an das Gute
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Kaum hat sich Richter einmal zur friedenspsychologischen Nutzan-
wendung der Hoffnung programmatisch entschieden, ist es ihm ein
leichtes, hinter jedem noch so kaltem politischen Krieger oder
profitgeilen Wirtschaftsboß lauter heimliche Friedenslichter zu
entdecken. Mit dem psychologischen Uraltschmäh zieht er aus der
Tatsache, daß so ziemlich alles auf der Welt Menschenwerk ist,
den absurden Schluß, daß daher der Mensch auch der Grund für all
die Vielfältigkeiten sein muß. So braucht Richter nach der Ent-
deckung, daß auch Politiker und Wirtschaftskapitäne Menschen
sind, nur noch, statt dem langwierigen Herumreiten auf ihren psy-
chischen Deformiertheiten als Aggressionsursache, auf ihre heim-
lich zutiefst menschliche Friedenssehnsucht hinweisen - schon hat
die Optimismuskampagne ihr wissenschaftliches Fundament.
"Wir brauchen einen langen Atem. Aber es gibt Spuren. In den Köp-
fen mancher eher konservativer Politiker und Wirtschaftsbosse,
mit denen ich gelegentlich durch meine Tätigkeit (??) in Kontakt
komme, entdecke ich in den letzten Jahren wachsende Unsicherheit
über ihr Tun. Hinter der Fassade unbeirrter Zuversicht und klir-
render Appelle für Stärke, Härte und Sich-Wagpnen gegen den Feind
im Osten, sind auch bei einigen dieser freudigen Macher und Sie-
gertypen Bedenken spürbar. Einige fühlen sich recht einsam und
vor allem der Jugend entfremdet. Das macht sie unsicher... Warum
können diese Bosse nicht öfter mal zugestehen, daß sie Angst ha-
ben vor dem, was sie da machen - vor dem Rüstungsbetrieb und vor
der vergiftenden Chemie?... Sie müssen lernen, anders zu
h a n d e l n, anstatt irgendwo diskret ihre Skrupel zu beich-
ten. Immerhin spüre ich, daß hinter der martialischen Fassade der
Militarisierung unserer Gesellschaft manches bröckelt und daß so
arg gar nicht fehlt, daß das noch einmal sehr gründlich umkippen
könnte." (Richter im profil)
In absichtsvoller Verwechslung von praktischen Zwecken und den
dazugehörigen moralischen Beschönigungen - als ob nicht jeder
wüßte, daß Politiker selbst noch den Schießbefehl aus
"Verantwortung für den Frieden" und "Sorge um das Wohl der Men-
schen" ausgeben - nimmt er die schönen Sprüche und streng gehei-
men Kriegsängste der Verantwortlichen als echte Absichtserklärun-
gen. Recht haben die Herren, wenn sie einem dummdreisten Frie-
denspsychologen ihre Friedenssehnsucht und Isolationsängste ge-
stehen, damit der dann daraus die Generalentschuldigung drech-
selt, die Politiker und Wirtschaftskapitäne hätten es bloß noch
nicht "gelernt", ihre eigene Kriegsvorbereitung praktisch zu ver-
hindern. So gelingt dem optimistischen Friedensprofi die unglaub-
liche Entdeckung, daß mitten in der umfassendsten Kriegsvorberei-
tung, die die Menschheit je erlebt hat, zum "gründlichen Umkip-
pen" der "martialischen Fassade" "unserer Gesellschaft" "so arg
viel gar nicht fehlt".
Von seiner liebevoll ausgefeilten psychologischen Theorie des
Gotteskomplexes, mit der Richter seinerzeit berühmt wurde,
braucht er bei seiner moralischen Aufrüstungskampagne des Frie-
densvölkchens überhaupt nichts zurückzunehmen. Andererseits benö-
tigt er das wissenschaftliche Mäntelchen für seine biedere Le-
benshilfe gar nicht. Auf Anfragen der belesenen Interviewerin ist
er gerne bereit, noch einmal die Generalentschuldigung der Poli-
tik zu referieren, wonach diese aufgrund ihres Gottes- bzw. All-
machtskomplexes für ihre Taten gar nicht verantwortlich zu machen
ist. Den von der Journalistin angesprochenen Widerspruch, daß
eine so prinzipielle psychische Deformiertheit nicht unbedingt
Anlaß zu Optimismus gibt, sondern eher die Unausweichlichkeit der
Katastrophe bestätigt, erklärt Richter selbst schon wieder zu ei-
ner Ausgeburt der schädlichen, negativen Einstellung. Dem gilt es
das Bekenntnis zur eigenen positiven Einstellung entgegenzuhalten
- wobei sich die angegebene Bedingung locker herstellen läßt,
wenn man die konstruktive Folge so sehr wie Richter wünscht.
"Wenn ich so etwas wie gesellschaftliche Selbstheilungskräfte
verspüre - was ich jedenfalls dafür halte -, versuche ich das zur
Ermutigung zurückzuspiegeln."
"Gesellschaftliche Selbstheilungskräfte" - das ist das zur wis-
senschaftlichen Kategorie erhobene altmodische Gottvertrauen, das
schon immer für das botmäßige Aushalten der vorgegebenen politi-
schen "Notwendigkeiten" seine guten Dienste tat: lehne dich zu-
rück und nimm die versöhnende Kraft des Objektiven an - was wun-
der, daß ein Wissenschaftler, dessen Ideal die Enttäuschungslo-
sigkeit der Klientel ist, sich von der Heilsdenkerei distanzieren
muß ("Ich bin kein Heilsdenker!"), weil er die offenliegende
Identität seiner Trostspendung mit billigeren Angeboten für die
Selbstzufriedenheit von Schafsnaturen für abträglich hält. Wenn
einmal die Kriegsgegner sich anschicken, für die nötige Durchhal-
temoral der künftigen Truppe zu sorgen, dann braucht man sich we-
nigstens um den nächsten Krieg keine Sorgen zu machen.
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