Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Marxistische Gruppe, Januar 1983, München
FÜR "ATOMWAFFENFREIE ZONEN"?
Erst kann der Krieg gar nicht groß genug sein, er muß schon min-
destens zur "Menschheitskatastrophe" führen, um die Berechtigung
des Protests gegen ihn unwidersprachlich zu machen oder überhaupt
Protest lautwerden zu lassen. Andererseits scheint das Anliegen,
die Leute im Namen der Menschheit aufzurütteln, zu groß, um sie
in ihrem kleinen Bereich ganz persönlich zu treffen. Also stellt
man die radikale Forderung auf: "Keine Atomraketen in unserer
Straße, in München, Tübingen" etc. So werden nach Unterschriften-
sammlungen in der Bevölkerung ganz normale Wohnviertel zu
"atomwaffenfreien Zonen" erklärt, ganz so, als ob die Atomraketen
auf Wunsch der Bevölkerung in deren Schrebergärten aufgestellt
und entsprechend auch wieder beseitigt würden.
So ist die Sache aber nicht gemeint: Der Atomkrieg im eigenen
Vorgarten, so "konkret" ist daran nicht gedacht und mit dem Ap-
pell an die persönliche Betroffenheit will man keine Aktionen in
Sachen Bau von privaten Atombunkern anzetteln. Die Rettung der
eigenen haut ist zu einzelnes und kleinliches Anliegen angesichts
des "Menschengeschlechts", das bei einem Krieg auf dem Spiel
steht.
Stattdessen wird an braven, heimatliebenden Bürgersinn und an die
Angst vor den Raketen appelliert, so als sei deren Nähe die Ge-
fahr und nicht die Kalkulation der Politiker mit diesen Waffen,
egal, wo sie sie gerade aufstellen. Für eine saubere Heimat, für
eine Umgebung mit viel Grün statt Raketen, das ist ein Appell an
die Verantwortung der Politiker aus dem Geist aus dem heraus die
Bürger im Ernstfall ihre Heimat verteidigen!
Was leistet also dieses Hin und Her des Ausmalens einer
"Menschheitskatastrophe" auf der einen und die Anbiederei an eine
ganz falsch ausgemalte Betroffenheit des kleinen Mannes auf der
anderen Seite? Es ist die Aufforderung, sich in seiner Betroffen-
heit zum moralischen Anwalt des "Menschheitsschicksals" zu ma-
chen, sich als Teil der Menschheit zu begreifen, die vom Unter-
gang bedroht ist. Was für eine Perspektive!
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